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E. Jouy - Sappho oder die Lesbierinnen

E. Jouy - Sappho oder die Lesbierinnen


NACH einem ausgiebigen Bummel durch die ChampsElysées an einem jener herrlichen Frühlingstage, an denen Lebenslust und Liebreiz der Natur in gleichem Maße alles, was die Weltstadt Paris an Frauenschönheit aufzubieten vermag, zu diesen freundlichen Stätten ziehen, hatten Arthur und Karl in nur geringer Entfernung von der menschendurchfluteten Allee ein Plätzchen gefunden.
»Wie ich dir dankbar bin,« begann Karl zu seinem Freunde gewandt, »daß du mir die Augen über Déidamie öffnetest. Ohne dich wäre ich blindlings in ihre Falle gegangen. Die Dichter haben ganz recht, wenn sie die Liebe mit verbundenen Augen darstellen!«
»Genieße und du wirst ihr die Binde herabreißen. Sieh, Karl, mit der Liebe ist es wie mit der Furcht: man wird von beiden geheilt, ist man dem Gegenstande seiner Zuneigung oder Bangnis nur genügend nahe. Du hättest mir sicher nicht deine Hilfe angedeihen lassen, wenn du es nicht gewesen wärest, der mich in die Arme der Schönen getrieben hätte. Ich fürchtete das Schicksal Semeles, du aber bereitetest mir das Los des Ixion.«
»Du bist nicht der erste, der darüber klagt, seine Geliebte physisch und psychisch nackt erblickt zu haben.« 
»Wirst du denn nie mit seinen törichten Aphorismen aufhören?«
»O doch! Und zwar an dem Tage, wo du feierlichst deinen platonischen Phantastereien entsagst und nach deinem Bellerophonsritt vom Rosse steigst, um hier mit den Frauen vorlieb zu nehmen, wie sie der Himmel geschaffen hat.«
»Ja, es ist nun einmal nicht so ganz leicht, mein Lieber, die Hoffnung, auf die ich das ganze Glück meines Lebens gegründet habe, so einfach aufzugeben. Du hast gut reden; ich aber bin dessen gewiß, eines schönen Tages der besseren Hälfte meines Ichs zu begegnen, deren Dasein mir die Stimme meines Herzens kündet.«
»Sag’ nur ruhig: deiner Phantasie. Ich wiederhole dir zum hundertsten Male, mein lieber Karl: das einzige Mittel, um glücklich zu sein, besteht darin, sich nicht ein Glück zimmern zu wollen, das der Natur widerstrebt. Wir haben nur unsere fünf Sinne, und jede Seligkeit, die wir auszukosten vermögen, verdanken wir stets einer mehr oder minder glücklichen Kombination dieser Sinne; ähnlich dem lieblichsten Sang und den strahlendsten Akkorden, die auch nur aus den sieben Noten, auf denen sich die Musik aufbaut, bestehen. Ein Narr, der wie du die Tonleiter der Mutter Natur umzustoßen trachtet. Das ist, hoffe ich, die höhere Auffassung; und deine Déidamie könnte sie nicht besser formulieren.« 
»Du weißt wohl selbst, was ich dir alles darauf erwidern könnte; gerade mit Hilfe meiner feinen Unterscheidung der beiden Wesenheiten im Menschen könnte ich dich führen, wohin es mir beliebt.« 
»Wenn es dir nur belieben würde, mich bis zu den beiden freien Stühlen dort in der großen Allee zu führen, dann würde ich da gern all die entzückenden Frauen Revue passieren lassen, die dort hin und her schwirren wie die Träume in deinem Kopf.«
(Man wechselt den Platz.)
»Welch reizender Blick,« begann Arthur wieder und bog seinen Stuhl zurück, so daß dessen Lehne den Baum berührte, »welch köstliche Fülle entzückender Erscheinungen! Man glaubt ein ganzes Blumenbeet in Bewegung zu sehen. Glücklich die Biene, die in dem Kelch der Rose verweilen darf.«
»Glücklicher noch der Schmetterling, der alle liebkost. Wisse, mein Seladon, daß das Studium der Frauen dem der Physik ähnelt: nur das Experiment bringt einen bei beiden weiter. Die Venus von Florenz, Houdons Diana sind Meisterwerke der Kunst; aber um die Natur so wiedergeben zu können, muß man am Akt studieren.«
»Du warst noch niemals so fruchtbar an Gleichnissen.«
»An Wahrheiten — mußt du sagen. Zu Hause im Kämmerlein bin ich der untertänigste Anbeter deiner erhabenen Weisheit; aber hier kämpfe ich auf vertrautem Boden, hier bist du mein Schüler; disce, puer, der Augenblick ist günstig: ich nehme ihn beim Schopf, um dir mit meinen Beispielen eine Lektion zu erteilen.«
»Eine Lektion im Verleumden.«
»Nur im Bespötteln.«
»Braue du nur dein Gift, ich nahm heute früh schon das Gegengift. Ich las die Lobpreisungen des Thomas.«
»Ja, da hat er eine schöne Galerie zusammengebracht. Wollen nur sehen, ob sie auch wirklich ähnlich ist. Siehst du dort die kleine Braune, die gerade auf uns zukommt? Ihre schönen dunklen Augen, in denen alle Gluten der Liebe lodern, ruhen mit dem zärtlichsten Ausdruck auf dem glücklichen Sterblichen, der ihr den Arm gereicht hat? Du kennst sie wohl dem Namen nach: es ist Adorine, die Tochter der . . . (Der Schluß dieses Satzes ist im Manuskript ausradiert.) Ich kenne die Geschichte der einen wie der anderen, aber ich möchte wissen, warum man der jungen Frau Vorwürfe machen sollte. Das Schicksal befreit sie von einem ihr verhaßten Gatten, für den keiner anders empfindet. Delsal wurde von ihr seit Jahren geliebt, und die den Fesseln der Ehe entronnene Liebe hat nicht das Recht, der ausharrenden Geduld den Lohn von vier entsagungsvollen Jahren zu weigern. —«
»Dein erstes Beispiel ist schlecht gewählt, mein armer Arthur, für einen, der davon nicht mehr weiß als du; ich weiß nicht warum, aber du siehst immer nur die eine Seite der Medaille, die Kehrseite dieser dort besteht darin, daß sie seit nahezu sechs Monaten gar nicht mehr nach Delsal fragt. Der arme Junge hatte sich, ähnlich wie du, eine ganz erhabene Theorie von der Liebe gemacht und lebte dem Wahne, sie mit seiner getreuen Adorine in die Wirklichkeit umsetzen zu können. Leider wollte es zu seiner Theorie so gar nicht stimmen, als er eines schönen Tages in der Person des kleinen Dorigny seinen glücklichen Nachfolger kennen lernen mußte; da erst kam er zur Besinnung. Um sich an seiner Liebe zu rächen, hat er sich vergangene Woche verheiratet, an demselben Tage gab Adorine aber auch schon Dorigny wieder einen Nachfolger. Dort kannst du ihn sehen; sein hoher Wuchs und sein athletischer Gliederbau verraten das Kind des Nordens. Ich kann dir gelegentlich ein paar ergötzliche Einzelheiten von dieser neuen Verbindung erzählen. Jetzt will ich dir eine ganz spaßhafte Geschichte von jenem süßen, kleinen Geschöpf berichten, das dort unmittelbar hinter Adorine daherkommt.«
»Von jener Kleinen, die kaum ihre fünfzehn Jahre alt sein kann?«
»Schon ein Irrtum Herminie ist mindestens neunzehn. Sie ist die Schülerin, Begleiterin und Freundin Adorines und ihr bereits völlig ebenbürtig. In Adorine war der Plan gereift, Herminie, deren Vermögen einzig und allein in ihrer Schönheit bestand, unter die Haube zu bringen. So glaubte sie, wenigstens für einige Zeit ihre junge Gefährtin dem Triumphzuge Amors, der ja stets den Gott der Ehe verscheucht, fernhalten zu müssen. Schließlich hatte auf diese Weise der Zollpächter Kahnbrei, in der einen Hand den Ehevertrag in der anderen sechshunderttausend Franken, unter Zustimmung Adorines, das Jawort Herminies erhalten. Die Hochzeitsfeier wurde  für acht Tage später anberaumt, während deren der Geldsack ein Fest nach dem anderen gab, das mehr durch seinen Aufwand als etwa Geschmack glänzte. Sein Unglücksstern aber wollte es, daß Présal, der graziöseste Tänzer von Paris, einen dieser von dem künftigen Ehemann veranstalteten Bälle besuchte, und zwar just vier Tage vor der Feierlichkeit, die Kahnbrei wenn auch vielleicht nicht den dauernden Besitz, so doch das Recht auf Genuß des entzückenden Mädchens sichern sollte. Présal ist im Tanzen unerreicht. Er walzte mit Herminie und verdrehte ihr dabei so völlig das Köpfchen, daß Adorine, die die Macht der Laune wohl kannte, schon die Befürchtung zu hegen begann, die Kleine würde vielleicht nicht erst die vier Tage abwarten, um eine Torheit zu begehen, deren Folgen vielleicht doch den Freier vertrieben hätten. So beeilte sie sich, die Dritte im Bunde zu werden.
›Liebes Kind‹, sagte sie zu Herminie, die sie beiseite zog, ›ich muß bemerken, daß Présal mit seinem Tanzen bei dir richtig angekommen und daß er es jetzt darauf absieht, dich zu einem Fehltritt zu verleiten. Du kennst meine Grundsätze: Verbinde stets das Angenehme mit dem Nützlichen. Also, worum handelt es sich? Wie weit seid ihr schon?‹
›Um die Wahrheit zu sagen, liebste Freundin, ich liebe Présal, ja, ich bete ihn an. Und er hat mir das Versprechen abgerungen, daß Kahnbrei nicht meine Erstlinge pflücken wird.‹
›Gut, dann mußt du Wort halten, aber, bitte, ohne dich wie ein Kind zu kompromittieren. Überlaß mir die ganze Angelegenheit, und ich führe dir deinen Geliebten am Tage deiner Hochzeit zu.‹  



DU willst nun wissen, wie das die  Damen anstellten. Als der Tag des Betruges herangekommen war, heuchelte Herminie plötzlich Gewissenbedenken und ließ ihren Zukünftigen wissen, daß in ihren Augen allein eine kirchliche Trauung der bevorstehenden Eheschließung die nötige hehre Weihe zu geben vermöchte, die, wie sie vorgab, keineswegs der nüchternen Formalität, wie sie die Umwälzung mit sich gebracht hatte, anhafte. Der gute Kahnbrei hatte gar nichts dagegen, daß seine Braut den Himmel zum Zeugen ihres Treuschwurs machen wollte. Und so ließ man gegen Abend in Adorines Heim einen ehrwürdigen Franziskanerpater, den alten Beichtvater der Damen, kommen — so sagten sie wenigstens —, und dann schritt man zu den Zeremonien, die die Kirche vorschreibt. Der fromme Mann bedeutete sogleich, daß die zukünftigen Gatten vor Empfang des Sakraments der Ehe unbedingt beichten müßten. Dem widersetzte sich Kahnbrei in sehr listiger Weise, indem er erklärte, gewohnheitsgemäß müßten die Frauen vor, die Männer jedoch erst nach der Eheschließung beichten. Um ihrer frommen Pflicht zu genügen, schloß sich Herminie eine gute Stunde lang mit ihrem Mönche in einem entlegenen Zimmer ein; es gab dies Freund Kahnbrei Gelegenheit, über die lange Dauer dieser Beichte allerhand spaßhafte Glossen zu machen, worüber sich Adorine sehr belustigte. Endlich erschien Herminie wieder, und man sah in ihren und ihres Beichtvaters Augen soviel Reue und gleichzeitig Seligkeit, daß sogar ein Freigeist wie Kahnbrei davon völlig überzeugt war; ich brauche dir hoffentlich nicht erst noch zu sagen, dass der Franziskanermönch niemand anders als Présal war, der den guten Kahnbrei nahezu gleichzeitig alle Grade im Orden der Ehemänner durchlaufen ließ, wie er ihm den Namen durch einen glücklichen Reim verschönte.«
»Kann man wirklich, wenn man ein gutes Herz hat,« begann Karl, nachdem Arthur seine Erzählung beendet hatte, »derartig leichtfertig über die finsterste und empörendste Treulosigkeit sprechen? Weißt du wohl, daß ich nächst dem, was du eine Eulenspiegelei nennst, kein schimpflicheres Verbrechen kenne, das der Strafe des Gesetzes verfallen müßte . . .?« 
»Mäßige deinen heiligen Eifer, mein Lieber, du willst wohl ganz Paris an den Galgen bringen . . . Aber ich irre mich doch nicht? . . . Da sind sie.«
»Wer denn?«
»Auf Ehre, da sind sie.«
»Wer denn, zum Teufel?«
»Na, kennst du denn nicht die drei Frauen, die da die Allee herabgeschritten kommen, alle mit einem Rosenstrauß in der Hand?«
»Doch, ja; in der Mitte das ist Déidamie, und ihre beiden Begleiterinnen sind Myrrha und Sappho . . . Donnerwetter ja. Sie erinnern mich an eine ziemlich gepfefferte Geschichte in der sie die Hauptrollen spielen, und die ich dir schon in meinem Brief von Schloß Melville zu erzählen versprach. Diese Erzählung liegt durchaus nicht außerhalb unseres Themas, und du wirst sie mit um so größerer Freude vernehmen, als sie einen griechischen Anstrich hat, den du ja so glühend verehrst. Um aber völlig die Vorzüge des Gemäldes, das ich dir entwerfen will, erfassen zu können, betrachte dir zunächst sorgfältig die Figuren: sie gehen gerade bei uns vorbei. Sag’, kennst du etwas Köstlicheres als diese Gruppe, und brauchte sich Boucher für seine drei Grazien etwa andere Modelle zu suchen? Sieh die kleine Coralie: fünfzehn Jahre und frischer als die Rose im Morgentau. Und wie verschönt gerade köstliche Schlichtheit dies reizende Köpfchen! Welche noch so künstlerische Frisur könnte erfolgreich mit diesem Gewirr von tausend Löckchen wetteifern, deren strahlender Schimmer so gut zu dem Elfenbein einer Stirn paßt, auf der die Worte Jugend und Unschuld geschrieben stehen. Die Reize Coralies erfahren einen erhöhten Glanz durch die anders gearteten Vorzüge ihrer schönen Gefährtinnen. Wie liebe ich Sapphos majestätischen Wuchs, ihr schwarzglänzendes Auge, ihren lachendroten Mund! Du ziehst ja sicher das wollüstige Schmachten, die zärtlichblauen Augen und die zarten Linien sowie die liebenswürdige Lässigkeit Myrrhas vor. Aber jeder nach seinem Geschmack. Und nun zu unserer Geschichte.
Eines schönen Morgens erging ich mich im Parke von Melville, da sah ich plötzlich diese drei Damen eine düster scheinende Allee hinabschreiten, an deren Ende sich eine Art chinesischer Tempel erhob. Ich glaubte, in ihrem Gange etwas Unruhiges, Geheimnisvolles zu bemerken; mehr bedurfte es nicht, um meine Neugier zu wecken. Vorsichtig folgte ich ihnen von Busch zu Busch und gelangte so unbemerkt zu dem Pavillon, wo ich sie eintreten gesehen hatte. Aber sie hatten ihn bereits wieder verlassen. Ich konnte ihre Spuren anfänglich nicht wiederfinden und wollte mich bereits wieder entfernen, als ich hinter einem Säulenstumpf einen kleinen, sehr schmalen Fußpfad entdeckte. Ich folgte ihm, vorsichtig die Blätter teilend, das Ohr auf das leiseste Geräusch gespannt. Der Pfad führte schließlich zu einer Grotte, wo, wie ich zunächst nur vermutete, sich die drei Nymphen verborgen hatten. Meine Vermutung ward zur Gewißheit, als ich beim Prüfen des verräterischen Bodens die dreifache Spur eines weiblichen Fußes erkannte. Um nicht bemerkt zu werden, verließ ich den Pfad und folgte dem Laufe eines Baches, der schließlich zu einem Haufen versprengter Felsen führte, hinter denen der Eingang zur Grotte lag. Ich konnte mich natürlich nicht von dem Gießbach in die Grotte tragen lassen; aber nach mancherlei Versuchen, mir einen Weg zwischen alten Baumstämmen hindurch zu bahnen, gelangte ich glücklich in eine dunkle aber genügend geräumige Höhlung von der aus ich vollständig das Innere dieses entlegenen Schlupfwinkels überschauen konnte. Das reizende Dreigespann hatte natürlich bereits die Grotte betreten. Du kennst den Schauplatz des folgenden; so kann ich mir eine Beschreibung, die nur deine Erinnerung auffrischen würde, ersparen.«
»Meine Erinnerung braucht gar nicht aufgefrischt zu werden; ich kenne nämlich die bewußte Grotte überhaupt nicht.« 
»Dann muß ich sie dir kurz skizzieren, denn das ist zum Verständnis der Vorgänge unbedingt nötig. Die Grotte ist aus einem künstlichen Fels ausgehauen, so daß man dem Zahn der Zeit sozusagen ein Schnippchen geschlagen hat. Man gelangt zu ihr unter einem kühn vornüberhängenden Felshang hinweg zwischen stachligem Gestrüpp und Felstrümmern hindurch. Die Wände dieses geheimnisvollen Raumes sind mit Moos, Efeu und Jasmin ausgeschlagen. Zur Rechten erblickt man eine Nische, in der sich auf Holzkloben das aus kunstvoll verflochtenen lebenden Pflanzen bereitete Lager des Eremiten erhebt. Gegenüber betritt der Bach die Grotte, folgt willig ihren Ausbuchtungen und verliert sich schließlich zwischen den Felsen. Gegenüber dem Eingang zur Grotte steht auf einem Moosaltan ein Betstuhl. Das wäre kurz die Beschreibung der Örtlichkeit. Ich selbst befinde mich in einer Art Fensternische mit einem Ausblick auf das Lager des Einsiedlers. Nun höre gut zu!
›Endlich sind wir ohne Zeugen, nur beobachtet von Mutter Natur und Gott Amor‹, begann Sappho.
Sie legte ihren Strohhut ab und half sodann Coralie dabei, die Blicke um sich schweifen ließ, in denen sich Beunruhigung und Furcht malten.
›Was hast du denn, mein Engelchen,‹ fuhr Sappho fort, ›du bist so aufgeregt. Bereust du es bereits, unserm zärtlichen Drängen nachgegeben zu haben?‹
›Das nicht, liebe Freundinnen,‹ erwiderte Coralie mit verschleierter Stimme, ›aber ich spüre gegenwärtig ein Herzklopfen, dessen Ursache mir nicht so recht klar ist. Wenn nun meine Tante oder sonst jemand uns hier überraschte —‹
›Aber, Kind, im Schloß schläft noch alles; sei ohne Furcht und laß es nicht zu, daß auch nur das leiseste Gefühl von Unruhe dir die Köstlichkeiten der kommenden Minuten schmälert.‹
Während dieses kurzen Zwiegespräche hatten unsere drei Nymphen auf dem Rasenbette Platz genommen, die jüngste inmitten.
›Ich habe die ganze Nacht von dir geträumt,‹ begann Sappho wieder und ergriff eine von Coralies Händen, die sie zärtlich betrachtete; ›aber anstatt mir die göttlichen Freuden vorzugaukeln, die ich bereits zweimal in deinen Armen genießen durfte, träufelten meine Träume mir das Gift der Eifersucht ins Herz: die Liebe eines Mannes hatte aus deinem Herzen den göttlichen Rausch vertrieben, den wir dich bereits kosten ließen, und der auf Erden nicht seinesgleichen findet.‹
Coralie, die ihr die Hand küßte, erwiderte: ›Hoffentlich mißt du Träumen keine Bedeutung bei, liebe Freundin.‹
›O doch, wenigstens meinen,‹ fiel da Myrrha ein, ›denn mir träumte, daß wir alle drei in einer lieblichen Grotte auf den Höhen des Gefühle den unerschöpflichen Kelch der Lust schlürften. (Sie gibt ihr einen Kuß.) Und es liegt nur an uns,‹ fuhr sie ein wenig verwirrt fort, ›diesen Traum in süße Wahrheit zu verwandeln.‹




KAUM gesagt, begann dieses Wunder mit zwei Küssen  auf den gleichen Rosenmund. Die beiden älteren Grazien gingen nunmehr an die Toilette der Kleinen, indem sie sie eilends mit allen Reizen der Nacktheit verschönten. Coralie, über und über errötend, bot sich dem Verlangen willig dar.  Indes Sappho den Seidenflaum abstreift, der das Elfenbein des Schenkels und einen schönen Fuß verhüllt, läßt Myrrha ein neidisches Röcklein zur Erde sinken, löst das Mieder, lüftet das Brusttuch und entknotet die Schnur, die den letzten Leinenschleier hält, wobei tausende von Küssen die Reize grüßen, die ihre Hände aufdecken. Mochte dieses Bild auch die Glut meiner Sinne entfachen, so konnte sie sich doch nicht mit der versengenden Leidenschaft der beiden Freundinnen messen. Muß ich es zu meiner Schande gestehen? All mein Stolz meine Liebe, meine ganze Natur wehrten sich — ach, vergebens! — gegen den Schimpf, den man ihnen hier antun wollte. Aber so stark war die Macht des Zaubers, daß ich um keinen Preis meine Rolle als Zuschauer gegen die eines Mitspielenden in dieser Szene hätte vertauschen mögen, mochte sie auch an die seligen Tage von Hellas erinnern. Kannst du dir einen Begriff von dieser Art Lust machen, Karl? Das zärtlichste Ehepaar, die verliebtesten Liebesleute können nur einen blassen Abglanz dieser Lust erreichen. Sie triumphiert erst in der Umarmung zweier Frauen. Verlangen und Liebkosungen beim Manne bergen immer etwas Besiegendes, sind plump und müssen erst eine gewisse Kälte überwinden. Wenn aber drei junge Schönheiten, deren efeuschmiegsame Arme sich zärtlich verflechten, deren schimmernd lodernde Augen gleichzeitig verebbendes und anflutendes Verlangen spiegeln, wenn drei junge Schönheiten sage ich, in jeder Bewegung durch ihre Grazie ein Gemälde schaffen, ist dies dann nicht höchste Lust? —
Coralie schien sich zuerst nicht wohl in ihrer keuschen Nacktheit zu fühlen. Aber das Gefühl der Scham vermochte nicht lange den süßen Phantasien ihrer Eigenliebe und Erregung zu widerstehen. Jedes Fleckchen ihres Körpers war Gegenstand einer Lobpreisung, Ziel einer Liebkosung. Sappho stürzt sich auf die rosigen Spitzen ihrer Brüste, Myrrha schlürft einen langen Kuß aus ihrem halboffenen Munde oder reibt  zärtlich Coralies tändelnde Zunge an der ihren zwischen dem Elfenbein ihres Gebisses. Jede bemächtigt sich sofort der Schätze, die die andere freigibt, und Coralie erlodert gleichfalls in den Gluten, die sie entfacht. Ihre kleinen Hände tasten suchend umher, beseitigen schnell die Hindernisse, die sich von etwa ihnen in den Weg stellen. Hie und da sinkt ein Kleidungsstück nach dem andern zu Boden. Ich fühlte mich als modernen Paris, auf dem Ida thronend, den goldenen Apfel in der Hand. Ich brauchte nur vor mir selbst Rechenschaft abzulegen, aber auch dies vermochte ich nicht. Man kann sich wohl zugunsten einer Juno, einer Pallas, einer Venus entscheiden: aber die Wahl zwischen einer Coralie, Sappho und Myrrha bedeutete den beklagenswerten Verlust eines zwiefachen Genusses. Meine irrenden Blicke taumelten mit stets gleicher Trunkenheit über die erwachenden Reize Coralies, die reife Schönheit Sapphos und die rührenden Züge Myrrhas. Die Liebe selbst schien Freude daran zu finden, jeder eine besondere Schönheit verliehen zu haben, die in anmutigem Wechsel zur Geltung kam.
Nach einem reichen Kußsegen brachte Sappho ein Spiel in Vorschlag, das ich als ›Pallika‹ bezeichnen hörte. In der Erwartung, daß du mir den Ausdruck nachher zu erklären vermagst, will ich es die beschreiben. Coralie mußte auf dem kleinen Rasenaltan niederknien. Sappho kniete darauf ebenfalls, und zwar zu Füßen des Altans nieder, so daß sich ihr Mund in Hüftenhöhe von Coralie befand, während Myrrha so erhöht vor Coralie zu stehen kam, daß ihre Stellung bezüglich Coralies die gleiche wie die Coralies zu Sappho war. Ich brauche dir hoffentlich den zwiefachen Vorteil dieser Gruppierung nicht noch eingehender zu beschreiben. Du konntest von meiner Nische aus den Platz, den Charakter und die Ausübung des Liebesopfers genau beobachten. Das Seufzen, die halbartikulierten Laute, die dem Munde Coralies und Myrrhas entschlüpften, und die gesättigten Zuckungen ihrer Körper verrieten die Intensität eines Genusses, an dem Sappho nun aktiv beteiligt war.
Diesem ersten Spiel folgte bald ein zweites, ungestümeres. Jede des drei Nymphen versah sich mit  einem  Rosenstock,   dessen  größte  Dornen man entfernt hatte.



Auf ein Zeichen hin wurde ich jetzt Zeuge eines Kampfes, der in viel höherem Maße die Blicke der Olympier zu fesseln verdient hätte, als wie sie dein Bramarbas Homer so oft beobachten ließ. Dort war es ein Ruhm, zu schlagen, hier, geschlagen zu werden. Myrrha wollte als erste die Arena betreten. Indes Sappho ihrer süßen Leidenschaft auf den schneeigen Schultern und den Lilienhügeln, Altären eines profanen Kultes, die Zügel schießen ließ, führte Coralie mit leichterer Hand noch flammendere Streiche gegen das zarte Gewebe von Myrrhas Alabasterbusen und verfolgte Amor mit rächender Rute sogar bis in seinen geheimsten Schlupfwinkel. Myrrha aber, ein Abbild jener todesmutigen Indianer, die in Todespein noch ihrer Henker spotten, trieb ihre holden Peiniger mit Wort und Geste an, zeigte ihnen die Stellen, die ihre Streiche treffen sollten. Ihr schöner Körper, den eine verschwenderische Natur im Glanze der Lilien erstrahlen ließ, färbte sich fast unmerklich mit leuchtendem Inkarnat, so wie man am frühen Morgen den Silbersaum des Horizontes in der Morgenröte erglühen sieht. Nun nahm Coralie den Platz Myrrhas ein und erwies sich als nicht minder mutig. In wohl zwanzig verschiedenen Stellungen zwischen ihren beiden Freundinnen sah sie, in mehr freudiger als peinlicher Erregung, den Alabaster ihrer knospenden Reize hinter einem roten Vorhang verschwinden. Nur ein Plätzchen, das Heiligtum der Liebe, entging dem Sturm im Schutze jener beweglichen Säulen, die seine Pforten zieren und gleichzeitig schließen: so machte man Coralie zärtliche Vorwürfe, ja, forderte schließlich die widerstandslose Preisgabe der heiligen, bis dahin geschützten Stätte. Das gefügige Kind ergab sich in alles: Coralie neigte ihren Oberkörper vornüber, dessen lustgeschwellte Biegung nun an einem neuen Horizonte zwei Gestirne von verschiedenen Ausmaßen und Einflüssen aufflammen ließ, deren eines, der Sonne ähnlich, glüht, Frucht bringt und Leben spendet, wohingegen das andere, gleich dem Gestirn der Nacht, nur über erborgtes Licht und unfruchtbare Wärme verfügt, sich aber nichtsdestoweniger Anhänger unter den Astronomen gewonnen hat. Diese letzte Prüfung deren sich der kleine Schächer mit entzückender Grazie unterzog, entfachte vollends die Lust zu lodernder Glut. Aber als nun ihre Freundinnen an dem Stöhnen des Opfers, dem Erschauern des jungen Körpers und dem Tasten der Hände, die absichtslos nach dem Herde des Brandes griffen, erkannten, daß es Zeit war, innezuhalten, da sprang Sappho in die Arena, nicht ohne vorher Ihre Freundinnen zu bitten, sich mit neuen Ruten zu versehen, an denen die Dornen nicht entfernt werden sollten.
Welche Farben, welch Pinsel, welch Maler könnten sich vermessen, auf einem Gemälde all die Leidenschaft, die Grazie, das Leben und die göttliche Verwirrung so zum Ausdruck zu bringen, wie sie in Sapphos Vorwurf zur Geltung kamen? Ich kann deiner Phantasie nur immer die schöne Sinnlichkeit Sapphos vorhalten, die sich in einer Art Raserei unter den Streichen der Lustruten wand und sich in tausenderlei Bewegungen den ersehnten Schlägen darbot; ihre Seele ist Flamme, deren Farben ihr Körper widerspiegelt. Und dabei leuchten einige Blutstropfen wie Rubinen auf einer Purpurmatte. Aber welcher Worte soll ich mich bedienen, um dir das Phänomen zu Vergegenwärtigen, das nunmehr vor meinen Augen sich gebar!
Du kennst ja die Geschichte von der Nymphe Salmacis und ihrer Liebe zu dem schönen Hermaphroditos. Wie sie ihn im Bade überraschte, sich anfänglich gegen ihre Empfindungen wehrte, dann ihr Gebet zu Venus und die darauffolgende Verwandlung. Nun wohl, Sappho befand sich jetzt nahezu in der gleichen Verfassung wie Salmacis nach ihrem Gebet. Dies Wunder war aber nur für mich etwas völlig Neues; es erregte unter den Freundinnen mehr Verzückung als Überraschung und gab das Signal zu neuem Liebesspiel.
Sappho, die von dem Vorteil des sich in ihr regenden neuen Geschlechtes sofort Gebrauch machte, warf Coralie auf das Rasenbett und stürzte in ihre Arme. Aber Myrrha blieb nicht müßig oder gar uninteressierte Zeugin der Glückseligkeit ihrer Freundinnen. Während einer ihrer geschäftigen Finger, von Sappho geleitet, sich bis in jenes enge Gezelt vorwagte, wo nur zu oft Amor selbst zu thronen geruht, spielte in gleicher Weise auch eine Hand Coralies an ihr, jedoch am gegenüberliegenden Orte.
Es ist schlechthin unmöglich, Karl, daß die glühendsten Zärtlichkeiten des leidenschaftlichsten Liebespaares auch nur die Hälfte des Rausches zu bewirken imstande wären, wie ihn mir nun der Anblick des seligen Trios bot. Mit welchem Genuß  betrachtete  ich  die  drei  sinnenentrückten Frauen, die wahllos Küsse tauschten und sich gegenseitig den dreifachen Stachel ihres Rosenzüngleins zwischen die Lippen stachen! Mit welcher Begeisterung sah ich den Stolz der Brust Sapphos sich an den elfenbeinernen Äpfeln Coralies brechen, die so reizvoll an ihrem Busen knospen, während ihre weißen, zierlichen Beine sich um die Hüften ihrer erglühenden Partnerin schlangen. Zwar konnte ich nicht den köstlichen Niederschlag erkennen, den die Erwartung des Genusses dem Engelsantlitz aufprägen mußte, da sie mir den Rücken zuwendete. Aber ich verfolgte und zählte die Zuckungen ihres vom fleißigen Finger Coralies elektrisierten Körpers. Und der Teil ihrer Reize, der sich meinen Blicken darbot, ersparte mir das Bedauern über das, was sich meinem Auge entzog.
 Ich möchte zu deiner vollständigen Aufklärung und zugunsten der Wahrheit meiner Schilderung noch Tausende entzückender Einzelheiten anführen, die ich aber übergehen muß, da sich der Tag neigt und mich somit mahnt, eine Erzählung zu beenden, der du sicher mit größerem Vergnügen gelauscht hast, als es deine Züchtigkeit zugeben möchte. Ich sage dir deshalb nur noch mit zwei Worten, daß Sappho nach ihrem ersten Sang mit Coralie sich einen weiteren Lorbeerkranz in den Armen Myrrhas errang.
Noch ein letzter Kuß, dann griffen die drei Nymphen wieder zu ihren Kleidern und verließen die Grotte mit dem geheimen Schwur unverbrüchlicher Liebe und Treue . . .« 


Nach der Ausgabe: 

E. Jouy
Sappho oder die Lesbierinnen
Aus dem Französischen von Balduin Alexander Möllhausen, Fritz Gurlitt Verlag, Berlin
Ohne die Radierungen von Otto Schoff 

PDF bei ngiyaw eBooks mit ausgewählten Radierungen von Otto Schoff




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