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Freitag, 1. Juli 2016

Offener Brief an Jean Jaurès von Rosa Luxemburg

Offener Brief an Jean Jaurès
Von Rosa Luxemburg

Werter Genosse!

Sie haben für gut befunden, im Berliner Organ des deutschen Freisinns Ihre Ansichten über die gegenwärtige politische Situation darzulegen und darin die Entente cordiale zwischen Frankreich, England und Rußland von dem Verdacht zu reinigen gesucht, als sei sie eine Kriegsgefahr. Im Gegenteil, Sie feiern diese Verständigung als einen Beweis, daß es keine unüberbrückbaren Gegensätze zwischen den europäischen Großmächten gebe, und als einen Ansatz zur Festigung des Friedens in Europa. Sie schreiben:
»Eine Verständigung zwischen Frankreich, England und Rußland, eine ›Triple Entente‹ bedeutet an sich nicht eine Bedrohung des Friedens. Sie kann sogar friedliche Zwecke und friedliche Wirkungen haben. In jedem Falle beweist sie, daß viele als unvereinbar abgestempelte Gegensätze sich dennoch einen lassen. Zur Zeit von Faschoda schienen Frankreich und England am Vorabend eines Krieges zu stehen; jetzt haben sie die Entente cordiale geschlossen. Als ich noch ein Kind war, lernte ich in der Schule, daß England und Rußland vom Schicksal zur Gegnerschaft bestimmt seien. Jetzt haben wir die Zusammenkunft in Reval erlebt, die friedliche Abmachungen über die Verhältnisse in Asien ergab — vielleicht auch über die Verhältnisse in Europa.
»Weshalb sollte sich der ausgesprochene Gegensatz zwischen Deutschland und England nicht ebenso ausgleichen lassen?
»Selbst eine neue Triple-Entente könnte zu einer solchen friedlichen Lösung helfen, wenn Frankreich seine Rolle richtig auffaßt, wenn es das Bewußtsein seiner Pflicht neben dem Bewußtsein seiner Macht besitzt.«
Nur einen Schatten finden Sie in diesen leuchtenden Perspektiven:
»Ein Unglück ist es freilich, daß Deutschland sich mit der Türkei zu solidarisieren scheint — nicht nur mit dem türkischen Reiche, auch mit den türkischen Mißbräuchen. Mir scheint, daß es der Türkei genügenden Schutz gegen gewaltsame Eingriffe geben könnte, ohne doch seine Unterstützung dem notwendigen Werke humaner Reformen zu weigern. Deutschland würde nur die Sache seiner Gegner fördern, wenn es ihnen die Möglichkeit zu der Behauptung gibt, daß es seinen Einfluß in der Türkei durch bedenkliche Gefälligkeiten zu erkaufen sucht. Natürlich hat die Türkei das größte Interesse daran, selbst die Reformen im Lande vorzunehmen; sie würde mit einem Vorgehen den Staaten, die ihre Politik unter dem Mantel der Humanität verstecken, jeden Vorwand zur Einmischung in türkische Verhältnisse nehmen.
»Wenn Deutschland rechtzeitig in Konstantinopel die Stimme der Vernunft zu Gehör brächte, würde es den Freunden des Friedens die Aufgabe erleichtern, auch der Annäherung zwischen Frankreich, Rußland und England eine wahrhaft friedliche Bedeutung zu geben und so das Herannahen der Stunde zu beschleunigen, in der Triple-Alliance und Triple-Entente sich zu einer großen europäischen Verständigung einen könnten.
»Ich darf sagen, daß an der Erreichung dieses Zieles die französischen Sozialisten nach Maßgabe ihrer Kräfte mit leidenschaftlichem Eifer arbeiten.«
Es gibt manches in diesen Darlegungen, was mir mit der Auffassung der deutschen Sozialdemokratie von der auswärtigen Politik schwer vereinbar erscheint. Ich glaube zum Beispiel, daß die politischen Kombinationen, die von einem »Frankreich«, »Deutschland«, »Rußland«, »England« und von den »Interessen« dieser fraglichen Wesen handeln, der zünftigen Sprache der bürgerlichen Politiker wie ein Ei dem andern gleichen. Ich glaube, daß die »Interessen« der heutigen kapitalistischen Staaten auch in der auswärtigen Politik sehr verschieden, ja oft direkt entgegengesetzt sind, je nachdem man sie vom Standpunkt der herrschenden Klassen oder des Proletariats und seiner Klassenpolitik betrachtet, und daß es deshalb keineswegs im Interesse des Sozialismus liegen kann, den Humbug der offiziellen bürgerlichen Politik von »Staatsinteressen« und »Volksinteressen« als einem homogenen Ganzen spricht, den Humbug der »Interessenharmonie« aller Klassen auf dem Gebiet der auswärtigen Politik zu unterstützen.
Mir scheint ferner, daß wir — dank der wissen­schaftlichen Basis unserer sozialistischen Weltan­schauung — uns darüber klar sind, daß sowohl Krieg als Frieden in der modernen kapita­listischen Welt aus viel tieferen sozialen Ur­sachen entspringen, denn aus dem Willen und dem winzigen Intri­genspiel der »leitenden« Staats­männer, daß es, so­lange der Kapitalismus fort­besteht, zwischen den einzelnen Staaten tatsächlich unüberbrückbare Ge­gensätze gibt, die sich dem Fortschreiten der Welt- und Kolonialpolitik notwendig verschärfen und die kein Pflästerchen der »Allianzen« beseitigen kann, ebenso daß alle »Allianzen« und »Ententen« der Mili­tärstaaten selbst nur versteckte Mittel zu fort­schreitenden Kriegsrüstungen und gegebenenfalls zur Verbreitung der Kriegsgefahr über ihren un­mittelbaren Bereich hinaus darstellen. Mir scheint deshalb, daß es viel weniger Aufgabe der Sozialisten sein kann, die Illusionen der bürgerlichen Friedens­apostel und ihre Hoffnungen auf Erhaltung des Friedens durch allerlei Kabinettstücke der Staatsdiplomatie zu nähren, als das lächerliche und klägliche Puppenspiel dieser Diplomatie in seiner Ohnmacht, Borniertheit und Verlogenheit auf Schritt und Tritt zu entlarven.
Doch das sind alles Sachen der Auffassung, und ich wage mir nicht zu schmeicheln, darüber mit Ihnen disputieren zu können.
Allein es gibt einen Punkt — und zwar ist es der Zentralpunkt Ihrer Darlegungen —, gegen den man, wie ich glaube, den schärfsten Protest einlegen muß.
Sie befürworten und verteidigen die jüngste Frucht der kapitalistischen diplomatischen Drahtzieherei: die anglo-russische »entente cordiale«, Sie preisen die Zusammenkunft König Eduards mit dem russischen Zaren in Reval und ihre segenbringenden Ergebnisse für — Asien. Es sei gestattet, Sie daran zu erinnern, daß es noch ein Land in Europa gibt, für dessen Schicksale die englisch-russische Verbrüderung nicht ohne Folgen bleibt, und das ist — Rußland.
Die Schicksale der russischen Revolution sind von Anfang an eng an die Geschehnisse der auswärtigen Politik gebunden. Es war ein unglücklicher Krieg, ein Zusammenbruch der auswärtigen Macht Rußlands, der das Präludium der Revolution im Innern Rußlands bildete. Nach den Niederlagen des Absolutismus bei Tsuschima und Mukden, wie nach seinen Niederlagen in Petersburg und Warschau, war das Prestige Rußlands in der internationalen Politik auf dem Tiefstand. Wären die europäischen Staaten und die bürgerlichen Klassen Deutschlands, Frankreichs, Englands Vertreter der bürgerlichen Freiheit und nicht das, was sie sind: brutale Vertreter der gemeinen Ausbeutungs- und Herrschaftsinteressen, so müßte Rußland, das offizielle absolutistische Rußland, nach jenen Niederlagen aus dem europäischen Konzert herausgeworfen, von der offiziellen Meinung Europas mit Füßen getreten, von der europäischen Börse boykottiert werden. Das gerade Gegenteil ist naturgemäß eingetreten. Erschrocken durch die russische Revolution, eilte das Bürgertum Europas dem russischen Absolutismus zu Hilfe: mit Hilfe der deutschen und französischen Börse konnte der Zarismus den ersten siegreichen Ansturm der Revolution abwehren, und heute herrscht in Rußland die Konterrevolution, das heißt das Feldkriegsgericht und der Galgen.
Nun sucht der Absolutismus den zeitweiligen Sieg über die Revolution zu einem definitiven zu machen, sich zu befestigen, und dazu versucht er vor allem das alte erprobte Mittel jeder erschütterten Despotie: die Erfolge der auswärtigen Politik.
In diesem Sinne wird in der russischen Reptilpresse seit geraumer Zeit eine wüste Kriegshetze gegen das Ausland angezettelt, aus dieser Tendenz ist der von der Stolypinschen Regierung veranstaltete panslawistische Rummel geboren, und diesen Zwecken dient der jüngste eklatante Erfolg der russischen Diplomatie, die »herzliche Verständigung« mit England. Der »Herzensbund« Englands mit Rußland sowie das Bündnis Frankreichs mit Rußland bedeuten die Befestigung der Heiligen Allianz der Bourgeoisie Westeuropas mit der russischen Konterrevolution, mit den Würgern und Henkern der russischen und polnischen Freiheitskämpfer. Sie bedeuten die Festigung und Unterstützung der blutigsten Reaktion nicht nur im Innern Rußlands, sondern auch in den internationalen Beziehungen. Der denkbar drastischste Beleg dazu ist die Tendenz der russisch-englischen Abmachungen in einer orgiastischen Niedermetzelung der persischen Aufständischen zur Wiederherstellung des Absolutismus auch in Persien Ausdruck findet.
Es ist klar, daß angesichts dessen die elementarste Pflicht der Sozialisten und Proletarier aller Länder darin besteht, mit aller Macht den Bündnissen mit dem konterrevolutionären Rußland entgegenzuarbeiten, das Prestige, den Einfluß, die internationale Position des heutigen Stolypinschen Rußlands nach Kräften zu untergraben, die reaktionäre, freiheitsmordende Tendenz dieser Bündnisse in Rußland wie im internationalen Leben unermüdlich und laut zu denunzieren.
Es ist klar, daß umgekehrt, die Unterstützung der Bündnisse mit dem heutigen Rußland durch die moralische Autorität der Sozialisten Westeuropas, der Bündnisse über die Leichen der Hingerichteten und Niedergemetzelten, über die eisernen Ketten der im Zuchthaus schmachtenden sozialdemokratischen Dumafraktion, über die Qualen der Zehntausende eingekerkerter Revolutionäre hinweg, daß diese Unterstützung ein Verrat an der Sache der Revolution ist.
Wie soll man also Ihre Befürwortung der franko-russischen und der anglo-russischen Herzensbündnisse verstehen, Genosse Jaurès?
Wie soll man sich erklären, daß Sie »mit leidenschaftlichem Eifer« daran arbeiten, die Regierung des blutigen Henkers der russischen Revolution und der persischen Aufstandes zum einflußreichen Faktor der europäischen Politik, den russischen Galgen zum Pfeiler des internationalen Friedens zu machen — Sie, der Sie seinerzeit die glänzendsten Reden gegen die Anleihe an Rußland in der französischen Kammer gehalten, der Sie erst vor wenigen Wochen den erschütternden Appell an die öffentliche Meinung die blutige Arbeit der Feldkriegsgerichte in Russisch-Polen in Ihrer »Humanité« veröffentlicht haben? Wie soll man Ihre Friedenspläne, die auf dem franko-russischen und anglo-russischen Bündnis beruhen, mit dem jüngsten Protest der französischen sozialistischen Kammerfraktion wie der Administrativen Kommission des Nationalrats der sozialistischen Partei gegen die Reise Fallières nach Rußland in Einklang bringen, dem Protest, unter dem auch Ihre Unterschrift steht und der die Interessen der russischen Revolution mit ergreifenden Worten in Schutz nimmt? Kann der Präsident der französischen Republik sich nicht auf Ihre eigenen Darlegungen über die internationale Lage berufen, und wird die Konsequenz nicht auf seiner Seite sein, wenn er Ihrem Protest gegenüber erklärt: Wer den Zweck will, muß auch die Mittel wollen, wer das Bündnis mit dem zarischen Rußland als eine Garantie des internationalen Friedens betrachtet, der muß auch alles akzeptieren, was dieses Bündnis befestigt und die Freundschaft pflegt.
Was würde Sie dazu sagen, wenn sich ehemals in Deutschland, in Rußland, in England Sozialisten und Revolutionäre gefunden hätten, die »im Interesse des Friedens« eine Allianz mit der Regierung der Restauration oder mit der Cavaignacs oder mit der Regierung Thiers’ und Jules Favres befürwortet und mit ihrer moralischen Autorität gedeckt haben würden?
Nimmermehr kann ich glauben, daß Sie, wie Sie behaupten, in dieser Politik alle französischen Sozialisten hinter sich haben. Zum mindesten kann ich dies nicht von unserem alten Freunde Jules Guesde und ebensowenig von unserem Freunde Vaillant glauben, der eben erst in der französischen Kammer durch das Wutgeheul der ganzen bürgerlichen Meute hindurch mit Donnerstimme den Herzenverbündeten Englands und Frankreichs, den Zaren, mit dem Namen genannt hat, der ihm gebührt!

Aus: Die Neue Zeit, J.H.W.-Dietz-Verlag, 1907 (Vorlage: Wikipedia Commons)




Freitag, 1. April 2016

Dr. Max Gruber - Folgen der geschlechtlichen Unmäßigkeit und Regeln für den ehelichen Geschlechtsverkehr.

Folgen der geschlechtlichen Unmäßigkeit und Regeln für den ehelichen Geschlechtsverkehr.

von Dr. med. Max Gruber, Professor der Hygiene an der Universität München
(Kapitel 5, Aus: Hygiene des Geschlechtslebens dargestellt für Männer von Dr. med. Max Gruber - (6. Juli 1853, Wien – 16. September 1927, Berchtesgaden) - ohne Fußnoten

Während kaum irgend etwas Sicheres von schädlichen Folgen der Enthaltsamkeit bekannt ist, steht es fest, daß geschlechtliche Unmäßigkeit sehr häufig schadet. Besonders häufig leidet beim Manne das Nervensystem darunter, was leicht begreiflich ist, wenn man die heftige Erregung des ganzen Nervensystems bedenkt, unter welcher sich der Beischlaf vollzieht.  Schon deshalb darf also auch in der Ehe der Geschlechtstrieb nicht sinnlos befriedigt werden.
Auch in jenen Perioden der Ehe, während deren der Beischlaf erlaubt ist, darf er nicht zu häufig ausgeübt werden.
Viele alte Gesetzgeber haben darüber Vorschriften gegeben:
Zoroaster erlaubte ihn alle 9 Tage, Solon 3mal im Monate, Mohammed 1mal wöchentlich. Luther gab den bekannten Rat:

     »Alle Wochen zwier
     Schadet weder ihr noch mir,
     Macht im Jahr hundertundvier.«

wobei er allerdings auf die Menstruation vergessen hat. Es ist nicht möglich, eine feste Regel aufzustellen. Wie oft der Beischlaf ausgeübt werden kann, ohne daß er schadet, hängt nämlich in hohem Maße von der natürlichen Anlage, vom Alter, der Ernährung und der Arbeitsleistung der Gatten ab. Stark geistig Arbeitende müssen in der Regel mäßig sein. Wer auf die Winke der Natur achtet, wird leicht selbst das zuträgliche Maß finden. Wenn lebhaftes Verlangen nach dem Beischlafe besteht, die Erektion rasch und kräftig eintritt, wenn nach vollzogenem Beischlafe eine angenehme Mü¬digkeit empfunden wird, die nach kurzer Ruhe dem Gefühle voller Frische Platz macht, so ist nicht zu viel geschehen. Dagegen lasse man sich durch träge Erektionen, durch das Gefühl von Ermüdung und Unlust hinterher warnen. Der Satz: »Jedes Tier ist nach dem Beischlafe traurig« gilt nur für Kranke und Unmäßige.
Was die beste Tageszeit für die Vornahme des Beischlafes anbelangt, so bevorzugen die einen die Zeit unmittelbar nach dem Zubettlegen, wobei dann die ganze Nacht der Erholung dient, die anderen die Zeit unmittelbar nach dem Erwachen, wo die Gatten völlig ausgeruht und frisch sind. Im letzteren Falle ist es aber ratsam, sich nach Vollzug des Beischlafs eine kurze Ruhezeit zu gönnen. Ueberhaupt wird der Beischlaf am zuträglichsten sein, wenn er in voller Bequemlichkeit und Ungestörtheit, frei von Sorgen oder Gewissensbissen, vollzogen wird. Der eheliche Geschlechtsverkehr ist deshalb viel zuträglicher als der außereheliche. Am zweckmäßigsten ist die Rückenlage der Frau unter dem Manne. Diese Lage ist schon durch den Bau der Geschlechtsteile als die natürliche vorgezeichnet. Andere Stellungen ermüden stärker. Bei Lage des Mannes unten und der Frau oben, sinkt die Gebärmutter zu sehr nach unten, sie wird schädlichen Erschütterungen ausgesetzt und an ihren Bändern gezerrt. Die Frau empfindet dann häufig hinterher Schmerzen, ja es kann zu Entzündungen im Innern kommen. Jede Künstelei ist überhaupt zu vermeiden, ebenso alle langen Liebesspiele vorher. Je einfacher man in seinen Genüssen ist, umso gesünder. Eheleute mögen sich immer vor Augen halten, daß je mäßiger und einfacher sie im Genusse sind, umso länger die beiderseitige geschlechtliche Gesundheit, besonders die Leistungsfähigkeit des Mannes vorhalten wird, sie umso länger also der ehelichen Genüsse sich erfreuen zu können hoffen dürfen. Eine gewisse zeitliche Regelmäßigkeit im Vollzuge des Beischlafes ist ebenfalls ratsam. Die ganze Funktion des männlichen Geschlechtsapparates richtet sich dann darauf ein und der Beischlaf geht dann ohne schädliches Uebermaß der Erregung vor sich. Selbstverständlich soll man aber nur dann beischlafen, wenn man sich vollkommen gesund und kräftig fühlt, und nur dann, wenn die Erektion sich von selbst eingestellt hat. Sie zum Zwecke des Beischlafs künstlich herbeizuführen, ists ein Mißbrauch, der sich mit der Zeit an der Gesundheit rächt. In berauschtem Zustande den Beischlaf auszuführen, ist durchaus verwerflich, weil die Gefahr besteht, daß ein in solchem Zustande erzeugtes Kind krank und schwächlich wird. Wer noch Kinder zu erzeugen die Absicht hat, sollte sich überhaupt regelmäßigen Genusses von alkoholischen Getränken enthalten und auch niemals ausnahmsweise ein Uebermaß davon zu sich nehmen. Je besser die Gatten für Gesundheit und Kraft ihres Körpers sorgen, umso gesundere und lebensfrischere Kinder dürfen sie erwarten. Diese Fürsorge für die eigene Gesundheit ist eine der größten und wichtigsten Pflichten derjenigen, welche Kinder in die Welt setzen wollen.
Unmäßigkeit und Unordnung im Geschlechtsverkehre schaden hauptsächlich dem Manne. Die Frau, welche sich beim Beischlafe passiv verhält, kann in dieser Hinsicht viel mehr vertragen, als er. Die ersten Folgen der Unmäßigkeit sind Abnahme der Wollustempfindung beim Beischlafe, damit zusammenhängend Verzögerung des Eintrittes der Ejakulation, Verminderung der Kraft, mit welcher der Samen ausgeschleudert wird. Nach dem Beischlafe Gefühl der Verstimmung, der Ermüdung, der Mattigkeit in den Beinen, die länger und länger anhalten, je länger und ärger die Unmäßigkeit fortgetrieben wurde. Druck in der Lendengegend, nervöse Erregbarkeit, Gefühl von Druck im Kopf, von Eingenommensein des Kopfes, gestörter Schlaf, Ohrensausen, Flimmern vor den Augen, Lichtscheu, zittriges Gefühl und wirkliches Zittern, Neigung zum Schwitzen sind weitere Erscheinungen. Es kann weiter Herzklopfen eintreten; Muskelschwäche, die sich schon in den schlaffen Mienen, in der schlaffen Haltung des geschlechtlich Ermüdeten und Erschöpften verrät; Unlust zu anhaltender, schwerer Arbeit und Unfähigkeit, sie zu leisten, Gedächtnisschwäche, Neurasthenie und Melancholie. Die Verdauungstätigkeit sinkt, die Ernährung wird schlechter, infolge davon Blutarmut und Schwächung der Widerstandskraft gegen äußere Schädlichkeiten, insbesondere gegen Infektionskeime und unter diesen wieder insbesondere gegen den Tuberkelbazillus. Auch der Geschlechtsapparat selbst funktioniert bald nicht mehr gut und weist die Erscheinungen der sogen. reizbaren Schwäche auf: die Erektionen verlieren an Kraft; bei unvollkommener Erektion oder alsbald nach der Einführung des Gliedes in die Scheide tritt die Ejakulation ein, ohne daß die Höhe des Wollustgefühles erreicht wurde; die Fähigkeit zum Beischlaf geht damit mehr und mehr verloren, nächtliche Pollutionen treten häufig auf und hinterlassen eine gesteigerte nervöse Erregung und Mattigkeit.
Die leichteren Störungen des Wohlbefindens gehen übrigens im allgemeinen rasch wieder vorüber, wenn Enthaltsamkeit geübt wird, wenn die Ernährung gut und die ganze sonstige Lebensweise den hygienischen Grundsätzen gemäß ist. Insbesondere erholen sich vollkommen geschlechtsreife, junge Männer, die von vornherein gesund und kräftig waren, von den Torheiten der Flitterwochen bald, wenn die Vernunft die Herrschaft wieder erlangt hat. Je länger die Exzesse gedauert haben, je schwächlicher das Individuum von vornherein war, umso schwieriger tritt volle Wiederherstellung ein. Am gefährlichsten wird die geschlechtliche Unmäßigkeit unreifen oder nicht voll erwachsenen Jünglingen sowie Männern, welche die Höhe des Lebens bereits überschritten haben; dauerndes Siechtum und Tod können ihre Folge sein.
Auch in der Ehe kommen Zeiten, in welchen vollständige Enthaltsamkeit geübt werden muß. Sie sind durch Rücksichten auf die Frau und auf die Nachkommenschaft unbedingt gefordert. Zur Zeit der Menstruation darf der Beischlaf nicht ausgeübt werden. Er verbietet sich übrigens für das feinere Empfinden von selbst durch den Zustand der weiblichen Geschlechtsteile. Während der Menstruation ist das Innere der Gebärmutter wund, der ganze Geschlechtsapparat des Weibes gereizt und mit Blut überfällt. Unter diesen Umständen ist wie bei allen Wundflächen die Gefahr vorhanden, daß eine Wundinfektion eintritt und diese dann zu Entzündungen der Gebärmutter und ihrer Anhänge führt und so die Frau auf die Dauer krank macht. Diese Gefahr wird durch das Einführen des Gliedes in die Scheide sehr gesteigert.  Jedenfalls muß der Beischlaf während des Blutabganges unterbleiben, noch besser ist es, ihn auch während der darauffolgenden Woche zu unterlassen, bis die Innenfläche der Gebärmutter wieder vollkommen überhäutet ist.
Bei dieser Gelegenheit sei auch Ehemännern gleich der Rat erteilt, das Glied durch Waschungen immer rein zu halten, wobei insbesondere auf die Furche hinter dem Randwulst der Eichel und auf die Falten des Bändchens zu achten ist.
Ebenso soll die Frau die äußeren Geschlechtsteile, namentlich die Schamspalte rein halten. Sehr empfehlenswert ist es auch, einige Zeit nach vollzogenem Beischlafe mit Hilfe eines Irrigators und eines Mutterrohres die Scheide mit lauwarmer, schwächer Kochsalzlösung (1 Kaffeelöffel Kochsalz auf 1 Liter Wasser) auszuspülen. Dies darf aber nicht sogleich nach dem Beischlafe geschehen, da sonst die Empfängnis verhindert werden könnte. Der Irrigator und das Mutterrohr müssen rein gehalten und durch Einlegen in 2prozentige Lysollösung (20 c cm Lysol auf 1 Liter Wasser) vor dem Gebrauche desinfiziert werden. Die Kochsalzlösung soll abgekocht sein. Durch alle diese Maßregeln wird manchen Erkrankungen, namentlich dem sogen. weißen Flusse, vorgebeugt, einem Katarrhe der Scheide, der der Frau wie dem Ehemanne recht lästig werden kann.
Sehr vorsichtig muß man mit dem Beischlafe auch während der Schwangerschaft sein. Er darf nicht zu häufig und nie stürmisch ausgeführt werden. In den ersten Monaten der Schwangerschaft, namentlich bei Erstgebärenden, wird er am besten ganz unterlassen. Werden diese Vorschriften nicht beachtet, dann kommt es leicht zu Fehl und Frühgeburt, durch die nicht allein das Kind verloren geht oder geschädigt wird, sondern auch die Frau dauernden Schaden nehmen kann.
Unbedingt verboten ist der Beischlaf während des Wochenbettes, wenn nicht die Frau, deren innere Geschlechtsteile arg verwundet sind, schwerer Gefahr ausgesetzt werden soll. Auch bei ganz normalem Verlaufe des Wochenbettes soll mindestens 4 Wochen damit gewartet werden und auch dann noch ist weise Beschränkung dringend anzuraten.
Mit Rücksicht auf die Frau wie auf das Kind ist es eigentlich geboten, der Frau, die geboren hat, eine monatlange Schonzeit zu gewähren. Es ist für das Gedeihen des Kindes weitaus das beste, wenn es so lange als möglich an der Mutterbrust ernährt wird. Die Erfahrung lehrt aber, daß bei sexuell erregbaren Frauen durch Ausübung des Beischlafes, namentlich wenn er häufiger oder stürmisch unter größerer Aufregung erfolgt, die Milchabsonderung frühzeitig zum Stillstand kommen kann oder die Menstruation und damit zugleich die Befruchtungsfähigkeit trotz des Stillgeschäftes wieder eintritt. Für den Säugling wie für die Mutter ist es aber jedenfalls sehr schädlich, wenn es bald zu einer neuen Schwangerschaft kommt; für den Säugling, weil dann die Milchabsonderung bald unzureichend wird und aufhört; für die Mutter, weil die Frauen durch allzu rasch aufeinanderfolgende Schwangerschaften überanstrengt werden, rasch verblühen und zu Krankheiten, insbesondere zu Tuberkulose, neigen. Auch werden bei zu rascher Geburtenfolge meist schwächliche Kinder geboren. Rascher als etwa alle 2½ Jahre sollten die Schwangerschaften nicht aufeinanderfolgen, wenn die Frau bei voller Kraft und Gesundheit bleiben und einer kräftigen Nachkommenschaft das Leben schenken soll. 

Donnerstag, 28. Januar 2016

Otto Weininger - Der Hund

Otto Weininger - Der Hund


Das Auge des Hundes ruft unwiderstehlich den Eindruck hervor, daß der Hund etwas verloren habe: es spricht aus ihm (wie übrigens aus dem ganzen Wesen des Hundes) eine gewisse rätselhafte Beziehung zur Vergangenheit. Was er verloren hat, ist das Ich, der Eigenwert, die Freiheit.
Der Hund hat eine merkwürdig tiefe Beziehung zum Tode. Monate bevor mir der Hund ein Problem geworden war, saß ich eines Nachmittags gegen fünf Uhr in einem Zimmer des Münchener Gasthofes, in welchem ich abgestiegen war, und dachte an Verschiedenes und über Verschiedenes. Plötzlich hörte ich einen Hund in einer ganz eigentümlichen, mir neuen, durchdringenden Weise bellen und hatte im gleichen Momente unwiderstehlich das Gefühl, daß gerade im Augenblick jemand sterbe. Monate nachher hörte ich, daß in der furchtbarsten Nacht meines Lebens, da ich, ohne krank zu sein, buchstäblich mit dem Tode rang, — denn es gibt für größere Menschen den seelischen Tod nicht ohne den physischen Tod, — weil bei ihnen Leben und Tod am gewaltigsten und intensivsten als Möglichkeiten sich gegenüberstehen — — — dreimal, gerade als ich zu unterliegen dachte, einen Hund in ähnlicher Weise bellen, wie damals in München; dieser Hund bellte die ganze Nacht; aber in diesen drei Malen anders. Ich bemerkte, daß ich in diesem Momente mit den Zähnen mich ins Leintuch festbiß eben wie ein Sterbender.
Aehnliche Erlebnisse müssen auch andere Menschen gehabt haben. In der letzten Strophe von Heines bedeutendstem und schönstem Gedichte »Die Wallfahrt nach Kevlaar« heißt es, wie die vom Leben erlösende Mutter Gottes dem Kranken sich naht:
»Die Hunde bellten so laut.«
Ich weiß nicht, ob der Zug bei Heine originell oder der Volkssage entnommen ist. Wenn ich nicht irre, spielt auch irgendwo bei Maeterlinck der Hund eine ähnliche Rolle.
Kurze Zeit vor dieser erwähnten Nacht hatte ich mehrfach dieselbe Vision, die Goethe nach dem Faust zu schließen gehabt haben muß, einige Male, wenn ich einen schwarzen Hund sah, schien mir ein Feuerschein ihn zu begleiten.
Ausschlaggebend aber ist das Bellen des Hundes: die absolut verneinende Ausdrucksbewegung. Sie beweist, daß der Hund ein Symbol des Verbrechers ist. Goethe hat dies, wenn es ihm auch vielleicht nicht ganz klar geworden ist, doch sehr deutlich empfunden. Der Teufel wählt bei ihm den Leib eines Hundes. Während Faust im Evangelium laut liest, bellt der Hund immer heftiger: der Haß gegen Christus, gegen das Gute und Wahre.
Ich bin, wie ich bemerke, gar nicht von Goethe beeinflußt. Die Heftigkeit jener Eindrücke, Erregungen und Gedanken war so groß, daß ich mich an den Faust erinnerte, jene Stellen hervorsuchte und nun zum ersten Male, vielleicht als erster überhaupt, ganz verstand.
Ich führe nun weiteres an:
Der Hund handelt, als ob er die eigene Wertlosigkeit fühlen würde; er läßt sich vom Menschen schlagen, an den er sich gleich wieder herandrängt, wie stets der böse Mensch an den guten. Diese Zudringlichkeit des Hundes, das Hinaufspringen am Menschen, ist der Funktionalismus der Sklaven. In der Tat haben Menschen, welche rasch für sich zu gewinnen suchen, und doch sogleich so sich schützen gegen Angriffe, Menschen, die man nicht abschütteln kann, Hundegesichter, Hundeaugen. Hier erwähne ich zum ersten Male jene große Bestätigung meines Gedankensystems. Es gibt wenige Menschen, die nicht ein oder mehrere Tiergesichter haben; und jene Tiere, denen sie ähneln, gleichen ihnen auch im Benehmen.
Die Furcht vor dem Hunde ist ein Problem; warum gibt es keine Furcht vor dem Pferde, vor der Taube? Sie ist Furcht vor dem Verbrecher. Der Feuerschein, der dem schwarzen Hunde (vielleicht dem bösartigsten) folgt, ist das Feuer, die Vernichtung, die Strafe, das Schicksal des Bösen.
Das Schweifwedeln des Hundes bedeutet, daß er jedes andere Ding als wertvoller anerkennt als sich selbst.
Die Treue des Hundes, welche so gerühmt wird, und die viele den Hund für ein moralisches Tier halten läßt, kann mit Recht nur als Symbol der Gemeinheit gefaßt werden: der Sklavensinn (das Zurückkehren nach den Schlägen ist kein Vorzug).
Interessant ist es, was der Hund anbellt; es sind im allgemeinen gute Menschen, die er anbellt, gemeine, hündische Naturen nicht. Ich habe an mir selbst beobachtet, daß ich von Hunden umsomehr angebellt wurde, je weniger Aehnlichkeit ich psychisch mit ihnen hatte. Merkwürdig ist nur, daß die Dienste des Haushundes gerade gegen den Verbrecher in Anspruch genommen werden.
Die Hundswut ist ein sehr merkwürdiges Phänomen, vielleicht der Epilepsie verwandt, in welcher dem Menschen ebenfalls Schaum aus dem Munde tritt. Beide werden von der Hitze begünstigt.
Wenn der Hund nicht wedelt, sondern den Schweif starr und gerade hält, dann ist Gefahr, daß er beißt: das ist die verbrecherische Tat, alles andere, auch das Bellen, nur Zeichen der bösen Gesinnung.
Hunde unter den Menschen in der Literatur sind der alte Ekdal in Ibsens »Wildente« und am großartigsten Minutte in Knut Hamsuns Roman »Mysterien«. Viele sogenannte »alte Magister« repräsentieren den Hundetypus unter den menschlichen Verbrechern.
Denn daß es noch andere Verbrecher gibt, das beweisen die Schlange, das Schwein.
Sehr bedeutend ist auch das Schnüffeln des Hundes. Hierin liegt nämlich Unfähigkeit zur Apperzeption. Ganz wie der Hund, so wird auch die Aufmerksamkeit des Verbrechers durch einzelne Sachen ganz passiv angezogen, ohne daß er weiß, warum er sich ihnen nähert oder sie berührt: er hat eben keine Freiheit mehr.
Daß er auf die Wahl überhaupt verzichtet hat, kommt auch in der Regellosigkeit der Kreuzung des Hundes mit irgend welcher Hündin zum Ausdruck. Diese wahllose Vermischung ist vor allem eminent plebejisch und der Hund ist der plebejische Verbrecher: der Sklave.
Ich wiederhole nochmals: es ist Blindheit, den Hund als ethisches Symbol zu betrachten; selbst R. Wagner soll einen Hund geliebt haben (Goethe scheint in diesem Punkt tiefer geblickt zu haben) Darwin erklärt das Wedeln des Hundes als »Ableitung der Erregung« (»Ausdruck der Gemütsbewegungen«). Es ist natürlich der Ausdruck der ärgsten Gemeinheit, der unterwürfigsten Devotion, die auf jeden Fußtritt gefaßt ist und um alles nur mehr bettelt.

Aus dem nachgelassenen Band von Otto Weininger: Ueber die letzten Dinge / Verlag Wilhelm Braumüller Wien. Geschlecht und Charakter/Eine prinzipielle Untersuchung, das Lebenswerk des Autors erschien soeben in zwölfter Auflage beim selben Verlag.