Donnerstag, 10. Dezember 2009

Aus unserer (bislang noch kleinen) Märchensammlung

Brüder Grimm - Die weisse Schlange






Es ist nun schon lange her, da lebte ein König dessen Weisheit im ganzen Lande berühmt war. Nichts blieb ihm unbekannt, und es war als ob ihm Nachricht von den verborgensten Dingen durch die Luft zugetragen würde. Er hatte aber eine seltsame Sitte. Jeden Mittag, wenn von der Tafel alles abgetragen und niemand mehr zugegen war, mußte ein vertrauter Diener noch eine Schüssel bringen. Sie war aber zugedeckt, und der Diener wußte selbst nicht was darin lag, und kein Mensch wußte es, denn der König deckte sie nicht eher auf und aß nicht davon bis er ganz allein war. Das hatte schon lange Zeit gedauert, da überkam eines Tages den Diener, als er die Schüssel wieder wegtrug, die Neugierde so heftig, daß er nicht widerstehen konnte, sondern die Schüssel in seine Kammer brachte. Er verschloß die Thüre sorgfältig, hob den Deckel auf, und da sah er daß eine weiße Schlange darin lag. Bei ihrem Anblick konnte er die Lust nicht zurückhalten, sie zu kosten; er schnitt ein Stückchen davon ab, und steckte es in den Mund. Kaum aber hatte es seine Zunge berührt, so hörte er vor seinem Fenster ein seltsames Gewisper von feinen Stimmen Er gieng und horchte, da merkte er daß es die Sperlinge waren, die mit einander sprachen und sich allerlei erzählten, was sie im Felde und Walde gesehen hatten. Der Genuß der Schlange hatte ihm die Fähigkeit verliehen, die Sprache der Thiere zu verstehen.
Nun trug es sich zu, daß gerade an diesem Tage der Königin ihr schönster Ring fort kam, und auf den vertrauten Diener, der überall Zugang hatte, der Verdacht fiel er habe ihn gestohlen. Der König ließ ihn vor sich kommen, und drohte ihm unter heftigen Scheltworten wenn er bis Morgen den Thäter nicht zu nennen wisse, so solle er dafür angesehen und gerichtet werden. Es half nichts daß er seine Unschuld betheuerte, er ward mit keinem bessern Bescheid entlassen. In seiner Unruhe und Angst gieng er hinab auf den Hof, und bedachte wie er sich aus seiner Noth helfen könne. Da saßen die Enten an einem fließenden Wasser friedlich neben ein ander, ruhten sich, putzten sich mit ihren Schnäbeln glatt, und hielten ein vertrauliches Gespräch. Der Diener blieb stehen und hörte ihnen zu. Sie erzählten sich wo sie heute Morgen all herumgewackelt wären, und was für gutes Futter sie gefunden hätten, da sagte eine verdrießlich »mir liegt etwas schwer im Magen, ich habe einen Ring, der unter der Königin Fenster lag, in der Hast mit hinunter geschluckt.« Da packte sie der Diener gleich beim Kragen, trug sie in die Küche, und sprach zum Koch »schlachte doch diese fette zu erst ab.« »Ja,« sagte der Koch, und wog sie in der Hand, »die hat schon lange darauf gewartet, und gibt einen guten Braten,« und schnitt ihr den Hals ab. Und als sie ausgenommen wurde, so fand sich der Ring der Königin in ihrem Magen. Der Diener konnte nun leicht vor dem Könige seine Unschuld beweisen, und da dieser sein Unrecht wieder gut machen wollte, erlaubte er ihm sich eine Gnade auszubitten, und versprach ihm die größte Ehrenstelle, die er sich an seinem Hofe wünschte.
Der Diener schlug alles aus, und bat nur um ein Pferd und Reisegeld, denn er hatte Lust die Welt zu sehen, und eine Weile darin herum zu ziehen. Er machte sich auf den Weg und kam eines Tags zu einem Teich, da bemerkte er drei Fische, die sich im Rohr gefangen hatten, und nach Wasser schnappten. Da er die Thiersprache verstand, so hörte er wie sie klagten daß sie so elend umkommen müßten. Weil er ein mitleidiges Herz hatte, so stieg er vom Pferde ab, und setzte die drei Gefangenen wieder ins Wasser. Sie zappelten vor Freude, und riefen ihrem Erretter zu »wir wollen dirs gedenken und dirs vergelten.« Er ritt darauf weiter, und nach einem Weilchen kam es ihm vor als hörte er zu seinen Füßen in dem Sand eine Stimme. Er horchte und vernahm wie sich ein Ameisenkönig beklagte, »wenn uns nur die Menschen mit den plumpen Thieren vom Leib blieben! da tritt mir das ungeschickte Pferd mit seinen schweren Hufen meine Leute ohne Barmherzigkeit nieder!« Er lenkte auf einen Seitenweg ein, und der Ameisenkönig rief ihm zu »wir wollen dirs gedenken und dirs vergelten.« Da führte ihn der Weg in einen Wald, und er sah zwei Rabeneltern, die standen bei ihrem Nest, und warfen ihre Jungen heraus. »Fort mit euch, ihr Galgenschwengel,« riefen sie, »wir können euch nicht mehr satt machen, ihr seyd groß genug und könnt euch selbst ernähren.« Die armen Jungen lagen auf der Erde, flatterten und schlugen mit ihren Fittichen, und schrien »wir hilflosen Kinder, wir sollen uns ernähren, und können noch nicht fliegen! uns bleibt nichts übrig als hier Hungers zu sterben.« Da stieg der gute Jüngling ab, tödtete das Pferd mit seinem Degen, und überließ es den jungen Raben zum Futter. Die kamen herbeigehüpft, sättigten sich, und riefen »wir wollen dirs gedenken und dirs vergelten.«
Er mußte jetzt zu Fuße weiter gehen, und als er lange Wege gegangen war, kam er in eine große Stadt. Da war großer Lärm und Gedränge in den Straßen, und kam einer zu Pferde, und machte bekannt, die Königstochter suche einen Gemahl, wer sich aber um sie bewerben wolle, der müsse eine schwere Aufgabe vollbringen, und könne er es nicht glücklich ausführen, so habe er sein Leben verwirkt.« Viele hatten es schon versucht, aber vergeblich ihr Leben daran gesetzt. Der Jüngling, als er die Königstochter in ihrer großen Schönheit sah, vergaß alle Gefahr, trat vor den König, und meldete sich als Freier.
Er ward hinaus ans Meer geführt, und vor seinen Augen ein goldner Ring hineingeworfen; dann ward ihm aufgegeben den Ring aus dem Grunde herauszuholen, und ihm gedroht wenn er ohne ihn wieder in die Höhe käme, so würde er aufs neue hinabgestürzt, und müsse in den Wellen umkommen. Alle bedauerten den schönen Jüngling, und ließen ihn einsam am Meer zurück. Da stand er unentschlossen am Ufer, und überlegte was er wohl thun sollte, als er auf einmal drei Fische daher schwimmen sah, und es waren keine anderen, als jene, welchen er das Leben gerettet hatte. Der mittelste hielt eine Muschel im Munde, die er an den Strand zu Füßen des Jünglings hinlegte, und als dieser sie aufhob und öffnete, so lag der Goldring darin. Voll Freude brachte er ihn dem Könige, und erwartete daß er ihm dafür den verheißenen Lohn gewähren würde. Die stolze Königstochter aber, als sie vernahm, daß er ihr nicht ebenbürtig war, verschmähte ihn, und verlangte er solle erst eine zweite Aufgabe lösen. Sie gieng hinab in den Garten, und streute selbst zehn Säcke voll Hirsen ins Gras. »Die muß er Morgen, eh die Sonne hervor kommt, aufgelesen haben,« sprach sie »und darf kein Körnchen fehlen.« Vergeblich sann der Jüngling wie er diese Forderung erfüllen könnte, er saß traurig im Garten, und erwartete bei Anbruch des Morgens zum Tode geführt zu werden. Als aber die ersten Sonnenstrahlen in den Garten fielen, so sah er die zehn Säcke rund um gefüllt neben einander stehen, und kein Körnchen fehlte darin. Der Ameisenkönig war mit seinen viel tausend Ameisen in der Nacht herangekommen, und die dankbaren Thiere hatten den Hirsen mit großer Emsigkeit aufgelesen und in die Säcke gesammelt. Die Königstochter kam selbst in den Garten herab, und sah mit Verwunderung daß der Jüngling vollbracht hatte was ihm aufgegeben war. Aber sie konnte ihr stolzes Herz noch nicht bezwingen, und sprach »hat er auch die beiden Aufgaben gelöst, so soll er doch nicht eher mein Gemahl werden, bis er mir einen Apfel vom Baume des Lebens gebracht hat.« Der Jüngling hätte aber niemals den Baum des Lebens gefunden, wenn die jungen Raben, um dankbar für ihre Erhaltung zu seyn, sich seiner nicht angenommen hätten. Sie waren indessen groß geworden, und waren ihrem Erretter nachgezogen, und als sie hörten was die Königstochter forderte, flogen sie zu dem Baume des Lebens, und einer brachte im Schnabel einen Apfel, den er in die Hand des Jünglings fallen ließ. Er überreichte ihn der schönen Jungfrau, und da auch die letzte Bedingung erfüllt war, so blieb keine Ausrede mehr übrig. Sie ward seine Gemahlin, und als der alte König starb, erhielt er die Krone, und da sie den Apfel von dem Baume des Lebens gegessen hatten, so erreichten sie in ungestörtem Glück ein hohes Alter.

mehr bei ngiyaw eBooks

Freitag, 27. November 2009

Carmen Sylva

Zum Jahresabschluß stellt Ihnen ngiyaw eBooks Werke von Carmen Sylva, der dichtenden Königin von Rumänien, vor.

Es werden Ihnen neben ihren eigenen Dichtungen auch Übertragungen zu rumänischen Autoren dargeboten werden.
Zu den Transkriptionen wird ngiyaw eBooks auch zahlreiche Digitalisate sowohl ihrer deutschen Werke als auch ihrer Werke in rumänische Sprache zur Verfügung stellen.

Lesenswert - es sind Perlen darunter.

Samstag, 14. November 2009

Friedrich Schillers 250. Geburtstag

10. November 1759 in Marbach am Neckar - † 9. Mai 1805 in Weimar

Die deutschsprachige Wikisource hat es mal geschafft zu einem bedeutenden Jahrestag eines Schriftstellers den LeserInnen eine üppige Auswahl aus seinem Werk anzubieten.
Sorgfältig editiert und wissenschaftlich verwertbar, wie es bei der deutschsprachigen wikisource (fast) immer erwartet werden kann.
Sie finden die verfügbaren Werke HIER.

Nachfolgend nur ein Überblick über die bereits transkribierten und in Vorbereitung befindlichen Texte mit den dazugehörigen Digitalisaten bei wikisource:
    * 1776: Der Abend (Erstveröffentlichung im Schwäbischen Magazin)
    * 1781: Die Räuber (anonymer Erstdruck)
    * 1781: Die Blumen
    * 1782: Anthologie auf das Jahr 1782 (Hrsg.)
    * 1783: Die Verschwörung des Fiesco zu Genua
    * 1784: Kabale und Liebe GDZ Göttingen
    * 1784: Ankündigung der „Rheinischen Thalia“
    * 1785-91: Thalia (Hrsg.)
          o 1785: Was kann eine gute stehende Schaubühne eigentlich wirken?
          o 1785-87: Dom Karlos (auch bekannt unter dem Titel Don Carlos, Infant von Spanien)
          o 1785: Brief eines reisenden Dänen
          o 1785: Repertorium des Mannheimer Nationaltheaters
          o 1785: Wallensteinischer Theaterkrieg
          o 1785: Dramaturgische Preißfragen
          o 1786: An die Freude
          o 1786: Verbrecher aus Infamie eine wahre Geschichte
          o 1786: Freygeisterey der Leidenschaft
          o 1786: Resignation
          o 1786: Philosophische Briefe
          o 1787-89: Der Geisterseher
          o 1789: Des Grafen Lamoral von Egmont Leben und Tod
          o 1789: Der Abschied
          o 1790: Die Sendung Moses
          o 1790: Etwas über die erste Menschengesellschaft nach dem Leitfaden der mosaischen Urkunde
          o 1790: Die Gesetzgebung des Lykurgus und Solon
          o 1790: Der versöhnte Menschenfeind
          o 1790: Erklärung des Herausgebers
    * 1789: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?
    * 1792: Geschichte des 30jährigen Kriegs
    * 1792/93: Neue Thalia (Hrsg.)
          o 1792: Ueber den Grund des Vergnügens an tragischen Gegenständen
          o 1792: Ueber die tragische Kunst
          o 1793: Ueber Anmuth und Würde
          o 1793: Vom Erhabenen
          o 1793: Fortgesetzte Entwicklung des Erhabenen
          o 1793: Zerstreute Betrachtungen über verschiedene ästhetische Gegenstände
    * 1794: Taschenkalender auf das Jahr 1795 für Natur- und Gartenfreunde (Rezension)
    * 1795: Die Horen
          o 1795: Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen (1. Stück, 1795)
          o 1795: Die Teilung der Erde (8. Stück, 1795)
          o 1795: Das verschleierte Bild zu Sais (9. Stück, 1795)
          o 1795: Der Spaziergang (8. Stück, 1795; unter dem Titel Elegie)
    * 1796: Musen-Almanach für das Jahr 1796
          o 1796: Columbus
          o 1796: Das Kind in der Wiege
          o 1796: Das Unwandelbare
          o 1796: Der Abend, nach einem Gemählde
          o 1796: Der beste Staat
          o 1796: Der Kaufmann
          o 1796: Der Metaphysiker
          o 1796: Der spielende Knabe
          o 1796: Der Sämann
          o 1796: Der Tanz
          o 1796: Deutschland und seine Fürsten
          o 1796: Die Ideale
          o 1796: Die Macht des Gesanges
          o 1796: Die Ritter des Spitals zu Jerusalem
          o 1796: Die zwei Tugendwege
          o 1796: Ein Wort an die Proselytenmacher
          o 1796: Einer jungen Freundin ins Stammbuch
          o 1796: Odysseus
          o 1796: Pegasus in der Dienstbarkeit (siehe auch: Pegasus im Joche von 1852)
          o 1796: Spruch des Confucius
          o 1796: Stanzen an den Leser
          o 1796: Würde der Frauen
          o 1796: Würden
          o 1796: Zevs zu Herkules
    * 1797: Musen-Almanach für das Jahr 1797
          o 1797: An die Astronomen
          o 1797: An die Gesetzgeber
          o 1797: Das Distichon
          o 1797: Das Ehrwürdige
          o 1797: Das gemeinsame Schicksal
          o 1797: Das Geschenk
          o 1797: Das Mädchen aus der Fremde
          o 1797: Das weibliche Ideal
          o 1797: Der Aufpasser
          o 1797: Der Besuch
          o 1797: Der epische Hexameter
          o 1797: Der Fuchs und der Kranich, an Fr. Nicolai
          o 1797: Der griechische Genius an Meyer in Italien
          o 1797: Der Homeruskopf als Siegel
          o 1797: Der Naturkreis
          o 1797: Der Vater
          o 1797: Die achtzeilige Stanze
          o 1797: Die beste Staatsverfassung
          o 1797: Die Geschlechter
          o 1797: Die schönste Erscheinung
          o 1797: Einer (zusammen mit Goethe)
          o 1797: Erwartung und Erfüllung
          o 1797: Falscher Studiertrieb
          o 1797: Forum des Weibes
          o 1797: Freund und Feind
          o 1797: Genius mit der umgekehrten Fackel
          o 1797: Güte und Größe
          o 1797: Innerer Werth und äussere Erscheinung
          o 1797: Jetzige Generation
          o 1797: Jugend
          o 1797: Klage der Ceres
          o 1797: Liebe und Begierde
          o 1797: Macht des Weibes
          o 1797: Majestas populi
          o 1797: Menschliches Wirken
          o 1797: Politische Lehre
          o 1797: Pompeji und Herkulanum (siehe auch: Pompeji und Herculanum von 1854)
          o 1797: Quelle der Verjüngung
          o 1797: Tabulae votivae (zusammen mit Goethe)
          o 1797: Tugend des Weibes
          o 1797: Vielen (zusammen mit Goethe)
          o 1797: Weibliches Urtheil
          o 1797: Würde des Menschen
          o 1797: Xenien (zusammen mit Goethe)
    * 1798: Musen-Almanach für das Jahr 1798
          o 1798: Breite und Tiefe
          o 1798: Das Geheimniß
          o 1798: Das Regiment (unter der Chiffre E.)
          o 1798: Der Gang nach dem Eisenhammer
          o 1798: Der Handschuh
          o 1798: Der Obelisk u.s.w.
          o 1798: Der Ring des Polykrates
          o 1798: Der Taucher
          o 1798: Die Kraniche des Ibycus
          o 1798: Die Peterskirche (unter der Chiffre E.)
          o 1798: Die Urne und das Skelet (unter der Chiffre E.)
          o 1798: Die Worte des Glaubens
          o 1798: Elegie an Emma (unter der Chiffre S.)
          o 1798: Licht und Wärme
          o 1798: Nadoweßische Todtenklage
          o 1798: Reiterlied aus dem Wallenstein
          o 1798: Ritter Toggenburg
    * 1799: Musen-Almanach für das Jahr 1799
          o 1799: Bürgerlied
          o 1799: Das Glück
          o 1799: Der Kampf mit dem Drachen
          o 1799: Des Mädchens Klage
          o 1799: Die Bürgschaft
          o 1799: Poesie des Lebens
          o 1799: Prolog zu Wallensteins Lager
    * 1799: Wallenstein-Trilogie
          o 1799: Wallensteins Lager
          o 1799: Die Piccolomini
          o 1799: Wallensteins Tod
    * 1800: Musen-Almanach für das Jahr 1800
          o 1800: Das Lied von der Glocke (siehe auch: Das Lied von der Glocke von 1854)
          o 1800: Die Erwartung
          o 1800: Spruch des Konfucius
    * 1800: Über naive und sentimentalische Dichtung
    * 1800: Maria Stuart
    * 1801: Die Jungfrau von Orléans
    * 1803: Die Braut von Messina, oder, Die feindlichen Brüder: ein Trauerspiel mit Chören
    * 1803/04: Wilhelm Tell
    * 1804: Die Huldigung der Künste
    * 1804: Gedichte Erster Theil.
    * 1804: Gedichte Zweiter Theil.
    * 1805: Demetrius (unvollendet)

Ebenfalls wird auf Digitalisate früher und relevanter Ausgaben beim Internet Archive verwiesen:
Friedrich Schillers sämmtliche Werke, 26 Bände, Wien 1810–1811
Schillers Sämtliche Werke: Säkular-Ausgabe in 16 Bänden, Stuttgart/Berlin 1904

Ein Besuch lohnt!

Dienstag, 10. November 2009

Maria Janitschek - Die neue Eva

aus dem Novellenband - Die neue Eva

Biographie und Download als pdf und auch in anderen Formaten bei ngiyaw eBooks 
Vorschau als Flash-File (klicken Sie auf das Cover)




In Schönheit


Sie war schön wie das Mondlicht, das auf einem stillen Teich spielt. Man sprach leiser in ihrer Gegenwart und dämpfte seine lebhaften Gebärden.
Sie hieß Liane von Immen, und niemand konnte ihr beweisen, daß sie nicht so hieß, denn niemand hatte ihren Taufschein gesehen. Sie besaß nicht die plumpe Berühmtheit, durch ein Buch, das sie geschrieben, oder einen neumodischen Kleiderschnitt, den sie erdacht, im Meyer oder Brockhaus mitsamt der Angabe ihres Lebensalters der Welt vorgestellt zu werden. Sie blieb ein Geheimnis. Nur denen, die ihr wert waren, offenbarte sie sich in einer wunderbaren lichtblauen Nacht.
Sie führte eine alte Frau bei sich, die sie bediente und die irr war. Sie war wirklich irr. Berühmte, nüchterne Nervenärzte hatten es bestätigt. Irgend etwas im Leben hatte sie um den Verstand gebracht. Liane erzählte, daß sie entfernt verwandt mit ihr wäre und sie schon vor ihrer Geistesverdüsterung bei sich gehabt hätte. Die letztere zeigte sich vornehmlich darin, daß die alte Frau beständig abgerissenes, zusammenhangloses Zeug vor sich hin schwatzte. Übles fügte sie keiner Seele zu. Im Gegenteil. Sie sorgte mütterlich für Liane und war Tag und Nacht zu ihrem Dienst bereit. Verschiedene Leute behaupteten, daß sie durchaus keine Verwandte von Liane wäre, daß diese sie aus andern Gründen bei sich hatte.
Lianens Äußeres besaß viel Anmut. Sie war hoch, schlank; die rote Haarfarbe, die bereits Fünfzig-Pfennig-Dirnen trugen, trug sie nicht mehr. Ihr stand die weiße Farbe besser zu Gesicht. Dichte, schneeweiße Haarwellen hoben den zarten Rosenton ihres Fleisches und machten ihre großen, dunklen Augen doppelt geheimnisvoll.
Sie trug nur weiße Gewänder. Da ihre Gemächer mit dunklen Tapeten geschmückt waren, Ebenholzmöbel und Teppiche in den mattesten Farben ihre Ausstattung bildeten, so war sie das einzig Helle in dieser dämmerhaften Umgebung. Sie glitt wie ein silberner, schlanker Strahl in der milden Nacht dieser Gemächer dahin. Abends wurden hohe Stehlampen angezündet, deren Licht purpurne Seidenschirme milderten.
Ein großer Garten mit einer hohen Mauer umgab ihr Haus. Sie hatte ein elegantes Cab gemietet, das sie täglich an die Luft führte, sie setzte nie einen Fuß aufs Straßenpflaster. Sie besaß wenig Verkehr. Die paar Familien, mit denen sie sich traf, kamen ihr sehr zuvorkommend entgegen, wenn auch nicht ohne leise Unsicherheit. Wo sie sich befand, herrschte sofort jene zitternde Schwüle, wie sie über den Wiesen webt, wenn Juliglut schweigsam auf ihnen buhlt. Und doch war Liane nicht das geringste Üble nachzusagen, ja sie besaß sogar äußerst strenge Grundsätze.
Um ihr in Gärten gebettetes Landhaus herrschte Einsamkeit. Ab und zu kam ein Bauernwagen mit rasselndem Milchgeschirr vorüber, oder ein Landauer mit einer zahlreichen Familie fuhr am Sonntagmorgen die Straße entlang aufs Land hinaus. Selten ereignete es sich, daß in vorgerückter Stunde ein Mann im langen englischen Überzieher, den Kragen hochgeklappt, die Gartenthür öffnete. Er verschwand dann in dem zur ebenen Erde gelegenen Saal, wo verhangene Lampen die zauberhafte Frauengestalt phantastisch beleuchteten, die dort auf der Ottomane ruhte.
An einem milden Augustabend ruhte sie wieder dort. Die Alte hatte ihr zu Füßen ein Tischchen mit in Eis gekühlten Früchten hingestellt und war dann, leise vor sich hin schwatzend, verschwunden. Einige Minuten darauf öffnete sich ein Flügel der breiten Thür nach dem Garten hinaus, und die hohe Gestalt eines Mannes trat ein. Liane neigte stumm das Haupt.
Ebenfalls ohne ein Wort zu verlieren, ging er auf sie zu und führte ihre Hand an die Lippen.
Dann warf er Überrock und Zylinder auf einen Sessel, näherte sich ihr und sah, mit verliebten Blicken, in ihr wunderschönes, ruhiges, bleiches Gesicht. Ihre Augen wiesen nach den duftenden Früchten. Er schüttelte den Kopf. »Mich dürstet nur nach Ihnen, Liane.« Über sein von den Erfahrungen des Lebens stark verwüstetes Gesicht flog leichte Röte. »Mir kommt's Ewigkeiten vor, seit ich zum letzten Mal hier war. Eine schale Zeit liegt hinter mir. Nichts wie Banalität, Repräsentationspflichten, Familienjammer, Öde, wohin man blickt. Alles immer daßelbe, immer daßelbe. Und glaubt man einmal etwas Neues gefunden zu haben, dann ist es plump, plump zum Verletzen.«
»Wie geht's der Prinzessin?« Ihre Stimme klang tief und weich. »Ist es vorüber?«
»Ach«, er verzog den Mund, »reden Sie nicht davon. Es war eine Schlächterei. Wir wollten unsere Tochter nicht verlieren, er nicht den Erben. Die Ärzte stritten sich im Nebenzimmer wie die Marktweiber um den armen, in der Narkose noch stöhnenden Körper, bis endlich wir, die Eltern, siegten. Das zerstückelte Kind ist bereits beigesetzt, sie mit ihren neunzehn Jahren ein Krüppel, der indessen die Hoffnung hat, wie ihr Leibarzt bemerkte, die nächste Geburt besser zu überstehen.«
Liane verhüllte sich das Gesicht. »Entsetzlich! Dieses holde Madonnenbild! Aus welchem Barbarenwinkel stammt eigentlich ihr Gatte?«
»Lassen wir das, Liebste. Unsere Kultur glaubt eine noch nie erreichte Blüte gewonnen zu haben. Sie baut elegante Zuchthäuser, Frauenkliniken, die wahren Palästen gleichen, sie gestattet uns, Bordelle zu besuchen, - die geliebte Frau vor dem Schicksal, geschlachtet zu werden, zu bewahren, gestattet sie uns indessen nicht. Unsere Moral will nicht nur die Art unserer Sinnengenüsse vorschreiben, sie will sogar die Vorgänge im Ehebett regeln. Diese Moral ist gut für die, die sie gut finden, für die meisten. Glauben Sie nicht, daß diese Millionen an unsern Freuden Gefallen fänden, sie würden immer das Gewohnte vorziehen, aber - den andern, den zum Bewußtsein Gekommenen müßte mehr Freiheit eingeräumt werden. Nie gab's eine Zeit stärkerer Beschränkung des einzelnen Geistindividuums als heute.«
»Wie schön ist es, man selbst sein zu dürfen! Wie schön, frei und Frau zu sein.« Sie stützte den edlen Kopf in die weiße Hand.
»Und wie schön ist es, beglücken zu können!« Er strich sanft über ihre knisternde Haarflut, »so beglücken können wie Sie!«
»Ohne Elend als unwürdige Spur der Seligkeit zu hinterlassen. Ohne das Gewissen zu kränken.«
»Wie Götter genießen. Ohne satt zu werden wie die Plebs nach plumpen Gerichten. Geliebte!« Er sah sie bittend an.
Sie erhob sich, das Angesicht von hinreißender Hingebung verklärt. Ihr langes weißes Gewand, von unbestimmten, roten Lichtern übergossen, schleifte lang hinter ihr her.
Sie berührte mit ihren Fingerspitzen eine Thüre, durch die er verschwand. Sie selbst öffnete eine schwere Portière. Ein eigenartiges Gemach, mit tiefgrauer Seide ausgeschlagen, in dem sich nur ein niederes Ruhebett von antik großen Formen befand, nahm sie auf. Sie ließ sich auf den Rand des köstlichen Lagers nieder, auf dem elfenbeinfarbene Seidenkissen in Fülle herumlagen. Nichts, kein weiteres Einrichtungsstück befand sich hier, außer zu Häupten ein silberner Kübel, aus dem ein Büschel hoher, bis zur Betäubung duftender Lilien hervorschoß.
Einige Augenblicke vergingen. Unter den Sammetfalten der Portière erschien der Mann; er hatte seinen Anzug gegen ein mantelartiges Kleidungsstück von dunkler, weicher Seide vertauscht. Er ließ sich neben Liane nieder.
»Willst du uns durchaus töten mit deinem Lilienduft? So atemberaubend war er noch nie.«
Er schlang die Arme um sie. Ihr weißes wundersames Gewand, das nur ein vielfach um sie geschlungener weißer Mantel war, öffnete sich und ließ die Rosenbüsche ihrer weißen Brüste an seinen sich senkenden Lippen aufsprießen. Aber die ihren waren nicht müßig. In zarten, kaum gefühlten Küssen glitten sie über sein Antlitz, seinen Hals. Er gab sie frei, um einige Minuten lang ganz ihre Beute zu werden. Er zerfloß in Schauern höchsten Empfindens, gleichsam von zwei gleitenden, suchenden Schmetterlingen übergaukelt, die Ader für Ader seines Leibes zum Bewußtsein ihres purpurnen Inhalts wachriefen. Seine verzückten Augen füllten sich mit Thränen schwebender Lust, kein Wort ertönte, nur ein geheimnisvolles Seufzen, wie es über die Blumen fährt, wenn der Tau aus der Erde bricht, um sie zu erquicken.
Liane war lautlos über ihn hingesunken.
Er fühlte das schmeichelnd weiche, rhythmische Hüpfen ihrer Brust bei jedem ihrer Herzschläge. Er fühlte ihr elektrisch knisterndes Haar über seinen Körper ausgebreitet, seine Berührung erfüllte ihn mit leisem Prickeln und rief ihn wieder ins schöne Bewußtsein zurück. Mit zarten, behutsamen Griffen legte er sie in den seidenen Kissen zurecht und küßte die dunklen, wie gebrochen vor sich hinblickenden Augen. Sein Mund saugte sich in ihre weiße Kehle ein und glitt in die geheimnisvolle Bucht zwischen ihren Brüsten. Er kostete den würzigen Duft unter ihren weichen, biegsamen Schultern, er glitt weiter und genoß inbrünstig alle einzelnen Schönheiten des Leibes. Ihre kleinen rosigen Zehen nahm er zwischen die Lippen und liebkoste sie. Das geheimnisvolle Beben ihrer Glieder lebte er mit in seinem lustirren Aufschauern und verspürte so die doppelte Wonne des Empfangens und Gebens. Ein Regen ihn überströmender Entzückungen, der gleichsam aus jeder Pore seines Körpers brach, raubte ihm die Sinne und streckte ihn wie einen Toten neben ihr hin …
Die Lilien dufteten, ein flüsternder Wind strich am Fenster hin und verstummte.
Unendliche Stille herrschte, unendlicher Friede …
Einige Stunden später neigte sich die hohe Gestalt des Mannes über das bleiche, schöne Gesicht der Schlummernden und schied von ihr in seliger Dankbarkeit …

Freitag, 16. Oktober 2009

Kurt Tucholsky ( Ignaz Wrobel ) - Altbewährte Esel

Altbewährte Esel

Es gibt überhaupt nur noch »altbewährte Fachleute«. Wir haben alte bewährte Segelflieger (3 Jahre Praxis), bewährte alte Radiofachleute (2 Jahre) – wenn sie alle zusammen über Berufliches reden, so quatscht das, daß ihnen die Schnauze schäumt, und wenn sie gar noch so sprechen können, wie es im amtlichen Bericht steht: so unpersönlich, so darüber stehend, so vornehm abgeklärt, dann strahlen sie über das ganze Antlitz. Etwa so:

»Gestern abend wurde in der Wohnung des Berufszwerges Jakob Nietzke von dem diensthabenden Sohn Nietzkes, dem acht Jahre alten Fridolin, das dortige Wasserleitungsrohr als verstopft gemeldet. Die Meldung lief bei Frau Nietzke abends 9.10 Uhr ein.

Frau Nietzke gab die Meldung sofort ihrer Hausangestellten Fräulein Anna Koschmann weiter, die allerdings, da sie keinen Dienst mehr hatte, Weiteres zunächst nicht veranlassen konnte. Der gegen halb zwölf Uhr von ernster Berufspflicht aus der ›Scala‹ heimgekehrte Ehemann Nietzke wurde gleich nach seiner Rückkehr verständigt. Die Operationen wurden auf seine Anordnung hin bis zum nächsten Tag verschoben.

Am nächsten Tage – also heute morgen – begab sich zunächst eine Kommission, bestehend aus dem Berufszwerg Nietzke, dessen Ehefrau als Beraterin sowie dem elfjährigen Sohn Hadubrand, zu dem fraglichen Rohr; geleitet wurde die Kommission von Herrn Zwerg Nietzke. Zwerg Nietzke erkannte sofort, daß das Wasserleitungsrohr nicht funktionierte, weil es verstopft sei, und begab sich daraufhin persönlich zu dem Hauswart Schippanofsky, obgleich derselbe seinen Dienst noch nicht angetreten hatte. Schippanofsky forderte dementsprechend Nietzke auf, welcher Aufforderung dieser aber nicht nachkam. Die Privatbeleidigungsklage ist eingereicht.

Gegen Nachmittag, erschien dann, auf erneute Vorstellung, Frau Schippanofsky; die Wasserrohrbereinigungskolonne war folgendermaßen zusammengesetzt:

Technische Leitung: Frau Hauswart Schippanofsky, Personalaufsicht: Frau Zwerg Nietzke, Leitung. der Hilfsmannschaft, bestehend aus dem Sohn Hadubrand Nietzke: Hadubrand Nietzke. Oberleitung! Herr Nietzke.

Umgeben von seinem Stabe, machte sich Direktor Nietzke persönlich an die fachtechnische Arbeit.

Die Beratung ergab Folgendes: Vorn volkswirtschaftlichen Standpunkt aus wäre die Anlegung eines neuen Wasserrohrs anstelle des alten allerdings empfehlenswert, doch bestanden aus allgemeinen wirtschaftlichen Erwägungen sowie auch wasserbautechnisch einige Bedenken. Während aesthetisch gegen die Einführung eines sogenannten Schrubbers in das Wasserrohr Einwendungen nicht bestanden, konnte doch dieselbe zunächst nicht vorgenommen werden, da vonseiten der Personalaufsicht hauswirtschaftlich eingewendet wurde, daß ein solcher Schrubber nicht vorhanden sei. Die Technische Leitung erklärte, daß sie ihrerseits zur Materialbeschaffung nicht beitragen könne, was die Personalaufsicht sowie die Leitung der Hilfsmannschaft heftig bestritten. Die Oberleitung entschied schließlich, daß aus hygienischen sowie aus ernährungswissenschaftlichen Gründen die sofortige Beschaffung des Wasserrohrreinigungsbehelfsmittels in augenblickliche Erwägung ziehen sei, da die Leitung der Oberleitung als langbewährtem Fachmann darüber fachmännischen Rat zu erteilen sehr wohl in der Lage sei. Die Benennung ›Alter Kuhkopp!‹ von seiten der Technischen Leitung lehnte der Leiter der Oberleitung, als lange im Berufsleben stehend, ab.«

Ja, da lachste!

Aber wenn drei Beamte einen Nagel einschlagen sollen und deshalb einen solchen Betrieb veranstalten, der weiter keinen Sinn hat, als Bedeutung, Notwendigkeit und Wichtigkeit der beamtlichen Existenz möglichst aufzublasen – da lacht Keiner. Denn Deutschland ist ein gründliches Land: kein Kind ohne Nachttopf, kein Erwachsener ohne fachliche Hochschulbildung, Titel und einen ganzen Kopf voller Einbildung.


aus: Die Weltbühne, Jahrgang 22, Nummer 41, Seite 593f.
Quelle: deutschsprachige wikisource
 Mehr vom Autor bei ngiyaw eBooks

Samstag, 26. September 2009

Alexander Moszkowski - Der Begriff der »Unmöglichkeit« (75. Todestag)

Alexander Moszkowski - Der Begriff der »Unmöglichkeit« 

Alexander Moszkowski

Der Begriff der »Unmöglichkeit«

Anaxagoras hatte die Behauptung aufgestellt, die Sonne sei größer als der Peloponnes. Unmöglich! rief ihm die Auslese der zeitgenössischen Intelligenz entgegen. In der Schule der Pythagoräer stiegen vorkopernikanische Ahnungen auf, die vage Erkenntnis von der Bewegung der Erde innerhalb des ruhenden Firmamentes. Diese Ahnungen konnten sich gegen das »Unmöglich!« eines Plato, eines Archimedes, eines Hipparch, gegen das »Höchst lächerlich!« eines Ptolemäus nicht durchsetzen. Das »Unmöglich« der Kurie war im ersten Anlauf stärker als das wissenschaftliche Bekenntnis des Galilei. Als Lavoisier seine Elemententheorie entwickelte, flog ihm aus der Mitte der französischen Akademie das »Unmöglich« an den Kopf; und Lavoisier selbst war wiederum schnell mit seinem »Unmöglich« auf dem Plan, als die Behauptung, Meteore könnten vom Himmel fallen, ihm nicht einleuchten wollte. Die erste Beobachtung der Sonnenflecken löste bei den Gelehrten ein vielfältiges »Unmöglich!« aus. Die Pioniere des Dampfschiffes, Papin, Fulton, Salomon de Caux, wurden für verrückt erklärt und fanden ihren Weg durch die Barrikaden des »Unmöglich« verrammelt. Galvani wurde als Froschtanzmeister verhöhnt und rannte gegen das »Unmöglich« ganzer Fakultäten. Arago schleuderte sein »Unmöglich« gegen die Annahme, die Eisenbahnen könnten einen Verkehrsfortschritt bedeuten. Thiers und Proudhon rannten sich auf denselben Geleisen mit überzeugungstreuem »Unmöglich« fest. Der große Physiker Babinet bewies mathematisch die »Unmöglichkeit « eines Telegraphenkabels zwischen Europa und Amerika. Der nicht minder hervorragende Physiker Poggendorf warf den Telephonerfinder Philipp Reis mit seinem autoritären »Unmöglich« zu Boden, und da doppelt besser hält, brachte er auf dieselbe Weise auch Robert Mayer mit seinem Gesetz von der Erhaltung der Kraft zur Strecke. Der epochale Elektriker Ohm wurde von einem wissenschaftlichen, auf das Motiv »Unmöglich« abgestimmten Männerchor verhöhnt, Gay Lussac, Siemens und Helmholtz verwiesen jeden Gedanken an die Aviatik in das Gebiet der närrischen Utopie; und als der berühmte Magnus im Kolleg einen elektrischen Lichtbogen entzündete, erklärte er — das habe ich selbst als junger Student aus seinem Munde gehört — : dieser Lichtbogen könne für die Beleuchtungstechnik unmöglich eine Bedeutung gewinnen. Als Franklin mit seiner blitzableitenden Eisenstange anrückte, fuhr ihm sofort der Donner der »Unmöglichkeit« in einem Gewitter der Königlichen Akademie zu London durch die Knochen. Auguste Comte verwies wenige Jahre vor dem Aufflammen der Spektralanalyse jeden sternanalytischen Gedanken in das Gebiet der absurden Unmöglichkeit. Stephenson, Riggenbach wurden als Verrückte klassifiziert und hatten ihre Ideen, daß man mit einer Lokomotive über Land und mit einer Zahnradbahn auf den Berg gelangen könnte, gegen eine Welt akademischer Unmöglichkeiten zu verteidigen. Das klassische Hauptquartier der Unmöglichkeiten ist allzeit die Pariser Academie des sciences gewesen. Von der chemischen Zerlegung der Luft angefangen bis zum Edisonschen Phonographen haben die konservativen Herren dieser Körperschaft nie aufgehört, alles, was die platte Denkbarkeit der jeweiligen Praxis überflügeln wollte, mit dem Bannfluch »Unmöglich« zu zerschmettern.


Fassen wir zusammen: Es gibt in der ganzen Entwicklung keinen Begriff, der sich so nachhaltig und so furchtbar blamiert hätte, als der der »Unmöglichkeit«. Ja man könnte vielleicht nach Analogie feststellen, daß man die Zukunft sicherer erraten wird, wenn man ihr auf den geschwungenen Kurven der Unmöglichkeit als auf der geraden Linie der momentanen Wahrscheinlichkeit nachspürt. Einigen wir uns auf einem Mittelweg: Versuchen wir die Entwicklung an der Hand der Evolutionsmethode aufzubauen, auf Grund der uns einleuchtenden Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten, nur mit dem Vorsatz, tapfer bis zu Ende zu denken, nirgends halt zu machen, auch dort nicht, wo der Kontrast zwischen dereinst und heut sich zu einer Unmöglichkeit auszuwachsen droht. Seien wir Modernisten im Sinne des konsequenten, rücksichtslosen Durchdenkens, nicht im Sinne jener modernistischen Theologen, die zwölf biblische Wunder leugnen, um das dreizehnte zuzugeben, und die froh sind, wenn sie dem Vatikan von der Gleichung 2 mal 2 = 5 bis auf 2 mal 2 = 4 1/10 heruntergehandelt haben. Solches Halb- und Dreiviertel-Denken würden wir aber uns zu eigen machen, wenn wir etwa bekennen wollten: ja, auf dem Gebiete der Technik und Wissenschaft ist auch das »Unmögliche« möglich. Nur in der Kunst müssen wir an gewissen Unerschütterlichkeiten festhalten; genau so wie der gelehrte Höfling die allgemeine Wahrheit »Alle Menschen müssen sterben« mit einem devoten Seitenblick auf König Ludwig abdämpfte: »Fast alle Menschen!« Kontinente können verschwinden, Planeten sich auflösen, aber konzertiert wird immer werden! Im Felde der Kunst soll das Reservat gelten, gewisse Fundamente, auf die bisher alle Künstler gebaut haben, für sakrosankt und unzerstörbar zu halten. Sie sind zerstörbar, und wir brauchen nicht einmal mit irgendwelcher Unwahrscheinlichkeitsrechnung zu operieren, wir werden nur entschlossen die Phasen der Vergangenheit auf die Zukunft zu projizieren haben, um dies mit ziemlicher Deutlichkeit zu erkennen.


Nach diesem Exkurs auf die Unmöglichkeitsdoktrinen seit Pythagoras werden Sie vielleicht dem zukünftigen Erlebnis des Wanderers Chidher schon ein ganz klein wenig näher rücken; Sie werden bereit sein, mir zu konzedieren, daß die Existenz eines Tausendjährigen Reiches und einer Zukunftsstadt ohne Opernhäuser, ohne Gemäldegalerien und ohne Konzertsäle wenigstens nicht zu den logischen Undenkbarkeiten gehört. Und das ist alles, was ich für den Augenblick von Ihnen verlange.

aus: Entthronte Gottheiten, Hoffmann & Campe Verlag, 1921

Donnerstag, 24. September 2009

Marianne Hainisch - Die Weltpropaganda für den Frieden



Bild (Marianne Hainisch) aus dem Archiv der Österreichischen Nationalbibliothek

Die Weltpropaganda für den Frieden
Marianne Hainisch

Frauenzeitung, 5. Mai 1924


Vor uns liegt das letzte Bulletin der »Internationalen Frauenlige für Freiheit und Frieden«. Es wurde der »Neuen Freien Presse« zugesendet, und wir nehmen Anlaß, es jetzt zu besprechen, wo in Washington und London hochinteressante Frauenkongresse stattfinden, die Frauen aus allen Weltgegenden zur Friedenspropaganda sammeln.
Wie wenig weiß man und wie wenig kümmert man sich in Oesterreich um eine Bewegung, die von höchstem Interesse für die ganze Menschheit ist. Früher oder später, einmal wird sie allgemein werden, und wird der Welt das Heil eines vertrauenswürdigen Friedensgerichthofes, das Recht an Stelle der Gewalt bringen. Man wird dann nicht vergessen dürfen, daß viele ausgezeichnete Männer Mitarbeiter waren, aber die Frauen werden das Verdienst haben, der Barbarei Einhalt getan zu haben.
In der Einladung zur Internationalen Konferenz, die der Frauenweltbund – Int. Council of Women – vom 6. bis 8. Mai in London abhält, heißt es: »In der Vergangenheit fußten die Relationen der Regierenden auf ihrer Kriegsstärke, die Diplomaten bedienten sich ihrer.
In der Tat war daher der Krieg Anarchie. Anstatt dieser soll künftig das internationale Recht walten. Damit dies möglich wird, bedarf es aber der Umwandlung der öffentlichen Meinung; dies zu bewirken, das ist unsere Aufgabe.«
Die Konferenz hat sich die Beratung der Ursachen des Krieges und deren Beseitigung zur Aufgabe gestellt, und hat eine sehr bemerkenswerte Tagesordnung aufgestellt. Es steht ein großer Zuspruch zu dieser Konferenz zu erwarten, da sie in den Räumen der British Empire Exhibition in Wembley stattfindet.
In Washington tagt die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit, die Zweige in allen Kulturstaaten hat. Auch in Wien ist der Sitz eines Zweiges und man darf nicht sagen, daß dieser untätig ist.
     Vor zwei Jahren hat er einen beachtenswerten Kongreß in Wien veranstaltet und eben jetzt ist Frau Yella Hertzka als dessen Delegierte in Washington. Aber im ganzen genommen, blüht der österreichische Zweig der Liga doch im Verborgenen. Es gilt, die Presse für seine Bestrebungen zu interessieren. Allein die Berichte, die in dem Bureau der Liga aufliegen, sind bemerkenswert. Sie werden in Genf redigiert und erscheinen in Bulletins in deutscher, englischer und französischer Sprache, sie machen mit dem Stand der Weltpropaganda in der Friedensfrage bekannt. Diese Bulletins sind ohne Zweifel optimistisch gefärbt, aber selbst, wenn man das annimmt, setzen sie in Erstaunen. Wir erfahren zum Beispiel, daß die Kundgebungen: »Nie mehr Krieg!« im Jahre 1923 eine Verbreitung hatten, von der wir uns keine Vorstellung machten. In allen Weltteilen fanden Kundgebungen statt. So hingen auf manchen Eisenbahnstationen durch Wochen die diesbezüglichen Plakate. In England, von wo die »No more war!«-Manifestation ihren Ausgang nahm, fanden große Umzüge aller Partein unter der Parole statt. Anderseits richteten über hundert Städte einen Appell an die Regierung, sie möge zur Abrüstung zu Land, zur See und in der Luft schreiten. In Amerika erhielt der Präsident Aufforderungen ohne Zahl, die wegen Kriegsdienstverweigerung Gefangenen zu begnadigen, bis er endlich dreißig frei ließ.
Von Interesse sind auch die gesammelten Friedensausprüche der Regierenden, so sehr diese mit deren Taten in Widerspruch stehen. Ein Appell Romain Rollands, der die Unterschriften einer Anzahl bekannter Franzosen trägt, ist ebenfalls bemerkenswert. Er wendet sich an die französische Regierung und fordert von ihr Ritterlichkeit und Seelengröße. Unter den ferneren Friedenskundgebungen, die in dem besprochenen Hefte enthalten sind, ist die bemerkenswerteste die Erklärung des französischen Zweiges der Liga an die Presse am Gedenktage des Waffenstillstandes. Wir glauben, sie anführen zu sollen. Die Erklärung lautet:


»An die Presse!

Da wir niemals der Ansicht waren, daß aus dem Kriege und der Vernichtung der Besiegten irgend etwas Gutes folgen könne, da wir seit 1919 gegen die äusserste Härte der Friedensverträge protestieren und eine Revision derselben gefordert haben, konnten wir den Tag des Waffenstillstandes niemals feiern und als Siegesfest betrachten, sondern haben ihn stets als Jahrestag der Beendigung des Blutbades angesehen. — Wir bedauern tief, daß dieser Tag durchaus kein Zeitalter des Friedens eröffnet hat, und messen den größten Teil der Schuld hieran der französischen Politik bei, die nicht bloß unbarmherzig, sondern auch von blinder Hartnäckigkeit geleitet ist, und nicht bloß im Widerspruch zu den edelsten Traditionen Frankreichs steht, sondern auch für die wahren Interessen des Landes von trauriger Wirkung ist. Nachdem die Frauen der französischen Sektion versucht haben, vom Sieger einige gerechte Zugeständnisse zu erlangen, deren Gewährung bloß weiser Vorsicht entsprochen hätte, können sie sich mit der Politik der Regierung nicht solidarisch fühlen, und arbeiten gemeinsam mit ihren Schwestern in allen Ländern unmittelbar an der Versöhnung der Völker.«


Gewiß sind alle die Kundgebungen noch vereinzelt, aber sie dürfen von den Friedensfreunden nicht übersehen werden. Diese müssen all die Menschen darauf aufmerksam machen, die vor einem kommenden Krieg zurückschrecken, aber inaktiv den Dingen ihren Lauf lassen. Diese sind gegen die Vertreter der Revanche zu organisieren und gleichzeitig ist den letzteren klarzumachen und nachzuweisen, daß derzeitig keine politische Konstellation den besiegten Völkern Aussicht auf einen sieghaften Krieg bietet, der den vergewaltigten Nationen zu ihrem Rechte verhilft.
     Auch wir Friedensfreunde gäben uns nicht damit zufrieden, wenn die Grenzen blieben und die Minoritäten fort vergewaltigt werden, auch wir fordern unsere nationalen Bürgerrechte, wir haben aber keine Hoffnung, daß sie derzeit mit Gewalt zu erkämpfen sind, dagegen versprechen wir uns von einer sittlichen Beeinflussung die Anbahnung von Sittlichkeit und Gerechtigkeit.
     Eines steht fest, Krieg ist ein Widerspruch zu Kultur und Humanität, und es steht fest, daß selbst ein siegreicher Krieg die Bevölkerung nicht beglückt. Es ist die wirtschaftliche Zerrüttung nicht zu übersehen, und nicht die kulturelle Schädigung und Entfesselung der bösen menschlichen Anlagen; vor allem aber vernichtet der Krieg, ja er befiehlt den Mord.
     Dagegen sträubt sich das weibliche Empfinden. Mord bleibt für uns Mord. Wir sind dabei auch Mütter und erheben daher die Forderung, daß unsere Söhne nicht getötet und nicht verstümmelt werden. Unsere Kinder sollen nicht begraben oder verstümmelt sein, sondern sie sollen leben zum eigenen und des Vaterlandes Wohl. Beseelt von diesem Wunsche, erheben gegenwärtig Hunderte von Vorkämpferinnen in Washington und London die Forderung nach Abrüstung.
Ich fordere die österreichischen Frauen auf, unsere Wortführerinnen zu unterstützen und der Friedensliga beizutreten. Das Bureau befindet sich in der Hofburg, Michaelertor, Prachtstiege. Es ist eine Ehrenpflicht der österreichischen Frauen, an dem Aufbau des großen Werkes teilzunehmen. Der Lohn, der uns winkt, ist jedes Opfer wert: es ist das Heil unserer Söhne und es ist die Beendigung brutaler Gewalt und der Sieg des Rechtes auch im Völkerleben.


(Der Text basiert auf Vorlage von Sophie Literature wurde jedoch von ngiyaw eBooks nachkorrigiert.)

Montag, 21. September 2009

Aloisia Kirschner (Ossip Schubin) - Die Schlange




Jules Joseph Lefebvre  - Mary Magdalene In The Cave

Aloisia Kirschner -  Die Schlange



Der Sommer lag im Sterben! Gleich unheilkündender Fieberröte, die über die Wangen todkranker Menschen huscht, durchflackerte brennendes Rot die sich lichtenden Wälder. Die Luft war feucht und lau und aus dem faulenden Laub auf dem Boden stieg ein süßer, unheimlicher Duft — ein Duft, welcher zum Leben aufreizte und der Verwesung entstammte. Die Rosen blühten noch überschwänglich an Büschen, die schon begonnen hatten ihre Blätter zu verlieren. —
Die Sonne war im Sinken, und der Himmel mit grauen Dünsten bedeckt. Aus einem Wirtsgarten tönte Musik. Dort dröhnten die Trompeten und schnarrten die Geigen, und lustige Bursche und Mädel drehten sich im Kreise und tanzten jubelnd auf dem welken Gras.
Am Gartenzaun, sehnsüchtig hinüberspähend nach dem munteren Reigen, stand einsam und verlassen ein Dirnlein in einem weißen Kleide mit einem Blumenkranz auf dem Haupt. Sie war gar schön von Angesicht, aber der Saum ihres hellen Gewandes war beschmutzt, und die Blumen ihres Kranzes waren welk. Und als die Bursche sie erblickten, lachten sie laut und keck, und die Mädchen wiesen mit den Fingern auf sie, und die Alten, welche, von längst vergangenen Dingen plaudernd, um das junge Volk herumsaßen, erhoben dräuend die Faust und schrieen: »Hinweg mit dir, Magdalena!«
Da senkte sie ihr wunderschönes Haupt und schlich sich fort. Von Dorf zu Dorf wanderte sie, von Stadt zu Stadt, gemieden und beschimpft, doch noch immer mit dürstend geöffneten Lippen und vor Sehnsucht fieberndem Blick umirrte sie allabendlich die Orte, wo die Musik erschallte und die Jugend tanzte — wie ein Gespenst unruhig die Stätte umschwebt, wo seine Freude begraben liegt.
Immer müder wurde sie und immer welker wurde ihr Kranz. Die Menschen verdoppelten ihre Grausamkeit gegen sie, und sie floh vor ihnen. Sie kam auf eine große, öde Heide; über die fegte laut tobend ein wilder Sturm und rüttelte an jedem Halm und Blatt. Er rief den Blumen zu: »Kommt mit  ... kommt mit!« und zeigte ihnen das Wunderland der Ferne. Da wand sich der Ginster hin und her in sehnsüchtigem Verlangen, dem Lockruf zu folgen, und die winzigen Blütenglöcklein des Heidekrautes zitterten vor Reiselust. Aber sie konnten sich nicht losringen von dem Boden, dem sie entsprossen, in dem sie Wurzeln geschlagen hatten. Der übermütige Geselle küßte neckend den frischen Purpur des Heidekrauts welk und riß die gelben Blüten des Ginsters herab, trieb sie ein Weilchen mit sich fort und ließ sie dann liegen. Traurig und krank zitterten die Blumen noch immer und lauschten sterbend dem verführerischen: »Kommt mit ... kommt mit!« Die weite Heide bebte wie im Fieber, bebte wie ein Herz, das keine Ruhe finden kann!
Matt und elend sank Magdalena zu Boden und schlief ein zwischen den verdorrten Blumen.
Als sie erwachte, da war sie Mutter geworden, und das Kind, das sie geboren, war eine große, gleißende Schlange. Ein namenloses Grauen kam über sie, und als die Schlange versuchte, sich zu ihr emporzuheben, stieß Magdalena sie schaudernd zurück.
Aus dem platten Kopf des Ungeheuers sahen ein paar große, treue Menschenaugen, und mit herzgebrochenem Blick hefteten sie sich auf die Mutter. Dann versuchte die Schlange sich verschämt zwischen den welken Gräsern zu verkriechen. Sie fühlte, daß es ihr Lebenslos sei, Abscheu einzuflößen.
Ein tiefes Mitleid überkam Magdalena. Ihren Widerwillen mühsam verwindend, neigte sie sich zu dem Ungetüm, erfaßte es mit ihren zarten Händen, wickelte seinen schlüpfrigen Leib um ihren weißen, warmen Hals, küßte seinen häßlichen, platten Kopf und sprach: »Sei nicht traurig und ängstige Dich nicht; wenn alles sich vor Dir scheut, will doch ich Dich lieb haben, will ich Dich hegen und pflegen und Dich nimmer verlassen. Bist ja mein Kind!«
Todesbeben schüttelte sie, während sich die Mißgeburt zufrieden an sie schmiegte. —
Und weiter zog sie nun, weiter ohne Rast, ohne Ziel, ihren öden, schmerzensreichen Weg. Wenn man sie früher verachtet, scheute man sie jetzt. Nicht einmal ein Almosen warf man ihr mehr zu.
Sie versteckte sich in den Wäldern und ernährte sich und die Schlange von Wurzeln und Beeren. —  Der Winter kam, und die Rotkehlchen« starben. Weiße Flocken fielen vom Himmel, des Sommers Lieb und Leid, Blüte und Verwesung deckte ein weißes Leichentuch. Eiskalte Reinheit erfüllte die Luft. Kein Vogelgesang, kein Blättchen regte sich. Die schwüle Unruhe des Lebens schlief!
Die Schlange fror. Magdalena löste ihr weiches, goldenes Haar und deckte damit das Ungeheuer zu. Die Schlange hungerte. Umsonst suchte Magdalena Nahrung für sie, umsonst wühlte sie mit ihren halb erstarrten Händen im Schnee, sie fand nichts. Da drückte sie den Kopf der Schlange an ihre Brust und sprach: »Nimm mein Herzblut!«
Und die Schlange biß in ihre weiße, warme Brust und trank ihr Blut.
Brennender Schmerz durchzuckte die Unglückliche — dann aber senkte sich über sie ein tiefer, heiliger Friede. Zum erstenmal seit ihrer traurigen Wanderschaft blickte sie empor. Vor ihr stand ein Kreuz, daran der Heiland hing mit blutigen Händen und Füßen.
Die Sünderin erschrak und wich zur Seite. Doch durch die Stille erklang es süß und mild: »Magdalena!«
Sie blieb stehen. Der Heiland neigte sich zu ihr und flüsterte ihr zu: »Ruh’ aus!« —
Bestürzt blickte sie an sich herab auf ihre beschmutzten Gewänder.
Ihr Kleid war blendend weiß; sie griff nach ihrem Kranz, um ihn aus ihrem Haar zu lösen, aber der Bacchantenkranz hatte sich in eine Dornenkrone verwandelt! — die Krone der Märtyrer. Da sank sie nieder zu den Füßen des Heilands, dankte ihm für seine große Gnade und pries ihn in inbrünstigem Gebet. Als sie sich von neuem aufraffen wollte, suchte sie die Schlange — die war verschwunden. Statt ihrer stand neben Magdalena ein Engel mit mächtigen goldenen Schwingen und den schönen Augen des Ungetüms. Er sprach nur das eine Wort: »Mutter!« Dann nahm er sie in seine starken Arme und trug sie empor zum Himmel — zu den Sternen! —

Lesen sie mehr von der Autorin bei ngiyaw eBooks

Donnerstag, 17. September 2009

Mehr über die Blutgräfin - Abschrift des Zeugen-Verhörs

Abschrift des Zeugen-Verhörs in Betreff der grausamen That, welcher Elisabeth v. Báthori, Gemahlinn des Grafen Franz Nádasdy beschuldiget wird. 1611.

6tens. Wer waren die Werkzeuge bei dieser Peinigung und Ermordung?

Antw. Außer diesen drei Weibern, ist eine zu Cheite, Frau Helene, genannt die kahle Kutscherinn, auch die marterte die Mädchen. Die Frau selbst stach sie mit Nadeln, wenn sie mit ihrer Strickerey nicht fertig wurden. Nahmen sie ihr die Haarwickeln nicht aus, brachten sie ihr nicht Feuer herauf, legten sie ihr die Schürze nicht zurecht: so wurden sie von den alten Weibern sogleich in die Marter-Kammer gebracht und zu Tode gepeiniget. Selbst mit dem Kräusel-Eisen brannten die alten Weiber und sie selbst den Mund, die Nase, das Kinn der Mädchen. In den Mund derselben steckte sie ihre Finger, und zog ihn auseinander. Wenn sie mit ihrer Nätherey bis 10 Uhr nicht fertig waren; so wurden sie gleich in die Folterkammer gebracht. Auch zehnmal des Tages führte man sie zur Marter, wie die Schafe. Manchmal standen vier bis fünf Mädchen nackt da und mußten so ihren Theil nähen oder stricken. Ihr Sitkerr-Mädchen brachte sie darum um, weil sie eine Birn entwendet hatte; sie fieng dieselbe auch so zu martern an und mordete sie mit einem abgezehrten alten Weibe. Die Putzmacherinn aus Wien brachte sie mit der Frau Helena zu Keresztur um. mehr
Transkription von der deutschsprachigen wikisource - dort finden Sie auch die dazugehörigen Digitalisate.
Das ePub oder pdf können Sie hier herunterladen.

Elisabeth Báthory - Eine wahre Geschichte

Mal kurz in der Pause gelesen:
Wenn Grausamkeit und Blutdurst den Mann entehren, ihn dem allgemeinen Abscheu Preis geben, und mit dem Fluch der beleidigten Menschheit brandmarken; so findet die Sprache keinen Ausdruck, die Gefühle der empörten Natur zu bezeichnen, wenn ein Weib diesen unnatürlichen Trieben fröhnt. weiterlesen
Transkription von der deutschsprachigen wikisource - dort finden Sie auch die dazugehörigen Digitalisate.
Das ePub oder pdf können Sie hier herunterladen.

Mittwoch, 16. September 2009

Lou Andreas-Salomé – Die Erotik

Leseprobe aus Die Erotik
DAS EROTISCHE WAHNGEBILDE

Nun ist es interessant zu sehn, wie grade an diesem Punkt das Thema des Erotischen am stiefmütterlichsten behandelt wird. Allerdings enthält diese Geistesbeteiligung am Liebesrausch so viel – Rausch, so deutliche Symptome der Trunkenheit, daß kein Ausweg zu bleiben scheint, als sie auf romantisches Terrain abzuschieben, oder als einigermaßen pathologisch zu beargwöhnen. Dieser wunde Punkt an der ganzen Geschichte wird meistens nur so berührt, wie wenn die Narrenkappe, die unser Verstand hier zeitweilig aufsetzt, davon abhielte, seinen Zustand selber ernst zu nehmen. Im allgemeinen begnügt man sich damit, die Sexualität unter die Lupe zu halten wie sie lokalisiert erscheint in den niedern Hirnzentren, und dann ihr das Gefühlsmaterial unerotischer Art anzugliedern, das, Gott sei Lob und Dank, sich allmählich ja auch mit ihr zusammentut, wie etwa Wohlwollen, Güte, Freundschaft, Pflichtbewußtsein und ähnliches, Diese alle werden durch die ins Kraut schießende berauschte Überschätzung nicht einmal gefördert, im Gegenteil steht sie der Liebe als einer sozialen Nutzpflanze zunächst nur hinderlich im Wege. Aber etwas Menschlichstes am sexuellen Erleben geht leer aus, wenn die menschliche Verrücktheit dabei gar zu sehr als quantité négligeable abgetan wird. An den urteilstollsten Ergüssen von Liebenden aller Zeiten und Völker ergänzt sich uns erst das volle Material dessen, was der Mensch kraft seines mitfiebernden Intellekts aus dem Sexus gemacht hat: und erst dann, wenn wir es weder selber romantisch betrachten, noch auch mit halbwegs medizinischem Interesse. Denn es enthält ja die geistige Sprache dessen, was seit Urweltstagen das Geschlecht auszudrücken bemüht gewesen ist in körperlicher Deutlichkeit als seinen einzigen Sinn: daß es das Ganze nimmt und gibt. Die Revolution der Geschlechtszellen, die diese allmählich nur noch allein ganz Mitbeteiligten in der übrigen Physis anrichten, der Aufstand dieser Rückständigen, Freigeborenen, – gleichsam unsres Ur-Adels, – im wohlgeordneten Körperstaat, kommt darin dem Geist zu Gehör. In ihm, als dem Obersten, dem zusammenfassenden Organe über der Vielfältigkeit der andern, kann ihr selbstherrlicher Wille seinen Wiederklang finden, – ja, das bloße Dasein des Geistes schon verwirklicht in etwas ihre anspruchsvollen Wünsche, insofern sie von ihm aus erst wieder als einheitliche Macht auf alles zurückstrahlen, und sei es auch einstweilen nur als ein Scheinfeuerwerk: als Illusion. Es begreift sich, warum sogar noch Schopenhauer einen tiefen Griff in seinen metaphysischen Sack tat, um diese Liebesillusion als eine der verschmitztesten Mausefallen seines »Willens zum Leben« zu verfehmen, mitsamt ihrem blendenden Köder darin: man fühlt förmlich die Wut aller Düpierten heraus. Denn allerdings, von dem Augenblick an, wo das Geschlechtliche einfach eingereiht ist als ein Einzelprozeß unter die vielen sonstigen im hochorganisierten Körper, muß die brennend eifrige Gesamtergriffenheit gewissermaßen ins Leere ausschwingen. Sie kann nur noch Luxussache sein um die geschlechtlichen Tatsachen herum, sozusagen Lock- und Verführungsarbeit, die das Notwendige und Wirkliche dran umkleidet und schmückt mit einem vergeuderischen Überfluß, den ihr keine Wirklichkeit je zurückzahlt. Und dennoch unterliegt sie damit nicht lediglich einer Selbstbetrügerei, wie viele andre sie auch unwillkürlich mitbetrügen mag: sie versucht nur zum erstenmal mit rein geistigen Mitteln sich einen eigenen Weg, einen Geistesweg, durch die körperlichen Bedrängnisse zu bahnen bis in irgend ein verlornes Paradies. Darum erleben wir sie um so gewisser, je echter eine Liebe in uns ist, und mischt sich erst unsre ganze Hirnkraft helfend ein, dann nur um so verrückter. Nicht selten liegt im ganzen Verhalten von Liebenden gegeneinander ein wenig von dieser Ahnung ausgedrückt, dem andern doch nur verklärt, verhüllt, sichtbar zu sein, und – ohne jede Pose oder Absicht – ein gleichsam davon gebanntes Eingehen auf sein Traumbild. Gewisse Dinge, die schönsten, lassen sich eben, sozusagen, nur stilisiert, nicht rein realistisch, in ihrem vollen Sein erleben, wie wenn in ihnen eine ungeheuer dichterische Fülle nur mit Hilfe einer um so gehaltenem Form aufgenommen werden könnte: von ehrfürchtiger Schönheitssehnsucht angeordnet, worin man mit mehr Zurückhaltung als je, mehr Rückhaltlosigkeit als je, in einer ganz neuen Wesensmischung also, sich gibt. In dieser wahnvermittelten Wirkung doch von bindenderm Einfluß aufeinander als alle tatsächliche Abhängigkeit je zustande brächte; denn bleibt der andere damit für uns auch »draußen«, außerhalb von uns, – nur eben unsern Wesensumkreis fruchtbar anrührend, – so geht doch von solchem Punkt aus erst die ganze übrige Welt uns auf, er wird uns zum eigentlichen Vermählungspunkt mit dem Leben, diesem sonst nie ganz innerlich einbeziehbaren Außen der Dinge: er wird das Medium, wodurch das Leben für uns beredt ist, die grade unsre Seele treffenden Laute und Akzente findet. Lieben heißt im ernstesten Sinn: Jemanden wissen, dessen Farbe die Dinge annehmen müssen, wenn sie bis ganz zu uns gelangen wollen, so daß sie aufhören gleichgültig oder schrecklich, kalt oder hohl zu sein, und selbst die drohendsten unter ihnen, wie böse Tiere beim Eintritt in den Garten Eden, sich besänftigt uns zu Füßen strecken. In den schönsten Liebesliedern lebt etwas von dieser mächtigen Empfindung, als sei das Geliebte gar nicht nur es selbst, sondern auch das Blatt noch, das am Baume zittert, der Strahl noch, der auf dem Wasser erglänzt, – verwandelt in alle Dinge und Verwandlerin der Dinge: ein Bild, zersprengt in die Unendlichkeit des Alls, damit, wo wir auch wandeln mögen, es in unsrer Heimat geschehe. Deshalb fürchtet man so berechtigt eines Liebesrausches Ende durch das allzu gründliche Sichkennenlernen, deshalb beginnt jeder echte Rausch mit etwas wie einem schöpferischen Ruck, der Sinne und Geist in Schwingung versetzt. Deshalb eine bei aller Beschäftigung mit dem andern doch nur geringe Neugier, wie er wohl eigentlich »ist«, und selbst bei weit übertroffenen Erwartungen, die einen Bund nach allen Seiten gefestigt und vertieft haben, unter Umständen doch eine starke Enttäuschung bloß deshalb, weil der Spielraum nicht mehr vorhanden ist, um sich zum andern schaffend dichtend, »spielend« zu verhalten. Ganz kleine Reizbarkeiten heften sich damit oft an eben dieselben kleinenZüge, die ehemals dazu im besondern anregten und drum besonders entzückten: daß sie uns nun hinterher nicht wenigstens gleichgültig lassen können, vielmehr irritieren, erinnert noch an die Tatsache, einer wie fremden Welt unsre Nerven damals entgegenzitterten, – einer wie fremdgebliebenen.

Zur Autorin:
Lou Andreas-Salomé
(12. Februar 1861, St. Petersburg – 5. Februar 1937, Göttingen)
geborene Louise von Salomé; gelegentliches Pseudonym Henry Lou war eine weit gereiste Schriftstellerin, Erzählerin, Essayistin und Psychoanalytikerin aus russisch-deutscher Familie. Die Art ihrer persönlichen Beziehungen zu prominenten Vertretern des deutschen Geisteslebens – in erster Linie zu Friedrich Nietzsche, Rainer Maria Rilke und Sigmund Freud – war und ist bis heute Gegenstand unterschiedlicher Interpretationen. mehr
Verfügbarkeit:
Bei ngiyaw eBooks unter der Autorin im pdf- und ePub-Format zum kostenlosen Download und als html zum online-Lesen.
Der Text folgt der Ausgabe: Lou Andreas-Salomé, Die Erotik, Literarische Anstalt Rütten & Loening, Frankfurt am Main, 1910 und steht auch als Digitalisat bei ngiyaw eBooks zur Verfügung.

Walter Serner - Inferno

Walter Serner - Inferno Inferno Ein Schreien, das widersetzlich beginnt, wenn es am laute­sten wird, vor Wut sich überschlägt und ...