Montag, 6. Juli 2020

Kyau-Haku-Sai - Die Erzählungen des Alten

Kyau-Haku-Sai - Die Erzählungen des Alten.

Die Erzählungen des Alten.
   Erzählung von Kyau-Haku-Sai.
  Aus dem japanischen von Paul Enderling  
Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart und Leipzig,1905


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Bearbeitet von Hans-Jürgen Horn


    I. Von den verzauberten Füchsen.

  Der Alte sprach: »Ja Regennächten bleibt man gern zu Hause; denn man kennt zuviel Geschichten von den Füchsen die sich zu solcher Stunde in den Ebenen des Nordens in verzauberter Gestalt zusammenfinden, um die Menschen zu verführen. Sie verwandeln sich in liebliche Gaishas oder schöngewandete Tänzerinnen und locken sie zu den Orten der Freude.
   In diesen Gegenden gab es einmal einen großen Gelehrten, der in solch einer Regennacht mit fünf oder sechs Schülern zusammensaß und ihnen sagte: »Wenn ihr jetzt in die Felder geht, werden euch sicherlich in Tänzerinnen verwandelte Füchse begegnen.«
   »Meister!« sagten die Schüler darauf, »du hast ans doch immer gelehrt, dass der Weise die Gefahr nicht vorwitzig aufsucht. Wie sollten wir jetzt dieses tun?«
   »O, ihr Toren!« sprach der Gelehrte lächelnd. »Wenn ihr dorthin geht, wißt ihr doch, dass die Füchse nur Füchse sind und seid nur furchtsam, weil ihr nicht wißt, welche Schlinge euch gelegt ist. Die Füchse bleiben Tiere, kennen nicht der Menschen innerstes Wesen und können ihnen also doch auch nicht sonderlich gefährlich werden.
   Weit schlimmer sind die wirklichen Gaishas, die das Menschenherz kennen und tausenderlei verführerische Mittel anwenden, um den Mann zu umgarnen. Ist es da nicht weit gefährlicher, wenn Menschen wie ihr gedankenlos und lachenden Auges diesem furchtbaren Zauber gegenübertreten und wiederum vor jenen Füchsen sich ängstigen, die doch eigentlich so harmlos sind ?«
   Da erröteten die Schüler und gelobten, fortan nur noch ihren Studien zu leben.
   Ein altes Sprichwort sagt: »Das Böse kommt nicht vom Himmel, sondern vom Weibe.«


   II. Des Oheims Rat.

  Ein Jüngling aus vornehmer Familie lebte nur den Vergnügungen und warf sein Geld mit beiden Händen fort, als wenn er es gefunden hatte. Auf die Bitten und Ermahnungen seiner Eltern und Freunde hörte er nur mit halbem Ohr und ging den alten Weg weiter.
   Sein Oheim, ein lebenskundiger Mann, bat ihn eines Tage zu sich und zeigte ihm nach längerem Plaudern ein Lackkästchen, worauf »Sparbüchse« stand.
   »Im Buch der Blumen las ich von einem Mann, der jedesmal, wenn er im Begriff war, 100 Unzen auszugeben, nur 80 ausgab und die übrigen 20 in die Sparbüchse tat; bei 200 gab er nur 160 aus und legte 40 zurück usw., so daß er also zwei Zehntel seiner Ausgaben ersparte und allmählich wohlhabend wurde.
   Tue du nun desgleichen! Lege 20 Unzen von 100, die du dem Vergnügen widmen wolltest, in dies Kastchenl Dann wirst du bald Freude am Sparen haben und gern auf manch Vergnügen verzichten.«
   Mit diesen Worten gab er ihm die Sparbüchse.
   Der Neffe dankte und versprach, dem weisen Rat zu folgen.
   Nach etwa vierzig Tagen ein ein alter Diener betrübt zum Oheim und erzählte, daß der Jüngling seit jener Unterredung weit verschwenderischer als früher lebe und jetzt vor dem Nichts stünde. Am selben Abend noch rief er ihn zu sich und fragte zornig, warum er sich trotz seiner Versprechungen nicht gebessert hätte.
   »Ich habe deinen Rat getreulich befolgt, lieber Oheim« —- bekam er zur Antwort. »Denn es macht wirklich Vergnügen, das Geld im Kasten sich vermehren zu sehen. Ich habe stets zwei Zehntel meiner Ausgaben dem Kästchen abgegeben: so habe ich vorgestern von 100 Unzen 20, gestern von 500, die ich dem Vergnügen zu opfern gedachte, 100 und heute von 300 volle 60 Unzen erspart.
   Diese Ersparnisse, die ich so nach und nach machte, konnte man aber doch keine ordentliche Summe nennen. Da dachte ich mir: Besuche bis zum Frühling eifriger als vorher die Orte des Vergnügens, Tag und Nacht, und lege immer zwei Zehntel deiner Ausgaben zurück, dann wird das Kästchen bald gefüllt sein!!
   So tat ich auch und bin also mit Eifer deinem Rate gefolgt. Zürne mir also, bitte, nicht!« . . .
   Ein altes Sprichwort sagt: »Die beste Arznei wird in der Hand des Pfuschers zu Gift.«

Montag, 18. Mai 2020

Georg von der Gabelentz - Der Dämon des Todes

Georg von der Gabelentz - Der Dämon des Todes

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Der Dämon des Todes winkte seinen Geiern und gebot: »Fliegt noch einmal über die Erde! Ihr tatet euer Werk nur schlecht, denn noch ist Leben auf ihr. Ich kann nicht eher schlafen, als bis sich dort unten für eure Schnäbel nichts Lebendiges mehr findet.«
Da breiteten die Geier gleich dunklen Wolken ihre mächtigen Schwingen und flogen davon und ihre spähenden, scharfen Augen schossen wie Blitze vor ihnen her.
Die Geier hießen Elend, Haß, Neid, Wahnsinn.
Der Geier Elend schwang sich den Menschen auf die schmerzenden Schultern, daß sie unter seiner Last mit müden Knieen zusammenbrachen und sterbend in die Grube am Wege fielen.
Der Geier Haß setzte sich heimlich anderen auf die Faust, daß sich diese zornig zusammenballte und die Menschen ahnungslos, daß der Geier des Dämons ihnen die willenlose Hand führte, nach Waffen griffen und einander in sinnlosem Kampfe erschlugen.
Der dritte Geier krallte nachts seine scharfen Klauen den Schlafenden in die Brust, daß sie aus ihrer Ruhe aufführen, daß sie mit scheelen Blicken rechts und links auf den Nachbarn sahen und alle ihre Gedanken immer wieder nach dem einen Ziele schickten wie sie sich des anderen Besitz aneignen könnten. Darüber bemerkten sie nicht, daß sie Schritt für Schritt ihrem Untergange zuliefen.
Der Geier des Wahnsinns aber sprang wie ein kalter und dunkler Schatten den Menschen aufs Haupt, schlug ihnen seine dichten Fittiche über die Augen, daß sie blind wurden und hämmerte ihnen mit dem Schnabel auf den Schädel. Da wurden im Gehirn alle Träume und Tollheiten wach, daß die von dem Tiere Befallenen zu lachen zu tanzen und zu weinen begannen und zum Schlusse unter Zuckungen zu Boden fielen und gleichfalls starben.
Keiner der Vögel gönnte sich Rast.
Viele tausend Jahre rauschten über die Erde hin, und sie waren den Boten des Dämons wie eine einzige Minute.
Endlich kehrten diese mit müden Schwingen heim vor den düstern Saal ihres Herrn. Ihre scharfen Schnäbel waren stumpf geworden von der harten Arbeit. Auf der Erde aber war auch nicht ein Fußbreit Landes, auf dem sie sich hätten niederlassen können, ohne über einem Grabe zu sitzen und den Moder der Verwesung zu spüren denn tausend mal tausend morsche Gebeine düngten den Boden.
Als die Vögel mit ihren Schnäbeln an das eherne Tor des Palastes klopften trat der alte Dämon des Todes zu ihnen. Die Kälte eines eisigen Schneefeldes strahlte von seinem weiten Mantel aus. Seine Stimme hatte keinen warmen Klang, und in seinen Augen lag kein Licht.
»Was bringt ihr mir?« fragte er seine Boten. »Werde ich nun endlich Herr sein über die Erde? Tragt ihr endlich das große, das ewige Schweigen zu mir herauf, damit ich ruhen kann?«
Da antworteten die Geier mit heiseren Stimmen einer nach dem anderen:
»Ich schleppte das Elend auf die Menschen.«
»Ich schenkte ihnen den Haß.«
»Und ich säte Neid.«
»Ich aber pflanzte den Wahnsinn ihnen ins Hirn.«
»Ihr tatet recht,« nickte der Dämon.
»Das Elend, das ich brachte, erdrückte langsam die einen,« begann der erste Geier von neuem.
»Rasch tötete der Haß die anderen,« fuhr der zweite fort.
»Neid fraß die meinen.«
»Und meine zerbrach der Wahnsinn wie morsches Holz bricht,« also sprach der letzte der Boten.
»So bin ich endlich Sieger über dieses Geschlecht kluger Zwerge geworden?« fragte der Dämon und reckte sich empor im Gefühl des Stolzes, daß sein Haupt fast die eherne Decke des Saales berührte.
Die Geier aber entgegneten und sahen dabei zu Boden als fürchteten sie sich.
»Herr, du bist noch nicht Sieger! Wahr ist’s, Tausende nach Tausenden streckten wir hin, wir überflogen die höchsten Mauern stolzer Schlösser, wir brachen den festesten Harnisch, wir fanden den Menschen selbst im tiefsten Versteck vergessener Hütten.
Doch da begegneten wir plötzlich einem Stärkeren und seiner Kraft gegenüber waren wir machtlos.
Wo er erschien entfiel dem Hasse der Dolch, dem Neid versiegte das Gift, dem Elende nahm er die zermalmende Schwere und selbst dem finstern Wahnsinn stahl er seinen Schrecken. Wo jener Gott war, da gewannen die Wesen neue Kraft und neues Leben. Aus Leid selbst wurde ihnen Lust. Immer neue Geschlechter ersetzten die vernichteten, immer neue. Müde sind wir vom fruchtlosen Morden!«
Da drohte ihnen der Dämon des Todes, und seine Gestalt bebte vor Zorn.
»Rastet nicht, ihr Verfluchten! Kehrt wieder hinab auf die Erde und an euer Werk!«
Er streckte seine Hand befehlend über die Vögel aus, daß diese, einer nach dem anderen die langen Flügel breitend, sich emporhoben in die Luft und von neuem durch die Wolken auf die Erde hinabschossen.
Der Dämon aber schloß die dröhnende Erztür seines Palastes und kehrte gebückt, mit langsamen Schritten in den Saal zurück, und seine Lippen murmelten:
»Gott der Liebe! Noch immer bist du stärker als ich! Ich muß wohl noch einmal tausend mal tausend Jahre warten!«

Aus: Georg von der Gabelentz, Das weiße Tier, Novellen, Verlag von Egon Fleischel & Co., Berlin, 1904

Samstag, 2. Mai 2020

Annemarie Schwarzenbach - Kurdenkinder

Annemarie Schwarzenbach - Kurdenkinder

Photo: Annemarie Schwarzenbach


Wir treffen sie im Elbursgebirge, ganz im Osten, wo es weit und breit keine kurdischen Stämme gibt. Sie sagen uns, daß ihre Eltern an einem Aufruhr beteiligt waren und mit vielen anderen ums Leben kamen. Die Kinder hat man deportiert, und hier leben sie nun, ohne Angehörige, in diesem fremden Gebirge, in rauhem Klima, sie haben niemals genug zu essen und frieren so, daß ihnen beim Sprechen die Zähne aufeinander schlagen; sie tragen noch die hübsche Tracht ihres Volkes und sprechen ihren kurdischen Dialekt. Wenn sie die harte Jugend, die schweren Entbehrungen überstehen, werden starke, widerstandsfähige Leute aus ihnen werden.

Quelle: Zürcher Illustrierte, 10 (1934) Heft 31

Annemarie Schwarzenbach - Anatolische Zigeunerin

Annemarie Schwarzenbach - Anatolische Zigeunerin


Photo: Annemarie Schwarzenbach


Zigeuner gibt es im ganzen Orient, und überall treten sie als Musikanten, Tänzer und Gaukler auf. Dieses kleine Mädchen ist eine berufsmäßige Bettlerin und sammelt in ihrem großen Sack Lumpen, Papier und was man ihr gibt, um es dann im Bazar zu verkaufen oder gegen ein wenig Nahrung einzutauschen. Sie ist selbstbewußt, böse und stolz. Das Leben behandelt sie mit Härte, nun begegnet sie den Menschen ebenso. Fragt man sie, woher sie stamme, so schüttelt sie abweisend den Kopf: sie hat keine Heimat und gehört in kein Land. Der Staat bedeutet ihr eine Einrichtung mit Polizisten und Grenzen — beides für sie gleich unangenehm und überflüssig!

Quelle: Zürcher Illustrierte, 10 (1934) Heft 31

Montag, 2. März 2020

Matthias Blank - Vom Tode zum Tode

Vom Tode zum Tode
Kleine Geschichten von Matthias Blank
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Klein-Lieschen

»Heisa, Heisa, schlaf Kindlein, schlaf ein!«
Klein-Lieschen saß auf der Wiese am Ufer des Baches im Gras und sang und wiegte mit ihren mageren Aermchen die Puppe. Immerfort sang sie und wurde nicht müde dabei.
Lieschens Puppe aber hatte keine Schlafaugen, wie die der reichen Kinder, hatte auch keinen schönen feinen Porzellankopf mit echten Haaren zum Kämmen, konnte auch nicht »Papa«, »Mama« schreien, wenn man sie auf den Bauch drückte; Lieschens Puppe war derb, aus Holz geschnitzt und mit Farben bunt bemalt.
Doch hatte Klein-Lieschen ihre Puppe so lieb, lieber noch als wäre sie aus Porzellan gewesen, mit Schlafaugen und echtem Haar. Dafür war sie auch Kleinlieschens Puppe und Kind.
Sie hatte diese gar zu lieb!
»Schlaf Kindlein, schlaf ein!«
Stadtkinder kamen, solche mit Holzreifen, schönen großen Bällen, Mädchen mit seidenen, knisternden Kleidern, Wägelchen und Sprechpuppen. Klein-Lieschen aber sah sie nicht einmal an und sang unverdrossen ihr Wiegenlied.
»Schlaf Kindlein, schlaf ein!«
»Ach, was hast Du für ’ne garstige Puppe?«
Alle Stadtkinder standen um Klein-Lieschen, gafften sie an und lachten dabei. Diese aber drückte ihre Puppe noch fester an sich, als wollte sie diese schützen
»Laß doch das häßliche Ding mal ansehen!«
»’S ist meine Puppe!«
»Zögernd hatte es Lieschen gesprochen und ganz leise.
Einer von den Jungen aber, der Kurmacher der Mädchen, der mit dem samtenen Anzug und den gelben Stiefeln, mit dem Spazierstöckchen und silbernem Knopfe, trat dicht vor Lieschen hin:
»Deine Puppe kann wohl gut schwimmen und ersäuft gar nicht. Die muß man mal schwimmen lassen!« »
Er lachte dabei, aber nicht so grob und laut, wie Klein-Lieschen vielleicht gelacht hätte, sondern so vornehm, so selbstbewußt, wie er es den grossen Leuten in der Stadt schon abgeguckt hatte. Da lachten jetzt auch die andern alle mit, klatschten in die Hände und jubelten:
»Ja, schwimmen muß sie!«
Klein-Lieschen biß trotzig die Zähne zusammen und hielt ihre häßliche Puppe noch fester umklammert.
Aber die Stadtkinder waren zu viele, packten sie fest und hatten auch bald die Puppe genommen. Der Junge aber mit dem samtenen Anzug und den gelben Stiefeln schleuderte sie in weitem Bogen in den Bach.
»Hurrah, sie schwimmt!«
Alle konnten so herzlich lachen.
Nur Klein-Lieschen nicht; sie schrie aber auch nicht und weinte nicht, sondern stand nur auf und stapfte dem Bache zu ihrer Puppe nach. Verlangend streckte sie die Aermchen aus, als die Puppe auf den Wellen schaukelte. Doch konnte sie ihr Püppchen so nicht erreichen. Da machte sie noch einen Schritt und noch einen und — —; aber die Wellen, die trugen sie nicht, sondern zogen Klein-Lieschen in die Tiefe hinab.
Als die Stadtkinder dies sahen, da schrieen sie laut und liefen davon.
»Was mußte die dumme Trine wegen so ’nem Holzklotz auch in das Wasser laufen!« meinte später der große Junge mit dem samtenen Anzug und den gelben Stiefeln.
Eine Mutter aber weinte sich über Klein-Lieschen die Augen blind — — —


Lügen

Sie liebten sich und durften sich nicht lieben, denn sie war eines Andern Frau.
Da beide zu ehrlich waren, um betrügen zu können, zugleich aber davor zurückschreckten, um ihrer Liebe willen die Verachtung der Welt zu ertragen, so trennten sie sich. Sein Weg führte in die weite Welt hinaus, während sie bei ihrem vor Gott und Gesetz ihr angetrauten Gatten zurückblieb.
Sie that wie bisher, was die Pflicht von ihr forderte, gab dem Gatten ihren Leib, während ihre Seele bei dem Geliebten weit in der Ferne weilte. Er dagegen jagte unbefriedigt in seiner Sehnsucht umher. — Die Jahre eilten dahin.
Und da fand er wieder das Weib, das er geliebt. Jetzt war sie frei. Denn der Gatte war schon gestorben. Sie selbst aber lag im Bette, hohlwangig, mit verlöschenden Augen, fahl wie der Tod. Er ging gebückt unter der Last seiner Jahre und auf seinem Haupte lag der Schnee des Winters.
So hatten Sie sich gefunden und als sich ihre Blicke kreuzten, sagte er:
»Unsere Liebe war die größte, da wir entsagen konnten und der Pflicht mehr gehorchten als unseren Sinnen.«
Sie antwortete: »Ich bin glücklich, weil ich entsagen durfte und im Angesichte des Todes mich frei fühle von jener Sünde . . .«
Die Beiden schwiegen und fühlten nicht, daß die Lüge ans ihnen gesprochen hatte, um die Reue nicht laut werden zu lassen.
Und über die Lügen der Beiden schritt der Tod hinweg und nahm ihr Leben in einer Nacht — —


Aus: Jugend, 1905

Sonntag, 1. März 2020

Wilhelm von Chézy - Die Brautnacht in der Gruft

Die Brautnacht in der Gruft.

Ein Schattenriß von Wilhelm von Chézy.


Damen-Zeitung.
Ein Morgenblatt für die Elegante Welt - 1831.

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Bearbeitet von Hans-Jürgen Horn
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In schauerlicher Größe zeichneten sich die dunkeln Umrisse des alten Schlosses am Nachthimmel ab; der aufgehende Mond malte den Schatten des schlanken Thurms in die Herbstnebel der stillen Luft, und das Gebäude, welches mir von ferne als freundliches Asyl gewinkt, machte in der Nähe einen so grausenhaften Eindruck auf mich, daß ich fast entschlossen war, umzukehren , und auf gut Glück in der öden Gegend weiter zu reiten. Doch ein Blick auf mein müdes Roß gab mir meinen Muth wieder, denn ich schämte mich des Zagens, dem ich eben den treuen Gefährten meiner Irrfahrten zum Opfer bringen wollte, und so näherte ich mich keck den düstern Mauern, auf die Gefahr hin, in eine Räuberhöhle zu gerathen. War ich doch für den Nothfall wohl bewaffnet, und wie geziemte Furcht einem Soldaten, der seit seinem vierzehnten Jahre Heim und Panzer getragen, und unter des großen Torstenson Fahnen zum Jüngling und Mann gereift war? Ich klopfte an das Thor laut und stürmisch, und bald fragte eine grämliche Stimme nach meinem Begehren.
»Ein verirrter Reisender, der um eine Nachtherberge bittet!« rief ich.
»Gleich! « entgegnete der Pförtner. Das Thor knarrte in den rostigen Angeln, und beim matten Schein einer Kienfackel erblickte ich einen gebückten Greis, der mir in’s Antlitz leuchtete. Von seinem Arm wehte ein langer Trauerflor in die Zugluft mit unheimlicher Begrüßung mir entgegen. Ein Knabe führte mich, auf den Wink des Alten, in den innern Hof; dort empfing mich ein Diener, der mein Roß übernahm, indeß der Knabe mich über eine Wendeltreppe zu einem Saal leitete, in dem zwei schwarze Gestalten bei einem Tisch saßen und kaum aufblickten, als mein Führer: »ein Gast!« rief.
Mit soviel Höflichkeit, als ich nur immer im Lager erlernt hatte, nahte ich mich den Beiden, einem ernsten Mann und einer blassen Frau, und entschuldigte meine späte Ankunft mit der Noth eines Verirrten.
»Ihr kommt in’s Haus der Trauer, und wir können Euch nicht die heitere Gastfreundschaft gewähren, die ein junger Kriegsmann so gerne findet. Doch soll Euch von den Bedürfnissen des Leibes nichts abgehen,« sprach der Burgherr mit sanfter und doch dabei so volltönender Stimme; die Dame wandte sich auch zu mir, und entschuldigte, was etwa die Hausfrau versäumen möchte, mit dem Schmerz einer betrübten Mutter. Ich setzte mich zu Beiden, und entgegnete:
»Für meine Bedürfnisse ist bald gesorgt, denn ich selbst bin nicht gar müde, und zu sehr der Strapazen gewohnt, um schon so ermattet zu seyn, wie Ihr voraussetzt. Meine größte Sorge war mein Gaul, und der ist gut aufgehoben. Ueber mich habt Ihr zu gebieten, ob ich Euch allein lassen, ob ich mit Euch einige Stunden oder die ganze Nacht verplaudern soll. Es würde mir lieb seyn, wenn Ihr einigen Trost darin fändet, mir den Anlaß Eurer Trauer mitzutheilen, denn wo ich einkehre, bin ich gewohnt, mich für die Zeit meines Aufenthaltes als ein Glied der Familie zu betrachten, und verlange meinen Theil am Schmerz so gut wie an der Freude des Hauses!«
Ein leichtes Lächeln überflog die betrübten Mienen der Dame, und sie erzählte mir, indem neue Regenschauer von Thränen den Sonnenblick des Wohlwollens bald wieder umhüllten, daß ihre einzige Tochter am vorigen Tage plötzlich gestorben sey. »Meine Emma,« sprach sie, »war unsere letzte Hoffnung, denn von unserm Sohn, dem wilden Soldaten, haben wir seit drei Jahren keine Nachricht, und bemühen uns seit dem Friedensschluß vergeblich, nur die Gewißheit seines Todes zu erhalten!«
»Dann ist es ja möglich, daß er irgendwo in der Ferne noch lebt, ohne daß es ihm bisher vergönnt war, Euch Nachricht zu geben, denn die Wechselfälle des Krieges sind mannichfach und spotten jeder Berechnung!« tröstete ich.
Die Dame schüttelte das Haupt, aber die Lippen zuckten doch in einem kaum sichtbaren Lächeln der Hoffnung. Ich fragte weiter, wo ihr Sohn gedient? Sie nannte mein Regiment und einen wohlbekannten Namen. — Freudig rief ich:
»Freiherr Baldenstein war ja lange Zeit mein Lieutenant, ich hab‘ ihn noch vor einem Jahr in Sachsen gesehen, von wo aus er damals mit Aufträgen des Kanzlers nach Stockholm abging. O, wir waren treue Kameraden! Wie oft hat mir das gute Herz von seinen Eltern erzählt, von seiner schönen Schwester, und wie oft sagte er in freundlichem Scherz zu mir: »Berthold , Du wirst Doch noch mein Schwager!«
»Jetzt ist sie mit dem blassen Tod vermählt, die süße Rose!« seufzte der betrübte Vater, und fügte hinzu, daß Edgar im vollsten Ernst an eine Verbindung seiner Schwester mit dem tapfern und schönen Obristen Berthold gedacht, und ihnen vorläufig davon geschrieben habe, mit der Bitte , seine Schwester (wenigstens nicht gegen ihre eigene Neigung) ja nicht zu verloben, bevor sie Berthold gesehen.
So war ich gleichsam ein alter Freund, und die Mutter bat mich, ihr noch mehr von ihrem Edgar zu erzählen; ihre Hoffnung rankte sich immer freudiger an meinen Berichten empor, so daß in der Erwartung einer freudigen Zukunft die trübe Gegenwart versank, und beide Eltern mit mir ein heitreres Mahl hielten, als sie wenige Stunden vorher hätten erwarten dürfen. Die eilfte Stunde hatte bereits geschlagen, als der Freiherr mich ermahnte, zur Ruhe zu gehen; er selbst wollte in dieser Nacht die letzte Todtenwache bei seinem Kind halten, weil er keinem von der rohen und abergläubischen Dienerschaft dieß geheiligte Amt anvertrauen mochte. Ich erbot mich, seine Stelle zu vertreten, — er sah mich groß an und schüttelte das Haupt, bis die Hausfrau, in liebender Besorgniß für die Gesundheit des Gatten, ihre Bitten mit , — den meinigen vereinte, und zuletzt durch den Beweis, daß ich als bezeichneter Freier Emma’s eine Art Verpflichtung zu dem letzten traurigen Dienst hätte , den Streit entschied.
Der Freiherr führte mich selbst in die gothische Kapelle, wo neben dem Eingang zur Gruft, dem letzten Hafen der Besitzer des Schlosses, auf einem prächtigen Paradebett die jungfräuliche Leiche ruhte. Mit , verschränkten Armen stellte er sich zur geschmückten Braut des Todes, betrachtete die geliebten Züge, blaß wie die weißen Rosen ihres Kranzes, welcher den langen Schleier über den goldenen Locken festhielt, und seufzte:
»Hienieden seh’ ich nicht mehr Dein Erwachen!«
Während dessen hatte ein Diener den Armleuchter, eine Flasche Wein und ein Gesangbuch auf die Stufen des Hochaltars gestellt, und Beide entfernten sich stumm. Ihre Schritte verhallten in den Wölbungen der Kapelle, und ich war, in schauerlicher Stille, allein mit der leblosen Hülle Emma’s. Zum erstenmal fühlte ich in meinem Leben den hohen Ernst des Todes, wie ich ihn nie empfunden, so oft ich auch nächtlicher Weile auf dem Schlachtfeld bei den Erschlagenen die einsame Wache gehalten, oder zwischen und auf Leichen — ermattet von der Blutarbeit eines heißen Tages — auf den schauerlichen Polstern entschlummert, von Frieden und Glück geträumt hatte. Hier aber, unter dem Schatten der Spitzbogen , deren steinerne Blumen und Zacken bei dem matten Scheine der Kerzen und der Alabasterampel in wunderbare, unheimliche Formen sich gestalteten, und durch das Flackern der leichten Flammen ein gespenstisches Leben erhielten, — an dem Eingang zur Gruft, aus deren Dunkel eine lange Reihe von Särgen in verschwimmenden Umrissen heraufdämmerte, —- neben dem bekränzten Opfer des unerbittlichen Geschicks, hier erfaßten mich alle nie geahnten Schauer des Todes, und ich starrte in die Gruft, als erwartete ich das Heraufsteigen der Geschiedenen, deren Geister den neuen Gast willkommen heißen sollten, dem kecken Fremdling zürnend, welcher sich in ihre Behausung drängte und Abschied von der Rose nahm, auf die er kein Recht mehr besaß, seit sie die Farbe der ewigen Verheißung für den Purpur des vergänglichen Lenzes eingetauscht hatte.
Lange starrte ich hinab in die Gruft, und meisterte, wie der afrikanische Jäger den jungen Leu’n, durch meinen festen Blick das mir so m neue Gefühl des Entsetzens; dann ließ ich mich auf den Stufen des Altars nieder, ergriff das Gesangbuch, und mein Blick fiel, als ich es aufschlug, auf folgenden Vers:

»Zum Himmel steigt aus düstern Särgen
Gebrochner Augen Liebesstrahl,

Und ihnen sey mit offnen Blicken
Auch Deines Sehnens Gluth vereint,
Nur da wohnt wahrhaft das Entzücken,
Wo Lust, wo Trauer nicht mehr weint.«

Ich klappte das Buch wieder zu, und sah auf die Leiche hin. Ich konnte nicht begreifen, wie ich bisher gezagt hatte, die Schöne anzuschauen, hinter deren sanft niedergelassenen Wimpern die blauen Sterne zum Himmel strahlten, wie das Lied verhieß; das einfache Bild des alten Dichters hatte mich mit so wunderbarem Trost gestärkt, daß ich im Tode jetzt nur den leisen Schlummer erblickte; die hohe Steinhalle wölbte sich zur traulichen Frühlingslaube und ich heftete sehnende Blicke auf die Braut, die mir verheißen und entrissen worden, ehe ich sie gekannt.
»Süße Emma ,« seufzte ich, »so muß ich von Dir lassen, ehe Du nur einen Blick der Liebe von mir mit Dir hinübernimmst, — nicht j einmal das Wiedersehen ist uns beschieden, denn Du hast mich nie gesehen. Ich stehe vor Dir wie ein Wanderer, der nach langem Irren endlich die niegekannte Heimath erreicht und vom Haus seiner Väter nur die Brandmauern noch findet!«
»Noch findet!« dröhnte eine Stimme. Erschreckt fuhr ich empor und rief : »Wer spricht hier und verleiht der holden Ruhe des Todes ein gespenstiges Leben?«
— »Leben!« sprach dieselbe Stimme, und ich spottete meiner Furcht vor dem Wiederhall meiner eigenen Rede: »Gute Echo, Du sagst hier: noch findet Leben! hier, wo allein die Hoffnung herrscht, und zwar die, welche erst jenseits der düstern Schwelle ankern vor der jedes athmende Wesen erbebt! Hier blüht nur die Entsagung, für mich die reinste Trauer um ein niebesessenes Gut, — ach, was bliebe noch?«
— »Liebe noch!« glaubte ich von der unermüdlichen Trösterin zu vernehmen, und schwieg betroffen. Noch lieben? — Die geknickte Rose ist eben so schön, wie die am mütterlichen Strauch, aber kein Thautropfen glänzt mehr in ihrem Busen und der Zephyr küßt sie nicht, die Seele ist es, die den Kuß empfängt, nicht die Hülle. Ich sah die schwellenden Knospen des Mundes, und in diesem Augenblick stieg ein frevelndes Gebet zum Himmel, er möchte nur einen kleinen Augenblick, nur so lange, als ein Scheidekuß dauert, die Seele zurücksenden; in wahnsinniger Gluth fiel ich auf die Knie nieder, hob die gefalteten Hände empor und flehte um einen Tropfen Erquickung in dieser Hölle.
Vergebens, kein Hauch des Lebens streifte die blassen Wangen. »O Frühling, wo weilst Du — hier ist Dein Paradies und Du flüchtest in Wüsten? Könnte ich doch mein Leben dieser Blüthe einhauchen! Mit der Gluth, die mich allein zu verzehren droht, könnten wir, wenn wir sie theilen dürften, lange Jahre des Heils nähren!«
Ich näherte mich der Schönen, starrte sie — auf meinen Arm gestemmt über ihr schwebend — liebeglühend an, als sollten die heißen Strahlen meiner Augen die ihren beleben, wie die Sonne die Veilchen weckt; und schon war mirs, als sehen die süßen unter der schirmenden Hülle wieder erwacht, und würden mir — so hoffte ich von Augenblick zu Augenblick — freudig entgegen leuchten. »Hebt euch, seidene Wimpern, hebt euch!« rief meine Seele, und näher und näher glühte mein Antlitz an dem ihren, so daß schon mein Bart die Wangen berührte und, von meinem Hauch bewegt — die Goldlocken sich regten. »Sie lebt!« jauchzte es in mir, ich senkte mich auf Emmas Lippen und fuhr zurück, wie von der eisigen Faust des Todes selbst hinweggeschleudert.
Kalte Fieberschauer packten mich an, — entsetzt von dem Furchtbaren Kuß floh ich das Brautbett der ewigen Ruhe, stemmte, abgewendet, das Haupt an einen Pfeiler und schloß die Augen; lange bebte mein Herz von der gräßlichen Empfindung nach, wilde Schreckbilder durchkreuzten meine Seele, wie zuckende Blitze eine dunkle Wetternacht, und als endlich dieser Sturm sich legte, donnerte die Stimme des strafenden Gewissens mir mit Posaunenklang von den drohenden Gerichten des Himmels, — aus den Särgen erhoben sich rasselnd die kriegerischen Ahnherren, und leise, aber nicht minder furchtbar, die blassen Frauen in weißen Grabgewändern, forderten mit hohler Todtenstimmne, klanglos und doch so laut wie der letzte, sargsprengende Erstehungsruf, Sühne für meinen Frevel, für die Entweihung des Heiligthums, für die Störung der Ruhe der Freistatt. Schon krallten unzählige, entfleischte Hände nach mir, da vermochte ichs nicht länger ausznhalten, —- ich raffte mich empor, riß die Augen weit auf und der wüste Spuck war verschwunden. Friedlich ruhte die entweihte Leiche beim Scheine der Ampel, nichts regte sich, die Särge standen unten uneröffnet, — da hob im Thurm die Glocke zum Schlag aus, und mit den feierlichen Klängen, in denen die Mitternacht niederbebte, kam Fassung und Ruhe in mein Herz zurück; der eherne Mund, tönte mit Trost und Muth zu.
Still setzte ich mich nieder, und es bedurfte jetzt nur noch kurzer Ueberegung, um mir klar zu machen, daß alle Schrecken nur Ausgeburten meiner erregten Sinne gewesen; — ich schämte mich, daß etwas, das ich hätte voraussetzen sollen, mich mit solchem Entsetzen überrascht und in so unmännlicher Feigheit überwältigt hatte. Ich blickte wieder um auf die Schöne, neues Verlangen im Herzen, ich näherte mich dem Lager, durch mein eigenes Beben gereizt, die letzte Furcht zu unterjochen, und so kam es, daß mir ein Kuß von den Lippen der Todten fast wünschenswerther erschien als einer, in welchem glühendes Leben der Sehnsucht entgegenwogt. Rasch und ungestüm preßte ich meine Lippen auf Emmas Mund und fuhr zwar wieder zurück, aber doch blieb ich, fest ihr in das bleiche Antlitz blickend, über sie hingebeugt, und sprach:
»Oho, Soldatenliebchen, willst spröde seyn? — Deine Lippen sind kalt, armes Herz, aber ich will sie durchglühen mit meinem Feuer, trotz Deinem eisigen Bräutigam; durch die verlassene Hülle hindurch soll Deine Seele den Kuß fühlen, er soll sie bis ins innerste Mark brennen, daß sie in glühender Sehnsucht erbebt, und säße sie in den Flammen des Fegefeuers. Trinke den Kuß des Lebens, todte Braut!«
In wilder Raserei beugte ich mich wieder auf ihre Lippen — ich umfing den schlanken Leib. —
»Liebchen, todtes Liebchen, wie hold ruhst Du nun in meinem Arm! Nicht wahr, ein Kriegsmann ist ein rascher Freier, er überwindet sogar die Schauer des Todes, in kühnem Frevelmuth trotzt er noch an der Schwelle der Gruft dem Leben einen bräutlichen Kranz ab!«
Gluth strömte von meinen Lippen, — da schwellte urplötzlich ein Seufzer Emma’s Busen, fest drückte sich ihr Arm um meinen Nacken, und ich zu sehr hingerissen von den Taumeln der Seligkeit, um zu erschrocken, fühlte nur in verdoppelter Gluth das erwiederte Leben, — meine Küsse begegneten jetzt Küssen, — ach, und die blauen Augen strahlten mir entgegen, nicht todesstarr, sondern aufgegangen im Uebermaß des Lebens, vor dem sie vor Kurzem erst noch sich geschlossen hatten zu ewiger Nacht.
»Wo bin ich?« flüsterte endlich beim ersten Grauen des Morgens Emma, nachdem sie noch lange Zeit gebraucht hatte, ihre Lebensgeister zu sammeln.
»Im Arm Deines Bräutigams!« entgegnete ich, die kaum Losgelassene wieder an mich pressend. Sie sah mich halbbewußtlos, verwundert, aber mit unendlicher Zärtlichkeit an, und fragte, ob sie im Himmel sey?
»Nein,« rief ich, »ich bin im Himmel , aber in einem irdischen. Wir sind im Paradies der Liebe!«
»Liebe l« lächelte sie, wie die Erde lächelt, wenn ihr der Mai sein allmächtiges »Werde« zuruft. — Ich eilte ihr von dem Wein einige Tropfen einzuflößen, unterdessen kehrte ihre volle Besinnung zurück, sie betrachtete die Umgebungen, ihr eigenes Gewand, sah in die offene Gruft und stieß mich von sich, mit dem Ausruf: »Frevler!« Ich suchte sie zu besänftigen, — vergebens! Thränen erstickten ihre Stimme, aber sie hörte nicht, was ich sprach; taub blieb sie für mein Flehen, wie für meinen Trost, als plötzlich schmetternde Drommeten mich unterbrachen. Im Hofe draußen ward es laut, dann nahten rasche Tritte der Kapelle; erschreckt fuhr Emma empor und wollte sich verbergen, ich hielt , sie, aber fest, und während sie sich noch sträubte trat der Freiherr mit seiner Gemahlin und Edgar ein, der eben angekommen war, und — mit der Trauerkunde von seiner Schwester Tod beim Empfang unfreundlich begrüßt — die Hülle der Theuern noch einmal sehen wollte. Wie festgezaubert blieben die Drei stehen, nachdem sie vor dem unerwarteten Anblick einige Schritte zurückgeprallt waren, bis ich laut ausrief:
»Sie lebt, Euch täuscht kein Trugbild, edler Vater, glückliche Mutter! Willkommen Edgar, Deine Prophezeihung geht in Erfüllung; holt schnell den Prädikanten, daß er auf der Stelle an demselben Altar, vor welchem der Eid der Liebe als Engel der Auferstehung über Emma kam, uns den Segen der Kirche ertheile, denn nur als meine angetraute Gattin darf ich Euch die Gerettete, von der Schwelle der Gruft zurückgerissene, wieder in die Arme führen.«

Samstag, 29. Februar 2020

Die Geschichte von den vier Brahmanen

Die Geschichte von den vier Brahmanen,
welche um ein Mädchen freiten.

Aus der indischen Mährchensammlung: das Fünf-und-zwanzig des Todtengeistes.
(Frei nach dem Original behandelt.)
von
M. B.

Morgenblatt
für
gebildete Leser.

Nro. 203; Dienstag den 25. August 1846.

Bearbeitet von Hans-Jürgen Horn

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Es war einmal in einer Stadt, die ihr jetzt umsonst auf der Welt suchen würdet — denn sie hieß Tugendhain, und wo ist nun die Tugend noch zu Hause auf der Welt? — es war einmal in dieser Stadt ein Brahmane, ein alter Mann mit schönen langen Locken, den man eben dieser Zierde wegen schlechthin den Schönhaar nannte. Der hatte eine Tochter, schön und blühend wie der Mandarabaum, in dessen Schatten die Götter des Himmels ausruhen. Das ganze Land war voll vom Ruhme ihrer Schönheit, und selbst der Neid mußte verstummen, wenn er ihre Reize sah.
Da sie nun gerade im Alter war, wo der Busen schwillt wie eine Blumenknospe und schüchtern zu fragen scheint: werde ich wohl allein verblühen? —- nahten sich vier Freier, vier Brahmanen, alle gleich würdig, sie zu besitzen. Der Vater begann mit sich zu Rathe zu gehen: Ein Mädchen, vier Freier! Wem soll ich sie geben, welchem sie verweigern? Er sann und sann, doch das Schicksal hatte schon beschlossen. Eine Schlange hatte seine Tochter überrascht, da sie im Garten wandelte. Der Biß war sehr gefährlich. Eilig wurden weise Männer berufen, die mit Zaubersprüchen der Wunde Mund zu schließen verstehen. Sie kamen, machten ein bedenkliches Gesichte, aber helfen konnten sie nicht; denn der schwarzen Schlange Biß, die des Todes auserwählter Sendling ist, kann kein Zauber heilen. Und sie sprachen:

Mächtig ist der Götter Wille,
Bitter ist des Schicksals Spruch.
Nicht vermögen Menschenkräfte
Abzuwenden ihren Fluch.

Wen des Todes Pfeil getroffen,
Der muß fort in Yamas1 Thal,
Muß zu Paradieses Freuden
Wandern durch des Todes Qual.

Seht die Jungfrau jetzt erbleichen!
Seht, ihr müdes Auge sinkt!
Seht, wie sie in gier’gen Zügen
Letzten Lebensodem trinkt!

Als sie gestorben war, brachte sie der unglückliche Vater an das Ufer des Flusses, wo man die Todten zu bestatten pflegt. Die vier Brahmanen waren Zeugen ihrer Verbrennung. Einer von ihnen stürzte plötzlich hervor und warf sich auf den Scheiterhaufen, der auch diese neue Beute verschlang. Ein anderer der Freier sammelte die Asche beider, legte sie zu zwei Häufchen und schwur, sie Zeit seines Lebens zu bewahren. Der dritte beschloß, fort in eine andere Gegend zu ziehen und dort als Einsiedler zu trauern. Der vierte lehrte ruhig in seine Heimath zu seinen Verwandten zurück.
Der nun, welcher in die Einsamkeit wandern wollte, kam eines Tages an die Wohnung eines Brahmanen und bat, da es gerade Mittag war, um etwas Speise. Der Besitzer des Hauses sprach: »O Büßer, du sollst gespeist werden«-« Die Frau des Brahmanen bereitete die Speise und der junge Mann ließ sich aus dem angewiesenen Sitze nieder. Da fing inzwischen das Kind der Leute zu weinen an. Die Frau nahm es geschwind und warf es in das flammende Feuer des Herdes, wo es schnell zu Asche brannte. Als dieses der bettelnde Büßer sah, wollte er fliehen, aber der Brahmane hielt ihn zurück. Voll Zorn sprach jener dann: »Wie kann ich in einem Hause speisen, wo ich solch gräuliches Beginnen sah? Soll ich mir von einem Teufel über des unschuldigen Kindes Asche mein Mahl bereiten lassen?« — Darauf ging der Brahmane in das Innere des Hauses und brachte ein großes Buch herbei. Das schlug er aus und las mit leiser Stimme einen Zauber, worauf das Knäblein, das ein unförmlicher Aschenhaufen geworden, wieder lebendig ward.
Als der Büßer des Brahmanen Kunst sah, dachte er: »Wenn ich nur das Buch hätte, so könnte ich die Geliebte wieder lebendig machen.« Nach diesem Gedanken versteckte er sich dort und hielt sich ruhig; in der Nacht aber schlich er in das Innere des Hauses, bemächtigte sich des Buches und eilte damit jenem Begräbnißplatze zu, wo die Asche seiner Geliebten lag.
Der, welcher dort als Wächter geblieben war, rief dem Rückkehrenden zu: »Mein Freund, was bringt dich wieder hierher?« Der entgegnete: »Ich habe die Kunst erlernt, die Todten wieder lebendig zu machen, und will sie jetzt just an unserer Geliebten erproben.« Dann schlug er das Buch auf und sprach den Zauber über die mit Wasser besprengte Asche des Mädchens, das sogleich neubelebt erstand. Auch demjenigen, der sich mit ihr verbrannt hatte, gab er das Leben wieder.
Das Gerücht hiervon gelangte auch zu den Ohren desjenigen der Freier, der nach dem Tode des Mädchens zur Heimath fortgezogen war. Dieser stellte sich auch wieder ein, um nun von Neuem seine Werbung anzubringen. — So entspann sich unter den von Leidenschaft blinden Freiern ein heftiger Streit um den Besitz des Mädchens. — Der weise König Vikramáditya aber entschied also: »Der das Leben ihr wieder gab, sey als ihr Vater gehalten; der sich mit ihr verbrannte, möge ihr ein Bruder seyn; der, welcher ihre Asche bewachte — ein geringer Dienst — sey ihr Knecht; zur Gattin aber soll sie der erhalten, welcher heim ging, denn der allein wird ein guter Hausvater werden.«

M. B.

Wilhelm von Chézy - Streiflichter

Streiflichter.

von
Wilhelm von Chézy
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Morgenblatt
für
gebildete Leser.
Nro. 206/207/208  28./29./30. August 1850.

(Erstellt von Hans-Jürgen Horn)

»Die Presse ist eine Macht!« Ganz gewiß, und im Lehrbegriff eben so wahr, als daß alle Gewalt vom Volke kommt. Alles hängt davon ab, wie Macht und Gewalt gehandhabt werden, denn mit bloßen Redensarten ist es nicht gethan, so wenig als mit einer papiernen Verfassung und einem Landtag von Jaherren. Laßt uns also einmal zusehen, wie es mit der Verwaltung unserer Macht im Ganzen und Großen bestellt ist. Laßt uns die Mängel freimüthig bekennen, nicht um Aergerniß zu erregen, sondern um durch die Erkenntniß die Besserung anbahnen zu helfen. Nur die Selbsterkenntniß führt zum Fortschritt, und nicht umsonst ruft seit Jahrtausenden die mahnende Weisheit ihr: Kenne dich selbst!
Der Preßbengel ist kein Herrscherstab von Gottes Gnaden, sondern durch allgemeine Abstimmung, zu welcher das Recht kein Ministerium Brand-Teufel, keine Burggrafen und keine Schreiberherrlichkeit beschneiden, besonders heutzutage, wo die Presse ihren Einfluß fast ausschließlich durch die Zeitungen übt. Eine Zeitung gewinnt nur Ansehen, wenn sie von der öffentlichen Meinung getragen wird, obschon viele Leute sich einbilden, die öffentliche Meinung lasse sich durch Zeitungen machen, leiten, beherrschen. Wäre das der Fall, so hätten wir weder zu Wien noch zu Berlin die Märzstürme erlebt, denn in den Tageblättern jener Städte war seit dreißig Jahren das innere Dichten und Trachten des Volks mit dicken Deckfarben übertüncht worden; wenn das kein handgreiflicher Beweis ist, so verzweifle ich am pythagorätschen Lehrsatz. Wie ein Segelschiff mit dem Wind, fährt die Zeitung mit der Wahrheit. Ist indessen die Tagespresse auch nicht im Stande der öffentlichen Meinung die Richtung zu geben, so vermag sie doch allerhand sonstige Wirkung zu üben, groß und klein. Sie kann, wo sie sich’s angelegen seyn läßt, durch Mittheilung wichtiger und minder wichtiger Ereignisse die Kenntniß der laufenden Welthändel verbreiten, Entstellungen zuvorkommen, Uebertreibungen verhüten und das ehedem so beliebte Vertuschen unmöglich machen. Ferner kann sie unmittelbar wie mittelbar auf die allgemeine Bildung einwirken, und dieses »Können« ist eigentlich eine heilige Pflicht, die alte Geschichte vom anvertrauten Pfund.
Leider aber sind gerade diese zwei wichtigen Obliegenheiten diejenigen, welche häufig am schwersten verkannt werden; den meisten Zeitungsschreibern liegt nichts weniger am Herzen, als die reine Wahrheit, und was die Förderung der Bildung betrifft, so werde ich auf diesen kitzlichen Punkt sofort zurückkommen. Zuvor wünsche ich aber noch zu sagen, wie nach meiner Ansicht eine ächte und rechte Zeitung beschaffen seyn muß, um entweder von ruhig hohem Standpunkt aus die Welt zu überschauen, oder um im Kampfe der Parteien mit Ehren eine Fahne oder ein Fähnlein zu tragen.
Eine Zeitung der erstgenannten Art, die in Goethe’scher Klarheit die Regungen und Bewegungen der Menschheit übersichtlich darstellt, muß ganz besonders umfangreiche Mittel zur Verfügung haben, um sich aus allen Ecken der Windrose durch zuverlässige gebildete Leute Nachricht über Thatsachen sowohl wie über die Schwankungen im Wetterglas der Ansichten und Gefühle zu verschaffen. An Orten, wo diese Schwankungen von besonderer Bedeutung sind, reicht begreiflicherweise ein Berichterstatter nicht aus; das Blatt muß deren mehrere von verschiedenartiger Beschaffenheit besitzen, und doch soll jeder in seiner Art sich als tüchtig bewähren. Für Geld allein ist dergleichen bekanntlich nicht zu haben. Auch müssen, gleich den Bewegungen der Ereignisse und Ansichten,; die Lebensregungen aller Kunst und aller Wissenschaft dergestalt zur Sprache kommen, daß sie, den Gebildeten allgemein verständlich, dennoch dem Mann von Fach nicht als leichte, lose Pfennigwaare erscheinen. Im deutschen Vaterland besitzen wir eine solche Zeitung, die seit länger denn einem halben Jahrhundert in der bezeichneten Weise von Tag zu Tag die Geschichte der Menschheit darstellt; ich nenne sie nicht, und daß ich’s nicht thue, wird darum nur ausdrücklich gesagt, um die Verwahrung anzubringen, daß ihr die nachfolgenden Vorwürfe nicht gelten sollen, selbst da, wo die rasche Feder vielleicht irgend ein kleines Muttermal streift.
Eine ganz andere Bewandtnis hat es mit dem Parteiblatt. Hier kann der Leiter nicht die Wage in steter Hand halten, bloß um eine Ansicht nach der andern aufzunehmen; er muß seine Ansichten vertreten, mit tapferem Eifer und dennoch ohne jene blinde Leidenschaftlichkeit, welche mißliebige Thatsachen und Begründungen censurmäßig beseitigt, die angenehmen dagegen übertreibt, gauklermäßig aufputzt, etwa gar erfindet. Denn da selbst dem entschiedensten Parteigänger der Presse, wenn er ein ehrlicher Mann ist, vor allen Dingen das allgemeine Wohl am Herzen liegt, so muß er unter allen Umständen die Wahrheit heilig halten, weil die Lüge, vom Bösen stammend, nichts Gutes bringen kann. Keine sittliche Grundlehre wird so oft und so schnöde mißachtet, wie diese. Ich verkenne nicht die ganze Schwierigkeit, welche in der gestellten Aufgabe liegt; sie erhebt nicht nur die höchsten Anforderungen an Geist und Gemüth des Zeitschriftstellers, sondern begehrt auch einen Kampf gegen Umstände, die sich nicht immerdar beseitigen lassen. Darum sey noch hinzugefügt, daß wir eben nur den redlichen, ritterlichen Kampf verlangen dürfen, ohne den jedesmaligen Sieg als unbedingte Nothwendigkeit zu heischen.
Abgesehen von Richtung und Gesinnung sollte ferner eine Zeitung, die kleine nicht minder wie die große, »gut gemacht« seyn, vorzüglich um dadurch die Bildung ihrer Leser zu fördern. Unter gut gemacht wird ungefähr folgendes zu verstehen seyn. Der Redakteur des Blattes soll den gebotenen Stoff, handschriftlichen und gedruckten, mit Rücksicht auf den gewährten Raum anordnen und zurechtmachen, so Daß nichts Wesentliches zurückbleibe, nichts Unwichtiges überflüssig den Platz versperre. Das ist bei einem kleineren Blatt ganz besonders schwierig, und doch darf auch des kleinsten Blattes Leserkreis verlangen, daß seine tägliche Zeitung für sich ganz allein ihn auf dem Laufenden der Welthändel halte. In wohlgeordneter Uebersicht, in einfach klarem Vortrag hast du zu berichten, was geschehen ist und was sich vorbereitet; auch darf zu rechter Zeit das bündige Wort der Erläuterung nicht fehlen. Und mit dem allem mußt du flink bei der Hand seyn, denn kaum ist die Post angelangt, so streckt auch schon neben deinem Sessel des Setzers eilfertiger Lehrling die fettigschwarze Pfote nach »Manuschkript« aus.
So sollte es seyn, doch wie ist’s? Die Leitung der Blätter, namentlich der kleineren, ist häufig den ungeschicktesten Händen anvertraut, so daß die Presse, statt Licht zu verbreiten, den Wirrwarr nur verschlimmert. Der sogenannte »Redakteur« ist zehnmal für einmal ein roher, träger Lanzknecht vom Rothstift, der gedankenlos aus seinen gewohnten Quellen die Stücke zum Nachdruck anstreicht, welche ihm ungefähr in den Kram zu taugen schienen, was er so lange fortsetzt, bis aus der Setzerei die willkommene Botschaft kommt: es sey genug. Vom Vergleichen, Sichten, Ordnen ist keine Rede. Der Rothstift entnimmt größern Blättern lange Aufsäße in ihrer ganzen Ausdehnung, ohne an den weitern Spielraum der Quelle zu denken ohne zu fragen, ob nicht vielleicht Umfang des Aufsatzes durch besondere örtliche Rücksichten am Platz des Erscheinens bedingt war. Der Redakteur hat eben auch nur »ein Amt und keine Meinung« der unnütze Ballast füllt indessen das Blatt, und wenn hinterher etwa die Beschwerde kommt, daß höchst wichtige Dinge mit Schweigen übergangen worden, so besteht die Entschuldigung in einer Klage über Mangel an Raum. Doch lassen wir die kleinen Blättchen, um nach den großen zu sehen, inwiefern sie ihrer Aufgabe im Befördern der Bildung genügen.
Laßt uns gleich mit der Musterung dessen beginnen, was zum »Machen« gehört. Ich fasse dabei vorzüglich die Blätter in’s Auge, welche ich täglich lese, nebst einem zeitweisen Zuzug aus der »Metropole der Intelligenz«. Der griechisch-lateinisch-rothwälsche Ausdruck bezeichnet bekanntlich die Stadt, welche alle Weisheit für sich allein mit Löffeln gefressen hat. Wenn du ein Zeitungsblatt aus besagter Stadt zur Hand nimmst, so muß dein erstes Geschäft seyn, die Magd mit dem Besen zu rufen, daß sie die verzettelten Satzfügungen zusammenfege. Das Zeitwort, welches den Hauptsatz abschließt, hinkt oftmals eine Postmeile hinter allerhand Einschiebseln her. Verwunderungsvoll fragt der Leser, was das nachzügelnde Zeitwort bedeute, bis er sich endlich besinnt, daß er es ein halbe Stunde zuvor vermißt, vielleicht auch ergänzt hat, weil er ein Versehen des Setzers vermuthete. Mir für mein Theil fällt bei solchen verrenkten Sätzen immer die schönste Zeit des Lebens ein, weiche das Sprichwort Flegeljahre heißt. Auch diese Rosenzeit hatte ihre Dornen, die vorzugsweise in der lateinischen Schule starrten. Dort hielt der Lehrer uns an, die Sätze unseres Klassikers zu »construiren,« wie er’s nannte. Wir mußten nämlich die Worte des römischen Schriftstellers so zusammensuchen, daß sie nach unsern Begriffen einen Sinn vorstellten. Wir vernahmen dabei, die Herrlichkeit der ciceronischen Sprache bestehe in dem verzettelten Wesen. Kein Lehrer fand sich, uns zu offenbaren, worin die Herrlichkeit der deutschen Sprache bestehe; darum bildeten wir uns ein, wir müßten auch auf Deutsch Lateinisch schreiben, und eben diese Quartaneransicht hat mancher nicht verwachsen. Er übt sich noch bis zum heutigen Tag im ciceronischen Satzbau, und wenn wir seine Meinung heransfinden wollen, müssen wir anfangen zu »construiren«, wie wir’s vom Magister gelernt. Seiten genug fällt uns ein, nachzufragen, warum der Verfasser nicht lieber sich selber die Mühe gab, seine Worte verständlich zu ordnen? Das wäre nicht mehr wie seine Schuldigkeit, besonders wenn er einen Zeitschriftsteller vorstellen will, der nicht bloß für Zöglinge der lateinischen Schule schreibt. Wenn du die Masse belehren und überzeugen willst, so muß sie vor allen deine Worte verstehen. Nimm dir in diesem Stück ein Beispiel an den Franzosen; selbst die gelehrtesten von ihnen befleißigen sich eines allgemein verständlichen Vortrags, und wenn sie etwa auch in Zeitungsaufsätzen zuweilen ebenfalls wie wir durch verhüllte Andeutungen sprechen, so erschweren sie mindestens das Auffinden des Sinnes nicht durch Verwicklung in der Wortstellung. Der Franzos von ganz gewöhnlicher Bildung kann ohne weiteres eine französische Zeitung lesen, ebenso der Engländer eine englische. Ein Deutscher aber soll wenigstens Lateinisch gelernt haben, wenn er verstehen will, was über seine theuersten oder über seine nächsten Beziehungen gesagt wird?
Mit der Sprachverrenkung allein ist es erst noch nicht abgethan. Ist die liederliche Zettelung des Vortrags ein Fehler, der auch südlich vom fünfzigsten Breitegrad zu treffen ist, so wuchert nordwärts von der bezeichneten Linie in ganz besonderer Ueppigkeit noch ein anderes Uebel: die allerschnödeste Sprachmengerei. Da brauchen wir beim Zeitungslesen auch noch ein Wörterbuch. Die Zeit, welche der schlichte Bürger etwa verwenden möchte, die Angaben der Berichte mit der Landkarte zu vergleichen, die muß er mit Nachschlagen im Fremdwörterbuch vertrödeln. Als Beispiel verwirrter Satzfügung diene die nachfolgende Ente, welche eben jetzt durch die Zeitblätter schwimmt: »L. M., welche nahe bei Paris eine auf fünfzehn Jahre gemiethete Villa, die sie auf Kredit sumptuos hatte möbliren und tapeziren lassen, bewohnte, ist vorgestern ihren indiskreten Gläubigern, worunter namentlich ein Tapezier und ein Maler, der sie in allen möglichen Situationen porträtirt hatte, ansehnliche Summen zu fordern haben, mit Hilfe einer schon bereitstehenden Equipage durchgegangen.« — Ich wollte nichts sagen, wenn ein solcher Rattenkönigssatz etwa vereinzelt vorkäme, oder sich nur in den langen Erlassen des Herrn Schleinitz wiederfände, aber die Spalten der Tageblätter bieten schier nichts anderes dar, wenn gleich nicht immer in so abenteuerlicher Weise. Um so toller und unglaublicher klingen meistens die fremden Worte und Redensarten.
Es würde eines zu starken Anlaufs bedürfen, um hier nur einigermaßen »die Situation zu reassumiren« (wie ein Berliner »Korrespondent« in einem weitverbreiteten rheinischen »Journal« neulich erst sich ausdrückte). Begnügen wir uns also mit leichter Andeutung. Vielleicht wäre hier auch der Platz, nochmals ein eindringliches Wort für die Würde unserer Sprache zu sagen. Die Wiederholung ließe sich damit entschuldigen, daß der Kampf gegen die schmähliche Sprachschänderei gerechtfertigt erscheint, so lange das träge Ungethüm des Schlendrians sich durch die Presse wälzt. Dennoch sey für den Augenblick dieser Punkt mit Schweigen übergangen. Wir setzen voraus, alle Welt sey vollkommen von der Schmach der Sprachmengerei gerade so überzeugt, wie sie jeden für einen Taugenichts erklärt, der muthwillig ungewaschen, ungekämmt und mit schmieriger Wäsche unter die Leute geht. Diese Voraussetzung ist sehr gewagt, allerdings; wäre sie begründet im Bewußtseyn der Gebildeten, so würde die unaufhörliche Entweihung unseres edelsten Besitzthums baldigst ein Ende nehmen müssen. In dieser Beziehung aber steckt das Bewußtseyn noch bodenlos tief im Morast, so versunken, daß wir zu den läßlichen Sprachsünden rechnen müssen, was z. B. ein Franzos nie vergeben würde. Wir bedienen uns fast ohne Anstoß der Ausdrücke: »Constitution, Deputirte, Deputation;« ich möchte den Lärm in Paris hören, wenn dort die Tageblätter eines schönen Morgens von »Verfassung« und »Abgeordneten« in deutschen Lauten sprächen. Manche Fremdwörter sind uns so geläufig, daß wir stutzen und uns erst besinnen, wenn die Verdeutschung davon uns über den Weg läuft. Amtlich und dienstbeflissen müssen wir uns durch offiziell und offiziös allen Ernstes erklären. Fremd kommen uns unter vielen ganz besonders folgende Ausdrücke vor: Mehrheit, Minderheit, Antrag, Anfrage, Zusatz, Verbesserungsvorschlag, Wahlgang, Voranschlag, widerspenstig, Schnellschreiber, Zeitschriftsteller. Ist das nicht eine verzweifelte Lage, ich wollte sagen eine desparate Situation, daß dergleichen noch für eine Kleinigkeit gilt? und daß noch manche schlammige Woge am Unterbaum vorbeirollen wird, bevor die Berliner aus ihren Zeitungen statt anderer Sprachen deutsch lernen?
Eine kleine Aehrenlese gebe ein Pröbchen, welche babylonische Verwirrung in den Blättern an der Spree herrscht, und in andern auch, denen sie einstweilen zum schützenden Sack dienen mögen. Auf deutsch bezeichnet die Regierung irgend wen zu einer Stelle; in Berlin designirt ihn das Gouvernement. Er refusirt oder acceptirt, je nachdem; vielleicht ambirt er eine andere Mission, und wenn die Frage von den Autoritäten ventilirt ist, so gibt es eine definitive Decision. — Viele Diners haben einen ostensiblen Zweck, während Dejeuners und Soupers darin variiren, doch ist der Unterschied kein principieller. — Herr von Koller reservirte zu London die Rechte des Bundes; das Factum ist authentisch, wir garantiren dafür. — Deutsche Krieger bestehen ein Treffen; preußische Militärs haben eine Affaire, machen eine Campagnecerniren eine Festung, eröffnen die Approchenreussiren oder retiriren, werfen Fortisicationen aus oder forciren deren. — In diesem Tone geht es unablässig fort, und ich verwahre mich den südwestdeutschen Lesern gegenüber feierlichst gegen den Vorwurf der Uebertreibung. Vielmehr hätten sich noch viel erstaunlichere Formen und Wendungen finden lassen, wenn ich nicht mit Vorbedacht gerade ein paar der allergewöhnlichsten auserkoren. Ich will die Regel zeigen, nicht die Ausnahme.
So werden, was Sprache und Ausdruck betrifft, in einem bedeutenden Theil des Vaterlandes die großen Zeitungen gemacht. In solch lumpigem Aufzug soll die Presse eine Macht seyn; in solch unverständlichem Kauderwälsch will sie die hohe Sendung vollführen, die öffentliche Meinung zu vertreten, die Massen zu belehren, aufzuklären, für die große Sache der Freiheit und Einheit des deutschen Vaterlandes zu begeistern. Sie ziehen in den Krieg und verstehen nicht einmal die ersten und einfachsten Handgriffe der Waffenführung.


W. Chézy.

Freitag, 30. August 2019

Walter Serner - Inferno




Ein Schreien, das widersetzlich beginnt, wenn es am laute­sten wird, vor Wut sich überschlägt und verebbend kraftlos fau­chend erliegt, schleudert aus dem Neugeborenen, das herausgepresst und herausgezerrt werden muss, eine Auflehnung, die nie wieder ganz zerbricht, oft dünn wird oder spärlich, selten häufig oder starr und die erst mit dem Tod endet, welcher ihr Recht in der Angst vor ihm metaphysisch durchfahlt. In der Geburt als Ursache schreit schon der Tod als Wirkung und die Wut, die das Leben gegen ihn verteidigt, verteidigt ihn auch gegen das Leben. Diese Auflehnung, die dort verweigert, was hier Wehrlosigkeit aufgebürdet bekam, ist das grosse Mass und dessen Pole umklammern das Schicksal. In ihm ist die Entscheidung auf Leben und Tod: den Himmel als Hoffnung zu läugnen oder die Erde als Hölle zu erleben. Vor der Zahllosigkeit jener Schwäche, die leere Gier ist und stumpfes Sorgen, starrt die seltene Kraft dieser Einzelnen, deren Grösse Qual ist.
Vorbei am jahrelangen Spalier zurückweichender Unsäglich­keiten bleiben sie reif vor dem Antlitz des Menschen stehen und Verlegenheit rötet sie. Sie ist die Erkenntnis der eigenen Un­zulänglichkeit oder der des andern oder der aller und das mar­ternde Erleben einer urtiefen Schuld, die untrennbar allem Leben verwoben ist. Aus ihr reckt sich der verzweifelte Wille zur Hilfe, dessen Schmerzensweg durch das Dickicht menschlicher Verloren­heiten, die auch erwartet jede Erwartung verhöhnen, immer wieder vor die jahrtausendealte Sphinx des Menschen führt. Sein Antlitz entstellt die wehe Last des vergangenen Gelebten, das dumpf blieb und deshalb Schuld ist und das zu klären das hel­fende Gespräch vermöchte, dessen sittliche Kraft des Erkennens, welches Ketten im Unbewussten reibender Erinnerungen auf­nimmt, bereinigt. Doch im ersten Anfang solch liebenden Strebens schon machen Triebgewalten, die einen Stachelkranz von Zweifel und Begierde in die Stirn drücken, den Beladenen hernieder­straucheln und nur wer zutiefst das Wissen trägt, dass er sagen muss, was er erkennt, um seine Schuld und die des andern nicht zu mehren, dass das dumpfe Vergangene des andern zur eigenen Schuld stösst, wenn es nicht an dem erkannten eigenen aufgehellt wird, soweit es zuteil ward, nur der vermag die weiten Dunkel­heiten, die noch während des Sprechens ihn betreten und ihn sich verlieren zu lassen drohen, an die Sonne des Wortes hervorzureissen. Um die Mitte dieser Hilfeleistung aber schleicht die schwere Gefahr entscheidender Verschiedenheit: entspricht dem sittlichen Wollen des andern nicht die intellektuelle Kraft oder fehlt dem Intellekt des andern jenes Wollen, so stürzt jedes Helfen über den unweigerlich emportaumelnden Hass, welcher der grösseren Vollkommenheit gilt, die ohne die geringere die grössere nicht sein könnte. Da aller Hass deshalb letzthin sich gegen sich selbst richtet und seinen Träger verneinen müsste, wird er, der hier festgehalten hoffnungsreichste Entscheidung wäre, doch fast stets Ursache neuer Schuld: er schnellt mit jener Behendigkeit, welche die Schwäche stets parat hat, um hinterhermotivierend sich selbst zu belügen, auf den Vollkomm­eneren zurück, als wäre dieser, der in Wirklichkeit lediglich Veranlassung ist, der Urheber. Doch ein flinkes Gehirn, das allen Taschenspielerkunststücken seines Hasses folgen kann, wird den andern, je länger und weiter die eigene Unvollkommenheit sich hetzt, als schuldärmer erkennen und noch abgründiger hassen. Das Ende, das hier unabsehbar und über die dialektischen Kniffe jenes Hasses, seinen feigen Witzworten und zornigen Insulten hinweg nur von der überlangen Reihe menschlicher Schwächen bestimmt ist, wird unbedingt, wenn solch ein Nurgehirn auf ein kongruentes trifft: der harte Kampf der Worte, der um ein Ens geht, das niemals erdacht, geschweige denn ersprochen werden kann, endet mit der höhnenden Unterjochung des ungelenkeren Wortemachers oder brachial und wird es ganz schwarz, in irr­sinnigem Gelächter, hinter dem jene Untiefe sich auftut, aus der das Verbrechen lauert. Und das gute Ende, das sittliches Wollen einander bringt, ist nur die tragische Separation des Geistes von menschlicher Hilfereichung: der Glaube des einen glaubt den des andern und grüsst ihn demütig von Ferne, da nichts mehr zu sagen ist als die grosse Qual der Einsamkeit vor dem Glauben an den Geist.
Diese Qual, die im Zwiegespräch sich verdoppelt, wächst im Beisammensein mit mehreren ins Unerträgliche, Übermenschliche und was zurückbleibt, ist ein unaustilgbares Mal, das bleich und bös tausendfach durch die Strassen schreitet. Schon die schweigende Anwesenheit von Menschen, die ein Raum abschliesst, führt ein penetrantes Schuldgefühl herauf, das wächst und schwillt und das Ringen um die rettende Güte wird im Angesicht der Vielgestalt des Unklaren, Verhaltenen, Verzweifelten, Verbissenen, das sofort geäussert werden müsste, um nicht Hass zu erzeugen, das Schwerste. Doch nur Verhüllendes wird erzwungen belang­los hingeworfen. Aber das Ungesagte frisst sich tiefer, schmerzt und höhlt und plötzlich hockt in allen Blicken Misstrauen, Aerger, Feindseligkeit, die immer blitzender, ausfüllender werden und alles verwirren, selbst das konventionelle Geplapper, in das langsam hämische Töne einbrechen, verlogene Heiterkeiten, die in den Schwächsten leichtes Grauen entrollen, mühsam entstehende Worte, die von aussen her einen ungewollten Klang erhalten, leer werden, sobald sie gesprochen sind und angestrengtes Nach­horchen, Nachdenken verursachen und immer mehr und mehr verwirren. Heisse Angst umpresst alle und treibt sie, Böses zu bekennen, wo es nicht war, und dort, wo es war, es zu über­schrauben, andere zu beschuldigen, die es nicht begingen, und die es begingen, zu loben, als wahr Erkanntes falsch zu heissen und Falsches wahr, um das Qualvolle der Verwirrungen durch neue Verwirrungen erträglicher zu machen. Und es steigt unauf­haltsam und wie erstickend und schlängelt einen Rattenkönig verfehlter Ueberlegungen, übertriebener Handlungen, zielloser Rettungsversuche hinter sich drein. Und selbst derjenige, der sich selbst verleugnend den sittlichen Ernst vor dem Ereignis sich erwarb, vermag nicht mehr, ihn sich zu bewahren. Wohl weiss er, dass der Fäden, die zu einem Ereignis sich verknoten, abertausend sind, dass sie weit zurücklaufen und zu Ursachen leiten, die ach so selten ganz erkennbar sind; dass der sicherste Weg, sich in menschlichen Beziehungen zu irren, deshalb ist, scharfsinnig zu motivieren; dass die einzige Hilfe wäre, aufzu­schreien und um Gnade zu bitten. Doch er wird mitgerissen und aufknirschend unter diesem unentrinnbaren Zwang beginnt er zu hassen, sich und alle und hasst diesen Hass und sitzt da, ein irr lächelnder Bösewicht gleich den andern, bis eines jener folternd strafenden Schweigen anbricht, das rote Angst über die Gesichter jagt und ein kühles Schauern durch den Körper. Dann ist es zu Ende und einen Berg im Nacken, die Augen verloschen, reichen sie die hohlen Hände, und wenn sie einander wieder begegnen, grüssen sie nicht.
Brückenlos steht Mensch vor Mensch. Und alsob alles, was Jammer und Mühsal ist, in eins hätte zusammengepfercht werden müssen, wirft eine schwere Fügung ein wildes Bedürf­nis dem Menschen in den Schoss und drängt ihn machtvoll, Genuss irrlichtelierend, seinen Körper dort mit einem andern zu binden, wo aller Jammer, alle Mühsal ihren Ausgang hat. Die Brücke, deren Fehlen den reissenden Strom des Hasses zwischen den Menschen lässt und sie einsam an seine Ufer stellt, ist zwischen den Leibern errichtet. Sie ist nur eine fliegende, her­gestellt ein blindes Rasen woher wohin, und abgebrochen mehr Weg- und Zielsehnsucht zurücklassend als vordem. Einzelne allein vermögen es, sie nur zu betreten, wenn unabwendbare Not es gebietet, und so, dass es Hilfe bleibt, weder Weg wird noch Ziel: denn diese Brücke bricht umso rascher, je mehr auf sie gebaut wird und tausend Schwachgeborene wiegen in ihrer tierischen Quallosigkeit nicht einen Starken auf, dessen Gehirn ihm das Dasein zur Marter macht. Was den andern an innerer Kraft versagt blieb, zimmert ihre Schwäche sich zu einem Himmel hienieden, der sie in der Scheinlust des Ineinanderseins für die Beschwernis des Beisammenseins entschädigen soll. Diesem Trugbau des Mannes kommt das Weib auf ganzem Weg entgegen, indem es die Vollkommenheit, welche die trieberzeugte Blindheit des Mannes ihm zuphantasiert, um sich vor sich selbst zu rechtfertigen, annimmt und sie, sich verstellend, vorstellt. Doch kein Mann stirbt, ohne diese Verstellung einen Augenblick lang erkannt und die fehlende Kraft zur Konsequenz resignierend sich bekannt zu haben und alle leben in dem stets wiederkehrenden Gefühl eines Drucks, einer Last, einer Schuld. Sie ist die grösste, da sie alles auf dem Gewissen hat, was Qual ist: das Leben. Der Jammer der Ehen, die Mühsal der Familien stöhnen nicht durch die Mauern; stumm stehen sie auf den Gesichtern und neben allem Lachen, aller Freude als etwas Schweres, Wehes, bis sie zwischen den Brauen als Hass zusammenfahren. Seine letzte Wurzel ist das Geschlecht. Von ihm aus stellt er den Mann, der helfen, möchte, wider das Weib, dem nicht zu helfen ist, das Weib, das nicht geholfen haben will, wider den Mann, der helfen könnte, die Söhne, die sich bäumen, wider die Väter, die gebückt sind, die Väter, die sich nicht aufrichten können, wider die Söhne, die es wollen, den Menschen wider den Menschen und wider sein eigenes Geschlecht.
Dieser Hass ist die Auflehnung gegen die Schuld der Geburt und des Lebens und gegen all die Unzulänglichkeit, welche die Erde zur Hölle macht, so wird er das grosse Mass. Es ist die kleine Erkenntnis der irdischen Hilfereichung, ohne Wohltat zu sein oder Plage, und jene grosse, dass der Geist als höchste Besonnenheit keine völlige Klarheit über das Leben erlangen kann und auf sich selbst sich zurückziehen muss, um einsam als hoffender Glaube sich abzuquälen und auf den erlö­senden Tod zu warten. Vor dessen Schwelle ist die Angst ge­stellt, jene letzte Auflehnung, welche die letzte Qual ist und zu­gleich eine grosse Warnung: dass die Schuld, welche mitbekam wem das Leben gegeben ward, zu tragen ist, bis der, welcher sie auferlegte, sie wieder abnimmt.

Aus: Sirius 1915/16

Dienstag, 13. August 2019

Die Plauderstube - Andersen - Märchen

Aus Die Plauderstube: Der silberne Schilling, Ein neues Mährchen von Andersen.


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