Freitag, 30. August 2019

Walter Serner - Inferno




Ein Schreien, das widersetzlich beginnt, wenn es am laute­sten wird, vor Wut sich überschlägt und verebbend kraftlos fau­chend erliegt, schleudert aus dem Neugeborenen, das herausgepresst und herausgezerrt werden muss, eine Auflehnung, die nie wieder ganz zerbricht, oft dünn wird oder spärlich, selten häufig oder starr und die erst mit dem Tod endet, welcher ihr Recht in der Angst vor ihm metaphysisch durchfahlt. In der Geburt als Ursache schreit schon der Tod als Wirkung und die Wut, die das Leben gegen ihn verteidigt, verteidigt ihn auch gegen das Leben. Diese Auflehnung, die dort verweigert, was hier Wehrlosigkeit aufgebürdet bekam, ist das grosse Mass und dessen Pole umklammern das Schicksal. In ihm ist die Entscheidung auf Leben und Tod: den Himmel als Hoffnung zu läugnen oder die Erde als Hölle zu erleben. Vor der Zahllosigkeit jener Schwäche, die leere Gier ist und stumpfes Sorgen, starrt die seltene Kraft dieser Einzelnen, deren Grösse Qual ist.
Vorbei am jahrelangen Spalier zurückweichender Unsäglich­keiten bleiben sie reif vor dem Antlitz des Menschen stehen und Verlegenheit rötet sie. Sie ist die Erkenntnis der eigenen Un­zulänglichkeit oder der des andern oder der aller und das mar­ternde Erleben einer urtiefen Schuld, die untrennbar allem Leben verwoben ist. Aus ihr reckt sich der verzweifelte Wille zur Hilfe, dessen Schmerzensweg durch das Dickicht menschlicher Verloren­heiten, die auch erwartet jede Erwartung verhöhnen, immer wieder vor die jahrtausendealte Sphinx des Menschen führt. Sein Antlitz entstellt die wehe Last des vergangenen Gelebten, das dumpf blieb und deshalb Schuld ist und das zu klären das hel­fende Gespräch vermöchte, dessen sittliche Kraft des Erkennens, welches Ketten im Unbewussten reibender Erinnerungen auf­nimmt, bereinigt. Doch im ersten Anfang solch liebenden Strebens schon machen Triebgewalten, die einen Stachelkranz von Zweifel und Begierde in die Stirn drücken, den Beladenen hernieder­straucheln und nur wer zutiefst das Wissen trägt, dass er sagen muss, was er erkennt, um seine Schuld und die des andern nicht zu mehren, dass das dumpfe Vergangene des andern zur eigenen Schuld stösst, wenn es nicht an dem erkannten eigenen aufgehellt wird, soweit es zuteil ward, nur der vermag die weiten Dunkel­heiten, die noch während des Sprechens ihn betreten und ihn sich verlieren zu lassen drohen, an die Sonne des Wortes hervorzureissen. Um die Mitte dieser Hilfeleistung aber schleicht die schwere Gefahr entscheidender Verschiedenheit: entspricht dem sittlichen Wollen des andern nicht die intellektuelle Kraft oder fehlt dem Intellekt des andern jenes Wollen, so stürzt jedes Helfen über den unweigerlich emportaumelnden Hass, welcher der grösseren Vollkommenheit gilt, die ohne die geringere die grössere nicht sein könnte. Da aller Hass deshalb letzthin sich gegen sich selbst richtet und seinen Träger verneinen müsste, wird er, der hier festgehalten hoffnungsreichste Entscheidung wäre, doch fast stets Ursache neuer Schuld: er schnellt mit jener Behendigkeit, welche die Schwäche stets parat hat, um hinterhermotivierend sich selbst zu belügen, auf den Vollkomm­eneren zurück, als wäre dieser, der in Wirklichkeit lediglich Veranlassung ist, der Urheber. Doch ein flinkes Gehirn, das allen Taschenspielerkunststücken seines Hasses folgen kann, wird den andern, je länger und weiter die eigene Unvollkommenheit sich hetzt, als schuldärmer erkennen und noch abgründiger hassen. Das Ende, das hier unabsehbar und über die dialektischen Kniffe jenes Hasses, seinen feigen Witzworten und zornigen Insulten hinweg nur von der überlangen Reihe menschlicher Schwächen bestimmt ist, wird unbedingt, wenn solch ein Nurgehirn auf ein kongruentes trifft: der harte Kampf der Worte, der um ein Ens geht, das niemals erdacht, geschweige denn ersprochen werden kann, endet mit der höhnenden Unterjochung des ungelenkeren Wortemachers oder brachial und wird es ganz schwarz, in irr­sinnigem Gelächter, hinter dem jene Untiefe sich auftut, aus der das Verbrechen lauert. Und das gute Ende, das sittliches Wollen einander bringt, ist nur die tragische Separation des Geistes von menschlicher Hilfereichung: der Glaube des einen glaubt den des andern und grüsst ihn demütig von Ferne, da nichts mehr zu sagen ist als die grosse Qual der Einsamkeit vor dem Glauben an den Geist.
Diese Qual, die im Zwiegespräch sich verdoppelt, wächst im Beisammensein mit mehreren ins Unerträgliche, Übermenschliche und was zurückbleibt, ist ein unaustilgbares Mal, das bleich und bös tausendfach durch die Strassen schreitet. Schon die schweigende Anwesenheit von Menschen, die ein Raum abschliesst, führt ein penetrantes Schuldgefühl herauf, das wächst und schwillt und das Ringen um die rettende Güte wird im Angesicht der Vielgestalt des Unklaren, Verhaltenen, Verzweifelten, Verbissenen, das sofort geäussert werden müsste, um nicht Hass zu erzeugen, das Schwerste. Doch nur Verhüllendes wird erzwungen belang­los hingeworfen. Aber das Ungesagte frisst sich tiefer, schmerzt und höhlt und plötzlich hockt in allen Blicken Misstrauen, Aerger, Feindseligkeit, die immer blitzender, ausfüllender werden und alles verwirren, selbst das konventionelle Geplapper, in das langsam hämische Töne einbrechen, verlogene Heiterkeiten, die in den Schwächsten leichtes Grauen entrollen, mühsam entstehende Worte, die von aussen her einen ungewollten Klang erhalten, leer werden, sobald sie gesprochen sind und angestrengtes Nach­horchen, Nachdenken verursachen und immer mehr und mehr verwirren. Heisse Angst umpresst alle und treibt sie, Böses zu bekennen, wo es nicht war, und dort, wo es war, es zu über­schrauben, andere zu beschuldigen, die es nicht begingen, und die es begingen, zu loben, als wahr Erkanntes falsch zu heissen und Falsches wahr, um das Qualvolle der Verwirrungen durch neue Verwirrungen erträglicher zu machen. Und es steigt unauf­haltsam und wie erstickend und schlängelt einen Rattenkönig verfehlter Ueberlegungen, übertriebener Handlungen, zielloser Rettungsversuche hinter sich drein. Und selbst derjenige, der sich selbst verleugnend den sittlichen Ernst vor dem Ereignis sich erwarb, vermag nicht mehr, ihn sich zu bewahren. Wohl weiss er, dass der Fäden, die zu einem Ereignis sich verknoten, abertausend sind, dass sie weit zurücklaufen und zu Ursachen leiten, die ach so selten ganz erkennbar sind; dass der sicherste Weg, sich in menschlichen Beziehungen zu irren, deshalb ist, scharfsinnig zu motivieren; dass die einzige Hilfe wäre, aufzu­schreien und um Gnade zu bitten. Doch er wird mitgerissen und aufknirschend unter diesem unentrinnbaren Zwang beginnt er zu hassen, sich und alle und hasst diesen Hass und sitzt da, ein irr lächelnder Bösewicht gleich den andern, bis eines jener folternd strafenden Schweigen anbricht, das rote Angst über die Gesichter jagt und ein kühles Schauern durch den Körper. Dann ist es zu Ende und einen Berg im Nacken, die Augen verloschen, reichen sie die hohlen Hände, und wenn sie einander wieder begegnen, grüssen sie nicht.
Brückenlos steht Mensch vor Mensch. Und alsob alles, was Jammer und Mühsal ist, in eins hätte zusammengepfercht werden müssen, wirft eine schwere Fügung ein wildes Bedürf­nis dem Menschen in den Schoss und drängt ihn machtvoll, Genuss irrlichtelierend, seinen Körper dort mit einem andern zu binden, wo aller Jammer, alle Mühsal ihren Ausgang hat. Die Brücke, deren Fehlen den reissenden Strom des Hasses zwischen den Menschen lässt und sie einsam an seine Ufer stellt, ist zwischen den Leibern errichtet. Sie ist nur eine fliegende, her­gestellt ein blindes Rasen woher wohin, und abgebrochen mehr Weg- und Zielsehnsucht zurücklassend als vordem. Einzelne allein vermögen es, sie nur zu betreten, wenn unabwendbare Not es gebietet, und so, dass es Hilfe bleibt, weder Weg wird noch Ziel: denn diese Brücke bricht umso rascher, je mehr auf sie gebaut wird und tausend Schwachgeborene wiegen in ihrer tierischen Quallosigkeit nicht einen Starken auf, dessen Gehirn ihm das Dasein zur Marter macht. Was den andern an innerer Kraft versagt blieb, zimmert ihre Schwäche sich zu einem Himmel hienieden, der sie in der Scheinlust des Ineinanderseins für die Beschwernis des Beisammenseins entschädigen soll. Diesem Trugbau des Mannes kommt das Weib auf ganzem Weg entgegen, indem es die Vollkommenheit, welche die trieberzeugte Blindheit des Mannes ihm zuphantasiert, um sich vor sich selbst zu rechtfertigen, annimmt und sie, sich verstellend, vorstellt. Doch kein Mann stirbt, ohne diese Verstellung einen Augenblick lang erkannt und die fehlende Kraft zur Konsequenz resignierend sich bekannt zu haben und alle leben in dem stets wiederkehrenden Gefühl eines Drucks, einer Last, einer Schuld. Sie ist die grösste, da sie alles auf dem Gewissen hat, was Qual ist: das Leben. Der Jammer der Ehen, die Mühsal der Familien stöhnen nicht durch die Mauern; stumm stehen sie auf den Gesichtern und neben allem Lachen, aller Freude als etwas Schweres, Wehes, bis sie zwischen den Brauen als Hass zusammenfahren. Seine letzte Wurzel ist das Geschlecht. Von ihm aus stellt er den Mann, der helfen, möchte, wider das Weib, dem nicht zu helfen ist, das Weib, das nicht geholfen haben will, wider den Mann, der helfen könnte, die Söhne, die sich bäumen, wider die Väter, die gebückt sind, die Väter, die sich nicht aufrichten können, wider die Söhne, die es wollen, den Menschen wider den Menschen und wider sein eigenes Geschlecht.
Dieser Hass ist die Auflehnung gegen die Schuld der Geburt und des Lebens und gegen all die Unzulänglichkeit, welche die Erde zur Hölle macht, so wird er das grosse Mass. Es ist die kleine Erkenntnis der irdischen Hilfereichung, ohne Wohltat zu sein oder Plage, und jene grosse, dass der Geist als höchste Besonnenheit keine völlige Klarheit über das Leben erlangen kann und auf sich selbst sich zurückziehen muss, um einsam als hoffender Glaube sich abzuquälen und auf den erlö­senden Tod zu warten. Vor dessen Schwelle ist die Angst ge­stellt, jene letzte Auflehnung, welche die letzte Qual ist und zu­gleich eine grosse Warnung: dass die Schuld, welche mitbekam wem das Leben gegeben ward, zu tragen ist, bis der, welcher sie auferlegte, sie wieder abnimmt.

Aus: Sirius 1915/16

Dienstag, 13. August 2019

Die Plauderstube - Andersen - Märchen

Aus Die Plauderstube: Der silberne Schilling, Ein neues Mährchen von Andersen.


Als PDF, ePub, mobi und azw3 (KF8)

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Alle ePubs in dieser Reihe wurden von Hans-Jürgen Horn erstellt.

Samstag, 22. Juni 2019

Walther Kabel - Die Aschenurne

Walter Kabel - Die Aschenurne

Ellinor Boege, die schöne Ellinor, war gestorben. Ganz plötzlich. An einer Lungenentzündung, vier Tage nach einer nächtlichen Autofahrt durch den Tiergarten, die leider ich selbst als Abschluß nach dem vergnügten Abend im „Rheingold“ vorgeschlagen hatte, ohne darauf zu achten, daß der Tülleinsatz von Ellinors Bluse so spinnwebdünn war und ihr Abendmantel so tiefen Ausschnitt hatte. Was half es da in der kalten Nacht, daß sie den Kragen hochschlug! Der scharfe Zugwind während der Fahrt ließ sie oft genug zusammenschauern, wie ich sehr gut bemerkte.
Aber auf meine besorgte Frage, ob der Chauffeur die Geschwindigkeit nicht mäßigen solle, lachte sie nur ihr silberhelles Lachen und stieß ihren Gatten übermütig in die Seite: „Du, Schnubbi, Karlchen hat schon wieder Angst um mich! – Aber ein lieber Mensch sind sie doch, Karlchen!“ Und dann streckte sie mir die Hand so harmlos kameradschaftlich hin und drückte meine Finger recht kräftig, damit ich ja auch fühle, ein wie „lieber Mensch“ ich sei.
Schnubbi – sie hatten die seltsamsten Kosenamen füreinander, die ich je gehört habe – antwortete gar nichts. Er starrte nur immer schräg nach oben zum Monde empor, der vor uns über der Charlottenburger Chaussee als gelbe Scheibe am Himmel stand. Seine Dichterseele wandelte offenbar wieder phantastische Pfade, und in solchen Momenten hätte man getrost ein Geschütz neben ihm abfeuern können. Keine äußeren Eindrücke vermochten ihn dann auf diese prosaische Erde zurückzuführen. Erst wenn er seinen hohen Gedankenflug zu einem logischen Abschluß gebracht hatte, kehrte wieder der normale Erich Boege in den irdischen Leib zurück.
So war’s auch damals.
Gut zehn Minuten später fragte er plötzlich, den Kopf nach seiner Frau hindrehend: „Lusche, du hast mich vorhin angestoßen. Wünschtest du etwas?“
„Allerdings – einen Kuß!“
Da blinkte in Erichs Augen wieder dieser glückselige Schimmer auf, um den ich ihn stets beneidet habe. Um seinen Mund lag ein sonniges Lächeln, als er sein Weib jetzt an sich zog.
Ich hatte mich weggewandt. Die beiden Leutchen waren trotz ihrer dreijährigen Ehe noch immer wie die Kinder in einem selbstgeschaffenen Zaubergarten, über dem ständig strahlendster Sonnenschein lag und sich in goldenen Früchten, gegenseitigem Vertrauen und Rücksichtnehmen, widerspiegelte.
Und jetzt war Ellinor tot. Erst konnte ich’s gar nicht fassen, als ich die schwarzumränderte Anzeige las, unter die mein Freund in seiner flüchtigen Schrift nur die Worte gesetzt hatte: „Komm zu mir.“ Aber diese drei Worte waren wie ein erschütternder Weheschrei. Vier Tage hatte ich nichts von Boeges gehört, eben seit jener Autofahrt, und nun diese Nachricht, diese schreckliche Nachricht! –
Während mich die ratternde Ringbahn zwischen den Häuserkolossen hindurch in die entlegene Vorstadt brachte, war’s mir, als ob ich fortwährend aus dem monotonen Geräusch der rollenden Räder eine weiche, übermütige Frauenstimme, fortwährend dieselben Verschen hörte, die die Tote so oft in strahlender Seligkeit wie eine Jubelhymne auf ihr Eheglück leise gesungen hatte:

Ich und du, wir sind so arm
Wie die Kirchenmäuschen,
Unser ist kein Eigentum
Als ein Knusperhäuschen.

Ich und du, wir sind so reich,
Das ist gar nicht schicklich,
Denn wir sind so unverschämt
übermenschlich glücklich …

Das war nun alles vorbei, alles!
Klopfenden Herzens, mit bangem Angstgefühl stieg ich die zwei Treppen zu meinem armen Freundes Wohnung empor. Das schrillen der Flurglocke ließ mich nervös zusammenzucken.
Das Mädchen öffnete. Es hatte verweinte Augen. Und bei meinem Anblick begann sie wieder leise zu schluchzen.
Wer hatte Ellinor wohl nicht geliebt!
Erich war gefaßter, als ich gedacht hatte. Nur in seinen Augen lag ein Ausdruck, daß sich mir die Kehle zusammenschnürte in wildem Weh. Dann sprach er von den letzten Tagen, dem furchtbaren Todeskampf. Sie hatte ja nicht sterben wollen, hatte sich an den alten Sanitätsrat angeklammert und keuchend immer wieder gefleht: „Retten Sie mich, retten Sie mich doch! Wir sind ja so glücklich!“
Und als Erich diese Worte mir kaum vernehmlich wiederholte, da habe ich mich in die Ecke des hohen Paneelsofas geworfen und geweint, herzzerbrechend geweint.
Erich fand keine Träne. Er sprach nur immer vor sich hin: „Ja, das sagte sie – das sagte sie.“

*      *      *

Ellinor Boege wurde auf ihren Wunsch in Gotha verbrannt. Ich stand neben meinem Freunde, als der Sarg langsam in die feurige Gruft versank, hatte meinen Arm in den seinen gehängt und hoffte – hoffte auf das eine, daß sein starrer Schmerz sich endlich in Tränen auflösen würde. Mit weißem, unbeweglichem Gesicht, mit eingefallenen Wangen stierte er vor sich hin auf die polierten Bretter, die sein Liebstes umschlossen. Aber als dann die Platten sich wieder über der Öffnung zusammenfügten, da brach er ohnmächtig zusammen.
In den folgenden Tagen wich ich nicht von seiner Seite. Er hatte sich eine silberne Urne gekauft, und darin bewahrte er das Häuflein graue Asche auf – die Überreste seiner Ellinor. Die Urne stand in seinem Arbeitszimmer auf einer schwarzen Marmorkonsole, und darüber hing mit schwarzem Tüll verhüllt das Bild der Verstorbenen.
Vergebens suchte ich ihn zu bewegen, seine Gedanken durch Arbeit abzulenken. Wenn ich zu ihm kam, fand ich ihn stets in derselben Stellung. Er saß vor sich hin brütend in dem tiefen Klubsessel und starrte unverwandt nach der mattglänzenden Urne hin.
Sonderbar war es, daß er nie über die Tote sprach. Und da auch ich alles vermied, was ihn an den schmerzlichen Verlust erinnern konnte, wurde Ellinors Name zwischen uns nicht erwähnt. Und doch merkte ich an vielem, daß er immer nur an sie, nur an sie dachte. Wenn ich seine Briefe öffnete – er selbst erledigte nichts mehr –, ihm vorlas und, wo dies nötig, um seine Entscheidung bat, gab er ganz verkehrte Antworten.
Und dann wieder unterbrach er mich einmal mitten in einem Satz und sagte ganz zusammenhanglos: „Ich werde ohne sie nicht weiterleben können – nein, nein … das geht über meine Kraft!“ –
Eine Woche war seit Ellinors Einäscherung vergangen. Erich wurde immer stiller, immer gleichgültiger gegen seine Umgebung. Er, der früher jede freie Minute am Schreibtisch gesessen hatte und den eine ihn selbst begeisternde neue Novelle bis zum Morgengrauen wachhalten konnte, rührte keine Feder mehr an. Meine energischsten Vorstellungen halfen nichts. Und bisweilen bemerkte ich jetzt in seinen Augen einen seltsam wirren, unsicheren und dabei beängstigend stumpfen Ausdruck.
Meine Sorge um ihn wuchs von Tag zu Tag. Am liebsten hätte ich ihn in irgend ein Sanatorium für Nervenkranke geschickt, zumal mir ein befreundeter Arzt, der ihn einmal auf der Straße getroffen und auch sehr verändert gefunden hatte, warnend sagte: „Er wäre ja nicht der erste, den die Liebe ins Irrenhaus gebracht hat.“
Dann besuchte er mich eines Nachmittags in meiner Wohnung. Es geschah zum ersten Male nach Ellinors Tod, und deshalb war ich sehr froh über sein Kommen. Ich merkte bald, daß er irgend etwas auf dem Herzen hatte.
Ruhelos wanderte er im Zimmer auf und ab. Plötzlich blieb er vor mir stehen. „Glaubst du eigentlich an eine Fortexistenz der Seele nach dem Tode?“ meinte er ganz unvermittelt.
Als ich meiner Überzeugung gemäß die Frage bejahte, sagte er wie zu sich selber sprechend: „Es muß ja auch sein, es muß! Sonst wäre das ja nur eine Sinnestäuschung gewesen.“ Und nach einer kurzen Weile fuhr er fort, immer in demselben müden Tone: „Gestern abend habe ich Ellinors Briefe aus unserer Brautzeit nochmals gelesen. Darüber war es spät geworden. Ich saß auf meinem alten Platz, in dem Klubsessel an dem kleinen Tischchen. Die Lampe hatte ich fast ganz verhüllt, so daß nur ein kleiner Lichtkreis die nächste Umgebung erhellte. Da schlug die Standuhr im Eßzimmer mit ihrem tiefen Gongton langsam zwölf. Zufällig blickte ich in demselben Augenblick nach der Urne hin, und da hob sich mit einem Male langsam der Deckel, ein tiefer Nebel quoll aus dem Innern hervor und sank träge wie dicker Rauch an der Wand auf den Fußboden herab. Immer mehr verdichtete sich diese Dunstmasse, ballte sich nach oben höher hinauf und – – nahm allmählich menschliche Formen an. Erst glaubte ich zu träumen, schaute hierhin und dorthin, um zu prüfen, ob ich tatsächlich wach war. Als meine Augen dann scheu zu der halbdunklen Stelle zurückkehrten, wo eben noch etwas wie ein unklares Nebelgebilde geschwebt hatte, da – da stand Ellinor dort, Ellinor mit einem wehmütigen Lächeln um die Lippen. Ich sah sie so deutlich, sah jeden Zug ihres lieben Gesichts. Nur ihr Gewand war wie ein langer, weiter Mantel und umfloß faltenreich ihre Gestalt … Als ich ihr so in das teure Antlitz blickte, da fühlte ich, daß in mein schmerzzerrissenes Herz milder Friede einzog. Eine linde, wohlige Wärme erfüllte mein Inneres, ein seit langem nicht mehr gekanntes Empfinden ergebungsvoller Ruhe. Leise, ganz leise wagte ich dann ihren Namen zu flüstern. Zart wie ein Hauch kam mein Name zurück, aber doch im zitternden Tone tiefster Zärtlichkeit. Und dies trieb mir die Tränen urplötzlich mit aller Macht in die Augen. Meine Blicke verdunkelten sich. Ich weinte, wie ich noch nie im Leben geweint habe, und große Tropfen fielen auf die Briefe herab, die in meinem Schoße ruhten. – Als ich mich endlich gefaßt hatte, der Tränenstrom langsam versiegt war, war die Erscheinung verschwunden.“ Bang forschend schaute er mich an. „Meinst du, daß das vielleicht nur eine Sinnestäuschung gewesen ist? – Bitte, sag mir ehrlich deine Ansicht!“
Sollte ich ihm wirklich in diesem Falle die volle Wahrheit geben? Sollte ich ihm Hoffnungen zerstören, an die er sich schon so fest geklammert? Ich hatte es ja aus seiner Frage herausgehört, welche Antwort er erwartete.
„Du sagst selbst, daß du völlig wach und Herr deiner Sinne gewesen bist,“ entgegnete ich, eine direkte Erwiderung umgehend.
Glücklich lächelnd nickte er vor sich hin. Und während er verträumt auf die hellen Vierecke schaute, die die durch das Fenster fallenden Sonnenstrahlen auf die Wand zeichneten, meinte er nachdenklich: „Wenn sie doch öfters zu mir käme! Dann hätte ich sie doch nicht ganz verloren.“ –
Noch an demselben Abend ging ich zu meinem Freunde, dem Arzt, erzählte ihm Wort für Wort, was Erich mir über die angebliche Erscheinung gesagt hatte, und bat um seinen Rat.
„Abwarten!“ erwiderte er achselzuckend. „Sollten sich diese Sinnestäuschungen wiederholen, so halte ich allerdings Boeges Unterbringung in eine Heilanstalt für das beste. Ich fürchte, offen gestanden, wir haben es hier mit beginnendem Wahnsinn zu tun.“ –
Am nächsten Vormittag traf ich Erich zu meinem freudigen Erstaunen am Schreibtisch an. Er hatte soeben ein Antwortschreiben an einen Verlag wegen seines neuesten Novellenbandes beendet. Etwas mißtrauisch las ich den Brief. Aber er war vollkommen sachgemäß abgefaßt.
Dann fragte ich vorsichtig nach dem Verlaufe der vorigen Nacht.
Und wieder lächelte mein Freund so glücklich, als er antwortete: „Ich habe bis zwölf auf Ellinor gewartet, und sie zeigte sich mir wie gestern in derselben Weise. Ich habe wieder angefangen zu weinen. Und nachher war sie fort.“
„Und gesprochen hat sie nichts?“
„Nein. – Vielleicht deswegen nicht, weil ich sie nicht anzureden wagte. Nur zugenickt hat sie mir. Aber ihr Lächeln war nicht mehr so weh.“ – –
Einige Tage nachher erzählte mir Erich, daß er mit dem Entwurf zu einem Roman begonnen habe. Ellinor war ihm inzwischen regelmäßig in jeder Nacht erschienen, wie er mir stets berichtet hatte. Wir sprachen dann miteinander über einzelne Details seiner neuen Arbeit. Er war lebhaft und schon wieder leicht nervös, und ich fühlte auch, daß seine Phantasie fast ganz von den Gestalten des Romans in Anspruch genommen wurde.
Natürlich erfreute mich diese Besserung außerordentlich. Und sie hielt auch an. Er arbeitete bald wieder regelmäßig wie früher.
Auffallenderweise erwähnte er jedoch die nächtlichen Erscheinungen nicht mehr, bis wir dann einen Monat später, als wir eines Abends in seinem Arbeitszimmer saßen und über einer anregenden Unterhaltung die Zeit völlig vergessen hatten, beim Schlagen der Uhr im Eßzimmer gleichzeitig unwillkürlich die tiefen Gongschläge mitzählten.
Es war zwölf.
Verstohlen schaute ich da, einem inneren Zwange folgend, nach der silbernen Urne hin.
Erich mußte meinen Blicken gefolgt sein. Denn plötzlich sagte er zögernd mit leichter Verlegenheit: „Ich muß dir ein Geständnis machen. Jetzt weiß ich nämlich, daß meine Phantasie mir Ellinors Gestalt und Stimme nur vorgetäuscht hat. Denn seit ich mich ernstlich wieder in meine Arbeit vertieft habe, ist die Erscheinung ausgeblieben. Aber ebenso bestimmt weiß ich auch, daß ich mich tagelang am Rande des Wahnsinns befunden habe, und daß ich sicherlich in einer Minute völliger Verzweiflung Hand an mich gelegt hätte, wenn jenes liebe Trugbild mich damals nicht getröstet und mir über die schwerste Zeit nach Ellinors Tod hinweggeholfen haben würde.“
Ich begriff ihn. Herzlich schüttelte ich ihm die Hand. Er war genesen.

Sonntag, 20. Januar 2019

Maria Lazar - Waldemar Bonsels und das deutsche Insekt



Biene Maja Stummfilm


Um es gleich zu gestehen: ich bin nur halb gebildet. Ich habe das vielleicht am meisten gelesene Buch Deutschlands, ein Buch, das sechshundert Auflagen hat und in allen Sprachen übersetzt ist, ich habe die »Biene Maja« bloß zur Hälfte gelesen. Es mag eine Eigenart von mir sein, aber mir ist eine Biene, die nach Art deutscher Touristen die Natur bewundert, nicht ganz angenehm, und wenn ein Rosenkäfer Peppi heißt (nämlich wirklich Peppi mit zwei p), so kann mich das geradezu unglücklich machen.
Man hatte mir gesagt. Waldemar Bonsels sei ein Dichter der Natur. Er sei sogar imstande, sich in die Seele einer Biene zu versenken. Groß­artig, dachte ich, da kann man einmal etwas von den Bienen erfahren. Aber, o weh, die Seele der Biene Maja glich aufs Haar der einer Pastorstochter aus Wermelskirchen, ein bißchen neugierig, ein bißchen patriotisch, der Rosenkäfer machte gleich nach den ersten Seiten die reinsten Hausherrnszenen, als wohnte er in einem Berliner Vorderhaus und nicht in einer Rose, und mir war zumute wie nach einer spiritistischen Sitzung, in der Goethes Geist durch mühseliges Klopfen an einen Tisch die überflüssigsten Albernheiten hervorgebracht hatte. Sieht es bei den Tieren wie bei den Geistern also wirklich um nichts besser aus als bei den Menschen?
»Man soll in der Natur und im Tierleben den Menschen möglichst außer Spiel lassen«, sagt Herr Bonsels, der die Wiener Erstaufführung des Films »Die Biene Maja und ihre Abenteuer« am Lesepult einleitet. Allerdings bezieht er das nur auf den Film. Und ich war begierig auf die Vorführung, in der alle Bienen, Ameisen und Käfer des Buchs ein­mal ohne die leidige menschliche Gehirntätigkeit auftreten müßten. »Denn eigentlich«, erklärt der Dichter, »ist dieser Film ja nur eine Serie von Naturaufnahmen, die dem Buch entnommen sind. Auf das Psychologische muß man leider verzichten.«
Nun, der Film ist wirklich gut. Arbeiten die Natur und gewissenhafteste Technik Hand in Hand, so kann selbst deutsche Wald- und Wiesenpoesie ihnen nicht viel anhaben.
Wären nicht die vielen, allzu langen Texte, man könnte glauben, man sähe ganz einfach eine bunte, phantastisch reale Bilderfülle aus dem Leben der Insekten. Besonders schön die Geburt einer Libelle — man muß ja nicht gerade daran denken, daß sie Schnuck heißt. Man muß überhaupt immer rechtzeitig die Augen schließen, wenn der Text kommt.
Drei Jahre lang wurde in dem Dachgarten eines Berliner Ateliers an diesem Film gearbeitet. Es war mühseligste Kleinarbeit. »Sie glauben nicht, wie lange man oft warten mußte, bis das kleine Mistvieh sich dazu herbeiließ, eine Bewegung zu machen«, sagt der Dichter Walde­mar Bonsels.
Den Hauptwert legt er selbst auf die letzten Teile des Films, die den Kampf der Bienen und Hornissen darstellen. Das war nicht so einfach. Wie der Dichter erzählt, wurden die Hornissen erst einmal ein bißchen ausgehungert, ehe man sie auf die Bienen losließ, die nun, wie zu lesen steht, ihre »Vaterlandsliebe« und »Heimatstreue« beweisen konnten. »Es war sehr lustig«, sagt der beliebte deutsche Dichter, »wie die Feinde trotz aller Kampfeslust im letzten Augenblick, vom Lichte der Scheinwerfer geblendet, innehielten. Es fiel uns gar nicht so leicht, sie zum Kampf zu bewegen.«
Wahrlich, göttlich ist der Instinkt der Tiere. Noch ausgehungert wittern sie den größeren Feind, dieses »Animal méchant par excellence«. wie Gobineau den Menschen nennt, denn er ist das einzige Lebewesen, das nicht nur um des eigenen Nutzen willen Böses tut.
Doch lassen wir den Dichter weiterreden. »Ergreifend war es nun, den Rassenhaß in der Natur zu beobachten.« Und man sieht es auch auf der Leinwand. Die Tiere morden sich in rasender Wut. Und es steht so­gar geschrieben, wie die Bienen siegreich die fliehenden Feinde töten.
Herr Bonsels rechnet zu fünfzig Prozent mit dem Besuch Jugend­licher. Er hat ja auch das Buch »Die Biene Maja« eigentlich für Kinder geschrieben, denn er ist der Ansicht, »daß man für Kinder nicht un­bedingt albern sein muß«. Und dieses Buch ist denn auch in allen Kinderbibliotheken zu finden.
Weiß denn niemand, in welch tiefem, triebhaftem Zärtlichkeits­verhältnis Kinder zur Natur stehen? Selbstverständlich, noch ehe sie gelernt haben, daß die Kuh zum Milchgeben da ist, und ehe sie die erste Botanisiertrommel bekommen haben, also ganz kleine Kinder. Ich sah einmal ein winziges Ding, das bei seiner ersten Begegnung mit einem großen Hund nichts anderes tat, als ihn ganz leise mit den Fingerspitz­chen streicheln und dazu »danke shen« sagen, »danke shen«. Ist es ausdenkbar, daß man diesem Kind in ein paar Jahren erzählen könnte, der Grashüpfer hüpfe um des Weltrekords willen und alle Ameisen seien Räuber.
Nein, ich bin für ein Zensurverbot für Jugendliche, wenigstens für solche, die lesen können. Da schicke man sie lieber in die »Mädchen­händler von New York«. Denn daß die Menschen dumm und gemein sind, müssen sie ja sowieso erfahren. Aber mit welchem Recht erzählt man ihnen das von den Tieren?
Ich protestiere im Namen der Tiere!
Vielleicht habe ich übertriebene Vorstellungen. Ich weiß zwar, daß eine Libelle einem Käfer den Kopf abbeißen kann, daß sie aber dazu sagt: »Er ist wirklich ein lieber Kerl«, das halte ich für ausgeschlossen. Und nicht einmal, wenn ein Käfer Kurt heißt, traue ich ihm zu, daß er mit den Worten: »Ich habe keinen Appetit mehr«, die noch lebende Hälfte eines Wurms entläßt. Ich glaube es nicht, und wenn die Leser von Millionen Ausgaben es glauben wollen, der Poesie zuliebe, ich glaube es nicht. Und ich wünsche nicht, daß Kinder es glauben.

Aus: Der Querschnitt, Herausgegeben von H. v. Wedderkop, Im Propyläen-Verlag, Berlin, VI. Jahrgang, Heft 7, Juli 1926

Mittwoch, 26. Dezember 2018

Arnold Hagenauer - Das Geigengespenst

DAS GEIGENGESPENST
Von Arnold Hagenauer

From early 20th century photo postcard


So oft der blasse, schlanke Jüngling die Geige spielte, vergaß er allen um sich herum, er lauschte nur mehr den Tönen, die er den Saiten entlockte und folgte ihnen, wenn sie über Berg und Tal in das Land seiner Träume dahinschwebten. So legte er seine ganze Seele in das Instrument und sein Leben in die schmeichelnden Töne, die unter seinem Bogen hervorquollen und ihn mit sanften Händen umfaßten und bestrickten, so daß er ihnen nimmermehr zu entrinnen vermochte. Als er eines Tages am Fenster stand, gerade als die Sonne unterging, blickte er über die blühenden Hollundersträuche seines Gartens weg auf die fernen Dörfer und auf die braunen Hügel, über die wogenden Kornfelder hinaus, bis dort, wo der Rand des Himmels auf die Erde stößt. Es hatte geregnet. Noch rieselte es schwer von allen Blättern nieder, ein frischer Hauch zog durch die Wipfel der Bäume, in denen sich die Vögel mit erquickten Kehlen ihre Abendgrüße zusandten. Da erfaßte den Jüngling ein heißes Sehnen, er nahm seine geliebte Geige, setzte sie an die Brust und strich zärtlich mit dem Bogen über die Saiten. So hatte er noch nie gespielt, ein so süßes. zauberhaftes Klingen hatte er noch nie gehört, er berauschte sich an dieser Flut des Wohlklanges und vergaß alles um sich her. Plötzlich aber wurden die Töne zu Stimmen, ein Gesang wie ein mächtiger Chor brauste an seinen Ohren vorbei, und deutlich vernahm er, hell und klar alle anderen übertönend, eine flehende, weiche Stimme:
»Du hast mir deine Seele geschenkt,« bat die Stimme, »was soll ich mit ihr? Ich war ein Ton, der sich freudig mit mächtigen Schwingen über Berg und Tal hob, der zum Himmelsgewölbe aufstieg und in der Stille der Nacht mit den glänzenden Sternen Zwiesprach hielt. Ich tauchte in die duftigen Kelche der Blumen, ich stieg in das helle Wasser des Bergsees bis zum kristallenen Hause der Nixe, und wenn ich niederzitterte, lief sie den goldenen Kamm fallen, mit dem sie ihr Haar strählt, und lauschte. Und die Fische kamen mit offenen Mäulern geschwommen, glotzten mit großen Augen drein und stießen mit ihren plumpen Köpfen an die durchsichtigen Wände. Auf die Gipfel der Berge stieg ich, da kam der Sturmwind geflogen, wiegte mich in seinen Armen und floh mit mir hinaus auf das schäumende, brausende Meer oder über die weißglänzenden Firnen und die blauen Gletscher, die steilen Wände hinunter in den dunklen Hochwald hinein. Aber jetzt muß ich immer um dich sein, immer bei dir. Du hast mich mit deinem Herzblut genährt, du hast mich ewig an dich gekettet, jetzt lasse mich auch leben, sonst fluche ich dir!«
»Lebe, bleibe immer bei mir, süßer Ton«, bat der Jüngling.
Erschrocken ließ er die Geige sinken. Vor ihm stand seine eigene Gestalt, groß und schlank wie er, mit denselben Augen, denselben Haaren, den gleichen Zügen im Antlitz. Der Künstler griff nach dem Gast, aber er faßte in die leere Luft. Sein Ebenbild jedoch blieb und lächelte ihn freundlich an. Das Phantom folgte ihm überallhin, aber niemand sah es, außer er selbst. Wenn er jauchzte und sich froh fühlte, sah er seinen Doppelgänger auch fröhlich, wenn er traurig war und litt, so war der andere still und düster. Nie verließ er ihn, nur wenn er die Geige spielte, so verschwand er. Bald merkte der Jüngling, daß es ihm immer schwerer fiel, zu spielen, daß ihn eine unsichtbare Macht daran zu hindern suchte. Wenn er jedoch sich überwand und den Schemen bannte, so empfand er eine rasende Angst vor seiner Wiederkehr und mußte so lange spielen, bis er aufs äußerste erschöpft in einen Stuhl sank und die Geige seiner Hand entglitt. Da stand auch das Phantom wieder da, düster und drohend, und er sah, wie er sich gegen sich selbst auflehnte und mit sich haderte und fühlte mit Entsetzen, wie ein von seinem Selbst losgelöstes, aber doch von ihm unzertrennliches Wesen ihn zu hassen begann. Nach und nach artete der stumme Trotz des Schemens in offenen Kampf aus. Wenn ihn der Künstler bannen wollte, so verfolgte ihn der andere. Er hetzte ihn durch Feld und Flur, durch seine Gemächer, ihm immer auf den Fersen folgend, sein Inneres mit grauenhafter Qual und schrankenlosem Entsetzen erfüllend. Einmal, als ihm in einer lautlosen, düsteren Nacht sein feindliches Selbst unerträglich wurde, ging er zu dem hohen Kasten, der seine Instrumente barg, und wollte ihn aufschließen. Da spürte er, wie ihn Jemand daran hinderte, sein Arm wurde bleischwer, er fühlte einen heißen, glühenden Atem im Nacken, und die Angst jagte ihn Trepp auf, Trepp ab durch das ganze Haus, durch alle Gänge, durch weite, finstere, ihm unbekannte Zimmer, bis er endlich in einem hohen Gemach anlangte. Mit einem Schlag erhellte sich der weite Raum. Es war ein Riesensaal im üppigsten Rokokostil, mit Spiegeln, die von der Decke bis zum Boden reichten, und großen Kronleuchtern, die im Schimmer von hundert Kerzen strahlten und den Saal taghell beleuchteten. Das wahnsinnigste Entsetzen schüttelte ihn, er sah sich zwanzigfach in allen Spiegeln, wie er seiner eigenen Gestalt gegenüberstand, mit funkelnden Augen, wutverzerrten Zügen und gekrümmten Fingern, bereit, auf sich selbst loszustürmen und sich zweifach zu erwürgen. Mit einem lauten Aufschrei sank er nieder.
Seit jenem Tage rührte er die Geige nicht mehr an, ja, er wagte es nicht einmal, die Augen zu öffnen, denn dann sah er seine eigene Gestalt mit haßerfülltem Gesichte vor sich stehen. Stundenlang sann der Jüngling schweigend. Er scheute das helle Licht des Tages und zog schwere Gardinen vor die Fenster. Dicke Teppiche dämpften die Schritte, alles Lebende war aus seiner Nähe verbannt, sogar die vielen Blattgewächse und Blumen, die einst sein Heim schmückten, hatte er daraus entfernen lassen. Die Leute hielten ihn für schwermütig oder gar für gestört im Geiste und begannen ihn zu meiden. So verödete sein Haus. Das Tor war den ganzen Tag geschlossen, niemand pochte daran, niemand stieg die Treppe empor und betrat die schönen, einst so gastlichen Räume. Der große Garten verwilderte nach und nach, denn er hatte den Gärtner entlassen. Auf den früher mit farbigem Kies bestreuten Wegen wuchs Gras. Die bunten Blumenbeete standen voll Unkraut, die Rosenstöcke trieben lange Schädlinge und blühten nicht mehr. Nur eine große, böse Dogge mit blutroten Lefzen und schäumendem Maul rannte im Garten herum und tobte des Nachts die Mauer entlang, wenn draußen die schweren Schritte eines verspäteten Wanderers verhallten. — — — — — — —
Eines Abends stand der Jüngling auf dem hölzernen Balkon, von dem an beiden Seiten Treppen in den Garten führten, und blickte mit müden Augen in das brennende Rot, das den Himmel wie eine entzündete Wunde färbte. Laute Schreie ausstoßend, stürzten sich die Schwalben in den flammenden Brand. Wie Feuerschein lohte es auf dem Balkon, und eine unsägliche Traurigkeit lag über der ganzen, sonst so lieblichen Landschaft. Nach und nach brach die Dunkelheit herein, und der Mond stieg am blauen Himmel auf, schwebte zuerst über den mächtigen Linden am steinernen Parktor und stieg dann höher und immer höher empor, sein klares und mildes Licht über die Wipfel der Bäume gießend.
Der Künstler seufzte tief auf, strich mit der Hand über seine Stirne und trat in sein Zimmer zurück. Dann schloß er sorgfältig die Türe zum Balkon, trat zum Instrumentenkasten und öffnete ihn. Er nahm die Geige heraus, die ihm so viel Ungemach bereitet hatte und verließ sein Haus. Sein Plan stand fest. Er wollte das kostbare Instrument vernichten, zerbrechen, zerstören und seine Trümmer in den See schleudern. Eine innere Stimme sagte ihm, er werde dann Ruhe und Genesung finden. Er schritt durch den Garten und die kleine Hinterpforte, wo die Glyzinien über die Mauer hingen, auf die Straße hinaus und zwischen Gartenmauern hindurch, bis er zu dem Wege kam, der zuerst an Feldern und Wiesen vorbei, dann durch einen Föhrenwald sanft bergan zu dem kleinen See führte, der zwischen mäßig hohen, aber steil abfallenden Felsen in einer länglich runden Talmulde lag. Als er den Wald betreten hatte, vernahm er zuerst in der Ferne, dann immer näher eilige Schritte, die ihn zu verfolgen schienen, und als er sich umwandte, sah er seine eigene Gestalt mit angstverzerrten Zügen auf sich zueilen. Er lief wie ein Wahnsinniger den Hügel hinan, blind vorwärts, an die Bäume anstoßend, über Wurzeln hinstolpernd, keuchend und halb wahnsinnig vor Entsetzen. Endlich langte er am Rande des Waldes an. Dort lagen etliche verstreute Granitblöcke, dann brach der Boden plötzlich ab, und eine senkrechte Felswand ragte in den See, in dem sich der Mond spiegelte. Er war ruhig, kein Wellchen kräuselte seine Oberfläche, er schien ganz dunkel, und leichte, zarte Nebel zogen über ihn hinweg. An einem dieser Blöcke wollte er die unselige Geige zerschmettern. Er hob seine Arme hoch empor und war im Begriffe, sie eben auf den Stein niedersausen zu lassen, da spürte er, wie sich jemand mit voller Kraft an dem Kasten der Geige festhielt, während er mit eisernem Griffe die Schnecke umklammerte. Es begann ein heftiges Ringen auf dem moosigen Waldboden. Der Jüngling taumelte von einer unsichtbaren Macht geschüttelt und gezerrt nach allen Seiten, plötzlich ließ er das Instrument los, verlor den Boden unter den Füßen, stürzte lautlos rücklings in den See und verschwand. Das Wasser rauschte auf. Ein Duckhuhn flatterte ängstlich kreischend, mit den Flügeln den See peitschend, über die silberne Straße, welche der Mond auf die Flut zeichnete, ins Dunkel hinein. Dann wurde es totenstille. Plötzlich klangen lange, wehmütige Geigentöne durch den Wald, die mit einem schrillen Akkord verstummten. Ein fahler Nebelschwaden zog rasch durch die Luft, über die Wellen, seltsam anzusehen wie eine händeringende Gestalt, und zerfloß in nichts. Des Morgens Kühle stieg die Feldwinde empor, der Mond verblaßte, fern am Horizont hellte es sich auf, und die ersten Vogelrufe ertönten in dem Gehölz. Da fuhr ein Windstoß daher, hart am Abgrund vorbei und entblätterte die wilden Rosen, daß sie wie Schnee im Winter niederfielen auf die nebelhauchenden Wasser.

Freitag, 23. November 2018

Johann Most - Die Eigentumsbestie

Johann Most - Die Eigentumsbestie
1887 (New York)

Johann Most


Der Mensch ist unter den Raubtieren das schlimmste. Das ist ein Ausspruch, den heutzutage viele tun, der aber nur bedingungsweise richtig ist. Nicht der Mensch als solcher ist ein Raubtier, sondern nur der Mensch in Verbindung mit Reichtum. Je reicher der Mensch ist desto stärker ist seine Gier nach weiterem Vermögen. Solch ein Untier, welches man Eigentumsbestie nennen kann, und das gegenwärtig die Welt beherrscht, die Menschheit unglücklich macht und mit dem Fortschreiten der sogenannten "Zivilisation" an Grausamkeit und Schlingkraft gewinnt, soll im Nachstehenden gekennzeichnet und der Ausrottung empfohlen werden.

Blickt Euch um! In jedem sogenannten "Kultur" - Lande gibt es unter je hundert Menschen etwa 95 mehr oder minder vollendete Habenichtse und ungefähr fünf Geldprotzen. Es ist nicht nötig, alle Schleichwege aufzusuchen, auf denen die Letzteren ihr Vermögen erworben haben. Der Umstand, daß sie Alles besitzen, während die Übrigen lediglich existieren, resp. vegetieren, läßt allein schon keinen Zweifel darüber aufkommen, daß die Wenigen auf Kosten der Vielen reich geworden sind.

Bald durch das direkte brutale Faustrecht, bald durch List, bald durch Betrug hat sich diese Rotte des Grund und Bodens und aller darauf befindlichen Güter bemächtigt. Vererbung und vielfacher Händewechsel haben diesem Raub einen "altehrwürdigen" Anstrich verliehen und dessen wahres Wesen verwischt; deshalb wird die Eigentumsbestie noch immer nicht als solche erkannt; sondern sogar mit heiliger Scheu respektiert.

Und doch sind Alle, welche nicht zu dieser Art gehören, deren Opfer. Jeder Sprößling eines Nichteigentümers (Armen) findet bei seinem Eintritt in die Welt jedes Fleckchen Erde besetzt. Es gibt keine Güter, die nicht einen "Herren" hätten. Ohne Arbeit entsteht aber nichts und um heutzutage arbeiten zu können, sind nicht nur Fähigkeit und Wille erforderlich, sondern auch Werkzeuge, Rohstoffe und Lebensmittel. Der Arme wendet sich daher notgedrungen an Jene, die alle diese Dinge in Hülle und Fülle besitzen. Und siehe da, es wird ihm seitens der Reichen die Erlaubnis erteilt, weiter zu existieren. Dafür hat er sich aber sozusagen seiner Kraft und Geschicklichkeit zu entäußern. Diese verwenden fortan seine vermeintlichen Lebensretter für sich. Denn Letztere spannen ihn einfach ins Joch der Arbeit; sie zwingen ihn, bis zur äußersten Grenze körperlicher und geistiger Anstrengung neue Schätze zu erzeugen, nach denen er aber nicht seine Hände auszustrecken berechtigt ist. Würde er sich lange besinnen wollen, solch' einen ungleichen Handel abzuschließen, so belehrte ihn doch bald sein knurrender Magen, daß der Arme hierzu keine Zeit hat.

Und da viele Millionen ganz in der nämlichen Lage sich befinden, wie er, so setzt er sich obendrein der Gefahr aus, daß sich, während er sich besinnt, hundert Andere um seine Stelle bewerben, so daß er neuerdings in der Luft hängt. Furchtbar schwingt seine Peitsche der Hunger über dem Kopfe des Armen. Um zu leben, muß er sein eigenes Ich täglich und stündlich freiwillig verkaufen.

Es waren entsetzliche Zeiten, als die herrschenden Klassen auf die Sklavenjagd gezogen waren und Jene, die in ihre Hände fielen, in Ketten schlugen und mit Gewalt zur Arbeit zwangen. Ungeheuerlich sah es aus in der Welt, als die christlich-germanischen Räuber ganze Länder stahlen, den Boden den Völkern unter ihren Füßen hinweg zogen und sie zum Frondienst preßten. Den Gipfel der Schmach aber hat erst die heutige "Ordnung" erzeugt: denn sie hat mehr als neun Zehntel der Menschheit um ihre Existenzbedingungen betrogen, in Abhängigkeit einer winzigen Minderheit versetzt und zur Selbsthingabe verdammt, gleichzeitig jedoch dieses Verhältnis dermaßen durch allerlei Formeln verhüllt, daß die Hörigen der Neuzeit - die Lohnsklaven ihre Rechtlosigkeit und Knechtschaft nur zum Teil erkennen und geneigt sind, sie dem Glücks-, resp. Unglücksfalle zuzuschreiben.

Diesen gräßlichen Zustand zu verewigen, das ist das einzige Streben der "vornehmen" Welt. Unter sich sind zwar die Reichen nicht immer einig; im Gegenteil sucht Einer den Anderen durch Handelskniffe, Spekulantenlist und Konkurrenzmaximen zu übervorteilen; allein dem Proletariate gegenüber stehen sie als eine geschlossene feindliche Masse da. Ihr politisches Ideal ist daher - aller freisinnigen Redensarten ungeachtet - ein möglichst starker und ruppiger Büttelstaat.

Bettelt der Arme, der momentan außer Stande ist, sich an einen Ausbeuter zu verkaufen, oder den die Eigentumsbestie bereits zur Arbeitsunfähigkeit ausgeschunden hat, so sagt der satte Bourgeois, das sei Vagabundage, und er ruft nach Polizei; er verlangt Stockprügel und Zuchthäuser für den armen Teufel, der nicht zwischen Bergen von Lebensmitteln verhungern will. Greift der Arbeitslose gar zur sonst so viel gepriesenen Selbsthilfe, tut er im Kleinen, was die Reichen täglich ungestraft im Großen tun, d.h. stiehlt er etwa, um existieren zu können, so sammelt die Bourgeoisie glühende Kohlen "sittlicher" Entrüstung über seinem Haupte und überantwortet ihn mit strenger Miene dem Staatszwinger, um ihn dort desto entschiedener (wohlfeiler) auszubeuten.

Verbinden sich die Arbeitsleute, um gemeinsam höhere Löhne, kürzere Arbeitstage u. dgl. zu ertrotzen - sogleich zetert das Protzentum, das sei Konspiration und müsse hintertrieben werden. Organisieren sich die Proletarier politisch, so ist das ein Verstoß gegen "göttliche Weltordnung", der durch Ausnahmegesetzgebung zu Nichte gemacht werden muß. Denkt schließlich das Volk ans Rebellieren, so erschallt in der ganzen Welt ein Wutgeheul der Goldtiger ohne Ende. Sie lechzen nach Massakres und ihr Blutdurst ist unstillbar.

Das Leben des Armen gilt dem Reichen ohnehin für Nichts. Als Schiffseigner setzt ganze Bemannungen aufs Spiel, wenn es darauf ankommt, hohe Versicherungsprämien für halbverfaulte Fahrzeuge zu ergaunern. Schlechte Ventilation, zu tiefer Bau, mangelhafte Stützung usw. bringen jährlich vielen Tausenden von Bergleuten den Tod, erhöhen aber den Gewinn, daher es für die Grubenbesitzer dabei sein Bewenden hat. Nicht mehr kümmert sich Fabrikpascha darum, wie viele "seiner" Arbeiter von Maschinen zerrissen, durch Chemikalien vergiftet oder in Dunst und Schmutz langsam erstickt werden. Der Profit ist die Hauptsache.

Weiber sind billiger als Männer, daher saugt jeder kapitalistische Vampir mit ganz besonderer Vorliebe Weiberblut. Obendrein liefert ihm die Frauenarbeit wohlfeile Maitressen. Kinderfleisch ist das billigste; was Wunder, daß die Kannibalen der modernen Gesellschaft ständig ihre Zähne fletschen nach jugendlichen Opfern. Was haben sie darnach zu fragen, daß die armen Kleinen auf solche Weise verwahrlost und verkrüppelt werden! Während Tausende davon im zarten Alter, ausgemergelt und elend in die Grube sinken, steigen die Aktien. Das genügt!

Da die Bourgeoisie vermöge ihres Kapitals alle neuen Erfindungen nur für sich allein in Anspruch nimmt, hat jede neue Maschine, statt Arbeitszeitverkürzung und Erhöhung des Lebensglücks für Alle, nur Entlassung aus dem Geschäft für die Einen, Lohnherabsetzung für anderen, stärkere Verelendigung für das ganze Proletariat zur Folge. Wenn aber die Vermehrung der Produkte begleitet ist von einer zunehmenden Verarmung der Volksmassen, so muß die Konsumtion gleichzeitig abnehmen; es müssen Stockungen und Krisen eintreten. Eine Fülle von vorhandenen Schätzen in den Händen Weniger muß Hungertyphus unter der Masse erzeugen. Das Verkehrte, ja Wahnsinnige eines solchen Zustandes liegt auf der Hand. Die Protzen aber zucken mit den Achseln darüber. Das werden sie so lange treiben, bis über ihren Achseln ein wohlgeschlungener Strick alle Zuckungen endet.

Aber nicht bloß als Produzent wird der Arbeiter in der mannigfaltigsten Weise geschröpft, sondern auch als Konsument. Sein kärgliches Einkommen suchen ihm zahlreiche Schmarotzer schleunigst wieder abzujagen. Wenn die Waren bereits durch allerlei Börsen und Grossistenlager gewandert sind und durch verschiedenartige Makler- und Jobberprofite, durch Zölle und Taxen Preisaufschläge erfahren haben, kommen sie endlich zum Krämer, dessen Kunden fast ausschließlich Proletarier sind. Großkapitalisten "machen" d. h. ergaunern vielleicht 10 - 20 Prozent Gewinn bei ihren Umsätzen; der Krämer will mindesten 100 Prozent haben. Er bedient sich zur Erzielung dieses Resultats verschiedenartiger Kniffe; insbesondere treibt er die schamloseste Warenverfälschung. Verwandt mit diesen Betrügern sind die zahllosen Bierpantscher, Schnapsverderber und sonstigen Giftmischer, welche in alle großen Städten und industriellen Distrikten jede Gasse unsicher machen. Ferner sinnen die Hauspaschas ohne Unterlaß darüber nach, wie sie das Leben der Proletarier verbittern könnten. Die Wohnungen werden immer schlechter, die Mieten höher, die Kontrakte niederträchtiger. Mehr und mehr werden die Arbeiter zusammen gepfercht in Hintergebäuden, in Dachkammer und Kellerlöchern, die voll von Wanzen, feucht und moderig sind. Gefängniszellen sind häufig von zehnfach gesünderer Beschaffenheit.

Ist der Arbeiter beschäftigungslos, so lauert wiederum eine ganze Bande von Hungerspekulanten darauf, ihn vollends zu ruinieren. Pfandleiher und ähnliche Schufte borgen auf die letzten Habseligkeiten der Armen kleine Beträge zu hohen Zinsen. Deren Verträge sind gewöhnlich derart abgefaßt, daß sie nicht leicht eingehalten werden können; das verpfändete Gut verfällt und der Proletarier sinkt abermals um eine Stufe tiefer. Jene Halsabschneider aber sammeln sich in kurzer Zeit große Vermögen an. Sogar den Bettler betrachten viele Parasiten als eine rentable Figur. Jede Kupfermünze, die er sich mühselig verschaffte, erregt das Verlangen von Inhabern schmutziger Herbergen und Spelunken. Ja, selbst Diebe entgehen der kapitalistischen Ausbeutung nicht. Sie sind die Sklaven von raffinierten Hehlern und Unterschlupfgebern, welche ihnen gestohlene Wertsachen für eine Bagatelle abnehmen. Und jene armen Mädchen, welche die heutige Schandwirtschaft in die Arme der Prostitution getrieben, werden durch Bordellwirte und ähnliche Schmachgestalten ganz scheußlich geplündert.

So geht es dem Armen von der Wiege bis zum Grabe. Ob er produziert, ob er konsumiert; ob er existiert oder vegetiert; er ist stets umlagert von einer Schar von heißhungrigen Vampiren, die nach jedem Tropfen seines Blutes lechzen. Auf der anderen Seite stellt der Reiche nie sein Ausbeutungshandwerk ein, wenn er auch noch so wenig in der Lage ist, einen Grund für seine Habgier anzugebeben. Wer eine Million hat, will 10 Millionen haben; wer deren 100 besitzt, geizt nach einer Milliarde usw. Zur Habgier gesellt sich Herrschsucht.

Das Besitztum ist eben nicht nur ein Mittel zu immer weiterer Bereicherung, sondern auch eine politische Macht. Unter dem jetzigen Kapital-System ist die Käuflichkeit fast ein allgemeines Laster. Es handelt sich gewöhnlich nur darum, den richtigen Preis anzusetzen, um Diejenigen zu kaufen, welche geeignet sein können, durch Sprechen oder Schweigen, durch Schrift oder Druck, durch Gewaltakte oder durch was immer der Eigentumsbestie zu dienen. Sie ist vermöge ihrer goldenen Diktate die wahre allmächtige Gottheit.

Da werden in Europa und Amerika mehr als 500.000 Pfaffen unterhalten, um, wie in der "Gottespest" nachgelesen werden kann, die Volksmassen ihres gesunden Menschenverstandes zu berauben. Daneben strolchen zahlreiche "Missionäre" von Haus zu Haus, um alberne Traktätchen zu verteilen oder sonstigen "geistigen" Unfug zu treiben. In den Schulen wird Alles aufgeboten, um das wenige Gute, welches die Lese-, Schreib- und Rechen Dressur allenfalls mit sich bringen könnte, möglichst hinfällig zu machen. Eine blödsinnige Malträtierung der "Geschichte" erzeugt jenen aufgeblasenen Dünkel, der die Völker verunreinigt und sie nicht erkennen läßt, daß ihre Bedrücker gegen sie längst sich geeinigt haben, und daß Im Grunde genommen die ganze bisherige Politik nur den Zweck hatte, die Macht der Herrschenden zu befestigen und die Ausbeutung der Armen durch die Reichen zu sichern.

Den Hausierhandel mit dem Loyalitäts- und "Ordnungs"-Fusel besorgen des Weiteren insbesondere die Schmierfinken der Tagespresse, zahlreiche literarische Geschichtsfälscher, die politischen Klopffechter eines tausendfältig verzweigten Vereins- und Versammlungslebens, Parlaments-Quatschmichel mit dem ewig süßlächelnden Gesichte, den stetigen Versprechungen auf den Lippen und dem Verrat im Herzen, und hunderterlei andere Politiker von mehr oder weniger Lumpazi-Vagabundus Qualität.

Speziell zur Verdunkelung der sozialen Frage sind ebenfalls ganze Schwadronen von Strauchrittern tätig. Die Professoren der Nationalökonomie spielen z. B. so recht die Leibkosaken der Bourgeoisie, indem sie das goldene Kalb als die wahre Sonne des Lebens preisen und die Gerbereien von Arbeiterfellen "wissenschaftlich" in allgemeine Wohltätigkeit an der Menschheit umlügen. Ein Teil dieser Schulpfaffen empfiehlt gleichwohl soziale Reformen, d. h. natürlich mit anderen Worten Prozeduren, bei denen der Pelz gewaschen aber nicht naß gemacht werden soll. Außerdem foppen sie noch die Arbeiter durch Empfehlung von Spar- und Bildungsrezepten.

Während die kapitalistischen Raubholde solchermaßen das Volk nasführen lassen, erweitern sie auf der anderen Seite ihren eigentlichen Gewaltmechanismus immer entschiedener. Es werden immer mehr Ämter errichtet. An die Spitze derselben stellen sich in Europa die Nachkömmlinge der ehemaligen Straßenräuber (die "Edelleute"), in Amerika die geschicktesten Stellenjäger und geriebensten Gauner, welche mit ihrem eigentlichen Zweck, der autoritätsmäßigen Knebelung des Proletariats, auch noch die angenehme Beschäftigung von Kassendieben und Fälschern höheren Grades verbinden. Sie dirigieren ganze Armeen von Soldaten, Gendarmen, Polizisten, Spionen, Gefängniswärtern, Zollwächtern, Steuereinnehmern, Exekutoren usw. Die letzteren Gattungen des Bütteltums sind fast durchgängig dem nichtsbesitzenden Volke entnommen, auch werden sie selten besser als proletarisch entlohnt. Dennoch spielen dieselben mit großem Eifer die Spähaugen, Schnüffelnasen und Lauschohren, die Klauen, die Zähne und die Saugrüssel des Staates, welch' letzterer solchermaßen augenscheinlich nichts weiter ist, als die politische Organisation einer Rotte von Betrügern und Ausbeutern, die ohne eine solche Macht- und Tyrannisierungs-Maschinerie nicht einen einzigen Tag vor dem gerechten Zorn und Unwillen des geschundenen und geplünderten Volkes sich zu halten vermöchten.

In den meisten älteren Ländern ist dieses System natürlich auch in der äußeren Form am schärfsten zugespitzt worden. Es konzentriert sich der ganze staatliche Zuchtapparat in einer monarchischen Spitze. Die Repräsentanten der selben, die Gottesgnädlinge, sind denn auch der Ausbund aller Schurkerei. In ihnen sind sämtliche Laster und Verbrechen der herrschenden Klasse bis zum Ungeheuerlichsten verkörpert. Ihre Lieblingsbeschäftigung ist der Massenmord (Krieg); wenn sie stehlen, (und sie stehlen oft) nehmen sie immer gleich ganze Länder und Hunderte, ja Tausende von Millionen. Die Brandstiftung in großartigem Maße dient ihnen nur zur Beleuchtung ihrer Gräuel. In ihren Schädeln hat sich die Marotte festgesetzt, daß die Menschheit lediglich dazu da sei, um von ihnen geknufft und angespieen zu werden. Höchstens erachten sie es der Mühe wert, die schönsten Weiber und Mädchen "ihrer" Länder zur Befriedigung ihrer viehischen Lüste auszuwählen. Die Übrigen haben das Recht, "alleruntertänigst zu verrecken".

An direkter Brandschatzung nehmen diese gekrönten Raubmörder in Europa jährlich 200 Millionen Mark ein. Der Militarismus, ihr Kind, kostet, ganz abgesehen von den aus ihm entspringenden Verlusten an Gut und Blut, per Jahr weitere 4000 Millionen Mark, und eine gleiche Summe zählt man an Zinsen für die 80.000 Millionen Staatsschulden, welche die Halunken in verhältnismäßig kurzer Zeit gemacht haben. Somit kostet der Monarchismus in Europa jährlich 8200 Millionen Mark, d. h. mehr als 10 Millionen Arbeiter, respektive die Ernährer von 50 Millionen Menschen an Lohn einnehmen!

In Amerika nehmen die Stelle der Monarehen die Monopolisten ein. Und wenn sich in der angeblich "freien" Republik der Vereinigten Staaten von Nord-Amerika der Monopolismus nur noch kurze Zeit so weiter entwickelt, wie in den letzten 25 Jahren, so werden gar bald nur noch Luft und Licht von der Monopolisierung verschont geblieben sein. 500 Millionen Acker Landes, ungefähr das Sechsfache der Bodenfläche von Großbritannien und Irland, sind im Laufe eines Menschenalters in den Vereinigten Staaten zur Hälfte den Eisenbahngesellschaften, zur anderen Hälfte Großgrundbesitzern (europäisch-aristokratischer Abstammung) zugefallen. In wenigen Jahrzehnten hat Vanderbilt allein 200 Millionen Dollars sich ergaunert. Ein paar Dutzend seiner Raubkollegen stehen im Begriffe, ihn einzuholen. San Francisco ist vor 30 Jahren erst gegründet worden und heute gibt es daselbst schon 85 Millionäre! Alle bis jetzt entdeckten Lager von Kohlen und Metallen, alle Ölquellen, kurz alle Bodenreichtümer des ungeheuren herrlichen Landes gehören schon jetzt (nach kaum 100jähriger Etablierung der "Republik") nicht mehr dem Volke, sondern einer Handvoll von verwegenen Abenteurern und raffinierten Gaunern.

Vor dem Einflusse dieser Börsenkönige, Eisenbahnmagnaten, Kohlenbarone und Schlotjunker sinkt die "Souveränität des Volkes" buchstäblich in den Straßenkot. Diese Kerle haben die ganzen Vereinigten Staaten in den Taschen, und was sich da an scheinbar freier Gesetz- und Stimmgeberei breit macht, ist eitel Mummenschanz. Wenn so etwas am grünen Holze geschieht, was soll da erst am morschen Gebälk werden? Wenn die junge amerikanische "Republik" mit ihren unerschöpflichen Naturreichtümern in so kurzer Zeit derart kapitalistisch verludert werden konnte, was braucht man sich da noch über die Folgen länger wirkender Ursachen gleicher Art in dem altersschwachen verrotteten Europa zu wundern?!

Wahrlich, es scheint, als ob die amerikanische "Republik" vorläufig nur den einen kulturhistorischen Zweck gehabt hätte, dem Volke diesseits wie jenseits des atlantischen Ozeans durch krasse Tatsachen zu zeigen, welch ein Ungeheuer die Eigentumsbestie ist, und daß weder Bodenbeschaffenheit noch Ausdehnung des Landes, noch politische Gesellschaftsformen die Bösartigkeit dieses Raubtieres zu alterieren vermögen, ja daß dasselbe um so gefährlicher sich zeigt, je weniger Notwendigkeit für die individuelle Habgier von Natur aus gegeben ist. Möge die arbeitende Menschheit daraus die Nutzanwendung schöpfen, daß dieses Ungeheuer nicht gezähmt oder ungefährlich oder gar gemeinnützig gemacht werden kann, sondern daß ihm gegenüber nur ein Heilmittel existiert: der unerbittliche. unbarmherzige und vollständigste Vernichtungskrieg!

Auf gütlichem Wege ist da nichts zu Erhoffen; höchstens hat das Proletariat Spott und Hohn zu gewärtigen, wenn es so kindisch ist, seinen Todfeinden mit Petitionen, Abstimmungen u. dgl. Harmlosigkeiten Respekt einflößen zu wollen.

Allgemeine Volksaufklärung, sagen manche, werde Wandel schaffen; allein dieser Rat bleibt wesentlich auch nur eine Phrase; denn die Volksaufklärung wird erst dann allgemein möglich sein, wenn die Hindernisse, die sich derselben gegenwärtig in den Weg stellen, beseitigt sind. Und das ist nicht eher der Fall, als bis das ganze heutige System von Grund aus zerstört ist.

Damit soll natürlich nicht gesagt sein, daß in dieser Richtung gar nichts geschehen solle oder könne. Nein! Wer immer die Niederträchtigkeit der jetzigen Zustände erkannte, hat die heiligste Pflicht, überall seine Stimme zu erheben, um dem Volke über diese Dinge die Augen zu öffnen. Man muß sich aber hüten, diesen Zweck durch hochgelehrte Betrachtungen erreichen zu wollen. Möge das den ehrlicheren Männern der Wissenschaft überlassen bleiben, die auf solche Weise der sogenannten "gebildeten Welt" die Schminke der Humanität von der häßlichen Raubtierfratze kratzen. Die Sprache, welche das Proletariat verstehen soll, muß einfach und kräftig sein.

Wer diese führt, wird stets von der herrschenden Sippschaft der Aufreizung geziehen, grimmig gehaßt und verfolgt werden. Daraus können wir ersehen, daß die einzig mögliche und praktische Aufklärung aufreizender Natur sein muß. - Reizen wir also auf!

Zeigen wir dem Volke, wie es durch Land- und Stadtkapitalisten um seine Arbeitskraft betrogen wird; wie es Krämer, Haus- und andere Wirte um den kargen Lohn prellen; daß ihm Kanzel-, Press-, Partei- und andere Pfaffen den Verstand zu töten suchen; wie zahllose Büttel ewig bereit sind, es zu malträtieren und zu tyrannisieren - endlich muß ihm die Geduld ausgehen. Es wird rebellieren und seine Feinde zermalmen.

Die Revolution des Proletariats, der Krieg der Armen gegen die Reichen, ist der einzige Weg, der zur Erlösung führen kann.

Aber, wenden Andere ein, Revolutionen lassen sich doch nicht machen. Gewiß nicht, aber vorbereiten kann man dieselben, indem man das Volk darauf aufmerksam macht, daß solche Ereignisse vor der Türe stehen, und indem man es herausfordert, sich zu rüsten.

Die kapitalistische Entwicklung, von welcher viele Theoretiker behaupten, daß sie bis zur völligen Austilgung aller kleinbürgerlichen Existenzen gediehen sein müsse, ehe die Vorbedingungen zu einer sozialen Revolution gegeben seien, hat bereits einen solchen Höhepunkt erreicht, daß ihr weiterer Fortgang nahezu unmöglich geworden ist. Allgemein großindustriell kann nur dann produziert werden, und allgemeiner Großbetrieb auf dem Lande kann nur dann stattfinden, wenn die Gesellschaft kommunistisch organisiert ist und wenn - was sich im letzteren Fall ganz von selbst versteht - mit der Entwicklung der Technik der Verkürzung der Arbeitszeit und die Erhöhung des Verbrauchs gleichen Schritt halten.

Das ist auch leicht einzusehen. Da beim Großbetrieb 10 Mal, in manchen Fächern sogar 100 Mal mehr produziert wird, als die betreffenden Arbeiter an gleichwertigen Waren verbrauchen, so bekommt die Trommel alsbald ein Loch. Bisher ist die überschüssige Differenz deshalb weniger vermerkt worden, weil der weitaus größte Teil des sogenannten "Gewinnes abermals kapitalisiert, d. h. zu neuen kapitalistischen Anlagen verwendet worden ist, und weil die weitest entwickelten Industriestaaten nach weniger fortgeschrittenen Ländern Ungeheure Warenmassen exportierten. Jetzt fängt die Sache aber an, in dieser Beziehung gewaltig ins Stocken zu geraten. Der Industrialismus hat überall ungeheure Fortschritte gemacht; damit kommen Ausfuhr und Einfuhr mehr und mehr ins Gleichgewicht und schon deshalb lohnen sich neue Kapitalanlagen immer weniger, ja sie werden unter solchen Umständen bald ganz und gar untunlich erscheinen. Ungeheure Weltkrisen werden dieses Mißverhältnis gar bald zum allgemeinen Verständnis bringen.

Somit ist Alles für den Kommunismus reif; es brauchen nur dessen interessierten Gegner, die Kapitalisten und ihre Helfershelfer, beseitigt werden. In der Zeit der, wie gesagt, bevorstehenden Krisen wird das Volk auch genügend zum Kampfe bereit gemacht werden. Und es handelt sich dann nur darum, ob überall ein gehörig geschulter revolutionärer Kern vorhanden ist, der das Zeug dazu hat, die durch Arbeitslosigkeit und Elend aller Art zum Aufruhr getriebenen Volksmassen um sich zu kristallisieren und die so geformte gewaltige Kraft behufs Zertrümmerung des Bestehenden in das Spiel zu bringen.

Arbeiten wir also überall auf die Revolution hin, ehe es zu spät ist! Der Sieg des Volkes über seine Blutsauger und Tyrannen wird dann nicht ausbleiben können.

Mittwoch, 21. November 2018

Karl Schönherr - Die »Lehrerin«.

Karl Schönherr - Die »Lehrerin«.



Gestern habe ich ein ganz nettes, bedeutungsvolles Genrebildchen gesehen. Da steht in der Gasse gegenüber meinem Fenster ein etwas baufälliges Haustor weit offen. Dahinter gähnt ein dunkler Flur. Vor dem Tor steht ein kleines, etwa vierjähriges Bübel, an dem man es wieder einmal so recht deutlich sehen konnte, daß der Mensch aus Erde und Lehm gemacht ist. Der Kleine benützt das Tor als Schreibtafel. Der rechte Zeigefinger dient ihm als Feder. Aus dem Boden in einem Grübchen ist Straßenkot zu Brei gerührt; das ist die Tinte, in die der Junge dann und wann die »Feder« taucht. Er hat im Eifer des »Schreibens« die Zunge ängstlich zwischen die Zähne gestemmt und schielt immer wieder kleinverzagt nach hinten.
Ein etwa fünfjähriges Mägdlein sitzt ängstlich zusammengeduckt aus dem Wehrstein nebenan und hält die Hände — zwei liebweichpatschige, schmutzige Pfötchen — nach braver Schülerart schön flach aus einen umgestürzten blechernen Margarinkübel. Auch sie wendet gleich dem Knaben immer wieder ihr herziges Köpfchen in halber Wendung furchtsam nach rückwärts. Denn die Kinder spielen »Schule« und hinter ihnen lauert die gestrenge Lehrerin: Ein Mädel von etwa sieben Jahren, barfuß, mit einem dünnen, semmelblonden Zöpfchen. Sie hat neben sich ein Strickzeug liegen, aber weiß Gott, sie kommt nicht dazu, eine einzige Masche zu fassen. Immer wieder springt sie auf und langt nach dem Haselstäbchen. Bemüht sich auch als »Lehrerin« ein gutes Schriftdeutsch zu sprechen:
»Was? Dös da soll ein Haarstrich sein?« schreit sie den Knaben vor der »Tafel« an. »Du Fratz! Ich werde es dir learnen!« Und das Haselstäbchen saust unbarmherzig über die kleinen Finger.
Armes Bübel! Mit solcher Feder und solcher Tinte soll er auf dem alten Tor Haarstriche machen! Nichts ist der Lehrerin recht. Sie sitzt da und lauert auf Fehler und Ungehörigkeiten, wie ein Jäger auf den Fuchs. Das Stäbchen in ihrer Hand sucht ordentlich nach lebendiger Betätigung.
»Habe ich es dir nicht alm gesagt, du sollst die Hände gerade halten!« herrscht sie das brave Kleine auf dem Wehrstein an. »Wart, Fratz! Ich werde dich learnen!« Und das Stäbchen saust auf den Margarinkübel nieder, daß es dröhnt. Die Kleine hat ihre Pfötchen zum Glück noch rechtzeitig in Sicherheit gebracht und befleißigt sich jetzt nur noch ängstlicher einer musterhaften Haltung. Die »Lehrerin« nimmt nun summarisch die »ganze Klasse« vor:
»Ihr unkulidivierten Fratzen! Ihr verbittert mir mein ganzes Löben!«
Kein lieber Zug ist an dieser Kleinen; alles streng und mitleidlos. Ich kenne das Mädel. Es ist sonst gut und sanft. Aber es kopiert da offenbar seine eigene Lehrerin. So tat sich mir in dem simplen Spiel der Kinder ein getreues Widerbild einer kleinen Tiroler-Dorfschule auf mit seiner ganzen trostlosen Dürre und Härte.
Die zwei kleinen Schüler haben sich ebenso wie die »Lehrerin« mit der ungeheuren Kraft der Kinderphantasie ganz und voll in das »Milieu« hineingelebt. Ganz devot und unterwürfig lassen sie alle Schelte und Schläge über sich ergehen; trauen sich nicht zu mucksen und zucken jedesmal schmerzlich zusammen, wenn die »Lehrerin« wieder nach dem Stäbchen langt. Sie versuchen alles ja nur recht gut und schön zu machen, aber was hilft’s? Wer sucht, der findet! Die »Lehrerin« hat schon wieder einen »Anhaltspunkt« gefunden — das schmutzige Händchen der Kleinen; Gott sei Dank, das Haselstäbchen bekommt wieder Arbeit. Die »Lehrerin« besah vorerst ihre eigene Hand, die auch nicht gerade sauber war; sie spuckte heimlich darauf und wischte sie an ihrem Röcklein verstohlen aus dem gröbsten Schmutz heraus. Dann stürzte sie wie eine Natter auf das Kleine los und riß ihr das Patschhändchen in die Höhe:
»Du Schmutzfink! Ich werde dir learnen, die Hände waschen!«
Dann schalt sie wieder mit dem Knaben vor der Tafel:
»Tut man mit der Hand die Tafel abwischen? Siehst du nicht den Schwamm, du Racker?«
Sie wies aus einen alten rotwollenen Fetzen, der an dem Tor hing:
»Du hast den Schwamm nicht amal ausgewascht? Marsch zum Brunnen und mache den Schwamm gnat naß! Und du Schmutzfink wasche dir die Händ’, sonst schlage ich dich mausgageltot!« .
Sie stieß die Kleinen mit harter Faust gegen den Brunnen zu und gab jedem noch einen Streich mit auf den Weg.
Die beiden watschelten mit ihren kurzen Beinchen furchtsam enge aneinandergeschmiegt dem Brunnen zu und wuschen und scheuerten und hatten ja gut acht, nur alles recht gut zu machen! Wohl zwanzigmal taucht die Kleine ihre Patschhändchen tief in den Brunnen, bis sie ganz rotblau waren vor Kälte. Aber was half’s? Wer sucht, der findet! Die »Lehrerin« stand unter dem Tor und schrie ihnen zu:
»Macht man es so? Zehn Minuten von der Schule ausgeblieben! Ihr Fratzen! Ich werde Enk learnen!« «
Und sie schwang vielverheißend das Haselstäbchen den angstvoll näherkommenden Kindern entgegen.
Aber da langte plötzlich ein langer, dürrer, brauner Schicksalsarm aus dem Dunkel des Hausflurs nach der »Lehrerin«; faßte sie hinten beim blonden Schopf. Ich hörte eine kreischende Stimme — sie gehörte wohl der Mutter an:
»Hab’ i nit g’sagt, du sollst stricken!«
Dann vernahm ich ein dumpfes Pitsch-Patsch und das gellende Geschrei der »Lehrerin«.
Im Nun war die kleine Schulwelt zerstört, die sich die Kinder unter dem Haustor aufgerichtet hatten.
»O je,« lachten die beiden Kleinen. »Die Lehrerin kriegt Schläg’!« Und liefen lachend davon.
Ich aber mußte lange Zeit noch an die wirkliche Lehrerin der kleinen »Lehrerin« denken. Ich kenne sie nicht, und kenne sie doch!

Aus: Karl Schönherr, Aus meinem Merkbuch, L. Staakmann Verlag, Leipzig, 1911

Montag, 5. November 2018

Alexander Poljenow - Mischa Strongins sieben Versuche

Alexander Poljenow - Mischa Strongins sieben Versuche


MISCHA Strongin hatte an den technischen Hochschulen von Moskau und Charlottenburg nicht viel Gefallen gefunden, war mit kaum zwanzig Jahren aus der letzteren ausgetreten und hauste in völliger Weltabgeschiedenheit in einer Petersburger Vorstadt, in der Nähe des großen Elektrizitätswerkes, wo er ganz allein ein kleines Häuschen bewohnte, das er zu einem physikalischen Laboratorium ausbaute. Nichts ist natürlicher, als daß die Polizei Verdacht schöpfte, er habe sich eine Banknoten- oder Flugschriftendruckerei oder gar eine Sprengstoffabrik eingerichtet, und zwei oder drei Haussuchungen bei ihm abhielt. Man fand aber nichts, was auf eine verbrecherische oder staatsgefährliche Tätigkeit schließen ließe: die amtlichen Sachverständigen erkannten, daß es sich um etwas Elektrotechnisches oder Elektrochemisches handelte und begnügten sich mit seiner Erklärung, daß er an der Konstruktion eines neuartigen Akkumulators arbeite, worauf ihn die Polizei endgültig in Ruhe ließ.
Nach zweijähriger angestrengter Arbeit war Mischa Strongin am 22. Juli 1913 endlich fertig. Die ersten unvollkommenen Konstruktionsversuche waren vernichtet, die Hefte mit den Zeichnungen und Berechnungen im Ofen verbrannt, und das endgültige Resultat stand vor ihm auf dem Tisch. Es war ein hellgrau lackiertes Kästchen, vermutlich aus Metall, etwa 25x15x10 cm groß, schlicht, unverfänglich und bescheiden von Aussehen wie ein elektrisches Trockenelement. Oben hatte es auch zwei auffallend kräftige vernickelte Schraubklemmen, an der einen Seitenwand aber eine runde Einstellskala, mit acht Teilungen, die mit den Buchstaben des Namens S-T-R-O-N-G-I-N bezeichnet waren. Ein flacher, roter Zeiger ließ sich frei im Kreise bewegen und auf jede der acht Teilungen einstellen. Das letzte »N« des Namens war in einen roten Kreis eingeschlossen. Unterhalb der Skala befand sich ein schmaler Schlitz, aus dem ein kurzer Messingstift herausragte: es sah genau wie die Reguliervorrichtung an der Rückwand einer gewöhnlichen Weckeruhr aus.
Als es zu dunkeln anfing, schritt Mischa Strongin zu seinem ersten Versuch. In den Revolutionsjahren 1904/5 hatte eine terroristische Gruppe den Plan gefaßt, an einem bestimmten Abend zu einer bestimmten Stunde die ganze Stromzufuhr von Petersburg abzuschneiden, um dann in der unerwarteten Finsternis irgendeinen grandiosen Putsch zu versuchen. Zu diesem Zwecke hatte man die beiden Hauptkabel eruiert und mit Hilfe mitverschworener oder bestochener Elektrizitätswerksarbeiter in den Keller eines Vorstadthauses abgeleitet. Die Kabel wurden durchschnitten und mit je einem Monstreschalter versehen: ein Kind wäre imstande, durch einen Handgriff ganz Petersburg in absolutes Dunkel zu versenken. Der Plan der Terroristen kam aus irgendeinem Grunde nicht zur Ausführung: entweder hatte man die Verschwörer bei einem anderen Anlasse, noch ehe sie zur Ausführung ihres Planes kommen konnten. Verhaftet, oder sie waren selbst rechtzeitig geflohen. Niemand wußte etwas vom Plan und von den getroffenen Vorbereitungen: niemand — außer Mischa Strongin, der durch eine merkwürdige Verkettung von Umständen, auf die wir hier jedoch nicht eingehen, Wind von der Sache bekam. Selbstverständlich befand sich der bewußte Keller unter dem Hause, das er bewohnte. Er vergewisserte sich mit einem Blick durchs Fenster, daß die Bogenlampen draußen schon brannten, stieg in den Keller hinunter und machte sich an den beiden Hauptleitungen zu schaffen. Mit einem Ruck schaltete er die Stadtbeleuchtung aus, legte dann einen sehr starken Kupferdraht auf die beiden Pole der zum Werke führenden Kabel und verband zuletzt die beiden Pole der Außenleitung mit den Klemmen seines Apparats, nachdem er zuvor den roten Zeiger auf das »S« der Skala eingestellt hatte. Das hatte folgende Wirkung: Zuerst erlosch das Licht in der Stadt; die beiden Hauptsicherungen auf der Schalttafel des Werkes brannten sofort mit einer mächtigen Explosion durch, und alle Maschinen standen nach wenigen Augenblicken still. Das Licht draußen flammte aber ungeachtet der Betriebsstörung nach einigen Sekunden, wenn auch mit merklicher Unterspannung, von neuem auf. Mischa Strongin schob den Regulierhebel unterhalb der Skala behutsam nach rechts, lief hinauf, sah, daß du Licht schon beinahe normal brannte, schob den Regulierhebel um einen weiteren Millimeter vor, verließ den Keller und begab sich in die Stadt.
Die Angestellten des Elektrizitätswerkes waren im ersten Augenblick wie vom Blitze getroffen: die ganze Stadt stromlos! Als sie aber zu den Fenstern stürzten, gewahrten sie mit Erstaunen, daß das Licht in allen Straßen brannte. Das Erstaunen wuchs zu einem namenlosen Grauen, als es sich zeigte, daß das Licht, ohne jede Stromzufuhr vom Werke, die ganze Nacht durchbrannte. — Auch den folgenden Tag. Auch die zweite Nacht, den zweiten Tag, die dritte Nacht und den dritten Tag. Man stand vor einem Rätsel. Die Maschinen arbeiteten nicht, die Heizer gingen spazieren, das Licht aber brannte drei Tage und drei Nächte hindurch. Die Ingenieure stellten Messungen und Versuche an den Leitungen an, konnten aber keine Erklärung finden. Mischa Strongin aber wußte, daß sein kleiner Apparat imstande war, das ganze Stromnetz drei Tage, ja, auch drei Jahre ununterbrochen zu speisen. Nach dieser Feststellung schaltete er du Kästchen am Abend des dritten Tages aus, stellte die Verbindung des Netzes mit dem Werke wieder her und schritt zu seinem zweiten Versuch.
In seinem Laboratorium stand ein mächtiger, etwa einen Meter langer Zementtrog, wie ein galvanoplastisches Bad mit Drahtzuleitungen an beiden Enden versehen. Diesen Trog füllte Mischa Strongin seit längerer Zeit mit Hektographenmasse, die er teils fertig kaufte, teils selbst aus Gelatine und Glyzerin herstellte. Als der Trog bis an den Rand voll war, schloß er ihn oben mit einer entsprechend großen Zementplatte ab, verkittete die Fugen sorgfältig mit Gips und verband die Pole seines Kästchens, dessen roter Zeiger diesmal auf dem »T« der Skala stand, mit den Zuleitungsdrähten des Troges. Der Prozeß, der nun im Troge begann, ging absolut geräuschlos und anscheinend auch ohne Temperaturerhöhung vor sich. Nach etwa drei Stunden hob Mischa den Deckel ab und fand du ganze Innere des Troges mit einem harten gelben Metall gefüllt. Es war gediegenes Gold, in das sich die Hektographenmasse verwandelt hatte. Nun merkte er erst seinen Fehler: der viele Zentner schwere Goldblock ließ sich nicht ohne weiteres fortschaffen und verkaufen. Darum wiederholte er den gleichen Versuch am nächsten Tage mit kleineren Mengen Masse und erhielt auf diese Weise etwa ein Kilo schwere Goldplatten, die er mit Leichtigkeit an die Reichsbank verkaufte. Mischa Strongin schwamm nun in Geld.
In der Nachbarschaft trieb sich ein etwa achtjähriger blöder Junge herum, ein geborener Kretin, mit strohblondem Haar und leeren, wässerigen Augen. Das Kind verstand kaum zu sprechen, war scheu, aber gutartig. Mischa Strongin entschloß sich, an diesem armen Menschenkinde meinen dritten Versuch vorzunehmen. Eines Morgens lockte er den Jungen zu sich ins Laboratorium, nötigte den Gefügigen in einen Sessel und legte an seine beiden Schläfen zwei mit den Polen des Kästchens verbundene Elektroden. Den roten Zeiger stellte et diesmal auf das »R« ein. Die Wirkung zeigte sich überraschend schnell. Die leeren, wässerigen Augen wurden dunkler und nahmen einen vernünftigen Ausdruck an, die glatte Stirne furchte sich, und über den Augen bildeten sich sanfte Wölbungen, wie wir sie auf den Bildnissen Helmholzʼ sehen. Schon nach zehn Minuten legte Mischa Strongin die Elektroden weg und richtete an den Jungen einige Fragen aus dem kleinen und großen Einmaleins, die jener anstandslos beantwortete. Darauf ließ er ihn ganz unvermittelt eine siebzehnstellige Zahl mit einer fünfzehnstelligen multiplizieren. Der Junge sagte das Resultat, noch ehe der letzte Ton der Frage verklungen war. Nun nahm Mischa Strongin seine alte Homerausgabe, die schon bereit lag, in die Hand und las dem Ahnungslosen im griechischen Urtext den ganzen zweiten Gesang der Ilias vor, den mit den zahllosen Völker- und Männernamen. Als er mit der Vorlesung fertig war, sagte der Junge alle die 877 Verse fehlerfrei aus dem Gedächtnis auf. Mit diesem Ergebnis zufrieden, schenkte Mischa Strongin dem jungen eine Tafel Schokolade, ließ ihn laufen und schritt zum vierten Versuch.
Die Einstellung »O« der Skala sollte nach Strongins Berechnungen wachstumsbefördernd wirken: ganz gleich, ob auf Pflanzen, Tiere oder Haarwuchs angewandt. Er konnte z. B. eine Erdbeer Staude im Verlaufe weniger Minuten zu der Größe eines Fliederbusches anwachsen lassen. Er entschied sich aber für ein anderes Versuchsobjekt. Sein einziger Hausgenosse war ein zahmer Igel, Max geheißen, der tagsüber in einem alten Kessel zu schlafen pflegte und nachts mit ungeheurem Gepolter durch die Wohnung trabte. Das Tier war so zahm, daß es sich fast nie zusammenrollte. Mischa Strongin setzte es auf den Tisch und fuhr ihm mit einer an das Kästchen angeschlossenen Drahtbürste durch die Stacheln. Mit einem leisen Knistern wuchsen sie schnell in die Länge, ohne dabei an Stärke zuzunehmen. Nach wenigen Minuten sah der Igel wie ein Stachelschwein aus. Nach einer Viertelstunde berührten die Rückenstacheln die Zimmerdecke. Der Raum war fast ganz mit den feinen Stacheln angefüllt, und der Igel im Zentrum dieses Stachelwaldes konnte sich nicht mehr rühren, geschweige denn das Zimmer verlassen. Mischa Strongin spürte Mitleid mit dem braven Tier und stellte den Apparat ab. Um den Igel von der Last der drei Meter langen Stacheln zu befreien, griff er erst nach einer Schere, entschloß sich aber dann für einen anderen Weg, der zugleich seinen fünften Versuch darstellen sollte.
Er stellte den Zeiger auf das ernte »N« der Skala und den Regulierstift auf die minimale Wirkung ein, befestigte die gleiche Drahtbürste an das eine Ende eines sehr dicken und sehr langen Glasstabes, dessen anderes Ende er in die Hand nahm, und fuhr mit dieser Vorrichtung in das Stacheldickicht. Im Umkreise von etwa einem halben Meter um das Ende des Stabes herum begannen nun die Stacheln zu verschwinden: sie fielen nicht etwa ab, sondern lösten sich unsichtbar wie ein Gas in der Luft auf. Und zwar nicht nur die Stacheln — alle Gegenstände, die in den Wirkungsbereich der Drahtbürste kamen, wurden sofort unsichtbar, verschwanden, wurden zu Nichts. Nur der Glasstab selbst schien gegen die vernichtende Kraft immun zu sein. So geriet auch eine Ecke der Tischplatte zu nahe an das Vernichtungszentrum und verschwand: die Stelle sah wie abgeschnitten aus. Mischa Strongin beseitigte ziemlich schnell das längste Stachelgewirr, stellte den Apparat ab und brachte den Stachelschmuck des Igels mittels einer Schere auf die ursprüngliche Länge zurück.
Der folgende, sechste Versuch war nicht so einfach auszuführen, da sich das Versuchsobjekt nur schwer beschaffen lief. Mischa Strongin brauchte eine Leiche, und zwar die eines auf natürliche Weise gestorbenen Menschen. Hier kam ihm das Gold, das er sich in beliebigen Mengen herzustellen wußte, zustatten. Der Wärter des Spitals ließ mit sich reden und schaffte eines Abends mittels einer Droschke eine in eine Bastdecke eingenähte Leiche in das kleine Vorstadthaus. Es war die Leiche eines Greises, der am selben Tage an Altersschwäche gestorben war. Mischa Strongin legte den Körper auf die Zementplatte, die ihm einmal als Deckel für den bewußten Trog gedient hatte, und verband die Schädeldecke und die Fußsohlen des Toten mit den Polen seines Kästchens, das er vorher auf den »G«-Effekt einstellte. Als das Gesicht des Toten nach einigen Minuten sich zu röten begann und die Brust sich atmend hob und senkte, legte ihm Mischa Strongin die schon vorbereitete Chloroformmaske auf Mund und Nase, träufelte Chloroform nach und beobachtete die weitere Wirkung. Der Tote war zweifellos zum Leben erwacht und schlief nur unter Einwirkung der Narkose. Immer kräftiger wurde der Pulsschlag, immer rosiger die Haut. Bald kam aber noch etwas Neues hinzu: die Runzeln des Gesichts begannen sich zu glätten und nach und nach zu verschwinden, die Kopf- und Barthaare dunkler und dichter zu werden; der Greis wurde zusehends jünger; vielleicht alle fünf Minuten um ein Jahr. Als er das Aussehen eines Dreißigjährigen hatte, stellte Mischa Strongin den Apparat ab, nahm dem Schlafenden die Chloroformmaske vom Gesicht und stopfte ihm alle Taschen mit Gold und Papiergeld voll. Als der wiedererweckte und um dreißig Jahre verjüngte Mann die Augen aufschlug und sich mit einem kräftigen Ruck aufsetzte, reichte ihm Mischa Strongin ein Glas Kognak, geleitete ihn zum Ausgang und drückte ihm zum Abschied die Hand. Aus dem Fenster sah er noch, wie der Mann sich rüstigen Schritts entfernte, und hörte, wie er mit lauter Stimme nach einer Droschke rief.
Mischa Strongin wohnte nicht mehr in seinem Laboratorium, sondern in einer vornehmen und teuren Pension in der Kleinen Morskaja. Seine Mittel erlaubten ihm zwar, den wahnsinnigsten Luxus zu treiben, allein er begnügte sich mit dem Wohlleben, das ihm diese Pension bot. Schon am ersten Tage fiel ihm bei Tische ein rotblondes, schmächtiges Mädchen mit grünlichen Katzenaugen auf, das, wie die Erkundigungen bei der Dienerschaft ergaben, Olga Wind hieß und bei einem der berühmtesten Tanzmeister des kaiserlichen Balletts die Tanzkunst übte. Die ungewöhnliche Schönheit nahm ihn, der in seinem Leben noch nie Interesse für Weiber gehabt hatte, sofort gefangen. Bei den Mahlzeiten wandte er von ihr keinen Blick, verweilte, wenn er durch den Korridor ging, wie von einem Magnet angezogen, lange vor der Türe ihres Zimmers und lauschte stundenlang hinaus, ob sich nicht irgendwo das Rascheln ihres Kleides oder gar der Klang ihrer Stimme vernehmen ließe. Einmal gelang es ihm. ein Taschentuch, das sie fallen gelassen, unbemerkt zu sich zu stecken. Er trug es tagsüber an der Brust und fühlte, wie es ihm das Herz versengte. Nachts lag es unter seinem Kopfkissen und machte seine Träume glühend. Kurz — er war verliebt. Zugleich merkte er aber, daß Olga Wind einen unheimlichen Widerwillen gegen ihn hatte: sie wich seinen verliebten Blicken aus, fuhr, wenn er ihr zu nahe kam wie angeekelt zusammen und verzog schmerzvoll den Mund, wenn ihr Blick zufällig auf sein, wenn auch kluges und energisches, doch unschönes Gesicht fiel. Das Leben und das Gold, das er sich in beliebigen Mengen aus Hektographenmasse herzustellen vermochte, freuten ihn nicht mehr. Er mußte die rotblonde, schmächtige Olga Wind erobern, selbstverständlich mit Hilfe seines Apparats: dazu war ja die Einstellung »I« auf der Skala vorgesehen. Eines Abends, als Olga Wind nicht zu Hause war — sie schien ins Theater gegangen zu sein — und die ganze Pension schon schlief, schlich Mischa Strongin leise in ihr Zimmer, das sie unversperrt gelassen hatte. Er knipste das Licht an und sah sich um. Der berauschende Duft ihres Wesens, der das Zimmer auch in ihrer Abwesenheit erfüllte, benahm ihm den Atem. Bald erspähte er etwas, was seinen Zwecken dienen sollte: Auf dem weiten Fellteppich vor dem weißen Bette stand ein Paar winziger Pantöffelchen. Sie waren aus Goldbrokat also leitend. Daraus, daß sie vor dem Bette standen, schloß Mischa Strongin, daß Olga sie als Haus- oder Morgenschuhe zu benützen pflegte. Der Plan war im Nu gefaßt. Mischa Strongin holte seinen Apparat, stellte ihn auf »I« und auf die höchste Wirkung ein, schob ihn unter die entfernteste Ecke unter das Bett und verband die Pantöffelchen mittels feiner Goldfäden mit den Polen des Kästchens. Dann drehte er das Licht wieder aus, kehrte in sein Zimmer zurück und begann zu warten.
Olga Wind kam gegen halbeins heim, Mischa Strongin erkannte sofort ihre Schritte, als sie leise durch den Korridor ging; er hörte auch, wie sie in ihrem Zimmer auf und ab ging, wie sie ihre Nachttoilette machte und wie ihre Kleider raschelten. Klopfenden Herzens schlich er vor die Türe ihres Zimmers und lauschte. Nun hörte er, wie sie ihre Schuhe auszog. Gleich wird sie also in die goldenen Pantöffelchen schlüpfen. Er hielt den Atem an und blickte zum Schlüsselloch hinein. Das junge Mädchen saß im Nachthemde auf dem Bettrande, die Hände im Schoße gefaltet die Augen halbgeschlossen. Die Füße staken in den goldenen Pantöffelchen. Mischa Strongin beobachtete weiter. Das Mädchen hob die Lider, streckte die Arme vor sich aus, ein Zucken lief durch ihr Gesicht die Lippen bewegten sich leise, die Brust hob und senkte sich immer ungestümer. Nun drückte er statt des Auges ein Ohr ans Schlüsselloch. Nach wenigen Sekunden schon hörte er ihre gepreßte Stimme. In unsagbarer Sehnsucht riefen ihre Lippen: «Mischa . . . Liebster . . ." Er trat ins Zimmer und schloß die Türe hinter sich ab . . . . . .
Das war Mischa Strongins siebenter Versuch.
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Nun hatte Mischa Strongin alles — Liebe, Geld, die Möglichkeit sich selbst und die ganze Welt glücklich zu machen, zu verjüngen oder auch zu vernichten. Es war ein Rausch, den noch kein Mensch genossen. Der Rausch verflog, und an seine Stelle trat ein Grauen und ein Ekel. Ein Grauen vor der unheimlichen Macht, die er in Händen hatte und die alle Gesetze des irdischen Geschehens aufheben und umstellen konnte. Und ein Ekel vor dem Golde, das er aus Nichts schuf, vor den Toten, die er auferweckte, vor den Greisen, die er zu Jünglingen machte, und vor der Liebe, die wertloser war, als die um Geld gekaufte. Das Quälendste war ihm aber das Bewußtsein, daß es für ihn, der selbst über den Tod gebot keine unerfüllbaren Wünsche mehr gab. Wenn er wollte, könnte er in einem goldenen Tempel von der ganzen Menschheit als lebendiger Gott angebetet werden, in alle Ewigkeit — aber er wollte es nicht. Er wollte vielmehr nicht mehr leben, und seinen eigenen Tod würde kein Mensch rückgängig machen können. Also beschloß er, aus dem Leben zu scheiden. Das in den roten Kreis eingeschlossene Schluß-»N« der Skala, dessen Wirkung dem ersten, schon erprobten »N« gleichkam, bot ihm das Mittel nicht nur zu sterben, sondern einfach restlos aus der Welt zu verschwinden, zu Nichts zu werden, wie er es einmal beim Versuch mit den Igelstacheln gesehen.
Mischa Strongin liegt auf dem Sofa, das graulackierte Kästchen steht auf dem Stuhl vor ihm. Der rote Zeiger ist auf das rotumrandete »N« eingestellt. An die Pole des Apparats sind jetzt zwei glatte Metallzylinder angeschlossen, wie man sie zum Elektrisieren braucht. »Olga, komm einen Augenblick her!« Die Rotblonde mit den Katzenaugen kommt aus dem Nebenzimmer und sieht den Geliebten die Elektroden mit beiden Händen ergreifen. Im nächsten Augenblick sieht sie ihn nicht mehr; seine Kleider liegen leer auf dem Sofa, die Metallzylinder fallen leise klirrend zu Boden . . . . Mischa ist verschwunden, ist zu Nichts geworden, hat sich wie ein Gas in der Luft aufgelöst . . . Mit einem verzweifelten Schrei sinkt das junge Weib bewußtlos zu Boden . . . .
Ihre Aussagen auf der Polizei machten einen irrsinnigen Eindruck, und man schaffte sie zwecks Beobachtung auf die Psychiatrische Klinik. Aber du hellgraue Kästchen erregte dennoch das Interesse der Behörden, die es zwecks Untersuchung an die Artilleriewerkstätte einlieferte, der auch die Entladung von Bomben und Höllenmaschinen oblag.
Das Kästchen wurde hier unter Beobachtung der üblichen Vorsichtsmaßregeln geöffnet. Der Inhalt erschien harmlos: es war gallertartige, organische Substanz, die am ehesten an Gehirnmasse erinnerte. Die gelehrten Artilleristen begnügten sich mit dieser Feststellung und ließen den gesprengten Kasten nebst seinem Inhalt auf den Kehrichthaufen werfen. Olga Wind wurde nach wenigen Wochen als gesund entlassen und bekam ein Engagement beim Kaiserlichen Ballett Und die Welt ging wieder ihren alten Gang.

Aus.
Der Orchideengarten
Band 4, 1920

Walter Serner - Inferno

Walter Serner - Inferno Inferno Ein Schreien, das widersetzlich beginnt, wenn es am laute­sten wird, vor Wut sich überschlägt und ...