Johanna Siebel - Der rechte Rat

Adolf Hölzel Komposition 1920s

Ein Mensch hatte ein Bild, das stellte eine Frau von himmlischer Schönheit dar. Und der Mensch lag in Anbetung vor dem Bilde und trank die Fülle des Glücks aus seinem Anblick. Er trug der Blumen lieblichste h.erbei, auf daß fte das Bild schmückten und, mit süßen Düften umschmeichelten. Mit den süßen Düften stiegen die flehenden Worte, die beschwörenden Bitten des Menschen zu dem Bilde empor: »Bleibe mir, was du bist! Ich müßte verderben, würde deine Schönheit und Reinheit auch durch einen Hauch nur getrübt! Mein Glaube du! Mein Ein und mein Alles!« — So war das Entsetzen des Menschen denn über alle Beschreibung groß, als er eines Tages einen häßlichen grauen Flecken auf dem Bilde entdeckte, an der Stelle, wo das Herz sitzt. Er dachte, seine Sinne äfften ihn, und der sei eine scheußliche Vorspiegelung seiner furchtberührten Phantasie.
Er rieb die Augen, er sah genauer hin; kein Zweifel, der Fleck war da, die schmutzige Stelle bestand. Da schloß der Mensch mit tiefem Seufzen die Lider. Er flehte mit geschlossenen Augen das Bild an: »Nimm doch den Flecken fort; um Gottes Barmherzigkeit willen, nimm doch den Flecken fort!« Doch als er nach einer kleinen Weile voll brünstigen Hoffens von neuem die Augen öffnete, da saß der Fleck noch immer an seiner alten Stelle auf dem Herzen.
Und der Kummer des Mannes steigerte sich zu wühlendem, unaussprechlich tiefem Schmerze. Er war wie von Sinnen vor Leid. Er entfernte mit zuckenden Händen die Blumen vom Bilde, er zerrte es herunter und suchte mit Waffer den Fleck zu tilgen. Aber ob er gleich mit heißen angespannten Kräften rieb, obgleich sein Körper bebte unter der Anstrengung und angstvoll sehnsüchtigen Erwartung: Der Flecken blieb. — Da kam ein Wanderer des Weges, der sah das traurig törichte Gebaren des Mannes und sah sein Leid und sagte erbarmend, nachdem er den Flecken beschaut: »Nicht Wasser, auch nicht das Köstlichste, die Menschenträne, vermag solche Stellen rein zu waschen. Nimm Vergessenheit! Möglich, daß du damit dein Ziel erreichst.« Erschöpft nickte der Mann vor sich hin und begab sich auf die Suche nach Vergessenheit. Aber das ist eine selten köstliche Gabe; wie sich der Mensch auch mühte und quälte, er fand keinen Tropfen davon. Der Mann ächzte auf in harter Pein und starrte mit heißen trockenen Augen das Bild an, von dem er nicht lassen und das er nicht vergessen konnte. —
Da kam ein anderer Wanderer des Weges, der betrachtete eine kleine Zeit voll satter, überlegener, schadenfroher Befriedigung die seltsame Gruppe und sagte dann hämisch, langsam den Spitzbart streichelnd: »Wischt Verachtung über den Schmutz, Verachtung und Haß, das sind zwei ätzende Stoffe, die brennen vieles aus; die lassen vielleicht auch diesen Flecken verschwinden.«
Da nahm der Mann voll Schaudern Verachtung und Haß und tauchte das Bild hinein: Wohl ward der Fleck auf dem Herzen nun weniger stark zu sehen; aber auch die herrlichen, leuchtenden Farben des ganzen Bildes waren verschwunden. Stumpf und häßlich der Hintergrund, der an Reinheit und Schöne mit der Himmelsbläue am Frühlingstage gewetteifert. Auf die herrlichen, lichten Augen des Bildes, in denen die glutvolle Seele sich gespiegelt, legte es sich wie ein grauer Schleier. Des Angesichts liebliche Farbe ward matt, die mißfarbenen Schatten ließen es schmal und unschön erscheinen. Und da das süße Licht aus den weiten Augen entwichen, da die zarte, duftige Frische der Haut vergangen, nahm das ganze Antlitz den Ausdruck hülflos ergreifenden Schmerzes, wehrlos der Verzweiflung preisgegebenen Leides an. Stummes Entsetzen lag auf den entstellten Zügen. Als der Mann das einst so schöne Angesicht also erschaute und sah, was Verachtung und Haß aus seinem Himmelsbilde gemacht, sank er in die Knie, raufte sich das Haar und stöhnte in wilder, brennender Qual: Wenn er doch nur die Verachtung vermöchte vom Bild zu entfernen, Verachtung und höllengeborenen Haß. — Da kam ein dritter Wanderer des Weges einher. Der sah das tiefe Elend des Mannes, seine schreckliche Not. Und das Auge des Wanderers erstrahlte in Erbarmen und helfender Güte. Er neigte sich nieder zu dem armen Manne und flüsterte milde: »Nimm alles verzeihende Liebe, so wird dir und deinem Bilde geholfen werden.« Liebe macht Unmögliches möglich. Liebe allein, die nicht feilscht und nicht rechtet, nicht fragt und nicht anklagt, ist’s, der du benötigst.«
Zuerst schaute der Mann, mit irren, blöden Blicken den Wanderer an. Alsbald aber ward sein Auge klarer, verstehender, und er warf sich zu Boden und flehte mit erschütterndem Tone: »Herr gib mir, dessen ich bedarf, auf daß mein Bild mir wieder in Himmelsschöne emporstrahle!« — Und während er so in heißem Bitten und Ringen dalag, fühlte er auf einmal, wie sein Herz von erbarmender, allverstehender und allverzeihender Liebe machtvoll bewegt ward. Da nahm er diese große Liebe und senkte das Bild hinein, badete es in den warmen Fluten, die stark und unversieglich seinem Herzen entquollen. Und siehe! der häßliche Fleck ward schwächer und schwächer; blasser, farbloser der graue Schleier, mit dem Haß und Verachtung das liebliche Bild überzogen, und nicht lange währte es, so erstrahlte es von neuem in seiner reinen Süße und Schönheit. Die lichten Augen blickten statt hilflos ergreifenden Schmerzes eine schüchterne, glückliche Dankbarkeit! Der Mann aber sank in die Knie, schaute mit strahlenden Blicken sein Bild an, das ihm alles verzechende Liebe von neuem geschenkt, und seine Seele jauchzte, seine Seele betete.

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