Posts

Es werden Posts vom Mai, 2010 angezeigt.

Andro L., Die Geschichte von der schönen Simonetta

Simonetta stand auf der Terrasse ihres Villino bei Fiesole und spähte auf die Straße hinab, über die Giuliano de Medici kommen sollte. Sie trug ein schaumfarbenes Brokatkleid mit durchbrochenen Ärmeln und ihre große Perlenschnur vierfach um den Hals gewunden. Ihr blondes Haar, das in regelmäßigen Locken zu beiden Seiten des weißen langen Halses herabfiel, schien noch hellgoldener als sonst, denn Simonetta hatte in den letzten drei Tagen wieder Stunden auf dem Dache ihrer Villa in der glühenden Mittagshitze verbracht, Gesicht und Arme mit nassen Tüchern bedeckt, um sie zu bleichen. Um den kostbaren indischen Schleier zu erwerben, der ihr Haupt bedeckte, hatte sie sich wochenlang fast nur von Oliven und Brot genährt, denn man war nicht reich in Casa Vespucci. Und noch hatte ihr der türkische Händler freundlich grinsend versichert, daß er nur der schönen Geliebten Giulianos dei Medici einen solchen Preis mache, jede andere florentinische Dame müsse ihm das Doppelte bezahlen. In nicht geri…

Wir versaufen unser Oma sein klein Häuschen ...

Ein deutsches Volkslied

»Das Volk ist doof, aber gerissen.«

In deutschen Landen ist augenblicklich ein Lied im Schwange, das den vollendetsten Ausdruck der Volksseele enthält, den man sich denken kann – ja, mehr: das so recht zeigt, in welcher Zeit wir leben, wie diese Zeit beschaffen ist, und wie wir uns zu ihr zu stellen haben. Während der leichtfertige Welsche sein Liedchen vor sich hinträllert, steht es uns an, mit sorgsamer, deutscher Gründlichkeit dieses neue Volkslied zu untersuchen und ihm textkritisch beizukommen. Die Worte, die wir philologisch zu durchleuchten haben, lauten:

Wir versaufen unser Oma sein klein Häuschen –
sein klein Häuschen – sein klein Häuschen –
und die erste und die zweite Hypothek!

Bevor wir uns an die Untersuchung machen, sei zunächst gesagt, daß das kindliche Wort ›Oma‹ so viel bedeutet wie ›Omama‹, und dieses wieder heißt ›Großmutter‹. Das Lied will also besagen: »Wir, die Sänger, sind fest entschlossen, das Hab und Gut unsrer verehrten …

Die Reise von Maoi Milalis

Sie hatte sich entschieden. Sonja sog die frische, feuchte Luft vor ihrer Haustür tief in ihre Lungen, streckte ihren Körper, um die Steife der Nacht zu verlieren, gähnte dabei ungeniert in den anbrechenden Morgen und machte sich mit energischen Schritten zum Damm am Fluß auf. Wie langgezogene, lichte Wattebäusche lag der Nebel noch über den Feldern und die ersten Sonnenstrahlen, die über die Baumreihen spitzten, ließen sie leuchten und gaben der Landschaft langsam etwas an Farbe. Sie genoß die Ruhe, die Freiheit der frühen Stunde, die sie so lange Zeit, wie sie jetzt bemerkte, vermißt hatte. Das Alleinsein wurde durch die frisch aromatischen Gerüche der Erde und Pflanzen angenehm bereichert. Sie roch den Fluß. Die leisen Geräusche vom Bahnhof weit hinter dem gegenüberliegenden Flußufer drangen beruhigend an ihr Ohr. Sie spürte das Leben, das Erwachen, sie war wieder ein Teil davon. Sie setzte sich auf einen der großen Steine am Flußrand, zog ihre Kniee unter das Kinn, versteckte ihre Hände…

Aho Juhani – »Lösch' du nur aus, ich zünde an!«

Bild
Juhani Aho (Juhani Brofeldt) (11. September 1861, Lapinlahti – 8. August 1921, Helsinki)Juhani Aho war ein finnischer Schriftsteller.




»Lösch' du nur aus, ich zünde an!« Eine finstere Winternacht verhüllte die ganze nördliche Erde. Die Sonne war versunken, in den niedrigen Hütten aber leuchtete der Lampen bleiches Licht, und, den neuen Morgen erwartend, suchten die Menschen ringsum ihre Freuden auf. Aber der Geist der Finsternis verstattete sie ihnen nicht, der Geist, der sich des sonnenberaubten Nordens bemächtigt hatte. Da er, draussen lauernd, das Licht durch die Fenster schimmern sah, polterte er ins Haus hinein, so breit die Thüre war. – »Puh!« machte er und blies erbarmungslos die Lampe aus. Und niemand wagte die Lampe wieder anzuzünden, die der Geist ausgelöscht. Wie soll man da Rat schaffen? fragten einander die Bewohner der niedrigen Hütte, als sie im Finstern sassen. Aber kaum war der Geist der Finsternis gegangen, da glitt der Genius des Lichtes zur Thür herein. – »Lösch&…