Donnerstag, 27. Mai 2021

Ventura García-Calderón - Die Mutter des Stroms

 Ventura García-Calderón - Die Mutter des Stroms

Als ich aufbrach, sagte Jaime Basadre, um wie so viele andere mein Glück im Urwald zu machen, gab mir der Zufall einen eigenartigen Reisegefährten, einen Priester aus Aragonien, bäurisch ungeschliffen, aber eine gute Haut, der vorhatte, alle heidnischen Flüsse der Welt zu taufen. Bruder Carmelo wollte zu dem hundertjährigen Kloster Ocopa, wo die Missionare die Wilden lehren, den Sonnengott zu verleugnen, dessen glänzendes Reich sich doch so weit über Amerika erstreckte, und davon träumen, mit der Zeit alle glorreichen Spuren seines Kults zu vertilgen. Ein Traum wie irgendein anderer! Auch der meinige, schnell große Reichtümer zu sammeln, war nicht mehr wert.

Jedes Kind in der Hauptstadt hat von den Millionen erzählen hören, die man in Iquitos durch einfaches Ritzen der Kautschukbäume verdient. Die ganze Ausbeute läßt man dann den größten Strom der Welt, den Amazonas, abwärts treiben, mitten zwischen Urwaldriesen, die noch auf dem Wasser ihre singenden Vogelnester bewahren. Aber auch die Kehrseite des Abenteuers war mir bekannt: Fieber aller Art, trostlose Einsamkeit, Kannibalen, deren vergiftete Pfeile nicht horizontal heranschwirren, sondern senkrecht vom Himmel fallen. In diesem Paradies der Schlangen lebt man von Affenfleisch und Schildkröteneiern. Doch für so etwas schwärmt man mit zwanzig Jahren.

Die Andenketten lagen hinter mir, und wie ein Wunder tauchte plötzlich im blauen Dunst der Ferne der Urwald auf. Während unsere Maultiere mühsam auf den schmalen Pfaden der Sierra kletterten, hielt mein Begleiter, da er keine Ungläubigen zur Hand hatte, mir unaufhörlich fromme Vorträge. Unser Führer, ein halbwilder Indianer in zerfetztem Poncho, ritt auf dem blanken Fell, an den nackten Fuß einen eisernen Stachel gebunden, mit dem er sein Tier spornte. Welch ungeheuerlicher Fuß! Abgetreten wie eine alte Schuhsohle und durchlöchert von Sandflöhen, die behaglich in seinem Innern nisteten.

Dieser schweigsame, träumerische Führer schien den Missionar für einen großen Zauberer der Weißen zu halten, was ihn aber nicht hinderte, bei jedem alten Indianergrab am Wege abzusteigen und einen Stein auf den Hügel zu legen, wie es die fromme Sitte von alters her gebot. Denn so beschwört man die in der Luft schwebenden Geister, ganz abgesehen davon, daß die Mumien unter der Erde hören, wer vorbeikommt. Wer das nicht glaubt, soll die Kondore ansehen, wie sie im Dienst der Toten auf der Lauer liegen und auf ihr Geheiß mit ihren runzligen alten Hexenaugen von den hohen Gipfeln herab nach allem spähen, was vorgeht . . . So sagte der Führer, der bei jeder Rast am Rande des engen Weges hockte, die Beine über dem Abgrund, und endlos trockene Cocablätter kaute. Wunderbar, wie sie ihn belebten und alle Mattigkeit verscheuchten! Nicht einmal der eisige Wind, der heulend von den Höhen herabblies, konnte ihm etwas anhaben.

Bruder Carmelo aber faßte das schwere Ebenholzkreuz auf seiner Brust und spritzte einige Tropfen geweihten Wassers von Lourdes auf dieses Sodom und Gomorrha.

So hatte er, als wir am Rande der wie ein grünes Meer fortrollenden Montaña ankamen, eine ganze Reihe von Schneekuppen getauft, mehr als ein Paternoster gebetet, um uns vor den ungläubigen Kondoren zu behüten, und wenigstens die halbe Flasche Weihwasser auf die Grabstellen der alten Rasse entleert. Ich muß gestehen, daß die Reise soweit glatt verlaufen war. Und dieses einfache Mittel, die Gefahren meines Landes zu beschwören, würde mich für immer bestochen haben, ohne diese jähe Katastrophe. Doch ich will den Ereignissen nicht vorgreifen . . .

Auf einer Balsa, diesem primitiven, kaum aus dem Wasser ragenden indianischen Floß mit Strohsegeln, schifften wir uns jetzt ein, um die von den Anden stürzenden Flüsse hinunterzugleiten. Was bedeuteten die halsbrecherischen Pfade der Sierra gegen diese Fahrt durch Stromschnellen und tosende Strudel! Gut, daß unsere Piloten, Indianer im Lendenschurz, den energischen Kopf mit Arafedern geschmückt, uns mit Lianen in der Mitte des Fahrzeuges festgebunden hatten! Das Schlimmste kam noch. Immer mehr verengten sich die felsigen Ufer, immer reißender wurde die Strömung. Da übernahm ein herkulischer Indianer, dessen Halskette aus Amuletten ihn als den Zauberer seines Stammes kennzeichnete, allein das Kommando. Stillschweigend sahen wir zu, wie er die Stabilität des Floßes prüfte, etwas Flußwasser kostete und respektvoll auf den Wind lauschte, als höre er Freundesstimmen. Meiner Treu, er hatte eine stolze Haltung, dieser Kapitän der Urwaldströme, mit den mächtigen Muskeln und dem Stückchen Rohr in der überbreiten Oberlippe.

Die Ration Masato pro Kopf mußte verdoppelt werden, und durch den Dolmetscher ließ er uns mitteilen, daß wir seinen Weisungen aufs Wort nachkommen müßten. Vor allem durfte keine Silbe gesprochen werden, denn an der gefährlichsten Stelle, wo der Fluß gegen eine in seinem Bett quergestellte Granitmauer antobt, schläft eine Schlange, die es wie die Menschen nicht liebt, daß man sie brüsk aus dem Schlafe weckt. »Die Mutter des Stroms« nennen sie die Indianer. Ein Dämon? Eine schützende Gottheit? Eines hatte ich jedenfalls verstanden: man durfte die Mannschaft in keiner Weise stören.

Im Anfang ging alles gut. Unser Missionar hatte sich darauf beschränkt, voll stummer Verachtung auf den wilden Amtsbruder zu schauen, der uns mit verborgenen Mächten und Teufeln in Schlangengestalt drohte, und jetzt, das kleine Schlagruder mit beiden Händen gepackt, aufmerksam flußabwärts spähte. Kurz vor der verhängnisvollen Wand mußte er den einen günstigen Augenblick wahrnehmen, die Balsa um die gefährliche Mauer herumzubringen.

Steil wie Wälle stiegen die Ufer empor; Wolken von Gischt fegten über uns fort, und in schwindelerregender Fahrt schoß das ächzende Fahrzeug durch die schäumenden Wirbel. Blank poliert vom Wasser erhob sich die rote Mauer vor unseren Augen, kam rapid näher und wuchs ins Ungeheuerliche. Seltsamer Kontrast: aus einer Felsspalte neigte sich eine schlanke Palme, an deren Zweigen als schwere Früchte schlafende Affen hingen.

Beklommen wollte ich nach rückwärts zu unserem Steuermann blicken. Im selben Augenblick schwankte die Balsa wie toll, und ich sah etwas Ungewöhnliches, etwas Sinnloses — zu spät, um es verhindern zu können. Unser Missionar beugte sich, halb aufgerichtet, über das Wasser und schrie mit verzerrtem Gesicht: »Apage, Satanas!« Und weit ausholend, spritzte er den Rest seines Weihwassers in den quirlenden, tobenden Kessel.

Der Strudel hatte uns gefaßt. Ein fürchterlicher Ruck, und die Balsa kenterte. Schon halb in der eiskalten Flut, durchschnitt ich die Lianen und schwamm mit verzweifelter Kraft, um nicht an der Wand zu zerschellen. Minuten später trieb ich in ruhig fließendem Wasser. Riesige Bäume bedeckten die flachen, immer breiter werdenden Ufer. Noch eine Anstrengung, und zitternd betrat ich nahe am Ufer eine Sandbank, auf der eine zwei Meter lange Schildkröte ihre Schale in der Sonne trocknete. Unser Steuermann war schon da. Mit verstörten Augen seine Amulette aufs Wasser haltend, murmelte er Beschwörungsformeln, sicherlich, um die zornige Mutter zu beruhigen, deren Träume der weiße Zauberer mit seinem Tränklein gestört hatte. Muß ich noch sagen, daß der für immer im Strudel verschwunden war?

Was hatte sich nun eigentlich zugetragen? Hatte der Steuermann im letzten Augenblick die Nerven verloren und die Balsa durch seine Nachlässigkeit scheitern lassen? Oder traf uns der Schwanzhieb einer Riesenboa?

Diese letzte Erklärung schien mir die wahrscheinlichste, als ich am Abend mit dem Zauberer in der Hütte eines Wilden das kräftige Maniokabier trank und den furchtbaren Eid leistete. Ein kleiner Schnitt in den linken Arm, zwei Tropfen Blut von jedem in dieselbe Kürbisschale — und ich schwor, niemals Weihwasser auf die Flußgottheiten meines Landes zu schütten.

Berechtigte Übertragung aus dem Spanischen von Otto Albrecht van Bebber


Montag, 26. April 2021

Alexander Dumas - Francois Picaud

FRANCOIS PICAUD

Ein Stück Zeitgeschichte

von

Alexander Dumas

Übersetzung nach der englischen Ausgabe

(The Count of Monte-Christo Band 5).

 GEORGE ROUTLEDGE AND SONS

LONDON AND NEW YORK

1888

COPYRIGHT, 1887, by HUGH CRAIG


Als ePub: ngiyaw eBooks Francois Picaut

Die wenigen Seiten, die hiermit an »Der Graf von Monte Christo« angefügt sind, beziehen sich auf die Geschichte, auf die Dumas' bewundernswerter Liebesgeschichte gegründet wurde.

 Der Herausgeber der letzten französischen Gesamtausgabe des Werkes hat es treffend ausgedrückt: »Um der wunderbaren Komposition eine großartige Realität zu verleihen, die Tatsachen auf Wahrheit zu gründen und aufzuzeigen, dass ihre dramatischen Szenen Zeugen hatten, verdoppelt das Interesse in das Werk.«

 Im Jahr 1807 lebte in Paris ein Schuhmacher namens Francois Picaud. Dieser arme Teufel, der seine Arbeit zu Hause verrichtete, war ein junger, gutaussehender Bursche, der kurz vor der Heirat mit einem hübschen, kecken, lebhaften Mädchen stand. Er liebte Sie, wie gewöhnliche Leute ihre Bräute lieben, die sie sich aussuchen, was bedeutet, allein unter allen Frauen; denn gewöhnliche Leute kennen nur eine Art, eine Frau zu lieben, nämlich sie zu heiraten. Mit diesem schönen Plan im Kopf und in seiner besten Sonntagskleidung ging Francois Picaud zum Wirt eines Kaffeehauses. Dieser wohlhabende Mann, der ihm in Alter und Stellung zwar gleich kam, war jedoch reicher als der Schuster und bekannt für seine extravagante Eifersucht auf alles und jeden.

Mathieu Loupian, ein gebürtig aus Nîmes wie Picaud, hatte einen gut besuchten Kaffee- und Weinladen in der Nähe des Place Sainte-Opportune. Er war Witwer mit zwei Kindern; seine drei Stammkunden, alle aus dem Departement Gard, und alle mit Picaud bekannt, waren bei ihm.

»Was gibt's«, sagte der Herr des Hauses. »Warum, Picaud, bist du so elegant, dass man denken würde, du würdest Las Treillas tanzen!« Dies ist der Name eines beliebten Tanzes im unteren Languedoc.

»Ich etwas besseres machen, mein Freund, — ich werde heiraten.«

»Wen habt ihr ausgewählt Euch mit Hörnern zu zieren?«, fragte einer aus der Gesellschaft namens Allut.

»Nicht das zweite Mädchen Ihrer Schwiegermutter, denn in dieser Familie werden sie so ungeschickt gepflanzt, dass sie einem durch den Hut gehen.«

Tatsächlich hatte Alluts Hut ein Loch und das Lachen war auf der Seite des Schuster.

»Scherz beiseite«, sagte der Wirt, »wen wollt ihr denn heiraten!«

»Das Vigouroux-Mädchen.«

»Therese die Reiche?«

»Genau!«

»Wie das! sie hat hunderttausend Franc!«, schrie der Vermieter erstaunt.

»Ich werde es ihr in Liebe und Glück vergelten! Nun, meine Herren, lade ich Euch zur Messe ein, die in Saint-Leu abgehalten wird, und zum Tanz nach dem Hochzeitsbankett, der im Zeichen des ›Bal Champétre‹ in den ›Bosquets de Vénus‹, Rue aux Ours, in den Räumen von M. Lasignac, Tanzmeister, fünfter Stock hinten, stattfinden wird.«

Die vier Freunde konnten kaum mit ein paar nichtssagenden Worten antworten. Worte antworten, so verblüfft waren sie über das Glück ihres Gefährten.

»Wann ist die Hochzeit?«, fragte Loupian.

»Nächsten Dienstag.«

»Dienstag!«

»Ich rechne auf Euch. Auf Wiedersehen. Ich gehe jetzt in das Büro des Bürgermeisters.«

Er ging, und die Übrigen starrten sich an.

»Er hat Glück, der kleine Schurke!«

»Es ist Hexerei!«

»So ein gutes, so ein reiches Mädchen!«

»Für einen Schuster!«

»Die Hochzeit ist am Dienstag.«

»Ja, in drei Tagen.«

»Ich schließe eine Wette ab«, sagte Loupian, »Ich werde sie verschieben!«

»Wie willst Du das machen?«

»Oh, ein Spaß!«

»Wie?«

»Ein ausgezeichneter Spaß. Der Kommissar kommt; ich werde ihm sagen, daß ich Picaud verdächtige, ein englischer Spion zu sein; dann wird er vorgeladen und verhört werden; er wird erschrocken sein und mindestens acht Tage lang wird die Heirat warten müssen.«

»Loupian«, sagte Allut, »das ist ein gemeiner Trick. Du kennst Picaud nicht: wenn er das herausfindet, ist er einer der schwere Rache nimmt.«

»Ach was!« riefen die anderen, »wir wollen uns in der Karnevalszeit amüsieren.«

»So viel Du willst! Aber ich muss Dir sagen, dass ich nicht dabei bin. Jeder nach seinem Geschmack.«

»Ah«, rief der Kaffeehausbesitzer bitter, »kein Wunder, dass du Hörner trägst!«

»Ich bin ein ehrlicher Mann, du bist neidisch. Ich werde in Frieden leben und Du wirst elend sterben. Gute Nacht!«

Als er gegangen war, ermutigte sich das Trio gegenseitig, eine so amüsante Idee nicht aufzugeben und Loupian, der Initiator davon, versprach seinen beiden Freunden, dass er sie zum Lachen bringen würde, bis ihre Hosen aufknöpfen müssten. Noch am selben Tag, zwei Stunden später, tat der Polizeikommissar, mit dem Loupian geplaudert hatte, seine Pflicht als wachsamer Beamter. Er formte aus dem Geschwätz des Hausherrn einen Bericht in seinem besten offiziellen Stil und leitete ihn an die höheren Mächte weiter. Der verhängnisvolle Brief wurde zum Herzog von Rovigo gebracht; es stimmte mit den erhaltenen Informationen über die Bewegungen in La Vendée überein. Zweifellos war Picaud das Bindeglied zwischen dem Süden und dem Westen. Er musste eine wichtige Person sein; sein erklärter Beruf verbarg einen Gentleman aus dem Languedoc. Kurz gesagt, in der Nacht von Sonntag auf Montag wurde der unglückliche Picaud auf so mysteriöse Weise aus seinem Zimmer geholt, dass niemand ihn gehen sah. Nach diesem Tag verlor sich jede Spur von ihm vollständig; seine Verwandten und seine Freunde konnten nicht die geringste Auskunft darüber erhalten, was ihm widerfahren war, und er war vergessen.

Die Zeit verging. Das Jahr 1814 brach an; das Kaiserreich fiel, und um den 15. April herum kam ein Mann aus der Zitadelle von Fenestrelles, gebeugt vom Leid und gealtert mehr durch Verzweiflung als durch Jahre. In diesen sieben Jahren hatte er ein halbes Jahrhundert durchlebt. Niemand konnte ihn erkennen; er konnte sich selbst nicht erkennen, als er zum ersten Mal in der erbärmlichen Schenke von Fenestrelles in einen Spiegel blickte.

Dieser Mann, dessen Gefängnisname Joseph Lucher gewesen war, hatte in den Diensten eines reichen Mailänder Geistlichen gestanden, der ihn mehr als Sohn denn als Hausangestellten betrachtete. Der Priester, über seine Verwandten entrüstet, die ihn im Stich gelassen hatten, um in den Genuss seines großen Vermögens zu kommen, verheimlichte ihnen die Gelder, die er in der Bank von Hamburg und in der Bank von England deponiert hatte. Außerdem hatte er den größten Teil seiner Güter an einen hohen Würdenträger des Königreichs Italien verkauft und die Zinszahlungen waren jährlich auf eine Bank in Amsterdam einzuzahlen, die den Auftrag hatte, den Betrag an den Verkäufer zu überweisen.

Dieser italienische Adlige, der am 4. Januar 1814 verstarb, hinterließ dem armen Gefangenen Joseph Lucher als alleiniger Erbe rund sieben Millionen an unbelasteten Gütern und hatte ihm auch das Geheimnis eines verborgenen Schatzes anvertraut im Wert von etwa zwölfhunderttausend Franc an Diamanten und drei Millionen in Münzen: Mailänder Dukaten, venezianischen Gulden, spanischen Doppelmünzen, französischen Louis-d'or und englischen Sovereigns.

Als Joseph Lucher schließlich entlassen wurde, begab er sich in aller Eile nach Turin und von dort nach Mailand. Er handelte umsichtig und war nach wenigen Tagen im Besitz des Schatzes, den er gesucht hatte, sowie einer Vielzahl von antiken Edelsteinen und Kameen von großem Wert. Von Mailand aus reiste Joseph Lucher nach Hamburg, Amsterdam und London und sammelte Reichtümer, die ein königliches Schatzhaus füllen würden. Lucher, der von seinem Meister das Geheimnis des erfolgreichen Spekulierens gelernt hatte, legte seine Gelder so vorteilhaft an, dass er, nachdem er die Diamanten und eine Million Francs in seinem Brieftasche zurückbehalten hatte, ein Einkommen von sechshunderttausend Francs pro Jahr hatte, zahlbar von den Banken in England, Deutschland, Frankreich und Italien.

Nachdem er diese Vorkehrungen getroffen hatte, machte er sich auf den Weg nach Paris, wo er am 15. Februar 1815 ankam, acht Jahre, auf den Tag, nach dem Verschwinden des unglücklichen Francois Picaud. Er war da vierunddreißig Jahre alt. Joseph Lucher erkrankte am Tag nach seiner Ankunft in Paris und da er keinen Kammerdiener oder Begleiter hatte, ließ er sich in ein Krankenhaus bringen. Er blieb die ganze Zeit krank, während der Kaiser auf Elba war und während der Hundert Tage. Doch als die zweite Restauration den Thron Ludwigs XVIII. fest begründet zu haben schien, verließ er das Hospital und begab sich in das Viertel Sainte-Opportune. Dort erfuhr er folgende Tatsachen:

Im Februar 1807 war viel über das Verschwinden eines jungen Schuhmachers gesprochen worden, eines anständigen Kerls, der eine wundervolle Ehe schließen würde. Ein Streich, den ihm drei seiner Freunde spielten, zerstörte sein Glück, und der arme Teufel lief davon oder wurde verschleppt. Keiner wusste, was aus ihm geworden war. Seine vorgesehene Braut trauerte zwei Jahre lang um ihn, dann, ihrer Tränen überdrüssig, heiratete sie den Kaffeehausbesitzer Loupian, der durch diese Heirat seine Mittel vergrößerte und nun auf dem Boulevard das prächtigste und bestbesuchte Kaffeehaus von Paris besaß.

Joseph Lucher schien der Geschichte gleichgültig anzuhören. Aber er fragte nach den Namen derjenigen, deren Scherz, wie man dachte, das Unglück von Picaud verursacht hatte. Diese Namen waren vergessen worden. Einer von denen, den der Neuankömmling befragte, antwortete jedoch: »Es gibt einen gewissen Antoine Allut, der mir gegenüber gesagt hat, dass er diese Personen kennt.«

»Ich kannte einen Allut in Italien; er kam aus Nîmes.«

»Dieser Mann kommt auch aus Nîmes. Der Allut, den ich kannte, hat mir hundert Kronen geliehen und mir gesagt, ich solle sie seinem Cousin Antoine geben, soweit ich mich erinnere.«

»Sie können die Summe in Nîmes übergeben, denn er ist dorthin zurückgekehrt.«

Am nächsten Tag fuhr eine Postkutsche mit einem Kurier, der das Dreifache des üblichen Tarifs bezahlte, die Straße von Lyon entlang. Von Lyon aus folgte die Kutsche der Rhone über die Marseiller Straße, die sie an der Brücke von Saint-Esprit verließ. Dort stieg zum ersten Mal seit Beginn der Reise ein italienischer Abbé aus.

Er nahm eine Droschke und stieg in Nîmes beim bekannten Hotel du Luxembourg ab; ohne etwas zu verbergen, fragte er die Leute des Gasthauses, was aus Antoine Allut geworden sei. Der Name, der in dieser Gegend sehr verbreitet ist, wird von vielen Familien getragen, die sich in Rang, Vermögen und Religion unterscheiden. Es dauerte lange, bis der Abbé Baldini den Gesuchten gefunden hatte, und es dauerte noch einige Zeit, bis er seine Bekanntschaft gemacht hatte. Als sie sich vertrauter geworden waren, erzählte der Abbé Antoine, dass er, während er wegen eines Staatsvergehens im Castello dell' Ovo in Neapel gefangen war, die Bekanntschaft eines Kameraden gemacht hatte, der 1811 angekommen war und dessen Tod er zutiefst bedauerte.

»Damals«, sagte er, »war er ein junger Mann von dreißig Jahren; er starb weinend um sein verlorenes Land und verzieh allen, die ihm Unrecht getan hatten. Er stammte aus Nîmes und hieß Francois Picaud.«

Allut konnte einen Schrei nicht unterdrücken, und der Abbé betrachtete ihn mit Erstaunen.

»Sie kannten also diesen Picaud?«, fragte er. »Er war einer meiner besten Freunde. Armer Kerl! Er starb weit weg. Kannten Sie den Grund seiner Verhaftung.«

»Er wusste es selbst nicht, und er hat es so feierlich geschworen, dass ich an seiner Unwissenheit nicht zweifeln konnte.«

Allut seufzte. Das Abbé fuhr fort:

»Solange er lebte, beschäftigte ihn ein einziger Gedanke. Er hätte, so sagte er, jedem seinen Anteil am Paradies geschenkt, der ihm den oder die Urheber seiner Verhaftung nennen würde. Dieser feste Gedanke veranlasste Picaud zu der eigenartigen Klausel in seinem Testament. Aber zuerst muss ich Ihnen sagen, dass Picaud, während er im Gefängnis saß, einem englischen Gefangenen bemerkenswerte Dienste erwiesen hat, der Picaud auf seinem Sterbebett einen Diamanten im Wert von mindestens fünfzigtausend Franc hinterließ.«

»Glückspilz!« rief Allut, »fünfzigtausend Franc sind ein Vermögen!«

»Als Francois Picaud im Sterben lag, rief er mich zu sich und sagte: ›Ich werde in Frieden sterben, wenn Sie versprechen, meine Wünsche zu erfüllen; versprechen Sie es!‹ ›Ich schwöre, ich werde es tun, denn ich bin sicher, dass Sie nichts verlangen, was gegen Religion oder Ehre verstößt.‹ ›Oh, nichts. Hören Sie mir zu, und urteilen Sie selbst. Ich kann die Namen derer, die mich in diese Hölle gestürzt haben, nicht erfahren, aber ich habe eine Offenbarung gehabt. Die Stimme Gottes hat mich gewarnt, dass einer meiner Stadtbewohner von Nîmes sie kennt. Geh zu ihm, wenn du frei bist, und gib ihm von mir den Diamanten, den ich von Sir Herbert Newton erhalten habe; aber ich stelle die Bedingung, dass er dir bei Erhalt des Diamanten die Namen derer anvertraut, die ich für meine Mörder halte. Wenn du sie erfahren hast, wirst du nach Neapel zurückkehren und sie, auf eine Bleiplatte geschrieben, in mein Grab legen.‹«

Antoine Allut gestand sofort, dass er die gesuchten Namen kenne, und wiederholte sie, allerdings nicht ohne ein heimliches Gefühl des Schreckens. Seine Frau ermutigte ihn, und der Abbé schrieb die Namen auf — Gervais Chaubard, Guilhem Solari und zuletzt Gilles Loupian.

Der Ring wurde ausgehändigt. Er wurde für dreiundsechzigtausendsiebenhundertneunundvierzig Francs, elf Centimes, an einen Juwelier verkauft, der ihn an Ort und Stelle bezahlte. Vier Monate später wurde er zur ewigen Verzweiflung der Alluts für einhundertzweitausend Franc an einen türkischen Händler weiterverkauft. Dies führte zur Ermordung des Juweliers und zum totalen Ruin der Familie Allut, die fliehen musste und in Griechenland in Armut zurückblieb.

Eine Dame stellte sich im Café Loupian vor und fragte nach dem Inhaber. Sie erzählte ihm, dass ihre Familie für die Verdienste um einen armen Mann, der durch die Ereignisse von 1814 ruiniert worden war, diesem verpflichtet war, aber so selbstlos sei, dass er keine Belohnung annehmen würde. Er war jedoch bestrebt, als Kellner in eine Einrichtung einzutreten, in der er gut behandelt werden würde. Er war nicht jung, er sah etwa wie fünfzig aus; aber um M. Loupian zu beeinflussen, ihn anzustellen, würde sie ihm hundert Franc pro Monat zahlen, ohne dass der Bewerber davon wüsste.

Loupian war mit den Bedingungen einverstanden. Ein Mann kam, schlecht gekleidet und schlecht aussehend. Madame Loupian musterte ihn aufmerksam und glaubte, eine Ähnlichkeit mit einem alten Bekannten zu erkennen, konnte sich aber an nichts speziell erinnern und vergaß die Sache. Zwei Männer aus Nîmes kamen regelmäßig in das Café; doch eines Tages blieb einer von ihnen fern. Über seine Abwesenheit wurden ein paar Scherze gemacht. Auch der nächste Tag verging, ohne dass er auftauchte. Guilhem Solari nahm sich vor, den Grund dafür herauszufinden; er kehrte gegen neun Uhr ins Café zurück und erzählte unter großer Bestürzung, dass tags zuvor, gegen fünf Uhr morgens, die Leiche des unglücklichen Chaubard auf der Pont des Arts gefunden worden war, er war mit einem Dolch erstochen worden. Die Waffe war in der Wunde zurückgelassen worden, und am Griff waren die Druckbuchstaben eingeritzt: Nummer Eins.

Alle möglichen Mutmaßungen wurden angestellt. Die Polizei bewegte Himmel und Erde, aber der Verbrecher entkam all ihren Ermittlungen. Einige Zeit später wurde ein Jagdhund des Hausherrn vergiftet, und ein Junge erklärte, dass er gesehen habe, wie ein Gast dem armen Tier ein paar Kekse gegeben hatte. Der Junge gab eine Beschreibung des Gastes.

Er wurde als ein Feind von Loupian hingestellt, der aus Bosheit in das Café kam, wo Loupian sozusagen auf seinen Befehl hin war. Es wurde ein Verfahren gegen den böswilligen Gast angestrengt, aber er bewies seine Unschuld, indem er ein Alibi nachwies. Er war ein Kurier der Postkutsche und kam am Tag des Verbrechens in Straßburg an. Zwei Wochen später ereilte den Lieblingspapagei von Madame Loupian das gleiche Schicksal wie den Hund: Er wurde mit Bittermandeln und Petersilie vergiftet. Neue Untersuchungen wurden angestellt, aber ohne Ergebnis.

Loupian hatte eine Tochter von sechzehn Jahren aus erster Ehe; sie war schön wie ein Engel. Ein Geck sah sie, wurde verrückt nach ihr und gab ungeheure Summen aus, um die Leute im Cafés und das Dienstmädchen des Mädchens für sich zu gewinnen; so hatte er zahlreiche Gespräche mit ihr und verführte sie unter dem Vorwand, er sei ein Marquis und ein Millionär. Das Mädchen dachte nicht an ihre Torheit, bis sie ihren Verbleib verraten musste. Dann gestand sie ihren Eltern ihre Schwäche. Sie sprachen mit dem Herrn. Er prahlte mit seinem Reichtum, willigte ein, sie zu heiraten, und zeigte seine Besitzurkunden und seinen Stammbaum. Freude kehrte in den Loupian-Haushalt zurück. Kurzum, die Hochzeit fand statt, und der Bräutigam, der alles im guten Stil haben wollte, bestellte für den Abend ein Dinner mit hundertfünfzig Gedecken im Cadran Bleu.

Zur festgesetzten Zeit versammelten sich die Gäste, aber der Marquis erschien nicht. Es traf jedoch ein Brief ein, der ankündigte, dass der Marquis auf Befehl des Königs in die Tuilerien gegangen sei; er bat, für den Tag entschuldigt zu werden, und bat sie, ohne ihn zu speisen; er würde um zehn Uhr zurück sein. Das Abendessen fand ohne den Schwiegersohn statt. Die Braut war schlecht gelaunt, trotz der Glückwünsche für die hohe Stellung ihres Mannes. Es wurden zwei Gänge serviert. Beim Dessert legte ein Kellner jedem Gast einen Brief auf den Teller, in dem er mitteilte, dass der Bräutigam ein entflohener Sträfling war und davongelaufen war.

Die Bestürzung von M. und Mme. Loupian war schrecklich, aber sie sahen die Ursache ihres Unglücks nicht deutlich. Vier Tage später, an einem Sonntag, während die ganze Familie auf einem Ausflug aufs Land war, brach in den Räumen unter dem Café an neun verschiedenen Stellen Feuer aus; eine Menschenmenge versammelte sich und unter dem Vorwand helfen zu wollen, stahl, raubte, zerschlug und zerstörte; die Flammen bemächtigten sich des Hauses; es brannte nieder. Der Besitzer verklagte Loupian; er war völlig ruiniert, und das unglückliche Ehepaar hatte nichts mehr außer einer kleinen Summe, die der Frau gehörte. Ihr gesamtes Bargeld, alle Habseligkeiten und Möbel waren in dem verheerenden Feuer gestohlen oder zerstört worden.

In der Folge wurde die Familie Loupian von ihren Freunden verlassen; allein der alte Diener Prosper blieb treu; er wollte sie nicht verlassen; er folgte ihnen ohne Lohn, zufrieden, ihr Brot mit ihnen zu teilen. Er wurde gelobt und bewundert, und ein bescheidenes kleines Café wurde in der Rue Saint-Antoine eingerichtet. Solari kam dort als Gast; doch eines Abends, als er nach Hause kam, wurde er von heftigen Schmerzen befallen. Ein Arzt wurde geholt, der erklärte, Solari sei vergiftet worden; und trotz aller Bemühungen starb der Unglückliche in schrecklichen Krämpfen. Zwölf Stunden später wurde der Sarg nach dem Brauch vor der Tür des Hauses, in dem Solari lebte, aufgebahrt, und auf dem schwarzen Tuch, das den Sarg bedeckte, fand man einen Zettel, auf dem mit Druckbuchstaben die beiden unheilvollen Worte geschrieben standen: Nummer Zwei.

Neben der Tochter, deren Schicksal so unglücklich war, hatte Loupian einen Sohn. Dieser Junge, der sich mit schlechten Gefährten beiderlei Geschlechts einließ, endete nach ein paar Kämpfen damit, dass er sich in rücksichtslose Ausschweifungen stürzte. Eines Nachts schlugen seine Kameraden eine »Gaunerei« vor, nämlich in einen Schnapsladen einzubrechen, ein Dutzend Flaschen zu klauen, sie zu leeren und am nächsten Tag zu bezahlen. Eugene Loupian, schon halb betrunken, nahm den Vorschlag vergnügt an; aber kaum als die Tür aufgebrochen und die Flaschen ausgewählt waren, zwei für jedes Mitglied der Bande, war schon die Polizei, gewarnt durch einen Verräter, vor Ort; die sechs Täter wurden verhaftet, vor Gericht gestellt, wegen Einbruchs verurteilt, und der junge Loupian musste für zwanzig Jahre ins Gefängnis.

Dieser Schicksalsschlag vollendente den Untergang und das Unglück der Familie. Die schöne und reiche Therese starb vor Kummer und da sie keine Kinder hinterließ, mussten die Reste ihrer Mitgift an ihre Familie zurückgegeben werden. Der todunglückliche Loupian und seine Tochter standen also ohne Mittel da; aber der treue Kellner, der ein paar Ersparnisse hatte, bot sich an, der jungen Frau etwas Geld vorzustrecken, knüpfte aber eine Bedingung an diese Dienste und machte Mademoiselle Loupian unangemessene Anträge. Das Mädchen, in der Hoffnung, ihren Vater zu retten und wegen der Schwere ihrer Not, akzeptierte die schändliche Bedingung und sank vom Konkubinat auf die niedrigste Stufe der Erniedrigung.

Von Loupian konnte man kaum sagen, dass er lebte; sein Unglück hatte seinen Verstand erschüttert. Eines Abends, als er in einer dunklen Gasse im Garten der Tuilerien spazieren ging, stand ein Mann mit einer Maske vor ihm.

»Loupian«, rief er, »erinnerst du dich an das Jahr 1807?«

»Warum?«

»Weißt du, welches Verbrechen Du damals begangen hast!«

»Ein Verbrechen!«

»Ein schändliches Verbrechen! Aus Eifersucht haben sie deinen Freund Picaud in den Kerker geworfen, — erinnerst du dich?«

»Gott hat mich schwer bestraft!«

»Nein, nicht Gott, sondern Picaud selbst.« Um seine Rache zu besänftigen, erstach er Chaubard auf der Pont des Arts; er vergiftete Solari; er gab deiner Tochter einen Sträfling zum Manne und webte das Netz, in das dein Sohn fiel; seine Hand tötete deinen Hund und den Papagei deiner Frau; seine Hand steckte dein Haus in Brand und trieb die Räuber an; er hat deine Frau vor Kummer sterben lassen; deine Tochter ist seine Konkubine. Ja, in deinem Kellner, Prosper, erkenne Picaud; erkenne ihn in dem Augenblick, wo er seine Nummer Drei vollenden wird!«

Wutentbrannt stieß er seinen Dolch in das Herz seines Opfers, mit einem so gezielten Stoß, dass Loupian tot umfiel, ohne einen Schrei von sich zu geben. Nachdem er diesen letzten Racheakt vollbracht hatte, wandte sich Picaud zum Verlassen des Gartens, als ihn eine eiserne Hand am Hals packte und neben der Leiche zu Boden schleuderte, und ein Mann, der seine Überraschung ausnutzte, fesselte ihm Hände und Füße, steckte ihm einen Knebel in den Mund, wickelte ihn in seinen eigenen Mantel und trug ihn davon.

Nichts konnte der Wut und dem Erstaunen von Picaud gleichkommen, als er sich so gefesselt und weggeschleppt fand. Es war sicher, dass er nicht in die Hände der Polizei gefallen war, denn selbst ein einzelner Gendarm hätte keine so außergewöhnlichen Vorkehrungen getroffen, denn ein Schrei hätte ihm die in der Nähe stationierten Wächter zu Hilfe gebracht. War es ein Räuber, der der ihn fortschleppte? Was für ein seltsamer Räuber! Das konnte kein Scherz sein. Auf jeden Fall war Picaud in eine Falle getappt; das war der einzige Schluss, den der Mörder Picauds ziehen konnte.

Als der Mann, auf dessen Schultern er getragen wurde, schließlich anhielt, schätzte Picaud, dass etwa eine halbe Stunde verstrichen war. Picaud, immer noch in den Mantel gehüllt, hatte nichts von der zurückgelegten Straße gesehen. Als er befreit wurde, fand er sich auf einer Pritsche mit einer Strohmatratze liegend wieder; die Atmosphäre des Ortes war stickig und dumpf; er glaubte, einen unterirdischen Gang zu erkennen, der allem Anschein nach zu einem verlassenen Steinbruch gehörte.

Die fast völlige Dunkelheit des Ortes, die natürliche Erregung Picauds, die Veränderung, die zehn Jahre Entbehrung und Verzweiflung hat das Aussehen des Fremden bewirkt, erlaubten es dem Mörder Loupians nicht, die Person zu erkennen, die so phantomhaft erschienen war. Er musterte sie in dumpfem Schweigen und wartete auf ein Wort, das ihm das zu erwartende Schicksal erklären sollte. So vergingen zehn Minuten, bevor ein einziges Wort gesprochen wurde.

»Nun, Picaud!« sagte er, »welchen Namen führst Du jetzt, — den, den Dir Dein Vater gab, oder den, den Du annahmst, als Du Fenestrelles verlassen hast? Bist Du der Abbé Baldini oder der Kellner Prosper? Kann Dein Einfallsreichtum Dich nicht mit einem fünften versorgen? Du hältst Rache für einen guten Scherz, nehme ich an; es ist rasender Wahnsinn, den Du selbst mit Entsetzen betrachten würden, wenn Du nicht Deine Seele an den Teufel verkauft hättest. Du hast die letzten zehn Jahre deines Lebens der Verfolgung dreier Unglücklicher geopfert, die du hättest verschonen sollen. Du hast furchtbare Verbrechen begangen. Du bist für immer verloren, und Du hast auch mich in den Abgrund gezogen!«

»Du! Du! Wer bist Du?«

»Ich bin dein Komplize, ein Schurke, der für Geld das Leben meiner Freunde verkauft hat! Dein Geld war tödlich; die Habgier, die du in meiner Seele entfacht hast, ist nie erloschen. Die Gier nach Reichtum hat mich verrückt und böse gemacht. Ich erschlug den Mann, der mich betrog. Ich musste mit meiner Frau fliehen; sie starb in der Verbannung, und ich, verhaftet, verurteilt und auf die Galeeren geschickt, habe den Pranger und das Brandeisen ertragen, habe die Kugel und die Kette geschleppt. Als ich endlich entkam, beschloss ich, diesen Abbé Baldini zu bestrafen, der so gut wusste, wie man andere bestraft. Ich eilte nach Neapel; dort kannte ihn niemand. Ich suchte das Grab von Picaud; ich hörte, dass Picaud noch lebte. Wie ich diese Tatsache erfuhr? Weder Du noch der Papst werden mir das Geheimnis entreißen. Ich nahm die Verfolgung des scheinbar Toten wieder auf; aber als ich ihn fand, hatten bereits zwei Morde seine Rache gezeichnet; die Kinder von Loupian waren ruiniert, sein Haus verbrannt und sein Vermögen zerstört. Heute Abend wollte ich mich an den Unglücklichen wenden und ihm alles erzählen; aber wieder einmal bist du mir zuvorgekommen; der Teufel gab dir den Anstoß, und Loupian fiel unter deine Schlägen, davor hat Gott, der mich leitete, mir erlaubt, dein letztes Opfer vor dem Tode zu retten. Was macht das schon? Ich habe dich jetzt! Ich für meinen Teil kann dir beweisen, dass die Männer unseres Landes dass die Männer unseres Landes Waffen haben, die so gut sind wie ihr Gedächtnis! Ich bin Antoine Allut!«

Picaud gab keine Antwort, aber seltsame Gefühle erschütterten seine Seele. Bis zu diesem Augenblick hatte er im schwindelerregenden Rausch der Rache sein unermessliches Vermögen und all die Freuden, die es in seine Reichweite brachte, vergessen. Jetzt, wo seine Rache vollendet war, wo er im Begriff war, sein zukünftiges Leben in Reichtum zu planen, war er in die Hände eines Mannes gefallen, der so unerbittlich war, wie er sich erinnerte, selbst gewesen zu sein. Diese Gedanken flirrten durch seinen Kopf und ein Wutanfall ließ ihn in den Knebel beißen, den Antoine Allut vorausschauend benutzt hatte.

»Kann ich nicht«, überlegte er, »reich wie ich bin, durch schöne Versprechungen, und wenn nötig, sogar durch ein echtes Opfer, diesen Feind loswerden! Ich habe fünfzigtausend Francs gegeben, um die Namen meiner Opfer zu erfahren; wird mich nicht ein gleicher Betrag oder sogar der doppelte, aus der Gefahr befreien, in der ich mich befinde?«

Aber dichter Rauch der Habsucht vernebelten die Klarheit seines Gedanken. Obwohl er sechzehn Millionen besaß, schreckte er davor zurück, die Summe, die verlangt werden könnte, herausgeben zu müssen. Die Liebe zum Gold erstickte die Schreie seines Körpers, das sich danach sehnte, seine Freiheit zu erkaufen, und doch nur schwach flehen konnte. »Oh!«, sagte er sich im Innersten seiner Seele, »je ärmer ich mich gebe, desto eher werde ich aus diesem Gefängnis herauskommen. Niemand weiß, wie viel ich besitze; ich werde vorgeben, kurz vor der Bettelarmut zu sein; er wird mich für ein paar Kronen gehen lassen, und dann, einmal aus seinen Händen, werde ich ihn bald in die meinen bekommen.«

So absurd waren die Einbildungen von Picaud, so sehr brachte er Hoffnungen und Fehler durcheinander, während Allut den Knebel entfernte.

»Wo bin ich?«, fragte er.

»Ganz gleich! du bist an einem Ort, wo du weder Hilfe noch Mitleid erwarten kannst; du bist in meiner Macht, in meiner allein, verstehst du, und bist der Sklave meines Willens und meiner Laune.«

Picaud lächelte verächtlich, und sein alter Freund hörte auf zu sprechen. Er ließ ihn immer noch auf der Pritsche liegen, auf die er ihn geschleudert hatte, auch lockerte seine Fesseln nicht. Allut verschärfte sogar noch die Fesselung, die den Gefangenen hielten, und legte ihm einen großen, dicken Eisengürtel um den Körper, der mit einer Kette an drei massiven Ringen befestigt war, die wiederum an der Wand vernietet waren. Nachdem dies geschehen war, setzte sich Allut zum Abendbrot; aber als Picaud sah, dass Allut ihm keine Portion anbot, sagte er:

»Ich habe Hunger!«

»Was zahlst Du, wenn ich Dir etwas Brot und Wasser gebe?«

»Ich habe kein Geld.«

»Du hast sechzehn Millionen und mehr«, erwiderte Allut; und er gab Picaud solche Einzelheiten über die Depots seiner Gelder in England, Deutschland, Italien und Frankreich, dass der Geizhals am ganzen Körper zu zittern begann.

»Du träumst doch!«

»Dann darfst Du auch träumen, dass du etwas isst.«

Allut ging weg und blieb die ganze Nacht fern; gegen sieben Uhr morgens kehrte er zurück und frühstückte. Der Anblick der Speisen verdoppelte Picauds Hungerqualen.

»Gib mir was zu essen!«, sagte er.

»Was zahlst du, wenn ich dir etwas Brot und Wasser gebe?«

»Nichts.«

»Nun, wir werden sehen, wer zuerst erschöpft ist!«

Und er ging wieder weg.

Er kehrte um drei Uhr nachmittags zurück; Picaud hatte achtundzwanzig Stunden lang nichts gegessen und flehte seinen Kerkermeister um Mitleid an, dem er zwanzig Pfund für ein Pfund Brot bot.

»Hör zu«, sagte Allut, »hier sind meine Bedingungen. Ich werde dir zweimal am Tag etwas zu essen geben, und du wirst für jede Mahlzeit fünfundzwanzigtausend Francs bezahlen.«

Picaud stöhnte und wälzte sich auf seinem Lager, während der andere regungslos blieb.

»Dies ist mein letztes Wort. Wähle; lasse Dir Zeit. Du hattest kein Erbarmen mit deinen Freunden; ich werde erbarmungslos gegen dich sein!«

Der sterbenselende Gefangene verbrachte den Rest des Tages und die folgende Nacht unter Hungerqualen und Verzweiflung; seine innere Pein erreichte ihren Höhepunkt; die Hölle war in seinem Herzen. Seine Leiden waren so groß, dass ihn ein Starrkrampf befiehl, als wären seine Nerven zerrissen; sein Verstand irrte umher, der Schimmer himmlischer Auffassungskraft war ausgelöscht in dieser Flut von Begierden, die bis an ihre äußerste Grenze getrieben wurde. Allut, unbarmherzig wie er war, erkannte schnell, dass der menschliche Körper zu sehr gequält werden konnte; sein alter Freund war nicht mehr fähig, wahrzunehmen; er war eine bloße Maschine, immer noch empfindlich für physischen Schmerz, aber unfähig, dagegen zu kämpfen oder ihn abzuwehren. Er mußte die Hoffnung aufgeben, etwas aus ihm herauszubekommen. Allut verzweifelte bei dem Gedanken, dass, wenn Picaud starb, keine Mittel mehr übrig waren, mit denen er an das unermessliche Vermögen seines Opfers herankommen konnte. In seiner Wut schlug er auf sich selbst ein, aber als er ein teuflisches Lächeln auf Picauds fahlem Gesicht entdeckte, stürzte er sich wie ein wildes Tier auf ihn, biss ihn, stach ihm die Augen aus, weidete ihn aus und verließ dann eilig Paris und setzte nach England über.

In diesem Land erkrankte er 1828 und beichtete bei einem französischen katholischen Priester. In seiner Reue für seine Verbrechen diktierte er dem Geistlichen alle Details dieser schrecklichen Geschichte und unterschrieb jede Seite. Allut starb in Frieden mit Gott und erhielt ein christliches Begräbnis. Nach seinem Tod schickte Abbé P— der Pariser Polizei das wertvolle Dokument, aus dem die oben aufgezeichneten seltsamen Tatsachen hervorgehen. Er schrieb auch den folgenden Brief:

HERR KOMMISSAR:

»Ich hatte das Glück, einen sehr großen Sünder zur Buße zu bringen. Er glaubte, und ich stimmte mit ihm überein, dass es ratsam wäre, Ihnen eine Reihe von schrecklichen Ereignissen mitzuteilen, in denen der unglückliche Mann gleichzeitig Akteur und Opfer gewesen war. Wenn Sie den Hinweisen in der diesem Blatt beigefügten Notiz folgen, werden Sie die unterirdische Kammer entdecken, in der sich die Überreste des elenden und unglückseligen Picaud, das Opfer seiner eigenen Leidenschaften und seines Hasses, noch immer befinden mögen. Gott gewährt Verzeihung. Die Menschen wollen in ihrem Stolz mehr tun als Gott; sie streben nach Rache, und die Rache zermalmt sie.

»Antoine Allut suchte vergeblich nach der Stelle, wo die Schätze seines Opfers deponiert waren. Er betrat sein Zimmer heimlich bei Nacht, aber kein Buch, keine Urkunde, kein Dokument und keine Geldsumme fiel ihm in die Hände. Ich füge die Adressen und Anweisungen bei, wie man die beiden Wohnungen findet, die Picaud unter seinen beiden Decknamen in Paris bewohnte.

»Selbst auf dem Sterbebett weigerte sich Allut, mir zu sagen, woher er wie er von den Sachverhalt in dem Dokument erfahren hatte oder wer ihn über die Verbrechen und den Reichtum Picauds informiert hatte; nur, kurz bevor er starb, sagte er: »Vater, der Glaube keines Menschen ist lebendiger als der meine, denn ich habe eine Seele gesehen und gehört, die den Körper verlassen hatte.

»Nichts deutete damals auf ein Delirium von Allut hin. Er hatte gerade sein feierliches Glaubensbekenntnis abgelegt. Die Menschen dieser Zeit sind anmaßend; in ihrer Unwissenheit, in ihrer Weigerung zu glauben, scheint für sie Weisheit zu liegen. Die Wege Gottes sind unendlich. Lasst uns beten und uns unterwerfen.

»Ich habe die Ehre, etc., etc.«

(Archiv der Polizeibehörde.)

Samstag, 27. März 2021

Stefan Zweig - Die Legende von der dritten Taube

Stefan Zweig - Die Legende von der dritten Taube

(nach der Ausgabe: Der Wunderkelch, Ein Sammelbuch neuer deutscher Legenden, herausgegeben von Theodor Etzel und Larl Lerbs, Walter Seifert Verlag, Stuttgart und Heilbronn, 1920)

Umschlag einer niederländischen Ausgabe von 1952
Umschlag einer niederländischen Ausgabe von 1952


In dem Buche vom Anfang der Zeit ist die Geschichte der ersten Taube erzählt und die der zweiten, die Urvater Noah aus der Arche um Botschaft sandte, als die Schleusen des Himmels sich schlossen und die Gewässer der Tiefe versiegten, doch die Reise und das Schicksal der dritten Taube, wer hat sie gekündet? Auf dem Gipfel des Berges Ararat war das rettende Schiff gestrandet, das in seinem Schoß das Ueberleben der Sintflut barg, Menfchheit und Getier, und als des Urvaters Blick vom Maste nur Woge und Welle sah, unendliches Gewässer, da sandte er eine Taube, die erste, aus, daß sie ihm Botschaft brächte, ob irgendwo schon Land zu schauen sei unter dem entwölkten Himmel.

Die erste Taube, so ist dort erzählt, hob sich auf und spannte die Schwingen. Sie flog gen Osten und gen Westen, aber Wasser war noch überall. Nirgends fand sie Rast für ihren Fuß und allmählich begannen ihr die Flügel zu lahmen. Da kehrte sie zurück zum einzig Festen der Welt, zur Arche, und flatterte um das ruhende Schiff auf dem Berggipfel, bis Noah die Hand ausstreckte und sie heim zu sich in die Arche nahm.

Sieben Tage wartete er nun, sieben Tage, in denen kein Regen fiel und die Gewässer sanken, dann nahm er neuerlich eine Taube, die zweite, und sandte sie um Kunde. Die Taube flog aus des Morgens, und als sie wiederkam zur Vesperzeit, da trug sie als erstes Zeichen der befreiten Erde ein Oelblatt im Schnabel. So vernahm Noah, daß die Wipfel der Bäume schon über Wasser ragten und die Prüfung bestanden sei.

Nach abermals sieben Tagen sandte er wiederum eine Taube, die dritte, auf Kunde und sie flog in die Welt. Morgens flog sie aus und lehrte doch des Abends nicht wieder. Tag um Tag harrte Noah, doch sie kam nicht zurück. Da wußte der Urvater, daß die Erde frei sei und die Wasser gesunken. Von der Taube aber, der dritten, hat er niemals wieder vernommen und auch die Menschheit nicht, nie ward ihre Legende gekündet bis in unsere Tage.

Dies aber war der dritten Taube Reise und Geschick. Des Morgens war sie von der dumpfen Kammer des Schiffes aufgeflogen, darin im Dunkel die gepreßten Tiere murrten vor Ungeduld, und ein Gedränge war von Hufen und Klauen, ein wüstes Getön von Brüllen und Pfeifen und Zischen und Bellen, sie war aufgeflogen aus der Enge in die unendliche Weite, aus dem Dunkel in das Licht. Da sie aber die Schwinge nun hob in die lichtklare, vom Regen süß gewürzte Luft, wogte mit einem Male Freiheit um sie und die Gnade des Unbegrenzten. Von der Tiefe schimmerten die Wasser, wie feuchtes Moos leuchteten grün die Wälder, von den Wiesen stieg weiß der Brodem der Frühe und das duftende Gären der Pflanzen durchsüßte die Wiesen. Glanz fiel von den metallenen Himmeln spiegelnd herab, an den Zinnen der Berge brach die steigende Sonne sich in unendlichen Morgenröten, wie rotes Blut schimmerte davon das Meer, wie heißes Blut dampfte davon die blühende Erde. Göttlich war es, dies Erwachen zu schauen, und seligen Blicks wiegte die Taube sich mit flachen Schwingen über der purpurnen Welt, über Länder und Meere flog sie dahin und ward im Träumen allmählich selber ein schwingender Traum. Wie Gott selbst sah sie als erste nun die befreite Erde und ihres Schauens ward kein Ende. Längst hatte sie Noah, den Weißbart der Arche, vergessen und seinen Auftrag, längst vergessen der Wiederkehr. Denn dies, die Welt, war ihr nun Heimat geworden und der Himmel ihr eigenstes Haus.

So flog die dritte Taube, der ungetreue Bote des Urvaters, über die leere Welt, weiter, immer weiter, vom Sturm ihres Glückes getragen, vom Wind ihrer seligen Unrast, weiter flog sie, immer weiter, bis die Schwingen ihr schwer wurden und bleiern das Gefieder. Die Erde zog sie nieder zu sich mit wuchtigem Zwang, immer tiefer senkten sich die matten Flügel, daß sie der feuchten Bäume Wipfel schon streiften, und am Abend des zweiten Tages ließ sie sich endlich sinken in die Tiefe eines Waldes, der noch namenlos war wie alles in jenem Anfang der Zeit. Im Dickicht des Gezweigs barg sie sich und ruhte von der luftigen Fahrt. Reisig deckte sie zu, Wind schläferte sie ein, kühl war es im Gezweige des Tags und warm in der waldigen Wohnung des Nachts. Bald vergaß sie die windigen Himmel und die Lockung der Ferne, die grüne Wölbung schloß sie ein und die Zeit wuchs ungezählt über sie.

Es war ein Wald unserer nahen Welt, den die verirrte Taube sich zur Hausung erkoren, aber noch weilten keine Menschen darin, und in dieser Einsamkeit ward sie allmählich selber zum Traum. Im Dunkel, im nachtgrünen, nistete sie, und die Jahre gingen an ihr vorüber und es vergaß sie der Tod, denn alle jene Tiere, jeder Gattung das eine, das noch die erste Welt vor der Sintflut gesehen, sie können nicht sterben und kein Jäger vermag wider sie. Unsichtbar nisten sie in den unerforschten Falten des Erdkleids und so diese Taube auch in der Tiefe des Waldes. Manchmal freilich kam Ahnen über sie von der Menschen Gegenwart, ein Schuß knallte und sprang hundertfach wider von den grünen Wänden, Holzfäller schlugen gegen die Stämme, daß rings das Dunkel dröhnte, das leise Lachen der Verliebten, die verschlungen ins Abseits gingen, gurrte heimlich im Gezweige, und das Singen der Kinder, die Beeren suchten, tönte dünn und fern. Die versunkene Taube, versponnen in Laub und Traum, hörte manchmal diese Stimmen der Welt, aber sie lauschte ihnen ohne Aengsten und blieb in ihrem Dunkel.

Einmal aber in diesen Tagen hub der ganze Wald an zu dröhnen, und es donnerte, als bräche die Erde entzwei. Durch die Luft sausten pfeifend schwarze metallene Massen, und wo sie fielen, sprang die Erde entsetzt in die Luft und die Bäume brachen wie Halme. Menschen in farbigen Gewändern warfen den Tod einander zu und die furchtbaren Maschinen schleuderten Feuer und Brand. Blitze fuhren von der Erde in die Wolken und Donner ihnen nach; es war, als wollte das Land in den Himmel springen oder der Himmel niederfallen über das Land. Die Taube fuhr auf aus ihrem Traum. Tod war über ihr und die Vernichtung; wie einst die Wasser, so schwoll nun das Feuer über die Welt. Jäh spannte sie die Flügel und schwirrte empor, sich andere Heimstatt zu suchen als den stürzenden Wald: eine Stätte des Friedens.

Sie schwirrte auf und flog über unsere Welt, um Frieden zu finden, aber wohin sie flog, überall waren diese Blitze, diese Donner der Menschen, überall Krieg. Ein Meer von Feuer und Blut überschwemmte wie einstens die Erde, eine Sintflut war wieder gekommen und hastig flügelte sie durch unsere Länder, eine Stätte der Rast zu erspähen und dann aufzuschweben zum Urvater, ihm das Oelblatt der Verheißung zu bringen. Aber nirgends war es zu finden in diesen Tagen, immer höher schwoll die Flut des Verderbens über die Menschheit, immer weiter fraß sich der Brand durch unsere Welt. Noch hat sie die Rast nicht gefunden, noch die Menschheit den Frieden nicht, und eher darf sie nicht heimkehren, nicht ruhen für alle Zeit.

Keiner hat sie gesehen, die verirrte mythische Taube, die Frieden suchende in unseren Tagen, aber doch flattert sie über unseren Häuptern, ängstlich und schon flügelmatt. Manchmal des Nachts nur, wenn man aufschreckt aus dem Schlaf, hört man ein Rauschen oben in der Luft, ein hastiges Jagen im Dunkel, verstörten Flug und ratlose Flucht. Auf ihren Schwingen schweben all unsere schwarzen Gedanken, in ihrer Angst wogen all unsere Wünsche, und die da zwischen Himmel und Erde zitternd schwebt, die verirrte Taube, unser eigenes Schicksal kündet sie nun, der ungetreue Bote von einst, an den Urvater der Menschheit. Und wieder harrt wie vor tausenden Jahren eine Welt, daß einer die Hand ihr entgegenbreite und erkenne, es sei genug nun der Prüfung.

(1916.)


Montag, 8. März 2021

Rosalie Braun-Artaria - Der Marienplatz in München zu Ende des 15. Jahrhunderts

Rosalie Braun-Artaria - Der Marienplatz in München zu Ende des 15. Jahrhunderts


Der alte „Schrännen“ – wie früher der Marienplatz zu München hieß – hat sich zwar im Laufe der Jahrhunderte nicht so stark verändert, daß man ihn nicht auf den ersten Blick erkennen würde, aber was sich auf ihm vor vierhundert Jahren an einem schönen Morgen abspielte, davon werden doch wenig Passanten, welche heute dort auf die Pferdebahn warten, einen rechten Begriff haben. Deshalb ist es sehr interessant, das nach den alten Stadtbüchern hergestellte Weigandsche Bild des damaligen Münchener Marktplatzes zu betrachten, welcher noch in ganz anderem Sinne als heute Stadtcentrum und Schauplatz alles irgendwie Sehenswürdigen war. Feste und Versammlungen, Turniere, Sonnenwendfeuer, Schäfflertanz und Metzgersprung fanden dort statt, aber auch Prangerstehen und Hinrichtung, so daß die guten Münchener oft genug etwas zu sehen hatten, das über das gewähnliche Markttreiben hinaus die Gemüter in Erregung setzte. Auch dieses war ohne Zweifel bunt genug. Die Bevölkerung der Stadt war wohl nicht groß, sie betrug im Jahre 1782 erst etwa 37800 Seelen. Immerhin mag ein schönes Gedränge auf dem Platz geherrscht haben, wenn Getreide-, Vieh- und Viktualienmarkt ihn und die angrenzenden Straßen füllten vor allem aber zur Zeit der zweimal im Jahre wiederkehrenden „Dult“ (Messe), die sich mit ihren Verkaufs- und Schaubuden weit in die Kaufingergasse hinein erstreckte.

Es gehörte die ganze Geduld der guten alten Zeit dazu, um das vergnüglich zu finden!

Denn der mäßig große Platz war ja nicht, wie heute, freigelegt, er trug, nahe dem „Lindwurmeck“ der Weinstraße (so genannt von einem furchtbaren Drachen, der sich hier einst niedergelassen und die Pest mitgebracht haben sollte), die uralte „Gollierkapelle“, welche seitwärts rechts auf unserm Bilde steht. Außerdem befanden sich abwärts davon gegen das Rathaus zu die verschiedenen, vom Maler als Mittelpunkt der Scene genommenen Bußanstalten welche zu betrachten das Volk in Haufen herbeiströmte. Da ist erstens der Pranger mit seiner Garnitur von alten und jungen Spitzbuben im unteren Gelaß, auf die niemand achtet, weil aller Augen von dem ergötzlichen Schauspiel der Plattform gefesselt sind: zwei böse Weiber, deren wütendes Gebelfer ohne alle Thätlichkeit verhallen muß. Es sind ja die erhitzten Köpfe und kratzlustigen Hände allzugut in der durchlöcherten Holzdiele befestigt!

Ferner steht da der in alten Schriften vielgenannte Hölzerne Esel, welchen besteigen mußte, und zwar verkehrt, wer durch Raufereien, leichtsinnige Streiche oder sonst durch Wort und That Aergernis gab, also etwa dasjenige verübte, was heute unter den Begriff des „groben Unfugs“ fällt. Eine auf dem Rücken angebrachte Schrift belehrte alle, welche lesen konnten, über die Gründe des unfreiwilligen Rittes. Hinter beiden Schandplätzen aber ragte der böseste von allen, der Galgen, empor, dessen finsterer Meister vom langen Richtschwert auch die „minderen Geschäfte“ des Stäupens und Prangerstellens zu versehen hatte. Die soliden Nerven damaliger Zeit nahmen keinen Anstoß an dem greulichen Schauspiel, welches sich hier jeweils den umwohnenden und aus dem Fenster schauenden Bürgern und ihren Frauen darbot.

Köpfen und Hängen waren gewöhnliche Sachen. Außergewöhnliches Interesse gewannen sie nur durch besondere Umstände, so z. B. im Jahre 1591, als ein italienischer Schwindler mit einem vergoldeten Strick gehängt wurde, weil er dem Herzog Wilhelm V. vorgelogen, er könne Gold machen. Daß er’s nicht konnte, hatte der Herzog zu seinem Schaden nur allzuwohl erfahren, zur größeren Vorsicht aber erschoß man doch hinterher auch noch des Gerichteten zwei große schwarze Hunde, denn die Möglichkeit, daß in ihnen höllische Dämonen steckten, schien doch bei alledem nicht ausgeschlossen!

Heute steht an der Stätte so vielen Schreckens die stets blumenumgebene Mariensäule mit dem Bild der Himmelskönigin, welche Kurfürst Maximilian als Dank für seinen Sieg am Weißen Berge 1620 errichten ließ. Den in Bayern so tief gewurzelten Marienkultus bezeichnet auch das auf unserm Bilde dem Lindwurmeck gerade gegenüber liegende Eckhaus der Rosengasse, wo das Bild der Gottesmutter mit der Bezeichnung. „Rosa mystica“ angebracht war. Der vor dem Hause befindliche Blumenmarkt eröffnete anmutig den Zug der hier beginnenden Rosengasse.

Im Rücken des Beschauers ist das alte Rathaus zu denken, dessen ursprünglich gotische Gestalt erst wieder vor einigen Jahrzehnten aus einer unglücklichen Zopfrestauration des Jahres 1778 hergestellt wurde.

Ueber all dies bunte Treiben, das uns durch das Weigandsche Bild vergegenwärtigt wird, schauen die Türme der Frauenkirche herab, der eine bereits vollendet, der andere im Bau. Ursprüglich, als München noch ein kleiner Flecken war, stand an ihrer Stelle eine bescheidene Marienkapelle, in welcher nachmals die Leiche Ludwigs des Bayern beigesetzt wurde. Später erweiterte man, dem Wachstum der Stadt entsprechend, den Bau, und 1468 legte Herzog Sigismund den Grundstein zur jetzigen Kirche, die dann langsam fortgebaut wurde, weniger durch Spenden der selbst stets geldbedürftigen Herzöge, als durch Beisteuern des frommen Volkes und ausgiebige, von den Päpsten bewilligte Ablaßgelder. Der Baumeister Jörg v. Halspach erlebte die Vollendung der Kirche nicht mehr. Erst nach seinem 1488 erfolgten Tode wurden die Türme ausgebaut und die runden Helme aufgesetzt, welche heute dem Münchener Stadtbild ein so eigenartiges, von allen andern verschiedenes Gepräge geben und den über die weite bayrische Ebene Herfahrenden schon von ferne verheißungsvoll grüßen.

Quelle: Wikisource

Montag, 6. Juli 2020

Kyau-Haku-Sai - Die Erzählungen des Alten

Kyau-Haku-Sai - Die Erzählungen des Alten.

Die Erzählungen des Alten.
   Erzählung von Kyau-Haku-Sai.
  Aus dem japanischen von Paul Enderling  
Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart und Leipzig,1905


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Bearbeitet von Hans-Jürgen Horn


    I. Von den verzauberten Füchsen.

  Der Alte sprach: »Ja Regennächten bleibt man gern zu Hause; denn man kennt zuviel Geschichten von den Füchsen die sich zu solcher Stunde in den Ebenen des Nordens in verzauberter Gestalt zusammenfinden, um die Menschen zu verführen. Sie verwandeln sich in liebliche Gaishas oder schöngewandete Tänzerinnen und locken sie zu den Orten der Freude.
   In diesen Gegenden gab es einmal einen großen Gelehrten, der in solch einer Regennacht mit fünf oder sechs Schülern zusammensaß und ihnen sagte: »Wenn ihr jetzt in die Felder geht, werden euch sicherlich in Tänzerinnen verwandelte Füchse begegnen.«
   »Meister!« sagten die Schüler darauf, »du hast ans doch immer gelehrt, dass der Weise die Gefahr nicht vorwitzig aufsucht. Wie sollten wir jetzt dieses tun?«
   »O, ihr Toren!« sprach der Gelehrte lächelnd. »Wenn ihr dorthin geht, wißt ihr doch, dass die Füchse nur Füchse sind und seid nur furchtsam, weil ihr nicht wißt, welche Schlinge euch gelegt ist. Die Füchse bleiben Tiere, kennen nicht der Menschen innerstes Wesen und können ihnen also doch auch nicht sonderlich gefährlich werden.
   Weit schlimmer sind die wirklichen Gaishas, die das Menschenherz kennen und tausenderlei verführerische Mittel anwenden, um den Mann zu umgarnen. Ist es da nicht weit gefährlicher, wenn Menschen wie ihr gedankenlos und lachenden Auges diesem furchtbaren Zauber gegenübertreten und wiederum vor jenen Füchsen sich ängstigen, die doch eigentlich so harmlos sind ?«
   Da erröteten die Schüler und gelobten, fortan nur noch ihren Studien zu leben.
   Ein altes Sprichwort sagt: »Das Böse kommt nicht vom Himmel, sondern vom Weibe.«


   II. Des Oheims Rat.

  Ein Jüngling aus vornehmer Familie lebte nur den Vergnügungen und warf sein Geld mit beiden Händen fort, als wenn er es gefunden hatte. Auf die Bitten und Ermahnungen seiner Eltern und Freunde hörte er nur mit halbem Ohr und ging den alten Weg weiter.
   Sein Oheim, ein lebenskundiger Mann, bat ihn eines Tage zu sich und zeigte ihm nach längerem Plaudern ein Lackkästchen, worauf »Sparbüchse« stand.
   »Im Buch der Blumen las ich von einem Mann, der jedesmal, wenn er im Begriff war, 100 Unzen auszugeben, nur 80 ausgab und die übrigen 20 in die Sparbüchse tat; bei 200 gab er nur 160 aus und legte 40 zurück usw., so daß er also zwei Zehntel seiner Ausgaben ersparte und allmählich wohlhabend wurde.
   Tue du nun desgleichen! Lege 20 Unzen von 100, die du dem Vergnügen widmen wolltest, in dies Kastchenl Dann wirst du bald Freude am Sparen haben und gern auf manch Vergnügen verzichten.«
   Mit diesen Worten gab er ihm die Sparbüchse.
   Der Neffe dankte und versprach, dem weisen Rat zu folgen.
   Nach etwa vierzig Tagen ein ein alter Diener betrübt zum Oheim und erzählte, daß der Jüngling seit jener Unterredung weit verschwenderischer als früher lebe und jetzt vor dem Nichts stünde. Am selben Abend noch rief er ihn zu sich und fragte zornig, warum er sich trotz seiner Versprechungen nicht gebessert hätte.
   »Ich habe deinen Rat getreulich befolgt, lieber Oheim« —- bekam er zur Antwort. »Denn es macht wirklich Vergnügen, das Geld im Kasten sich vermehren zu sehen. Ich habe stets zwei Zehntel meiner Ausgaben dem Kästchen abgegeben: so habe ich vorgestern von 100 Unzen 20, gestern von 500, die ich dem Vergnügen zu opfern gedachte, 100 und heute von 300 volle 60 Unzen erspart.
   Diese Ersparnisse, die ich so nach und nach machte, konnte man aber doch keine ordentliche Summe nennen. Da dachte ich mir: Besuche bis zum Frühling eifriger als vorher die Orte des Vergnügens, Tag und Nacht, und lege immer zwei Zehntel deiner Ausgaben zurück, dann wird das Kästchen bald gefüllt sein!!
   So tat ich auch und bin also mit Eifer deinem Rate gefolgt. Zürne mir also, bitte, nicht!« . . .
   Ein altes Sprichwort sagt: »Die beste Arznei wird in der Hand des Pfuschers zu Gift.«

   III. Der Jüngling und die Geisha.

   Ein Jüngling lag so tief im Bann einer Geisha, daß er ihrem Herrn, dem Teehausbesitzer, eine reichliche Entschädigung zahlen und sie heiraten wollte.
   Als sie das erfuhr, sagte sie: »Wenn ihr gestattet, erzähle ich euch eine Geschichte.
   Ein Bonze, der sich eine Hütte am steilen Flußufer errichtet hatte, ging an einem wundervollen Frühlingstage in das Gebirge. Das Herz wurde ihm weit, als er einen blühenden Kirschbaum sah und er sagte sich: »Ich will einen solchen in meinen Garten setzen, damit ich mich am Morgen und Abend daran erfreuen kann: denn etwas Schöneres gibt es hinieden nicht.«
   Er mietete Arbeiter und ließ einen Kirschbaum in seinen Garten verpflanzen und erlabte sich an seinem Anblick.
   Aber eines Nachts kam der Sturm, verfing sich in den Zweigen und warf den Baum auf die Hütte, die zusammenbrach.
   Da sagten alle Nachbarn: »Hätte dieser nutzlose Kirschbaum nicht hier gestanden, so wäre die festgefügte Hütte nicht eingefallen.« Sie schalten ihn und dachten in ihrer Einfalt nicht daran, daß die meiste Schuld am Unglück der Bonze hatte, der ihn dorthin verpflanzt, und dann der Sturm, der ihn umgerissen!
   Nun seht: ihr seid die Hütte des Bonzen, ich bin der Kirschbaum. Wenn ihr durch diesen voreiligen Entschluß zur Heirat zu Falle kommt, werden alle mich schelten, wie sie den Baum gescholten haben . . . Sie würden sagen — das weiß ich gewiß —, daß eine Geisha euch ruiniert hätte, und auf mich würde sich der Regen ihrer Vorwürfe ergießen.
   Wenn ihr mich jetzt hier loskauft, so wäret ihr dem vergleichbar, der, ein Licht in der Hand, gegen den Wind wandert: wir würden beide bald im Dunkel stehen! Wartet also noch ein Jahr! Verwaltet inzwischen sorgsam euer Vermögen, und wenn ihr mich dann noch in euren Garten pflanzen wollt, will ich euch allezeit dafür dankbar sein.«
   Den Jüngling rührten ihre Worte tief, und seine Augen füllten sich mit Tränen.
   Er folgte ihren Worten, kehrte zu seiner Familie zurück und lebte ein Jahr in Sparsamkeit und Ordnung, so daß er die Geliebte leicht ihrem Herrn ablaufen und sie heiraten konnte. Sie lebten in Eintracht und der Glücksstern stand über ihnen.«
   Als der Alte diese Geschichte erzählt hatte, fügte er hinzu: »Es geht nichts über die Aufrichtigkeit und Gutherzigkeit dieser einfachen Geisha und die Besonnenheit, mit der der Jüngling ihren Rat befolgte.
   Aber — ich glaube, so etwas gab es nur in den alten Zeiten« . . . «

Montag, 18. Mai 2020

Georg von der Gabelentz - Der Dämon des Todes

Georg von der Gabelentz - Der Dämon des Todes

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Der Dämon des Todes winkte seinen Geiern und gebot: »Fliegt noch einmal über die Erde! Ihr tatet euer Werk nur schlecht, denn noch ist Leben auf ihr. Ich kann nicht eher schlafen, als bis sich dort unten für eure Schnäbel nichts Lebendiges mehr findet.«
Da breiteten die Geier gleich dunklen Wolken ihre mächtigen Schwingen und flogen davon und ihre spähenden, scharfen Augen schossen wie Blitze vor ihnen her.
Die Geier hießen Elend, Haß, Neid, Wahnsinn.
Der Geier Elend schwang sich den Menschen auf die schmerzenden Schultern, daß sie unter seiner Last mit müden Knieen zusammenbrachen und sterbend in die Grube am Wege fielen.
Der Geier Haß setzte sich heimlich anderen auf die Faust, daß sich diese zornig zusammenballte und die Menschen ahnungslos, daß der Geier des Dämons ihnen die willenlose Hand führte, nach Waffen griffen und einander in sinnlosem Kampfe erschlugen.
Der dritte Geier krallte nachts seine scharfen Klauen den Schlafenden in die Brust, daß sie aus ihrer Ruhe aufführen, daß sie mit scheelen Blicken rechts und links auf den Nachbarn sahen und alle ihre Gedanken immer wieder nach dem einen Ziele schickten wie sie sich des anderen Besitz aneignen könnten. Darüber bemerkten sie nicht, daß sie Schritt für Schritt ihrem Untergange zuliefen.
Der Geier des Wahnsinns aber sprang wie ein kalter und dunkler Schatten den Menschen aufs Haupt, schlug ihnen seine dichten Fittiche über die Augen, daß sie blind wurden und hämmerte ihnen mit dem Schnabel auf den Schädel. Da wurden im Gehirn alle Träume und Tollheiten wach, daß die von dem Tiere Befallenen zu lachen zu tanzen und zu weinen begannen und zum Schlusse unter Zuckungen zu Boden fielen und gleichfalls starben.
Keiner der Vögel gönnte sich Rast.
Viele tausend Jahre rauschten über die Erde hin, und sie waren den Boten des Dämons wie eine einzige Minute.
Endlich kehrten diese mit müden Schwingen heim vor den düstern Saal ihres Herrn. Ihre scharfen Schnäbel waren stumpf geworden von der harten Arbeit. Auf der Erde aber war auch nicht ein Fußbreit Landes, auf dem sie sich hätten niederlassen können, ohne über einem Grabe zu sitzen und den Moder der Verwesung zu spüren denn tausend mal tausend morsche Gebeine düngten den Boden.
Als die Vögel mit ihren Schnäbeln an das eherne Tor des Palastes klopften trat der alte Dämon des Todes zu ihnen. Die Kälte eines eisigen Schneefeldes strahlte von seinem weiten Mantel aus. Seine Stimme hatte keinen warmen Klang, und in seinen Augen lag kein Licht.
»Was bringt ihr mir?« fragte er seine Boten. »Werde ich nun endlich Herr sein über die Erde? Tragt ihr endlich das große, das ewige Schweigen zu mir herauf, damit ich ruhen kann?«
Da antworteten die Geier mit heiseren Stimmen einer nach dem anderen:
»Ich schleppte das Elend auf die Menschen.«
»Ich schenkte ihnen den Haß.«
»Und ich säte Neid.«
»Ich aber pflanzte den Wahnsinn ihnen ins Hirn.«
»Ihr tatet recht,« nickte der Dämon.
»Das Elend, das ich brachte, erdrückte langsam die einen,« begann der erste Geier von neuem.
»Rasch tötete der Haß die anderen,« fuhr der zweite fort.
»Neid fraß die meinen.«
»Und meine zerbrach der Wahnsinn wie morsches Holz bricht,« also sprach der letzte der Boten.
»So bin ich endlich Sieger über dieses Geschlecht kluger Zwerge geworden?« fragte der Dämon und reckte sich empor im Gefühl des Stolzes, daß sein Haupt fast die eherne Decke des Saales berührte.
Die Geier aber entgegneten und sahen dabei zu Boden als fürchteten sie sich.
»Herr, du bist noch nicht Sieger! Wahr ist’s, Tausende nach Tausenden streckten wir hin, wir überflogen die höchsten Mauern stolzer Schlösser, wir brachen den festesten Harnisch, wir fanden den Menschen selbst im tiefsten Versteck vergessener Hütten.
Doch da begegneten wir plötzlich einem Stärkeren und seiner Kraft gegenüber waren wir machtlos.
Wo er erschien entfiel dem Hasse der Dolch, dem Neid versiegte das Gift, dem Elende nahm er die zermalmende Schwere und selbst dem finstern Wahnsinn stahl er seinen Schrecken. Wo jener Gott war, da gewannen die Wesen neue Kraft und neues Leben. Aus Leid selbst wurde ihnen Lust. Immer neue Geschlechter ersetzten die vernichteten, immer neue. Müde sind wir vom fruchtlosen Morden!«
Da drohte ihnen der Dämon des Todes, und seine Gestalt bebte vor Zorn.
»Rastet nicht, ihr Verfluchten! Kehrt wieder hinab auf die Erde und an euer Werk!«
Er streckte seine Hand befehlend über die Vögel aus, daß diese, einer nach dem anderen die langen Flügel breitend, sich emporhoben in die Luft und von neuem durch die Wolken auf die Erde hinabschossen.
Der Dämon aber schloß die dröhnende Erztür seines Palastes und kehrte gebückt, mit langsamen Schritten in den Saal zurück, und seine Lippen murmelten:
»Gott der Liebe! Noch immer bist du stärker als ich! Ich muß wohl noch einmal tausend mal tausend Jahre warten!«

Aus: Georg von der Gabelentz, Das weiße Tier, Novellen, Verlag von Egon Fleischel & Co., Berlin, 1904

Samstag, 2. Mai 2020

Annemarie Schwarzenbach - Kurdenkinder

Annemarie Schwarzenbach - Kurdenkinder

Photo: Annemarie Schwarzenbach


Wir treffen sie im Elbursgebirge, ganz im Osten, wo es weit und breit keine kurdischen Stämme gibt. Sie sagen uns, daß ihre Eltern an einem Aufruhr beteiligt waren und mit vielen anderen ums Leben kamen. Die Kinder hat man deportiert, und hier leben sie nun, ohne Angehörige, in diesem fremden Gebirge, in rauhem Klima, sie haben niemals genug zu essen und frieren so, daß ihnen beim Sprechen die Zähne aufeinander schlagen; sie tragen noch die hübsche Tracht ihres Volkes und sprechen ihren kurdischen Dialekt. Wenn sie die harte Jugend, die schweren Entbehrungen überstehen, werden starke, widerstandsfähige Leute aus ihnen werden.

Quelle: Zürcher Illustrierte, 10 (1934) Heft 31

Annemarie Schwarzenbach - Anatolische Zigeunerin

Annemarie Schwarzenbach - Anatolische Zigeunerin


Photo: Annemarie Schwarzenbach


Zigeuner gibt es im ganzen Orient, und überall treten sie als Musikanten, Tänzer und Gaukler auf. Dieses kleine Mädchen ist eine berufsmäßige Bettlerin und sammelt in ihrem großen Sack Lumpen, Papier und was man ihr gibt, um es dann im Bazar zu verkaufen oder gegen ein wenig Nahrung einzutauschen. Sie ist selbstbewußt, böse und stolz. Das Leben behandelt sie mit Härte, nun begegnet sie den Menschen ebenso. Fragt man sie, woher sie stamme, so schüttelt sie abweisend den Kopf: sie hat keine Heimat und gehört in kein Land. Der Staat bedeutet ihr eine Einrichtung mit Polizisten und Grenzen — beides für sie gleich unangenehm und überflüssig!

Quelle: Zürcher Illustrierte, 10 (1934) Heft 31

Montag, 2. März 2020

Matthias Blank - Vom Tode zum Tode

Vom Tode zum Tode
Kleine Geschichten von Matthias Blank
(mehr von dem Schriftsteller bei ngiyaw eBooks)

Klein-Lieschen

»Heisa, Heisa, schlaf Kindlein, schlaf ein!«
Klein-Lieschen saß auf der Wiese am Ufer des Baches im Gras und sang und wiegte mit ihren mageren Aermchen die Puppe. Immerfort sang sie und wurde nicht müde dabei.
Lieschens Puppe aber hatte keine Schlafaugen, wie die der reichen Kinder, hatte auch keinen schönen feinen Porzellankopf mit echten Haaren zum Kämmen, konnte auch nicht »Papa«, »Mama« schreien, wenn man sie auf den Bauch drückte; Lieschens Puppe war derb, aus Holz geschnitzt und mit Farben bunt bemalt.
Doch hatte Klein-Lieschen ihre Puppe so lieb, lieber noch als wäre sie aus Porzellan gewesen, mit Schlafaugen und echtem Haar. Dafür war sie auch Kleinlieschens Puppe und Kind.
Sie hatte diese gar zu lieb!
»Schlaf Kindlein, schlaf ein!«
Stadtkinder kamen, solche mit Holzreifen, schönen großen Bällen, Mädchen mit seidenen, knisternden Kleidern, Wägelchen und Sprechpuppen. Klein-Lieschen aber sah sie nicht einmal an und sang unverdrossen ihr Wiegenlied.
»Schlaf Kindlein, schlaf ein!«
»Ach, was hast Du für ’ne garstige Puppe?«
Alle Stadtkinder standen um Klein-Lieschen, gafften sie an und lachten dabei. Diese aber drückte ihre Puppe noch fester an sich, als wollte sie diese schützen
»Laß doch das häßliche Ding mal ansehen!«
»’S ist meine Puppe!«
»Zögernd hatte es Lieschen gesprochen und ganz leise.
Einer von den Jungen aber, der Kurmacher der Mädchen, der mit dem samtenen Anzug und den gelben Stiefeln, mit dem Spazierstöckchen und silbernem Knopfe, trat dicht vor Lieschen hin:
»Deine Puppe kann wohl gut schwimmen und ersäuft gar nicht. Die muß man mal schwimmen lassen!« »
Er lachte dabei, aber nicht so grob und laut, wie Klein-Lieschen vielleicht gelacht hätte, sondern so vornehm, so selbstbewußt, wie er es den grossen Leuten in der Stadt schon abgeguckt hatte. Da lachten jetzt auch die andern alle mit, klatschten in die Hände und jubelten:
»Ja, schwimmen muß sie!«
Klein-Lieschen biß trotzig die Zähne zusammen und hielt ihre häßliche Puppe noch fester umklammert.
Aber die Stadtkinder waren zu viele, packten sie fest und hatten auch bald die Puppe genommen. Der Junge aber mit dem samtenen Anzug und den gelben Stiefeln schleuderte sie in weitem Bogen in den Bach.
»Hurrah, sie schwimmt!«
Alle konnten so herzlich lachen.
Nur Klein-Lieschen nicht; sie schrie aber auch nicht und weinte nicht, sondern stand nur auf und stapfte dem Bache zu ihrer Puppe nach. Verlangend streckte sie die Aermchen aus, als die Puppe auf den Wellen schaukelte. Doch konnte sie ihr Püppchen so nicht erreichen. Da machte sie noch einen Schritt und noch einen und — —; aber die Wellen, die trugen sie nicht, sondern zogen Klein-Lieschen in die Tiefe hinab.
Als die Stadtkinder dies sahen, da schrieen sie laut und liefen davon.
»Was mußte die dumme Trine wegen so ’nem Holzklotz auch in das Wasser laufen!« meinte später der große Junge mit dem samtenen Anzug und den gelben Stiefeln.
Eine Mutter aber weinte sich über Klein-Lieschen die Augen blind — — —


Lügen

Sie liebten sich und durften sich nicht lieben, denn sie war eines Andern Frau.
Da beide zu ehrlich waren, um betrügen zu können, zugleich aber davor zurückschreckten, um ihrer Liebe willen die Verachtung der Welt zu ertragen, so trennten sie sich. Sein Weg führte in die weite Welt hinaus, während sie bei ihrem vor Gott und Gesetz ihr angetrauten Gatten zurückblieb.
Sie that wie bisher, was die Pflicht von ihr forderte, gab dem Gatten ihren Leib, während ihre Seele bei dem Geliebten weit in der Ferne weilte. Er dagegen jagte unbefriedigt in seiner Sehnsucht umher. — Die Jahre eilten dahin.
Und da fand er wieder das Weib, das er geliebt. Jetzt war sie frei. Denn der Gatte war schon gestorben. Sie selbst aber lag im Bette, hohlwangig, mit verlöschenden Augen, fahl wie der Tod. Er ging gebückt unter der Last seiner Jahre und auf seinem Haupte lag der Schnee des Winters.
So hatten Sie sich gefunden und als sich ihre Blicke kreuzten, sagte er:
»Unsere Liebe war die größte, da wir entsagen konnten und der Pflicht mehr gehorchten als unseren Sinnen.«
Sie antwortete: »Ich bin glücklich, weil ich entsagen durfte und im Angesichte des Todes mich frei fühle von jener Sünde . . .«
Die Beiden schwiegen und fühlten nicht, daß die Lüge ans ihnen gesprochen hatte, um die Reue nicht laut werden zu lassen.
Und über die Lügen der Beiden schritt der Tod hinweg und nahm ihr Leben in einer Nacht — —


Aus: Jugend, 1905

Sonntag, 1. März 2020

Wilhelm von Chézy - Die Brautnacht in der Gruft

Die Brautnacht in der Gruft.

Ein Schattenriß von Wilhelm von Chézy.


Damen-Zeitung.
Ein Morgenblatt für die Elegante Welt - 1831.

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Bearbeitet von Hans-Jürgen Horn
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In schauerlicher Größe zeichneten sich die dunkeln Umrisse des alten Schlosses am Nachthimmel ab; der aufgehende Mond malte den Schatten des schlanken Thurms in die Herbstnebel der stillen Luft, und das Gebäude, welches mir von ferne als freundliches Asyl gewinkt, machte in der Nähe einen so grausenhaften Eindruck auf mich, daß ich fast entschlossen war, umzukehren , und auf gut Glück in der öden Gegend weiter zu reiten. Doch ein Blick auf mein müdes Roß gab mir meinen Muth wieder, denn ich schämte mich des Zagens, dem ich eben den treuen Gefährten meiner Irrfahrten zum Opfer bringen wollte, und so näherte ich mich keck den düstern Mauern, auf die Gefahr hin, in eine Räuberhöhle zu gerathen. War ich doch für den Nothfall wohl bewaffnet, und wie geziemte Furcht einem Soldaten, der seit seinem vierzehnten Jahre Heim und Panzer getragen, und unter des großen Torstenson Fahnen zum Jüngling und Mann gereift war? Ich klopfte an das Thor laut und stürmisch, und bald fragte eine grämliche Stimme nach meinem Begehren.
»Ein verirrter Reisender, der um eine Nachtherberge bittet!« rief ich.
»Gleich! « entgegnete der Pförtner. Das Thor knarrte in den rostigen Angeln, und beim matten Schein einer Kienfackel erblickte ich einen gebückten Greis, der mir in’s Antlitz leuchtete. Von seinem Arm wehte ein langer Trauerflor in die Zugluft mit unheimlicher Begrüßung mir entgegen. Ein Knabe führte mich, auf den Wink des Alten, in den innern Hof; dort empfing mich ein Diener, der mein Roß übernahm, indeß der Knabe mich über eine Wendeltreppe zu einem Saal leitete, in dem zwei schwarze Gestalten bei einem Tisch saßen und kaum aufblickten, als mein Führer: »ein Gast!« rief.
Mit soviel Höflichkeit, als ich nur immer im Lager erlernt hatte, nahte ich mich den Beiden, einem ernsten Mann und einer blassen Frau, und entschuldigte meine späte Ankunft mit der Noth eines Verirrten.
»Ihr kommt in’s Haus der Trauer, und wir können Euch nicht die heitere Gastfreundschaft gewähren, die ein junger Kriegsmann so gerne findet. Doch soll Euch von den Bedürfnissen des Leibes nichts abgehen,« sprach der Burgherr mit sanfter und doch dabei so volltönender Stimme; die Dame wandte sich auch zu mir, und entschuldigte, was etwa die Hausfrau versäumen möchte, mit dem Schmerz einer betrübten Mutter. Ich setzte mich zu Beiden, und entgegnete:
»Für meine Bedürfnisse ist bald gesorgt, denn ich selbst bin nicht gar müde, und zu sehr der Strapazen gewohnt, um schon so ermattet zu seyn, wie Ihr voraussetzt. Meine größte Sorge war mein Gaul, und der ist gut aufgehoben. Ueber mich habt Ihr zu gebieten, ob ich Euch allein lassen, ob ich mit Euch einige Stunden oder die ganze Nacht verplaudern soll. Es würde mir lieb seyn, wenn Ihr einigen Trost darin fändet, mir den Anlaß Eurer Trauer mitzutheilen, denn wo ich einkehre, bin ich gewohnt, mich für die Zeit meines Aufenthaltes als ein Glied der Familie zu betrachten, und verlange meinen Theil am Schmerz so gut wie an der Freude des Hauses!«
Ein leichtes Lächeln überflog die betrübten Mienen der Dame, und sie erzählte mir, indem neue Regenschauer von Thränen den Sonnenblick des Wohlwollens bald wieder umhüllten, daß ihre einzige Tochter am vorigen Tage plötzlich gestorben sey. »Meine Emma,« sprach sie, »war unsere letzte Hoffnung, denn von unserm Sohn, dem wilden Soldaten, haben wir seit drei Jahren keine Nachricht, und bemühen uns seit dem Friedensschluß vergeblich, nur die Gewißheit seines Todes zu erhalten!«
»Dann ist es ja möglich, daß er irgendwo in der Ferne noch lebt, ohne daß es ihm bisher vergönnt war, Euch Nachricht zu geben, denn die Wechselfälle des Krieges sind mannichfach und spotten jeder Berechnung!« tröstete ich.
Die Dame schüttelte das Haupt, aber die Lippen zuckten doch in einem kaum sichtbaren Lächeln der Hoffnung. Ich fragte weiter, wo ihr Sohn gedient? Sie nannte mein Regiment und einen wohlbekannten Namen. — Freudig rief ich:
»Freiherr Baldenstein war ja lange Zeit mein Lieutenant, ich hab‘ ihn noch vor einem Jahr in Sachsen gesehen, von wo aus er damals mit Aufträgen des Kanzlers nach Stockholm abging. O, wir waren treue Kameraden! Wie oft hat mir das gute Herz von seinen Eltern erzählt, von seiner schönen Schwester, und wie oft sagte er in freundlichem Scherz zu mir: »Berthold , Du wirst Doch noch mein Schwager!«
»Jetzt ist sie mit dem blassen Tod vermählt, die süße Rose!« seufzte der betrübte Vater, und fügte hinzu, daß Edgar im vollsten Ernst an eine Verbindung seiner Schwester mit dem tapfern und schönen Obristen Berthold gedacht, und ihnen vorläufig davon geschrieben habe, mit der Bitte , seine Schwester (wenigstens nicht gegen ihre eigene Neigung) ja nicht zu verloben, bevor sie Berthold gesehen.
So war ich gleichsam ein alter Freund, und die Mutter bat mich, ihr noch mehr von ihrem Edgar zu erzählen; ihre Hoffnung rankte sich immer freudiger an meinen Berichten empor, so daß in der Erwartung einer freudigen Zukunft die trübe Gegenwart versank, und beide Eltern mit mir ein heitreres Mahl hielten, als sie wenige Stunden vorher hätten erwarten dürfen. Die eilfte Stunde hatte bereits geschlagen, als der Freiherr mich ermahnte, zur Ruhe zu gehen; er selbst wollte in dieser Nacht die letzte Todtenwache bei seinem Kind halten, weil er keinem von der rohen und abergläubischen Dienerschaft dieß geheiligte Amt anvertrauen mochte. Ich erbot mich, seine Stelle zu vertreten, — er sah mich groß an und schüttelte das Haupt, bis die Hausfrau, in liebender Besorgniß für die Gesundheit des Gatten, ihre Bitten mit , — den meinigen vereinte, und zuletzt durch den Beweis, daß ich als bezeichneter Freier Emma’s eine Art Verpflichtung zu dem letzten traurigen Dienst hätte , den Streit entschied.
Der Freiherr führte mich selbst in die gothische Kapelle, wo neben dem Eingang zur Gruft, dem letzten Hafen der Besitzer des Schlosses, auf einem prächtigen Paradebett die jungfräuliche Leiche ruhte. Mit , verschränkten Armen stellte er sich zur geschmückten Braut des Todes, betrachtete die geliebten Züge, blaß wie die weißen Rosen ihres Kranzes, welcher den langen Schleier über den goldenen Locken festhielt, und seufzte:
»Hienieden seh’ ich nicht mehr Dein Erwachen!«
Während dessen hatte ein Diener den Armleuchter, eine Flasche Wein und ein Gesangbuch auf die Stufen des Hochaltars gestellt, und Beide entfernten sich stumm. Ihre Schritte verhallten in den Wölbungen der Kapelle, und ich war, in schauerlicher Stille, allein mit der leblosen Hülle Emma’s. Zum erstenmal fühlte ich in meinem Leben den hohen Ernst des Todes, wie ich ihn nie empfunden, so oft ich auch nächtlicher Weile auf dem Schlachtfeld bei den Erschlagenen die einsame Wache gehalten, oder zwischen und auf Leichen — ermattet von der Blutarbeit eines heißen Tages — auf den schauerlichen Polstern entschlummert, von Frieden und Glück geträumt hatte. Hier aber, unter dem Schatten der Spitzbogen , deren steinerne Blumen und Zacken bei dem matten Scheine der Kerzen und der Alabasterampel in wunderbare, unheimliche Formen sich gestalteten, und durch das Flackern der leichten Flammen ein gespenstisches Leben erhielten, — an dem Eingang zur Gruft, aus deren Dunkel eine lange Reihe von Särgen in verschwimmenden Umrissen heraufdämmerte, —- neben dem bekränzten Opfer des unerbittlichen Geschicks, hier erfaßten mich alle nie geahnten Schauer des Todes, und ich starrte in die Gruft, als erwartete ich das Heraufsteigen der Geschiedenen, deren Geister den neuen Gast willkommen heißen sollten, dem kecken Fremdling zürnend, welcher sich in ihre Behausung drängte und Abschied von der Rose nahm, auf die er kein Recht mehr besaß, seit sie die Farbe der ewigen Verheißung für den Purpur des vergänglichen Lenzes eingetauscht hatte.
Lange starrte ich hinab in die Gruft, und meisterte, wie der afrikanische Jäger den jungen Leu’n, durch meinen festen Blick das mir so m neue Gefühl des Entsetzens; dann ließ ich mich auf den Stufen des Altars nieder, ergriff das Gesangbuch, und mein Blick fiel, als ich es aufschlug, auf folgenden Vers:

»Zum Himmel steigt aus düstern Särgen
Gebrochner Augen Liebesstrahl,

Und ihnen sey mit offnen Blicken
Auch Deines Sehnens Gluth vereint,
Nur da wohnt wahrhaft das Entzücken,
Wo Lust, wo Trauer nicht mehr weint.«

Ich klappte das Buch wieder zu, und sah auf die Leiche hin. Ich konnte nicht begreifen, wie ich bisher gezagt hatte, die Schöne anzuschauen, hinter deren sanft niedergelassenen Wimpern die blauen Sterne zum Himmel strahlten, wie das Lied verhieß; das einfache Bild des alten Dichters hatte mich mit so wunderbarem Trost gestärkt, daß ich im Tode jetzt nur den leisen Schlummer erblickte; die hohe Steinhalle wölbte sich zur traulichen Frühlingslaube und ich heftete sehnende Blicke auf die Braut, die mir verheißen und entrissen worden, ehe ich sie gekannt.
»Süße Emma ,« seufzte ich, »so muß ich von Dir lassen, ehe Du nur einen Blick der Liebe von mir mit Dir hinübernimmst, — nicht j einmal das Wiedersehen ist uns beschieden, denn Du hast mich nie gesehen. Ich stehe vor Dir wie ein Wanderer, der nach langem Irren endlich die niegekannte Heimath erreicht und vom Haus seiner Väter nur die Brandmauern noch findet!«
»Noch findet!« dröhnte eine Stimme. Erschreckt fuhr ich empor und rief : »Wer spricht hier und verleiht der holden Ruhe des Todes ein gespenstiges Leben?«
— »Leben!« sprach dieselbe Stimme, und ich spottete meiner Furcht vor dem Wiederhall meiner eigenen Rede: »Gute Echo, Du sagst hier: noch findet Leben! hier, wo allein die Hoffnung herrscht, und zwar die, welche erst jenseits der düstern Schwelle ankern vor der jedes athmende Wesen erbebt! Hier blüht nur die Entsagung, für mich die reinste Trauer um ein niebesessenes Gut, — ach, was bliebe noch?«
— »Liebe noch!« glaubte ich von der unermüdlichen Trösterin zu vernehmen, und schwieg betroffen. Noch lieben? — Die geknickte Rose ist eben so schön, wie die am mütterlichen Strauch, aber kein Thautropfen glänzt mehr in ihrem Busen und der Zephyr küßt sie nicht, die Seele ist es, die den Kuß empfängt, nicht die Hülle. Ich sah die schwellenden Knospen des Mundes, und in diesem Augenblick stieg ein frevelndes Gebet zum Himmel, er möchte nur einen kleinen Augenblick, nur so lange, als ein Scheidekuß dauert, die Seele zurücksenden; in wahnsinniger Gluth fiel ich auf die Knie nieder, hob die gefalteten Hände empor und flehte um einen Tropfen Erquickung in dieser Hölle.
Vergebens, kein Hauch des Lebens streifte die blassen Wangen. »O Frühling, wo weilst Du — hier ist Dein Paradies und Du flüchtest in Wüsten? Könnte ich doch mein Leben dieser Blüthe einhauchen! Mit der Gluth, die mich allein zu verzehren droht, könnten wir, wenn wir sie theilen dürften, lange Jahre des Heils nähren!«
Ich näherte mich der Schönen, starrte sie — auf meinen Arm gestemmt über ihr schwebend — liebeglühend an, als sollten die heißen Strahlen meiner Augen die ihren beleben, wie die Sonne die Veilchen weckt; und schon war mirs, als sehen die süßen unter der schirmenden Hülle wieder erwacht, und würden mir — so hoffte ich von Augenblick zu Augenblick — freudig entgegen leuchten. »Hebt euch, seidene Wimpern, hebt euch!« rief meine Seele, und näher und näher glühte mein Antlitz an dem ihren, so daß schon mein Bart die Wangen berührte und, von meinem Hauch bewegt — die Goldlocken sich regten. »Sie lebt!« jauchzte es in mir, ich senkte mich auf Emmas Lippen und fuhr zurück, wie von der eisigen Faust des Todes selbst hinweggeschleudert.
Kalte Fieberschauer packten mich an, — entsetzt von dem Furchtbaren Kuß floh ich das Brautbett der ewigen Ruhe, stemmte, abgewendet, das Haupt an einen Pfeiler und schloß die Augen; lange bebte mein Herz von der gräßlichen Empfindung nach, wilde Schreckbilder durchkreuzten meine Seele, wie zuckende Blitze eine dunkle Wetternacht, und als endlich dieser Sturm sich legte, donnerte die Stimme des strafenden Gewissens mir mit Posaunenklang von den drohenden Gerichten des Himmels, — aus den Särgen erhoben sich rasselnd die kriegerischen Ahnherren, und leise, aber nicht minder furchtbar, die blassen Frauen in weißen Grabgewändern, forderten mit hohler Todtenstimmne, klanglos und doch so laut wie der letzte, sargsprengende Erstehungsruf, Sühne für meinen Frevel, für die Entweihung des Heiligthums, für die Störung der Ruhe der Freistatt. Schon krallten unzählige, entfleischte Hände nach mir, da vermochte ichs nicht länger ausznhalten, —- ich raffte mich empor, riß die Augen weit auf und der wüste Spuck war verschwunden. Friedlich ruhte die entweihte Leiche beim Scheine der Ampel, nichts regte sich, die Särge standen unten uneröffnet, — da hob im Thurm die Glocke zum Schlag aus, und mit den feierlichen Klängen, in denen die Mitternacht niederbebte, kam Fassung und Ruhe in mein Herz zurück; der eherne Mund, tönte mit Trost und Muth zu.
Still setzte ich mich nieder, und es bedurfte jetzt nur noch kurzer Ueberegung, um mir klar zu machen, daß alle Schrecken nur Ausgeburten meiner erregten Sinne gewesen; — ich schämte mich, daß etwas, das ich hätte voraussetzen sollen, mich mit solchem Entsetzen überrascht und in so unmännlicher Feigheit überwältigt hatte. Ich blickte wieder um auf die Schöne, neues Verlangen im Herzen, ich näherte mich dem Lager, durch mein eigenes Beben gereizt, die letzte Furcht zu unterjochen, und so kam es, daß mir ein Kuß von den Lippen der Todten fast wünschenswerther erschien als einer, in welchem glühendes Leben der Sehnsucht entgegenwogt. Rasch und ungestüm preßte ich meine Lippen auf Emmas Mund und fuhr zwar wieder zurück, aber doch blieb ich, fest ihr in das bleiche Antlitz blickend, über sie hingebeugt, und sprach:
»Oho, Soldatenliebchen, willst spröde seyn? — Deine Lippen sind kalt, armes Herz, aber ich will sie durchglühen mit meinem Feuer, trotz Deinem eisigen Bräutigam; durch die verlassene Hülle hindurch soll Deine Seele den Kuß fühlen, er soll sie bis ins innerste Mark brennen, daß sie in glühender Sehnsucht erbebt, und säße sie in den Flammen des Fegefeuers. Trinke den Kuß des Lebens, todte Braut!«
In wilder Raserei beugte ich mich wieder auf ihre Lippen — ich umfing den schlanken Leib. —
»Liebchen, todtes Liebchen, wie hold ruhst Du nun in meinem Arm! Nicht wahr, ein Kriegsmann ist ein rascher Freier, er überwindet sogar die Schauer des Todes, in kühnem Frevelmuth trotzt er noch an der Schwelle der Gruft dem Leben einen bräutlichen Kranz ab!«
Gluth strömte von meinen Lippen, — da schwellte urplötzlich ein Seufzer Emma’s Busen, fest drückte sich ihr Arm um meinen Nacken, und ich zu sehr hingerissen von den Taumeln der Seligkeit, um zu erschrocken, fühlte nur in verdoppelter Gluth das erwiederte Leben, — meine Küsse begegneten jetzt Küssen, — ach, und die blauen Augen strahlten mir entgegen, nicht todesstarr, sondern aufgegangen im Uebermaß des Lebens, vor dem sie vor Kurzem erst noch sich geschlossen hatten zu ewiger Nacht.
»Wo bin ich?« flüsterte endlich beim ersten Grauen des Morgens Emma, nachdem sie noch lange Zeit gebraucht hatte, ihre Lebensgeister zu sammeln.
»Im Arm Deines Bräutigams!« entgegnete ich, die kaum Losgelassene wieder an mich pressend. Sie sah mich halbbewußtlos, verwundert, aber mit unendlicher Zärtlichkeit an, und fragte, ob sie im Himmel sey?
»Nein,« rief ich, »ich bin im Himmel , aber in einem irdischen. Wir sind im Paradies der Liebe!«
»Liebe l« lächelte sie, wie die Erde lächelt, wenn ihr der Mai sein allmächtiges »Werde« zuruft. — Ich eilte ihr von dem Wein einige Tropfen einzuflößen, unterdessen kehrte ihre volle Besinnung zurück, sie betrachtete die Umgebungen, ihr eigenes Gewand, sah in die offene Gruft und stieß mich von sich, mit dem Ausruf: »Frevler!« Ich suchte sie zu besänftigen, — vergebens! Thränen erstickten ihre Stimme, aber sie hörte nicht, was ich sprach; taub blieb sie für mein Flehen, wie für meinen Trost, als plötzlich schmetternde Drommeten mich unterbrachen. Im Hofe draußen ward es laut, dann nahten rasche Tritte der Kapelle; erschreckt fuhr Emma empor und wollte sich verbergen, ich hielt , sie, aber fest, und während sie sich noch sträubte trat der Freiherr mit seiner Gemahlin und Edgar ein, der eben angekommen war, und — mit der Trauerkunde von seiner Schwester Tod beim Empfang unfreundlich begrüßt — die Hülle der Theuern noch einmal sehen wollte. Wie festgezaubert blieben die Drei stehen, nachdem sie vor dem unerwarteten Anblick einige Schritte zurückgeprallt waren, bis ich laut ausrief:
»Sie lebt, Euch täuscht kein Trugbild, edler Vater, glückliche Mutter! Willkommen Edgar, Deine Prophezeihung geht in Erfüllung; holt schnell den Prädikanten, daß er auf der Stelle an demselben Altar, vor welchem der Eid der Liebe als Engel der Auferstehung über Emma kam, uns den Segen der Kirche ertheile, denn nur als meine angetraute Gattin darf ich Euch die Gerettete, von der Schwelle der Gruft zurückgerissene, wieder in die Arme führen.«

Ventura García-Calderón - Die Mutter des Stroms

 Ventura García-Calderón - Die Mutter des Stroms Als ich aufbrach, sagte Jaime Basadre, um wie so viele andere mein Glück im Urwald zu mache...