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Walter Serner - Inferno

Walter Serner - Inferno
Inferno
Ein Schreien, das widersetzlich beginnt, wenn es am laute­sten wird, vor Wut sich überschlägt und verebbend kraftlos fau­chend erliegt, schleudert aus dem Neugeborenen, das herausgepresst und herausgezerrt werden muss, eine Auflehnung, die nie wieder ganz zerbricht, oft dünn wird oder spärlich, selten häufig oder starr und die erst mit dem Tod endet, welcher ihr Recht in der Angst vor ihm metaphysisch durchfahlt. In der Geburt als Ursache schreit schon der Tod als Wirkung und die Wut, die das Leben gegen ihn verteidigt, verteidigt ihn auch gegen das Leben. Diese Auflehnung, die dort verweigert, was hier Wehrlosigkeit aufgebürdet bekam, ist das grosse Mass und dessen Pole umklammern das Schicksal. In ihm ist die Entscheidung auf Leben und Tod: den Himmel als Hoffnung zu läugnen oder die Erde als Hölle zu erleben. Vor der Zahllosigkeit jener Schwäche, die leere Gier ist und stumpfes Sorgen, starrt die seltene Kraft dieser Einzelnen, deren Grösse Qual ist. Vo…

Die Plauderstube - Andersen - Märchen

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Aus Die Plauderstube: Der silberne Schilling, Ein neues Mährchen von Andersen.


Als PDF, ePub, mobi und azw3 (KF8)

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Alle ePubs in dieser Reihe wurden von Hans-Jürgen Horn erstellt.

Walther Kabel - Die Aschenurne

Walter Kabel - Die Aschenurne

Ellinor Boege, die schöne Ellinor, war gestorben. Ganz plötzlich. An einer Lungenentzündung, vier Tage nach einer nächtlichen Autofahrt durch den Tiergarten, die leider ich selbst als Abschluß nach dem vergnügten Abend im „Rheingold“ vorgeschlagen hatte, ohne darauf zu achten, daß der Tülleinsatz von Ellinors Bluse so spinnwebdünn war und ihr Abendmantel so tiefen Ausschnitt hatte. Was half es da in der kalten Nacht, daß sie den Kragen hochschlug! Der scharfe Zugwind während der Fahrt ließ sie oft genug zusammenschauern, wie ich sehr gut bemerkte.
Aber auf meine besorgte Frage, ob der Chauffeur die Geschwindigkeit nicht mäßigen solle, lachte sie nur ihr silberhelles Lachen und stieß ihren Gatten übermütig in die Seite: „Du, Schnubbi, Karlchen hat schon wieder Angst um mich! – Aber ein lieber Mensch sind sie doch, Karlchen!“ Und dann streckte sie mir die Hand so harmlos kameradschaftlich hin und drückte meine Finger recht kräftig, damit ich ja auch fühle, ei…

Maria Lazar - Waldemar Bonsels und das deutsche Insekt

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MARIA LAZAR - WALDEMAR BONSELS UND DAS DEUTSCHE INSEKT


Um es gleich zu gestehen: ich bin nur halb gebildet. Ich habe das vielleicht am meisten gelesene Buch Deutschlands, ein Buch, das sechshundert Auflagen hat und in allen Sprachen übersetzt ist, ich habe die »Biene Maja« bloß zur Hälfte gelesen. Es mag eine Eigenart von mir sein, aber mir ist eine Biene, die nach Art deutscher Touristen die Natur bewundert, nicht ganz angenehm, und wenn ein Rosenkäfer Peppi heißt (nämlich wirklich Peppi mit zwei p), so kann mich das geradezu unglücklich machen. Man hatte mir gesagt. Waldemar Bonsels sei ein Dichter der Natur. Er sei sogar imstande, sich in die Seele einer Biene zu versenken. Groß­artig, dachte ich, da kann man einmal etwas von den Bienen erfahren. Aber, o weh, die Seele der Biene Maja glich aufs Haar der einer Pastorstochter aus Wermelskirchen, ein bißchen neugierig, ein bißchen patriotisch, der Rosenkäfer machte gleich nach den ersten Seiten die reinsten Hausherrnszenen, als wohnte e…

Arnold Hagenauer - Das Geigengespenst

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DAS GEIGENGESPENST
Von Arnold Hagenauer



So oft der blasse, schlanke Jüngling die Geige spielte, vergaß er allen um sich herum, er lauschte nur mehr den Tönen, die er den Saiten entlockte und folgte ihnen, wenn sie über Berg und Tal in das Land seiner Träume dahinschwebten. So legte er seine ganze Seele in das Instrument und sein Leben in die schmeichelnden Töne, die unter seinem Bogen hervorquollen und ihn mit sanften Händen umfaßten und bestrickten, so daß er ihnen nimmermehr zu entrinnen vermochte. Als er eines Tages am Fenster stand, gerade als die Sonne unterging, blickte er über die blühenden Hollundersträuche seines Gartens weg auf die fernen Dörfer und auf die braunen Hügel, über die wogenden Kornfelder hinaus, bis dort, wo der Rand des Himmels auf die Erde stößt. Es hatte geregnet. Noch rieselte es schwer von allen Blättern nieder, ein frischer Hauch zog durch die Wipfel der Bäume, in denen sich die Vögel mit erquickten Kehlen ihre Abendgrüße zusandten. Da erfaßte den Jüngling e…

Johann Most - Die Eigentumsbestie

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Johann Most - Die Eigentumsbestie
1887 (New York)



Der Mensch ist unter den Raubtieren das schlimmste. Das ist ein Ausspruch, den heutzutage viele tun, der aber nur bedingungsweise richtig ist. Nicht der Mensch als solcher ist ein Raubtier, sondern nur der Mensch in Verbindung mit Reichtum. Je reicher der Mensch ist desto stärker ist seine Gier nach weiterem Vermögen. Solch ein Untier, welches man Eigentumsbestie nennen kann, und das gegenwärtig die Welt beherrscht, die Menschheit unglücklich macht und mit dem Fortschreiten der sogenannten "Zivilisation" an Grausamkeit und Schlingkraft gewinnt, soll im Nachstehenden gekennzeichnet und der Ausrottung empfohlen werden.

Blickt Euch um! In jedem sogenannten "Kultur" - Lande gibt es unter je hundert Menschen etwa 95 mehr oder minder vollendete Habenichtse und ungefähr fünf Geldprotzen. Es ist nicht nötig, alle Schleichwege aufzusuchen, auf denen die Letzteren ihr Vermögen erworben haben. Der Umstand, daß sie Alles besitzen,…

Karl Schönherr - Die »Lehrerin«.

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Karl Schönherr - Die »Lehrerin«.



Gestern habe ich ein ganz nettes, bedeutungsvolles Genrebildchen gesehen. Da steht in der Gasse gegenüber meinem Fenster ein etwas baufälliges Haustor weit offen. Dahinter gähnt ein dunkler Flur. Vor dem Tor steht ein kleines, etwa vierjähriges Bübel, an dem man es wieder einmal so recht deutlich sehen konnte, daß der Mensch aus Erde und Lehm gemacht ist. Der Kleine benützt das Tor als Schreibtafel. Der rechte Zeigefinger dient ihm als Feder. Aus dem Boden in einem Grübchen ist Straßenkot zu Brei gerührt; das ist die Tinte, in die der Junge dann und wann die »Feder« taucht. Er hat im Eifer des »Schreibens« die Zunge ängstlich zwischen die Zähne gestemmt und schielt immer wieder kleinverzagt nach hinten.
Ein etwa fünfjähriges Mägdlein sitzt ängstlich zusammengeduckt aus dem Wehrstein nebenan und hält die Hände — zwei liebweichpatschige, schmutzige Pfötchen — nach braver Schülerart schön flach aus einen umgestürzten blechernen Margarinkübel. Auch sie wende…