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Es werden Posts vom Dezember, 2015 angezeigt.

Karl Frohme – Gib uns unser täglich Brot!

Karl Frohme – Gib uns unser täglich Brot!
Ein Weihnachtsbild.
1877



Heil'ger Abend ist's zur Weihnacht. In den Landen weit und breit
Kündet es der Kirchenglocken eh'rner Ruf der Christenheit,
Daß sie nach der Engel Mahnung mög' vergessen all ihr Weh,
Daß sie fröhlich sei und juble: »Ehre sei Gott in der Höh'
Und der Friede allen Menschen, die da guten Willens sind,
Weil zu Bethlehem geboren das verheiß'ne Gotteskind;
Der Messias, der Erlösung von der Sünde Schulden bringt,
Der gebenedeite Heiland – jauchze Erde, Himmel singt!« –
Schöne Worte, fromme Mythe! Weiter nichts! Die Menschheit, ach,
Bangt und seufzet ja noch immer in der alten Not und Schmach!
Guten Willens sind wohl viele, aber eine Utopie
Ist trotzdem der holde Friede und der Herzen Harmonie.
Statt Erlösung neue Knechtschaft, wert des Fluches mehr noch fast,
Wie die vor zweitausend Jahren; neue, schwere Sündenlast.
Menschen, Christen – jauchzt ihr wirklich allesamt ohn' Unterschied?
Nein, o nein! für Millionen klin…

Klabund – Bürgerliches Weihnachtsidyll

Klabund – Bürgerliches Weihnachtsidyll.



Was bringt der Weihnachtsmann Emilien?
Ein Strauß von Rosmarin und Lilien.
Sie geht so fleißig auf den Strich.
O Tochter Zions, freue dich!

Doch sieh, was wird sie bleich wie Flieder?
Vom Himmel hoch, da komm ich nieder.
Die Mutter wandelt wie im Traum.
O Tannenbaum! O Tannenbaum!

O Kind, was hast du da gemacht?
Stille Nacht, heilige Nacht.
Leis hat sie ihr ins Ohr gesungen:
Mama, es ist ein Reis entsprungen!

Papa haut ihr die Fresse breit.
O du selige Weihnachtszeit!

Gustav Meyrink – Blamol

Gustav Meyrink – Blamol



»Wahrhaftiglich, ohne Betrug und gewiß,
ich sage dir: so wie es unten ist, ist es
auch oben.«

Tabula smaragdina.

Der alte Tintenfisch saß auf einem dicken blauen Buche, das man in einem gescheiterten Schiffe gefunden, und sog langsam die Druckerschwärze heraus.

Landbewohner haben gar keinen Begriff, wie beschäftigt so ein Tintenfisch den ganzen Tag über ist.

Dieser da hatte sich auf Medizin geworfen, und von Früh bis Abend mußten die beiden armen kleinen Seesterne, – weil sie ihm soviel Geld schuldig waren, – umblättern helfen.

Auf dem Leibe, – dort wo andere Leute eine Taille haben, trug er einen goldenen Zwicker – ein Beutestück. Die Gläser standen weit ab – links und rechts –, und wer zufällig durchsah, dem wurde gräßlich schwindelig.

– – – – Tiefer Friede lag ringsum. – –

Mit einem Male kam der Polyp angeschossen, – die sackförmige Schnauze vorgestreckt, die Fangarme lang nachschleppend wie ein Rutenbündel, und ließ sich neben dem Buche nieder. – Wartete, bis der Alt…

Anton Wildgans - Einer Gesegneten im Advent

Anton Wildgans - Einer Gesegneten im Advent
(1907)



Ihr jungen Frauen, habet acht,
Maria hat empfangen —!
Und mancher ist’s in dieser Nacht,
Die sie an liebster Brust durchwacht,
Vielleicht wie ihr ergangen.

So haltet eure Seele still
Und hütet die Geberden!
Denn diese Zeit bedeutet viel,
Und jede, die das Wunder will,
Muß wieder Jungfrau werden

Und bannen aus der Seele fern
Unheiliges Begehren.
Zu Bethlehem geht auf ein Stern:
Da kann ein jedes Weib den Herrn,
Den Heiland sich gebären.

Ida Gräfin Hahn-Hahn – Am Weihnachtsabend

Ida Gräfin Hahn-Hahn – Am Weihnachtsabend



Stehst du freundlich wieder offen,
Meiner Kindheit Paradies,
Das ich unter frohem Hoffen
In der Jugend Muth verließ? –

Haben Zauberlandes Räume
Hell sich wieder aufgethan,
Schaukeln meine alten Träume
Wieder mich in süßem Wahn? –

Gießt der Herzen muntrer Schimmer
Licht durch meine Lebensnacht,
In der schon seit Jahren nimmer
Ruhesterne mir gelacht? –

Wär' ich niemals doch geschieden
Aus dem engbeschränkten Reich;
Dann wär' meiner Seele Frieden
Noch wie damals ewig gleich.

Ach, nun scheinen Weihnachtskerzen
Wie der Fackeln düstrer Zug,
Wenn zum Grab gebrochne Herzen
Auf der Bahre hin man trug.

Oder wie die Morgenröthe
Noch den Horizont bemalt,
Wenn sich schon die Nacht erhöhte,
Längst nicht mehr die Sonne stralt.

Abglanz des verlornen Glückes
Find' ich, wo sonst Glückes Spur;
Nenne Gunst des Augenblickes
Diesen bleichen Schatten nur.

Matt versanken kleine Freuden
Vor der Liebe Sonnenglanz –
Nah der Liebe steht das Scheiden,
Es zerriß mir meinen Kranz.

Flattern auch…

Gertrud Storm - Weihnachten bei Theodor Storm

Gertrud Storm - Weihnachten bei Theodor Storm



Unser Vater war ein echter, rechter Weihnachtsmann, er wusste jedes Fest erst recht zu einem Feste zu gestalten. Den ganzen Zauber der Weihnacht zu übertragen. Und so feiern auch wir, seine Kinder, unsere Weihnachtsfeste ganz im sinne unseres Vaters. Der Weihnachtsbaum wird genau so geschmückt, wie er einst ihm geschmückt wurde, die Kuchen nach den althergebrachten Familienrezepten gebacken, wie sie schon sein Kinderherz entzückten. Wenn das alte liebe Weihnachtsfest wieder naht und ich mich in eine rechte Weihnachtsstimmung versetzen will, setze ich mich in der Dämmerung in einen tiefen Lehnstuhl. Von draußen wirft die Laterne traulich ein mattes Licht durch die Fenster. Ich schließe die Augen, und bald bin ich daheim in unserm großen, alten Hause in Husum in der Wasserreihe. Meine Geschwister und ich, wir sind wieder Kinder. Es wird wieder einmal Weihnachten, und wir Kinder leben in goldenen Träumen, bis das im Leben so seltene Wunder ein…

Marcella Sanden - Meinem Verführer

Marcella Sanden - Meinem Verführer



I

»Liebe Kleine, komm und nippe
von der Blume meines Kelches,
ehe ich – weiss nicht mehr welches
Mal – ihn rasch hinunterkippe!
Feueraugen, schwarze Flechten –
juch! Du wirst Dich bald bekobern!
Bist mir eine von den Echten,
die im Sturm die Welt erobern.
Ganz junonisch schön gewachsen
und entwickelt bist Du, Kerlchen!
viel zu schad für solche Faxen
wie das Basteln Perl an Perlchen!


Gott der Herr schuf Dich zur Wonne
aller Sterblichen, Marcella.
Mußt Dich zeigen in der Sonne,
doch versteht sich: a capella!«
Also sprach vor sieben Jahren
der Assessor, der im Hause
unsrer väterlichen Laren
nie gefehlt bei Tanz und Schmause;
der in unsrer Lindenlaube
sommers oft in Schlaf gesunken
und den Saft so mancher Traube
lächelnd auf mein Wohl getrunken.
Weihnacht war's, das Fest der Liebe
für die Großen und die Kleinen –
Ungekannte Sinnentriebe
wachten auf: ich musste weinen.


Alles sang, die Mutter spielte,
Urgrossmutter sass und strickte,
der Assessor aber schielte
mich bedeutsam an und ni…

Agnes Günther - Waldweihnacht

Agnes Günther - Waldweihnacht



Ein dichter Nebel lag drei Tage über dem Waldland, dann kam die scharfe Kälte, und nun hat der Wald sein schönstes Weihnachtskleid angezogen. Wie feierliche Kandelaber sind die alten Schirmtannen, die oben auf der freien Höhe stehen, nur daß sie ihren Kerzenschmuck nach unten hängen. Tief bis auf den Boden senken sich ihre Äste unter der schweren Last, die nun ein heimliches Nest bilden, von dem man sich denken möchte, daß darunter irgend ein frierendes Häslein oder Reh ein Obdach fände. Die Birken sind mit tausend und aber tausend Kristallperlen behangen, und an ihr feines Gefieder hat sich der Rauhreif angesetzt, wo ein Blattknöspchen auf den kommenden Frühling wartet, daß es läßt, als wollte der Baum mitten im Winter seinen Mai haben, aber einen silbernen. Jedes Möslein am Weg, der Dornstrauch dort, aus dessen kristallenem Gezweig noch die roten Beeren hervorleuchten, alle haben sich in köstliche Festgewänder geworfen. Wie zierlich und fein steht der Di…