Montag, 2. März 2020

Matthias Blank - Vom Tode zum Tode

Vom Tode zum Tode
Kleine Geschichten von Matthias Blank
(mehr von dem Schriftsteller bei ngiyaw eBooks)

Klein-Lieschen

»Heisa, Heisa, schlaf Kindlein, schlaf ein!«
Klein-Lieschen saß auf der Wiese am Ufer des Baches im Gras und sang und wiegte mit ihren mageren Aermchen die Puppe. Immerfort sang sie und wurde nicht müde dabei.
Lieschens Puppe aber hatte keine Schlafaugen, wie die der reichen Kinder, hatte auch keinen schönen feinen Porzellankopf mit echten Haaren zum Kämmen, konnte auch nicht »Papa«, »Mama« schreien, wenn man sie auf den Bauch drückte; Lieschens Puppe war derb, aus Holz geschnitzt und mit Farben bunt bemalt.
Doch hatte Klein-Lieschen ihre Puppe so lieb, lieber noch als wäre sie aus Porzellan gewesen, mit Schlafaugen und echtem Haar. Dafür war sie auch Kleinlieschens Puppe und Kind.
Sie hatte diese gar zu lieb!
»Schlaf Kindlein, schlaf ein!«
Stadtkinder kamen, solche mit Holzreifen, schönen großen Bällen, Mädchen mit seidenen, knisternden Kleidern, Wägelchen und Sprechpuppen. Klein-Lieschen aber sah sie nicht einmal an und sang unverdrossen ihr Wiegenlied.
»Schlaf Kindlein, schlaf ein!«
»Ach, was hast Du für ’ne garstige Puppe?«
Alle Stadtkinder standen um Klein-Lieschen, gafften sie an und lachten dabei. Diese aber drückte ihre Puppe noch fester an sich, als wollte sie diese schützen
»Laß doch das häßliche Ding mal ansehen!«
»’S ist meine Puppe!«
»Zögernd hatte es Lieschen gesprochen und ganz leise.
Einer von den Jungen aber, der Kurmacher der Mädchen, der mit dem samtenen Anzug und den gelben Stiefeln, mit dem Spazierstöckchen und silbernem Knopfe, trat dicht vor Lieschen hin:
»Deine Puppe kann wohl gut schwimmen und ersäuft gar nicht. Die muß man mal schwimmen lassen!« »
Er lachte dabei, aber nicht so grob und laut, wie Klein-Lieschen vielleicht gelacht hätte, sondern so vornehm, so selbstbewußt, wie er es den grossen Leuten in der Stadt schon abgeguckt hatte. Da lachten jetzt auch die andern alle mit, klatschten in die Hände und jubelten:
»Ja, schwimmen muß sie!«
Klein-Lieschen biß trotzig die Zähne zusammen und hielt ihre häßliche Puppe noch fester umklammert.
Aber die Stadtkinder waren zu viele, packten sie fest und hatten auch bald die Puppe genommen. Der Junge aber mit dem samtenen Anzug und den gelben Stiefeln schleuderte sie in weitem Bogen in den Bach.
»Hurrah, sie schwimmt!«
Alle konnten so herzlich lachen.
Nur Klein-Lieschen nicht; sie schrie aber auch nicht und weinte nicht, sondern stand nur auf und stapfte dem Bache zu ihrer Puppe nach. Verlangend streckte sie die Aermchen aus, als die Puppe auf den Wellen schaukelte. Doch konnte sie ihr Püppchen so nicht erreichen. Da machte sie noch einen Schritt und noch einen und — —; aber die Wellen, die trugen sie nicht, sondern zogen Klein-Lieschen in die Tiefe hinab.
Als die Stadtkinder dies sahen, da schrieen sie laut und liefen davon.
»Was mußte die dumme Trine wegen so ’nem Holzklotz auch in das Wasser laufen!« meinte später der große Junge mit dem samtenen Anzug und den gelben Stiefeln.
Eine Mutter aber weinte sich über Klein-Lieschen die Augen blind — — —


Lügen

Sie liebten sich und durften sich nicht lieben, denn sie war eines Andern Frau.
Da beide zu ehrlich waren, um betrügen zu können, zugleich aber davor zurückschreckten, um ihrer Liebe willen die Verachtung der Welt zu ertragen, so trennten sie sich. Sein Weg führte in die weite Welt hinaus, während sie bei ihrem vor Gott und Gesetz ihr angetrauten Gatten zurückblieb.
Sie that wie bisher, was die Pflicht von ihr forderte, gab dem Gatten ihren Leib, während ihre Seele bei dem Geliebten weit in der Ferne weilte. Er dagegen jagte unbefriedigt in seiner Sehnsucht umher. — Die Jahre eilten dahin.
Und da fand er wieder das Weib, das er geliebt. Jetzt war sie frei. Denn der Gatte war schon gestorben. Sie selbst aber lag im Bette, hohlwangig, mit verlöschenden Augen, fahl wie der Tod. Er ging gebückt unter der Last seiner Jahre und auf seinem Haupte lag der Schnee des Winters.
So hatten Sie sich gefunden und als sich ihre Blicke kreuzten, sagte er:
»Unsere Liebe war die größte, da wir entsagen konnten und der Pflicht mehr gehorchten als unseren Sinnen.«
Sie antwortete: »Ich bin glücklich, weil ich entsagen durfte und im Angesichte des Todes mich frei fühle von jener Sünde . . .«
Die Beiden schwiegen und fühlten nicht, daß die Lüge ans ihnen gesprochen hatte, um die Reue nicht laut werden zu lassen.
Und über die Lügen der Beiden schritt der Tod hinweg und nahm ihr Leben in einer Nacht — —


Aus: Jugend, 1905

Sonntag, 1. März 2020

Wilhelm von Chézy - Die Brautnacht in der Gruft

Die Brautnacht in der Gruft.

Ein Schattenriß von Wilhelm von Chézy.


Damen-Zeitung.
Ein Morgenblatt für die Elegante Welt - 1831.

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Bearbeitet von Hans-Jürgen Horn
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In schauerlicher Größe zeichneten sich die dunkeln Umrisse des alten Schlosses am Nachthimmel ab; der aufgehende Mond malte den Schatten des schlanken Thurms in die Herbstnebel der stillen Luft, und das Gebäude, welches mir von ferne als freundliches Asyl gewinkt, machte in der Nähe einen so grausenhaften Eindruck auf mich, daß ich fast entschlossen war, umzukehren , und auf gut Glück in der öden Gegend weiter zu reiten. Doch ein Blick auf mein müdes Roß gab mir meinen Muth wieder, denn ich schämte mich des Zagens, dem ich eben den treuen Gefährten meiner Irrfahrten zum Opfer bringen wollte, und so näherte ich mich keck den düstern Mauern, auf die Gefahr hin, in eine Räuberhöhle zu gerathen. War ich doch für den Nothfall wohl bewaffnet, und wie geziemte Furcht einem Soldaten, der seit seinem vierzehnten Jahre Heim und Panzer getragen, und unter des großen Torstenson Fahnen zum Jüngling und Mann gereift war? Ich klopfte an das Thor laut und stürmisch, und bald fragte eine grämliche Stimme nach meinem Begehren.
»Ein verirrter Reisender, der um eine Nachtherberge bittet!« rief ich.
»Gleich! « entgegnete der Pförtner. Das Thor knarrte in den rostigen Angeln, und beim matten Schein einer Kienfackel erblickte ich einen gebückten Greis, der mir in’s Antlitz leuchtete. Von seinem Arm wehte ein langer Trauerflor in die Zugluft mit unheimlicher Begrüßung mir entgegen. Ein Knabe führte mich, auf den Wink des Alten, in den innern Hof; dort empfing mich ein Diener, der mein Roß übernahm, indeß der Knabe mich über eine Wendeltreppe zu einem Saal leitete, in dem zwei schwarze Gestalten bei einem Tisch saßen und kaum aufblickten, als mein Führer: »ein Gast!« rief.
Mit soviel Höflichkeit, als ich nur immer im Lager erlernt hatte, nahte ich mich den Beiden, einem ernsten Mann und einer blassen Frau, und entschuldigte meine späte Ankunft mit der Noth eines Verirrten.
»Ihr kommt in’s Haus der Trauer, und wir können Euch nicht die heitere Gastfreundschaft gewähren, die ein junger Kriegsmann so gerne findet. Doch soll Euch von den Bedürfnissen des Leibes nichts abgehen,« sprach der Burgherr mit sanfter und doch dabei so volltönender Stimme; die Dame wandte sich auch zu mir, und entschuldigte, was etwa die Hausfrau versäumen möchte, mit dem Schmerz einer betrübten Mutter. Ich setzte mich zu Beiden, und entgegnete:
»Für meine Bedürfnisse ist bald gesorgt, denn ich selbst bin nicht gar müde, und zu sehr der Strapazen gewohnt, um schon so ermattet zu seyn, wie Ihr voraussetzt. Meine größte Sorge war mein Gaul, und der ist gut aufgehoben. Ueber mich habt Ihr zu gebieten, ob ich Euch allein lassen, ob ich mit Euch einige Stunden oder die ganze Nacht verplaudern soll. Es würde mir lieb seyn, wenn Ihr einigen Trost darin fändet, mir den Anlaß Eurer Trauer mitzutheilen, denn wo ich einkehre, bin ich gewohnt, mich für die Zeit meines Aufenthaltes als ein Glied der Familie zu betrachten, und verlange meinen Theil am Schmerz so gut wie an der Freude des Hauses!«
Ein leichtes Lächeln überflog die betrübten Mienen der Dame, und sie erzählte mir, indem neue Regenschauer von Thränen den Sonnenblick des Wohlwollens bald wieder umhüllten, daß ihre einzige Tochter am vorigen Tage plötzlich gestorben sey. »Meine Emma,« sprach sie, »war unsere letzte Hoffnung, denn von unserm Sohn, dem wilden Soldaten, haben wir seit drei Jahren keine Nachricht, und bemühen uns seit dem Friedensschluß vergeblich, nur die Gewißheit seines Todes zu erhalten!«
»Dann ist es ja möglich, daß er irgendwo in der Ferne noch lebt, ohne daß es ihm bisher vergönnt war, Euch Nachricht zu geben, denn die Wechselfälle des Krieges sind mannichfach und spotten jeder Berechnung!« tröstete ich.
Die Dame schüttelte das Haupt, aber die Lippen zuckten doch in einem kaum sichtbaren Lächeln der Hoffnung. Ich fragte weiter, wo ihr Sohn gedient? Sie nannte mein Regiment und einen wohlbekannten Namen. — Freudig rief ich:
»Freiherr Baldenstein war ja lange Zeit mein Lieutenant, ich hab‘ ihn noch vor einem Jahr in Sachsen gesehen, von wo aus er damals mit Aufträgen des Kanzlers nach Stockholm abging. O, wir waren treue Kameraden! Wie oft hat mir das gute Herz von seinen Eltern erzählt, von seiner schönen Schwester, und wie oft sagte er in freundlichem Scherz zu mir: »Berthold , Du wirst Doch noch mein Schwager!«
»Jetzt ist sie mit dem blassen Tod vermählt, die süße Rose!« seufzte der betrübte Vater, und fügte hinzu, daß Edgar im vollsten Ernst an eine Verbindung seiner Schwester mit dem tapfern und schönen Obristen Berthold gedacht, und ihnen vorläufig davon geschrieben habe, mit der Bitte , seine Schwester (wenigstens nicht gegen ihre eigene Neigung) ja nicht zu verloben, bevor sie Berthold gesehen.
So war ich gleichsam ein alter Freund, und die Mutter bat mich, ihr noch mehr von ihrem Edgar zu erzählen; ihre Hoffnung rankte sich immer freudiger an meinen Berichten empor, so daß in der Erwartung einer freudigen Zukunft die trübe Gegenwart versank, und beide Eltern mit mir ein heitreres Mahl hielten, als sie wenige Stunden vorher hätten erwarten dürfen. Die eilfte Stunde hatte bereits geschlagen, als der Freiherr mich ermahnte, zur Ruhe zu gehen; er selbst wollte in dieser Nacht die letzte Todtenwache bei seinem Kind halten, weil er keinem von der rohen und abergläubischen Dienerschaft dieß geheiligte Amt anvertrauen mochte. Ich erbot mich, seine Stelle zu vertreten, — er sah mich groß an und schüttelte das Haupt, bis die Hausfrau, in liebender Besorgniß für die Gesundheit des Gatten, ihre Bitten mit , — den meinigen vereinte, und zuletzt durch den Beweis, daß ich als bezeichneter Freier Emma’s eine Art Verpflichtung zu dem letzten traurigen Dienst hätte , den Streit entschied.
Der Freiherr führte mich selbst in die gothische Kapelle, wo neben dem Eingang zur Gruft, dem letzten Hafen der Besitzer des Schlosses, auf einem prächtigen Paradebett die jungfräuliche Leiche ruhte. Mit , verschränkten Armen stellte er sich zur geschmückten Braut des Todes, betrachtete die geliebten Züge, blaß wie die weißen Rosen ihres Kranzes, welcher den langen Schleier über den goldenen Locken festhielt, und seufzte:
»Hienieden seh’ ich nicht mehr Dein Erwachen!«
Während dessen hatte ein Diener den Armleuchter, eine Flasche Wein und ein Gesangbuch auf die Stufen des Hochaltars gestellt, und Beide entfernten sich stumm. Ihre Schritte verhallten in den Wölbungen der Kapelle, und ich war, in schauerlicher Stille, allein mit der leblosen Hülle Emma’s. Zum erstenmal fühlte ich in meinem Leben den hohen Ernst des Todes, wie ich ihn nie empfunden, so oft ich auch nächtlicher Weile auf dem Schlachtfeld bei den Erschlagenen die einsame Wache gehalten, oder zwischen und auf Leichen — ermattet von der Blutarbeit eines heißen Tages — auf den schauerlichen Polstern entschlummert, von Frieden und Glück geträumt hatte. Hier aber, unter dem Schatten der Spitzbogen , deren steinerne Blumen und Zacken bei dem matten Scheine der Kerzen und der Alabasterampel in wunderbare, unheimliche Formen sich gestalteten, und durch das Flackern der leichten Flammen ein gespenstisches Leben erhielten, — an dem Eingang zur Gruft, aus deren Dunkel eine lange Reihe von Särgen in verschwimmenden Umrissen heraufdämmerte, —- neben dem bekränzten Opfer des unerbittlichen Geschicks, hier erfaßten mich alle nie geahnten Schauer des Todes, und ich starrte in die Gruft, als erwartete ich das Heraufsteigen der Geschiedenen, deren Geister den neuen Gast willkommen heißen sollten, dem kecken Fremdling zürnend, welcher sich in ihre Behausung drängte und Abschied von der Rose nahm, auf die er kein Recht mehr besaß, seit sie die Farbe der ewigen Verheißung für den Purpur des vergänglichen Lenzes eingetauscht hatte.
Lange starrte ich hinab in die Gruft, und meisterte, wie der afrikanische Jäger den jungen Leu’n, durch meinen festen Blick das mir so m neue Gefühl des Entsetzens; dann ließ ich mich auf den Stufen des Altars nieder, ergriff das Gesangbuch, und mein Blick fiel, als ich es aufschlug, auf folgenden Vers:

»Zum Himmel steigt aus düstern Särgen
Gebrochner Augen Liebesstrahl,

Und ihnen sey mit offnen Blicken
Auch Deines Sehnens Gluth vereint,
Nur da wohnt wahrhaft das Entzücken,
Wo Lust, wo Trauer nicht mehr weint.«

Ich klappte das Buch wieder zu, und sah auf die Leiche hin. Ich konnte nicht begreifen, wie ich bisher gezagt hatte, die Schöne anzuschauen, hinter deren sanft niedergelassenen Wimpern die blauen Sterne zum Himmel strahlten, wie das Lied verhieß; das einfache Bild des alten Dichters hatte mich mit so wunderbarem Trost gestärkt, daß ich im Tode jetzt nur den leisen Schlummer erblickte; die hohe Steinhalle wölbte sich zur traulichen Frühlingslaube und ich heftete sehnende Blicke auf die Braut, die mir verheißen und entrissen worden, ehe ich sie gekannt.
»Süße Emma ,« seufzte ich, »so muß ich von Dir lassen, ehe Du nur einen Blick der Liebe von mir mit Dir hinübernimmst, — nicht j einmal das Wiedersehen ist uns beschieden, denn Du hast mich nie gesehen. Ich stehe vor Dir wie ein Wanderer, der nach langem Irren endlich die niegekannte Heimath erreicht und vom Haus seiner Väter nur die Brandmauern noch findet!«
»Noch findet!« dröhnte eine Stimme. Erschreckt fuhr ich empor und rief : »Wer spricht hier und verleiht der holden Ruhe des Todes ein gespenstiges Leben?«
— »Leben!« sprach dieselbe Stimme, und ich spottete meiner Furcht vor dem Wiederhall meiner eigenen Rede: »Gute Echo, Du sagst hier: noch findet Leben! hier, wo allein die Hoffnung herrscht, und zwar die, welche erst jenseits der düstern Schwelle ankern vor der jedes athmende Wesen erbebt! Hier blüht nur die Entsagung, für mich die reinste Trauer um ein niebesessenes Gut, — ach, was bliebe noch?«
— »Liebe noch!« glaubte ich von der unermüdlichen Trösterin zu vernehmen, und schwieg betroffen. Noch lieben? — Die geknickte Rose ist eben so schön, wie die am mütterlichen Strauch, aber kein Thautropfen glänzt mehr in ihrem Busen und der Zephyr küßt sie nicht, die Seele ist es, die den Kuß empfängt, nicht die Hülle. Ich sah die schwellenden Knospen des Mundes, und in diesem Augenblick stieg ein frevelndes Gebet zum Himmel, er möchte nur einen kleinen Augenblick, nur so lange, als ein Scheidekuß dauert, die Seele zurücksenden; in wahnsinniger Gluth fiel ich auf die Knie nieder, hob die gefalteten Hände empor und flehte um einen Tropfen Erquickung in dieser Hölle.
Vergebens, kein Hauch des Lebens streifte die blassen Wangen. »O Frühling, wo weilst Du — hier ist Dein Paradies und Du flüchtest in Wüsten? Könnte ich doch mein Leben dieser Blüthe einhauchen! Mit der Gluth, die mich allein zu verzehren droht, könnten wir, wenn wir sie theilen dürften, lange Jahre des Heils nähren!«
Ich näherte mich der Schönen, starrte sie — auf meinen Arm gestemmt über ihr schwebend — liebeglühend an, als sollten die heißen Strahlen meiner Augen die ihren beleben, wie die Sonne die Veilchen weckt; und schon war mirs, als sehen die süßen unter der schirmenden Hülle wieder erwacht, und würden mir — so hoffte ich von Augenblick zu Augenblick — freudig entgegen leuchten. »Hebt euch, seidene Wimpern, hebt euch!« rief meine Seele, und näher und näher glühte mein Antlitz an dem ihren, so daß schon mein Bart die Wangen berührte und, von meinem Hauch bewegt — die Goldlocken sich regten. »Sie lebt!« jauchzte es in mir, ich senkte mich auf Emmas Lippen und fuhr zurück, wie von der eisigen Faust des Todes selbst hinweggeschleudert.
Kalte Fieberschauer packten mich an, — entsetzt von dem Furchtbaren Kuß floh ich das Brautbett der ewigen Ruhe, stemmte, abgewendet, das Haupt an einen Pfeiler und schloß die Augen; lange bebte mein Herz von der gräßlichen Empfindung nach, wilde Schreckbilder durchkreuzten meine Seele, wie zuckende Blitze eine dunkle Wetternacht, und als endlich dieser Sturm sich legte, donnerte die Stimme des strafenden Gewissens mir mit Posaunenklang von den drohenden Gerichten des Himmels, — aus den Särgen erhoben sich rasselnd die kriegerischen Ahnherren, und leise, aber nicht minder furchtbar, die blassen Frauen in weißen Grabgewändern, forderten mit hohler Todtenstimmne, klanglos und doch so laut wie der letzte, sargsprengende Erstehungsruf, Sühne für meinen Frevel, für die Entweihung des Heiligthums, für die Störung der Ruhe der Freistatt. Schon krallten unzählige, entfleischte Hände nach mir, da vermochte ichs nicht länger ausznhalten, —- ich raffte mich empor, riß die Augen weit auf und der wüste Spuck war verschwunden. Friedlich ruhte die entweihte Leiche beim Scheine der Ampel, nichts regte sich, die Särge standen unten uneröffnet, — da hob im Thurm die Glocke zum Schlag aus, und mit den feierlichen Klängen, in denen die Mitternacht niederbebte, kam Fassung und Ruhe in mein Herz zurück; der eherne Mund, tönte mit Trost und Muth zu.
Still setzte ich mich nieder, und es bedurfte jetzt nur noch kurzer Ueberegung, um mir klar zu machen, daß alle Schrecken nur Ausgeburten meiner erregten Sinne gewesen; — ich schämte mich, daß etwas, das ich hätte voraussetzen sollen, mich mit solchem Entsetzen überrascht und in so unmännlicher Feigheit überwältigt hatte. Ich blickte wieder um auf die Schöne, neues Verlangen im Herzen, ich näherte mich dem Lager, durch mein eigenes Beben gereizt, die letzte Furcht zu unterjochen, und so kam es, daß mir ein Kuß von den Lippen der Todten fast wünschenswerther erschien als einer, in welchem glühendes Leben der Sehnsucht entgegenwogt. Rasch und ungestüm preßte ich meine Lippen auf Emmas Mund und fuhr zwar wieder zurück, aber doch blieb ich, fest ihr in das bleiche Antlitz blickend, über sie hingebeugt, und sprach:
»Oho, Soldatenliebchen, willst spröde seyn? — Deine Lippen sind kalt, armes Herz, aber ich will sie durchglühen mit meinem Feuer, trotz Deinem eisigen Bräutigam; durch die verlassene Hülle hindurch soll Deine Seele den Kuß fühlen, er soll sie bis ins innerste Mark brennen, daß sie in glühender Sehnsucht erbebt, und säße sie in den Flammen des Fegefeuers. Trinke den Kuß des Lebens, todte Braut!«
In wilder Raserei beugte ich mich wieder auf ihre Lippen — ich umfing den schlanken Leib. —
»Liebchen, todtes Liebchen, wie hold ruhst Du nun in meinem Arm! Nicht wahr, ein Kriegsmann ist ein rascher Freier, er überwindet sogar die Schauer des Todes, in kühnem Frevelmuth trotzt er noch an der Schwelle der Gruft dem Leben einen bräutlichen Kranz ab!«
Gluth strömte von meinen Lippen, — da schwellte urplötzlich ein Seufzer Emma’s Busen, fest drückte sich ihr Arm um meinen Nacken, und ich zu sehr hingerissen von den Taumeln der Seligkeit, um zu erschrocken, fühlte nur in verdoppelter Gluth das erwiederte Leben, — meine Küsse begegneten jetzt Küssen, — ach, und die blauen Augen strahlten mir entgegen, nicht todesstarr, sondern aufgegangen im Uebermaß des Lebens, vor dem sie vor Kurzem erst noch sich geschlossen hatten zu ewiger Nacht.
»Wo bin ich?« flüsterte endlich beim ersten Grauen des Morgens Emma, nachdem sie noch lange Zeit gebraucht hatte, ihre Lebensgeister zu sammeln.
»Im Arm Deines Bräutigams!« entgegnete ich, die kaum Losgelassene wieder an mich pressend. Sie sah mich halbbewußtlos, verwundert, aber mit unendlicher Zärtlichkeit an, und fragte, ob sie im Himmel sey?
»Nein,« rief ich, »ich bin im Himmel , aber in einem irdischen. Wir sind im Paradies der Liebe!«
»Liebe l« lächelte sie, wie die Erde lächelt, wenn ihr der Mai sein allmächtiges »Werde« zuruft. — Ich eilte ihr von dem Wein einige Tropfen einzuflößen, unterdessen kehrte ihre volle Besinnung zurück, sie betrachtete die Umgebungen, ihr eigenes Gewand, sah in die offene Gruft und stieß mich von sich, mit dem Ausruf: »Frevler!« Ich suchte sie zu besänftigen, — vergebens! Thränen erstickten ihre Stimme, aber sie hörte nicht, was ich sprach; taub blieb sie für mein Flehen, wie für meinen Trost, als plötzlich schmetternde Drommeten mich unterbrachen. Im Hofe draußen ward es laut, dann nahten rasche Tritte der Kapelle; erschreckt fuhr Emma empor und wollte sich verbergen, ich hielt , sie, aber fest, und während sie sich noch sträubte trat der Freiherr mit seiner Gemahlin und Edgar ein, der eben angekommen war, und — mit der Trauerkunde von seiner Schwester Tod beim Empfang unfreundlich begrüßt — die Hülle der Theuern noch einmal sehen wollte. Wie festgezaubert blieben die Drei stehen, nachdem sie vor dem unerwarteten Anblick einige Schritte zurückgeprallt waren, bis ich laut ausrief:
»Sie lebt, Euch täuscht kein Trugbild, edler Vater, glückliche Mutter! Willkommen Edgar, Deine Prophezeihung geht in Erfüllung; holt schnell den Prädikanten, daß er auf der Stelle an demselben Altar, vor welchem der Eid der Liebe als Engel der Auferstehung über Emma kam, uns den Segen der Kirche ertheile, denn nur als meine angetraute Gattin darf ich Euch die Gerettete, von der Schwelle der Gruft zurückgerissene, wieder in die Arme führen.«

Samstag, 29. Februar 2020

Die Geschichte von den vier Brahmanen

Die Geschichte von den vier Brahmanen,
welche um ein Mädchen freiten.

Aus der indischen Mährchensammlung: das Fünf-und-zwanzig des Todtengeistes.
(Frei nach dem Original behandelt.)
von
M. B.

Morgenblatt
für
gebildete Leser.

Nro. 203; Dienstag den 25. August 1846.

Bearbeitet von Hans-Jürgen Horn

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Es war einmal in einer Stadt, die ihr jetzt umsonst auf der Welt suchen würdet — denn sie hieß Tugendhain, und wo ist nun die Tugend noch zu Hause auf der Welt? — es war einmal in dieser Stadt ein Brahmane, ein alter Mann mit schönen langen Locken, den man eben dieser Zierde wegen schlechthin den Schönhaar nannte. Der hatte eine Tochter, schön und blühend wie der Mandarabaum, in dessen Schatten die Götter des Himmels ausruhen. Das ganze Land war voll vom Ruhme ihrer Schönheit, und selbst der Neid mußte verstummen, wenn er ihre Reize sah.
Da sie nun gerade im Alter war, wo der Busen schwillt wie eine Blumenknospe und schüchtern zu fragen scheint: werde ich wohl allein verblühen? —- nahten sich vier Freier, vier Brahmanen, alle gleich würdig, sie zu besitzen. Der Vater begann mit sich zu Rathe zu gehen: Ein Mädchen, vier Freier! Wem soll ich sie geben, welchem sie verweigern? Er sann und sann, doch das Schicksal hatte schon beschlossen. Eine Schlange hatte seine Tochter überrascht, da sie im Garten wandelte. Der Biß war sehr gefährlich. Eilig wurden weise Männer berufen, die mit Zaubersprüchen der Wunde Mund zu schließen verstehen. Sie kamen, machten ein bedenkliches Gesichte, aber helfen konnten sie nicht; denn der schwarzen Schlange Biß, die des Todes auserwählter Sendling ist, kann kein Zauber heilen. Und sie sprachen:

Mächtig ist der Götter Wille,
Bitter ist des Schicksals Spruch.
Nicht vermögen Menschenkräfte
Abzuwenden ihren Fluch.

Wen des Todes Pfeil getroffen,
Der muß fort in Yamas1 Thal,
Muß zu Paradieses Freuden
Wandern durch des Todes Qual.

Seht die Jungfrau jetzt erbleichen!
Seht, ihr müdes Auge sinkt!
Seht, wie sie in gier’gen Zügen
Letzten Lebensodem trinkt!

Als sie gestorben war, brachte sie der unglückliche Vater an das Ufer des Flusses, wo man die Todten zu bestatten pflegt. Die vier Brahmanen waren Zeugen ihrer Verbrennung. Einer von ihnen stürzte plötzlich hervor und warf sich auf den Scheiterhaufen, der auch diese neue Beute verschlang. Ein anderer der Freier sammelte die Asche beider, legte sie zu zwei Häufchen und schwur, sie Zeit seines Lebens zu bewahren. Der dritte beschloß, fort in eine andere Gegend zu ziehen und dort als Einsiedler zu trauern. Der vierte lehrte ruhig in seine Heimath zu seinen Verwandten zurück.
Der nun, welcher in die Einsamkeit wandern wollte, kam eines Tages an die Wohnung eines Brahmanen und bat, da es gerade Mittag war, um etwas Speise. Der Besitzer des Hauses sprach: »O Büßer, du sollst gespeist werden«-« Die Frau des Brahmanen bereitete die Speise und der junge Mann ließ sich aus dem angewiesenen Sitze nieder. Da fing inzwischen das Kind der Leute zu weinen an. Die Frau nahm es geschwind und warf es in das flammende Feuer des Herdes, wo es schnell zu Asche brannte. Als dieses der bettelnde Büßer sah, wollte er fliehen, aber der Brahmane hielt ihn zurück. Voll Zorn sprach jener dann: »Wie kann ich in einem Hause speisen, wo ich solch gräuliches Beginnen sah? Soll ich mir von einem Teufel über des unschuldigen Kindes Asche mein Mahl bereiten lassen?« — Darauf ging der Brahmane in das Innere des Hauses und brachte ein großes Buch herbei. Das schlug er aus und las mit leiser Stimme einen Zauber, worauf das Knäblein, das ein unförmlicher Aschenhaufen geworden, wieder lebendig ward.
Als der Büßer des Brahmanen Kunst sah, dachte er: »Wenn ich nur das Buch hätte, so könnte ich die Geliebte wieder lebendig machen.« Nach diesem Gedanken versteckte er sich dort und hielt sich ruhig; in der Nacht aber schlich er in das Innere des Hauses, bemächtigte sich des Buches und eilte damit jenem Begräbnißplatze zu, wo die Asche seiner Geliebten lag.
Der, welcher dort als Wächter geblieben war, rief dem Rückkehrenden zu: »Mein Freund, was bringt dich wieder hierher?« Der entgegnete: »Ich habe die Kunst erlernt, die Todten wieder lebendig zu machen, und will sie jetzt just an unserer Geliebten erproben.« Dann schlug er das Buch auf und sprach den Zauber über die mit Wasser besprengte Asche des Mädchens, das sogleich neubelebt erstand. Auch demjenigen, der sich mit ihr verbrannt hatte, gab er das Leben wieder.
Das Gerücht hiervon gelangte auch zu den Ohren desjenigen der Freier, der nach dem Tode des Mädchens zur Heimath fortgezogen war. Dieser stellte sich auch wieder ein, um nun von Neuem seine Werbung anzubringen. — So entspann sich unter den von Leidenschaft blinden Freiern ein heftiger Streit um den Besitz des Mädchens. — Der weise König Vikramáditya aber entschied also: »Der das Leben ihr wieder gab, sey als ihr Vater gehalten; der sich mit ihr verbrannte, möge ihr ein Bruder seyn; der, welcher ihre Asche bewachte — ein geringer Dienst — sey ihr Knecht; zur Gattin aber soll sie der erhalten, welcher heim ging, denn der allein wird ein guter Hausvater werden.«

M. B.

Wilhelm von Chézy - Streiflichter

Streiflichter.

von
Wilhelm von Chézy
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Morgenblatt
für
gebildete Leser.
Nro. 206/207/208  28./29./30. August 1850.

(Erstellt von Hans-Jürgen Horn)

»Die Presse ist eine Macht!« Ganz gewiß, und im Lehrbegriff eben so wahr, als daß alle Gewalt vom Volke kommt. Alles hängt davon ab, wie Macht und Gewalt gehandhabt werden, denn mit bloßen Redensarten ist es nicht gethan, so wenig als mit einer papiernen Verfassung und einem Landtag von Jaherren. Laßt uns also einmal zusehen, wie es mit der Verwaltung unserer Macht im Ganzen und Großen bestellt ist. Laßt uns die Mängel freimüthig bekennen, nicht um Aergerniß zu erregen, sondern um durch die Erkenntniß die Besserung anbahnen zu helfen. Nur die Selbsterkenntniß führt zum Fortschritt, und nicht umsonst ruft seit Jahrtausenden die mahnende Weisheit ihr: Kenne dich selbst!
Der Preßbengel ist kein Herrscherstab von Gottes Gnaden, sondern durch allgemeine Abstimmung, zu welcher das Recht kein Ministerium Brand-Teufel, keine Burggrafen und keine Schreiberherrlichkeit beschneiden, besonders heutzutage, wo die Presse ihren Einfluß fast ausschließlich durch die Zeitungen übt. Eine Zeitung gewinnt nur Ansehen, wenn sie von der öffentlichen Meinung getragen wird, obschon viele Leute sich einbilden, die öffentliche Meinung lasse sich durch Zeitungen machen, leiten, beherrschen. Wäre das der Fall, so hätten wir weder zu Wien noch zu Berlin die Märzstürme erlebt, denn in den Tageblättern jener Städte war seit dreißig Jahren das innere Dichten und Trachten des Volks mit dicken Deckfarben übertüncht worden; wenn das kein handgreiflicher Beweis ist, so verzweifle ich am pythagorätschen Lehrsatz. Wie ein Segelschiff mit dem Wind, fährt die Zeitung mit der Wahrheit. Ist indessen die Tagespresse auch nicht im Stande der öffentlichen Meinung die Richtung zu geben, so vermag sie doch allerhand sonstige Wirkung zu üben, groß und klein. Sie kann, wo sie sich’s angelegen seyn läßt, durch Mittheilung wichtiger und minder wichtiger Ereignisse die Kenntniß der laufenden Welthändel verbreiten, Entstellungen zuvorkommen, Uebertreibungen verhüten und das ehedem so beliebte Vertuschen unmöglich machen. Ferner kann sie unmittelbar wie mittelbar auf die allgemeine Bildung einwirken, und dieses »Können« ist eigentlich eine heilige Pflicht, die alte Geschichte vom anvertrauten Pfund.
Leider aber sind gerade diese zwei wichtigen Obliegenheiten diejenigen, welche häufig am schwersten verkannt werden; den meisten Zeitungsschreibern liegt nichts weniger am Herzen, als die reine Wahrheit, und was die Förderung der Bildung betrifft, so werde ich auf diesen kitzlichen Punkt sofort zurückkommen. Zuvor wünsche ich aber noch zu sagen, wie nach meiner Ansicht eine ächte und rechte Zeitung beschaffen seyn muß, um entweder von ruhig hohem Standpunkt aus die Welt zu überschauen, oder um im Kampfe der Parteien mit Ehren eine Fahne oder ein Fähnlein zu tragen.
Eine Zeitung der erstgenannten Art, die in Goethe’scher Klarheit die Regungen und Bewegungen der Menschheit übersichtlich darstellt, muß ganz besonders umfangreiche Mittel zur Verfügung haben, um sich aus allen Ecken der Windrose durch zuverlässige gebildete Leute Nachricht über Thatsachen sowohl wie über die Schwankungen im Wetterglas der Ansichten und Gefühle zu verschaffen. An Orten, wo diese Schwankungen von besonderer Bedeutung sind, reicht begreiflicherweise ein Berichterstatter nicht aus; das Blatt muß deren mehrere von verschiedenartiger Beschaffenheit besitzen, und doch soll jeder in seiner Art sich als tüchtig bewähren. Für Geld allein ist dergleichen bekanntlich nicht zu haben. Auch müssen, gleich den Bewegungen der Ereignisse und Ansichten,; die Lebensregungen aller Kunst und aller Wissenschaft dergestalt zur Sprache kommen, daß sie, den Gebildeten allgemein verständlich, dennoch dem Mann von Fach nicht als leichte, lose Pfennigwaare erscheinen. Im deutschen Vaterland besitzen wir eine solche Zeitung, die seit länger denn einem halben Jahrhundert in der bezeichneten Weise von Tag zu Tag die Geschichte der Menschheit darstellt; ich nenne sie nicht, und daß ich’s nicht thue, wird darum nur ausdrücklich gesagt, um die Verwahrung anzubringen, daß ihr die nachfolgenden Vorwürfe nicht gelten sollen, selbst da, wo die rasche Feder vielleicht irgend ein kleines Muttermal streift.
Eine ganz andere Bewandtnis hat es mit dem Parteiblatt. Hier kann der Leiter nicht die Wage in steter Hand halten, bloß um eine Ansicht nach der andern aufzunehmen; er muß seine Ansichten vertreten, mit tapferem Eifer und dennoch ohne jene blinde Leidenschaftlichkeit, welche mißliebige Thatsachen und Begründungen censurmäßig beseitigt, die angenehmen dagegen übertreibt, gauklermäßig aufputzt, etwa gar erfindet. Denn da selbst dem entschiedensten Parteigänger der Presse, wenn er ein ehrlicher Mann ist, vor allen Dingen das allgemeine Wohl am Herzen liegt, so muß er unter allen Umständen die Wahrheit heilig halten, weil die Lüge, vom Bösen stammend, nichts Gutes bringen kann. Keine sittliche Grundlehre wird so oft und so schnöde mißachtet, wie diese. Ich verkenne nicht die ganze Schwierigkeit, welche in der gestellten Aufgabe liegt; sie erhebt nicht nur die höchsten Anforderungen an Geist und Gemüth des Zeitschriftstellers, sondern begehrt auch einen Kampf gegen Umstände, die sich nicht immerdar beseitigen lassen. Darum sey noch hinzugefügt, daß wir eben nur den redlichen, ritterlichen Kampf verlangen dürfen, ohne den jedesmaligen Sieg als unbedingte Nothwendigkeit zu heischen.
Abgesehen von Richtung und Gesinnung sollte ferner eine Zeitung, die kleine nicht minder wie die große, »gut gemacht« seyn, vorzüglich um dadurch die Bildung ihrer Leser zu fördern. Unter gut gemacht wird ungefähr folgendes zu verstehen seyn. Der Redakteur des Blattes soll den gebotenen Stoff, handschriftlichen und gedruckten, mit Rücksicht auf den gewährten Raum anordnen und zurechtmachen, so Daß nichts Wesentliches zurückbleibe, nichts Unwichtiges überflüssig den Platz versperre. Das ist bei einem kleineren Blatt ganz besonders schwierig, und doch darf auch des kleinsten Blattes Leserkreis verlangen, daß seine tägliche Zeitung für sich ganz allein ihn auf dem Laufenden der Welthändel halte. In wohlgeordneter Uebersicht, in einfach klarem Vortrag hast du zu berichten, was geschehen ist und was sich vorbereitet; auch darf zu rechter Zeit das bündige Wort der Erläuterung nicht fehlen. Und mit dem allem mußt du flink bei der Hand seyn, denn kaum ist die Post angelangt, so streckt auch schon neben deinem Sessel des Setzers eilfertiger Lehrling die fettigschwarze Pfote nach »Manuschkript« aus.
So sollte es seyn, doch wie ist’s? Die Leitung der Blätter, namentlich der kleineren, ist häufig den ungeschicktesten Händen anvertraut, so daß die Presse, statt Licht zu verbreiten, den Wirrwarr nur verschlimmert. Der sogenannte »Redakteur« ist zehnmal für einmal ein roher, träger Lanzknecht vom Rothstift, der gedankenlos aus seinen gewohnten Quellen die Stücke zum Nachdruck anstreicht, welche ihm ungefähr in den Kram zu taugen schienen, was er so lange fortsetzt, bis aus der Setzerei die willkommene Botschaft kommt: es sey genug. Vom Vergleichen, Sichten, Ordnen ist keine Rede. Der Rothstift entnimmt größern Blättern lange Aufsäße in ihrer ganzen Ausdehnung, ohne an den weitern Spielraum der Quelle zu denken ohne zu fragen, ob nicht vielleicht Umfang des Aufsatzes durch besondere örtliche Rücksichten am Platz des Erscheinens bedingt war. Der Redakteur hat eben auch nur »ein Amt und keine Meinung« der unnütze Ballast füllt indessen das Blatt, und wenn hinterher etwa die Beschwerde kommt, daß höchst wichtige Dinge mit Schweigen übergangen worden, so besteht die Entschuldigung in einer Klage über Mangel an Raum. Doch lassen wir die kleinen Blättchen, um nach den großen zu sehen, inwiefern sie ihrer Aufgabe im Befördern der Bildung genügen.
Laßt uns gleich mit der Musterung dessen beginnen, was zum »Machen« gehört. Ich fasse dabei vorzüglich die Blätter in’s Auge, welche ich täglich lese, nebst einem zeitweisen Zuzug aus der »Metropole der Intelligenz«. Der griechisch-lateinisch-rothwälsche Ausdruck bezeichnet bekanntlich die Stadt, welche alle Weisheit für sich allein mit Löffeln gefressen hat. Wenn du ein Zeitungsblatt aus besagter Stadt zur Hand nimmst, so muß dein erstes Geschäft seyn, die Magd mit dem Besen zu rufen, daß sie die verzettelten Satzfügungen zusammenfege. Das Zeitwort, welches den Hauptsatz abschließt, hinkt oftmals eine Postmeile hinter allerhand Einschiebseln her. Verwunderungsvoll fragt der Leser, was das nachzügelnde Zeitwort bedeute, bis er sich endlich besinnt, daß er es ein halbe Stunde zuvor vermißt, vielleicht auch ergänzt hat, weil er ein Versehen des Setzers vermuthete. Mir für mein Theil fällt bei solchen verrenkten Sätzen immer die schönste Zeit des Lebens ein, weiche das Sprichwort Flegeljahre heißt. Auch diese Rosenzeit hatte ihre Dornen, die vorzugsweise in der lateinischen Schule starrten. Dort hielt der Lehrer uns an, die Sätze unseres Klassikers zu »construiren,« wie er’s nannte. Wir mußten nämlich die Worte des römischen Schriftstellers so zusammensuchen, daß sie nach unsern Begriffen einen Sinn vorstellten. Wir vernahmen dabei, die Herrlichkeit der ciceronischen Sprache bestehe in dem verzettelten Wesen. Kein Lehrer fand sich, uns zu offenbaren, worin die Herrlichkeit der deutschen Sprache bestehe; darum bildeten wir uns ein, wir müßten auch auf Deutsch Lateinisch schreiben, und eben diese Quartaneransicht hat mancher nicht verwachsen. Er übt sich noch bis zum heutigen Tag im ciceronischen Satzbau, und wenn wir seine Meinung heransfinden wollen, müssen wir anfangen zu »construiren«, wie wir’s vom Magister gelernt. Seiten genug fällt uns ein, nachzufragen, warum der Verfasser nicht lieber sich selber die Mühe gab, seine Worte verständlich zu ordnen? Das wäre nicht mehr wie seine Schuldigkeit, besonders wenn er einen Zeitschriftsteller vorstellen will, der nicht bloß für Zöglinge der lateinischen Schule schreibt. Wenn du die Masse belehren und überzeugen willst, so muß sie vor allen deine Worte verstehen. Nimm dir in diesem Stück ein Beispiel an den Franzosen; selbst die gelehrtesten von ihnen befleißigen sich eines allgemein verständlichen Vortrags, und wenn sie etwa auch in Zeitungsaufsätzen zuweilen ebenfalls wie wir durch verhüllte Andeutungen sprechen, so erschweren sie mindestens das Auffinden des Sinnes nicht durch Verwicklung in der Wortstellung. Der Franzos von ganz gewöhnlicher Bildung kann ohne weiteres eine französische Zeitung lesen, ebenso der Engländer eine englische. Ein Deutscher aber soll wenigstens Lateinisch gelernt haben, wenn er verstehen will, was über seine theuersten oder über seine nächsten Beziehungen gesagt wird?
Mit der Sprachverrenkung allein ist es erst noch nicht abgethan. Ist die liederliche Zettelung des Vortrags ein Fehler, der auch südlich vom fünfzigsten Breitegrad zu treffen ist, so wuchert nordwärts von der bezeichneten Linie in ganz besonderer Ueppigkeit noch ein anderes Uebel: die allerschnödeste Sprachmengerei. Da brauchen wir beim Zeitungslesen auch noch ein Wörterbuch. Die Zeit, welche der schlichte Bürger etwa verwenden möchte, die Angaben der Berichte mit der Landkarte zu vergleichen, die muß er mit Nachschlagen im Fremdwörterbuch vertrödeln. Als Beispiel verwirrter Satzfügung diene die nachfolgende Ente, welche eben jetzt durch die Zeitblätter schwimmt: »L. M., welche nahe bei Paris eine auf fünfzehn Jahre gemiethete Villa, die sie auf Kredit sumptuos hatte möbliren und tapeziren lassen, bewohnte, ist vorgestern ihren indiskreten Gläubigern, worunter namentlich ein Tapezier und ein Maler, der sie in allen möglichen Situationen porträtirt hatte, ansehnliche Summen zu fordern haben, mit Hilfe einer schon bereitstehenden Equipage durchgegangen.« — Ich wollte nichts sagen, wenn ein solcher Rattenkönigssatz etwa vereinzelt vorkäme, oder sich nur in den langen Erlassen des Herrn Schleinitz wiederfände, aber die Spalten der Tageblätter bieten schier nichts anderes dar, wenn gleich nicht immer in so abenteuerlicher Weise. Um so toller und unglaublicher klingen meistens die fremden Worte und Redensarten.
Es würde eines zu starken Anlaufs bedürfen, um hier nur einigermaßen »die Situation zu reassumiren« (wie ein Berliner »Korrespondent« in einem weitverbreiteten rheinischen »Journal« neulich erst sich ausdrückte). Begnügen wir uns also mit leichter Andeutung. Vielleicht wäre hier auch der Platz, nochmals ein eindringliches Wort für die Würde unserer Sprache zu sagen. Die Wiederholung ließe sich damit entschuldigen, daß der Kampf gegen die schmähliche Sprachschänderei gerechtfertigt erscheint, so lange das träge Ungethüm des Schlendrians sich durch die Presse wälzt. Dennoch sey für den Augenblick dieser Punkt mit Schweigen übergangen. Wir setzen voraus, alle Welt sey vollkommen von der Schmach der Sprachmengerei gerade so überzeugt, wie sie jeden für einen Taugenichts erklärt, der muthwillig ungewaschen, ungekämmt und mit schmieriger Wäsche unter die Leute geht. Diese Voraussetzung ist sehr gewagt, allerdings; wäre sie begründet im Bewußtseyn der Gebildeten, so würde die unaufhörliche Entweihung unseres edelsten Besitzthums baldigst ein Ende nehmen müssen. In dieser Beziehung aber steckt das Bewußtseyn noch bodenlos tief im Morast, so versunken, daß wir zu den läßlichen Sprachsünden rechnen müssen, was z. B. ein Franzos nie vergeben würde. Wir bedienen uns fast ohne Anstoß der Ausdrücke: »Constitution, Deputirte, Deputation;« ich möchte den Lärm in Paris hören, wenn dort die Tageblätter eines schönen Morgens von »Verfassung« und »Abgeordneten« in deutschen Lauten sprächen. Manche Fremdwörter sind uns so geläufig, daß wir stutzen und uns erst besinnen, wenn die Verdeutschung davon uns über den Weg läuft. Amtlich und dienstbeflissen müssen wir uns durch offiziell und offiziös allen Ernstes erklären. Fremd kommen uns unter vielen ganz besonders folgende Ausdrücke vor: Mehrheit, Minderheit, Antrag, Anfrage, Zusatz, Verbesserungsvorschlag, Wahlgang, Voranschlag, widerspenstig, Schnellschreiber, Zeitschriftsteller. Ist das nicht eine verzweifelte Lage, ich wollte sagen eine desparate Situation, daß dergleichen noch für eine Kleinigkeit gilt? und daß noch manche schlammige Woge am Unterbaum vorbeirollen wird, bevor die Berliner aus ihren Zeitungen statt anderer Sprachen deutsch lernen?
Eine kleine Aehrenlese gebe ein Pröbchen, welche babylonische Verwirrung in den Blättern an der Spree herrscht, und in andern auch, denen sie einstweilen zum schützenden Sack dienen mögen. Auf deutsch bezeichnet die Regierung irgend wen zu einer Stelle; in Berlin designirt ihn das Gouvernement. Er refusirt oder acceptirt, je nachdem; vielleicht ambirt er eine andere Mission, und wenn die Frage von den Autoritäten ventilirt ist, so gibt es eine definitive Decision. — Viele Diners haben einen ostensiblen Zweck, während Dejeuners und Soupers darin variiren, doch ist der Unterschied kein principieller. — Herr von Koller reservirte zu London die Rechte des Bundes; das Factum ist authentisch, wir garantiren dafür. — Deutsche Krieger bestehen ein Treffen; preußische Militärs haben eine Affaire, machen eine Campagnecerniren eine Festung, eröffnen die Approchenreussiren oder retiriren, werfen Fortisicationen aus oder forciren deren. — In diesem Tone geht es unablässig fort, und ich verwahre mich den südwestdeutschen Lesern gegenüber feierlichst gegen den Vorwurf der Uebertreibung. Vielmehr hätten sich noch viel erstaunlichere Formen und Wendungen finden lassen, wenn ich nicht mit Vorbedacht gerade ein paar der allergewöhnlichsten auserkoren. Ich will die Regel zeigen, nicht die Ausnahme.
So werden, was Sprache und Ausdruck betrifft, in einem bedeutenden Theil des Vaterlandes die großen Zeitungen gemacht. In solch lumpigem Aufzug soll die Presse eine Macht seyn; in solch unverständlichem Kauderwälsch will sie die hohe Sendung vollführen, die öffentliche Meinung zu vertreten, die Massen zu belehren, aufzuklären, für die große Sache der Freiheit und Einheit des deutschen Vaterlandes zu begeistern. Sie ziehen in den Krieg und verstehen nicht einmal die ersten und einfachsten Handgriffe der Waffenführung.


W. Chézy.

Freitag, 30. August 2019

Walter Serner - Inferno




Ein Schreien, das widersetzlich beginnt, wenn es am laute­sten wird, vor Wut sich überschlägt und verebbend kraftlos fau­chend erliegt, schleudert aus dem Neugeborenen, das herausgepresst und herausgezerrt werden muss, eine Auflehnung, die nie wieder ganz zerbricht, oft dünn wird oder spärlich, selten häufig oder starr und die erst mit dem Tod endet, welcher ihr Recht in der Angst vor ihm metaphysisch durchfahlt. In der Geburt als Ursache schreit schon der Tod als Wirkung und die Wut, die das Leben gegen ihn verteidigt, verteidigt ihn auch gegen das Leben. Diese Auflehnung, die dort verweigert, was hier Wehrlosigkeit aufgebürdet bekam, ist das grosse Mass und dessen Pole umklammern das Schicksal. In ihm ist die Entscheidung auf Leben und Tod: den Himmel als Hoffnung zu läugnen oder die Erde als Hölle zu erleben. Vor der Zahllosigkeit jener Schwäche, die leere Gier ist und stumpfes Sorgen, starrt die seltene Kraft dieser Einzelnen, deren Grösse Qual ist.
Vorbei am jahrelangen Spalier zurückweichender Unsäglich­keiten bleiben sie reif vor dem Antlitz des Menschen stehen und Verlegenheit rötet sie. Sie ist die Erkenntnis der eigenen Un­zulänglichkeit oder der des andern oder der aller und das mar­ternde Erleben einer urtiefen Schuld, die untrennbar allem Leben verwoben ist. Aus ihr reckt sich der verzweifelte Wille zur Hilfe, dessen Schmerzensweg durch das Dickicht menschlicher Verloren­heiten, die auch erwartet jede Erwartung verhöhnen, immer wieder vor die jahrtausendealte Sphinx des Menschen führt. Sein Antlitz entstellt die wehe Last des vergangenen Gelebten, das dumpf blieb und deshalb Schuld ist und das zu klären das hel­fende Gespräch vermöchte, dessen sittliche Kraft des Erkennens, welches Ketten im Unbewussten reibender Erinnerungen auf­nimmt, bereinigt. Doch im ersten Anfang solch liebenden Strebens schon machen Triebgewalten, die einen Stachelkranz von Zweifel und Begierde in die Stirn drücken, den Beladenen hernieder­straucheln und nur wer zutiefst das Wissen trägt, dass er sagen muss, was er erkennt, um seine Schuld und die des andern nicht zu mehren, dass das dumpfe Vergangene des andern zur eigenen Schuld stösst, wenn es nicht an dem erkannten eigenen aufgehellt wird, soweit es zuteil ward, nur der vermag die weiten Dunkel­heiten, die noch während des Sprechens ihn betreten und ihn sich verlieren zu lassen drohen, an die Sonne des Wortes hervorzureissen. Um die Mitte dieser Hilfeleistung aber schleicht die schwere Gefahr entscheidender Verschiedenheit: entspricht dem sittlichen Wollen des andern nicht die intellektuelle Kraft oder fehlt dem Intellekt des andern jenes Wollen, so stürzt jedes Helfen über den unweigerlich emportaumelnden Hass, welcher der grösseren Vollkommenheit gilt, die ohne die geringere die grössere nicht sein könnte. Da aller Hass deshalb letzthin sich gegen sich selbst richtet und seinen Träger verneinen müsste, wird er, der hier festgehalten hoffnungsreichste Entscheidung wäre, doch fast stets Ursache neuer Schuld: er schnellt mit jener Behendigkeit, welche die Schwäche stets parat hat, um hinterhermotivierend sich selbst zu belügen, auf den Vollkomm­eneren zurück, als wäre dieser, der in Wirklichkeit lediglich Veranlassung ist, der Urheber. Doch ein flinkes Gehirn, das allen Taschenspielerkunststücken seines Hasses folgen kann, wird den andern, je länger und weiter die eigene Unvollkommenheit sich hetzt, als schuldärmer erkennen und noch abgründiger hassen. Das Ende, das hier unabsehbar und über die dialektischen Kniffe jenes Hasses, seinen feigen Witzworten und zornigen Insulten hinweg nur von der überlangen Reihe menschlicher Schwächen bestimmt ist, wird unbedingt, wenn solch ein Nurgehirn auf ein kongruentes trifft: der harte Kampf der Worte, der um ein Ens geht, das niemals erdacht, geschweige denn ersprochen werden kann, endet mit der höhnenden Unterjochung des ungelenkeren Wortemachers oder brachial und wird es ganz schwarz, in irr­sinnigem Gelächter, hinter dem jene Untiefe sich auftut, aus der das Verbrechen lauert. Und das gute Ende, das sittliches Wollen einander bringt, ist nur die tragische Separation des Geistes von menschlicher Hilfereichung: der Glaube des einen glaubt den des andern und grüsst ihn demütig von Ferne, da nichts mehr zu sagen ist als die grosse Qual der Einsamkeit vor dem Glauben an den Geist.
Diese Qual, die im Zwiegespräch sich verdoppelt, wächst im Beisammensein mit mehreren ins Unerträgliche, Übermenschliche und was zurückbleibt, ist ein unaustilgbares Mal, das bleich und bös tausendfach durch die Strassen schreitet. Schon die schweigende Anwesenheit von Menschen, die ein Raum abschliesst, führt ein penetrantes Schuldgefühl herauf, das wächst und schwillt und das Ringen um die rettende Güte wird im Angesicht der Vielgestalt des Unklaren, Verhaltenen, Verzweifelten, Verbissenen, das sofort geäussert werden müsste, um nicht Hass zu erzeugen, das Schwerste. Doch nur Verhüllendes wird erzwungen belang­los hingeworfen. Aber das Ungesagte frisst sich tiefer, schmerzt und höhlt und plötzlich hockt in allen Blicken Misstrauen, Aerger, Feindseligkeit, die immer blitzender, ausfüllender werden und alles verwirren, selbst das konventionelle Geplapper, in das langsam hämische Töne einbrechen, verlogene Heiterkeiten, die in den Schwächsten leichtes Grauen entrollen, mühsam entstehende Worte, die von aussen her einen ungewollten Klang erhalten, leer werden, sobald sie gesprochen sind und angestrengtes Nach­horchen, Nachdenken verursachen und immer mehr und mehr verwirren. Heisse Angst umpresst alle und treibt sie, Böses zu bekennen, wo es nicht war, und dort, wo es war, es zu über­schrauben, andere zu beschuldigen, die es nicht begingen, und die es begingen, zu loben, als wahr Erkanntes falsch zu heissen und Falsches wahr, um das Qualvolle der Verwirrungen durch neue Verwirrungen erträglicher zu machen. Und es steigt unauf­haltsam und wie erstickend und schlängelt einen Rattenkönig verfehlter Ueberlegungen, übertriebener Handlungen, zielloser Rettungsversuche hinter sich drein. Und selbst derjenige, der sich selbst verleugnend den sittlichen Ernst vor dem Ereignis sich erwarb, vermag nicht mehr, ihn sich zu bewahren. Wohl weiss er, dass der Fäden, die zu einem Ereignis sich verknoten, abertausend sind, dass sie weit zurücklaufen und zu Ursachen leiten, die ach so selten ganz erkennbar sind; dass der sicherste Weg, sich in menschlichen Beziehungen zu irren, deshalb ist, scharfsinnig zu motivieren; dass die einzige Hilfe wäre, aufzu­schreien und um Gnade zu bitten. Doch er wird mitgerissen und aufknirschend unter diesem unentrinnbaren Zwang beginnt er zu hassen, sich und alle und hasst diesen Hass und sitzt da, ein irr lächelnder Bösewicht gleich den andern, bis eines jener folternd strafenden Schweigen anbricht, das rote Angst über die Gesichter jagt und ein kühles Schauern durch den Körper. Dann ist es zu Ende und einen Berg im Nacken, die Augen verloschen, reichen sie die hohlen Hände, und wenn sie einander wieder begegnen, grüssen sie nicht.
Brückenlos steht Mensch vor Mensch. Und alsob alles, was Jammer und Mühsal ist, in eins hätte zusammengepfercht werden müssen, wirft eine schwere Fügung ein wildes Bedürf­nis dem Menschen in den Schoss und drängt ihn machtvoll, Genuss irrlichtelierend, seinen Körper dort mit einem andern zu binden, wo aller Jammer, alle Mühsal ihren Ausgang hat. Die Brücke, deren Fehlen den reissenden Strom des Hasses zwischen den Menschen lässt und sie einsam an seine Ufer stellt, ist zwischen den Leibern errichtet. Sie ist nur eine fliegende, her­gestellt ein blindes Rasen woher wohin, und abgebrochen mehr Weg- und Zielsehnsucht zurücklassend als vordem. Einzelne allein vermögen es, sie nur zu betreten, wenn unabwendbare Not es gebietet, und so, dass es Hilfe bleibt, weder Weg wird noch Ziel: denn diese Brücke bricht umso rascher, je mehr auf sie gebaut wird und tausend Schwachgeborene wiegen in ihrer tierischen Quallosigkeit nicht einen Starken auf, dessen Gehirn ihm das Dasein zur Marter macht. Was den andern an innerer Kraft versagt blieb, zimmert ihre Schwäche sich zu einem Himmel hienieden, der sie in der Scheinlust des Ineinanderseins für die Beschwernis des Beisammenseins entschädigen soll. Diesem Trugbau des Mannes kommt das Weib auf ganzem Weg entgegen, indem es die Vollkommenheit, welche die trieberzeugte Blindheit des Mannes ihm zuphantasiert, um sich vor sich selbst zu rechtfertigen, annimmt und sie, sich verstellend, vorstellt. Doch kein Mann stirbt, ohne diese Verstellung einen Augenblick lang erkannt und die fehlende Kraft zur Konsequenz resignierend sich bekannt zu haben und alle leben in dem stets wiederkehrenden Gefühl eines Drucks, einer Last, einer Schuld. Sie ist die grösste, da sie alles auf dem Gewissen hat, was Qual ist: das Leben. Der Jammer der Ehen, die Mühsal der Familien stöhnen nicht durch die Mauern; stumm stehen sie auf den Gesichtern und neben allem Lachen, aller Freude als etwas Schweres, Wehes, bis sie zwischen den Brauen als Hass zusammenfahren. Seine letzte Wurzel ist das Geschlecht. Von ihm aus stellt er den Mann, der helfen, möchte, wider das Weib, dem nicht zu helfen ist, das Weib, das nicht geholfen haben will, wider den Mann, der helfen könnte, die Söhne, die sich bäumen, wider die Väter, die gebückt sind, die Väter, die sich nicht aufrichten können, wider die Söhne, die es wollen, den Menschen wider den Menschen und wider sein eigenes Geschlecht.
Dieser Hass ist die Auflehnung gegen die Schuld der Geburt und des Lebens und gegen all die Unzulänglichkeit, welche die Erde zur Hölle macht, so wird er das grosse Mass. Es ist die kleine Erkenntnis der irdischen Hilfereichung, ohne Wohltat zu sein oder Plage, und jene grosse, dass der Geist als höchste Besonnenheit keine völlige Klarheit über das Leben erlangen kann und auf sich selbst sich zurückziehen muss, um einsam als hoffender Glaube sich abzuquälen und auf den erlö­senden Tod zu warten. Vor dessen Schwelle ist die Angst ge­stellt, jene letzte Auflehnung, welche die letzte Qual ist und zu­gleich eine grosse Warnung: dass die Schuld, welche mitbekam wem das Leben gegeben ward, zu tragen ist, bis der, welcher sie auferlegte, sie wieder abnimmt.

Aus: Sirius 1915/16

Dienstag, 13. August 2019

Die Plauderstube - Andersen - Märchen

Aus Die Plauderstube: Der silberne Schilling, Ein neues Mährchen von Andersen.


Als PDF, ePub, mobi und azw3 (KF8)

Mehr aus Die Plauderstube bei ngiyaw eBooks

Alle ePubs in dieser Reihe wurden von Hans-Jürgen Horn erstellt.

Samstag, 22. Juni 2019

Walther Kabel - Die Aschenurne

Walter Kabel - Die Aschenurne

Ellinor Boege, die schöne Ellinor, war gestorben. Ganz plötzlich. An einer Lungenentzündung, vier Tage nach einer nächtlichen Autofahrt durch den Tiergarten, die leider ich selbst als Abschluß nach dem vergnügten Abend im „Rheingold“ vorgeschlagen hatte, ohne darauf zu achten, daß der Tülleinsatz von Ellinors Bluse so spinnwebdünn war und ihr Abendmantel so tiefen Ausschnitt hatte. Was half es da in der kalten Nacht, daß sie den Kragen hochschlug! Der scharfe Zugwind während der Fahrt ließ sie oft genug zusammenschauern, wie ich sehr gut bemerkte.
Aber auf meine besorgte Frage, ob der Chauffeur die Geschwindigkeit nicht mäßigen solle, lachte sie nur ihr silberhelles Lachen und stieß ihren Gatten übermütig in die Seite: „Du, Schnubbi, Karlchen hat schon wieder Angst um mich! – Aber ein lieber Mensch sind sie doch, Karlchen!“ Und dann streckte sie mir die Hand so harmlos kameradschaftlich hin und drückte meine Finger recht kräftig, damit ich ja auch fühle, ein wie „lieber Mensch“ ich sei.
Schnubbi – sie hatten die seltsamsten Kosenamen füreinander, die ich je gehört habe – antwortete gar nichts. Er starrte nur immer schräg nach oben zum Monde empor, der vor uns über der Charlottenburger Chaussee als gelbe Scheibe am Himmel stand. Seine Dichterseele wandelte offenbar wieder phantastische Pfade, und in solchen Momenten hätte man getrost ein Geschütz neben ihm abfeuern können. Keine äußeren Eindrücke vermochten ihn dann auf diese prosaische Erde zurückzuführen. Erst wenn er seinen hohen Gedankenflug zu einem logischen Abschluß gebracht hatte, kehrte wieder der normale Erich Boege in den irdischen Leib zurück.
So war’s auch damals.
Gut zehn Minuten später fragte er plötzlich, den Kopf nach seiner Frau hindrehend: „Lusche, du hast mich vorhin angestoßen. Wünschtest du etwas?“
„Allerdings – einen Kuß!“
Da blinkte in Erichs Augen wieder dieser glückselige Schimmer auf, um den ich ihn stets beneidet habe. Um seinen Mund lag ein sonniges Lächeln, als er sein Weib jetzt an sich zog.
Ich hatte mich weggewandt. Die beiden Leutchen waren trotz ihrer dreijährigen Ehe noch immer wie die Kinder in einem selbstgeschaffenen Zaubergarten, über dem ständig strahlendster Sonnenschein lag und sich in goldenen Früchten, gegenseitigem Vertrauen und Rücksichtnehmen, widerspiegelte.
Und jetzt war Ellinor tot. Erst konnte ich’s gar nicht fassen, als ich die schwarzumränderte Anzeige las, unter die mein Freund in seiner flüchtigen Schrift nur die Worte gesetzt hatte: „Komm zu mir.“ Aber diese drei Worte waren wie ein erschütternder Weheschrei. Vier Tage hatte ich nichts von Boeges gehört, eben seit jener Autofahrt, und nun diese Nachricht, diese schreckliche Nachricht! –
Während mich die ratternde Ringbahn zwischen den Häuserkolossen hindurch in die entlegene Vorstadt brachte, war’s mir, als ob ich fortwährend aus dem monotonen Geräusch der rollenden Räder eine weiche, übermütige Frauenstimme, fortwährend dieselben Verschen hörte, die die Tote so oft in strahlender Seligkeit wie eine Jubelhymne auf ihr Eheglück leise gesungen hatte:

Ich und du, wir sind so arm
Wie die Kirchenmäuschen,
Unser ist kein Eigentum
Als ein Knusperhäuschen.

Ich und du, wir sind so reich,
Das ist gar nicht schicklich,
Denn wir sind so unverschämt
übermenschlich glücklich …

Das war nun alles vorbei, alles!
Klopfenden Herzens, mit bangem Angstgefühl stieg ich die zwei Treppen zu meinem armen Freundes Wohnung empor. Das schrillen der Flurglocke ließ mich nervös zusammenzucken.
Das Mädchen öffnete. Es hatte verweinte Augen. Und bei meinem Anblick begann sie wieder leise zu schluchzen.
Wer hatte Ellinor wohl nicht geliebt!
Erich war gefaßter, als ich gedacht hatte. Nur in seinen Augen lag ein Ausdruck, daß sich mir die Kehle zusammenschnürte in wildem Weh. Dann sprach er von den letzten Tagen, dem furchtbaren Todeskampf. Sie hatte ja nicht sterben wollen, hatte sich an den alten Sanitätsrat angeklammert und keuchend immer wieder gefleht: „Retten Sie mich, retten Sie mich doch! Wir sind ja so glücklich!“
Und als Erich diese Worte mir kaum vernehmlich wiederholte, da habe ich mich in die Ecke des hohen Paneelsofas geworfen und geweint, herzzerbrechend geweint.
Erich fand keine Träne. Er sprach nur immer vor sich hin: „Ja, das sagte sie – das sagte sie.“

*      *      *

Ellinor Boege wurde auf ihren Wunsch in Gotha verbrannt. Ich stand neben meinem Freunde, als der Sarg langsam in die feurige Gruft versank, hatte meinen Arm in den seinen gehängt und hoffte – hoffte auf das eine, daß sein starrer Schmerz sich endlich in Tränen auflösen würde. Mit weißem, unbeweglichem Gesicht, mit eingefallenen Wangen stierte er vor sich hin auf die polierten Bretter, die sein Liebstes umschlossen. Aber als dann die Platten sich wieder über der Öffnung zusammenfügten, da brach er ohnmächtig zusammen.
In den folgenden Tagen wich ich nicht von seiner Seite. Er hatte sich eine silberne Urne gekauft, und darin bewahrte er das Häuflein graue Asche auf – die Überreste seiner Ellinor. Die Urne stand in seinem Arbeitszimmer auf einer schwarzen Marmorkonsole, und darüber hing mit schwarzem Tüll verhüllt das Bild der Verstorbenen.
Vergebens suchte ich ihn zu bewegen, seine Gedanken durch Arbeit abzulenken. Wenn ich zu ihm kam, fand ich ihn stets in derselben Stellung. Er saß vor sich hin brütend in dem tiefen Klubsessel und starrte unverwandt nach der mattglänzenden Urne hin.
Sonderbar war es, daß er nie über die Tote sprach. Und da auch ich alles vermied, was ihn an den schmerzlichen Verlust erinnern konnte, wurde Ellinors Name zwischen uns nicht erwähnt. Und doch merkte ich an vielem, daß er immer nur an sie, nur an sie dachte. Wenn ich seine Briefe öffnete – er selbst erledigte nichts mehr –, ihm vorlas und, wo dies nötig, um seine Entscheidung bat, gab er ganz verkehrte Antworten.
Und dann wieder unterbrach er mich einmal mitten in einem Satz und sagte ganz zusammenhanglos: „Ich werde ohne sie nicht weiterleben können – nein, nein … das geht über meine Kraft!“ –
Eine Woche war seit Ellinors Einäscherung vergangen. Erich wurde immer stiller, immer gleichgültiger gegen seine Umgebung. Er, der früher jede freie Minute am Schreibtisch gesessen hatte und den eine ihn selbst begeisternde neue Novelle bis zum Morgengrauen wachhalten konnte, rührte keine Feder mehr an. Meine energischsten Vorstellungen halfen nichts. Und bisweilen bemerkte ich jetzt in seinen Augen einen seltsam wirren, unsicheren und dabei beängstigend stumpfen Ausdruck.
Meine Sorge um ihn wuchs von Tag zu Tag. Am liebsten hätte ich ihn in irgend ein Sanatorium für Nervenkranke geschickt, zumal mir ein befreundeter Arzt, der ihn einmal auf der Straße getroffen und auch sehr verändert gefunden hatte, warnend sagte: „Er wäre ja nicht der erste, den die Liebe ins Irrenhaus gebracht hat.“
Dann besuchte er mich eines Nachmittags in meiner Wohnung. Es geschah zum ersten Male nach Ellinors Tod, und deshalb war ich sehr froh über sein Kommen. Ich merkte bald, daß er irgend etwas auf dem Herzen hatte.
Ruhelos wanderte er im Zimmer auf und ab. Plötzlich blieb er vor mir stehen. „Glaubst du eigentlich an eine Fortexistenz der Seele nach dem Tode?“ meinte er ganz unvermittelt.
Als ich meiner Überzeugung gemäß die Frage bejahte, sagte er wie zu sich selber sprechend: „Es muß ja auch sein, es muß! Sonst wäre das ja nur eine Sinnestäuschung gewesen.“ Und nach einer kurzen Weile fuhr er fort, immer in demselben müden Tone: „Gestern abend habe ich Ellinors Briefe aus unserer Brautzeit nochmals gelesen. Darüber war es spät geworden. Ich saß auf meinem alten Platz, in dem Klubsessel an dem kleinen Tischchen. Die Lampe hatte ich fast ganz verhüllt, so daß nur ein kleiner Lichtkreis die nächste Umgebung erhellte. Da schlug die Standuhr im Eßzimmer mit ihrem tiefen Gongton langsam zwölf. Zufällig blickte ich in demselben Augenblick nach der Urne hin, und da hob sich mit einem Male langsam der Deckel, ein tiefer Nebel quoll aus dem Innern hervor und sank träge wie dicker Rauch an der Wand auf den Fußboden herab. Immer mehr verdichtete sich diese Dunstmasse, ballte sich nach oben höher hinauf und – – nahm allmählich menschliche Formen an. Erst glaubte ich zu träumen, schaute hierhin und dorthin, um zu prüfen, ob ich tatsächlich wach war. Als meine Augen dann scheu zu der halbdunklen Stelle zurückkehrten, wo eben noch etwas wie ein unklares Nebelgebilde geschwebt hatte, da – da stand Ellinor dort, Ellinor mit einem wehmütigen Lächeln um die Lippen. Ich sah sie so deutlich, sah jeden Zug ihres lieben Gesichts. Nur ihr Gewand war wie ein langer, weiter Mantel und umfloß faltenreich ihre Gestalt … Als ich ihr so in das teure Antlitz blickte, da fühlte ich, daß in mein schmerzzerrissenes Herz milder Friede einzog. Eine linde, wohlige Wärme erfüllte mein Inneres, ein seit langem nicht mehr gekanntes Empfinden ergebungsvoller Ruhe. Leise, ganz leise wagte ich dann ihren Namen zu flüstern. Zart wie ein Hauch kam mein Name zurück, aber doch im zitternden Tone tiefster Zärtlichkeit. Und dies trieb mir die Tränen urplötzlich mit aller Macht in die Augen. Meine Blicke verdunkelten sich. Ich weinte, wie ich noch nie im Leben geweint habe, und große Tropfen fielen auf die Briefe herab, die in meinem Schoße ruhten. – Als ich mich endlich gefaßt hatte, der Tränenstrom langsam versiegt war, war die Erscheinung verschwunden.“ Bang forschend schaute er mich an. „Meinst du, daß das vielleicht nur eine Sinnestäuschung gewesen ist? – Bitte, sag mir ehrlich deine Ansicht!“
Sollte ich ihm wirklich in diesem Falle die volle Wahrheit geben? Sollte ich ihm Hoffnungen zerstören, an die er sich schon so fest geklammert? Ich hatte es ja aus seiner Frage herausgehört, welche Antwort er erwartete.
„Du sagst selbst, daß du völlig wach und Herr deiner Sinne gewesen bist,“ entgegnete ich, eine direkte Erwiderung umgehend.
Glücklich lächelnd nickte er vor sich hin. Und während er verträumt auf die hellen Vierecke schaute, die die durch das Fenster fallenden Sonnenstrahlen auf die Wand zeichneten, meinte er nachdenklich: „Wenn sie doch öfters zu mir käme! Dann hätte ich sie doch nicht ganz verloren.“ –
Noch an demselben Abend ging ich zu meinem Freunde, dem Arzt, erzählte ihm Wort für Wort, was Erich mir über die angebliche Erscheinung gesagt hatte, und bat um seinen Rat.
„Abwarten!“ erwiderte er achselzuckend. „Sollten sich diese Sinnestäuschungen wiederholen, so halte ich allerdings Boeges Unterbringung in eine Heilanstalt für das beste. Ich fürchte, offen gestanden, wir haben es hier mit beginnendem Wahnsinn zu tun.“ –
Am nächsten Vormittag traf ich Erich zu meinem freudigen Erstaunen am Schreibtisch an. Er hatte soeben ein Antwortschreiben an einen Verlag wegen seines neuesten Novellenbandes beendet. Etwas mißtrauisch las ich den Brief. Aber er war vollkommen sachgemäß abgefaßt.
Dann fragte ich vorsichtig nach dem Verlaufe der vorigen Nacht.
Und wieder lächelte mein Freund so glücklich, als er antwortete: „Ich habe bis zwölf auf Ellinor gewartet, und sie zeigte sich mir wie gestern in derselben Weise. Ich habe wieder angefangen zu weinen. Und nachher war sie fort.“
„Und gesprochen hat sie nichts?“
„Nein. – Vielleicht deswegen nicht, weil ich sie nicht anzureden wagte. Nur zugenickt hat sie mir. Aber ihr Lächeln war nicht mehr so weh.“ – –
Einige Tage nachher erzählte mir Erich, daß er mit dem Entwurf zu einem Roman begonnen habe. Ellinor war ihm inzwischen regelmäßig in jeder Nacht erschienen, wie er mir stets berichtet hatte. Wir sprachen dann miteinander über einzelne Details seiner neuen Arbeit. Er war lebhaft und schon wieder leicht nervös, und ich fühlte auch, daß seine Phantasie fast ganz von den Gestalten des Romans in Anspruch genommen wurde.
Natürlich erfreute mich diese Besserung außerordentlich. Und sie hielt auch an. Er arbeitete bald wieder regelmäßig wie früher.
Auffallenderweise erwähnte er jedoch die nächtlichen Erscheinungen nicht mehr, bis wir dann einen Monat später, als wir eines Abends in seinem Arbeitszimmer saßen und über einer anregenden Unterhaltung die Zeit völlig vergessen hatten, beim Schlagen der Uhr im Eßzimmer gleichzeitig unwillkürlich die tiefen Gongschläge mitzählten.
Es war zwölf.
Verstohlen schaute ich da, einem inneren Zwange folgend, nach der silbernen Urne hin.
Erich mußte meinen Blicken gefolgt sein. Denn plötzlich sagte er zögernd mit leichter Verlegenheit: „Ich muß dir ein Geständnis machen. Jetzt weiß ich nämlich, daß meine Phantasie mir Ellinors Gestalt und Stimme nur vorgetäuscht hat. Denn seit ich mich ernstlich wieder in meine Arbeit vertieft habe, ist die Erscheinung ausgeblieben. Aber ebenso bestimmt weiß ich auch, daß ich mich tagelang am Rande des Wahnsinns befunden habe, und daß ich sicherlich in einer Minute völliger Verzweiflung Hand an mich gelegt hätte, wenn jenes liebe Trugbild mich damals nicht getröstet und mir über die schwerste Zeit nach Ellinors Tod hinweggeholfen haben würde.“
Ich begriff ihn. Herzlich schüttelte ich ihm die Hand. Er war genesen.

Sonntag, 20. Januar 2019

Maria Lazar - Waldemar Bonsels und das deutsche Insekt



Biene Maja Stummfilm


Um es gleich zu gestehen: ich bin nur halb gebildet. Ich habe das vielleicht am meisten gelesene Buch Deutschlands, ein Buch, das sechshundert Auflagen hat und in allen Sprachen übersetzt ist, ich habe die »Biene Maja« bloß zur Hälfte gelesen. Es mag eine Eigenart von mir sein, aber mir ist eine Biene, die nach Art deutscher Touristen die Natur bewundert, nicht ganz angenehm, und wenn ein Rosenkäfer Peppi heißt (nämlich wirklich Peppi mit zwei p), so kann mich das geradezu unglücklich machen.
Man hatte mir gesagt. Waldemar Bonsels sei ein Dichter der Natur. Er sei sogar imstande, sich in die Seele einer Biene zu versenken. Groß­artig, dachte ich, da kann man einmal etwas von den Bienen erfahren. Aber, o weh, die Seele der Biene Maja glich aufs Haar der einer Pastorstochter aus Wermelskirchen, ein bißchen neugierig, ein bißchen patriotisch, der Rosenkäfer machte gleich nach den ersten Seiten die reinsten Hausherrnszenen, als wohnte er in einem Berliner Vorderhaus und nicht in einer Rose, und mir war zumute wie nach einer spiritistischen Sitzung, in der Goethes Geist durch mühseliges Klopfen an einen Tisch die überflüssigsten Albernheiten hervorgebracht hatte. Sieht es bei den Tieren wie bei den Geistern also wirklich um nichts besser aus als bei den Menschen?
»Man soll in der Natur und im Tierleben den Menschen möglichst außer Spiel lassen«, sagt Herr Bonsels, der die Wiener Erstaufführung des Films »Die Biene Maja und ihre Abenteuer« am Lesepult einleitet. Allerdings bezieht er das nur auf den Film. Und ich war begierig auf die Vorführung, in der alle Bienen, Ameisen und Käfer des Buchs ein­mal ohne die leidige menschliche Gehirntätigkeit auftreten müßten. »Denn eigentlich«, erklärt der Dichter, »ist dieser Film ja nur eine Serie von Naturaufnahmen, die dem Buch entnommen sind. Auf das Psychologische muß man leider verzichten.«
Nun, der Film ist wirklich gut. Arbeiten die Natur und gewissenhafteste Technik Hand in Hand, so kann selbst deutsche Wald- und Wiesenpoesie ihnen nicht viel anhaben.
Wären nicht die vielen, allzu langen Texte, man könnte glauben, man sähe ganz einfach eine bunte, phantastisch reale Bilderfülle aus dem Leben der Insekten. Besonders schön die Geburt einer Libelle — man muß ja nicht gerade daran denken, daß sie Schnuck heißt. Man muß überhaupt immer rechtzeitig die Augen schließen, wenn der Text kommt.
Drei Jahre lang wurde in dem Dachgarten eines Berliner Ateliers an diesem Film gearbeitet. Es war mühseligste Kleinarbeit. »Sie glauben nicht, wie lange man oft warten mußte, bis das kleine Mistvieh sich dazu herbeiließ, eine Bewegung zu machen«, sagt der Dichter Walde­mar Bonsels.
Den Hauptwert legt er selbst auf die letzten Teile des Films, die den Kampf der Bienen und Hornissen darstellen. Das war nicht so einfach. Wie der Dichter erzählt, wurden die Hornissen erst einmal ein bißchen ausgehungert, ehe man sie auf die Bienen losließ, die nun, wie zu lesen steht, ihre »Vaterlandsliebe« und »Heimatstreue« beweisen konnten. »Es war sehr lustig«, sagt der beliebte deutsche Dichter, »wie die Feinde trotz aller Kampfeslust im letzten Augenblick, vom Lichte der Scheinwerfer geblendet, innehielten. Es fiel uns gar nicht so leicht, sie zum Kampf zu bewegen.«
Wahrlich, göttlich ist der Instinkt der Tiere. Noch ausgehungert wittern sie den größeren Feind, dieses »Animal méchant par excellence«. wie Gobineau den Menschen nennt, denn er ist das einzige Lebewesen, das nicht nur um des eigenen Nutzen willen Böses tut.
Doch lassen wir den Dichter weiterreden. »Ergreifend war es nun, den Rassenhaß in der Natur zu beobachten.« Und man sieht es auch auf der Leinwand. Die Tiere morden sich in rasender Wut. Und es steht so­gar geschrieben, wie die Bienen siegreich die fliehenden Feinde töten.
Herr Bonsels rechnet zu fünfzig Prozent mit dem Besuch Jugend­licher. Er hat ja auch das Buch »Die Biene Maja« eigentlich für Kinder geschrieben, denn er ist der Ansicht, »daß man für Kinder nicht un­bedingt albern sein muß«. Und dieses Buch ist denn auch in allen Kinderbibliotheken zu finden.
Weiß denn niemand, in welch tiefem, triebhaftem Zärtlichkeits­verhältnis Kinder zur Natur stehen? Selbstverständlich, noch ehe sie gelernt haben, daß die Kuh zum Milchgeben da ist, und ehe sie die erste Botanisiertrommel bekommen haben, also ganz kleine Kinder. Ich sah einmal ein winziges Ding, das bei seiner ersten Begegnung mit einem großen Hund nichts anderes tat, als ihn ganz leise mit den Fingerspitz­chen streicheln und dazu »danke shen« sagen, »danke shen«. Ist es ausdenkbar, daß man diesem Kind in ein paar Jahren erzählen könnte, der Grashüpfer hüpfe um des Weltrekords willen und alle Ameisen seien Räuber.
Nein, ich bin für ein Zensurverbot für Jugendliche, wenigstens für solche, die lesen können. Da schicke man sie lieber in die »Mädchen­händler von New York«. Denn daß die Menschen dumm und gemein sind, müssen sie ja sowieso erfahren. Aber mit welchem Recht erzählt man ihnen das von den Tieren?
Ich protestiere im Namen der Tiere!
Vielleicht habe ich übertriebene Vorstellungen. Ich weiß zwar, daß eine Libelle einem Käfer den Kopf abbeißen kann, daß sie aber dazu sagt: »Er ist wirklich ein lieber Kerl«, das halte ich für ausgeschlossen. Und nicht einmal, wenn ein Käfer Kurt heißt, traue ich ihm zu, daß er mit den Worten: »Ich habe keinen Appetit mehr«, die noch lebende Hälfte eines Wurms entläßt. Ich glaube es nicht, und wenn die Leser von Millionen Ausgaben es glauben wollen, der Poesie zuliebe, ich glaube es nicht. Und ich wünsche nicht, daß Kinder es glauben.

Aus: Der Querschnitt, Herausgegeben von H. v. Wedderkop, Im Propyläen-Verlag, Berlin, VI. Jahrgang, Heft 7, Juli 1926

Mittwoch, 26. Dezember 2018

Arnold Hagenauer - Das Geigengespenst

DAS GEIGENGESPENST
Von Arnold Hagenauer

From early 20th century photo postcard


So oft der blasse, schlanke Jüngling die Geige spielte, vergaß er allen um sich herum, er lauschte nur mehr den Tönen, die er den Saiten entlockte und folgte ihnen, wenn sie über Berg und Tal in das Land seiner Träume dahinschwebten. So legte er seine ganze Seele in das Instrument und sein Leben in die schmeichelnden Töne, die unter seinem Bogen hervorquollen und ihn mit sanften Händen umfaßten und bestrickten, so daß er ihnen nimmermehr zu entrinnen vermochte. Als er eines Tages am Fenster stand, gerade als die Sonne unterging, blickte er über die blühenden Hollundersträuche seines Gartens weg auf die fernen Dörfer und auf die braunen Hügel, über die wogenden Kornfelder hinaus, bis dort, wo der Rand des Himmels auf die Erde stößt. Es hatte geregnet. Noch rieselte es schwer von allen Blättern nieder, ein frischer Hauch zog durch die Wipfel der Bäume, in denen sich die Vögel mit erquickten Kehlen ihre Abendgrüße zusandten. Da erfaßte den Jüngling ein heißes Sehnen, er nahm seine geliebte Geige, setzte sie an die Brust und strich zärtlich mit dem Bogen über die Saiten. So hatte er noch nie gespielt, ein so süßes. zauberhaftes Klingen hatte er noch nie gehört, er berauschte sich an dieser Flut des Wohlklanges und vergaß alles um sich her. Plötzlich aber wurden die Töne zu Stimmen, ein Gesang wie ein mächtiger Chor brauste an seinen Ohren vorbei, und deutlich vernahm er, hell und klar alle anderen übertönend, eine flehende, weiche Stimme:
»Du hast mir deine Seele geschenkt,« bat die Stimme, »was soll ich mit ihr? Ich war ein Ton, der sich freudig mit mächtigen Schwingen über Berg und Tal hob, der zum Himmelsgewölbe aufstieg und in der Stille der Nacht mit den glänzenden Sternen Zwiesprach hielt. Ich tauchte in die duftigen Kelche der Blumen, ich stieg in das helle Wasser des Bergsees bis zum kristallenen Hause der Nixe, und wenn ich niederzitterte, lief sie den goldenen Kamm fallen, mit dem sie ihr Haar strählt, und lauschte. Und die Fische kamen mit offenen Mäulern geschwommen, glotzten mit großen Augen drein und stießen mit ihren plumpen Köpfen an die durchsichtigen Wände. Auf die Gipfel der Berge stieg ich, da kam der Sturmwind geflogen, wiegte mich in seinen Armen und floh mit mir hinaus auf das schäumende, brausende Meer oder über die weißglänzenden Firnen und die blauen Gletscher, die steilen Wände hinunter in den dunklen Hochwald hinein. Aber jetzt muß ich immer um dich sein, immer bei dir. Du hast mich mit deinem Herzblut genährt, du hast mich ewig an dich gekettet, jetzt lasse mich auch leben, sonst fluche ich dir!«
»Lebe, bleibe immer bei mir, süßer Ton«, bat der Jüngling.
Erschrocken ließ er die Geige sinken. Vor ihm stand seine eigene Gestalt, groß und schlank wie er, mit denselben Augen, denselben Haaren, den gleichen Zügen im Antlitz. Der Künstler griff nach dem Gast, aber er faßte in die leere Luft. Sein Ebenbild jedoch blieb und lächelte ihn freundlich an. Das Phantom folgte ihm überallhin, aber niemand sah es, außer er selbst. Wenn er jauchzte und sich froh fühlte, sah er seinen Doppelgänger auch fröhlich, wenn er traurig war und litt, so war der andere still und düster. Nie verließ er ihn, nur wenn er die Geige spielte, so verschwand er. Bald merkte der Jüngling, daß es ihm immer schwerer fiel, zu spielen, daß ihn eine unsichtbare Macht daran zu hindern suchte. Wenn er jedoch sich überwand und den Schemen bannte, so empfand er eine rasende Angst vor seiner Wiederkehr und mußte so lange spielen, bis er aufs äußerste erschöpft in einen Stuhl sank und die Geige seiner Hand entglitt. Da stand auch das Phantom wieder da, düster und drohend, und er sah, wie er sich gegen sich selbst auflehnte und mit sich haderte und fühlte mit Entsetzen, wie ein von seinem Selbst losgelöstes, aber doch von ihm unzertrennliches Wesen ihn zu hassen begann. Nach und nach artete der stumme Trotz des Schemens in offenen Kampf aus. Wenn ihn der Künstler bannen wollte, so verfolgte ihn der andere. Er hetzte ihn durch Feld und Flur, durch seine Gemächer, ihm immer auf den Fersen folgend, sein Inneres mit grauenhafter Qual und schrankenlosem Entsetzen erfüllend. Einmal, als ihm in einer lautlosen, düsteren Nacht sein feindliches Selbst unerträglich wurde, ging er zu dem hohen Kasten, der seine Instrumente barg, und wollte ihn aufschließen. Da spürte er, wie ihn Jemand daran hinderte, sein Arm wurde bleischwer, er fühlte einen heißen, glühenden Atem im Nacken, und die Angst jagte ihn Trepp auf, Trepp ab durch das ganze Haus, durch alle Gänge, durch weite, finstere, ihm unbekannte Zimmer, bis er endlich in einem hohen Gemach anlangte. Mit einem Schlag erhellte sich der weite Raum. Es war ein Riesensaal im üppigsten Rokokostil, mit Spiegeln, die von der Decke bis zum Boden reichten, und großen Kronleuchtern, die im Schimmer von hundert Kerzen strahlten und den Saal taghell beleuchteten. Das wahnsinnigste Entsetzen schüttelte ihn, er sah sich zwanzigfach in allen Spiegeln, wie er seiner eigenen Gestalt gegenüberstand, mit funkelnden Augen, wutverzerrten Zügen und gekrümmten Fingern, bereit, auf sich selbst loszustürmen und sich zweifach zu erwürgen. Mit einem lauten Aufschrei sank er nieder.
Seit jenem Tage rührte er die Geige nicht mehr an, ja, er wagte es nicht einmal, die Augen zu öffnen, denn dann sah er seine eigene Gestalt mit haßerfülltem Gesichte vor sich stehen. Stundenlang sann der Jüngling schweigend. Er scheute das helle Licht des Tages und zog schwere Gardinen vor die Fenster. Dicke Teppiche dämpften die Schritte, alles Lebende war aus seiner Nähe verbannt, sogar die vielen Blattgewächse und Blumen, die einst sein Heim schmückten, hatte er daraus entfernen lassen. Die Leute hielten ihn für schwermütig oder gar für gestört im Geiste und begannen ihn zu meiden. So verödete sein Haus. Das Tor war den ganzen Tag geschlossen, niemand pochte daran, niemand stieg die Treppe empor und betrat die schönen, einst so gastlichen Räume. Der große Garten verwilderte nach und nach, denn er hatte den Gärtner entlassen. Auf den früher mit farbigem Kies bestreuten Wegen wuchs Gras. Die bunten Blumenbeete standen voll Unkraut, die Rosenstöcke trieben lange Schädlinge und blühten nicht mehr. Nur eine große, böse Dogge mit blutroten Lefzen und schäumendem Maul rannte im Garten herum und tobte des Nachts die Mauer entlang, wenn draußen die schweren Schritte eines verspäteten Wanderers verhallten. — — — — — — —
Eines Abends stand der Jüngling auf dem hölzernen Balkon, von dem an beiden Seiten Treppen in den Garten führten, und blickte mit müden Augen in das brennende Rot, das den Himmel wie eine entzündete Wunde färbte. Laute Schreie ausstoßend, stürzten sich die Schwalben in den flammenden Brand. Wie Feuerschein lohte es auf dem Balkon, und eine unsägliche Traurigkeit lag über der ganzen, sonst so lieblichen Landschaft. Nach und nach brach die Dunkelheit herein, und der Mond stieg am blauen Himmel auf, schwebte zuerst über den mächtigen Linden am steinernen Parktor und stieg dann höher und immer höher empor, sein klares und mildes Licht über die Wipfel der Bäume gießend.
Der Künstler seufzte tief auf, strich mit der Hand über seine Stirne und trat in sein Zimmer zurück. Dann schloß er sorgfältig die Türe zum Balkon, trat zum Instrumentenkasten und öffnete ihn. Er nahm die Geige heraus, die ihm so viel Ungemach bereitet hatte und verließ sein Haus. Sein Plan stand fest. Er wollte das kostbare Instrument vernichten, zerbrechen, zerstören und seine Trümmer in den See schleudern. Eine innere Stimme sagte ihm, er werde dann Ruhe und Genesung finden. Er schritt durch den Garten und die kleine Hinterpforte, wo die Glyzinien über die Mauer hingen, auf die Straße hinaus und zwischen Gartenmauern hindurch, bis er zu dem Wege kam, der zuerst an Feldern und Wiesen vorbei, dann durch einen Föhrenwald sanft bergan zu dem kleinen See führte, der zwischen mäßig hohen, aber steil abfallenden Felsen in einer länglich runden Talmulde lag. Als er den Wald betreten hatte, vernahm er zuerst in der Ferne, dann immer näher eilige Schritte, die ihn zu verfolgen schienen, und als er sich umwandte, sah er seine eigene Gestalt mit angstverzerrten Zügen auf sich zueilen. Er lief wie ein Wahnsinniger den Hügel hinan, blind vorwärts, an die Bäume anstoßend, über Wurzeln hinstolpernd, keuchend und halb wahnsinnig vor Entsetzen. Endlich langte er am Rande des Waldes an. Dort lagen etliche verstreute Granitblöcke, dann brach der Boden plötzlich ab, und eine senkrechte Felswand ragte in den See, in dem sich der Mond spiegelte. Er war ruhig, kein Wellchen kräuselte seine Oberfläche, er schien ganz dunkel, und leichte, zarte Nebel zogen über ihn hinweg. An einem dieser Blöcke wollte er die unselige Geige zerschmettern. Er hob seine Arme hoch empor und war im Begriffe, sie eben auf den Stein niedersausen zu lassen, da spürte er, wie sich jemand mit voller Kraft an dem Kasten der Geige festhielt, während er mit eisernem Griffe die Schnecke umklammerte. Es begann ein heftiges Ringen auf dem moosigen Waldboden. Der Jüngling taumelte von einer unsichtbaren Macht geschüttelt und gezerrt nach allen Seiten, plötzlich ließ er das Instrument los, verlor den Boden unter den Füßen, stürzte lautlos rücklings in den See und verschwand. Das Wasser rauschte auf. Ein Duckhuhn flatterte ängstlich kreischend, mit den Flügeln den See peitschend, über die silberne Straße, welche der Mond auf die Flut zeichnete, ins Dunkel hinein. Dann wurde es totenstille. Plötzlich klangen lange, wehmütige Geigentöne durch den Wald, die mit einem schrillen Akkord verstummten. Ein fahler Nebelschwaden zog rasch durch die Luft, über die Wellen, seltsam anzusehen wie eine händeringende Gestalt, und zerfloß in nichts. Des Morgens Kühle stieg die Feldwinde empor, der Mond verblaßte, fern am Horizont hellte es sich auf, und die ersten Vogelrufe ertönten in dem Gehölz. Da fuhr ein Windstoß daher, hart am Abgrund vorbei und entblätterte die wilden Rosen, daß sie wie Schnee im Winter niederfielen auf die nebelhauchenden Wasser.

Matthias Blank - Vom Tode zum Tode

Vom Tode zum Tode Kleine Geschichten von Matthias Blank (mehr von dem Schriftsteller bei ngiyaw eBooks ) Klein-Lieschen »Heisa, Heisa...