Aho Juhani – »Lösch' du nur aus, ich zünde an!«

Juhani Aho (Juhani Brofeldt) (11. September 1861, Lapinlahti – 8. August 1921, Helsinki)

Juhani Aho war ein finnischer Schriftsteller.





»Lösch' du nur aus, ich zünde an!«

Eine finstere Winternacht verhüllte die ganze nördliche Erde. Die Sonne war versunken, in den niedrigen Hütten aber leuchtete der Lampen bleiches Licht, und, den neuen Morgen erwartend, suchten die Menschen ringsum ihre Freuden auf.
Aber der Geist der Finsternis verstattete sie ihnen nicht, der Geist, der sich des sonnenberaubten Nordens bemächtigt hatte. Da er, draussen lauernd, das Licht durch die Fenster schimmern sah, polterte er ins Haus hinein, so breit die Thüre war.
– »Puh!« machte er und blies erbarmungslos die Lampe aus.
Und niemand wagte die Lampe wieder anzuzünden, die der Geist ausgelöscht.
Wie soll man da Rat schaffen? fragten einander die Bewohner der niedrigen Hütte, als sie im Finstern sassen.
Aber kaum war der Geist der Finsternis gegangen, da glitt der Genius des Lichtes zur Thür herein.
– »Lösch' du nur aus, ich zünde an! sagte er und steckte die Kerze auf dem Tische in Brand.
Danach eilte er hinter dem bösen Geiste her. Und der böse Geist vollführte dasselbe Werk in den anderen Höfen, löschte alle Lichter aus und liess die Menschen im Finstern sitzen. Der gute Genius aber schlich ihm auf den Fersen nach, und wo die Lampen erloschen, da entzündeten sich die Kerzen.
Als aber der böse Geist hinter sich blickend gewahrte, dass die Lichter immer noch brannten, da stürzte er in den ersten Hof zurück.
– »Puh! Puh!« machte er und blies die Kerze aus.
Und niemand wagte die Kerzen anzuzünden, die der Geist ausgelöscht.
– »Auch die Kerze hat er ausgeblasen! Wie soll man da Rat schaffen?« fragten einander die Leute, die im Finstern sassen.
Aber kaum hatte der Geist das Thor erreicht, da schlüpfte der Genius durch die noch klaffende Thür herein und fragte raunend, ob keine Kienspäne im Hofe wären.
Es gab aber Kienspäne im Hofe, schon bestellt seit alten Zeiten, vom Altväterchen gespalten.
– »Einen Kienspan an den Wandhaken in die Klammer!« sagte der Genius, raffte einen Span vom Balken an der Decke, wo sie zum Trocknen hingelegt waren, blies vom Herde Feuer daran und sprach, der Schalk:
– »Lösch' du nur aus, ich zünde an!«
Und wo die Kerzen in den Höfen erloschen, da entzündeten sich die Kienspäne, und wiederum sah der böse Geist allerorten die Lichter schimmern, wo er es eben finster gemacht. Und ein drittes Mal stürzte er zur Stubenthür herein.
– »Puh!« machte er, – aber der Kienspan wollte nicht verlöschen. – »Puh!« – »Puh!« und erst beim dritten Mal verlosch der Kienspan.
Und wieder wagte niemand das Licht von neuem anzuzünden, das der Geist so boshaft ausgelöscht.
– »Wie soll man da Rat schaffen?« fragten sich die Leute im Finstern, als sie den Genius heranschleichen hörten.
– »Feuer auf den Herd!« rief der Genius, und sofort flammte ein fröhlicher Feuerbrand auf dem Herde, und jubelnd leuchteten die Augen des Genius in der Lohe, da er rief:
– »Lösch' du nur aus, ich zünde an!«
Und wo immer der Geist der Finsternis zum Kummer der Menschen die Spanfeuer auslöschte, da steckte der Genius des Lichts zu ihrer Freude sofort ein Herdfeuer an; und dies leuchtete, dass die Schneerinde flimmerte und die Wipfel der Bäume weithin in Röte erstrahlten.
Aber da ergrimmte der böse Geist, und mit stieren Augen und aufgeblasenen Backen polterte er herein wie ein Wirbelwind.
– »Puh, puh, puh!« blies er. – »Puh, puh, puh!« pustete er.
Aber je mehr er blies und pustete, um so höher stieg das Feuer auf dem Herde empor, um so gewaltiger lohte die Flamme auf der Feuerstätte. Auch flimmerte sie nicht bloss auf der Schneerinde, auch rötete sie nicht bloss die Bäume, – zum Himmel empor stieg die Lohe durch den Rauchfang, und bis in ferne Dörfer glühte das Feuer, in fremde Länder das Licht.
Mit höchster Kraft versuchte er es, mächtig mühte er sich ab . . . . Ich weiss nicht, ob er es jemals ausgelöscht hätte. Aber ehe er es erreicht hatte, war die Nacht schon zu Ende, und die Sonne stieg empor, und kein Feuer mehr war vonnöten, und umsonst war das Werk des Geistes der Finsternis gethan. Denn am Tage vermögen auch die bösen Geister nichts – und nachts schützen mein Finnland die guten Genien.
aus: Finnländische Rundschau, herausgegeben von Ernst Brausewetter, Verlag von Duncker und Humblot, Leipzig, 1901
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