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Freitag, 1. April 2016

Dr. Max Gruber - Folgen der geschlechtlichen Unmäßigkeit und Regeln für den ehelichen Geschlechtsverkehr.

Folgen der geschlechtlichen Unmäßigkeit und Regeln für den ehelichen Geschlechtsverkehr.

von Dr. med. Max Gruber, Professor der Hygiene an der Universität München
(Kapitel 5, Aus: Hygiene des Geschlechtslebens dargestellt für Männer von Dr. med. Max Gruber - (6. Juli 1853, Wien – 16. September 1927, Berchtesgaden) - ohne Fußnoten

Während kaum irgend etwas Sicheres von schädlichen Folgen der Enthaltsamkeit bekannt ist, steht es fest, daß geschlechtliche Unmäßigkeit sehr häufig schadet. Besonders häufig leidet beim Manne das Nervensystem darunter, was leicht begreiflich ist, wenn man die heftige Erregung des ganzen Nervensystems bedenkt, unter welcher sich der Beischlaf vollzieht.  Schon deshalb darf also auch in der Ehe der Geschlechtstrieb nicht sinnlos befriedigt werden.
Auch in jenen Perioden der Ehe, während deren der Beischlaf erlaubt ist, darf er nicht zu häufig ausgeübt werden.
Viele alte Gesetzgeber haben darüber Vorschriften gegeben:
Zoroaster erlaubte ihn alle 9 Tage, Solon 3mal im Monate, Mohammed 1mal wöchentlich. Luther gab den bekannten Rat:

     »Alle Wochen zwier
     Schadet weder ihr noch mir,
     Macht im Jahr hundertundvier.«

wobei er allerdings auf die Menstruation vergessen hat. Es ist nicht möglich, eine feste Regel aufzustellen. Wie oft der Beischlaf ausgeübt werden kann, ohne daß er schadet, hängt nämlich in hohem Maße von der natürlichen Anlage, vom Alter, der Ernährung und der Arbeitsleistung der Gatten ab. Stark geistig Arbeitende müssen in der Regel mäßig sein. Wer auf die Winke der Natur achtet, wird leicht selbst das zuträgliche Maß finden. Wenn lebhaftes Verlangen nach dem Beischlafe besteht, die Erektion rasch und kräftig eintritt, wenn nach vollzogenem Beischlafe eine angenehme Mü¬digkeit empfunden wird, die nach kurzer Ruhe dem Gefühle voller Frische Platz macht, so ist nicht zu viel geschehen. Dagegen lasse man sich durch träge Erektionen, durch das Gefühl von Ermüdung und Unlust hinterher warnen. Der Satz: »Jedes Tier ist nach dem Beischlafe traurig« gilt nur für Kranke und Unmäßige.
Was die beste Tageszeit für die Vornahme des Beischlafes anbelangt, so bevorzugen die einen die Zeit unmittelbar nach dem Zubettlegen, wobei dann die ganze Nacht der Erholung dient, die anderen die Zeit unmittelbar nach dem Erwachen, wo die Gatten völlig ausgeruht und frisch sind. Im letzteren Falle ist es aber ratsam, sich nach Vollzug des Beischlafs eine kurze Ruhezeit zu gönnen. Ueberhaupt wird der Beischlaf am zuträglichsten sein, wenn er in voller Bequemlichkeit und Ungestörtheit, frei von Sorgen oder Gewissensbissen, vollzogen wird. Der eheliche Geschlechtsverkehr ist deshalb viel zuträglicher als der außereheliche. Am zweckmäßigsten ist die Rückenlage der Frau unter dem Manne. Diese Lage ist schon durch den Bau der Geschlechtsteile als die natürliche vorgezeichnet. Andere Stellungen ermüden stärker. Bei Lage des Mannes unten und der Frau oben, sinkt die Gebärmutter zu sehr nach unten, sie wird schädlichen Erschütterungen ausgesetzt und an ihren Bändern gezerrt. Die Frau empfindet dann häufig hinterher Schmerzen, ja es kann zu Entzündungen im Innern kommen. Jede Künstelei ist überhaupt zu vermeiden, ebenso alle langen Liebesspiele vorher. Je einfacher man in seinen Genüssen ist, umso gesünder. Eheleute mögen sich immer vor Augen halten, daß je mäßiger und einfacher sie im Genusse sind, umso länger die beiderseitige geschlechtliche Gesundheit, besonders die Leistungsfähigkeit des Mannes vorhalten wird, sie umso länger also der ehelichen Genüsse sich erfreuen zu können hoffen dürfen. Eine gewisse zeitliche Regelmäßigkeit im Vollzuge des Beischlafes ist ebenfalls ratsam. Die ganze Funktion des männlichen Geschlechtsapparates richtet sich dann darauf ein und der Beischlaf geht dann ohne schädliches Uebermaß der Erregung vor sich. Selbstverständlich soll man aber nur dann beischlafen, wenn man sich vollkommen gesund und kräftig fühlt, und nur dann, wenn die Erektion sich von selbst eingestellt hat. Sie zum Zwecke des Beischlafs künstlich herbeizuführen, ists ein Mißbrauch, der sich mit der Zeit an der Gesundheit rächt. In berauschtem Zustande den Beischlaf auszuführen, ist durchaus verwerflich, weil die Gefahr besteht, daß ein in solchem Zustande erzeugtes Kind krank und schwächlich wird. Wer noch Kinder zu erzeugen die Absicht hat, sollte sich überhaupt regelmäßigen Genusses von alkoholischen Getränken enthalten und auch niemals ausnahmsweise ein Uebermaß davon zu sich nehmen. Je besser die Gatten für Gesundheit und Kraft ihres Körpers sorgen, umso gesundere und lebensfrischere Kinder dürfen sie erwarten. Diese Fürsorge für die eigene Gesundheit ist eine der größten und wichtigsten Pflichten derjenigen, welche Kinder in die Welt setzen wollen.
Unmäßigkeit und Unordnung im Geschlechtsverkehre schaden hauptsächlich dem Manne. Die Frau, welche sich beim Beischlafe passiv verhält, kann in dieser Hinsicht viel mehr vertragen, als er. Die ersten Folgen der Unmäßigkeit sind Abnahme der Wollustempfindung beim Beischlafe, damit zusammenhängend Verzögerung des Eintrittes der Ejakulation, Verminderung der Kraft, mit welcher der Samen ausgeschleudert wird. Nach dem Beischlafe Gefühl der Verstimmung, der Ermüdung, der Mattigkeit in den Beinen, die länger und länger anhalten, je länger und ärger die Unmäßigkeit fortgetrieben wurde. Druck in der Lendengegend, nervöse Erregbarkeit, Gefühl von Druck im Kopf, von Eingenommensein des Kopfes, gestörter Schlaf, Ohrensausen, Flimmern vor den Augen, Lichtscheu, zittriges Gefühl und wirkliches Zittern, Neigung zum Schwitzen sind weitere Erscheinungen. Es kann weiter Herzklopfen eintreten; Muskelschwäche, die sich schon in den schlaffen Mienen, in der schlaffen Haltung des geschlechtlich Ermüdeten und Erschöpften verrät; Unlust zu anhaltender, schwerer Arbeit und Unfähigkeit, sie zu leisten, Gedächtnisschwäche, Neurasthenie und Melancholie. Die Verdauungstätigkeit sinkt, die Ernährung wird schlechter, infolge davon Blutarmut und Schwächung der Widerstandskraft gegen äußere Schädlichkeiten, insbesondere gegen Infektionskeime und unter diesen wieder insbesondere gegen den Tuberkelbazillus. Auch der Geschlechtsapparat selbst funktioniert bald nicht mehr gut und weist die Erscheinungen der sogen. reizbaren Schwäche auf: die Erektionen verlieren an Kraft; bei unvollkommener Erektion oder alsbald nach der Einführung des Gliedes in die Scheide tritt die Ejakulation ein, ohne daß die Höhe des Wollustgefühles erreicht wurde; die Fähigkeit zum Beischlaf geht damit mehr und mehr verloren, nächtliche Pollutionen treten häufig auf und hinterlassen eine gesteigerte nervöse Erregung und Mattigkeit.
Die leichteren Störungen des Wohlbefindens gehen übrigens im allgemeinen rasch wieder vorüber, wenn Enthaltsamkeit geübt wird, wenn die Ernährung gut und die ganze sonstige Lebensweise den hygienischen Grundsätzen gemäß ist. Insbesondere erholen sich vollkommen geschlechtsreife, junge Männer, die von vornherein gesund und kräftig waren, von den Torheiten der Flitterwochen bald, wenn die Vernunft die Herrschaft wieder erlangt hat. Je länger die Exzesse gedauert haben, je schwächlicher das Individuum von vornherein war, umso schwieriger tritt volle Wiederherstellung ein. Am gefährlichsten wird die geschlechtliche Unmäßigkeit unreifen oder nicht voll erwachsenen Jünglingen sowie Männern, welche die Höhe des Lebens bereits überschritten haben; dauerndes Siechtum und Tod können ihre Folge sein.
Auch in der Ehe kommen Zeiten, in welchen vollständige Enthaltsamkeit geübt werden muß. Sie sind durch Rücksichten auf die Frau und auf die Nachkommenschaft unbedingt gefordert. Zur Zeit der Menstruation darf der Beischlaf nicht ausgeübt werden. Er verbietet sich übrigens für das feinere Empfinden von selbst durch den Zustand der weiblichen Geschlechtsteile. Während der Menstruation ist das Innere der Gebärmutter wund, der ganze Geschlechtsapparat des Weibes gereizt und mit Blut überfällt. Unter diesen Umständen ist wie bei allen Wundflächen die Gefahr vorhanden, daß eine Wundinfektion eintritt und diese dann zu Entzündungen der Gebärmutter und ihrer Anhänge führt und so die Frau auf die Dauer krank macht. Diese Gefahr wird durch das Einführen des Gliedes in die Scheide sehr gesteigert.  Jedenfalls muß der Beischlaf während des Blutabganges unterbleiben, noch besser ist es, ihn auch während der darauffolgenden Woche zu unterlassen, bis die Innenfläche der Gebärmutter wieder vollkommen überhäutet ist.
Bei dieser Gelegenheit sei auch Ehemännern gleich der Rat erteilt, das Glied durch Waschungen immer rein zu halten, wobei insbesondere auf die Furche hinter dem Randwulst der Eichel und auf die Falten des Bändchens zu achten ist.
Ebenso soll die Frau die äußeren Geschlechtsteile, namentlich die Schamspalte rein halten. Sehr empfehlenswert ist es auch, einige Zeit nach vollzogenem Beischlafe mit Hilfe eines Irrigators und eines Mutterrohres die Scheide mit lauwarmer, schwächer Kochsalzlösung (1 Kaffeelöffel Kochsalz auf 1 Liter Wasser) auszuspülen. Dies darf aber nicht sogleich nach dem Beischlafe geschehen, da sonst die Empfängnis verhindert werden könnte. Der Irrigator und das Mutterrohr müssen rein gehalten und durch Einlegen in 2prozentige Lysollösung (20 c cm Lysol auf 1 Liter Wasser) vor dem Gebrauche desinfiziert werden. Die Kochsalzlösung soll abgekocht sein. Durch alle diese Maßregeln wird manchen Erkrankungen, namentlich dem sogen. weißen Flusse, vorgebeugt, einem Katarrhe der Scheide, der der Frau wie dem Ehemanne recht lästig werden kann.
Sehr vorsichtig muß man mit dem Beischlafe auch während der Schwangerschaft sein. Er darf nicht zu häufig und nie stürmisch ausgeführt werden. In den ersten Monaten der Schwangerschaft, namentlich bei Erstgebärenden, wird er am besten ganz unterlassen. Werden diese Vorschriften nicht beachtet, dann kommt es leicht zu Fehl und Frühgeburt, durch die nicht allein das Kind verloren geht oder geschädigt wird, sondern auch die Frau dauernden Schaden nehmen kann.
Unbedingt verboten ist der Beischlaf während des Wochenbettes, wenn nicht die Frau, deren innere Geschlechtsteile arg verwundet sind, schwerer Gefahr ausgesetzt werden soll. Auch bei ganz normalem Verlaufe des Wochenbettes soll mindestens 4 Wochen damit gewartet werden und auch dann noch ist weise Beschränkung dringend anzuraten.
Mit Rücksicht auf die Frau wie auf das Kind ist es eigentlich geboten, der Frau, die geboren hat, eine monatlange Schonzeit zu gewähren. Es ist für das Gedeihen des Kindes weitaus das beste, wenn es so lange als möglich an der Mutterbrust ernährt wird. Die Erfahrung lehrt aber, daß bei sexuell erregbaren Frauen durch Ausübung des Beischlafes, namentlich wenn er häufiger oder stürmisch unter größerer Aufregung erfolgt, die Milchabsonderung frühzeitig zum Stillstand kommen kann oder die Menstruation und damit zugleich die Befruchtungsfähigkeit trotz des Stillgeschäftes wieder eintritt. Für den Säugling wie für die Mutter ist es aber jedenfalls sehr schädlich, wenn es bald zu einer neuen Schwangerschaft kommt; für den Säugling, weil dann die Milchabsonderung bald unzureichend wird und aufhört; für die Mutter, weil die Frauen durch allzu rasch aufeinanderfolgende Schwangerschaften überanstrengt werden, rasch verblühen und zu Krankheiten, insbesondere zu Tuberkulose, neigen. Auch werden bei zu rascher Geburtenfolge meist schwächliche Kinder geboren. Rascher als etwa alle 2½ Jahre sollten die Schwangerschaften nicht aufeinanderfolgen, wenn die Frau bei voller Kraft und Gesundheit bleiben und einer kräftigen Nachkommenschaft das Leben schenken soll. 

Donnerstag, 28. Januar 2016

Otto Weininger - Der Hund

Otto Weininger - Der Hund


Das Auge des Hundes ruft unwiderstehlich den Eindruck hervor, daß der Hund etwas verloren habe: es spricht aus ihm (wie übrigens aus dem ganzen Wesen des Hundes) eine gewisse rätselhafte Beziehung zur Vergangenheit. Was er verloren hat, ist das Ich, der Eigenwert, die Freiheit.
Der Hund hat eine merkwürdig tiefe Beziehung zum Tode. Monate bevor mir der Hund ein Problem geworden war, saß ich eines Nachmittags gegen fünf Uhr in einem Zimmer des Münchener Gasthofes, in welchem ich abgestiegen war, und dachte an Verschiedenes und über Verschiedenes. Plötzlich hörte ich einen Hund in einer ganz eigentümlichen, mir neuen, durchdringenden Weise bellen und hatte im gleichen Momente unwiderstehlich das Gefühl, daß gerade im Augenblick jemand sterbe. Monate nachher hörte ich, daß in der furchtbarsten Nacht meines Lebens, da ich, ohne krank zu sein, buchstäblich mit dem Tode rang, — denn es gibt für größere Menschen den seelischen Tod nicht ohne den physischen Tod, — weil bei ihnen Leben und Tod am gewaltigsten und intensivsten als Möglichkeiten sich gegenüberstehen — — — dreimal, gerade als ich zu unterliegen dachte, einen Hund in ähnlicher Weise bellen, wie damals in München; dieser Hund bellte die ganze Nacht; aber in diesen drei Malen anders. Ich bemerkte, daß ich in diesem Momente mit den Zähnen mich ins Leintuch festbiß eben wie ein Sterbender.
Aehnliche Erlebnisse müssen auch andere Menschen gehabt haben. In der letzten Strophe von Heines bedeutendstem und schönstem Gedichte »Die Wallfahrt nach Kevlaar« heißt es, wie die vom Leben erlösende Mutter Gottes dem Kranken sich naht:
»Die Hunde bellten so laut.«
Ich weiß nicht, ob der Zug bei Heine originell oder der Volkssage entnommen ist. Wenn ich nicht irre, spielt auch irgendwo bei Maeterlinck der Hund eine ähnliche Rolle.
Kurze Zeit vor dieser erwähnten Nacht hatte ich mehrfach dieselbe Vision, die Goethe nach dem Faust zu schließen gehabt haben muß, einige Male, wenn ich einen schwarzen Hund sah, schien mir ein Feuerschein ihn zu begleiten.
Ausschlaggebend aber ist das Bellen des Hundes: die absolut verneinende Ausdrucksbewegung. Sie beweist, daß der Hund ein Symbol des Verbrechers ist. Goethe hat dies, wenn es ihm auch vielleicht nicht ganz klar geworden ist, doch sehr deutlich empfunden. Der Teufel wählt bei ihm den Leib eines Hundes. Während Faust im Evangelium laut liest, bellt der Hund immer heftiger: der Haß gegen Christus, gegen das Gute und Wahre.
Ich bin, wie ich bemerke, gar nicht von Goethe beeinflußt. Die Heftigkeit jener Eindrücke, Erregungen und Gedanken war so groß, daß ich mich an den Faust erinnerte, jene Stellen hervorsuchte und nun zum ersten Male, vielleicht als erster überhaupt, ganz verstand.
Ich führe nun weiteres an:
Der Hund handelt, als ob er die eigene Wertlosigkeit fühlen würde; er läßt sich vom Menschen schlagen, an den er sich gleich wieder herandrängt, wie stets der böse Mensch an den guten. Diese Zudringlichkeit des Hundes, das Hinaufspringen am Menschen, ist der Funktionalismus der Sklaven. In der Tat haben Menschen, welche rasch für sich zu gewinnen suchen, und doch sogleich so sich schützen gegen Angriffe, Menschen, die man nicht abschütteln kann, Hundegesichter, Hundeaugen. Hier erwähne ich zum ersten Male jene große Bestätigung meines Gedankensystems. Es gibt wenige Menschen, die nicht ein oder mehrere Tiergesichter haben; und jene Tiere, denen sie ähneln, gleichen ihnen auch im Benehmen.
Die Furcht vor dem Hunde ist ein Problem; warum gibt es keine Furcht vor dem Pferde, vor der Taube? Sie ist Furcht vor dem Verbrecher. Der Feuerschein, der dem schwarzen Hunde (vielleicht dem bösartigsten) folgt, ist das Feuer, die Vernichtung, die Strafe, das Schicksal des Bösen.
Das Schweifwedeln des Hundes bedeutet, daß er jedes andere Ding als wertvoller anerkennt als sich selbst.
Die Treue des Hundes, welche so gerühmt wird, und die viele den Hund für ein moralisches Tier halten läßt, kann mit Recht nur als Symbol der Gemeinheit gefaßt werden: der Sklavensinn (das Zurückkehren nach den Schlägen ist kein Vorzug).
Interessant ist es, was der Hund anbellt; es sind im allgemeinen gute Menschen, die er anbellt, gemeine, hündische Naturen nicht. Ich habe an mir selbst beobachtet, daß ich von Hunden umsomehr angebellt wurde, je weniger Aehnlichkeit ich psychisch mit ihnen hatte. Merkwürdig ist nur, daß die Dienste des Haushundes gerade gegen den Verbrecher in Anspruch genommen werden.
Die Hundswut ist ein sehr merkwürdiges Phänomen, vielleicht der Epilepsie verwandt, in welcher dem Menschen ebenfalls Schaum aus dem Munde tritt. Beide werden von der Hitze begünstigt.
Wenn der Hund nicht wedelt, sondern den Schweif starr und gerade hält, dann ist Gefahr, daß er beißt: das ist die verbrecherische Tat, alles andere, auch das Bellen, nur Zeichen der bösen Gesinnung.
Hunde unter den Menschen in der Literatur sind der alte Ekdal in Ibsens »Wildente« und am großartigsten Minutte in Knut Hamsuns Roman »Mysterien«. Viele sogenannte »alte Magister« repräsentieren den Hundetypus unter den menschlichen Verbrechern.
Denn daß es noch andere Verbrecher gibt, das beweisen die Schlange, das Schwein.
Sehr bedeutend ist auch das Schnüffeln des Hundes. Hierin liegt nämlich Unfähigkeit zur Apperzeption. Ganz wie der Hund, so wird auch die Aufmerksamkeit des Verbrechers durch einzelne Sachen ganz passiv angezogen, ohne daß er weiß, warum er sich ihnen nähert oder sie berührt: er hat eben keine Freiheit mehr.
Daß er auf die Wahl überhaupt verzichtet hat, kommt auch in der Regellosigkeit der Kreuzung des Hundes mit irgend welcher Hündin zum Ausdruck. Diese wahllose Vermischung ist vor allem eminent plebejisch und der Hund ist der plebejische Verbrecher: der Sklave.
Ich wiederhole nochmals: es ist Blindheit, den Hund als ethisches Symbol zu betrachten; selbst R. Wagner soll einen Hund geliebt haben (Goethe scheint in diesem Punkt tiefer geblickt zu haben) Darwin erklärt das Wedeln des Hundes als »Ableitung der Erregung« (»Ausdruck der Gemütsbewegungen«). Es ist natürlich der Ausdruck der ärgsten Gemeinheit, der unterwürfigsten Devotion, die auf jeden Fußtritt gefaßt ist und um alles nur mehr bettelt.

Aus dem nachgelassenen Band von Otto Weininger: Ueber die letzten Dinge / Verlag Wilhelm Braumüller Wien. Geschlecht und Charakter/Eine prinzipielle Untersuchung, das Lebenswerk des Autors erschien soeben in zwölfter Auflage beim selben Verlag. 



Sonntag, 24. Januar 2016

Rudolf Blümner - Kleine kritische Fabeln

Kleine kritische Fabeln


            I
Gott zog den Vorhang hoch und zeigte zum ersten Male das Pferd. Da rief einer aus dem Publikum: Wo sind die Federn?
Herbert Jhering gewidmet


            II
In Arkadien wurden, wie man weiss, die Musikstücke nur auf Schalmeien geblasen. Einer spannte Saiten über Holzkästchen und strich mit einem Bogen über die Saiten, dass sie klangen. Auf diesem Instrument konnte er mehr Töne hervorbringen als auf der Schalmei. Aus Spass nannte er das Instrument Violine, gab ein Konzert und lud die Kritiker ein. Zufälligerweise schrieben alle das Gleiche: Nein — da gehen wir nicht mit, und einige fügten hinzu: Violine — ein recht abgeschmacktes Wort.
Franz Servaes gewidmet


            III
Es war einmal ein Kannibale. Er hatte schon viele Menschen gefressen. Als er merkte, dass es nicht mehr schick sei, Menschen zu fressen, gründete er das Menschenblatt, in dem er auf alle Kannibalen schimpfte. Gleichwohl frass er weiter Menschen, da er es doch so gewöhnt war. Als ihn der Menschenfreund darüber zur Rechenschaft zog, entgegnete der Kannibale: 1. lasse er sich nicht anrempeln, 2. habe er die gefressenen Menschen für Beefsteaks gehalten und 3. hätten schon viele Menschen aus dem Hinterhalt auf den Menschenfreund geschossen.
Paul Westheim gewidmet


            IV
Es war einmal ein grosser Ochse. Er hatte noch nie einen Menschen gesehen. Aber Gott wusste das nicht und beauftragte ihn, einen Artikel über die Eröffnung der Grossen Affenausstellung zu schreiben. Der Ochse ging hin und schrieb: Die Menschen hätten ihm garnicht gefallen.
. . . . . . gewidmet: — er weiss schon


            V
Ein Held nahm Abschied von seinem treusten Freund und zog in den Krieg. Dort wurde er von den Feinden erschlagen. Ein Journalist schrieb: Nun ist er dem Geschäftsbetrieb seines treuen Freundes entlaufen.
Paul Westheim gewidmet


            VI
Ein Mann pflegte und ernährte einen Hasen. Da kam ein andrer Mann des Wegs und setzte dem Hasen eine jährliche Rente aus. Dafür aber musste ihm der Hase sein Fell hingeben. Da sagte der Esel, der zufällig des Weges kam: Das ist nun der Fall Hase.
Paul Westheim gewidmet


            VII
In einem Rosengarten wuchsen viele prächtige und duftende Rosen. Ein Gelehrter, der zufällig in den Garten kam, schrieb in sein Notizbuch: »Sie wachsen alle nach dem gleichen Gesetz. Es ist nichts als Doctrinarismus.« Später ging der Gelehrte absichtlich in einen Gemüsegarten. In einer Ecke blühten drei wunderschöne Rosen. Da schrieb der Gelehrte: »Die Farben sind prächtig, der Duft berauschend. Aber die Rosen blühen falsch. Es ist ein Irrweg.« Am Ende seiner Tage begab sich der Gelehrte zu einem grossen Misthaufen, auf dem die Häupter des Staates sich gern dem Volke zeigten. Mitten auf dem Misthaufen spielten Kinder mit einer Rose. Und der Gelehrte schrieb: »Man sieht eine echte Rose in prächtiger Farbenglorie.«
Max Osborn gewidmet


            VIII
Vor grauen Zeiten, als die Kunst der Malerei noch in Blüte stand, gab es bekanntlich keine Malfarben. Die hochkulzibierten Maler muss­ten daher einzelne bunte Teile zusammentragen. So verfertigten sie Bilder aus Hölzchen, Muscheln, Steinen, Metallen, Knochen, Haaren und Häuten und vielem anderen. Dieses war die berühmte von allen Kunsthistorikern noch heute so hoch gepriesene Merzmalerei. Neuerdings tritt einer mit ganz eigenartigen Bildern an die Öffentlichkeit. Er hat entdeckt, dass man die Farben selbst zu einem Bild komponieren kann, wenn man sie — wer lacht da? — mit Öl anrührt! Und so müssen wir es schaudernd erleben, dass diese läppische Ölmalerei sogar Nachahmer findet!
Max Osborn gewidmet