Direkt zum Hauptbereich

»Die Lehrerin kommt!«

»Die Lehrerin kommt!«

Die Statistik behauptet, daß Mädchenlehrer und Lehrerinnen zu den langlebigsten Menschen zählen. Hingegen versichern eben diese höchst ehrenwerthen Pädagogen und Pädagoginnen, daß ärgerlichere und ränkevollere Plagegeister, als heranreifende Schülerinnen, nicht zu erdenken seien. Das läßt sich schwer zusammenreimen! Entweder enthält der Stachel jener jugendlichen Teufeleien und Schelmenstreiche kein sonderlich wirksames Gift oder es ist irgend ein Gegengift dabei im Spiele. Letzteres ist meine Meinung, und das reizende Spitzer’sche Bild ist wie beschaffen, um sie begründen zu helfen. So gewinne es doch einmal irgend ein Sauertopf über sich, angesichts des Zwischenstundenunfugs dieser übermuthigen Backfischchen sich pädagogisch zu entrüsten! Pädagogisch vielleicht, aber sicher nicht persönlich. Es sind Mädchen, welche da tollen – das ist das ganze Geheimnis. Ja – alle die tausend Reize, mit denen die aufgeblühte Weiblichkeit bestrickt und entwaffnet: jenes geheime Spiel der Grazie, jener fesselnde weiche Rhythmus der Form und der Bewegung – ist das Alles mit siebzehn Jahren plötzlich da wie vom Himmel geschneit? Wird das nicht groß mit dem Kinde? Es sind Mädchen – hinter diesen Tollheiten und kleinen Bosheiten, diesen Aeußerungen übermüthigen Lebensdranges steht nicht die kampflustige Kraft des Knaben, welche herausfordert, sondern jene Alles zwingende Macht, die mit lachendem Munde und strahlenden Augen einen Herkules an den Spinnrocken brachte; und jene Klasse, welche Spitzer zum Modell gedient, ist sicherlich danach angethan, selbst eine Lehrerin, wie sie im Portrait auf der Wandtafel skizzirt ist, gegen Bosheiten und Pflichtwidrigkeiten zu entwaffnen. Diese würdige Dame! Es hat etwas beruhigendes, an der Spitze einer so bezaubernden Klasse sie, und nicht etwa einen jungen Probekandidaten zu wissen, der noch ein nicht vergebenes Herz hat.

Übernommen von der deutschsprachigen Wikisource - aus der Zeitschrift Die Gartenlaube

Beliebte Posts aus diesem Blog

Vegan - Kurzgeschichten, Gedichte, Lieder

Christian von Kamp (Hrsg.) Vegan! Kurzgeschichten, Gedichte & Lieder Eine Anthologie

eBook im PDF-Format

Mit Illustrationen von : Ahmed, Flüchtlingskind, Griechenland, inzwischen Deutschland Lynda Bell, Neuseeland Henriette Boldt, Deutschland Chantal Poulin Durocher, Panama Dana Ellyn, USA Sebastian Feldt, Deutschland Twyla Francois, Kanada Magda Francot, Belgien Jo Frederiks, Australien Jo Hanna, Australien Erica Hodne, England Denise Hof, Deutschland Neville M. Marcinkowski, Belgien Paula Menetrey, USA Shinya Okayama, Japan Birgitta Pilgrim, Autorin, Deutschland Catalina Plaza, Chile Kristina Sabaite, Spanien Sara Sechi, Italien Raj Singh Tattal, England Maria Tiqwah van Eldik, Türkei

E. Kotanyi - Laura Farina

E. Kotanyi (Else Jerusalem) - Laura Farina



Das Unglaublichste geschah. Laura Farina errötete. Ihre bleiche, königliche Stirne überzog sich mit purpurner Glut, die Lippen wurden ernst und schweigsam, wie von Gottes Finger gezeichnet. Das ewige Leuchten des Triumphes erstarb in ihren Augen, und zum erstenmal zeigte sich in ihrem Gesicht, das gebrochen und hilflos aussah, der Schmerz. Um das zu begreifen, muß man Laura Farina kennen, wie ich sie kannte. Sie war das schönste Weib in Italien. Wo sie ging, schien die Sonne heißer, heller vom Himmel zu strahlen, wenn sie lachte, klang es wie der melodische Gesang dir Nachtigallen, und wer in ihr Gesicht blickte, verlor für Augenblicke seine Sehnsucht. Man drängte sich um ihren Wagen, warf Rosen und Epheu in ihren Schoß und jubelte ihr zu mit der ganzen, naiven Begeisterung eines im Schönheitskultus erzogenen Volkes. »La divina« riefen sie ihr freudig entgegen, wenn sie mit kleinen, flüchtigen Schritten durch die Gassen ging, und Männer und Fr…

Julius Stinde - Toilette für das Mikroskop

Toilette für das Mikroskop.
Es ist nur ein winzig kleines Ding, der Spinnenfuß, das äußerste Ende des langen Spinnenbeines, aber durch das Mikroskop betrachtet, zeigt er nicht nur einen ganz eigenartigen Bau, sondern erhebt sogar einigen Anspruch auf Schönheit, da er unter dem Mikroskop stets in großer Toilette liegt. Aesthetische Rücksichten sind es indeß nicht, welche ihm zu dieser Toilette verhelfen; nur weil sich seine merkwürdigen Einzelheiten sonst nicht klar und deutlich erkennen lassen, deshalb muß jene Reihe von verschiedenen Operationen mit ihm vorgenommen werden, welche mit dem wissenschaftlichen Namen der Präparation bezeichnet wird, im Grunde aber nichts anderes ist als eine umständliche Toilette von so durchgreifender Art, daß die Schönheitspasten und Eselsmilchbäder der vornehmen Damen des römischen Kaiserreichs dagegen gar nicht in Betracht gezogen werden können. Das Toilettezimmer ist der Arbeitstisch des Mikroskopikers; spitze und breite Nadeln, seine Scheeren, Messe…