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Samstag, 23. Oktober 2021

Zitkala-Ša - Iktomi und die Enten

 ZITKALA-ŠA - IKTOMI UND DIE ENTEN


Iktomi ist eine Spinnenfee. Er trägt braune Hirschleder-Hosen mit langen, weichen Fransen zu beiden Seiten und winzige perlenbesetzte Mokassins an den Füßen. Sein langes, schwarzes Haar ist in der Mitte gescheitelt und mit roten, so roten Bändern umwickelt. Jeder runde Zopf hängt über einem kleinen braunen Ohr und fällt ihm nach vorne über die Schultern.

Er malt sogar sein lustiges Gesicht rot und gelb an und malt auch große schwarze Ringe um seine Augen. Er trägt eine Jacke aus Hirschleder, auf der bunte Perlen festgenäht sind. Iktomi kleidet sich wie ein echter Dakota-Krieger. In Wahrheit sind seine Farbe und sein Hirschleder das Beste an ihm — wenn überhaupt ein Kleidungsstück zu einem Menschen oder einer Fee gehört.

Iktomi ist ein gerissener Bursche. Seine Hände sind immer für Unfug zu haben. Lieber legt er eine Falle aus, als dass er sich mit ehrlicher Jagd auch nur das Geringste verdient. Warum! Er lacht geradezu mit weit aufgerissenem Mund, wenn ein paar einfache Leute in einer Falle gefangen sind, fest und schnell.

Er träumt nie davon, dass ein anderer so klug lebt wie er. Oft führt ihn seine eigene Einbildung hart gegen den gesunden Menschenverstand einfacher Leute.

Der arme Iktomi kann nichts dafür, dass er ein kleiner Kobold ist. Und so lange er eine freche Fee ist, findet er keinen einzigen Freund. Niemand hilft ihm, wenn er in Schwierigkeiten steckt. Keiner liebt ihn wirklich. Diejenigen, die gekommen sind, um seine hübsche Perlenjacke und seine langen Fransenhosen zu bewundern, gehen bald wieder weg, krank und müde von seinen eitlen, eitlen Worten und seinem herzlosen Lachen.

So lebt Iktomi allein in einem kegelförmigen Wigwam in der Ebene. Eines Tages saß er hungrig in seinem Tipi. Plötzlich stürzte er hinaus und schleppte seine Decke hinter sich her. Schnell breitete er sie auf dem Boden aus, riss mit beiden Händen trockenes hohes Gras ab und warf es schnell in die Decke.

Er knüpfte alle vier Ecken zu einem Knoten zusammen und warf das leichte Grasbündel über seine Schulter.

Mit der freien linken Hand schnappte er sich einen schlanken Weidenstock und machte sich mit einem Sprung auf den Weg. Das Bündel auf seinem Rücken wippte hin und her, während er leichtfüßig über den unebenen Boden lief. Bald kam er an den Rand des großen, ebenen Landes. Auf der Hügelkuppe hielt er inne, um Luft zu holen. Mit einem lasterhaften Schmatzen seiner trockenen, ausgedörrten Lippen, als ob er ein zartes Stück Fleisch probieren wollte, blickte er geradewegs ins Leere und auf den sumpfigen Flussgrund. Mit der dünnen Handfläche, die seine Augen vor der westlichen Sonne schützte, spähte er weit in die Tiefebene und kaute dabei auf seinen eigenen Wangen herum. »Aha!« grunzte er, zufrieden mit dem, was er sah.

Eine Gruppe von Wildenten tanzte und schmatzte in den Sümpfen. Mit ausgebreiteten Flügeln bewegten sie sich in einem großen Kreis auf und ab. Innerhalb des Kreises, um eine kleine Trommel herum, saßen die auserwählten Sänger, nickten mit dem Kopf und blinzelten mit den Augen.

Sie sangen einstimmig ein fröhliches Tanzlied und schlugen einen lebhaftes Rhythmus auf der Trommel.

Auf einem gewundenen Fußweg in der Nähe kam die gebeugte Gestalt eines Dakota-Kriegers. Er trug ein sehr großes Bündel auf dem Rücken. Mit einem Weidenstock stützte er sich ab, während er unter seiner Last entlangtaumelte.

»Ho! Wer ist denn da?« rief eine neugierige alte Ente, die immer noch im ihrem Kreistanz auf und ab wippte.

Daraufhin reckten die Trommler ihre Hälse, bis sie in ihrem Gesang erstickten, um einen Blick auf den vorbeiziehenden Fremden zu werfen.

»Ho, Iktomi! Alter Freund, sag uns doch bitte, was du in deiner Decke trägst. Eile nicht davon! Halt! Bleib stehen!« drängte einer der Sänger.

»Halt! Bleib stehen! Zeig uns, was in deiner Decke ist!« riefen andere Stimmen.

»Meine Freunde, ich will euch den Tanz nicht verderben. Oh, ihr würdet es nicht gerne sehen, wenn ihr nur wüsstet, was in meiner Decke ist. Singt weiter! tanzt weiter! Ich darf euch nicht zeigen, was ich auf dem Rücken trage«, antwortete Iktomi und stupste sich mit den Ellenbogen in die Seite. Diese Antwort löste den Ring völlig auf. Nun drängten sich alle Enten um Iktomi.

»Wir müssen sehen, was du bei dir trägst! Wir müssen wissen, was in deiner Decke ist!« schrien sie ihm in beide Ohren. Einige strichen sogar mit ihren Flügeln über das geheimnisvolle Bündel. Der schlaue Iktomi stupste sich wieder an und sagte: »Meine Freunde, ich trage nur ein Päckchen mit Liedern in meiner Decke. «

»Oh, dann lasst uns eure Lieder hören!« riefen die neugierigen Enten.

Schließlich willigte Iktomi ein, seine Lieder zu singen. Vor Freude schlugen alle Enten mit den Flügeln und riefen gemeinsam: »Hoye! hoye!«

Iktomi legte sein Bündel mit großer Sorgfalt auf den Boden.

»Ich werde zuerst ein rundes Strohhaus bauen, denn ich singe meine Lieder nie im Freien«, sagte er.

Schnell bog er grüne Weidenruten und steckte die beiden Enden jeder Stange in die Erde. Diese bedeckte er dicht mit Schilf und Gräsern. Bald war die Strohhütte fertig. Eine nach der anderen watschelten die dicken Enten durch eine kleine Öffnung hinein, die der einzige Eingang war. Iktomi stand lächelnd neben der Tür, als die Enten, die sein Liederbündel beäugten, in die Hütte stolzierten.

Mit einer seltsamen tiefen Stimme begann Iktomi seine sonderbaren alten Melodien. Alle Enten saßen mit großen Augen im Kreis um den geheimnisvollen Sänger herum. Es war schummrig in der Strohhütte, denn Iktomi hatte nicht vergessen, den kleinen Eingang zu verdecken. Plötzlich ertönte sein Lied in voller Lautstärke. Als die erschrockenen Enten unruhig auf dem Boden saßen, änderte Iktomi seine Melodie in eine Moll-Stimme. Dies waren die Worte, die er sang:

»Istokmus wacipo, tuwayatunwanpi kinhan ista nisasapi kta«, was bedeutet: »Mit geschlossenen Augen musst du tanzen. Wer es wagt, seine Augen zu öffnen, wird für immer rote Augen haben.«

Der Kreis der sitzenden Enten erhob sich und begann im Rhythmus von Iktomis Gesang und Trommel zu tanzen, wobei sie ihre Flügel dicht an die Seiten hielten.

Mit geschlossenen Augen tanzten sie! Iktomi hörte auf, seine Trommel zu schlagen. Er begann lauter und schneller zu singen. Er schien sich in der Mitte der Manege zu bewegen. Keine Ente wagte es, mit den Augen zu zwinkern. Jede schloss die Augen ganz fest und tanzte noch heftiger. Auf und ab! Sie drehten sich nach rechts und hüpften in diesem blinden Tanz hin und her. Es war ein schwieriger Tanz für diese neugierigen Volk.

Endlich konnte einer der Tänzer seine Augen nicht mehr schließen! Es war ein Skiska, der Iktomi in der Mitte des Kreises mit einem winzigen Blinzeln anschaute. »Oh! Oh!« krächzte er in schrecklichem Entsetzen! »Lauft! Fliegt! Iktomi verdreht euch den Kopf und bricht euch das Genick! Lauft hinaus und fliegt! fliegt!« rief er. Daraufhin öffneten die Enten ihre Augen. Neben Iktomis Liederbündel lag die Hälfte ihrer Schar flach auf dem Rücken.

Sie flogen durch die Öffnung, die Skiska gemacht hatte, als er mit seinem Alarm losstürmte.

Doch als sie hoch in den blauen Himmel stiegen, riefen sie sich gegenseitig zu: »Oh! Deine Augen sind rot, so rot!« »Und deine sind rot, so rot!« Denn die warnenden Worte der magischen kleinen Macht hatten sich bewahrheitet. »Aha!«, lachte Iktomi und löste die vier Ecken seiner Decke, »ich werde nicht mehr hungrig in meiner Behausung sitzen.« Mit schönen fetten Enten in seiner Decke stapfte er nach Hause. Er überließ die kleine Strohhütte Regen und Wind.

Als Iktomi sein eigenes Tipi auf der Hochebene erreichte, entfachte er ein großes Feuer im Freien. Er pflanzte spitze Stöcke um die auflodernden Flammen. An jedem Pfahl befestigte er eine Ente zum Braten. Einige vergrub er unter der Asche, um sie zu backen. Als er in seinem Tipi verschwand, kam er mit einigen großen Muscheln wieder heraus. Diese waren sein Geschirr. Er legte eine unter jede gebratene Ente und murmelte: »Das süße Fett, das herausquillt, wird gut zu den knusprigen Brüsten passen.«

Iktomi häufte weitere Weidenzweige auf das Feuer und setzte sich mit gekreuzten Beinen auf den Boden. Das lange Kinn zwischen seinen Knien zeigte in Richtung der roten Flammen, während seine Augen auf die braun werdenden Enten gerichtet waren.

Knapp über seinen Knöcheln verschränkte er seine langen, knochigen Finger und löste sie wieder. Ab und zu schnupperte er ungeduldig an dem würzigen Duft.

Der lebhafte Wind, der das Feuer schürte, spielte auch mit einem alten, knarrend quietschenden Baum neben Iktomis Wigwam.

Der Baum schwankte hin und her und rief mit der Stimme eines alten Mannes: »Hilfe! Ich werde zerbrechen! Ich falle!« Iktomi zuckte mit seinen großen Schultern, wandte aber nicht ein einziges Mal seinen Blick von den Enten ab. Das Tropfen des bernsteinfarbenen Öls in die perlmuttfarbenen Schalen erfreute seine hungrigen Augen. Doch der alte Baummann rief weiter um Hilfe. »He! Was ist das für ein Geräusch, das mein Ohr schmerzen lässt!« rief Iktomi und legte eine Hand auf sein Ohr.

Er erhob sich und sah sich um. Das Quietschen und Knarren kam von dem Baum. So begann er auf den Baum zu klettern, um das unangenehme Geräusch zu finden. Aber ohne es zu bemerken, setzte er seinen Fuß genau auf einen gebrochenen Ast. In diesem Moment kam eine Windböe und drückte die gebrochenen Kanten zusammen. Dort wurde Iktomis Fuß von einer starken Holzhand gefangen.

»Oh, mein Fuß ist zerquetscht!« heulte er wie ein Feigling. Vergeblich zog und schlug er, um sich zu befreien.

Während er so als Gefangener auf dem Baum saß, sah er durch seine Tränen hindurch ein Rudel grauer Wölfe über das flache Land streifen. Er winkte ihnen mit den Händen zu und rief mit lauter Stimme: »He! Graue Wölfe! Kommt mir nicht zu nahe! Ich habe mich auf dem Baum festgehalten, und mein Entenschmaus wird kalt. Kommt nicht her, um meine Mahlzeit zu verzehren«

Als der Anführer des Rudels Iktomis Worte hörte, wandte er sich an seine Kameraden und sagte:

»Ah! Hört den dummen Kerl! Er sagt, er hat einen Entenschmaus, der gegessen werden muss! Lasst uns dorthin eilen und unseren Anteil holen!« Die Wölfe sprangen in Richtung von Iktomis Hütte davon.

Vom Baum aus beobachtete Iktomi, wie die hungrigen Wölfe seine schön gebräunten fetten Enten auffraßen. Sein Fuß tat ihm immer mehr weh. Er hörte, wie sie die kleinen runden Knochen mit ihren starken langen Zähnen knackten und das ölige Mark herausfraßen. Jetzt schossen heftige Schmerzen von seinem Fuß durch seinen ganzen Körper. Laut schluchzte Iktomi. Echte Tränen zeichneten braune Schlieren über seine rotgeschminkten Wangen. Schmatzend begannen die Wölfe den Ort zu verlassen, als Iktomi wie ein schmollendes Kind schrie: »Wenigstens habt ihr mein Backwerk unter der Asche gelassen!«

»Ho! Po!« riefen die schelmischen Wölfe, »er sagt, dass unter der Asche noch mehr Enten zu finden sind! Kommt! Lasst uns dieses eine Mal satt werden!«

Sie rannten zurück zum erloschenen Feuer und gruben die Enten mit einer solchen Eile aus, dass eine Wolke aus Asche wie grauer Rauch über ihnen aufstieg.

Wieder stöhnte Iktomi laut auf, als die Wölfe davongestürmt waren. Viel zu spät kehrte der kräftige Wind zurück und riss im Vorbeibrausen die Bruchkanten des Astes wider auseinander. Iktomi war befreit. Aber leider hatte er auch keinen Entenschmaus mehr.


Aus: ALTE INDIANISCHE LEGENDEN

Nacherzählt von Zitkala-Ša übertragen von ngiyaw eBooks

Samstag, 21. August 2021

Mathilde Feldern-Rolf - Eine Orangenblüthe

Mathilde Feldern-Rolf - Eine Orangenblüthe.

Aus: Thalia: Taschenbuch für das Jahr 1844, Hrsg.: Joh. Nep. Vogl, In Commission bei Jacob Dirnböck, Wien, 1844 

Nach der Transkription bei der deutschsprachigen Wikisource


Eine Orangenblüthe.

Vor ungefähr zwanzig Jahren war es, daß in einer mondhellen Nacht auf der Piazzetta di S. Marco auf der zweiten Stufe von der Säule des geflügelten Löwen eine weibliche Gestalt zusammengekrümmt saß. — Ein weißes Tuch verhüllte Haupt und Brust, die Arme waren auf die Knie, der Kopf in die Hände gestützt, — so saß das Geschöpf regungslos und starrte hin gegen den Dogenpallast.

Nur wenige Vorübergehende bemerkten die Gestalt, und die sie bemerkten, kümmerten sich nicht darum, — entweder weil sie schon seit einer Woche daran gewöhnt waren sie Nachts dort sitzen zu sehen, — oder weil der Platz, welchen das Weib gewählt hatte, wie bekannt, zu jenen von jedem echten Venezianer gemiedensten gehörte, da zur Zeit der Republik zwischen den beiden Säulen des geflügelten Löwen und des heil. Theodor der Richtplatz war.

Auf dem Glockenthurme schlug es zwei Uhr, ein junger Bursche, der schon lange im Schatten unter den Bogengängen des Pallastes auf und nieder geschlichen war, trat jetzt hervor und ging rasch auf das Weib zu, — faßte es an der einen Hand und zog sie empor, — indem er mitleidig sprach:

»Angela! — folg mir, er kommt heute nicht mehr.«

»Er wird kommen, Tita, — ich sah ihn vor einer Stunde schon mit der Signora über die Piazzetta schreiten. — Dort steht auch seine Gondel.«

»Nun so gehe heute nach Hause, ohne ihn nochmals gesehen zu haben. — Es ist schon später als gewöhnlich. Base Cecca wird daheim ängstlich auf dich warten. Komme, Angela!«

So sprach der Bursche in schmeichelndem Tone, das Mädchen aber schüttelte verneinend den Kopf, setzte sich wieder auf die Stufe und nahm dieselbe Stellung wie früher ein. Tita sah, daß sie in ihr gewöhnliches Träumen versank, und da er keine Antwort auf seine Fragen und auf sein Flehen erhielt, warf er sich seufzend neben dem Mädchen auf die Steine, und lehnte geduldig abwartend seinen dunklen Lockenkopf an die Säule.

»Dort kommt er, dort kommt er!« flüsterte plötzlich Angela, richtete sich empor, stellte sich hinter die Säule, so daß die an der Seite des Dogenpallastes Vorübergehenden sie nicht bemerken konnten, und starrte auf eine Dame und einen Herrn, welche laut plaudernd und lachend aus dem Caffè dei Leoni kamen, dem Canal grande zuschritten und an der Ecke des Pallastes eine Gondel bestiegen, die pfeilschnell verschwand.

Tita hatte ohne sich zu erheben, zu dem Mädchen aufgeblickt, jetzt frug er wehmüthig:

»Nun, Angela, bist du jetzt zufrieden?«

Das Mädchen nickte stumm ein Ja, wischte sich mit der Hand ein paar große schwere Thränen aus den langen dunklen Wimpern, stieg langsam die Stufen des Säulen-Sockels herab , und ließ sich ohne Widerstreben von Tita an der Loggietta del Campanile vorüber nach Hause führen.

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Wenige Tage später an einem sonnigen Morgen trat ein auffallend schöner aber sehr bleicher junger Mann aus der Pforte des armenischen Klosters St. Lazarus. — Er trug ein Portefeuille unter dem einen Arm, eine Schreibtafel in der Hand, ging langsam — denn er hinkte unmerklich — eine kleine Strecke, und notirte sich einiges während dem Gehen. — Plötzlich blickte er auf, sah eine Gondel, winkte dem einen der müßig am Ufer sitzenden Gondoliere, rief: »nach dem Pallast Mocenigo!« und schritt hinab, um das Fahrzeug zu besteigen. — Aber schon den einen Fuß in der Gondel, blickte er dem jungen Burschen in das Gesicht und sprach erstaunt.

»Wie! du bist es, Tita! — ei, ich habe dich lange nicht gesehen.«

»Milord kommen nicht mehr in die Gegend, wo meine Gondel steht, und haben, wie ich höre, eine andere, jene des alten Coppo gemiethet.«

»Ja, ja, du hast recht. — Wie kommst du heute hierher, Tita?«

Der Bursche schwieg, auf des Engländers wiederholte Frage erwiederte er endlich zögernd:

»Ich führte meine kleine Base Angela herüber, sie ging in einen der Gärten, um Blumen zu holen, da sie für die Gräfin Albrizzi heute zu einem Feste mehrere Kränze binden muß. — Dort kommt sie so eben,« fügte Tita hinzu, gab seinen Gefährten ein Zeichen und stieß vom Ufer ab.

»Nu! und willst du die Kleine allein am Ufer zurücklassen?« frug der Lord.

»Ich werde sie später abholen,« sprach der Gondoliere, »ich denke mir, es könnte Euer Herrlichkeit unangenehm sein, die kleine Angela zu sehen.«

»Unangenehm! weshalb? fahre zurück und hole das arme Kind, ich sehe es durch die Jalousien, die Kleine steht ganz verwundert am Ufer, und weiß deine Abfahrt sich nicht zu erklären.«

Tita zögerte noch einige Augenblicke.

»Zurück! sage ich!« rief der Engländer, und der Gondoliere gehorchte. — Der Lord setzte sich auf die Bank, nahm sein Portefeuille, blätterte darin hin und her, und überlas einige Stellen. — Während dieser Zeit hatte die Gondel sich wieder dem Ufer genähert. Angela rief ihrem Vetter Vorwürfe zu, er reichte ihr aber die Hand, und sie sprang flink in das Fahrzeug. — Da bog er sich zu ihrem Ohr herab und flüsterte rasch:

»Fassung, Muth, Angela! — Milord sitzt d’rin.«

»Santa Madonna!« rief leise das Mädchen, und ließ den Korb mit den Blumen und allem duftenden Inhalt, welchen sie in der Schürze trug, zu Boden fallen. Die Gondel stieß abermals vom Ufer ab, die Gondoliere ruderten tüchtig, Angela raffte ihre Blumen auf, sammelte sie wieder in den Korb, wendete sich aber nicht, um nicht in das Gondelhäuschen blicken zu müssen. Da faßte eine Hand von rückwärts plötzlich die ihre, ohne sich umzusehen ließ sie sich in der gedeckten Raum führen, und saß im nächsten Augenblicke neben dem Lord.

»Angela! warum diesen Trotz? wenn wir uns auch nicht mehr lieben, so brauchst du mich deshalb doch nicht zu fliehen. — Schlag die Augen auf, — blicke mich an, Kleine. — Lächle doch ein wenig, das steht dir weit hübscher als dieses Schmollen.«

Das Mädchen wendete das Köpfchen ab, um ihre Thränen zu verbergen, der Lord lachte laut auf, nannte sie scherzend »einen kleinen verdammt maliciösen Trotzkopf!« lehnte sich zurück, und blätterte wieder in seinen Papieren.

Einige Minuten später hielt die Gondel unweit des dunklen altersgrauen Pallastes Mocenigo, der Lord sprang empor und sah noch einige Augenblicke auf das sitzende Mädchen, dann sprach er:

»Angela! was reichtest du mir sonst jeden Morgen mit freundlichem Blick und Worte?«

Angela beugte sich schweigend nach dem Korbe mit Blumen, der zu ihren Füßen stand, nahm eine Orangenblüthe, und reichte sie dem Engländer halblaut sprechend: —

»— Glücklichen Tag , mein Gordon!«

Der Lord nahm die Blüthe, steckte sie in sein Knopfloch, drückte dem Mädchen die Hand, warf dem jungen Gondoliere mit flüchtigem Gruße ein Geldstück hin, sprang aus, und verschwand in dem Pallaste.

»Nun, Angela! was hat er dir gesagt?« frug neugierig Tita, und steckte den Kopf unter das Dach der Gondel.

»Nichts und doch Alles!« erwiederte das Mädchen mit einem seltsamen kalten Lächeln, »ich fordere nicht mehr von ihm, er hat mich geliebt, und die Erinnerung daran genügt mir.«

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In einem der hohen mit verbleichten Tapeten geschmückten Zimmer des Pallastes Mocenigo, saß vor einem schwerfälligen schnörkelreichen Schreibtische der junge Engländer. — Der helle Kerzenschein des vor ihm stehenden Armleuchters fiel auf ein Papierheft, das mit »Don Juan« überschrieben. — Gordon stützte den linken Arm auf den Tisch, das Kinn in der Hand und starrte gegenüber an die halbdunkle Zimmerdecke. Das Schwellen der Ader auf des Lords von weichen Locken umringelter freien Stirne, das Funkeln der dunklen Augen verkündete, daß Gestalten und Bilder in immer deutlicheren Umrissen an ihm vorüber schwebten. — So saß er lange und regungslos, bis gleich heraufbeschworenen Geistern sie ihn alle umstanden in bunten wunderlichen Reizen, deren Schöpfer, Herr und Meister er war. — Begeistert langte er nach der Feder, — da ertönte ein kreischendes Geschrei aus einem der anstoßenden Gemächer, Gordon warf unwillig die Feder aus der Hand, und fuhr vom Lehnstuhl empor. — Er klingelte und sein getreuer Kammerdiener erschien.

»Fletcher, was gibt’s, ist die Fornarina wieder da?«

»Ja Milord! Sie bringen das Geschöpf nicht los , — wenn sie zu einer Thür Margarita Cogni hinaus jagen, so kommt sie zur andern herein.«

»Ich will aber von ihr befreit sein, ich will sie nicht mehr sehen; — das wilde heftige Weib ist mir widerlich. — Warum gab es Lärm, — was ist es?«

»Euer Lordschaft, die Fornarina begegnete im Corridor die hübsche Angela, und hätte ich nicht der Margarita das Messer entrissen, sie würde die arme Kleine durchstochen haben.«

»Es ist ein Teufel von einem Weibe, war es doch auch sie, welche die kleine Angela aus dem Hause brachte. — Was will das Kind? man sagte mir, Angela sei seit einiger Zeit wahnwitzig.«

»Das scheint mir kaum, Milord, — sie sieht zwar sehr bleich aus, doch spricht sie nicht verwirrt. Sie läßt Euer Lordschaft nur um wenige Augenblicke Gehör bitten. — Eine wichtige Nachricht, so sagt sie wenigstens, führt sie hierher, auch behauptet sie dieselbe nur Euer Lordschaft selbst mittheilen zu können.«

»Wichtig,« wiederholte der Lord lächelnd, »ich kenne diese wichtigen Geheimnisse der Frauen. — Lasse Angela kommen, Fletcher.«

Das Mädchen trat ein, sie senkte grüßend das Köpfchen und sprach ohne die Augen aufzuschlagen.

»Milord, Ihr besuchtet vor einiger Zeit täglich früh Morgens das Kloster St. Lazarus.«

»Ja allerdings.«

»Seit einigen Wochen nicht mehr.«

»Ganz recht, als ich dich in der Gondel traf, war ich zum letzten Male dort. — Du hast — — —«

»Nichts von mir, Milord, dazu ist jetzt keine Zeit. Was thatet Ihr drüben im Kloster der Armenier?«

»Welch ein Inquisitionsgeist der Vermummten aus der Glanzperiode des Dogenpallastes ist in dich gefahren, Kleine? — Du fragst mich aus wie ein Senator des großen Raths. — So wisse denn, ich übersetzte dort Einiges aus hochwichtigen Urkunden der Vorzeit, und einen Brief des Apostel Paulus an die Corinther.«

»Ich weiß, Milord, Ihr seid sehr gelehrt. — Doch hier handelt es sich darum, ob Ihr niemals in der Nähe des Klostergartens eine junge Dame spracht?«

»Und wenn es so wäre?«

»Dann, Milord, würde ich Euch bitten, heute Abends nicht mehr den Pallast Mocenigo zu verlassen.«

»In einer halben Stunde verfüge ich mich in eine Abendgesellschaft.«

»Geht nicht, Milord, es droht Euch Gefahr!«

»Im Salon der liebenswürdigen Madame Benzoni?«

»Nein, in Eurer Gondel.«

»Der alte Coppo und Paolo sind treu.«

»Nicht Eure Gondoliers. — Der Bräutigam jener Euch bekannten jungen Dame und der Gatte Mariannens führen einen bösen Anschlag gegen Euch im Sinne.«

»Marianna’s Gatte, — und gewiß sie selbst. — So habe ich nicht schon genug der Qual an der Verfolgung dieses tollen Weibes der Margarita Cogni, muß sich denn jede Liebe zu mir in Haß und Rache verwandeln?!«

»Nicht jede, Milord!« sprach in einem traurigen wehmuthsvollen Tone Angela, und schlug die schönen dunklen Augen auf, — doch als fühlte sie Reue über diese Worte, fuhr sie rasch fort: »Nochmals geht nicht, Milord, bleibt heute daheim!«

»Danke für die Warnung, schönes Kind, doch ich werde in einer halben Stunde die Gondel besteigen, — ich verlasse mich auf mein gutes Glück und meine Gewandtheit. — Sollte mich unter Wegs ein Abenteuer treffen, so gibt es Stoff zu einer Erzählung in der Soiree. — Woher weißt du von der Gefahr?«

»Wenn Ihr, Milord, meinen Rath nicht befolgen wollt, so ist es auch unnöthig mehr darüber zu sprechen . — Was nun auch immer geschehen mag, Ihr wisset jetzt, Milord, woher der Anschlag kam. — Gute Nacht!«

»Und hiermit ist deine Mittheilung zu Ende?«

»Ja, Milord!«

»Ein Bote muß Botenlohn bekommen, nimm diese Guinee, kleine Angela.«

Das Mädchen erröthete, stieß des Lords Hand verächtlich zurück, und sprach sehr ernst:

»Gordon! ich habe niemals Gold von dir genommen. — Gute Nacht.«

»Ein sonderbares Geschöpf!« murmelte der Lord, als Angela das Zimmer verlassen hatte, trat an das offene Fenster und sah in die dunkle Regennacht hinaus.

Im Vorsaale stand Fletcher, über einen Stuhl hing des Lords weißer Mantel, nebenan lag sein Hut, — beides bereit, wenn er ausgehe.

»William!« sprach Angela, »Ihr waret stets gut und freundlich mit mir, gebt mir auf kurze Frist Eures Gebieters Hut und Mantel.«

»Wozu, Angela?«

»Fragt nicht und gebt mir Beides.«

»Unmöglich Kind, Milord wird sogleich ausgehen. — Die Gondel steht schon seit einer Stunde bereit.«

»Eben deshalb!«

»Ah Milord klingelt. — Geduldet Euch einige Augenblicke hier im Vorsaale, Angela, — ich komme sogleich wieder.«

Fletcher eilte in des Lords Schreibzimmer, er fand ihn noch am offenen Fenster.

»William, ist die Fornarina fort?«

»Ja, Milord, ich drohte ihr sie in den Kanal werfen zu lassen, wenn sie sich nicht gutwillig entferne.«

»Fletcher, meinen Hut und Mantel, das Gewitter hat die Luft abgefühlt, es gießt Ströme vom schwarzen Himmel herab. — Halt! was sind das für zwei Gestalten dort an der Gondel?! — es ist weder Coppo noch Paolo. — Fletcher, komme näher, vielleicht kannst du etwas deutlicher unterscheiden. — Was ist das! — Da unten trete ich aus dem Thor! — es ist mein weißer Mantel. — Ha! hat Shelley recht!? — man sieht auch zuweilen doppelt! — Vor Kurzem sah man mich am hellen Tage zu London im Regentpark, während ich hier unter bestäubten Pergamenten und Folianten im Archiv der Armenier herumwühlte. — Fletcher! die Gestalt steigt in die Gondel. — Das sind nicht meine Gondoliere! — Ein Schrei! die Gestalt sinkt! — ein Mord, Fletcher, ein Mord!«

»Jesus! — Angela!« schrie William und stürzte aus dem Zimmer.

Fünf Minuten später umgaben alle Diener aus dem Pallaste Mocenigo mit Fackeln die Gondel, — die Mörder waren entflohen. — Coppo und Paolo lagen gebunden und geknebelt am Boden des Fahrzeuges. — Der Lord stürzte aus dem Pallaste und rief:

»Wo ist Angela?!«

Fletcher antwortete nicht, sondern winkte, und man hob die in den weißen Mantel gehüllte Gestalt aus der Gondel, und legte sie auf die Stufen zu des Lords Füßen hin.

»Sie wußte es, Milord, und ging für Sie in den Tod.«

»Angela, Angela!« rief der junge Mann und kniete sich neben dem Mädchen hin. »Fletcher, sie lebt noch. — Geschwinde eilet, einen Arzt! — Meine liebe Angela!«

Angela richtete sich mühsam empor, nahm einen kleinen Strauß Orangenblüthen von ihrer Brust, reichte ihn dem Geliebten und flüsterte matt:

»Glückliche Tage, mein Gordon!«

Ein mildes freundliches Lächeln glitt über ihre Lippen, ihr Kopf sank auf die Stufen zurück, — Angela war todt.

Am folgenden Abende traf Lord Byron in der Conversation der geistreichen Gräfin Albrizzi zum ersten Male die anmuthvolle Therese Guiccoli, geborne Gräfin Gamba. — Angela wurde auf Jahre vergessen.

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Wenige Wochen vor seinem Tode, als Byron in Seraglio, seine Wohnung zu Missolonghi, an einem Sommerabend allein saß, — und unter seinen Schriften einiges suchte, da fand er eine getrocknete Orangenblüthe unter den Papieren. — Er war bewegt, — hielt die Blüthe einige Zeit in seiner flachen Hand, betrachtete sie und sprach wehmüthig:

»Angela! du allein hast mich wahrhaft uneigennützig und treu geliebt.«

Er drückte seine schöne edle Stirne in die Hände und blieb einige Minuten so sitzen. — Tita, der venetianische Gondoliere, nun seit Jahren des Lords Lieblingsdiener, trat ein. Byron stand auf und ging an das Fenster. — — Tita aber hatte bemerkt, sein Gebieter habe — geweint.


Donnerstag, 27. Mai 2021

Ventura García-Calderón - Die Mutter des Stroms

 Ventura García-Calderón - Die Mutter des Stroms

Als ich aufbrach, sagte Jaime Basadre, um wie so viele andere mein Glück im Urwald zu machen, gab mir der Zufall einen eigenartigen Reisegefährten, einen Priester aus Aragonien, bäurisch ungeschliffen, aber eine gute Haut, der vorhatte, alle heidnischen Flüsse der Welt zu taufen. Bruder Carmelo wollte zu dem hundertjährigen Kloster Ocopa, wo die Missionare die Wilden lehren, den Sonnengott zu verleugnen, dessen glänzendes Reich sich doch so weit über Amerika erstreckte, und davon träumen, mit der Zeit alle glorreichen Spuren seines Kults zu vertilgen. Ein Traum wie irgendein anderer! Auch der meinige, schnell große Reichtümer zu sammeln, war nicht mehr wert.

Jedes Kind in der Hauptstadt hat von den Millionen erzählen hören, die man in Iquitos durch einfaches Ritzen der Kautschukbäume verdient. Die ganze Ausbeute läßt man dann den größten Strom der Welt, den Amazonas, abwärts treiben, mitten zwischen Urwaldriesen, die noch auf dem Wasser ihre singenden Vogelnester bewahren. Aber auch die Kehrseite des Abenteuers war mir bekannt: Fieber aller Art, trostlose Einsamkeit, Kannibalen, deren vergiftete Pfeile nicht horizontal heranschwirren, sondern senkrecht vom Himmel fallen. In diesem Paradies der Schlangen lebt man von Affenfleisch und Schildkröteneiern. Doch für so etwas schwärmt man mit zwanzig Jahren.

Die Andenketten lagen hinter mir, und wie ein Wunder tauchte plötzlich im blauen Dunst der Ferne der Urwald auf. Während unsere Maultiere mühsam auf den schmalen Pfaden der Sierra kletterten, hielt mein Begleiter, da er keine Ungläubigen zur Hand hatte, mir unaufhörlich fromme Vorträge. Unser Führer, ein halbwilder Indianer in zerfetztem Poncho, ritt auf dem blanken Fell, an den nackten Fuß einen eisernen Stachel gebunden, mit dem er sein Tier spornte. Welch ungeheuerlicher Fuß! Abgetreten wie eine alte Schuhsohle und durchlöchert von Sandflöhen, die behaglich in seinem Innern nisteten.

Dieser schweigsame, träumerische Führer schien den Missionar für einen großen Zauberer der Weißen zu halten, was ihn aber nicht hinderte, bei jedem alten Indianergrab am Wege abzusteigen und einen Stein auf den Hügel zu legen, wie es die fromme Sitte von alters her gebot. Denn so beschwört man die in der Luft schwebenden Geister, ganz abgesehen davon, daß die Mumien unter der Erde hören, wer vorbeikommt. Wer das nicht glaubt, soll die Kondore ansehen, wie sie im Dienst der Toten auf der Lauer liegen und auf ihr Geheiß mit ihren runzligen alten Hexenaugen von den hohen Gipfeln herab nach allem spähen, was vorgeht . . . So sagte der Führer, der bei jeder Rast am Rande des engen Weges hockte, die Beine über dem Abgrund, und endlos trockene Cocablätter kaute. Wunderbar, wie sie ihn belebten und alle Mattigkeit verscheuchten! Nicht einmal der eisige Wind, der heulend von den Höhen herabblies, konnte ihm etwas anhaben.

Bruder Carmelo aber faßte das schwere Ebenholzkreuz auf seiner Brust und spritzte einige Tropfen geweihten Wassers von Lourdes auf dieses Sodom und Gomorrha.

So hatte er, als wir am Rande der wie ein grünes Meer fortrollenden Montaña ankamen, eine ganze Reihe von Schneekuppen getauft, mehr als ein Paternoster gebetet, um uns vor den ungläubigen Kondoren zu behüten, und wenigstens die halbe Flasche Weihwasser auf die Grabstellen der alten Rasse entleert. Ich muß gestehen, daß die Reise soweit glatt verlaufen war. Und dieses einfache Mittel, die Gefahren meines Landes zu beschwören, würde mich für immer bestochen haben, ohne diese jähe Katastrophe. Doch ich will den Ereignissen nicht vorgreifen . . .

Auf einer Balsa, diesem primitiven, kaum aus dem Wasser ragenden indianischen Floß mit Strohsegeln, schifften wir uns jetzt ein, um die von den Anden stürzenden Flüsse hinunterzugleiten. Was bedeuteten die halsbrecherischen Pfade der Sierra gegen diese Fahrt durch Stromschnellen und tosende Strudel! Gut, daß unsere Piloten, Indianer im Lendenschurz, den energischen Kopf mit Arafedern geschmückt, uns mit Lianen in der Mitte des Fahrzeuges festgebunden hatten! Das Schlimmste kam noch. Immer mehr verengten sich die felsigen Ufer, immer reißender wurde die Strömung. Da übernahm ein herkulischer Indianer, dessen Halskette aus Amuletten ihn als den Zauberer seines Stammes kennzeichnete, allein das Kommando. Stillschweigend sahen wir zu, wie er die Stabilität des Floßes prüfte, etwas Flußwasser kostete und respektvoll auf den Wind lauschte, als höre er Freundesstimmen. Meiner Treu, er hatte eine stolze Haltung, dieser Kapitän der Urwaldströme, mit den mächtigen Muskeln und dem Stückchen Rohr in der überbreiten Oberlippe.

Die Ration Masato pro Kopf mußte verdoppelt werden, und durch den Dolmetscher ließ er uns mitteilen, daß wir seinen Weisungen aufs Wort nachkommen müßten. Vor allem durfte keine Silbe gesprochen werden, denn an der gefährlichsten Stelle, wo der Fluß gegen eine in seinem Bett quergestellte Granitmauer antobt, schläft eine Schlange, die es wie die Menschen nicht liebt, daß man sie brüsk aus dem Schlafe weckt. »Die Mutter des Stroms« nennen sie die Indianer. Ein Dämon? Eine schützende Gottheit? Eines hatte ich jedenfalls verstanden: man durfte die Mannschaft in keiner Weise stören.

Im Anfang ging alles gut. Unser Missionar hatte sich darauf beschränkt, voll stummer Verachtung auf den wilden Amtsbruder zu schauen, der uns mit verborgenen Mächten und Teufeln in Schlangengestalt drohte, und jetzt, das kleine Schlagruder mit beiden Händen gepackt, aufmerksam flußabwärts spähte. Kurz vor der verhängnisvollen Wand mußte er den einen günstigen Augenblick wahrnehmen, die Balsa um die gefährliche Mauer herumzubringen.

Steil wie Wälle stiegen die Ufer empor; Wolken von Gischt fegten über uns fort, und in schwindelerregender Fahrt schoß das ächzende Fahrzeug durch die schäumenden Wirbel. Blank poliert vom Wasser erhob sich die rote Mauer vor unseren Augen, kam rapid näher und wuchs ins Ungeheuerliche. Seltsamer Kontrast: aus einer Felsspalte neigte sich eine schlanke Palme, an deren Zweigen als schwere Früchte schlafende Affen hingen.

Beklommen wollte ich nach rückwärts zu unserem Steuermann blicken. Im selben Augenblick schwankte die Balsa wie toll, und ich sah etwas Ungewöhnliches, etwas Sinnloses — zu spät, um es verhindern zu können. Unser Missionar beugte sich, halb aufgerichtet, über das Wasser und schrie mit verzerrtem Gesicht: »Apage, Satanas!« Und weit ausholend, spritzte er den Rest seines Weihwassers in den quirlenden, tobenden Kessel.

Der Strudel hatte uns gefaßt. Ein fürchterlicher Ruck, und die Balsa kenterte. Schon halb in der eiskalten Flut, durchschnitt ich die Lianen und schwamm mit verzweifelter Kraft, um nicht an der Wand zu zerschellen. Minuten später trieb ich in ruhig fließendem Wasser. Riesige Bäume bedeckten die flachen, immer breiter werdenden Ufer. Noch eine Anstrengung, und zitternd betrat ich nahe am Ufer eine Sandbank, auf der eine zwei Meter lange Schildkröte ihre Schale in der Sonne trocknete. Unser Steuermann war schon da. Mit verstörten Augen seine Amulette aufs Wasser haltend, murmelte er Beschwörungsformeln, sicherlich, um die zornige Mutter zu beruhigen, deren Träume der weiße Zauberer mit seinem Tränklein gestört hatte. Muß ich noch sagen, daß der für immer im Strudel verschwunden war?

Was hatte sich nun eigentlich zugetragen? Hatte der Steuermann im letzten Augenblick die Nerven verloren und die Balsa durch seine Nachlässigkeit scheitern lassen? Oder traf uns der Schwanzhieb einer Riesenboa?

Diese letzte Erklärung schien mir die wahrscheinlichste, als ich am Abend mit dem Zauberer in der Hütte eines Wilden das kräftige Maniokabier trank und den furchtbaren Eid leistete. Ein kleiner Schnitt in den linken Arm, zwei Tropfen Blut von jedem in dieselbe Kürbisschale — und ich schwor, niemals Weihwasser auf die Flußgottheiten meines Landes zu schütten.

Berechtigte Übertragung aus dem Spanischen von Otto Albrecht van Bebber


Montag, 26. April 2021

Alexander Dumas - Francois Picaud

FRANCOIS PICAUD

Ein Stück Zeitgeschichte

von

Alexander Dumas

Übersetzung nach der englischen Ausgabe

(The Count of Monte-Christo Band 5).

 GEORGE ROUTLEDGE AND SONS

LONDON AND NEW YORK

1888

COPYRIGHT, 1887, by HUGH CRAIG


Als ePub: ngiyaw eBooks Francois Picaut

Die wenigen Seiten, die hiermit an »Der Graf von Monte Christo« angefügt sind, beziehen sich auf die Geschichte, auf die Dumas' bewundernswerter Liebesgeschichte gegründet wurde.

 Der Herausgeber der letzten französischen Gesamtausgabe des Werkes hat es treffend ausgedrückt: »Um der wunderbaren Komposition eine großartige Realität zu verleihen, die Tatsachen auf Wahrheit zu gründen und aufzuzeigen, dass ihre dramatischen Szenen Zeugen hatten, verdoppelt das Interesse in das Werk.«

 Im Jahr 1807 lebte in Paris ein Schuhmacher namens Francois Picaud. Dieser arme Teufel, der seine Arbeit zu Hause verrichtete, war ein junger, gutaussehender Bursche, der kurz vor der Heirat mit einem hübschen, kecken, lebhaften Mädchen stand. Er liebte Sie, wie gewöhnliche Leute ihre Bräute lieben, die sie sich aussuchen, was bedeutet, allein unter allen Frauen; denn gewöhnliche Leute kennen nur eine Art, eine Frau zu lieben, nämlich sie zu heiraten. Mit diesem schönen Plan im Kopf und in seiner besten Sonntagskleidung ging Francois Picaud zum Wirt eines Kaffeehauses. Dieser wohlhabende Mann, der ihm in Alter und Stellung zwar gleich kam, war jedoch reicher als der Schuster und bekannt für seine extravagante Eifersucht auf alles und jeden.

Mathieu Loupian, ein gebürtig aus Nîmes wie Picaud, hatte einen gut besuchten Kaffee- und Weinladen in der Nähe des Place Sainte-Opportune. Er war Witwer mit zwei Kindern; seine drei Stammkunden, alle aus dem Departement Gard, und alle mit Picaud bekannt, waren bei ihm.

»Was gibt's«, sagte der Herr des Hauses. »Warum, Picaud, bist du so elegant, dass man denken würde, du würdest Las Treillas tanzen!« Dies ist der Name eines beliebten Tanzes im unteren Languedoc.

»Ich etwas besseres machen, mein Freund, — ich werde heiraten.«

»Wen habt ihr ausgewählt Euch mit Hörnern zu zieren?«, fragte einer aus der Gesellschaft namens Allut.

»Nicht das zweite Mädchen Ihrer Schwiegermutter, denn in dieser Familie werden sie so ungeschickt gepflanzt, dass sie einem durch den Hut gehen.«

Tatsächlich hatte Alluts Hut ein Loch und das Lachen war auf der Seite des Schuster.

»Scherz beiseite«, sagte der Wirt, »wen wollt ihr denn heiraten!«

»Das Vigouroux-Mädchen.«

»Therese die Reiche?«

»Genau!«

»Wie das! sie hat hunderttausend Franc!«, schrie der Vermieter erstaunt.

»Ich werde es ihr in Liebe und Glück vergelten! Nun, meine Herren, lade ich Euch zur Messe ein, die in Saint-Leu abgehalten wird, und zum Tanz nach dem Hochzeitsbankett, der im Zeichen des ›Bal Champétre‹ in den ›Bosquets de Vénus‹, Rue aux Ours, in den Räumen von M. Lasignac, Tanzmeister, fünfter Stock hinten, stattfinden wird.«

Die vier Freunde konnten kaum mit ein paar nichtssagenden Worten antworten. Worte antworten, so verblüfft waren sie über das Glück ihres Gefährten.

»Wann ist die Hochzeit?«, fragte Loupian.

»Nächsten Dienstag.«

»Dienstag!«

»Ich rechne auf Euch. Auf Wiedersehen. Ich gehe jetzt in das Büro des Bürgermeisters.«

Er ging, und die Übrigen starrten sich an.

»Er hat Glück, der kleine Schurke!«

»Es ist Hexerei!«

»So ein gutes, so ein reiches Mädchen!«

»Für einen Schuster!«

»Die Hochzeit ist am Dienstag.«

»Ja, in drei Tagen.«

»Ich schließe eine Wette ab«, sagte Loupian, »Ich werde sie verschieben!«

»Wie willst Du das machen?«

»Oh, ein Spaß!«

»Wie?«

»Ein ausgezeichneter Spaß. Der Kommissar kommt; ich werde ihm sagen, daß ich Picaud verdächtige, ein englischer Spion zu sein; dann wird er vorgeladen und verhört werden; er wird erschrocken sein und mindestens acht Tage lang wird die Heirat warten müssen.«

»Loupian«, sagte Allut, »das ist ein gemeiner Trick. Du kennst Picaud nicht: wenn er das herausfindet, ist er einer der schwere Rache nimmt.«

»Ach was!« riefen die anderen, »wir wollen uns in der Karnevalszeit amüsieren.«

»So viel Du willst! Aber ich muss Dir sagen, dass ich nicht dabei bin. Jeder nach seinem Geschmack.«

»Ah«, rief der Kaffeehausbesitzer bitter, »kein Wunder, dass du Hörner trägst!«

»Ich bin ein ehrlicher Mann, du bist neidisch. Ich werde in Frieden leben und Du wirst elend sterben. Gute Nacht!«

Als er gegangen war, ermutigte sich das Trio gegenseitig, eine so amüsante Idee nicht aufzugeben und Loupian, der Initiator davon, versprach seinen beiden Freunden, dass er sie zum Lachen bringen würde, bis ihre Hosen aufknöpfen müssten. Noch am selben Tag, zwei Stunden später, tat der Polizeikommissar, mit dem Loupian geplaudert hatte, seine Pflicht als wachsamer Beamter. Er formte aus dem Geschwätz des Hausherrn einen Bericht in seinem besten offiziellen Stil und leitete ihn an die höheren Mächte weiter. Der verhängnisvolle Brief wurde zum Herzog von Rovigo gebracht; es stimmte mit den erhaltenen Informationen über die Bewegungen in La Vendée überein. Zweifellos war Picaud das Bindeglied zwischen dem Süden und dem Westen. Er musste eine wichtige Person sein; sein erklärter Beruf verbarg einen Gentleman aus dem Languedoc. Kurz gesagt, in der Nacht von Sonntag auf Montag wurde der unglückliche Picaud auf so mysteriöse Weise aus seinem Zimmer geholt, dass niemand ihn gehen sah. Nach diesem Tag verlor sich jede Spur von ihm vollständig; seine Verwandten und seine Freunde konnten nicht die geringste Auskunft darüber erhalten, was ihm widerfahren war, und er war vergessen.

Die Zeit verging. Das Jahr 1814 brach an; das Kaiserreich fiel, und um den 15. April herum kam ein Mann aus der Zitadelle von Fenestrelles, gebeugt vom Leid und gealtert mehr durch Verzweiflung als durch Jahre. In diesen sieben Jahren hatte er ein halbes Jahrhundert durchlebt. Niemand konnte ihn erkennen; er konnte sich selbst nicht erkennen, als er zum ersten Mal in der erbärmlichen Schenke von Fenestrelles in einen Spiegel blickte.

Dieser Mann, dessen Gefängnisname Joseph Lucher gewesen war, hatte in den Diensten eines reichen Mailänder Geistlichen gestanden, der ihn mehr als Sohn denn als Hausangestellten betrachtete. Der Priester, über seine Verwandten entrüstet, die ihn im Stich gelassen hatten, um in den Genuss seines großen Vermögens zu kommen, verheimlichte ihnen die Gelder, die er in der Bank von Hamburg und in der Bank von England deponiert hatte. Außerdem hatte er den größten Teil seiner Güter an einen hohen Würdenträger des Königreichs Italien verkauft und die Zinszahlungen waren jährlich auf eine Bank in Amsterdam einzuzahlen, die den Auftrag hatte, den Betrag an den Verkäufer zu überweisen.

Dieser italienische Adlige, der am 4. Januar 1814 verstarb, hinterließ dem armen Gefangenen Joseph Lucher als alleiniger Erbe rund sieben Millionen an unbelasteten Gütern und hatte ihm auch das Geheimnis eines verborgenen Schatzes anvertraut im Wert von etwa zwölfhunderttausend Franc an Diamanten und drei Millionen in Münzen: Mailänder Dukaten, venezianischen Gulden, spanischen Doppelmünzen, französischen Louis-d'or und englischen Sovereigns.

Als Joseph Lucher schließlich entlassen wurde, begab er sich in aller Eile nach Turin und von dort nach Mailand. Er handelte umsichtig und war nach wenigen Tagen im Besitz des Schatzes, den er gesucht hatte, sowie einer Vielzahl von antiken Edelsteinen und Kameen von großem Wert. Von Mailand aus reiste Joseph Lucher nach Hamburg, Amsterdam und London und sammelte Reichtümer, die ein königliches Schatzhaus füllen würden. Lucher, der von seinem Meister das Geheimnis des erfolgreichen Spekulierens gelernt hatte, legte seine Gelder so vorteilhaft an, dass er, nachdem er die Diamanten und eine Million Francs in seinem Brieftasche zurückbehalten hatte, ein Einkommen von sechshunderttausend Francs pro Jahr hatte, zahlbar von den Banken in England, Deutschland, Frankreich und Italien.

Nachdem er diese Vorkehrungen getroffen hatte, machte er sich auf den Weg nach Paris, wo er am 15. Februar 1815 ankam, acht Jahre, auf den Tag, nach dem Verschwinden des unglücklichen Francois Picaud. Er war da vierunddreißig Jahre alt. Joseph Lucher erkrankte am Tag nach seiner Ankunft in Paris und da er keinen Kammerdiener oder Begleiter hatte, ließ er sich in ein Krankenhaus bringen. Er blieb die ganze Zeit krank, während der Kaiser auf Elba war und während der Hundert Tage. Doch als die zweite Restauration den Thron Ludwigs XVIII. fest begründet zu haben schien, verließ er das Hospital und begab sich in das Viertel Sainte-Opportune. Dort erfuhr er folgende Tatsachen:

Im Februar 1807 war viel über das Verschwinden eines jungen Schuhmachers gesprochen worden, eines anständigen Kerls, der eine wundervolle Ehe schließen würde. Ein Streich, den ihm drei seiner Freunde spielten, zerstörte sein Glück, und der arme Teufel lief davon oder wurde verschleppt. Keiner wusste, was aus ihm geworden war. Seine vorgesehene Braut trauerte zwei Jahre lang um ihn, dann, ihrer Tränen überdrüssig, heiratete sie den Kaffeehausbesitzer Loupian, der durch diese Heirat seine Mittel vergrößerte und nun auf dem Boulevard das prächtigste und bestbesuchte Kaffeehaus von Paris besaß.

Joseph Lucher schien der Geschichte gleichgültig anzuhören. Aber er fragte nach den Namen derjenigen, deren Scherz, wie man dachte, das Unglück von Picaud verursacht hatte. Diese Namen waren vergessen worden. Einer von denen, den der Neuankömmling befragte, antwortete jedoch: »Es gibt einen gewissen Antoine Allut, der mir gegenüber gesagt hat, dass er diese Personen kennt.«

»Ich kannte einen Allut in Italien; er kam aus Nîmes.«

»Dieser Mann kommt auch aus Nîmes. Der Allut, den ich kannte, hat mir hundert Kronen geliehen und mir gesagt, ich solle sie seinem Cousin Antoine geben, soweit ich mich erinnere.«

»Sie können die Summe in Nîmes übergeben, denn er ist dorthin zurückgekehrt.«

Am nächsten Tag fuhr eine Postkutsche mit einem Kurier, der das Dreifache des üblichen Tarifs bezahlte, die Straße von Lyon entlang. Von Lyon aus folgte die Kutsche der Rhone über die Marseiller Straße, die sie an der Brücke von Saint-Esprit verließ. Dort stieg zum ersten Mal seit Beginn der Reise ein italienischer Abbé aus.

Er nahm eine Droschke und stieg in Nîmes beim bekannten Hotel du Luxembourg ab; ohne etwas zu verbergen, fragte er die Leute des Gasthauses, was aus Antoine Allut geworden sei. Der Name, der in dieser Gegend sehr verbreitet ist, wird von vielen Familien getragen, die sich in Rang, Vermögen und Religion unterscheiden. Es dauerte lange, bis der Abbé Baldini den Gesuchten gefunden hatte, und es dauerte noch einige Zeit, bis er seine Bekanntschaft gemacht hatte. Als sie sich vertrauter geworden waren, erzählte der Abbé Antoine, dass er, während er wegen eines Staatsvergehens im Castello dell' Ovo in Neapel gefangen war, die Bekanntschaft eines Kameraden gemacht hatte, der 1811 angekommen war und dessen Tod er zutiefst bedauerte.

»Damals«, sagte er, »war er ein junger Mann von dreißig Jahren; er starb weinend um sein verlorenes Land und verzieh allen, die ihm Unrecht getan hatten. Er stammte aus Nîmes und hieß Francois Picaud.«

Allut konnte einen Schrei nicht unterdrücken, und der Abbé betrachtete ihn mit Erstaunen.

»Sie kannten also diesen Picaud?«, fragte er. »Er war einer meiner besten Freunde. Armer Kerl! Er starb weit weg. Kannten Sie den Grund seiner Verhaftung.«

»Er wusste es selbst nicht, und er hat es so feierlich geschworen, dass ich an seiner Unwissenheit nicht zweifeln konnte.«

Allut seufzte. Das Abbé fuhr fort:

»Solange er lebte, beschäftigte ihn ein einziger Gedanke. Er hätte, so sagte er, jedem seinen Anteil am Paradies geschenkt, der ihm den oder die Urheber seiner Verhaftung nennen würde. Dieser feste Gedanke veranlasste Picaud zu der eigenartigen Klausel in seinem Testament. Aber zuerst muss ich Ihnen sagen, dass Picaud, während er im Gefängnis saß, einem englischen Gefangenen bemerkenswerte Dienste erwiesen hat, der Picaud auf seinem Sterbebett einen Diamanten im Wert von mindestens fünfzigtausend Franc hinterließ.«

»Glückspilz!« rief Allut, »fünfzigtausend Franc sind ein Vermögen!«

»Als Francois Picaud im Sterben lag, rief er mich zu sich und sagte: ›Ich werde in Frieden sterben, wenn Sie versprechen, meine Wünsche zu erfüllen; versprechen Sie es!‹ ›Ich schwöre, ich werde es tun, denn ich bin sicher, dass Sie nichts verlangen, was gegen Religion oder Ehre verstößt.‹ ›Oh, nichts. Hören Sie mir zu, und urteilen Sie selbst. Ich kann die Namen derer, die mich in diese Hölle gestürzt haben, nicht erfahren, aber ich habe eine Offenbarung gehabt. Die Stimme Gottes hat mich gewarnt, dass einer meiner Stadtbewohner von Nîmes sie kennt. Geh zu ihm, wenn du frei bist, und gib ihm von mir den Diamanten, den ich von Sir Herbert Newton erhalten habe; aber ich stelle die Bedingung, dass er dir bei Erhalt des Diamanten die Namen derer anvertraut, die ich für meine Mörder halte. Wenn du sie erfahren hast, wirst du nach Neapel zurückkehren und sie, auf eine Bleiplatte geschrieben, in mein Grab legen.‹«

Antoine Allut gestand sofort, dass er die gesuchten Namen kenne, und wiederholte sie, allerdings nicht ohne ein heimliches Gefühl des Schreckens. Seine Frau ermutigte ihn, und der Abbé schrieb die Namen auf — Gervais Chaubard, Guilhem Solari und zuletzt Gilles Loupian.

Der Ring wurde ausgehändigt. Er wurde für dreiundsechzigtausendsiebenhundertneunundvierzig Francs, elf Centimes, an einen Juwelier verkauft, der ihn an Ort und Stelle bezahlte. Vier Monate später wurde er zur ewigen Verzweiflung der Alluts für einhundertzweitausend Franc an einen türkischen Händler weiterverkauft. Dies führte zur Ermordung des Juweliers und zum totalen Ruin der Familie Allut, die fliehen musste und in Griechenland in Armut zurückblieb.

Eine Dame stellte sich im Café Loupian vor und fragte nach dem Inhaber. Sie erzählte ihm, dass ihre Familie für die Verdienste um einen armen Mann, der durch die Ereignisse von 1814 ruiniert worden war, diesem verpflichtet war, aber so selbstlos sei, dass er keine Belohnung annehmen würde. Er war jedoch bestrebt, als Kellner in eine Einrichtung einzutreten, in der er gut behandelt werden würde. Er war nicht jung, er sah etwa wie fünfzig aus; aber um M. Loupian zu beeinflussen, ihn anzustellen, würde sie ihm hundert Franc pro Monat zahlen, ohne dass der Bewerber davon wüsste.

Loupian war mit den Bedingungen einverstanden. Ein Mann kam, schlecht gekleidet und schlecht aussehend. Madame Loupian musterte ihn aufmerksam und glaubte, eine Ähnlichkeit mit einem alten Bekannten zu erkennen, konnte sich aber an nichts speziell erinnern und vergaß die Sache. Zwei Männer aus Nîmes kamen regelmäßig in das Café; doch eines Tages blieb einer von ihnen fern. Über seine Abwesenheit wurden ein paar Scherze gemacht. Auch der nächste Tag verging, ohne dass er auftauchte. Guilhem Solari nahm sich vor, den Grund dafür herauszufinden; er kehrte gegen neun Uhr ins Café zurück und erzählte unter großer Bestürzung, dass tags zuvor, gegen fünf Uhr morgens, die Leiche des unglücklichen Chaubard auf der Pont des Arts gefunden worden war, er war mit einem Dolch erstochen worden. Die Waffe war in der Wunde zurückgelassen worden, und am Griff waren die Druckbuchstaben eingeritzt: Nummer Eins.

Alle möglichen Mutmaßungen wurden angestellt. Die Polizei bewegte Himmel und Erde, aber der Verbrecher entkam all ihren Ermittlungen. Einige Zeit später wurde ein Jagdhund des Hausherrn vergiftet, und ein Junge erklärte, dass er gesehen habe, wie ein Gast dem armen Tier ein paar Kekse gegeben hatte. Der Junge gab eine Beschreibung des Gastes.

Er wurde als ein Feind von Loupian hingestellt, der aus Bosheit in das Café kam, wo Loupian sozusagen auf seinen Befehl hin war. Es wurde ein Verfahren gegen den böswilligen Gast angestrengt, aber er bewies seine Unschuld, indem er ein Alibi nachwies. Er war ein Kurier der Postkutsche und kam am Tag des Verbrechens in Straßburg an. Zwei Wochen später ereilte den Lieblingspapagei von Madame Loupian das gleiche Schicksal wie den Hund: Er wurde mit Bittermandeln und Petersilie vergiftet. Neue Untersuchungen wurden angestellt, aber ohne Ergebnis.

Loupian hatte eine Tochter von sechzehn Jahren aus erster Ehe; sie war schön wie ein Engel. Ein Geck sah sie, wurde verrückt nach ihr und gab ungeheure Summen aus, um die Leute im Cafés und das Dienstmädchen des Mädchens für sich zu gewinnen; so hatte er zahlreiche Gespräche mit ihr und verführte sie unter dem Vorwand, er sei ein Marquis und ein Millionär. Das Mädchen dachte nicht an ihre Torheit, bis sie ihren Verbleib verraten musste. Dann gestand sie ihren Eltern ihre Schwäche. Sie sprachen mit dem Herrn. Er prahlte mit seinem Reichtum, willigte ein, sie zu heiraten, und zeigte seine Besitzurkunden und seinen Stammbaum. Freude kehrte in den Loupian-Haushalt zurück. Kurzum, die Hochzeit fand statt, und der Bräutigam, der alles im guten Stil haben wollte, bestellte für den Abend ein Dinner mit hundertfünfzig Gedecken im Cadran Bleu.

Zur festgesetzten Zeit versammelten sich die Gäste, aber der Marquis erschien nicht. Es traf jedoch ein Brief ein, der ankündigte, dass der Marquis auf Befehl des Königs in die Tuilerien gegangen sei; er bat, für den Tag entschuldigt zu werden, und bat sie, ohne ihn zu speisen; er würde um zehn Uhr zurück sein. Das Abendessen fand ohne den Schwiegersohn statt. Die Braut war schlecht gelaunt, trotz der Glückwünsche für die hohe Stellung ihres Mannes. Es wurden zwei Gänge serviert. Beim Dessert legte ein Kellner jedem Gast einen Brief auf den Teller, in dem er mitteilte, dass der Bräutigam ein entflohener Sträfling war und davongelaufen war.

Die Bestürzung von M. und Mme. Loupian war schrecklich, aber sie sahen die Ursache ihres Unglücks nicht deutlich. Vier Tage später, an einem Sonntag, während die ganze Familie auf einem Ausflug aufs Land war, brach in den Räumen unter dem Café an neun verschiedenen Stellen Feuer aus; eine Menschenmenge versammelte sich und unter dem Vorwand helfen zu wollen, stahl, raubte, zerschlug und zerstörte; die Flammen bemächtigten sich des Hauses; es brannte nieder. Der Besitzer verklagte Loupian; er war völlig ruiniert, und das unglückliche Ehepaar hatte nichts mehr außer einer kleinen Summe, die der Frau gehörte. Ihr gesamtes Bargeld, alle Habseligkeiten und Möbel waren in dem verheerenden Feuer gestohlen oder zerstört worden.

In der Folge wurde die Familie Loupian von ihren Freunden verlassen; allein der alte Diener Prosper blieb treu; er wollte sie nicht verlassen; er folgte ihnen ohne Lohn, zufrieden, ihr Brot mit ihnen zu teilen. Er wurde gelobt und bewundert, und ein bescheidenes kleines Café wurde in der Rue Saint-Antoine eingerichtet. Solari kam dort als Gast; doch eines Abends, als er nach Hause kam, wurde er von heftigen Schmerzen befallen. Ein Arzt wurde geholt, der erklärte, Solari sei vergiftet worden; und trotz aller Bemühungen starb der Unglückliche in schrecklichen Krämpfen. Zwölf Stunden später wurde der Sarg nach dem Brauch vor der Tür des Hauses, in dem Solari lebte, aufgebahrt, und auf dem schwarzen Tuch, das den Sarg bedeckte, fand man einen Zettel, auf dem mit Druckbuchstaben die beiden unheilvollen Worte geschrieben standen: Nummer Zwei.

Neben der Tochter, deren Schicksal so unglücklich war, hatte Loupian einen Sohn. Dieser Junge, der sich mit schlechten Gefährten beiderlei Geschlechts einließ, endete nach ein paar Kämpfen damit, dass er sich in rücksichtslose Ausschweifungen stürzte. Eines Nachts schlugen seine Kameraden eine »Gaunerei« vor, nämlich in einen Schnapsladen einzubrechen, ein Dutzend Flaschen zu klauen, sie zu leeren und am nächsten Tag zu bezahlen. Eugene Loupian, schon halb betrunken, nahm den Vorschlag vergnügt an; aber kaum als die Tür aufgebrochen und die Flaschen ausgewählt waren, zwei für jedes Mitglied der Bande, war schon die Polizei, gewarnt durch einen Verräter, vor Ort; die sechs Täter wurden verhaftet, vor Gericht gestellt, wegen Einbruchs verurteilt, und der junge Loupian musste für zwanzig Jahre ins Gefängnis.

Dieser Schicksalsschlag vollendente den Untergang und das Unglück der Familie. Die schöne und reiche Therese starb vor Kummer und da sie keine Kinder hinterließ, mussten die Reste ihrer Mitgift an ihre Familie zurückgegeben werden. Der todunglückliche Loupian und seine Tochter standen also ohne Mittel da; aber der treue Kellner, der ein paar Ersparnisse hatte, bot sich an, der jungen Frau etwas Geld vorzustrecken, knüpfte aber eine Bedingung an diese Dienste und machte Mademoiselle Loupian unangemessene Anträge. Das Mädchen, in der Hoffnung, ihren Vater zu retten und wegen der Schwere ihrer Not, akzeptierte die schändliche Bedingung und sank vom Konkubinat auf die niedrigste Stufe der Erniedrigung.

Von Loupian konnte man kaum sagen, dass er lebte; sein Unglück hatte seinen Verstand erschüttert. Eines Abends, als er in einer dunklen Gasse im Garten der Tuilerien spazieren ging, stand ein Mann mit einer Maske vor ihm.

»Loupian«, rief er, »erinnerst du dich an das Jahr 1807?«

»Warum?«

»Weißt du, welches Verbrechen Du damals begangen hast!«

»Ein Verbrechen!«

»Ein schändliches Verbrechen! Aus Eifersucht haben sie deinen Freund Picaud in den Kerker geworfen, — erinnerst du dich?«

»Gott hat mich schwer bestraft!«

»Nein, nicht Gott, sondern Picaud selbst.« Um seine Rache zu besänftigen, erstach er Chaubard auf der Pont des Arts; er vergiftete Solari; er gab deiner Tochter einen Sträfling zum Manne und webte das Netz, in das dein Sohn fiel; seine Hand tötete deinen Hund und den Papagei deiner Frau; seine Hand steckte dein Haus in Brand und trieb die Räuber an; er hat deine Frau vor Kummer sterben lassen; deine Tochter ist seine Konkubine. Ja, in deinem Kellner, Prosper, erkenne Picaud; erkenne ihn in dem Augenblick, wo er seine Nummer Drei vollenden wird!«

Wutentbrannt stieß er seinen Dolch in das Herz seines Opfers, mit einem so gezielten Stoß, dass Loupian tot umfiel, ohne einen Schrei von sich zu geben. Nachdem er diesen letzten Racheakt vollbracht hatte, wandte sich Picaud zum Verlassen des Gartens, als ihn eine eiserne Hand am Hals packte und neben der Leiche zu Boden schleuderte, und ein Mann, der seine Überraschung ausnutzte, fesselte ihm Hände und Füße, steckte ihm einen Knebel in den Mund, wickelte ihn in seinen eigenen Mantel und trug ihn davon.

Nichts konnte der Wut und dem Erstaunen von Picaud gleichkommen, als er sich so gefesselt und weggeschleppt fand. Es war sicher, dass er nicht in die Hände der Polizei gefallen war, denn selbst ein einzelner Gendarm hätte keine so außergewöhnlichen Vorkehrungen getroffen, denn ein Schrei hätte ihm die in der Nähe stationierten Wächter zu Hilfe gebracht. War es ein Räuber, der der ihn fortschleppte? Was für ein seltsamer Räuber! Das konnte kein Scherz sein. Auf jeden Fall war Picaud in eine Falle getappt; das war der einzige Schluss, den der Mörder Picauds ziehen konnte.

Als der Mann, auf dessen Schultern er getragen wurde, schließlich anhielt, schätzte Picaud, dass etwa eine halbe Stunde verstrichen war. Picaud, immer noch in den Mantel gehüllt, hatte nichts von der zurückgelegten Straße gesehen. Als er befreit wurde, fand er sich auf einer Pritsche mit einer Strohmatratze liegend wieder; die Atmosphäre des Ortes war stickig und dumpf; er glaubte, einen unterirdischen Gang zu erkennen, der allem Anschein nach zu einem verlassenen Steinbruch gehörte.

Die fast völlige Dunkelheit des Ortes, die natürliche Erregung Picauds, die Veränderung, die zehn Jahre Entbehrung und Verzweiflung hat das Aussehen des Fremden bewirkt, erlaubten es dem Mörder Loupians nicht, die Person zu erkennen, die so phantomhaft erschienen war. Er musterte sie in dumpfem Schweigen und wartete auf ein Wort, das ihm das zu erwartende Schicksal erklären sollte. So vergingen zehn Minuten, bevor ein einziges Wort gesprochen wurde.

»Nun, Picaud!« sagte er, »welchen Namen führst Du jetzt, — den, den Dir Dein Vater gab, oder den, den Du annahmst, als Du Fenestrelles verlassen hast? Bist Du der Abbé Baldini oder der Kellner Prosper? Kann Dein Einfallsreichtum Dich nicht mit einem fünften versorgen? Du hältst Rache für einen guten Scherz, nehme ich an; es ist rasender Wahnsinn, den Du selbst mit Entsetzen betrachten würden, wenn Du nicht Deine Seele an den Teufel verkauft hättest. Du hast die letzten zehn Jahre deines Lebens der Verfolgung dreier Unglücklicher geopfert, die du hättest verschonen sollen. Du hast furchtbare Verbrechen begangen. Du bist für immer verloren, und Du hast auch mich in den Abgrund gezogen!«

»Du! Du! Wer bist Du?«

»Ich bin dein Komplize, ein Schurke, der für Geld das Leben meiner Freunde verkauft hat! Dein Geld war tödlich; die Habgier, die du in meiner Seele entfacht hast, ist nie erloschen. Die Gier nach Reichtum hat mich verrückt und böse gemacht. Ich erschlug den Mann, der mich betrog. Ich musste mit meiner Frau fliehen; sie starb in der Verbannung, und ich, verhaftet, verurteilt und auf die Galeeren geschickt, habe den Pranger und das Brandeisen ertragen, habe die Kugel und die Kette geschleppt. Als ich endlich entkam, beschloss ich, diesen Abbé Baldini zu bestrafen, der so gut wusste, wie man andere bestraft. Ich eilte nach Neapel; dort kannte ihn niemand. Ich suchte das Grab von Picaud; ich hörte, dass Picaud noch lebte. Wie ich diese Tatsache erfuhr? Weder Du noch der Papst werden mir das Geheimnis entreißen. Ich nahm die Verfolgung des scheinbar Toten wieder auf; aber als ich ihn fand, hatten bereits zwei Morde seine Rache gezeichnet; die Kinder von Loupian waren ruiniert, sein Haus verbrannt und sein Vermögen zerstört. Heute Abend wollte ich mich an den Unglücklichen wenden und ihm alles erzählen; aber wieder einmal bist du mir zuvorgekommen; der Teufel gab dir den Anstoß, und Loupian fiel unter deine Schlägen, davor hat Gott, der mich leitete, mir erlaubt, dein letztes Opfer vor dem Tode zu retten. Was macht das schon? Ich habe dich jetzt! Ich für meinen Teil kann dir beweisen, dass die Männer unseres Landes dass die Männer unseres Landes Waffen haben, die so gut sind wie ihr Gedächtnis! Ich bin Antoine Allut!«

Picaud gab keine Antwort, aber seltsame Gefühle erschütterten seine Seele. Bis zu diesem Augenblick hatte er im schwindelerregenden Rausch der Rache sein unermessliches Vermögen und all die Freuden, die es in seine Reichweite brachte, vergessen. Jetzt, wo seine Rache vollendet war, wo er im Begriff war, sein zukünftiges Leben in Reichtum zu planen, war er in die Hände eines Mannes gefallen, der so unerbittlich war, wie er sich erinnerte, selbst gewesen zu sein. Diese Gedanken flirrten durch seinen Kopf und ein Wutanfall ließ ihn in den Knebel beißen, den Antoine Allut vorausschauend benutzt hatte.

»Kann ich nicht«, überlegte er, »reich wie ich bin, durch schöne Versprechungen, und wenn nötig, sogar durch ein echtes Opfer, diesen Feind loswerden! Ich habe fünfzigtausend Francs gegeben, um die Namen meiner Opfer zu erfahren; wird mich nicht ein gleicher Betrag oder sogar der doppelte, aus der Gefahr befreien, in der ich mich befinde?«

Aber dichter Rauch der Habsucht vernebelten die Klarheit seines Gedanken. Obwohl er sechzehn Millionen besaß, schreckte er davor zurück, die Summe, die verlangt werden könnte, herausgeben zu müssen. Die Liebe zum Gold erstickte die Schreie seines Körpers, das sich danach sehnte, seine Freiheit zu erkaufen, und doch nur schwach flehen konnte. »Oh!«, sagte er sich im Innersten seiner Seele, »je ärmer ich mich gebe, desto eher werde ich aus diesem Gefängnis herauskommen. Niemand weiß, wie viel ich besitze; ich werde vorgeben, kurz vor der Bettelarmut zu sein; er wird mich für ein paar Kronen gehen lassen, und dann, einmal aus seinen Händen, werde ich ihn bald in die meinen bekommen.«

So absurd waren die Einbildungen von Picaud, so sehr brachte er Hoffnungen und Fehler durcheinander, während Allut den Knebel entfernte.

»Wo bin ich?«, fragte er.

»Ganz gleich! du bist an einem Ort, wo du weder Hilfe noch Mitleid erwarten kannst; du bist in meiner Macht, in meiner allein, verstehst du, und bist der Sklave meines Willens und meiner Laune.«

Picaud lächelte verächtlich, und sein alter Freund hörte auf zu sprechen. Er ließ ihn immer noch auf der Pritsche liegen, auf die er ihn geschleudert hatte, auch lockerte seine Fesseln nicht. Allut verschärfte sogar noch die Fesselung, die den Gefangenen hielten, und legte ihm einen großen, dicken Eisengürtel um den Körper, der mit einer Kette an drei massiven Ringen befestigt war, die wiederum an der Wand vernietet waren. Nachdem dies geschehen war, setzte sich Allut zum Abendbrot; aber als Picaud sah, dass Allut ihm keine Portion anbot, sagte er:

»Ich habe Hunger!«

»Was zahlst Du, wenn ich Dir etwas Brot und Wasser gebe?«

»Ich habe kein Geld.«

»Du hast sechzehn Millionen und mehr«, erwiderte Allut; und er gab Picaud solche Einzelheiten über die Depots seiner Gelder in England, Deutschland, Italien und Frankreich, dass der Geizhals am ganzen Körper zu zittern begann.

»Du träumst doch!«

»Dann darfst Du auch träumen, dass du etwas isst.«

Allut ging weg und blieb die ganze Nacht fern; gegen sieben Uhr morgens kehrte er zurück und frühstückte. Der Anblick der Speisen verdoppelte Picauds Hungerqualen.

»Gib mir was zu essen!«, sagte er.

»Was zahlst du, wenn ich dir etwas Brot und Wasser gebe?«

»Nichts.«

»Nun, wir werden sehen, wer zuerst erschöpft ist!«

Und er ging wieder weg.

Er kehrte um drei Uhr nachmittags zurück; Picaud hatte achtundzwanzig Stunden lang nichts gegessen und flehte seinen Kerkermeister um Mitleid an, dem er zwanzig Pfund für ein Pfund Brot bot.

»Hör zu«, sagte Allut, »hier sind meine Bedingungen. Ich werde dir zweimal am Tag etwas zu essen geben, und du wirst für jede Mahlzeit fünfundzwanzigtausend Francs bezahlen.«

Picaud stöhnte und wälzte sich auf seinem Lager, während der andere regungslos blieb.

»Dies ist mein letztes Wort. Wähle; lasse Dir Zeit. Du hattest kein Erbarmen mit deinen Freunden; ich werde erbarmungslos gegen dich sein!«

Der sterbenselende Gefangene verbrachte den Rest des Tages und die folgende Nacht unter Hungerqualen und Verzweiflung; seine innere Pein erreichte ihren Höhepunkt; die Hölle war in seinem Herzen. Seine Leiden waren so groß, dass ihn ein Starrkrampf befiehl, als wären seine Nerven zerrissen; sein Verstand irrte umher, der Schimmer himmlischer Auffassungskraft war ausgelöscht in dieser Flut von Begierden, die bis an ihre äußerste Grenze getrieben wurde. Allut, unbarmherzig wie er war, erkannte schnell, dass der menschliche Körper zu sehr gequält werden konnte; sein alter Freund war nicht mehr fähig, wahrzunehmen; er war eine bloße Maschine, immer noch empfindlich für physischen Schmerz, aber unfähig, dagegen zu kämpfen oder ihn abzuwehren. Er mußte die Hoffnung aufgeben, etwas aus ihm herauszubekommen. Allut verzweifelte bei dem Gedanken, dass, wenn Picaud starb, keine Mittel mehr übrig waren, mit denen er an das unermessliche Vermögen seines Opfers herankommen konnte. In seiner Wut schlug er auf sich selbst ein, aber als er ein teuflisches Lächeln auf Picauds fahlem Gesicht entdeckte, stürzte er sich wie ein wildes Tier auf ihn, biss ihn, stach ihm die Augen aus, weidete ihn aus und verließ dann eilig Paris und setzte nach England über.

In diesem Land erkrankte er 1828 und beichtete bei einem französischen katholischen Priester. In seiner Reue für seine Verbrechen diktierte er dem Geistlichen alle Details dieser schrecklichen Geschichte und unterschrieb jede Seite. Allut starb in Frieden mit Gott und erhielt ein christliches Begräbnis. Nach seinem Tod schickte Abbé P— der Pariser Polizei das wertvolle Dokument, aus dem die oben aufgezeichneten seltsamen Tatsachen hervorgehen. Er schrieb auch den folgenden Brief:

HERR KOMMISSAR:

»Ich hatte das Glück, einen sehr großen Sünder zur Buße zu bringen. Er glaubte, und ich stimmte mit ihm überein, dass es ratsam wäre, Ihnen eine Reihe von schrecklichen Ereignissen mitzuteilen, in denen der unglückliche Mann gleichzeitig Akteur und Opfer gewesen war. Wenn Sie den Hinweisen in der diesem Blatt beigefügten Notiz folgen, werden Sie die unterirdische Kammer entdecken, in der sich die Überreste des elenden und unglückseligen Picaud, das Opfer seiner eigenen Leidenschaften und seines Hasses, noch immer befinden mögen. Gott gewährt Verzeihung. Die Menschen wollen in ihrem Stolz mehr tun als Gott; sie streben nach Rache, und die Rache zermalmt sie.

»Antoine Allut suchte vergeblich nach der Stelle, wo die Schätze seines Opfers deponiert waren. Er betrat sein Zimmer heimlich bei Nacht, aber kein Buch, keine Urkunde, kein Dokument und keine Geldsumme fiel ihm in die Hände. Ich füge die Adressen und Anweisungen bei, wie man die beiden Wohnungen findet, die Picaud unter seinen beiden Decknamen in Paris bewohnte.

»Selbst auf dem Sterbebett weigerte sich Allut, mir zu sagen, woher er wie er von den Sachverhalt in dem Dokument erfahren hatte oder wer ihn über die Verbrechen und den Reichtum Picauds informiert hatte; nur, kurz bevor er starb, sagte er: »Vater, der Glaube keines Menschen ist lebendiger als der meine, denn ich habe eine Seele gesehen und gehört, die den Körper verlassen hatte.

»Nichts deutete damals auf ein Delirium von Allut hin. Er hatte gerade sein feierliches Glaubensbekenntnis abgelegt. Die Menschen dieser Zeit sind anmaßend; in ihrer Unwissenheit, in ihrer Weigerung zu glauben, scheint für sie Weisheit zu liegen. Die Wege Gottes sind unendlich. Lasst uns beten und uns unterwerfen.

»Ich habe die Ehre, etc., etc.«

(Archiv der Polizeibehörde.)

Samstag, 27. März 2021

Stefan Zweig - Die Legende von der dritten Taube

Stefan Zweig - Die Legende von der dritten Taube

(nach der Ausgabe: Der Wunderkelch, Ein Sammelbuch neuer deutscher Legenden, herausgegeben von Theodor Etzel und Larl Lerbs, Walter Seifert Verlag, Stuttgart und Heilbronn, 1920)

Umschlag einer niederländischen Ausgabe von 1952
Umschlag einer niederländischen Ausgabe von 1952


In dem Buche vom Anfang der Zeit ist die Geschichte der ersten Taube erzählt und die der zweiten, die Urvater Noah aus der Arche um Botschaft sandte, als die Schleusen des Himmels sich schlossen und die Gewässer der Tiefe versiegten, doch die Reise und das Schicksal der dritten Taube, wer hat sie gekündet? Auf dem Gipfel des Berges Ararat war das rettende Schiff gestrandet, das in seinem Schoß das Ueberleben der Sintflut barg, Menfchheit und Getier, und als des Urvaters Blick vom Maste nur Woge und Welle sah, unendliches Gewässer, da sandte er eine Taube, die erste, aus, daß sie ihm Botschaft brächte, ob irgendwo schon Land zu schauen sei unter dem entwölkten Himmel.

Die erste Taube, so ist dort erzählt, hob sich auf und spannte die Schwingen. Sie flog gen Osten und gen Westen, aber Wasser war noch überall. Nirgends fand sie Rast für ihren Fuß und allmählich begannen ihr die Flügel zu lahmen. Da kehrte sie zurück zum einzig Festen der Welt, zur Arche, und flatterte um das ruhende Schiff auf dem Berggipfel, bis Noah die Hand ausstreckte und sie heim zu sich in die Arche nahm.

Sieben Tage wartete er nun, sieben Tage, in denen kein Regen fiel und die Gewässer sanken, dann nahm er neuerlich eine Taube, die zweite, und sandte sie um Kunde. Die Taube flog aus des Morgens, und als sie wiederkam zur Vesperzeit, da trug sie als erstes Zeichen der befreiten Erde ein Oelblatt im Schnabel. So vernahm Noah, daß die Wipfel der Bäume schon über Wasser ragten und die Prüfung bestanden sei.

Nach abermals sieben Tagen sandte er wiederum eine Taube, die dritte, auf Kunde und sie flog in die Welt. Morgens flog sie aus und lehrte doch des Abends nicht wieder. Tag um Tag harrte Noah, doch sie kam nicht zurück. Da wußte der Urvater, daß die Erde frei sei und die Wasser gesunken. Von der Taube aber, der dritten, hat er niemals wieder vernommen und auch die Menschheit nicht, nie ward ihre Legende gekündet bis in unsere Tage.

Dies aber war der dritten Taube Reise und Geschick. Des Morgens war sie von der dumpfen Kammer des Schiffes aufgeflogen, darin im Dunkel die gepreßten Tiere murrten vor Ungeduld, und ein Gedränge war von Hufen und Klauen, ein wüstes Getön von Brüllen und Pfeifen und Zischen und Bellen, sie war aufgeflogen aus der Enge in die unendliche Weite, aus dem Dunkel in das Licht. Da sie aber die Schwinge nun hob in die lichtklare, vom Regen süß gewürzte Luft, wogte mit einem Male Freiheit um sie und die Gnade des Unbegrenzten. Von der Tiefe schimmerten die Wasser, wie feuchtes Moos leuchteten grün die Wälder, von den Wiesen stieg weiß der Brodem der Frühe und das duftende Gären der Pflanzen durchsüßte die Wiesen. Glanz fiel von den metallenen Himmeln spiegelnd herab, an den Zinnen der Berge brach die steigende Sonne sich in unendlichen Morgenröten, wie rotes Blut schimmerte davon das Meer, wie heißes Blut dampfte davon die blühende Erde. Göttlich war es, dies Erwachen zu schauen, und seligen Blicks wiegte die Taube sich mit flachen Schwingen über der purpurnen Welt, über Länder und Meere flog sie dahin und ward im Träumen allmählich selber ein schwingender Traum. Wie Gott selbst sah sie als erste nun die befreite Erde und ihres Schauens ward kein Ende. Längst hatte sie Noah, den Weißbart der Arche, vergessen und seinen Auftrag, längst vergessen der Wiederkehr. Denn dies, die Welt, war ihr nun Heimat geworden und der Himmel ihr eigenstes Haus.

So flog die dritte Taube, der ungetreue Bote des Urvaters, über die leere Welt, weiter, immer weiter, vom Sturm ihres Glückes getragen, vom Wind ihrer seligen Unrast, weiter flog sie, immer weiter, bis die Schwingen ihr schwer wurden und bleiern das Gefieder. Die Erde zog sie nieder zu sich mit wuchtigem Zwang, immer tiefer senkten sich die matten Flügel, daß sie der feuchten Bäume Wipfel schon streiften, und am Abend des zweiten Tages ließ sie sich endlich sinken in die Tiefe eines Waldes, der noch namenlos war wie alles in jenem Anfang der Zeit. Im Dickicht des Gezweigs barg sie sich und ruhte von der luftigen Fahrt. Reisig deckte sie zu, Wind schläferte sie ein, kühl war es im Gezweige des Tags und warm in der waldigen Wohnung des Nachts. Bald vergaß sie die windigen Himmel und die Lockung der Ferne, die grüne Wölbung schloß sie ein und die Zeit wuchs ungezählt über sie.

Es war ein Wald unserer nahen Welt, den die verirrte Taube sich zur Hausung erkoren, aber noch weilten keine Menschen darin, und in dieser Einsamkeit ward sie allmählich selber zum Traum. Im Dunkel, im nachtgrünen, nistete sie, und die Jahre gingen an ihr vorüber und es vergaß sie der Tod, denn alle jene Tiere, jeder Gattung das eine, das noch die erste Welt vor der Sintflut gesehen, sie können nicht sterben und kein Jäger vermag wider sie. Unsichtbar nisten sie in den unerforschten Falten des Erdkleids und so diese Taube auch in der Tiefe des Waldes. Manchmal freilich kam Ahnen über sie von der Menschen Gegenwart, ein Schuß knallte und sprang hundertfach wider von den grünen Wänden, Holzfäller schlugen gegen die Stämme, daß rings das Dunkel dröhnte, das leise Lachen der Verliebten, die verschlungen ins Abseits gingen, gurrte heimlich im Gezweige, und das Singen der Kinder, die Beeren suchten, tönte dünn und fern. Die versunkene Taube, versponnen in Laub und Traum, hörte manchmal diese Stimmen der Welt, aber sie lauschte ihnen ohne Aengsten und blieb in ihrem Dunkel.

Einmal aber in diesen Tagen hub der ganze Wald an zu dröhnen, und es donnerte, als bräche die Erde entzwei. Durch die Luft sausten pfeifend schwarze metallene Massen, und wo sie fielen, sprang die Erde entsetzt in die Luft und die Bäume brachen wie Halme. Menschen in farbigen Gewändern warfen den Tod einander zu und die furchtbaren Maschinen schleuderten Feuer und Brand. Blitze fuhren von der Erde in die Wolken und Donner ihnen nach; es war, als wollte das Land in den Himmel springen oder der Himmel niederfallen über das Land. Die Taube fuhr auf aus ihrem Traum. Tod war über ihr und die Vernichtung; wie einst die Wasser, so schwoll nun das Feuer über die Welt. Jäh spannte sie die Flügel und schwirrte empor, sich andere Heimstatt zu suchen als den stürzenden Wald: eine Stätte des Friedens.

Sie schwirrte auf und flog über unsere Welt, um Frieden zu finden, aber wohin sie flog, überall waren diese Blitze, diese Donner der Menschen, überall Krieg. Ein Meer von Feuer und Blut überschwemmte wie einstens die Erde, eine Sintflut war wieder gekommen und hastig flügelte sie durch unsere Länder, eine Stätte der Rast zu erspähen und dann aufzuschweben zum Urvater, ihm das Oelblatt der Verheißung zu bringen. Aber nirgends war es zu finden in diesen Tagen, immer höher schwoll die Flut des Verderbens über die Menschheit, immer weiter fraß sich der Brand durch unsere Welt. Noch hat sie die Rast nicht gefunden, noch die Menschheit den Frieden nicht, und eher darf sie nicht heimkehren, nicht ruhen für alle Zeit.

Keiner hat sie gesehen, die verirrte mythische Taube, die Frieden suchende in unseren Tagen, aber doch flattert sie über unseren Häuptern, ängstlich und schon flügelmatt. Manchmal des Nachts nur, wenn man aufschreckt aus dem Schlaf, hört man ein Rauschen oben in der Luft, ein hastiges Jagen im Dunkel, verstörten Flug und ratlose Flucht. Auf ihren Schwingen schweben all unsere schwarzen Gedanken, in ihrer Angst wogen all unsere Wünsche, und die da zwischen Himmel und Erde zitternd schwebt, die verirrte Taube, unser eigenes Schicksal kündet sie nun, der ungetreue Bote von einst, an den Urvater der Menschheit. Und wieder harrt wie vor tausenden Jahren eine Welt, daß einer die Hand ihr entgegenbreite und erkenne, es sei genug nun der Prüfung.

(1916.)


Montag, 8. März 2021

Rosalie Braun-Artaria - Der Marienplatz in München zu Ende des 15. Jahrhunderts

Rosalie Braun-Artaria - Der Marienplatz in München zu Ende des 15. Jahrhunderts


Der alte „Schrännen“ – wie früher der Marienplatz zu München hieß – hat sich zwar im Laufe der Jahrhunderte nicht so stark verändert, daß man ihn nicht auf den ersten Blick erkennen würde, aber was sich auf ihm vor vierhundert Jahren an einem schönen Morgen abspielte, davon werden doch wenig Passanten, welche heute dort auf die Pferdebahn warten, einen rechten Begriff haben. Deshalb ist es sehr interessant, das nach den alten Stadtbüchern hergestellte Weigandsche Bild des damaligen Münchener Marktplatzes zu betrachten, welcher noch in ganz anderem Sinne als heute Stadtcentrum und Schauplatz alles irgendwie Sehenswürdigen war. Feste und Versammlungen, Turniere, Sonnenwendfeuer, Schäfflertanz und Metzgersprung fanden dort statt, aber auch Prangerstehen und Hinrichtung, so daß die guten Münchener oft genug etwas zu sehen hatten, das über das gewähnliche Markttreiben hinaus die Gemüter in Erregung setzte. Auch dieses war ohne Zweifel bunt genug. Die Bevölkerung der Stadt war wohl nicht groß, sie betrug im Jahre 1782 erst etwa 37800 Seelen. Immerhin mag ein schönes Gedränge auf dem Platz geherrscht haben, wenn Getreide-, Vieh- und Viktualienmarkt ihn und die angrenzenden Straßen füllten vor allem aber zur Zeit der zweimal im Jahre wiederkehrenden „Dult“ (Messe), die sich mit ihren Verkaufs- und Schaubuden weit in die Kaufingergasse hinein erstreckte.

Es gehörte die ganze Geduld der guten alten Zeit dazu, um das vergnüglich zu finden!

Denn der mäßig große Platz war ja nicht, wie heute, freigelegt, er trug, nahe dem „Lindwurmeck“ der Weinstraße (so genannt von einem furchtbaren Drachen, der sich hier einst niedergelassen und die Pest mitgebracht haben sollte), die uralte „Gollierkapelle“, welche seitwärts rechts auf unserm Bilde steht. Außerdem befanden sich abwärts davon gegen das Rathaus zu die verschiedenen, vom Maler als Mittelpunkt der Scene genommenen Bußanstalten welche zu betrachten das Volk in Haufen herbeiströmte. Da ist erstens der Pranger mit seiner Garnitur von alten und jungen Spitzbuben im unteren Gelaß, auf die niemand achtet, weil aller Augen von dem ergötzlichen Schauspiel der Plattform gefesselt sind: zwei böse Weiber, deren wütendes Gebelfer ohne alle Thätlichkeit verhallen muß. Es sind ja die erhitzten Köpfe und kratzlustigen Hände allzugut in der durchlöcherten Holzdiele befestigt!

Ferner steht da der in alten Schriften vielgenannte Hölzerne Esel, welchen besteigen mußte, und zwar verkehrt, wer durch Raufereien, leichtsinnige Streiche oder sonst durch Wort und That Aergernis gab, also etwa dasjenige verübte, was heute unter den Begriff des „groben Unfugs“ fällt. Eine auf dem Rücken angebrachte Schrift belehrte alle, welche lesen konnten, über die Gründe des unfreiwilligen Rittes. Hinter beiden Schandplätzen aber ragte der böseste von allen, der Galgen, empor, dessen finsterer Meister vom langen Richtschwert auch die „minderen Geschäfte“ des Stäupens und Prangerstellens zu versehen hatte. Die soliden Nerven damaliger Zeit nahmen keinen Anstoß an dem greulichen Schauspiel, welches sich hier jeweils den umwohnenden und aus dem Fenster schauenden Bürgern und ihren Frauen darbot.

Köpfen und Hängen waren gewöhnliche Sachen. Außergewöhnliches Interesse gewannen sie nur durch besondere Umstände, so z. B. im Jahre 1591, als ein italienischer Schwindler mit einem vergoldeten Strick gehängt wurde, weil er dem Herzog Wilhelm V. vorgelogen, er könne Gold machen. Daß er’s nicht konnte, hatte der Herzog zu seinem Schaden nur allzuwohl erfahren, zur größeren Vorsicht aber erschoß man doch hinterher auch noch des Gerichteten zwei große schwarze Hunde, denn die Möglichkeit, daß in ihnen höllische Dämonen steckten, schien doch bei alledem nicht ausgeschlossen!

Heute steht an der Stätte so vielen Schreckens die stets blumenumgebene Mariensäule mit dem Bild der Himmelskönigin, welche Kurfürst Maximilian als Dank für seinen Sieg am Weißen Berge 1620 errichten ließ. Den in Bayern so tief gewurzelten Marienkultus bezeichnet auch das auf unserm Bilde dem Lindwurmeck gerade gegenüber liegende Eckhaus der Rosengasse, wo das Bild der Gottesmutter mit der Bezeichnung. „Rosa mystica“ angebracht war. Der vor dem Hause befindliche Blumenmarkt eröffnete anmutig den Zug der hier beginnenden Rosengasse.

Im Rücken des Beschauers ist das alte Rathaus zu denken, dessen ursprünglich gotische Gestalt erst wieder vor einigen Jahrzehnten aus einer unglücklichen Zopfrestauration des Jahres 1778 hergestellt wurde.

Ueber all dies bunte Treiben, das uns durch das Weigandsche Bild vergegenwärtigt wird, schauen die Türme der Frauenkirche herab, der eine bereits vollendet, der andere im Bau. Ursprüglich, als München noch ein kleiner Flecken war, stand an ihrer Stelle eine bescheidene Marienkapelle, in welcher nachmals die Leiche Ludwigs des Bayern beigesetzt wurde. Später erweiterte man, dem Wachstum der Stadt entsprechend, den Bau, und 1468 legte Herzog Sigismund den Grundstein zur jetzigen Kirche, die dann langsam fortgebaut wurde, weniger durch Spenden der selbst stets geldbedürftigen Herzöge, als durch Beisteuern des frommen Volkes und ausgiebige, von den Päpsten bewilligte Ablaßgelder. Der Baumeister Jörg v. Halspach erlebte die Vollendung der Kirche nicht mehr. Erst nach seinem 1488 erfolgten Tode wurden die Türme ausgebaut und die runden Helme aufgesetzt, welche heute dem Münchener Stadtbild ein so eigenartiges, von allen andern verschiedenes Gepräge geben und den über die weite bayrische Ebene Herfahrenden schon von ferne verheißungsvoll grüßen.

Quelle: Wikisource

Montag, 6. Juli 2020

Kyau-Haku-Sai - Die Erzählungen des Alten

Kyau-Haku-Sai - Die Erzählungen des Alten.

Die Erzählungen des Alten.
   Erzählung von Kyau-Haku-Sai.
  Aus dem japanischen von Paul Enderling  
Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart und Leipzig,1905


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Bearbeitet von Hans-Jürgen Horn


    I. Von den verzauberten Füchsen.

  Der Alte sprach: »Ja Regennächten bleibt man gern zu Hause; denn man kennt zuviel Geschichten von den Füchsen die sich zu solcher Stunde in den Ebenen des Nordens in verzauberter Gestalt zusammenfinden, um die Menschen zu verführen. Sie verwandeln sich in liebliche Gaishas oder schöngewandete Tänzerinnen und locken sie zu den Orten der Freude.
   In diesen Gegenden gab es einmal einen großen Gelehrten, der in solch einer Regennacht mit fünf oder sechs Schülern zusammensaß und ihnen sagte: »Wenn ihr jetzt in die Felder geht, werden euch sicherlich in Tänzerinnen verwandelte Füchse begegnen.«
   »Meister!« sagten die Schüler darauf, »du hast ans doch immer gelehrt, dass der Weise die Gefahr nicht vorwitzig aufsucht. Wie sollten wir jetzt dieses tun?«
   »O, ihr Toren!« sprach der Gelehrte lächelnd. »Wenn ihr dorthin geht, wißt ihr doch, dass die Füchse nur Füchse sind und seid nur furchtsam, weil ihr nicht wißt, welche Schlinge euch gelegt ist. Die Füchse bleiben Tiere, kennen nicht der Menschen innerstes Wesen und können ihnen also doch auch nicht sonderlich gefährlich werden.
   Weit schlimmer sind die wirklichen Gaishas, die das Menschenherz kennen und tausenderlei verführerische Mittel anwenden, um den Mann zu umgarnen. Ist es da nicht weit gefährlicher, wenn Menschen wie ihr gedankenlos und lachenden Auges diesem furchtbaren Zauber gegenübertreten und wiederum vor jenen Füchsen sich ängstigen, die doch eigentlich so harmlos sind ?«
   Da erröteten die Schüler und gelobten, fortan nur noch ihren Studien zu leben.
   Ein altes Sprichwort sagt: »Das Böse kommt nicht vom Himmel, sondern vom Weibe.«


   II. Des Oheims Rat.

  Ein Jüngling aus vornehmer Familie lebte nur den Vergnügungen und warf sein Geld mit beiden Händen fort, als wenn er es gefunden hatte. Auf die Bitten und Ermahnungen seiner Eltern und Freunde hörte er nur mit halbem Ohr und ging den alten Weg weiter.
   Sein Oheim, ein lebenskundiger Mann, bat ihn eines Tage zu sich und zeigte ihm nach längerem Plaudern ein Lackkästchen, worauf »Sparbüchse« stand.
   »Im Buch der Blumen las ich von einem Mann, der jedesmal, wenn er im Begriff war, 100 Unzen auszugeben, nur 80 ausgab und die übrigen 20 in die Sparbüchse tat; bei 200 gab er nur 160 aus und legte 40 zurück usw., so daß er also zwei Zehntel seiner Ausgaben ersparte und allmählich wohlhabend wurde.
   Tue du nun desgleichen! Lege 20 Unzen von 100, die du dem Vergnügen widmen wolltest, in dies Kastchenl Dann wirst du bald Freude am Sparen haben und gern auf manch Vergnügen verzichten.«
   Mit diesen Worten gab er ihm die Sparbüchse.
   Der Neffe dankte und versprach, dem weisen Rat zu folgen.
   Nach etwa vierzig Tagen ein ein alter Diener betrübt zum Oheim und erzählte, daß der Jüngling seit jener Unterredung weit verschwenderischer als früher lebe und jetzt vor dem Nichts stünde. Am selben Abend noch rief er ihn zu sich und fragte zornig, warum er sich trotz seiner Versprechungen nicht gebessert hätte.
   »Ich habe deinen Rat getreulich befolgt, lieber Oheim« —- bekam er zur Antwort. »Denn es macht wirklich Vergnügen, das Geld im Kasten sich vermehren zu sehen. Ich habe stets zwei Zehntel meiner Ausgaben dem Kästchen abgegeben: so habe ich vorgestern von 100 Unzen 20, gestern von 500, die ich dem Vergnügen zu opfern gedachte, 100 und heute von 300 volle 60 Unzen erspart.
   Diese Ersparnisse, die ich so nach und nach machte, konnte man aber doch keine ordentliche Summe nennen. Da dachte ich mir: Besuche bis zum Frühling eifriger als vorher die Orte des Vergnügens, Tag und Nacht, und lege immer zwei Zehntel deiner Ausgaben zurück, dann wird das Kästchen bald gefüllt sein!!
   So tat ich auch und bin also mit Eifer deinem Rate gefolgt. Zürne mir also, bitte, nicht!« . . .
   Ein altes Sprichwort sagt: »Die beste Arznei wird in der Hand des Pfuschers zu Gift.«

   III. Der Jüngling und die Geisha.

   Ein Jüngling lag so tief im Bann einer Geisha, daß er ihrem Herrn, dem Teehausbesitzer, eine reichliche Entschädigung zahlen und sie heiraten wollte.
   Als sie das erfuhr, sagte sie: »Wenn ihr gestattet, erzähle ich euch eine Geschichte.
   Ein Bonze, der sich eine Hütte am steilen Flußufer errichtet hatte, ging an einem wundervollen Frühlingstage in das Gebirge. Das Herz wurde ihm weit, als er einen blühenden Kirschbaum sah und er sagte sich: »Ich will einen solchen in meinen Garten setzen, damit ich mich am Morgen und Abend daran erfreuen kann: denn etwas Schöneres gibt es hinieden nicht.«
   Er mietete Arbeiter und ließ einen Kirschbaum in seinen Garten verpflanzen und erlabte sich an seinem Anblick.
   Aber eines Nachts kam der Sturm, verfing sich in den Zweigen und warf den Baum auf die Hütte, die zusammenbrach.
   Da sagten alle Nachbarn: »Hätte dieser nutzlose Kirschbaum nicht hier gestanden, so wäre die festgefügte Hütte nicht eingefallen.« Sie schalten ihn und dachten in ihrer Einfalt nicht daran, daß die meiste Schuld am Unglück der Bonze hatte, der ihn dorthin verpflanzt, und dann der Sturm, der ihn umgerissen!
   Nun seht: ihr seid die Hütte des Bonzen, ich bin der Kirschbaum. Wenn ihr durch diesen voreiligen Entschluß zur Heirat zu Falle kommt, werden alle mich schelten, wie sie den Baum gescholten haben . . . Sie würden sagen — das weiß ich gewiß —, daß eine Geisha euch ruiniert hätte, und auf mich würde sich der Regen ihrer Vorwürfe ergießen.
   Wenn ihr mich jetzt hier loskauft, so wäret ihr dem vergleichbar, der, ein Licht in der Hand, gegen den Wind wandert: wir würden beide bald im Dunkel stehen! Wartet also noch ein Jahr! Verwaltet inzwischen sorgsam euer Vermögen, und wenn ihr mich dann noch in euren Garten pflanzen wollt, will ich euch allezeit dafür dankbar sein.«
   Den Jüngling rührten ihre Worte tief, und seine Augen füllten sich mit Tränen.
   Er folgte ihren Worten, kehrte zu seiner Familie zurück und lebte ein Jahr in Sparsamkeit und Ordnung, so daß er die Geliebte leicht ihrem Herrn ablaufen und sie heiraten konnte. Sie lebten in Eintracht und der Glücksstern stand über ihnen.«
   Als der Alte diese Geschichte erzählt hatte, fügte er hinzu: »Es geht nichts über die Aufrichtigkeit und Gutherzigkeit dieser einfachen Geisha und die Besonnenheit, mit der der Jüngling ihren Rat befolgte.
   Aber — ich glaube, so etwas gab es nur in den alten Zeiten« . . . «

Zitkala-Ša - Iktomi und die Enten

 ZITKALA-ŠA - IKTOMI UND DIE ENTEN Iktomi ist eine Spinnenfee. Er trägt braune Hirschleder-Hosen mit langen, weichen Fransen zu beiden Seite...