Direkt zum Hauptbereich

Posts

Es werden Posts vom Januar, 2011 angezeigt.

Alfred Lichtenstein - Gespräch über Beine

Gespräch über Beine
I
Als ich im Coupé saß, sagte der Herr gegenüber: »Ihnen kann man die Beine nicht abtreten .« Ich sagte: »Wieso?« Der Herr sagte: »Sie haben keine Beine.« Ich sagte: »Merkt man das?« Der Herr sagte: »Natürlich.« Ich nahm meine Beine aus dem Rucksack. Ich hatte sie in Seidenpapier eingewickelt. Und als Andenken mitgenommen. Der Herr sagte: »Was ist das?« Ich sagte: »Meine Beine.« Der Herr sagte:» Sie nehmen die Beine in die Hand und kommen dennoch nicht weiter.« Ich sagte: »Leider.« Nach einer Pause sagte der Herr: »Was gedenken Sie ohne Beine ei­gentlich zu tun?« Ich sagte: »Darüber habe ich mir den Kopf noch nicht zerbrochen.« Der Herr sagte: »Ohne Beine können Sie nicht einmal ohne Schwierig­keit Selbstmord begehen.« Ich sagte: »Das ist aber ein fauler Witz.« Der Herr sagte: »Nicht doch. Wenn Sie sich erhängen wollen, müßte Sie einer erst auf das Fensterbrett heben. Und wer wird Ihnen den Gas­hahn öffnen, wenn Sie sich vergiften wollen? Den Revolver könnten Sie sich nur heimlich …

Alfred Lichtenstein - Die Jungfrau

Die Jungfrau
Maria Mondmilch war das einzige Kind des Kunsthistorikers Doktor Maximilian Mondmilch und der schönen Frau Marga Mondmilch. Frau Mondmilch soll früher Wassermädchen in dem Kaffeehaus gewesen sein, in welchem Herr Mondmilch — der damals Student war — Tee trank und Zeitungen las und rauchte. Nach der Geburt des Kindes hatte sie den Ehegatten heimlich verlassen, um vermutlich mit einem Sektkellner einige Wochen zu verbringen. Danach trieb sie sich — häufig abwech­selnd — mit sehr verschiedenen Männern sehr verschiedener Gesellschafts­klassen herum. Sie kam erst zurück, als sie erfuhr, daß der unheilbare Doktor in eine Anstalt für Gehirnkranke gebracht worden sei. Sie pflegte den todkranken Menschen sorgfältig bis zu seinem nahen Ende. Sodann verheiratete sie sich mit einem herrschaftlichen Kutscher, der sie ab­göttisch liebte. Die Krankheit des Doktor Mondmilch war erst erkannt worden, als er ein mit schlimmen Strafen bedrohtes Verbrechen an der achtjährigen Tochter verüben wo…

Alfred Lichtenstein - zu: Cafe Klößchen

Zwei Bruchstücke aus der ersten Fassung der Geschichte: Cafe Klößchen
I
Im Café Klößchen
In der Nähe Kohns sprachen im Kreis wenig bekannte Kritiker, Maler, Dichter und ein paar. Zumeist Mitarbeiter der neuen Zeitschrift: »Das andere A« und der unregelmäßig von dem kleinen begeisterten Lutz Laus für die Hebung der Unsittlichkeit angefertigten Monatsschrift: »Der Dackel«. Bei ihnen saß ein schönes fressendes Fräulein. Man stritt sich gerade um den literarischen Unwert des Herrn Kohn. Der Dichter Gottschalk Schulz, ein Jurist, erklärte, ihm sei unbegreiflich, daß Herr Doktor Bryller den Kohn lobe. Kohn schildere alles anders. Kohn sei ein Lügner. Kohn sei grotesk.—Der begabte Doktor Berthold Bryller sagte darauf: »Grotesk sein, sei kein Nachteil. Groteske sei immerhin eine Brücke zu einem Weg.« Und ein Witzblattredakteur, der eigentlich nicht hierhergehörte, schrie schüchtern: »Auch ich schätze alles, was grotesk und originell ist und über den stumpfsinnigen deutschen Tintensumpf hinaus­stre…

Alfred Lichtenstein - Café Klößchen

I
Lisel Liblichlein war aus der Provinz in die Stadt gekommen, weil sie Schauspielerin werden wollte. Zu Haus empfand sie alles spießig, eng, ver­blödend. Die Herren waren dumm. Der Himmel, das Küssen, die Freun­dinnen, die Sonntagnachtmittage wurden unerträglich. Am liebsten weinte sie. Schauspielerin sein bedeutete ihr: klug sein, frei sein, glückselig sein. Wie das ist, wußte sie nicht. Ob sie Talent habe, prüfte sie nicht. Sie schwärmte für den Vetter Schulz, weil er in der Stadt wohnte und Gedichte machte. Als der Vetter einmal schrieb, er habe die Juristerei satt, er werde als Schriftsteller seinen Neigungen leben, teilte sie den er­schrockenen Eltern mit, das verbauerte Leben wachse ihr aus dem Halse heraus; sie werde als Schauspielerin ihren Idealen nachgehen. Man versuchte auf jede Art, sie von diesem Vorhaben abzubringen. Es gelang nicht. Sie wurde bestimmter, drohend. Man gab unwillig nach, fuhr mit ihr in die Stadt, mietete ein kleines Zimmer in einem großen Pensionat, melde…

Alfred Lichtenstein - Der Sieger

I
Max Mechenmal war selbständiger Geschäftsführer eines Zeitungskios­kes. Er aß und trank gern gut; er verkehrte viel — allerdings vorsichtig — mit Weibern. Da sein Salär häufig nicht ausreichte, ließ er sich gelegent­lich Geld schenken: von Ilka Leipke. Ilka Leipke war eine über die Maßen kleine, aber gutgewachsene vornehme Dirne, die so sehr durch bizarres Wesen und scheinbar unsinnige Einfälle wie durch eigentümlich ge­schmackvolle Kleidung die meisten Männer und Mädchen erregte. Fräu­lein Leipke liebte den kleinen Max Mechenmal. Sie nannte ihn ihren süßen Zwerg. Max Mechenmal ärgerte sich zeitlebens, daß er klein war. Max Mechenmal entstammte einer leider verarmten Familie. Er hatte in einer Anstalt für schwachsinnige Kinder eine vorzügliche Erziehung genossen, bis man ihn sehr frühzeitig gewaltsam entfernte. Die Gründe sind nicht überliefert; doch scheint die Entlassung mehr auf der Ver­armung der Mechenmalschen Angehörigen zu beruhen als auf seiner unzweifelhaften Unausstehlichkei…