Freitag, 27. November 2009

Carmen Sylva

Zum Jahresabschluß stellt Ihnen ngiyaw eBooks Werke von Carmen Sylva, der dichtenden Königin von Rumänien, vor.

Es werden Ihnen neben ihren eigenen Dichtungen auch Übertragungen zu rumänischen Autoren dargeboten werden.
Zu den Transkriptionen wird ngiyaw eBooks auch zahlreiche Digitalisate sowohl ihrer deutschen Werke als auch ihrer Werke in rumänische Sprache zur Verfügung stellen.

Lesenswert - es sind Perlen darunter.

Samstag, 14. November 2009

Friedrich Schillers 250. Geburtstag

10. November 1759 in Marbach am Neckar - † 9. Mai 1805 in Weimar

Die deutschsprachige Wikisource hat es mal geschafft zu einem bedeutenden Jahrestag eines Schriftstellers den LeserInnen eine üppige Auswahl aus seinem Werk anzubieten.
Sorgfältig editiert und wissenschaftlich verwertbar, wie es bei der deutschsprachigen wikisource (fast) immer erwartet werden kann.
Sie finden die verfügbaren Werke HIER.

Nachfolgend nur ein Überblick über die bereits transkribierten und in Vorbereitung befindlichen Texte mit den dazugehörigen Digitalisaten bei wikisource:
    * 1776: Der Abend (Erstveröffentlichung im Schwäbischen Magazin)
    * 1781: Die Räuber (anonymer Erstdruck)
    * 1781: Die Blumen
    * 1782: Anthologie auf das Jahr 1782 (Hrsg.)
    * 1783: Die Verschwörung des Fiesco zu Genua
    * 1784: Kabale und Liebe GDZ Göttingen
    * 1784: Ankündigung der „Rheinischen Thalia“
    * 1785-91: Thalia (Hrsg.)
          o 1785: Was kann eine gute stehende Schaubühne eigentlich wirken?
          o 1785-87: Dom Karlos (auch bekannt unter dem Titel Don Carlos, Infant von Spanien)
          o 1785: Brief eines reisenden Dänen
          o 1785: Repertorium des Mannheimer Nationaltheaters
          o 1785: Wallensteinischer Theaterkrieg
          o 1785: Dramaturgische Preißfragen
          o 1786: An die Freude
          o 1786: Verbrecher aus Infamie eine wahre Geschichte
          o 1786: Freygeisterey der Leidenschaft
          o 1786: Resignation
          o 1786: Philosophische Briefe
          o 1787-89: Der Geisterseher
          o 1789: Des Grafen Lamoral von Egmont Leben und Tod
          o 1789: Der Abschied
          o 1790: Die Sendung Moses
          o 1790: Etwas über die erste Menschengesellschaft nach dem Leitfaden der mosaischen Urkunde
          o 1790: Die Gesetzgebung des Lykurgus und Solon
          o 1790: Der versöhnte Menschenfeind
          o 1790: Erklärung des Herausgebers
    * 1789: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?
    * 1792: Geschichte des 30jährigen Kriegs
    * 1792/93: Neue Thalia (Hrsg.)
          o 1792: Ueber den Grund des Vergnügens an tragischen Gegenständen
          o 1792: Ueber die tragische Kunst
          o 1793: Ueber Anmuth und Würde
          o 1793: Vom Erhabenen
          o 1793: Fortgesetzte Entwicklung des Erhabenen
          o 1793: Zerstreute Betrachtungen über verschiedene ästhetische Gegenstände
    * 1794: Taschenkalender auf das Jahr 1795 für Natur- und Gartenfreunde (Rezension)
    * 1795: Die Horen
          o 1795: Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen (1. Stück, 1795)
          o 1795: Die Teilung der Erde (8. Stück, 1795)
          o 1795: Das verschleierte Bild zu Sais (9. Stück, 1795)
          o 1795: Der Spaziergang (8. Stück, 1795; unter dem Titel Elegie)
    * 1796: Musen-Almanach für das Jahr 1796
          o 1796: Columbus
          o 1796: Das Kind in der Wiege
          o 1796: Das Unwandelbare
          o 1796: Der Abend, nach einem Gemählde
          o 1796: Der beste Staat
          o 1796: Der Kaufmann
          o 1796: Der Metaphysiker
          o 1796: Der spielende Knabe
          o 1796: Der Sämann
          o 1796: Der Tanz
          o 1796: Deutschland und seine Fürsten
          o 1796: Die Ideale
          o 1796: Die Macht des Gesanges
          o 1796: Die Ritter des Spitals zu Jerusalem
          o 1796: Die zwei Tugendwege
          o 1796: Ein Wort an die Proselytenmacher
          o 1796: Einer jungen Freundin ins Stammbuch
          o 1796: Odysseus
          o 1796: Pegasus in der Dienstbarkeit (siehe auch: Pegasus im Joche von 1852)
          o 1796: Spruch des Confucius
          o 1796: Stanzen an den Leser
          o 1796: Würde der Frauen
          o 1796: Würden
          o 1796: Zevs zu Herkules
    * 1797: Musen-Almanach für das Jahr 1797
          o 1797: An die Astronomen
          o 1797: An die Gesetzgeber
          o 1797: Das Distichon
          o 1797: Das Ehrwürdige
          o 1797: Das gemeinsame Schicksal
          o 1797: Das Geschenk
          o 1797: Das Mädchen aus der Fremde
          o 1797: Das weibliche Ideal
          o 1797: Der Aufpasser
          o 1797: Der Besuch
          o 1797: Der epische Hexameter
          o 1797: Der Fuchs und der Kranich, an Fr. Nicolai
          o 1797: Der griechische Genius an Meyer in Italien
          o 1797: Der Homeruskopf als Siegel
          o 1797: Der Naturkreis
          o 1797: Der Vater
          o 1797: Die achtzeilige Stanze
          o 1797: Die beste Staatsverfassung
          o 1797: Die Geschlechter
          o 1797: Die schönste Erscheinung
          o 1797: Einer (zusammen mit Goethe)
          o 1797: Erwartung und Erfüllung
          o 1797: Falscher Studiertrieb
          o 1797: Forum des Weibes
          o 1797: Freund und Feind
          o 1797: Genius mit der umgekehrten Fackel
          o 1797: Güte und Größe
          o 1797: Innerer Werth und äussere Erscheinung
          o 1797: Jetzige Generation
          o 1797: Jugend
          o 1797: Klage der Ceres
          o 1797: Liebe und Begierde
          o 1797: Macht des Weibes
          o 1797: Majestas populi
          o 1797: Menschliches Wirken
          o 1797: Politische Lehre
          o 1797: Pompeji und Herkulanum (siehe auch: Pompeji und Herculanum von 1854)
          o 1797: Quelle der Verjüngung
          o 1797: Tabulae votivae (zusammen mit Goethe)
          o 1797: Tugend des Weibes
          o 1797: Vielen (zusammen mit Goethe)
          o 1797: Weibliches Urtheil
          o 1797: Würde des Menschen
          o 1797: Xenien (zusammen mit Goethe)
    * 1798: Musen-Almanach für das Jahr 1798
          o 1798: Breite und Tiefe
          o 1798: Das Geheimniß
          o 1798: Das Regiment (unter der Chiffre E.)
          o 1798: Der Gang nach dem Eisenhammer
          o 1798: Der Handschuh
          o 1798: Der Obelisk u.s.w.
          o 1798: Der Ring des Polykrates
          o 1798: Der Taucher
          o 1798: Die Kraniche des Ibycus
          o 1798: Die Peterskirche (unter der Chiffre E.)
          o 1798: Die Urne und das Skelet (unter der Chiffre E.)
          o 1798: Die Worte des Glaubens
          o 1798: Elegie an Emma (unter der Chiffre S.)
          o 1798: Licht und Wärme
          o 1798: Nadoweßische Todtenklage
          o 1798: Reiterlied aus dem Wallenstein
          o 1798: Ritter Toggenburg
    * 1799: Musen-Almanach für das Jahr 1799
          o 1799: Bürgerlied
          o 1799: Das Glück
          o 1799: Der Kampf mit dem Drachen
          o 1799: Des Mädchens Klage
          o 1799: Die Bürgschaft
          o 1799: Poesie des Lebens
          o 1799: Prolog zu Wallensteins Lager
    * 1799: Wallenstein-Trilogie
          o 1799: Wallensteins Lager
          o 1799: Die Piccolomini
          o 1799: Wallensteins Tod
    * 1800: Musen-Almanach für das Jahr 1800
          o 1800: Das Lied von der Glocke (siehe auch: Das Lied von der Glocke von 1854)
          o 1800: Die Erwartung
          o 1800: Spruch des Konfucius
    * 1800: Über naive und sentimentalische Dichtung
    * 1800: Maria Stuart
    * 1801: Die Jungfrau von Orléans
    * 1803: Die Braut von Messina, oder, Die feindlichen Brüder: ein Trauerspiel mit Chören
    * 1803/04: Wilhelm Tell
    * 1804: Die Huldigung der Künste
    * 1804: Gedichte Erster Theil.
    * 1804: Gedichte Zweiter Theil.
    * 1805: Demetrius (unvollendet)

Ebenfalls wird auf Digitalisate früher und relevanter Ausgaben beim Internet Archive verwiesen:
Friedrich Schillers sämmtliche Werke, 26 Bände, Wien 1810–1811
Schillers Sämtliche Werke: Säkular-Ausgabe in 16 Bänden, Stuttgart/Berlin 1904

Ein Besuch lohnt!

Dienstag, 10. November 2009

Maria Janitschek - Die neue Eva

aus dem Novellenband - Die neue Eva

Biographie und Download als pdf und auch in anderen Formaten bei ngiyaw eBooks 
Vorschau als Flash-File (klicken Sie auf das Cover)




In Schönheit


Sie war schön wie das Mondlicht, das auf einem stillen Teich spielt. Man sprach leiser in ihrer Gegenwart und dämpfte seine lebhaften Gebärden.
Sie hieß Liane von Immen, und niemand konnte ihr beweisen, daß sie nicht so hieß, denn niemand hatte ihren Taufschein gesehen. Sie besaß nicht die plumpe Berühmtheit, durch ein Buch, das sie geschrieben, oder einen neumodischen Kleiderschnitt, den sie erdacht, im Meyer oder Brockhaus mitsamt der Angabe ihres Lebensalters der Welt vorgestellt zu werden. Sie blieb ein Geheimnis. Nur denen, die ihr wert waren, offenbarte sie sich in einer wunderbaren lichtblauen Nacht.
Sie führte eine alte Frau bei sich, die sie bediente und die irr war. Sie war wirklich irr. Berühmte, nüchterne Nervenärzte hatten es bestätigt. Irgend etwas im Leben hatte sie um den Verstand gebracht. Liane erzählte, daß sie entfernt verwandt mit ihr wäre und sie schon vor ihrer Geistesverdüsterung bei sich gehabt hätte. Die letztere zeigte sich vornehmlich darin, daß die alte Frau beständig abgerissenes, zusammenhangloses Zeug vor sich hin schwatzte. Übles fügte sie keiner Seele zu. Im Gegenteil. Sie sorgte mütterlich für Liane und war Tag und Nacht zu ihrem Dienst bereit. Verschiedene Leute behaupteten, daß sie durchaus keine Verwandte von Liane wäre, daß diese sie aus andern Gründen bei sich hatte.
Lianens Äußeres besaß viel Anmut. Sie war hoch, schlank; die rote Haarfarbe, die bereits Fünfzig-Pfennig-Dirnen trugen, trug sie nicht mehr. Ihr stand die weiße Farbe besser zu Gesicht. Dichte, schneeweiße Haarwellen hoben den zarten Rosenton ihres Fleisches und machten ihre großen, dunklen Augen doppelt geheimnisvoll.
Sie trug nur weiße Gewänder. Da ihre Gemächer mit dunklen Tapeten geschmückt waren, Ebenholzmöbel und Teppiche in den mattesten Farben ihre Ausstattung bildeten, so war sie das einzig Helle in dieser dämmerhaften Umgebung. Sie glitt wie ein silberner, schlanker Strahl in der milden Nacht dieser Gemächer dahin. Abends wurden hohe Stehlampen angezündet, deren Licht purpurne Seidenschirme milderten.
Ein großer Garten mit einer hohen Mauer umgab ihr Haus. Sie hatte ein elegantes Cab gemietet, das sie täglich an die Luft führte, sie setzte nie einen Fuß aufs Straßenpflaster. Sie besaß wenig Verkehr. Die paar Familien, mit denen sie sich traf, kamen ihr sehr zuvorkommend entgegen, wenn auch nicht ohne leise Unsicherheit. Wo sie sich befand, herrschte sofort jene zitternde Schwüle, wie sie über den Wiesen webt, wenn Juliglut schweigsam auf ihnen buhlt. Und doch war Liane nicht das geringste Üble nachzusagen, ja sie besaß sogar äußerst strenge Grundsätze.
Um ihr in Gärten gebettetes Landhaus herrschte Einsamkeit. Ab und zu kam ein Bauernwagen mit rasselndem Milchgeschirr vorüber, oder ein Landauer mit einer zahlreichen Familie fuhr am Sonntagmorgen die Straße entlang aufs Land hinaus. Selten ereignete es sich, daß in vorgerückter Stunde ein Mann im langen englischen Überzieher, den Kragen hochgeklappt, die Gartenthür öffnete. Er verschwand dann in dem zur ebenen Erde gelegenen Saal, wo verhangene Lampen die zauberhafte Frauengestalt phantastisch beleuchteten, die dort auf der Ottomane ruhte.
An einem milden Augustabend ruhte sie wieder dort. Die Alte hatte ihr zu Füßen ein Tischchen mit in Eis gekühlten Früchten hingestellt und war dann, leise vor sich hin schwatzend, verschwunden. Einige Minuten darauf öffnete sich ein Flügel der breiten Thür nach dem Garten hinaus, und die hohe Gestalt eines Mannes trat ein. Liane neigte stumm das Haupt.
Ebenfalls ohne ein Wort zu verlieren, ging er auf sie zu und führte ihre Hand an die Lippen.
Dann warf er Überrock und Zylinder auf einen Sessel, näherte sich ihr und sah, mit verliebten Blicken, in ihr wunderschönes, ruhiges, bleiches Gesicht. Ihre Augen wiesen nach den duftenden Früchten. Er schüttelte den Kopf. »Mich dürstet nur nach Ihnen, Liane.« Über sein von den Erfahrungen des Lebens stark verwüstetes Gesicht flog leichte Röte. »Mir kommt's Ewigkeiten vor, seit ich zum letzten Mal hier war. Eine schale Zeit liegt hinter mir. Nichts wie Banalität, Repräsentationspflichten, Familienjammer, Öde, wohin man blickt. Alles immer daßelbe, immer daßelbe. Und glaubt man einmal etwas Neues gefunden zu haben, dann ist es plump, plump zum Verletzen.«
»Wie geht's der Prinzessin?« Ihre Stimme klang tief und weich. »Ist es vorüber?«
»Ach«, er verzog den Mund, »reden Sie nicht davon. Es war eine Schlächterei. Wir wollten unsere Tochter nicht verlieren, er nicht den Erben. Die Ärzte stritten sich im Nebenzimmer wie die Marktweiber um den armen, in der Narkose noch stöhnenden Körper, bis endlich wir, die Eltern, siegten. Das zerstückelte Kind ist bereits beigesetzt, sie mit ihren neunzehn Jahren ein Krüppel, der indessen die Hoffnung hat, wie ihr Leibarzt bemerkte, die nächste Geburt besser zu überstehen.«
Liane verhüllte sich das Gesicht. »Entsetzlich! Dieses holde Madonnenbild! Aus welchem Barbarenwinkel stammt eigentlich ihr Gatte?«
»Lassen wir das, Liebste. Unsere Kultur glaubt eine noch nie erreichte Blüte gewonnen zu haben. Sie baut elegante Zuchthäuser, Frauenkliniken, die wahren Palästen gleichen, sie gestattet uns, Bordelle zu besuchen, - die geliebte Frau vor dem Schicksal, geschlachtet zu werden, zu bewahren, gestattet sie uns indessen nicht. Unsere Moral will nicht nur die Art unserer Sinnengenüsse vorschreiben, sie will sogar die Vorgänge im Ehebett regeln. Diese Moral ist gut für die, die sie gut finden, für die meisten. Glauben Sie nicht, daß diese Millionen an unsern Freuden Gefallen fänden, sie würden immer das Gewohnte vorziehen, aber - den andern, den zum Bewußtsein Gekommenen müßte mehr Freiheit eingeräumt werden. Nie gab's eine Zeit stärkerer Beschränkung des einzelnen Geistindividuums als heute.«
»Wie schön ist es, man selbst sein zu dürfen! Wie schön, frei und Frau zu sein.« Sie stützte den edlen Kopf in die weiße Hand.
»Und wie schön ist es, beglücken zu können!« Er strich sanft über ihre knisternde Haarflut, »so beglücken können wie Sie!«
»Ohne Elend als unwürdige Spur der Seligkeit zu hinterlassen. Ohne das Gewissen zu kränken.«
»Wie Götter genießen. Ohne satt zu werden wie die Plebs nach plumpen Gerichten. Geliebte!« Er sah sie bittend an.
Sie erhob sich, das Angesicht von hinreißender Hingebung verklärt. Ihr langes weißes Gewand, von unbestimmten, roten Lichtern übergossen, schleifte lang hinter ihr her.
Sie berührte mit ihren Fingerspitzen eine Thüre, durch die er verschwand. Sie selbst öffnete eine schwere Portière. Ein eigenartiges Gemach, mit tiefgrauer Seide ausgeschlagen, in dem sich nur ein niederes Ruhebett von antik großen Formen befand, nahm sie auf. Sie ließ sich auf den Rand des köstlichen Lagers nieder, auf dem elfenbeinfarbene Seidenkissen in Fülle herumlagen. Nichts, kein weiteres Einrichtungsstück befand sich hier, außer zu Häupten ein silberner Kübel, aus dem ein Büschel hoher, bis zur Betäubung duftender Lilien hervorschoß.
Einige Augenblicke vergingen. Unter den Sammetfalten der Portière erschien der Mann; er hatte seinen Anzug gegen ein mantelartiges Kleidungsstück von dunkler, weicher Seide vertauscht. Er ließ sich neben Liane nieder.
»Willst du uns durchaus töten mit deinem Lilienduft? So atemberaubend war er noch nie.«
Er schlang die Arme um sie. Ihr weißes wundersames Gewand, das nur ein vielfach um sie geschlungener weißer Mantel war, öffnete sich und ließ die Rosenbüsche ihrer weißen Brüste an seinen sich senkenden Lippen aufsprießen. Aber die ihren waren nicht müßig. In zarten, kaum gefühlten Küssen glitten sie über sein Antlitz, seinen Hals. Er gab sie frei, um einige Minuten lang ganz ihre Beute zu werden. Er zerfloß in Schauern höchsten Empfindens, gleichsam von zwei gleitenden, suchenden Schmetterlingen übergaukelt, die Ader für Ader seines Leibes zum Bewußtsein ihres purpurnen Inhalts wachriefen. Seine verzückten Augen füllten sich mit Thränen schwebender Lust, kein Wort ertönte, nur ein geheimnisvolles Seufzen, wie es über die Blumen fährt, wenn der Tau aus der Erde bricht, um sie zu erquicken.
Liane war lautlos über ihn hingesunken.
Er fühlte das schmeichelnd weiche, rhythmische Hüpfen ihrer Brust bei jedem ihrer Herzschläge. Er fühlte ihr elektrisch knisterndes Haar über seinen Körper ausgebreitet, seine Berührung erfüllte ihn mit leisem Prickeln und rief ihn wieder ins schöne Bewußtsein zurück. Mit zarten, behutsamen Griffen legte er sie in den seidenen Kissen zurecht und küßte die dunklen, wie gebrochen vor sich hinblickenden Augen. Sein Mund saugte sich in ihre weiße Kehle ein und glitt in die geheimnisvolle Bucht zwischen ihren Brüsten. Er kostete den würzigen Duft unter ihren weichen, biegsamen Schultern, er glitt weiter und genoß inbrünstig alle einzelnen Schönheiten des Leibes. Ihre kleinen rosigen Zehen nahm er zwischen die Lippen und liebkoste sie. Das geheimnisvolle Beben ihrer Glieder lebte er mit in seinem lustirren Aufschauern und verspürte so die doppelte Wonne des Empfangens und Gebens. Ein Regen ihn überströmender Entzückungen, der gleichsam aus jeder Pore seines Körpers brach, raubte ihm die Sinne und streckte ihn wie einen Toten neben ihr hin …
Die Lilien dufteten, ein flüsternder Wind strich am Fenster hin und verstummte.
Unendliche Stille herrschte, unendlicher Friede …
Einige Stunden später neigte sich die hohe Gestalt des Mannes über das bleiche, schöne Gesicht der Schlummernden und schied von ihr in seliger Dankbarkeit …

Walter Serner - Inferno

Walter Serner - Inferno Inferno Ein Schreien, das widersetzlich beginnt, wenn es am laute­sten wird, vor Wut sich überschlägt und ...