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Franz Kafka - Der Kübelreiter

Franz Kafka - Der Kübelreiter

Verbraucht alle Kohle; leer der Kübel; sinnlos die Schaufel; Kälte atmend der Ofen; das Zimmer vollgeblasen von Frost; vor dem Fenster Bäume starr im Reif; der Himmel, ein silberner Schild gegen den, der von ihm Hilfe will. Ich muß Kohle haben; ich darf doch nicht erfrieren; hinter mir der erbarmungslose Ofen, vor mir der Himmel ebenso; infolgedessen muß ich scharf zwischendurch reiten und in der Mitte beim Kohlenhändler Hilfe suchen. Gegen meine gewöhnlichen Bitten aber ist er schon abgestumpft; ich muß ihm ganz genau nachweisen, daß ich kein einziges Kohlenstäubchen mehr habe und daß er daher für mich geradezu die Sonne am Firmament bedeutet. Ich muß kommen, wie der Bettler, der röchelnd vor Hunger an der Türschwelle verenden will und dem deshalb die Herrschaftsköchin den Bodensatz des letzten Kaffees einzuflößen sich entscheidet; ebenso muß mir der Händler, wütend, aber unter dem Strahl des Gebotes »Du sollst nicht töten!« eine Schaufel voll in den Kübe…
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Elfenliebe

Elfenliebe.

I.
     Das will ich jedem guten Gesell, der zur Höh' ausreitet, sagen,
     Er reite nicht nach der Elfenhöh, und lege sich da zu schlafen.
„Elfenhöh“ dänische Ballade.
Auf dem wellenförmigen Boden des schwedischen Nordlandes durchfegt den größten Theil des Jahres ein kalter, eisiger Wind die unermeßlichen Moräste und Haiden, und bricht sich an den Gletschern und Felsbänken, welche aus den Sümpfen emportauchen. Da tosen in tausendfachen Stürzen Quellen und Bäche in die Thäler, zusammenrinnend im braunen Seegewässer. Von Felswänden umstarrt, aus deren Ritzen nur hie und da eine geisterbleiche Birke hervorwuchert, von schwarzen Föhren umrauscht, brechen sich die dunklen Wogen am Schilfgestade, und das hohe feuchte Moos ist meist von bösen Kobolden, Trollen und Swartalfen bewohnt. Ihren Lieblingsplatz aber haben sie in dem einsamen Thale des Lulea-See's. Nicht weit von der Stelle, wo sich die Lulea-Elf mit den Fluthen des See's vereint, stand eine Hütte. Hier wohnte Ro…

E. Jouy - Sappho oder die Lesbierinnen

E. Jouy - Sappho oder die Lesbierinnen


NACH einem ausgiebigen Bummel durch die ChampsElysées an einem jener herrlichen Frühlingstage, an denen Lebenslust und Liebreiz der Natur in gleichem Maße alles, was die Weltstadt Paris an Frauenschönheit aufzubieten vermag, zu diesen freundlichen Stätten ziehen, hatten Arthur und Karl in nur geringer Entfernung von der menschendurchfluteten Allee ein Plätzchen gefunden.
»Wie ich dir dankbar bin,« begann Karl zu seinem Freunde gewandt, »daß du mir die Augen über Déidamie öffnetest. Ohne dich wäre ich blindlings in ihre Falle gegangen. Die Dichter haben ganz recht, wenn sie die Liebe mit verbundenen Augen darstellen!«
»Genieße und du wirst ihr die Binde herabreißen. Sieh, Karl, mit der Liebe ist es wie mit der Furcht: man wird von beiden geheilt, ist man dem Gegenstande seiner Zuneigung oder Bangnis nur genügend nahe. Du hättest mir sicher nicht deine Hilfe angedeihen lassen, wenn du es nicht gewesen wärest, der mich in die Arme der Schönen getrieben…