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Marianne Hainisch - Die Weltpropaganda für den Frieden



Bild (Marianne Hainisch) aus dem Archiv der Österreichischen Nationalbibliothek

Die Weltpropaganda für den Frieden
Marianne Hainisch

Frauenzeitung, 5. Mai 1924


Vor uns liegt das letzte Bulletin der »Internationalen Frauenlige für Freiheit und Frieden«. Es wurde der »Neuen Freien Presse« zugesendet, und wir nehmen Anlaß, es jetzt zu besprechen, wo in Washington und London hochinteressante Frauenkongresse stattfinden, die Frauen aus allen Weltgegenden zur Friedenspropaganda sammeln.
Wie wenig weiß man und wie wenig kümmert man sich in Oesterreich um eine Bewegung, die von höchstem Interesse für die ganze Menschheit ist. Früher oder später, einmal wird sie allgemein werden, und wird der Welt das Heil eines vertrauenswürdigen Friedensgerichthofes, das Recht an Stelle der Gewalt bringen. Man wird dann nicht vergessen dürfen, daß viele ausgezeichnete Männer Mitarbeiter waren, aber die Frauen werden das Verdienst haben, der Barbarei Einhalt getan zu haben.
In der Einladung zur Internationalen Konferenz, die der Frauenweltbund – Int. Council of Women – vom 6. bis 8. Mai in London abhält, heißt es: »In der Vergangenheit fußten die Relationen der Regierenden auf ihrer Kriegsstärke, die Diplomaten bedienten sich ihrer.
In der Tat war daher der Krieg Anarchie. Anstatt dieser soll künftig das internationale Recht walten. Damit dies möglich wird, bedarf es aber der Umwandlung der öffentlichen Meinung; dies zu bewirken, das ist unsere Aufgabe.«
Die Konferenz hat sich die Beratung der Ursachen des Krieges und deren Beseitigung zur Aufgabe gestellt, und hat eine sehr bemerkenswerte Tagesordnung aufgestellt. Es steht ein großer Zuspruch zu dieser Konferenz zu erwarten, da sie in den Räumen der British Empire Exhibition in Wembley stattfindet.
In Washington tagt die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit, die Zweige in allen Kulturstaaten hat. Auch in Wien ist der Sitz eines Zweiges und man darf nicht sagen, daß dieser untätig ist.
     Vor zwei Jahren hat er einen beachtenswerten Kongreß in Wien veranstaltet und eben jetzt ist Frau Yella Hertzka als dessen Delegierte in Washington. Aber im ganzen genommen, blüht der österreichische Zweig der Liga doch im Verborgenen. Es gilt, die Presse für seine Bestrebungen zu interessieren. Allein die Berichte, die in dem Bureau der Liga aufliegen, sind bemerkenswert. Sie werden in Genf redigiert und erscheinen in Bulletins in deutscher, englischer und französischer Sprache, sie machen mit dem Stand der Weltpropaganda in der Friedensfrage bekannt. Diese Bulletins sind ohne Zweifel optimistisch gefärbt, aber selbst, wenn man das annimmt, setzen sie in Erstaunen. Wir erfahren zum Beispiel, daß die Kundgebungen: »Nie mehr Krieg!« im Jahre 1923 eine Verbreitung hatten, von der wir uns keine Vorstellung machten. In allen Weltteilen fanden Kundgebungen statt. So hingen auf manchen Eisenbahnstationen durch Wochen die diesbezüglichen Plakate. In England, von wo die »No more war!«-Manifestation ihren Ausgang nahm, fanden große Umzüge aller Partein unter der Parole statt. Anderseits richteten über hundert Städte einen Appell an die Regierung, sie möge zur Abrüstung zu Land, zur See und in der Luft schreiten. In Amerika erhielt der Präsident Aufforderungen ohne Zahl, die wegen Kriegsdienstverweigerung Gefangenen zu begnadigen, bis er endlich dreißig frei ließ.
Von Interesse sind auch die gesammelten Friedensausprüche der Regierenden, so sehr diese mit deren Taten in Widerspruch stehen. Ein Appell Romain Rollands, der die Unterschriften einer Anzahl bekannter Franzosen trägt, ist ebenfalls bemerkenswert. Er wendet sich an die französische Regierung und fordert von ihr Ritterlichkeit und Seelengröße. Unter den ferneren Friedenskundgebungen, die in dem besprochenen Hefte enthalten sind, ist die bemerkenswerteste die Erklärung des französischen Zweiges der Liga an die Presse am Gedenktage des Waffenstillstandes. Wir glauben, sie anführen zu sollen. Die Erklärung lautet:


»An die Presse!

Da wir niemals der Ansicht waren, daß aus dem Kriege und der Vernichtung der Besiegten irgend etwas Gutes folgen könne, da wir seit 1919 gegen die äusserste Härte der Friedensverträge protestieren und eine Revision derselben gefordert haben, konnten wir den Tag des Waffenstillstandes niemals feiern und als Siegesfest betrachten, sondern haben ihn stets als Jahrestag der Beendigung des Blutbades angesehen. — Wir bedauern tief, daß dieser Tag durchaus kein Zeitalter des Friedens eröffnet hat, und messen den größten Teil der Schuld hieran der französischen Politik bei, die nicht bloß unbarmherzig, sondern auch von blinder Hartnäckigkeit geleitet ist, und nicht bloß im Widerspruch zu den edelsten Traditionen Frankreichs steht, sondern auch für die wahren Interessen des Landes von trauriger Wirkung ist. Nachdem die Frauen der französischen Sektion versucht haben, vom Sieger einige gerechte Zugeständnisse zu erlangen, deren Gewährung bloß weiser Vorsicht entsprochen hätte, können sie sich mit der Politik der Regierung nicht solidarisch fühlen, und arbeiten gemeinsam mit ihren Schwestern in allen Ländern unmittelbar an der Versöhnung der Völker.«


Gewiß sind alle die Kundgebungen noch vereinzelt, aber sie dürfen von den Friedensfreunden nicht übersehen werden. Diese müssen all die Menschen darauf aufmerksam machen, die vor einem kommenden Krieg zurückschrecken, aber inaktiv den Dingen ihren Lauf lassen. Diese sind gegen die Vertreter der Revanche zu organisieren und gleichzeitig ist den letzteren klarzumachen und nachzuweisen, daß derzeitig keine politische Konstellation den besiegten Völkern Aussicht auf einen sieghaften Krieg bietet, der den vergewaltigten Nationen zu ihrem Rechte verhilft.
     Auch wir Friedensfreunde gäben uns nicht damit zufrieden, wenn die Grenzen blieben und die Minoritäten fort vergewaltigt werden, auch wir fordern unsere nationalen Bürgerrechte, wir haben aber keine Hoffnung, daß sie derzeit mit Gewalt zu erkämpfen sind, dagegen versprechen wir uns von einer sittlichen Beeinflussung die Anbahnung von Sittlichkeit und Gerechtigkeit.
     Eines steht fest, Krieg ist ein Widerspruch zu Kultur und Humanität, und es steht fest, daß selbst ein siegreicher Krieg die Bevölkerung nicht beglückt. Es ist die wirtschaftliche Zerrüttung nicht zu übersehen, und nicht die kulturelle Schädigung und Entfesselung der bösen menschlichen Anlagen; vor allem aber vernichtet der Krieg, ja er befiehlt den Mord.
     Dagegen sträubt sich das weibliche Empfinden. Mord bleibt für uns Mord. Wir sind dabei auch Mütter und erheben daher die Forderung, daß unsere Söhne nicht getötet und nicht verstümmelt werden. Unsere Kinder sollen nicht begraben oder verstümmelt sein, sondern sie sollen leben zum eigenen und des Vaterlandes Wohl. Beseelt von diesem Wunsche, erheben gegenwärtig Hunderte von Vorkämpferinnen in Washington und London die Forderung nach Abrüstung.
Ich fordere die österreichischen Frauen auf, unsere Wortführerinnen zu unterstützen und der Friedensliga beizutreten. Das Bureau befindet sich in der Hofburg, Michaelertor, Prachtstiege. Es ist eine Ehrenpflicht der österreichischen Frauen, an dem Aufbau des großen Werkes teilzunehmen. Der Lohn, der uns winkt, ist jedes Opfer wert: es ist das Heil unserer Söhne und es ist die Beendigung brutaler Gewalt und der Sieg des Rechtes auch im Völkerleben.


(Der Text basiert auf Vorlage von Sophie Literature wurde jedoch von ngiyaw eBooks nachkorrigiert.)

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