Direkt zum Hauptbereich

E. Kotanyi - Laura Farina

E. Kotanyi (Else Jerusalem) - Laura Farina


Gilbert Holiday - Pferderennen in Goodwood

Das Unglaublichste geschah. Laura Farina errötete. Ihre bleiche, königliche Stirne überzog sich mit purpurner Glut, die Lippen wurden ernst und schweigsam, wie von Gottes Finger gezeichnet. Das ewige Leuchten des Triumphes erstarb in ihren Augen, und zum erstenmal zeigte sich in ihrem Gesicht, das gebrochen und hilflos aussah, der Schmerz. Um das zu begreifen, muß man Laura Farina kennen, wie ich sie kannte. Sie war das schönste Weib in Italien. Wo sie ging, schien die Sonne heißer, heller vom Himmel zu strahlen, wenn sie lachte, klang es wie der melodische Gesang dir Nachtigallen, und wer in ihr Gesicht blickte, verlor für Augenblicke seine Sehnsucht. Man drängte sich um ihren Wagen, warf Rosen und Epheu in ihren Schoß und jubelte ihr zu mit der ganzen, naiven Begeisterung eines im Schönheitskultus erzogenen Volkes. »La divina« riefen sie ihr freudig entgegen, wenn sie mit kleinen, flüchtigen Schritten durch die Gassen ging, und Männer und Frauen begrüßten sie und starrten ihr nach, bis das leuchtende, blonde Haupt ihren andächtigen Blicken entschwand.
»Sie hat kein Gefühl für den Schmerz,« sagten die Frauen und fügten neidlos hinzu, »sie ist aber zu schön, — sie kann es nicht.«
Niemand hat sie jemals anders als heiter, stolz und triumphierend gesehen, niemand — und doch — — —. Es war ein Nichts, eine kleine, unbedeutende Laune, die der Zufall sich einmal mit seinem verwöhntesten Liebling gestattete. Und dieses Nichts vollbrachte mit einem jähen Schlage das, was die verwegensten Huldigungen und die niedrigsten Schmähungen in dem schönen, hochmütigen Gesichte niemals vermocht hatten.« — Und das kam so:
Das erste Pferdrennen hatte ganz Rom vor die Thore gelockt. Ueber Lauras Haupte wölbte sich ein purpurner Baldachin, und sie saß in helle Frühlingfarben gekleidet in einem hochlehnigen, venezianischen Sessel, der mit Maiglöckchen förmlich übelschüttet war. Der Federhut wallte, die roten Locken wirbelten im Winde und sandten eine Wolke von Duft empor. Sie blickte lachenden Auges in die weiße, weite Rennbahn hinaus.
In diesem Augenblick glitt ein kleines, vierjähriges Mädchen geschickt und listig von dem mütterlichen Schoße herunter, — es machte einen Schritt vorwärts und starrte voll jähen Staunens in das schöne, strahlende Gesicht. Dann wandte sich die Kleine um und sah ihre Mutter an, die im schlichten, schwarzen Kleide freundlich verloren vor sich hinträumte. — Und jetzt wanderten die Blicke hin und her, prüfend, wägend, voll grenzenlosen, rätselhaften Staunens, die runden Blauaugen wurden größer, und etwas wie ein Fragen, Suchen und Nichtverstehen lag in den forschenden Kinderzügen.
Und auf einmal drehte sie sich um, trippelte mit kleinen, unsicheren Schritten zur Tribüne hin, wo Laura saß, blieb stehen und sah empor.
Ein kokettes Lächeln schürzte die roten Lippen, Laura wies hinab und sagte heiter: »Sieh doch, — wie putzig . . . Wie heißt du denn? fragte sie dann mit ihrer weichen, klingenden Stimme und beugte sich zu der Kleinen nieder, die noch immer in stummem Erstaunen emporstarrte.
Aber was Tausende entzückt und begeistert hätte, das ließ das Kinderherz ungerührt. Die Kleine trat einen Schritt zurück und fragte plötzlich kalt und mißtrauisch: »Du — bist Du denn auch eine — Mama?« — Und in diesem Augenblick geschah es. —
Laura Farina verstummte, sie sank einen kurzen Augenblick in sich zusammen, — dann schlug eine flammende Röte in ihr Gesicht, und zum erstenmal sah hinter der göttlichen Maske das menschliche Elend hervor.
Aber die kleine Richterin wandte sich um und trippelte eilig und ängstlich zur Mutter zurück.

Beliebte Posts aus diesem Blog

E. Jouy - Sappho oder die Lesbierinnen

E. Jouy - Sappho oder die Lesbierinnen


NACH einem ausgiebigen Bummel durch die ChampsElysées an einem jener herrlichen Frühlingstage, an denen Lebenslust und Liebreiz der Natur in gleichem Maße alles, was die Weltstadt Paris an Frauenschönheit aufzubieten vermag, zu diesen freundlichen Stätten ziehen, hatten Arthur und Karl in nur geringer Entfernung von der menschendurchfluteten Allee ein Plätzchen gefunden.
»Wie ich dir dankbar bin,« begann Karl zu seinem Freunde gewandt, »daß du mir die Augen über Déidamie öffnetest. Ohne dich wäre ich blindlings in ihre Falle gegangen. Die Dichter haben ganz recht, wenn sie die Liebe mit verbundenen Augen darstellen!«
»Genieße und du wirst ihr die Binde herabreißen. Sieh, Karl, mit der Liebe ist es wie mit der Furcht: man wird von beiden geheilt, ist man dem Gegenstande seiner Zuneigung oder Bangnis nur genügend nahe. Du hättest mir sicher nicht deine Hilfe angedeihen lassen, wenn du es nicht gewesen wärest, der mich in die Arme der Schönen getrieben…

Anna Schieber - Hilde im Schnee

Hilde im Schnee.



»So spät ist der Ernst noch gar nie gekommen, wie heute.« Hilde sah sehnsüchtig durchs Fenster in das lustige Getreibe, das Schneeflocken und Schulkinder da draußen aufführten. Die Schneeflocken tanzten eine Weile in der Luft herum, bis sie sich leicht und leise auf den Boden legten, eine zur andern, ein weißes, reines Tischtuch webend für das Christkindlein. Und die Kinder rannten jauchzend in dem Gewirbel umher, warfen einander Schneeballen zu, und da und dort zog auch schon eins den Schlitten hervor, um die frische Bahn zu probieren. Es war am Nachmittag des 24. Dezember. »Rechtes Christtagswetter gibt’s,« sagte Mine, die alte Magd, als sie das geputzte Besteck ins Eßzimmer trug. Hilde war von ihrem Fensterbänkchen herabgesprungen. Nun hatte sie doch eine teilnehmende Seele, mit der sie ein Wort reden konnte. Denn Vater und Mutter hatten heute keinen Augenblick für sie. Und Ernst kam so lang nicht. Ernst war Hildes großer Bruder. Er ging in die Stadtschule und kam n…