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Der Haschischclub von Oscar A. H. Schmitz

Der Haschischclub.


An einem Abend des Winters 1896 befand ich mich in einem wenig besuchten Pariser Speisehaus. Während ich, ohne meiner Umgebung zu achten, ausschliesslich mit der Mahlzeit beschäftigt war, hörte ich neben mir eine halblaute Stimme, die sich an den Kellner wendete. Die trotz des fremdländischen Accents gewandte Ausdrucksweise, welche Vertrautheit mit den Boulevards verriet, fesselte meine Aufmerksamkeit und ich erkannte in diesem schlanken, discret blonden, schon etwas alternden Dandy den Grafen Vittorio Alta-Carrara. Ich beobachtete, während er, ohne mich zu sehen, sein Menü zusammenstellte, dass sich die vertikale Tendenz seiner Linien seit unserem letzten Zusammentreffen noch verstärkt hatte und eine unübertreffliche Kunst des Anzugs dieser Veranlagung durchaus gerecht wurde; die schmalen langen Beine liess er in die schlanksten Stiefel auslaufen, während die fast entfleischten Finger in spitzbogenförmigen Nägeln endigten. Seine dünnen Lippen, die keine Sinnlichkeit merken liessen, hatten neben dem »ennui« eine gewisse Bitterkeit angenommen, die seine kühle Persönlichkeit menschlicher und etwas nahbarer erschienen liess.
»Ah, Sie sind in Paris,« sagte der Graf und erstaunte nur aus Liebenswürdigkeit, obgleich zwischen unserem letzten Zusammentreffen und diesem Abend in Paris mehrere Jahre und Länder lagen.
Wir hatten uns einmal in einem römischen Salon kennen gelernt, wo wir eines Abends nach dem Brauch des Landes, jeder mit einer Theetasse in der Hand, zwischen seltenen Statuen eine Stunde lang neben einander standen. Später erfuhr ich, dass er einen calabrischen Vater hatte, der ihn in einer geheimnisvollen Schwärmerei für die grossen, blondhaarigen Frauen des Nordens mit einer ziemlich untergeordneten Norwegerin erzeugt hatte, die immerhin blond und schlank genug war, um den fantastischen Südländer den Duft der Freiaäpfel wenigstens von weitem wittern zu lassen. -- Ein anderes Mal sah ich den Grafen in einem abgelegenen niederländischen Museum, wo er nach den Fragmenten eines unbekannten Kupferstechers, Allaert van Assen, suchte. Dieser Meister -- so versicherte er -- hatte in Höllenscenen sehr sinnreiche Foltern dargestellt, die beweisen, sollten, dass der Schmerz eine gesteigerte Lust sei, dass nur thörichte Menschen nicht nach den Genüssen einer ewigen Verdammnis lechzen könnten. Die Inquisition hat diesen Satanisten, der sich nach Spanien verirrte, mit Eisumschlägen auf Herz und Hirn, wohlweislich und langsam verbrannt und seine Werke vernichtet oder entstellt. -- Zum letztenmal hatte ich den Grafen im Handschriftenkabinet einer kleinen deutschen Stadt gesehen, wo er einen arabischen Codex auszog, der, wie er schwur, die ganze erotische Litteratur der Europäer überflüssig machte.
Heute Abend war Alta-Carrara wenig mitteilsam. Seine ganze Aufmerksamkeit schien von den Speisen gefesselt -zu sein, die ihn, nach seiner besonderen Anweisung zubereitet, durchaus zu befriedigen schienen. Plötzlich unterbrach er sich bei einer Kastaniensuppe, die ihm eine Erinnerung wachzurufen schien:
»Haben Sie nicht einmal einen Vers gemacht -- so etwas wie ....
... und eine Lust, gepflückt in tausend Lenzen,
der sich die Seele wie aus früherm Sein
entsinnt, verklärt mit gelbem Morgenschein
die Tiefen, die das Leben schwarz umgrenzen ....?
Sehen Sie, diese Lust aus tausend Lenzen, dieses Haschischparadies darstellen, das wäre grosse Kunst, aber wir alle reden nur davon, wir schaffen es nicht. Die neue Kunst müsste den Haschisch, das Opium entthronen ....!«
Ich war überrascht. Niemals hatte ich diesen blassen Menschen so eindringlich mit dem Ton unverkennbarer Aufrichtigkeit reden hören. Und das geschah wegen einer Strophe, die ihn unbefriedigt liess. Ich war bisher geneigt gewesen, ihn nur für einen gebildeten ästhetischen Dandy zu halten. Nun aber kam es mir fast vor, von ihm einen Schrei nach der Unendlichkeit zu hören aus jenem seltsamen Schmerz heraus, der heute manche Geister verwirrt, die früher in gewissen feineren Richtungen des Christentums Genugthuung fanden, vielleicht heute noch finden würden, wenn nicht bestimmte Kapellen (wer weiss auf wie lange) verschlossen wären. -- Ich hatte an diesem Abend noch keine Gelegenheit gehabt, den Augen Alta-Carraras zu begegnen und beobachtete erst jetzt jenes beinahe angestrengte Starren, das aussermenschliche Horizonte zu berühren sich abmüht, Ausblicke in jene künstlichen Paradiese sucht, zu denen nur die satanischen Droguen den Uebergang gestatten, die der Graf bereits genannt. -- Wir hatten ungefähr gleichzeitig die Mahlzeit beendigt, während der Alta-Carrara wieder in die bewusste Zurückhaltung eines einsamen Menschen getreten war, der glaubt sehr höflich gewesen zu sein, weil er ein paar Worte gesprochen hat
»Ich werde diesen Abend mit Freunden verbringen,« sagte er plötzlich »vielleicht haben Sie Lust und Zeit, an unserer Gesellschaft Teil zu nehmen?«
Ich war wieder überrascht. Alta-Carrara kannte mich kaum. Er konnte von mir nicht viel mehr mit Sicherheit beurteilen als die Qualitäten meines Schneiders. Eine unüberlegte Höflichkeit war diesem stets bewussten Menschen nicht zuzutrauen. Ich musste also eine Beziehung annehmen zwischen jener Strophe, die er vielleicht für ein Pantakel meiner Persönlichkeit hielt, und dem Charakter der Gesellschaft, in die er mich einführen wollte.
Wir fuhren nach dem Viertel Batignolles. Unterwegs hoffte ich einige vorbereitende Bemerkungen über den Freundeskreis Alta-Carraras zu hören. Er sprach indessen mit oberflächlicher, fast graziöser Leichtigkeit über die verschiedensten Dinge, ohne gerade Dummheiten zu sagen. Ich fühlte, dass es ihm nur darum zu thun war, ein neues Stillschweigen zu vermeiden. --
Nachdem wir die sechs Treppen eines modernen Mietshauses erstiegen, wies man uns in einen weiten, atelierartigen Raum. In dem dämmerigen Licht rotverschleierter Kerzen gewahrte ich mehrere Männer, die in bequemen, wie mir schien, orientalischen Kleidern, auf niedern Polstern lagen. Zwischen den Ruhebetten standen Taburetts mit Nargilehs und dampfenden Duftschalen. Ein sanfter Geruch brennender Harze vermengte sich mit dem Rauch englischer Cigaretten. An den dunkelroten Wänden hingen tiefschwarze Radierungen und Stiche, deren kaum erkennbare Darstellungen wie die Gesichte eines Alpdrucks auf uns niederstarrten. In den Ecken unterschied ich zwischen fremdartigen Gewächsen altmodische musikalische Instrumente wie seltsame Reptilien. Man bewegte sich kaum bei unserem Eintreten. Leichte Grüsse wurden getauscht. Alta-Carrara machte schweigend eine Handbewegung, als stelle er mich vor. Dann liessen wir uns auf Kissen nieder. Von einem zwischen uns stehenden Tischchen nahm der Graf einige Haschischpillen und bot mir lächelnd die Schale.
»Die Umherliegenden,« erklärte er halblaut, »befinden sich in einem Zustand der Angeregtheit, den man nicht Rausch nennen kann. Sie haben nur ganz geringe Dosen Haschisch geschluckt. Sie werden sie in logischen Wortformen reden hören, nur vielfachere, seltsamere Zusammenhänge finden sehen, als sie sich sonst erkennen lassen. Wenn wir Glück haben, können wir uns wie in einer Versammlung plötzlich erleuchteter Künstler befinden, denen fabelhafte Worte von den Lippen fliessen, von deren Glanz sie morgen kaum selbst noch etwas ahnen. Einige verzichten auf den Genuss des Haschischs und bewundern die Wirkung, die er in den Anderen hervorbringt. Wer dazu imstande ist, wird durch Musik oder seltsame Erzählungen den Vorstellungen der übrigen besondere Richtungen zu geben suchen. Werfen Sie einmal einen Blick durch diese offene Thür in die Nebenräume; dort befinden sich die, welche ganz in die Abgründe der Unbewusstheit versinken wollen.«
Ich sah in der Dämmerung träumende Menschen vor venetianischen Spiegeln ausgestreckt.
»Durch die bunten Glasblumen glauben sie in fabelhafte Wasserreiche unterzutauchen,« sagte der Graf. »Die beiden auf Zehen herumgehenden Männer sind geschickte Diener, die sie gegen Kälte und Durst schützen, da sie in ihrer Willenslähmung vorziehen, die Lippen verbrennen zu lassen, als das vor ihnen stehende Getränk selbst an den Mund zu führen.«
Ich beschloss gleich meinen Nachbarn durch eine leichte Haschischdosis nur die Sinne zu verfeinern, die Hemmungsvorstellungen des oft ungerufen thätigen Intellekts zu beseitigen, ein gesteigertes Leben zu geniessen.
Es herrschte grosse Ruhe in dem Raum. Bisweilen fielen einzelne französische Worte, deren Aussprache mir verriet, dass die Anwesenden teils Fremde waren. Ich mochte eine halbe Stunde träumend gewartet haben, als in einer Ecke auf einem Clavichord und einer Gambe ein altmodisches italienisches Divertimento gespielt wurde. Ich fühlte mit besonderem Behagen, wie diese Musik mich und die Gegenstände rings durchdrang, durchblutete, durchglomm. Es schien mir ganz selbstverständlich, wie nun alles aufglühte. Das war die eigentliche Farbe des Lebens. Vorher hatten die Dinge geschlafen. Alles rings war leicht und vor allem sehr gütig. Die Undurchsichtigkeit der Gegenstände schien aufgehoben; alles war farbiges Glas, hinter dem sich nichts mehr verbarg; die Wortfolgen, die ich hörte, waren bestimmt und einfach, wie mathematische Sätze, schienen in Zahlen auflösbar. Mit einem Blick übersah ich Zusammenhänge, die sonst das Ergebnis mühsäliger Ueberlegung sind: die Worte funkelten in den verschiedenen Farben aller Sprachen. Die Silben »Kirche« klangen zugleich gross und hell wie »eglise«, misstrauisch-puritanisch wie »church«. Die Buchstaben »Wort« enthielten gleichzeitig das talismanähnliche »logos«, das runenhafte »waurd«, das spitze fliegende »mot«, die ein wenig aufgeputzte »parole«. Bei allen Silben klangen wie Untertöne halbverwehte Reime mit; ich roch, sah, schmeckte jedes Wort, ich fühlte es an wie Seide oder Marmor; ich sah nicht mehr blos Flächen, sondern ganze Körper von allen Seiten zugleich. Und dieser plötzliche Reichtum der Wirklichkeit, aus der ich keineswegs heraustrat, machte mich übersprudelnd glücklich und dankbar, so dass ich ganz gern anderen Leuten Gutes gethan hätte, gesetzt, dass ich dabei auf der Ottomane ausgestreckt bleiben konnte. Ich war mir übrigens vollkommen bewusst, wo ich mich befand. Mir schien, ich hätte eine farbige Brille auf. Wenn ich wollte, konnte ich aber auch an den Gläsern vorbeischielen und sehen, wie unbestimmt, verwirrt und verstaubt das Leben eigentlich ist. Ich war Herr meines Willens und konnte nach Laune die Dinge wirklich und gefärbt betrachten.
Während die dunkelroten Tapeten wie Glaswände erglühten, hinter denen fabelhafte Sonnen in tollen Glutausbrüchen versanken, erhob sich vor diesem blendenden Hintergrund plötzlich ein Kopf, der sich so ungeheuer ausdehnte, dass er mein ganzes Gesichtsfeld einnahm. Zwischen dem reichen rötlichen Bart bemerkte ich feste, dünne Lippen. Das blasse Gesicht war fast starr und in der Erinnerung meine ich, es hätte bisweilen leichenhaft grüne und violette Reflexe angenommen. Dieser Mann sagte, er sei in Deutschland geboren und so möge man ihm die unvollkommene Aussprache des Französischen verzeihen. Seine klaren, verständlichen Worte erweckten meine Neugier. Bewusst hielt ich mich wieder an der Wirklichkeit fest und beschloss, dem Mann aufmerksam zuzuhören, in dem ich denselben erkannte, der vorher auf einem Clavichord gespielt hatte. So leicht es mir auch wurde, im Geist seinen Worten zu folgen, so froh war ich, dabei den Körper nicht bewegen zu müssen. Er erzählte eine Geschichte, aus der mir Bilder und Gespräche mit einer Deutlichkeit im Gedächtnis geblieben sind, wie sie eigene Erlebnisse selten behalten. Es ist mir gelungen, die Zusammenhänge dieser Einzelheiten wieder zu finden.

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