Donnerstag, 13. Mai 2010

Andro L., Die Geschichte von der schönen Simonetta

Simonetta stand auf der Terrasse ihres Villino bei Fiesole und spähte auf die Straße hinab, über die Giuliano de Medici kommen sollte. Sie trug ein schaumfarbenes Brokatkleid mit durchbrochenen Ärmeln und ihre große Perlenschnur vierfach um den Hals gewunden. Ihr blondes Haar, das in regelmäßigen Locken zu beiden Seiten des weißen langen Halses herabfiel, schien noch hellgoldener als sonst, denn Simonetta hatte in den letzten drei Tagen wieder Stunden auf dem Dache ihrer Villa in der glühenden Mittagshitze verbracht, Gesicht und Arme mit nassen Tüchern bedeckt, um sie zu bleichen. Um den kostbaren indischen Schleier zu erwerben, der ihr Haupt bedeckte, hatte sie sich wochenlang fast nur von Oliven und Brot genährt, denn man war nicht reich in Casa Vespucci. Und noch hatte ihr der türkische Händler freundlich grinsend versichert, daß er nur der schönen Geliebten Giulianos dei Medici einen solchen Preis mache, jede andere florentinische Dame müsse ihm das Doppelte bezahlen.
In nicht geringerer Aufregung als Simonetta befand sich Messer Vespucci. Gleich als Giulianos Botschaft gekommen war, daß er glücklich von Ferrara zurückgekehrt sei und noch heute bei seiner Heißgeliebten zu weilen gedenke, war er treppauf und treppab gestürzt und hatte seine Sorgfalt namentlich der Speisekammer zugewandt, denn die immer verträumte Simonetta kümmerte sich um dergleichen nicht. Wohl konnte sie nichts Häßliches in ihrer Umgebung ertragen, alles mußte ihrer eigenen Schönheit und Zartheit gemäß sein, aber ob es genug Braten und Kuchen, Früchte und Wein im Hause gab, daran dachte sie niemals. Messer Vespucci aber wußte wohl, daß, mochte auch Giuliano dem allen geringe Bedeutung zumessen, sein Gefolge aus kräftigen lebensfrohen jungen Leuten auf irdische Labsal weit mehr Wert legte.
Diese Hausführung war kostspielig und das alte Geschlecht verarmt. Messer Vespucci hätte es nicht ungern gesehen, wenn Giuliano dem Hause kräftigere Beweise seiner Gunst gegeben hätte, als seine eigenen Sonette und die seines Freundes, des hochberühmten Angelo Poliziano, die Simonettens Schönheit auf das Schwärmerischeste besangen. Das einzige Geschmeide, von freilich ungeheurem Werte, das er gewagt hatte, ihr darzubringen, war die große Perlenkette gewesen, die Simonetta bei Tag und Nacht nicht von sich ließ und die man auch nicht zu Gold machen konnte.
Messer Vespucci war nicht eifersüchtig. Er wußte, daß ein Handkuß die höchste Liebkosung war, die gefordert und gewährt wurde, daß es sich um eine rein ideale Liebe handelte, wie sie am Hof des Magnifico eben in der Mode war. Auch Lorenzo selbst hatte neben realeren solch eine ideale Geliebte und Messer Vespucci war stolz darauf, daß der »bel Julio«, der schönste Jüngling seiner Zeit, sich gerade sein junges Eheweib zu solcher Anbetung auserkoren hatte. Hätte Giuliano Simonetten verlassen, so wäre auch der Gatte in seiner Ehre gekränkt gewesen.
Messer Vespucci war schon längst über die Jugendjahre hinaus, als er in der Stadt der Venus, in Portovenere, die fünfzehnjährige Simonetta im Hause ihrer verarmten adeligen Eltern sah. Der scheue Reiz des Kindes bestrickte ihn und ihm ward, als sollte er in ihren Kinderarmen die längst erloschene Liebesfreudigkeit wiederfinden. Allein er täuschte sich. Als Simonetta Florenz betrat, war sie noch immer das junge Mädchen, nur in ihrer Seele Weib geworden, scheu und verschreckt, dem Gatten fremder denn je. Sie führte ein trauriges Leben in dem verfallenden Pallast der Vespucci, der zur Sommerzeit mit einem ärmlichen Landhäuschen bei Fiesole vertauscht wurde, ein trübes, ihrer Jugend und Schönheit wenig gemäßes Leben, bis eines Tages im Dome von Santa Maria del Fiore Giuliano ihrer ansichtig wurde.
Giuliano dei Medici war der jüngere Bruder des Magnifico und wenn Lorenzo sein Herz zu gleichen Teilen, der Stadt, der Kunst und den Frauen schenkte, so galten für Giuliano die Frauen allein. Keiner wurde geliebt wie er in Florenz. Sein Wuchs war schlank und so hoch, daß er die Augen senken mußte, wollte er den Menschen ins Gesicht sehen. Dieser Blick unter den gesenkten Lidern hervor gab ihm im Verein mit der schmalen, scharfgebogenen Nase und dem geraden kühnen Kinn einen gar hochmütigen Ausdruck, allein er bezauberte die Menschen, wenn er lächelte. Sein langes, weiches, schwarzes Haar fiel anmutig auf das dunkle Samtwams herab, das er bis unter das Kinn geschlossen zu tragen liebte. Sein Antlitz war von edelstem Bronzebraun und seine langen schmalen Hände von vollendeter Schönheit. Er konnte alle schönen Frauen von Florenz haben und hatte auch die meisten schon gehabt, aber in seiner Seele war eine Sehnsucht nach unverwirrbarer Keuschheit zurückgeblieben, die ihn immer wieder nach ihr suchen hieß. Als er Simonetten zum erstenmale sah, wußte er, daß er nun gefunden hatte, was er ersehnte. In glühender Schwärmerei legte er ihr seine Huldigung zu Füßen und die Künstler seines Gefolges überboten sich in Werken zu ihrem Preise, ja, Sandro Botticelli ließ sie auf seinem schönsten Bilde als Frühling erscheinen. Ganz Florenz sprach von der Liebe Giulianos zu Simonetten, selbst Lorenzo Magnifico widmete der Geliebten seines Bruders einen Zyklus von Sonetten. Und daß diese Liebe so keusch, so süß und unschuldig blieb, wie zwei Jahrhunderte früher die Liebe Dantes zu Beatricen, das machte die Sache so wunderbar anziehend und rührend auch für die Fernerstehenden.
Nun gab der Türhüter, ein prachtvoller Riese unbekannter Abkunft, den sie nur den Moro nannten, das Zeichen und Messer Vespucci, der trotz, der Hitze sein pelzverbrämtes samtenes Staatskleid trug, stürzte vor das Tor. Dort nahte auch schon die Kavalkade, Giuliano und sein Freund Angelo Poliziano voran, und dahinter der mutwillige, lachende Schwarm der andern. Giuliano sprang vom Pferd und drückte dem Hausherrn die Hand. Dann stürzte er hinauf, der Geliebten entgegen.
In atemloser Erregung hatte Simonetta seiner geharrt. Und nun geschah Seltsames. Statt ihm entgegenzuschreiten und ihn holdselig willkommen zu heißen wie sonst, stürzte Simonetta schluchzend in seine Anne und von ihrer tränenerstickten Stimme verstand man nur die abgerissenen Worte: »… so bang nach dir … so bang …«.
Giuliano stand ein wenig befremdet, die weinende Simonetta in seinen Armen. Er war auf solchen Empfang nicht gefaßt gewesen und sah etwas verlegen aus. »Beruhigt euch, Madonna«, sprach er, »ich bin ja nun hier in eurer holden Nähe und möchte euch den Sonnettenkranz zu Füßen legen, den mir die Sehnsucht nach euch eingegeben.« Aber Simonetta schluchzte weiter.
Da trat der Polizian herzu, der die ungeduldige Falte zwischen den Brauen seines Gebieters wohl bemerkt hatte. Sanft löste er Simonetta aus Giulianos Armen. »Denkt eurer Schönheit, Madonna,« bat er, »und daß wir ohne abzusitzen von Ferrara nach Florenz geritten sind, um eures süßen Lächelns teilhaftig zu werden.« Da kam Simonetta wieder zur Besinnung. Sie fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und dachte, daß ihre Augen rot sein müßten, das zierliche Näslein verschwollen vom Weinen und die Locken wirr. Der Blick ihres Gebieters gab ihr die Fassung wieder. Sie bedeckte ihr Antlitz mit dem Schleier und bat um die Erlaubnis, sich einen Augenblick zurückziehen zu dürfen.
Als sie mit Hilfe ihrer Zofe Angelina sich das Angesicht gekühlt und die Haare gestrählt hatte, fand sie das Gefolge beim Wein. Giuliano aber mit dem Polizian und ihrem Gatten auf der Terrasse auf und ab schreitend. Sie lächelte nun ihr lieblichstes Lächeln und nahm mit ein paar zierlichen Wendungen am Gespräch der Männer teil. Schließlich trug Giuliano die Gedichte vor, die er erdacht und mit Hilfe des Polizian in Verse gebracht hatte und Simonetta riß ein Lorbeerreis von einem Strauch und schmückte damit, hold sich neigend, das Haupt des Dichters. Aber sie wurde bleich, als ihre Hand die schwarzen Locken des vor ihr Knieenden berührte und auch Giuliano erblaßte bis in die granatfarbenen Lippen. Er faßte ihre beiden Handgelenke und einen Augenblick schien es, als wollte er Simonetten wild an sich reißen, dann aber sprang er auf, rief sein Gefolge zusammen und sprengte, fast ohne Abschied zu nehmen, davon.
Messer Vespucci war dieses plötzliche Enteilen Giulianos schon gewöhnt und wußte sich auch den Grund davon zu deuten, aber Simonetta schien es, als werde sie aus ihrer eigensten Welt in eine andere, fremde und kalte gerissen. Verständnislos sah sie zu, wie ihr Gatte die Reste des Mahles überzählte, denn davon lebte das Haus Vespucci noch tagelang. Ein Blick brachte sie aus ihren Träumen zu sich. Es war der Moro, der braune Türhüter, der auch sonst allerhand Dienste im Hause verrichtete und der nun neben ihr stand, um die Weinkrüge fortzuräumen. Das Weiße seiner Augen und seiner Zähne blitzte sie so wild an, daß Simonetta auf den Tod erschrak. Sie eilte ins Haus zu ihrem Gatten, der eben sein Prunkkleid mit einem leichteren Gewand vertauschte. »Schick den Moro fort, er blickt so seltsam«, bat sie.
»Du bist ein Kind«, sagte Messer Vespucci und trocknete seinen kahlen Kopf. »Er ist ein gewandter Bursch und ein Riese an Kraft — dergleichen findet sich nicht zum zweitenmale.«
»Schick ihn dennoch fort«, bat Simonetta.
»Du bist unpäßlich heute wie es scheint«, sprach Messer Vespucci. »Wie seltsam warst du wieder mit dem Fürsten. Wir wollen Messer Pierleoni bitten, daß er dich wieder zur Ader läßt.« Und er küßte sie auf die Stirn zum Abschied, denn er verbrachte seine Abende zumeist in der Schenke der dicken Rosina bei San Gervasio deren Zoten ihn besser unterhielten als die Worte seiner Frau, die er ihrem Lautenspiel und der Unterhaltung mit ihrer Zofe Angelina überließ.
Simonetta stand auf der Terrasse mit Angelina und blickte sehnsüchtig auf das abendlich schimmernde Florenz zu ihren Füßen. Die olivenfarbigen Hügel mit den schwarz aufzüngelnden Zypressen hoben sich dunkel gegen den rosigen Himmel. »Nun mag der schöne Giuliano wohl bei seinem Söhnlein weilen«, sprach Angelina, die als Milchschwester Simonettens einige Vertraulichkeit genoß.
»Welches Söhnlein?« fragte Simonetta seltsam unruhig.
»Der schöne Giuliano ist seinem kleinen Giulio ein gar treuer Vater, wie man sagt«, sprach Angelina nicht ohne Bosheit. »Wie, Madonna, Ihr erbleicht? Wißt Ihr nicht, was ganz Florenz schon weiß? Wißt Ihr nicht von Fiamma aus dem Borgo Pinto?«
»Nein«, sprach Simonetta mit zitternder Stimme, »wie sollt’ ichs wissen? Wer ist diese Fiamma, wie du sie nennst?«
»Sie gilt als schön«, sagte Angelina. »O nicht so schön, wie meine süße Herrin. Sie ist ein groß, schwarzhaarig, handfest Ding. Vor nun vier Jahren hat sie dem Herzog ein Söhnlein geboren — damit hält sie ihn fest. Man vermeint, der Knabe sei zu großen Taten bestimmt, denn in der Stunde seiner Geburt verfinsterte sich die Sonne. Ihr wißt, solches geschieht nur, wenn ein großer Kirchenfürst geboren wird. — Was seht Ihr so bleich, Madonna? Gewiß, der Fürst liebt diese Fiamma nicht, sie ist ihm nur ein müßig Spielzeug seiner Sinne. Was kann sie sein gegen die große, reine, erhabene Liebe, die er für Euch hegt?«
»Geh! geh!« sprach Simonetta. Sie blieb in tiefster Erregung allein. »Sie hat ein Kind von ihm — und mich berührt er nicht …«
In dieser Nacht pochte ihr heißes Blut so heftig, daß sie keine Ruhe fand. Sie beschloß, mit der Gottesmutter Zwiesprach zu halten im Dom von Santa Maria del Fiore, allwo sie Giuliano zum erstenmale erblickt. Ganz allein machte sie sich des Morgens auf, einsam und auf ihren zarten Füßen wollte sie den für ihre Kräfte weiten und mühevollen Weg zurücklegen. Vielleicht würde dies das Herz der Madonna rühren und ihr eigenes heißes Blut kühlen. Allein, obgleich Simonetta allein und im schlichten Aufzug einer Bürgersfrau Florenz betrat, ward ihr Antlitz, das von den Bildern der großen Meister der Stadt herableuchtete, allenthalben erkannt und froher und ehrfurchtsvoller Gruß ward ihr zuteil. Mütter hoben ihre Kinder hoch und riefen: »Sieh, dies ist Simonetta, die schönste Frau in Florenz, die geliebteste, die tugendreichste!« Und Simonetta neigte sich nach allen Seiten und dankte mit ihrem süßesten Lächeln, von dem es ihr schien, als sei es auf ihrem Antlitz festgefroren, erstarrt, zu einer Maske geworden. Sie war erleichtert, als der Schatten des Domes sie umfing. Demütig kniete sie vor dem Bilde der schmerzensreichsten Mutter nieder und flehte: »Madonna, gib, daß ich mich an dieser Liebe nicht verblute. Ich weiß es wohl, als ein halber Scherz ist sie gedacht, als ein ritterlich Spiel, sonst nichts. Aber von meiner Seele hat sie schon zu tiefen Besitz ergriffen. Sieh, daß ich mir die Seele nicht verzehre, allerheiligste Mutter Gottes. Gib, daß ich ein Weib sein darf, nicht nur die lächelnde Kranzspenderin der Turniere! Amen!«
Da schrak sie zusammen. Es war ihr, als erblicke sie Giuliano auf derselben Stelle, da sie ihn zum erstenmale gesehen, als sähe sie sein Lächeln aufblitzen und den leuchtenden Blick seiner schwarzen Augen. Doch war es nur eine Täuschung gewesen und sie bemühte sich aufs neue zu beten. Da trat ein neues, weit schrecklicheres Bild vor ihr Auge: Abermals Giuliano, aber bleich wie der Tod, von Dolchen zerrissen, aus vielen Wunden blutend. Da schrie Simonetta entsetzensvoll auf, so wild, daß ein paar alte Mütterlein, die still in der Ecke des Domes ihr Gebet verrichteten, zusammenfuhren. Wie gejagt, floh sie hinaus, und erst als sie den sonnenüberfluteten Domplatz vor sich sah, und die schwarz und weiße Marmorpracht des Baptisteriums sich gegenüber erblickte, verließen sie die Gespenster. Sie atmete auf und zog den Schleier über ihr Antlitz.
Wie sie gegen den Signorienplatz zuschritt, eilte ein Mann an ihr vorbei. Sie hielt ihn an, es war der Polizian. »Madonna Simonetta«, rief er erstaunt, »Ihr in Florenz? Und so allein?«
»Wo ist Giuliano?« fragte sie atemlos.
»Ich habe ihn soeben zum Magnifico begleitet. Die beiden besichtigen köstliches, morgenländisches Geschmeide, das ihnen ein Venezianer zum Kauf angeboten hat.«
Da rang sich Simonettas tiefstes Leid von ihr los: »Messer Angelo, warum — o warum liebt mich Giuliano nicht?«
Der Polizian starrte sie ganz verblüfft an. »Madonna Simonetta, nie ist ein Weib tiefer, edler, ehrfürchtiger geliebt worden als Ihr! Und Euch will das nicht genügen?«
»Nein, es genügt mir nicht!« schrie Simonetta auf. »Ihr wißt wohl besser als ich, im Borgo Pinto! Das Weib — die Fiamma — sie hat ein Kind von ihm und das Gefühl für mich nennt der Falsche Liebe!«
»Ihr versündigt Euch, Madonna«, sprach ernst der Polizian.
»Jawohl, alle wissen von seinem Kinde, selbst der Magnifico. Nennt Ihr das einen Treubruch an Euch, die er mit keinem Blick, keinem Gedanken beflecken möchte? Zu dieser geht er, um Euch desto reiner, desto geläuterter gegenübertreten zu können.«
»Ach, Messer Angelo,« sprach Simonetta seufzend, »in meinen armen Frauenverstand will es gar nicht hinein, daß es zweierlei Liebe geben soll. Gibt ein Weib sich, so gibt es sich ganz. Und er sollte sich nur seine erhabenen Gefühle für mich sparen können und die niedrigen andern Weibern hinwerfen?«
»Merkt wohl, Madonna«, sagte Poliziano und neigte sich zu ihr herab. »Ich bin Euer Freund und Euch wohlgesinnt. Der Fürst ist flatterhaft und unbeständig, da wo er besitzt. Euch aber wird er treu sein für alle Zeiten, wenn er Euch nie ganz gekannt hat. Bleibt für ihn die Unerreichbare, die Zarte, die allzu irdische Leidenschaft zerbrechen würde. Steigt nicht selbst herab von dem Piedestal, auf das er Euch gestellt hat, mögt Ihr solches auch zuweilen wider die Natur finden. Laßt Euch durch die wilde Flamme des Begehrens, die zuweilen in seinem Auge aufblitzt, nicht verleiten, diesem Begehren nachzugeben. Dies spricht Euer Freund. Und nun gehabt Euch wohl. Madonna. Ich muß zum Botticelli, bei dem Giuliano ein neues Bild von Euch zu bestellen wünscht.«
* * *
Der weite Weg in der Hitze und die Erregungen des Tages waren Simonetta nicht wohl bekommen. Der trockene Husten, an dem sie wohl auch sonst litt, steigerte sich und einmal trat ihr gar das rote Blut auf die Lippen. Der Medicus meinte, dies sei ein Zeichen, daß ihr Körper mehr Blut enthalte, als er verarbeiten könne, aber auch ein Aderlaß verschaffte ihr keine Erleichterung. Allzuheiß pochte das Blut in ihren Schläfen und bei Tag und Nacht fand sie keine Erleichterung, obgleich sie von großer Schwäche war und das Fieber sie schüttelte. Giuliano geriet in eine schlimme Verzweiflung, als er von der Krankheit seiner Geliebten hörte. Fast täglich ritt er hinüber und brachte erlesene Früchte mit oder seltsame Blumen, die nur sein Gärtner in Poggio a Caiano zu züchten verstand. Der Magnifico sandte seinen Leibarzt an das Bett der Kranken und besser der irdischen Bedürfnisse eingedenk als der Jüngling, auch eine Summe Goldes, dem Messer Vcspucci über das Schwerste der Krankheit hinüber zu helfen. Denn auch Lorenzo liebte Simonettens zarten Reiz, und daß sie ein Schmuck seiner Stadt und seiner Feste war.
»Wenn sie mir nur nicht stirbt, Angelo«, sagte Giuliano angstvoll, »wenn sie mir nur nicht stirbt, denn dann habe ich sie getötet.«
»Ihr, mein Fürst?« fragte der Polizian erstaunt.
»Ja, ich — mit meiner Begierde hab ich sie geschändet. Erinnerst du dich des Abends, da wir von Ferrara kamen und sie mich mit heißem Schluchzen begrüßte? Erst fühlte ich mich von so Ungewohntem befremdet, fast abgestoßen, dann aber kam Gier über mich und kaum vermochte ich mich von ihr loszureißen. Am nächsten Tage wurde sie krank — das hat meine Wildheit verschuldet. Es war die Strafe der Madonna, Angelo, weil es mich nach diesem Weibe gelüstete, das Jungfrau bleiben soll — nun will sie es in eine reinere Welt entrücken.«
»Herr«, sagte der kluge Polizian, »wäre es wirklich so schlimm gewesen, wenn sie Euer geworden wäre? Weib ist am Ende Weib — vielleicht flammen auch heimlich heiße Wünsche in ihr!«
»Das ist doch nicht dein Ernst, Angelo«, rief der Jüngling zornig, »soll ich sie nehmen wie die Erstbeste, diese Lilienhafte? Soll ich sie zu Lug und Trug bestimmen, zu Schlichen und Kniffen oder sie am Ende ganz offen aus der Hand ihres kupplerischen Gatten empfangen, wie irgend eine von unseren florentinischen Damen? Und an was sollte ich dann glauben, wenn auch sie nicht rein ist? — Du schweigst, Angelo? Du siehst ein, daß es nichts anderes gibt, als das süße Leid dieser unerfüllten Liebe weiter zu tragen, mich an ihm zu reinigen und zu erheben — Lust mag anderswo gestillt werden.« Und er drückte eine Rose an seine granatfarbenen Lippen und ließ sie auf Simonettens Schwelle fallen.
Diesmal starb Simonetta noch nicht. Die Kräfte kehrten langsam wieder und es kam der Tag, da sie zum erstenmale ihr stickiges Gemach verlassen konnte, um auf der Terrasse Luft zu schöpfen. In schwerem Gluthauch kroch die Hitze von Florenz herauf, aber wohlig dehnte Simonetta den entkräfteten Körper darin und süßes Hoffen zog in ihre Seele. Den ganzen Tag über hatte sie auf ein wundersames Erlebnis gewartet und als der Abend nahte, kam es. Messer Vespucci war zur Stadt geritten und als Simonetta den leichten Hufschlag eines Rosses hörte, wußte sie, daß es nicht ihr Gatte war. Sie regte sich noch immer nicht, als sie des Jünglings heiße Lippen auf ihrer Hand verspürte. Dann fuhr sie mit der andern Hand über des Geliebten schwarze Locken. »Giuliano, Giuliano!« flüsterte sie, »wie bin ich glücklich heute!«
»Und ich, Simonetta — wie bin ich selig, dich gesund zu sehen! Wie hat die schwarze Angst mich gepeinigt, Euch zu verlieren!«
»Ich liebe dich, Giuliano — lange, lange schon hab’ ich es dir sagen wollen, aber die feige Angst ließ es nicht über meine Lippen. Angst, wovor — ich weiß es nicht. Ich bin dein, Giuliano, ganz dein, mit allem was ich bin — verstehst du mich wohl. Lege deinen Kopf an den meinen und laß uns das Glück dieser Stunde genießen.«
»Wie machst du mich glücklich, Simonetta. Du sollst deine süße Liebe keinem Unwerten geschenkt haben. Noch in fernen Zeiten sollen sie von Giuliano und Simonetta singen, soll der Ruhm deiner Schönheit und Tugend die Welt erfüllen.«
»Ach, Giuliano, mich gelüstet nicht nach Ruhm — ich will Glück, Giuliano, das große tiefe Glück, das ich nicht kenne.«
»Gibt es besseres Glück als Ruhm?«
»Ich meine, das Glück süßer Heimlichkeit muß größer sein«, sprach Simonetta träumend. Giuliano schüttelte das Haupt. Indem ward der Hufschlag eines Pferdes in der Ferne hörbar und Simonetta fuhr zusammen. »Mein Gatte!« sagte sie angstvoll, denn sie fürchtete, die süße Stunde möchte zu Ende sein.
»Fürchte nichts. Geliebte«, sprach Giuliano, »du bist sicher in meinen Händen — ich habe der Madonna gelobt, dich heilig zu halten und zu ehren für alle Zeiten«.
Da schrie Simonetta auf: »Du hast eine andere Geliebte, eine, zwei, ich weiß nicht wieviele!«
»Kann dies dich stören?« fragte Giuliano überrascht. »Auch du hast ja einen Gatten. Kann so Erhabenes, wie diese Liebe, wirklich von so kleinen Dingen abhängig sein? Große Künstler werden uns verherrlichen — schon arbeitet Poliziano an einer großen Dichtung zu unserem Preise und Sandro Botticelli will seinem Frühling noch ein weit schöneres Bild folgen lassen — das Bild von Mars und Venus, das deine und meine Züge tragen soll. Simonetta, begreifst du die Seligkeit des Ruhmes nicht, der der Seltenheit keuscher Liebe zuteil werden soll?«
»O, Giuliano, so klein will mir dies alles scheinen!«
»Klein? Du bist ein Weib, ich kann mit dir nicht rechten. Wir Medicäer aber schreiben unseren Namen an den Himmel und was wir wirken, sollen Spätere genießen, wie wir selbst. O Simonetta, könnte ich doch den Schleier von deiner Seele reißen und dir zeigen, wie wir zur Unsterblichkeit eingehen!«
Simonetta schwieg. In ihr schrie es: »Ein Spielzeug ist unsere Liebe für dich, ein Feuer, das dich anmutig erleuchten soll, ohne dich zu verbrennen. Du denkst an das, was die Nachwelt rühmen wird — und ich dagegen! Und ich!«
Giuliano stand auf. »Ich muß nun scheiden, Simonetta. Der Polizian bat mich in seine Villa gebeten, die dort herübergrüßt. Er will mir seinen Wein vorsetzen, wie selbst Pico von Mirandola keinen besseren hat und wir wollen uns an Platos Herrlichkeiten erfreuen. Hab Dank für diese unsterbliche Stunde! Wie will ich sie beim Polizian erzählend nachgenießen!« Er drückte die Lippen auf ihre Hand und bald verklang der Hufschlag seines Pferdes in der Ferne.
Sie hätte ihm nachrufen mögen: »Bleib! Ich liebe dich! Ich ersehne dich!« Aber sie vermochte es nicht. Ihr Herz schmerzte und ihr Blut schrie: »Was nutzt mir meine vielbesungene Schönheit, wenn mich keiner begehrt und ich die Liebe nicht kennen soll!«
Da hörte sie es rascheln neben sich im Gebüsch und vor ihr stand, groß und wild, mit Augen, aus denen die Gier glühte, der Moro. Sie hätte rufen können und rief nicht. Er streckte die Arme nach ihr aus und seine Zähne bleckten aus dem dunklen Gesicht. Sie hätte schreien können und schrie nicht. Sie fühlte seine zottige Brust und den falben Tiergeruch seines Körpers und plötzlich stieg die Erinnerung an Giulianos Antlitz vor ihr auf, an seine stolze Gestalt, seine edlen Hände. Da wollte sie schreien, aber es war schon zu spät und die Sinne vergingen ihr.
* * *
Daran starb die schöne Simonetta, an der Scham, daß sie sich an den halbwilden Knecht verschenkt hatte und nicht an ihrer kranken Brust, und daß der Arno in jenen Tagen seine Fieberdünste bis in die Berge geschickt hatte, wie die Ärzte meinten. Sie war nur wenige Tage krank und erlangte das Bewußtsein nicht mehr. Als sie starb, verschwand auch der Moro aus dem Hause, der bis dahin vor ihrer Schwelle gelegen hatte wie ein Hund.
Giuliano war in tiefster Seele zerbrochen. »Die Schönheit ist weg aus meinem Leben«, sprach er zum Polizian. »Sie war das Stärkste in mir — ich kann ohne Schönheit nicht leben. Du sollst sehen, sie zieht mich bald nach sich.« Er sprach wahr, denn auf den Tag genau ist er zwei Jahre später unter den Dolchen der Pazzi gefallen, im Dom zu Santa Maria del Fiore, wo er Simonetta zum erstenmal erblickt und wo ihr Traum ihn sterben sah.
Im offenen Sarge wurde Simonettas Leichnam zur Kirche getragen, damit die Menschen sich noch ein letztes Mal an ihrer vom Tode unberührten Schönheit erfreuen mochten. Lorenzo Magnifico widmete ihrem Scheiden vier seiner schönsten Sonette und ganz Florenz legte Trauer an um seine schönste, geliebteste und tugendreichste Frau.

aus der Zeitschrift: Neues Frauenleben, Wien, 18. Jg., Nr. 6 und 7, 1916. Mehr bei ngiyaw eBooks

Dienstag, 11. Mai 2010

Wir versaufen unser Oma sein klein Häuschen ...

Ein deutsches Volkslied

»Das Volk ist doof, aber gerissen.«

In deutschen Landen ist augenblicklich ein Lied im Schwange, das den vollendetsten Ausdruck der Volksseele enthält, den man sich denken kann – ja, mehr: das so recht zeigt, in welcher Zeit wir leben, wie diese Zeit beschaffen ist, und wie wir uns zu ihr zu stellen haben. Während der leichtfertige Welsche sein Liedchen vor sich hinträllert, steht es uns an, mit sorgsamer, deutscher Gründlichkeit dieses neue Volkslied zu untersuchen und ihm textkritisch beizukommen. Die Worte, die wir philologisch zu durchleuchten haben, lauten:

Wir versaufen unser Oma sein klein Häuschen –
sein klein Häuschen – sein klein Häuschen –
und die erste und die zweite Hypothek!

Bevor wir uns an die Untersuchung machen, sei zunächst gesagt, daß das kindliche Wort ›Oma‹ so viel bedeutet wie ›Omama‹, und dieses wieder heißt ›Großmutter‹. Das Lied will also besagen: »Wir, die Sänger, sind fest entschlossen, das Hab und Gut unsrer verehrten Großmutter, insbesondere ihre Immobilien, zu Gelde zu machen und die so gewonnene Summe in spirituösen Getränken anzulegen.« Wie dies –? Das kleine Lied enthält klipp und klar die augenblickliche volkswirtschaftliche Lage: Wir leben von der Substanz. So, wie der Rentner nicht mehr von seinen Zinsen existieren kann, sondern gezwungen ist, sein Kapital anzugreifen – so auch hier. Man beachte, mit welcher Feinheit die beiden Generationen einander gegenübergestellt sind: die alte Generation der Großmutter, die noch ein Häuschen hat, erworben von den emsig verdienten Spargroschen – und die zweite und dritte Generation, die das Familienvermögen keck angreifen und den sauern Schweiß der Voreltern durch die Gurgel jagen! Mit welch minutiöser Sorgfalt ist die kleine Idylle ausgetuscht; diese eine Andeutung genügt – und wir sehen das behaglich kleinbürgerliche Leben der Großmama vor uns: freundlich sitzt die gute alte Frau im Abendsonnenschein auf ihrem Bänkchen vor ihrem Häuschen und gedenkt all ihrer jungen Enkelkinder, die froh ihre Knie umspielen ...

Das ist lange her, Großmutter sank ins Grab, und die grölende Korona der Enkel lohnt es ihr mit diesem Gesang: »Wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen . . . « Ist dies ein Volkslied –? Es ist seine reinste Form. Man darf freilich nicht an früher denken. Früher sang wohl der Wanderbursch sein fröhlich Liedchen von den grünen Linden und den blauäugigen Mägdelein – weil das sein Herz bewegte. Nun, auch dieses Lied singt von dem, was unser Herz bewegt: von den Hypotheken. Hatte früher Walther von der Vogelweide sein »Tandaradei« durch die Lüfte tönen lassen und den Handel den Pfeffersäcken überlassen, so ist es heute an den Kaufleuten, »Tandaradei!« zu blasen, und die Liederdichter befassen sich mit den Hypotheken. Wenn auch freilich in naiver Weise. Denn es ist dem Liedersänger entgangen, daß die Hypothek selbst ja eine Schuld ist, die man unmöglich vertrinken kann – meint er doch wahrscheinlich die für die eingetragene Hypothek als Darlehn gegebene Summe, die der Schuldner in leichtfertiger Weise verbraucht. So singt das Volk. Hier spricht die Seele deines Volkes. Hier ist es ganz. Es soll uns nicht wunder nehmen, wenn nächstens in einem schlichten Volkslied das Wort ›Teuerungszulage‹ oder ›Weihnachtsgratifikation‹ vorkommt – denn dies allein ist heute echte, unverlogene Lyrik.

Dichter umspannen die Welt in brüderlicher Liebe, Poeten sehen Gott in jedem Grashälmchen – das ehrliche Volk aber gibt seinen Gefühlen unverhohlen Ausdruck. Noch lebt es von den Gütern der Alten. Langsam trägt es Sommerüberzieher, Sofas, Überzeugungen und Religionen auf – neue schafft es zur Zeit nicht an. Was dann geschieht, wenn die alle dahin sind, darüber sagt das Lied nichts. Vorläufig sind sie noch da – und so lange sie noch da sind, lebt das Volk von der Substanz.

Und versauft der Oma sein klein Häuschen.

Kurt Tucholsky

Samstag, 8. Mai 2010

Die Reise von Maoi Milalis

Sie hatte sich entschieden.
Sonja sog die frische, feuchte Luft vor ihrer Haustür tief in ihre Lungen, streckte ihren Körper, um die Steife der Nacht zu verlieren, gähnte dabei ungeniert in den anbrechenden Morgen und machte sich mit energischen Schritten zum Damm am Fluß auf.
Wie langgezogene, lichte Wattebäusche lag der Nebel noch über den Feldern und die ersten Sonnenstrahlen, die über die Baumreihen spitzten, ließen sie leuchten und gaben der Landschaft langsam etwas an Farbe.
Sie genoß die Ruhe, die Freiheit der frühen Stunde, die sie so lange Zeit, wie sie jetzt bemerkte, vermißt hatte. Das Alleinsein wurde durch die frisch aromatischen Gerüche der Erde und Pflanzen angenehm bereichert.
Sie roch den Fluß.
Die leisen Geräusche vom Bahnhof weit hinter dem gegenüberliegenden Flußufer drangen beruhigend an ihr Ohr. Sie spürte das Leben, das Erwachen, sie war wieder ein Teil davon.
Sie setzte sich auf einen der großen Steine am Flußrand, zog ihre Kniee unter das Kinn, versteckte ihre Hände in den Ärmeln und hüllte alles in den weiten dickmaschigen Wollpullover, in dem sie sich kurz genüßlich schüttelte, denn er gab ihr Wärme an diesem noch kühlen Ort.
Das Wasser zieht langsam dem Schwarzen Meer entgegen, dachte sie und mußte zugleich grinsen, während ihr Blick flußabwärts über den Strom strich, denn das lag ein paar tausend Kilometer von hier entfernt.
Sie beobachtete das leise Plätschern unter ihr und stellte sich vor, wohin die kleine Welle, die gerade sacht den Stein umspülte von dort aus kommen würde, … im Sturm gepeitscht zur Halbinsel Krim, vorbei an Sewastopol, zu ihren Verwandten aus dem Dnjeper und dem Asowschen Meer, nach Batúm, an der türkischen Küste entlang von der Strömung durch den Bosporus getrieben, vorbei an dem alten Konstantinopel, die Geschichte in sich aufnehmend, ins Marmara Meer und weiter ins Mittelländische Meer getrieben?, die historischen Stätten der alten Griechen, Ägypter, … besuchend, die Gestade von Lesbos umstreichend, … und schließlich ermüdet den langen Weg durch die Enge von Gibraltar in den riesigen Atlantischen Ozean findend? … ein verträumt trauriger Blick haftete auf der Wasseroberfläche, während sie den Gedanken nachhing und sie schenkte dem Fluß eine kleine Träne.
Sie sprang abrupt auf und setzte ihren Weg fort.
Der Damm brachte sie auf einem langgezogenen Bogen ans andere Ende des Dorfes, das nun selbst zum Leben erwacht war. Sie grüßte freundlich mit einem Lächeln die Dorfbewohner, denen sie begegnete, die ein wenig stutzten, da sie Sonja noch nie so früh und eigentlich sehr selten im Dorf getroffen hatten, wenn sie nicht unbedingt etwas einkaufen oder sonstige unumgängliche Angelegenheiten erledigen mußte.
Gut gelaunt, in leichter, prickelnder Erschöpfung, kehrte sie auf der Straße zurück in ihr Haus, gab den Hunden frisches Wasser in ihre Näpfe, zog sich aus und ließ Wasser in die Badewanne laufen. Das Bad sollte der Anfang einer entspannenden Ganzkörperpflege sein.
Nach eineinhalb Stunden stand sie eingekremt, ihre langen glatten Haare zu einem Zopf gebändigt in legerer Kleidung mit viel zu weitem Kapuzenpullover wieder vor der Tür und ging zum Bus, der sie in die Kreisstadt bringen würde.
Sie hatte sich entschieden.
Der Abschied von den Nachbarn fiel nicht schwer. Sie übergab ihnen die Hausschlüssel, gab ihnen noch ein paar Anweisungen für die Hunde und das Nötigste und verabschiedete sich mit einem lockeren Gruß und einer kleinen winkenden Handbewegung.
Sie hatte, als sie in der Stadt war, eine Fahrkarte nach Dubrovnic gekauft, eine Stadt die sie schon immer besuchen wollte, einfache Fahrt, denn sie wollte von da noch nach Italien übersetzen und dann noch weiter.
Nur eine kleine lederne Reisetasche begleitete sie.
Sie war gelöst, wie schon lange nicht mehr, nichts schien mehr auf ihr zu lasten, ihre Gesichtszüge waren entspannt und ihr Lächeln bezaubernd, wie sie durch die Straßen ging, jedem freundlich entgegenlachte und in die Schaufenster blickte, die alles anboten, was sie nicht vermißte; sie mußte noch Zeit bis zur Abfahrt des Zuges totschlagen, also setzte sie sich in ein Café und trank den starken ungarischen Kaffee mit Unmengen von Zucker.
Die Fahrt war angenehm. Zwei ältere Damen leisteten ihr im Abteil nette Gesellschaft, das heißt, sie redeten wenig. Die Landschaft zog scheinbar teilnahmslos an den Abteilfenstern vorbei, für sie jedoch waren es ungewohnte, lebendige und farbenfrohe Eindrücke, die sie begierig in sich aufnahm.
In der Nacht lauschte sie dem Knarren der Gummiverbindungen zwischen den Wagons, dem metallischen Geräusch der Räder auf den Schienen, dem Rattern bei den Weichen, dem Quietschen der Bremsen und dem nächtlichen Treiben auf den Bahnhöfen, an denen sie hielten - sie schlief nicht.
Der Morgen brachte neues Leben; sanft und beruhigend schien das Blau des Adriatischen Meeres in ihre Seele und erquickend nach der langen Dunkelheit die Helle der südlichen Sonne, die über die zarten Braun-ã, Ocker- und Grüntöne der Landschaft und Ortschaften, die langsam vorüberzogen, strahlte.
Schon bald fand sie außerhalb von Dubrovnic ein kleines Anwesen mit einem alten Steinhaus, weiß getüncht, umgeben von einem Orangenhain, das von einer älteren Frau und deren Tochter bewirtschaftet und bewohnt wurde und die ihr für ein paar Tage eine Übernachtung gaben.
Sie bat sie um eine Waschgelegenheit, um sich nach der Reise etwas zu erfrischen und zu reinigen und die Tochter zeigte ihr einen kleinen mit einer Mauer umgrenzten Hof, in dessen Mitte ein alter Ziehbrunnen stand. Sie konnte sich eines kleines Lächelns nicht enthalten, als sie den malerischen, fast weltfremden Ort sah, aber fühlte sich bei dem Gedanken wohl, daß frisches, reines Brunnenwasser, mag es auch noch so kalt sein, ihre Haut berühren würde. Überhaupt fühlte sie sich wohl, wie schon lange nicht mehr. Sie entkleidete sich und erfrischte ihren Körper, trocknete sich leicht ab, warf nur ein dünnes Sommerkleid über und drehte sich zu der Öffnung in der Mauer, durch die sie gekommen war.
Maria, so hieß die Tochter, stand wohl schon länger im Ausgang an die Mauer gelehnt und lächelte ihr nun verschmitzt zu. Sie war noch keine 30 Jahre alt, war groß gewachsen, hatte lange, braune, wellige Haare, die wild um ihre etwas herben Gesichtszüge standen, einen schlanke Figur, die nach Betrachtung ihrer Füße wohl immer barfuß unterwegs war, und ein wirklich süßes Lächeln.
Sonja zog leicht fragend überrascht die Augenbrauen in die Höhe und gab ihr ein ebenso verschmitztes Lächeln, als sie an ihr vorbei in das Zimmer ging, das ihr vorher gezeigt worden war.
Den Tag verbrachte sie mit Spaziergängen in der Umgebung; sie legte sich in den Schatten eines Orangenbaum und las in Anaãs Nins Tagebüchern. Als sich die Sonne schon hinter die Hügel gesenkt hatte, kehrte sie ins Haus zurück; sie war sehr hungrig. Die Bewohnerinnen begrüßten sie herzlichfreundlich und luden sie an den steinernen Tisch mit den steinernen Bänken im Vorraum ein, der für drei gedeckt war und auf dem ein dampfender, duftender Bohneneintopf in einem alten kupfernen Kessel stand, der kurz zuvor noch über der offenen Feuerstelle im Garten gehangen zu sein schien. Zum Essen wurde selbstgebackenes Brot, frischer Sauerrahm gereicht und Rotwein - es schmeckte vorzüglich und sättigte. Während des Essens wurde nicht gesprochen.
Sonja bedankte sich und stellte sich ihnen näher vor. Sie waren nicht neugierig, sie fragten nichts, sie wollten nicht mehr wissen als sie ihnen aus freien Stücken sagte. Ruhig hörten sie zu, nickten ab und an zustimmend mit dem Kopf, manchmal flog ein leises Lächeln über die Gesichter oder ein sanftes Erstaunen, als sie erzählte, daß sie auf den Philippinen geboren wurde.
Nachdem sie geendet hatte, lehnte sie sich zurück und ein warmes Gefühl - begünstigt durch die Schwere des Weines - breitete sich in ihr aus; so hatte sie es sich vorgestellt. Es war spät geworden. Sie fühlte sich ruhig und entspannt, in angenehmer stiller Umgebung. Welches Glück ihr widerfuhr … dachte sie zufrieden.
Maria ging zum Brunnen, die alte Frau reinigte den Tisch und zog sich mit einem freundlichen Wunsch für eine gute Nacht zurück. Sonja nahm die Öllampe, die ihr spärliches Licht über den Tisch und die Wände breitete und ging in den Garten. Ihr Blick fiel auf die Mauer, die den Hof mit dem Brunnen umgab. Wie von einer magischen Kraft angezogen, bewegte sie sich auf den Eingang zu und sah Maria vor dem Brunnen im Schein einer flackernden Lampe, die sie auf den Boden gesetzt hatte. Sonja blies das Licht in ihrer Lampe aus und betrachtete die Szene. Maria hatte eine dunkelbraunschimmernde Haut. Zuckende Schatten umspielten ihren Rücken und ihre Figur war verführerisch, als sie ihren Fuß auf den Brunnenrand setzte und ihre Hände den Schmutz des Tages wegwuschen. Sonja zog sich hinter die Mauer zurück, schloß die Augen und sog die schwere frische Luft der Nacht tief in sich ein.
Sie kam sich vor wie in einem Märchen, unwirklich und doch … weiter kam sie nicht in ihren Gedanken, denn Maria legte ihr die kühle, feuchte Hand an die Wange und küßte sie sanft auf den Mund. Sonja glaubte hören zu können, wie sie sagte: »Du bist mir verwandt, du bist so, wie ich sein werde, einmal, doch noch habe ich nicht die Kraft, die du hast.«
Sie lächelte, ließ ihre Hand langsam von ihrer Wange gleiten und entschwand nackt und lautlos in der Dunkelheit.
Lange stand sie an die Mauer gelehnt, schwindelig, verwirrt ungläubig des gerade Erlebten; Gedanken schwirrten ihr durch den Kopf, Gedanken, die sie nicht fassen konnte, die kamen und gingen ohne sich zu einem zusammenzuschließen, der Klarheit hätte bringen können. Am Ende hätte sie fast geglaubt, daß die Wirkung des Weins ihr etwas vorgegaukelt hatte, wenn nicht kleine Wassertropfen über ihre Wangen liefen.
Unsicher ging sie in das Haus zurück in ihr Zimmer, in dem sie Maria erwartete. Wieder meinte sie leise ausgesprochene Worte zu hören: »Komm zu mir.« Sie ließ ihr Sommerkleid auf den Boden gleiten und näherte sich dem Bett. Maria rutschte ein wenig zur Seite und lud sie ein, indem sie die Zudecke anhob.
»Genieße die Wärme bevor du gehst.« flüsterte sie Sonja ins Ohr und zog sie nahe an sich; sie spürte ihre samtene, weiche, warme Haut an ihrem Rücken, ihren heißen Atem an ihrem Hals und den starken Arm, der sie fest an sie gedrückt hielt, und die Hand die ruhig auf ihrer Brust ruhte.
Die Nacht war erfüllt von farbenfrohen, glücklichen Träumen; Träumen aus einer anderen Welt, in der Blumen und Gewächse übergroß und betörend duftend den Weg zu allen Freuden, die sie sich wünschte, säumten.
Als sie am nächsten Morgen erwachte, war sie alleine im Bett. Sie kuschelte sich, bevor sie aufstand, noch mal tief in die dicke Daunendecke und rümpfte lächelnd, zufrieden ihre kleine Nase.
Der Vormittag war herrlich klar und angenehm warm. Das Frühstück erwartete sie auf dem runden Bistrotisch am kleinen terrassenartigen Vorplatz. Maria grüßte mit lebendigen Winken aus der Ferne. Sonja lachte fröhlich in ihre Richtung.
Am Nachmittag führte sie Maria durch die Gassen von Dubrovnic und zeigte ihr die schönsten und entlegensten Winkel dieser bezaubernden Stadt. Sie war entzückend, lehnte sich an sie, während sie durch die Straßen schlenderten oder sie gingen Hand in Hand. Maria strahlte Ruhe aus, zauberhafte Ruhe, fast unheimliche Ruhe.
Einmal fragte sie sie. Doch sie drückte ihr nur sanft den Zeigefinger auf die Lippen und küßte ihre Nase. »Morgen wirst du fahren.« Es geht ein Schiff nach Bordeaux. Ich habe schon einen Platz für dich reserviert.
Sonja fuhr erschrocken zurück. Doch Maria umarmte sie wortlos. »Gehen wir zurück,« sagte sie. Die Nacht war hereingebrochen; die Sterne wurden langsam sichtbar. »Siehst du die Cassiopeia?« Sie schaute in den klaren Himmel und sah eine Menge kleiner weißer Punkte. »Nein,« grinste sie. Sie kam nahe an sie heran und zeigte mit ihrem Finger hinauf in den Himmel und fuhr ein »W« nach. Es dauerte nicht lange, dann konnte Sonja es auch in der Vielzahl der Sterne unterscheiden.
Maria fuhr fort: »Vor langer Zeit in Äthiopien war Cassiopeia die Frau von Cepheus und die Mutter der Andromeda. In ihrem Übermut hielt sie sich für schöner als die Töchter eines Meeresgottes, Nereus. Sie verärgerte damit Gott Poseidon selbst. Er kettete ihre Tochter an einen Felsen, um sie einem Seemonster zu opfern, was ihren sicheren Tod bedeutet hätte. Doch Andromeda blieb dieses Schicksal erspart, da sie von Perseus gerettet wurde, der sie dann zur Frau nahm.«
»Nicht alle Tage gibt es einen Perseus,« lachte sie ausgelassen und rannte den Feldweg entlang.
Am darauffolgenden Tag führte Maria Sonja zum nahegelegenen Hafen. Maria zeigte ihr ein kleineres etwas verwegen und vernachlässigt aussehenden Segelschiff, das nicht aus unserer Zeit zu stammen schien. Sonja gefiel es. Maria eilte zum Kapitän, wechselte mit ihm ein paar Worte und kehrte dann zu ihr zurück. »Der Kapitän,« und sie wies mit der Hand in Richtung der Anlegestelle, »wird auf seinem Weg nach Bordeaux nirgends anlegen.« Sonja wandte ihren Blick zum Schiff.
Verträumt sagte sie: »Ach, Maria, ich gehe meinen Weg, den du kennst, wie auf Rosen, im Duft …,« sie hatte sich wieder umgedreht, aber Maria stand nicht mehr da. Auf dem Boden vor ihr lag auf einem violetten Umschlag ein Teil eines goldenen Freundschaftsringes. »Irgendwann werden sich unsere Ringe und wir vereinigen,« waren die in zierlicher Schrift geschriebenen Worte.
Sonja sah sich nach allen Seiten um, doch sie stand alleine auf den großen Platz. Die Kälte die sie einen Moment umgab war beängstigend - totenstill war es um sie, alles erstarrt und leblos.
Auf dem Schiff zeigte ihr der Kapitän ihre Kajüte. Ein nicht allzu großer Raum, aber gemütlich eingerichtet, mit dunklen edlen Mahagonimöbeln, die das äußere Bild des Seglers nicht hatten vermuten lassen. Ein großer Schreibtisch stand in der Mitte, eine Kommode an der Längsseite, ein Spiegel, der vom Boden bis zur Decke reichte, mit breitem, ornamentiertem Rahmen neben einem mit Blumenmustern verziertem Kleiderschrank, an den Wänden hingen echte Ölgemälde von Stürmen auf See und das Bett … ein seidiger Himmel senkte sich in mattweißen Schleiern auf die dicken Daumendecken und die weichen Kissen am Kopfende.
Sonja stand atemlos vor dieser Pracht. Sie drehte sich zum Kapitän um, und wollte gerade etwas sagen, aber er lachte nur laut und heftig, daß es durch das ganze Schiff zu hallen schien und wandte sich nach oben.
Die Seeluft war herrlich erfrischend und würzig, eine leichte Brise trieb uns mit mäßiger Geschwindigkeit über die dunkle See. Das Essen, das der Kapitän selbst bereitete, man sah überhaupt wenig Matrosen, schmeckte vorzüglich und der Portwein war erlesen.
Am dritten Abend erzählte der Kapitän, der ansonsten recht schweigsam war, eine amüsante Seeräubergeschichte, wobei er aber ernst blieb und es ihr fast peinlich wurde immer wieder ihr Lachen und Schmunzeln nicht unterdrücken zu können.
Sie hatte sich entschieden.
In einer ruhigen Sommernacht ging sie nackt an Deck. Die kleine lederne Reisetasche warf sie in hohem Bogen über Bord. Sie sog die salzige Luft ein und fühlte sich entspannt und glücklich, glücklich einen Weg für sich gefunden zu haben.
Sie stieg am Heck des Schiffes auf die Bordwand und hielt sich mit einer Hand an einer dünneren Holzstange, an der etliche Seile festgezurrt waren, fest.
Der Wind fuhr durch ihr Haar und sie mußte unwillkürlich an Leonardo DiCaprio und Kate Winslet im Film »Titanic« denken und grinste. Sie hörte das leise Anplätschern der Wellen an den Rumpf des Schiffes.
Der Mond schickte eine zittrige Bahn silbrigen Lichts über das Wasser.
Sie bog sich etwas nach vorne, blickte hinauf in die Sternennacht und suchte das Bild der Cassiopeia.
Langsam lösten sich ihre Finger von der Holzstange.
Das große »W« begleitete sie.

* * *
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Sonntag, 2. Mai 2010

Aho Juhani – »Lösch' du nur aus, ich zünde an!«

Juhani Aho (Juhani Brofeldt) (11. September 1861, Lapinlahti – 8. August 1921, Helsinki)

Juhani Aho war ein finnischer Schriftsteller.





»Lösch' du nur aus, ich zünde an!«

Eine finstere Winternacht verhüllte die ganze nördliche Erde. Die Sonne war versunken, in den niedrigen Hütten aber leuchtete der Lampen bleiches Licht, und, den neuen Morgen erwartend, suchten die Menschen ringsum ihre Freuden auf.
Aber der Geist der Finsternis verstattete sie ihnen nicht, der Geist, der sich des sonnenberaubten Nordens bemächtigt hatte. Da er, draussen lauernd, das Licht durch die Fenster schimmern sah, polterte er ins Haus hinein, so breit die Thüre war.
– »Puh!« machte er und blies erbarmungslos die Lampe aus.
Und niemand wagte die Lampe wieder anzuzünden, die der Geist ausgelöscht.
Wie soll man da Rat schaffen? fragten einander die Bewohner der niedrigen Hütte, als sie im Finstern sassen.
Aber kaum war der Geist der Finsternis gegangen, da glitt der Genius des Lichtes zur Thür herein.
– »Lösch' du nur aus, ich zünde an! sagte er und steckte die Kerze auf dem Tische in Brand.
Danach eilte er hinter dem bösen Geiste her. Und der böse Geist vollführte dasselbe Werk in den anderen Höfen, löschte alle Lichter aus und liess die Menschen im Finstern sitzen. Der gute Genius aber schlich ihm auf den Fersen nach, und wo die Lampen erloschen, da entzündeten sich die Kerzen.
Als aber der böse Geist hinter sich blickend gewahrte, dass die Lichter immer noch brannten, da stürzte er in den ersten Hof zurück.
– »Puh! Puh!« machte er und blies die Kerze aus.
Und niemand wagte die Kerzen anzuzünden, die der Geist ausgelöscht.
– »Auch die Kerze hat er ausgeblasen! Wie soll man da Rat schaffen?« fragten einander die Leute, die im Finstern sassen.
Aber kaum hatte der Geist das Thor erreicht, da schlüpfte der Genius durch die noch klaffende Thür herein und fragte raunend, ob keine Kienspäne im Hofe wären.
Es gab aber Kienspäne im Hofe, schon bestellt seit alten Zeiten, vom Altväterchen gespalten.
– »Einen Kienspan an den Wandhaken in die Klammer!« sagte der Genius, raffte einen Span vom Balken an der Decke, wo sie zum Trocknen hingelegt waren, blies vom Herde Feuer daran und sprach, der Schalk:
– »Lösch' du nur aus, ich zünde an!«
Und wo die Kerzen in den Höfen erloschen, da entzündeten sich die Kienspäne, und wiederum sah der böse Geist allerorten die Lichter schimmern, wo er es eben finster gemacht. Und ein drittes Mal stürzte er zur Stubenthür herein.
– »Puh!« machte er, – aber der Kienspan wollte nicht verlöschen. – »Puh!« – »Puh!« und erst beim dritten Mal verlosch der Kienspan.
Und wieder wagte niemand das Licht von neuem anzuzünden, das der Geist so boshaft ausgelöscht.
– »Wie soll man da Rat schaffen?« fragten sich die Leute im Finstern, als sie den Genius heranschleichen hörten.
– »Feuer auf den Herd!« rief der Genius, und sofort flammte ein fröhlicher Feuerbrand auf dem Herde, und jubelnd leuchteten die Augen des Genius in der Lohe, da er rief:
– »Lösch' du nur aus, ich zünde an!«
Und wo immer der Geist der Finsternis zum Kummer der Menschen die Spanfeuer auslöschte, da steckte der Genius des Lichts zu ihrer Freude sofort ein Herdfeuer an; und dies leuchtete, dass die Schneerinde flimmerte und die Wipfel der Bäume weithin in Röte erstrahlten.
Aber da ergrimmte der böse Geist, und mit stieren Augen und aufgeblasenen Backen polterte er herein wie ein Wirbelwind.
– »Puh, puh, puh!« blies er. – »Puh, puh, puh!« pustete er.
Aber je mehr er blies und pustete, um so höher stieg das Feuer auf dem Herde empor, um so gewaltiger lohte die Flamme auf der Feuerstätte. Auch flimmerte sie nicht bloss auf der Schneerinde, auch rötete sie nicht bloss die Bäume, – zum Himmel empor stieg die Lohe durch den Rauchfang, und bis in ferne Dörfer glühte das Feuer, in fremde Länder das Licht.
Mit höchster Kraft versuchte er es, mächtig mühte er sich ab . . . . Ich weiss nicht, ob er es jemals ausgelöscht hätte. Aber ehe er es erreicht hatte, war die Nacht schon zu Ende, und die Sonne stieg empor, und kein Feuer mehr war vonnöten, und umsonst war das Werk des Geistes der Finsternis gethan. Denn am Tage vermögen auch die bösen Geister nichts – und nachts schützen mein Finnland die guten Genien.
aus: Finnländische Rundschau, herausgegeben von Ernst Brausewetter, Verlag von Duncker und Humblot, Leipzig, 1901
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