Ilse Frapan – So ihr nicht werdet wie die Kinder ...



Die neue Hundinghütte soll eingeweiht werden; wozu hat man eine Hundinghütte, wenn man sie nicht lieben neidischen Gästen zeigen kann? Der Hausherr hatte sich zu einem Herrenabend entschlossen, es sollte nur noch Vollmond abgewartet werden, um das Bier malerisch zu beleuchten, die Hausfrau aber ersann einen reizenden Kaffee, nur für Damen zwar, doch einer hohen Persönlichkeit zu Ehren, – das war die Frau Prosessorin Reizler, die soeben eine halbe Million geerbt hatte. Zu allem übrigen!

Ilse Frapan
Und trotzdem erschien die hohe Persönlichkeit von allen Geladenen zuerst. Frau Lina Jagow fühlte sich in Dankbarkeit erzittern, als sie die hellseidene Blumenschleppe über die weißen Marmorstufen heraufziehen sah. In mädchenhafter Hast – sie war die viel Jüngere – eilte sie ihr entgegen, bis in die kühle luftige Vorhalle, über der in verschnörkelter Gotik der Spruch leuchtete: »Komm Gast, tritt ein! Bring Glück herein!« Frau Jagow liebte diese Sprüche und hatte ihr ganzes Haus mit solcher kurzfaßlichen Poesie dekoriert. In der Hundinghütte waren die Sprüche altdeutsch.

Oh gewiß, die Professorin Reizler brachte Glück herein. Frau Lina Jagow beteuerte immer von neuem ihr Entzücken, solch einen verehrten Gast bei sich zu empfangen, und als das feine spitze Näschen der Besucherin sich erst auf Linas rechte und dann auf ihre linke Wange drückte, so daß beide Frauen deutlich das Puderparfüm der andern erkennen konnte, da war sie geradezu berauscht, wie sie sagte. Durch das Rosentor, von dem es weiß und duftend herabstäubte, ging es dann in den schattigen Teil des großen Gartens, wo zwischen zwei hohen Fichten der dämmerige Eingang der Hundinghütte lauschig und urgermanisch einfältig winkte. Noch ein paar Schritte, und die bekränzte weiße Tafel, die großen tönernen Krüge mit den Riesensträußen aus Feuermohn und Glutgladiolen, die Ampeln voll zierlicher Schlingkräuter, die heimlich funkelnden Kristall- und Silbergeräte boten sich dar. Wo aber – Frau Lina Jagow spähte mit den geblendeten Augen in das Dämmer, – wo war der blumenstreuende weiße Elf, der beim Eintritt der Gäste so ganz zufällig aus dem Rindenhause hervorgaukeln und wie ein lichter Mondstrahl auf den Ehrengast zuflattern sollte? Wo war das Kindchen? Wo war Linita? Frau Jagows Stirn trübte sich, und einen Augenblick überhörte sie die Frage der Besucherin. Die erste Nummer ihres Programms war mißlungen. Woran lag es nur? Ach, das ist die Bonne, die hat wieder alles mißverstanden! Sie wird das Kind schicken, steif und grade, so daß es absichtlich und gemacht aussieht. Womöglich gar, wenn man schon beim Tee sitzt! Ästhetisches Feingefühl kann man von so einem Mädchen nicht erwarten, aber ein wenig Aufmerksamkeit auf die Anordnungen ihrer Herrin wäre doch zu verlangen. Man wird sie nicht lange im Hause behalten, dieses einfältige Wesen, – ach, wie peinlich! die Prosessorin hat abermals eine Bemerkring gemacht, die Lina entgangen ist! Man kommt ganz in Verlegenheit! Sie blickt verstohlen nach dem Hütteneingang; wenn jetzt die Episode mit dem Elfenkind käme, wie passend und poetisch wären diese Minuten ausgefüllt, diese Minuten, die jetzt lang, sehr lang sein werden, dies Tête-à-tête in der großen leeren Hütte vor dem gedeckten Tisch! Wahrhaftig unangenehm! Aber die Professorin ist so verbindlich, sie bewundert ohne Aufhören. Freilich mit der herablassenden Miene, die alles »rührend naiv, rührend echt, rührend naturwahr« findet. Was meint sie eigentlich damit? Sie hat die letzten zwei Jahre in Rom gelebt, und sie blickt ein wenig ungläubig auf diesen »deutschen Geschmack«. Sie träumt noch von klassischer Kunst, wie sie sagt, während sie die lange Lorgnette emporhält und den mit Tannenzapfen und Maiskolben verzierten »Kronleuchter« der Blockhütte ins Auge faßt. »Gott, wie originell! Nein, wirklich! Aber wie ich schon sagte, Liebste, in Rom, da ist alles so ganz anders. Mein Mann sagt es auch immer, es ist einfach eine andre Welt. Er kann sich auch absolut nicht wieder hier zurecht finden, im Vertrauen gesagt. Neulich im Kolleg brauchte er sogar das Wort »Barbaren«, denken Sie sich.«

Die Hausfrau fühlt einen kleinen Stich, sie seufzt ein wenig pikiert und zupft den japanischen Tischläufer, der auf der urgermanischen Tafel um einen Millimeter zu weit nach linkst liegt. Was für ein Unstern! Der kleine Elf nicht da, und diese tote Viertelstunde! Und »Barbaren«! Was für ein Ausdruck. »Aber das meinte er doch nicht so« sagt sie ganz dumm-mechanisch. Die Dame aus Rom lächelt. »Er wollte damit nur andeuten, daß alles so anders ist, Liebste, so ganz anders.«

Frau Lina Jagow zuckt nervös bei jedem Geräusch. Niemand vom Hause her läßt sich blicken. Sie könnte klingeln, aber dann würde vielleicht die Köchin erscheinen, das Zimmermädchen ist so langsam bei der Toilette, und die dicke häßliche Köchin darf man nicht zeigen, das geht nicht! »Wieso denn anders, gnädige Frau?« fragt sie im Tone tiefsten Interesses, mit einer Spur von Herausforderung; dazu stützt sie das Kinn auf die ausgespreizten Hände, wie sie das jüngst auf einem Bilde von Sarah Bernhard gesehen hat. Hätte ich doch nur ein Signal mit der einfältigen Bonne verabredet! Die Bonne ist wenigstens präsentabel! Was für eine Pein! Die Professorin Reizler zuckt ausweichend die Achseln. »Ich weiß nicht genau, worin es liegt; ich kann nur sagen: »anders«. Auch ihr Ton ist herausfordernd. Dies ist aber sehr langweilig! Wozu hat die mich eingeladen? Wie monoton ihre Fragen klingen! Diese Deutschen sind merkwürdig geschmacklos und ungelenk! Und sie fühlt sich ganz als Italienerin, während sie heftig ihren prachtvollen gemalten Fächer handhabt.

Frau Lina Jagow drückt ihr Taschentuch an die Lippen. Sie hat eine Anwandlung von nervösem Gähnen, sie kann nicht zuhören, es ist entsetzlich! Warum ist die da so früh gekommen? Was ist dies für ein Gerede, während man nicht weiß, wo das Kind geblieben ist? Jetzt ist alles verdorben, die Stimmung ist hin! Es fehlt nur noch, daß die andern absagen! Am Ende ist mit den Stadtuhren etwas passiert? Der Mann sagte neulich, die elektrischen Ströme hätten Einfluß – ja, worauf hätten sie doch Einfluß? Oder war es auf das Telephon? Wenn das noch lange so fortgeht, die da mit der Lorgnette, und ich in der Angst, – dann wird mir schlecht, tatsächlich elend! Hat sie nicht stechende Augen? Neulich kam sie mir so fesch vor, aber bei Tage ist sie häßlich. Jetzt klingelt es! Wo ist denn Linita? Nein, es kommt noch niemand! Noch immer niemand! Unglaublich, diese Bonne! Morgen fliegt sie hinaus! Linita ist doch sicherlich bei ihr? Allmächtiger, es kommt niemand! Vielleicht habe ich ein falsches Datum angegeben? Und ich sitze hier mit dieser affektierten, großtuerischen – Rom, und wieder Rom! Wäre sie dort geblieben! »Ja, ganz sicher, gnädige Frau, ich stimme ja vollständig mit Ihnen überein!« Was hat sie gesagt? Sie lacht, glaube ich! Nein, diese unwahrscheinlich scheußlichen Leute alle, die mich sitzen lassen! Gibt man sich deshalb Mühe? Den ganzen Tag macht man Kränze, – läuft durch die Stadt, wie ein Briefträger, zerbricht sich den Kopf, um mal etwas Neues und Originelles zu bieten, – damit diese – diese nicht immer denken – und tun, als hätten sie allein Witz und Esprit – Nun, Gott sei Dank, da kommen sie endlich! Fünf Stück aus einmal!

Die Hausfrau springt von ihrem Sitz auf, das nervöse Gähnen verschwindet, die Blässe des Ärgers verschwindet, sie seufzt vor Zufriedenheit, – fünf ihrer liebsten Freundinnen, alle junge Frauen von Industriellen, alle hell und bunt gekleidet, rascheln durch das Grün daher.

»Nein, aber wie reizend, gnädige Frau! Entzückend! Hoch originell! Ganz apart! Echt wagnerisch romantisch! Oh, gewiß haben Sie auch noch irgendwo einen zahmen Bären? Nein? Wie schade! Na, vielleicht legen Sie ihn sich noch zu, gnädige Frau, würde sich famos machen! Und ein Gelächter! Frau Lina strahlt. Das ist doch Unterhaltungston, eine allgemein menschlich anmutende Sprache! Sie wirft der Prosessorin einen Blick zu, wie: Siehst du? So muß man sprechen! Aber der Ehrengast ist gleichfalls umgewandelt, sie lacht und plaudert, wie eine der andern. »Nicht wahr, es ist doch auch hier ganz nett? bei uns, bei den Barbaren?« Und Frau Jagow blinzelt kokett zu der Professorin hinüber, während sie den Damen die Sitze anweist. »Den Ehrenplatz natürlich für Sie, verehrte gnädige Frau, hier in der Mitte, dem Eingang gegenüber, wenn ich bitten darf. Wir sind Ihnen ja so dankbar, daß Sie unsre Gesellschaft nicht ganz verschmähen, Sie, die Sie in Rom gelebt haben, wo es so ganz, ganz anders ist!« Das Plaudern und Kichern und Nippen und Knabbern ist jetzt im Gange, und auf einmal ist es Frau Lina, die eine Tasse aufheben will, als sei ihr das Handgelenk zerbrochen. Sie hat ja Linita vergessen, das Kind ist noch immer nicht da! Der kleine vogelleichte Elf mit den schwarzen Seidenlöckchen, in die sie selbst vor Stunden, – oder sind es schon Tage? die Rosenschleifchen gebunden hat! Wenn sie wenigstens jetzt noch, in diesem Augenblick mit ihrem Rosenstrauß auftauchte, in dem durchsichtigen weißen Kleidchen, das sie für sie gestickt. »Betta, rücken Sie den Fruchtaufsatz ein klein wenig beiseite, so daß der Blick in den Garten frei ist,« flüstert sie dem bedienenden Mädchen zu, und dann, noch leiser: »Wo in aller Welt ist das Kind? Wo ist Linita?«

Das Mädchen weiß es nicht, hat das Kind den ganzen Nachmittag nicht gesehen. Linita wird bei der Bonne sein, und wo etwa sonst? Aber die Bonne hatte doch bestimmte Vorschriften für heute nachmittag, – so unzuverlässig ist sie doch sonst nicht gewesen. Frau Rodeck Linas Nachbarin, ist ganz verwundert; Lina hat sie schon wieder gefragt, ob ihr Mann den Neubau noch in diesem Sommer beginnt. Frau Jagow wird rot wie ein ertappter Backfisch. »Ach, verzeihen Sie, Liebste, ich bin oft so zerstreut jetzt, – ich wollte etwas ganz andres sagen, – waren Sie in der gemeinnützigen Gesellschaft gestern? Sie auch? Und Sie? Ich war leider verhindert. Erzählen Sie, bitte.« – Lina blickt schnell und fragend das Zimmermädchen an, das neben ihr steht und flüstert: »Ich wollte nur sagen, drinnen wäre die Kleine nicht.« »Und die Bonne?« »Die Bonne sucht sie, gnädige Frau.« Sie fährt zusammen und wendet sich mit einem Ruck nach Betta um. »Rufen Sie die Bonne hierher, – aber ja ganz unauffällig.«

Die Bonne sucht Linita? Was ist das? Was kann denn das sein? Diese Leute! Diese abscheulichen unzuverlässigen Leute, denen man sein Liebstes anvertrauen muß! Ein vierjähriges Kind können sie nicht hüten, nicht einmal, wenn es so folgsam und aufgeweckt ist, wie meine Linita! Süßes kleines Ding, wo es sich wohl versteckt hat? Vielleicht will es von seiner Mama gesucht und gefunden werden, und da sitzt es nun ängstlich klopfenden Herzens und wartet, wartet!

Lina blickt von einem Gesicht zum andern. Alle sprechen, nippen und knabbern, – und sie versteht kaum, was sie sagen, versteht nur, daß sie ihr so gleichgültig sind, so furchtbar gleichgültig. Die Prosessorin mit dem blaßblonden Tituskopf und der Lorgnette, Frau Rodeck deren spitzes Gesicht in den breit einrahmenden Haarwellen so nichtig aussieht, und alle so gemacht, gekünstelt, auf sich selber achtsam, wie vor dem Spiegel, und nicht ein einziges warmes Menschengesicht darunter. Da kommt die Bonne, – ohne das Kind! Frau Lina wird es auf einmal schwindlig, ihr Lächeln verzerrt sich, sie greift nach dem Tischtuch, wie um sich festzuhalten. Ach, Linita, dein Gesichtchen will ich sehend deine süßen Augen, mein einziger Liebling, was gehen mich diese Fremden hier an? Wozu sind sie hier, diese fremden kalten Masken? Warum hindern sie mich, dich, mein Kleinod, zu suchen? Warum ängstige ich mich hier zu Tode? und fürchte mich doch vor diesen Masken, daß ich nicht aufstehen kann?« Wie ist dies unerträglich und unnatürlich! Ein kalter Schauer rinnt der Mutter über den Nacken. »Suchen Sie das Kind!« hat sie der Bonne zugeraunt, und es reißt sie selber, wie mit Armen, aus diesem gleichgültigen Spiel hinaus. Sie krampft mit festem Entschlusse die Hände ineinander. Nein, ich muß mich beherrschen, sie dürfen nichts merken, was würden sie gleich von mir denken! Daß ich keine Ordnung im Hause halte, daß ich eine schlechte Mutter bin, oder eine zu verliebte. – Ganz fern im Garten ruft es: »Linita! Linita!« Und ihr Herz ruft unruhig und sehnsüchtig mit: »Linita! Linita!« Die Damen sind in eifriger Unterhaltung. »Also der Christbaum für die Armenbescherung ist beschlossene Sache. Man muß jetzt nur sehen, daß es auch die rechten, die würdigen Armen sind, die es bekommen.«

»Gewiß, das wird noch Mühe kosten, nicht düpiert zu werden. Einmal fand es sich, daß eine angeblich verschämte Arme bei drei, – sage drei Christbescherungen beschenkt worden war! Denken Sie sich's, meine Damen, die Witwe und sechs Kinder! Das machte ein Loch in drei Bescherungen. So etwas dürfte entschieden nicht wieder vorkommen.«

Frau Jagow schüttelt den Kopf, entrüstet wie die übrigen, aber ihr Kopfschütteln gilt nicht der Witwe nur den sechs Kindern. Sie schließt einen Moment lang die Augen, das wahnsinnige Herzklopfen erstickt sie, sie kann nicht mehr zuhören, sie kann nicht mehr diese verbindlich lächelnden Masken ansehen, sie kann nicht mehr stillsitzen! Wenn das Kind auf die Straße gelaufen ist, wo sich allerlei Gesindel aus der Großstadt umhertreibt – – Sobald der Tee ausgetrunken ist, dann – dann – sag ich's ihnen! Frau Schuldt hat auch Kinder, und Frau Rodeck – dies ist Folter, dies ist mehr, als ein Mensch ertragen kann – –

»Würdige Arme? Gibt es überhaupt welche?« Frau Gerstenberg fragte es zweifelnd, und dann ißt sie eilig ein Goldlöffelchen voll Vanilleeis. »Mein Mann sagt, der Grund der Armut ist immer der Arme selbst. Der eine ist faul, der andre ist Tag für Tag betrunken, der Dritte ist ein Idiot, der Vierte hat eine Horde Kinder, so geht es denn ganz natürlich zu.«

Frau Rodeck legt das winzige Köpfchen zurück. »Sagt mein Mann auch, Liebste. Jeder, der will, sagt mein Mann, kann hinaufkommen.« Und sie wendet sich schmachtend an den Ehrengast: Gönnen Sie uns auch Ihre Meinung, verehrte Frau, oder sind Ihnen unsre gemeinnützigen Bestrebungen – um das verpönte Wort »sozial« zu vermeiden, gänzlich uninteressant?«

Die Prosessorin Reizler tut einige matte, langausholende Fächerschläge. »Gott, meine Damen, ich habe so lange im Auslande gelebt, mich müssen Sie nicht mitzählen. Ich dachte soeben bei mir, da sitzt nun ein Kreis reizend anmutiger junger Frauen und spricht über solche weitabliegende Dinge. All diese pflichtmäßigen Bemühungen um den vierten Stand, – Gott, sie sind ja ganz nett und menschenfreundlich, aber man fragt sich doch unwillkürlich: Werden wir nicht förmlich überwuchert? Verdrängen nicht diese sozialen Begebungen alles Interesse für das Höhere? Man spricht in Deutschland nicht mehr über Kunst, man spricht nur noch übers Proletariat. Überall sind sie, überall machen sie sich breit mit ihrem Elend, ihrem Sittenschmutz, ihren schrecklichen zahllosen Kindern, ihren täglich wachsenden Ansprüchen! Wo soll das hinaus? Mein Mann, Professor Reizler, sagt auch: »Man hat absolut kein Bild davon, wie sich einmal die Zukunft gestalten könnte!«

»Linita! Linita! Linita!« Frau Lina Jagow ist totenbleich vom Tische aufgesprungen, mit fieberhaft glänzenden Augen, in denen Tränen stehen, mit ausgebreiteten Armen eilt sie einer zarten kleinen Kindergestalt entgegen, die fast nackt, mit bloßen Füßchen, über den Rasen dahergehuscht kommt.

Was ist denn das so plötzlich? Die Gäste sind auf einmal wie verwandelt, alle Künstelei von den Gesichtern ist wie mit einer Hand heruntergewischt, – verwundert, lachend, gerührt und nicht verstehend, aber doch fühlend sehen sie die junge Mutter an, die das Kind im Hemdchen so stürmisch an sich gepreßt hält. Alle umringen die beiden. »Ach, die Kleine! das liebe Engelchen ist im Hemdchen? Nimmt sie ein Luftbad? Oder kommst du so grad aus deinem Bettchen gesprungen, süße Linita? Wie die Mutter das Kleine mit ihrem leichten weiten japanischen Ärmel deckt! Es ist ein holdes Schauspiel, sogar für die Dame aus Rom.

Und nun hockt die Mutter mit dem nackten Kindchen im Schoß auf den Rasen nieder, inmitten der Damen. »Linita, was ist dir geschehen, mein Kleinod? Wo ist denn dein weißes Kleidchen, das Mama dir angezogen hat?

Linita hebt den Kopf mit den schwarzen Seidenlöckchen, ein rosa Schleifchen ist noch darin.

»Ausdessogen und tlein Kind dessenkt,« zwitschert Linita lustig.

»Dein Kleidchen, das Mama dir gestickt hat« das hast du ausgezogen und weggeschenkt, Linita?«

»Ja, Mami!«

»Und dein Röckchen? Und das Höschen gar? Wo ist das geblieben?«

»Auch ausdessogen und auch tlein Kind dessenkt, Mami.«

»Wie ist das denkbar? Und die Schuhchen und Strümpfchen?«

»Alles ausdessogen und tlein Kind dessenkt.«

»Lieber Himmel! wo denn, Linita?«

Linita fächelt mit dem Händchen: »Da, auf der Straße, Mami.«

»Hatte das kleine Mädchen denn kein Kleid, Linita?«

»Nein, ganz zerrissenes, smutziges hatte tlein Kind an.«

Die Rufe der Überraschung verstummen, die Frauen, – jetzt sind sie keine Masken mehr, – sehen seltsam bald einander, bald das süße Geschöpfchen an, das stolz und glückselig über sein Abenteuer im Arm der glücklichsten Mutter liegt. Die streichelt die geschmeidigen Gliederchen, die von der Sonne warm und geliebkost sind. Sprechen kann sie nicht, ihr Herz ist so gehoben, so feierlich. Es ist wie ein Gebet, wie die Ahnung von einer fernen wunderschönen verheißungsvollen Zukunft. – »Die Kinder! die Kinder!« murmelt sie mit einem selig-träumerischen Lächeln, und der Widerschein ihres Lächelns horcht und strahlt aus all den Frauengesichtern, die ihr zusehen. »Die Kinder! die Kinder!« Vielleicht ist dies die Antwort auf alle Fragen?

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