A. Marilotti - Frühlings-Veilchen

Eduard Manet - Veilchenstrauss
A. Marilotti - Frühlings-Veilchen

Novelle

Die Emancipation, Zeitschrift für Frauen, 1.Jg., Nr.3,4, 1875



Wie sie sich doch bemüht, die junge und alte Armut ihre Waare an den Mann zu bringen!
Und so kunstvoll und schön diese Waare ist, so billig ist sie auch; sie besteht ja nur in bescheidenen Märzveilchen die zu Weinen Sträußchen gebunden, auf den belebtesten Straßen den Vorübergehenden angeboten werden.
Hier läuft ein Mädchen mit den mit Veilchen gefüllten kleinen Körbchen einer geputzten alten Dame nach; dort lauft ein barfüßiger Junge vor einem jungen Herrn her und hält ihm seinen mit Veilchen belegten Teller nur allzukühn unter die Nase mit dem monotonen Kufe: »Veilchen! Schöne Veilchen! Billige Veilchen!«
Aber die alte geputzte Dame geht weiter, ohne die kleine Verkäuferin eines Wortes zu würdigen und ruft ihrem »Azorl,« »Karo«, »Mylord«, ein »Schön herein da!« zu, denn die drei Köter haben sich energisch um das nachlaufende Mädchen gruppirt, um im Notfalle ihre liebende Herrin durch markdurchdringendes Gekläffe zu vertheidigen.
Der junge Herr hat zu große Eile, als daß er jetzt daran denken könnte, Veilchen zu kaufen und so fertigt er den Knaben mit einem verächtlichen Blicke und einem »Marsch, zudringliches Lumpenvolk!« ab und eilt weiter, während sein ganzes Sinnen jetzt nur dahin geht, die schlanke Blondine mit dem blauen Kleide und der reizenden Taille nicht aus den Augen zu verlieren, der junge Herr hat auch Recht, wenn er diese Leute zudringlich nennt.
Mit ihrem Rennen und Rufen zerstören und verwirren sie die Gedanken eines Philosophen, der grade den Kostenüberschlag eines billigen Mittagessens macht; die Gedanken eines wohlbeleibten Geldbarons, der sich berechnet, wie lange er noch leben und wie reich er sterben könnte; die Gedanken eines Unterbeamten, der seiner Frau zu ihrem Geburtsfeste ein neues Kleid kaufen will, aber kein Geld dazu hat; kurz – da werden seichte und tiefe, reale und ideale Gedanken zerstört, ohne daß auf die jeweiligen Besitzer derselben von dem zudringlichen Volke Rücksicht genommen würde. Von diesen Handelsleuten in Veilchen wird Niemand verschont.
Wir müssen den Kindern ihre Zudringlichkeit denn doch verzeihen oder mindestens ein wenig nachsehen, denn sie haben gar oft von ihren Eltern (seien es nun die Leiblichen oder Zieheltern) den strengen Befehl, erst dann nach Hause zurückzukehren, nachdem sie alle Waare in Geld verwandelt. Lassen wir aber die Verkäufer und die Nichtkäufer ungeschoren und sehen wir uns nach Jemanden um, der sich herbeiläßt zu kaufen.
Da kommt eben ein mildthätiger Herr, der sich von dem Jungen überreden läßt, ein Sträußchen zu kaufen.
Vielleicht dauert ihn der barfüßige Knabe mehr, als der stelzfüßige Bettler, an dem er kurz vorher vorübergegangen, wenn auch mit mitleidigem Blicke, so doch ohne mitleidige Hand.
Der Stelzfuß ist ja das Fechten gewohnt; in der Jugend focht er für Gott, Fürst und Vaterland, im Alter fleht er für sich selbst. Dann fühlt er in seinen hölzernen Beinen auch nicht die heimtückische Frühjahrskälte – aber der barfüßige Junge spürt sie gewiß empfindlich. Also da heißt es das Mitleid an rechter Zeit anwenden – und dort, wo es nicht umsonst angewandt wird.
»Na, Junge,« sagt der feine Herr mit gnädiger Miene »kannst mir so ein Sträußchen geben.«
Der läßt sich das nicht zweimal sagen und sucht für den Herrn das schönste Büschchen heraus, das er ihm freudig lächelnd präsentirt.
»Da hast Du Bursche!« sagte er weiter und gibt dem Knaben ein größeres Geldstück, das dieser nimmt und, weil der Herr wartet, bis zum letzten Kreuzer wechselt, nachdem er sich den Wert des Büschchens zurückbehalten.
Der mitleidige Herr nimmt das Geld, steckt es in die Tasche und das Sträußchen in das oberste Knopfloch und geht weiter im stolzen Bewußtsein, ein schönes Werk verübt und sich was schönes und billiges gekauft zu haben; was kümmerts ihn, daß ihm der freche Junge mit aufgerissenen Augen nachschaut und dann altklug lachend dem Mädchen seine Einnahmen zeigt und dabei Worte wie »Knauser«, »Geizhals« fallen läßt! Was er gekauft, hat er genau bezahlt und mehr kann Niemand verlangen.
Nun wollen wir dem Herrn folgen und sehen, ob er noch ähnliche gute Werke verübt und wie es dem Sträußchen ergeht.
Betrachten wir ersteren ein wenig. Der mildthätige Herr ist wirklich ganz fein; seine Kleidung ist ohne Fehl und Tadel, nach dem neuesten Schnitt und läßt in keiner Beziehung etwas zu wünschen übrig.
Er hat wohl schon manches graue Haar, aber seine Haltung, sein Gang ist jugendlich und, ob erzwungen oder nicht, elastisch.
So mancher plumpe Liebhaber könnte ihm den schmachtenden Blick ablernen, den dieser den Schönen zuzuwerfen versteht. Daß in seinem Auge Feuer liegt, kann Niemand in Abrede stellen, denn manche der jungen Damen, die er durch seinen Monocle anstarrt, schlägt verschämt den Blick zu Boden, um dem Faunenhblick des alten Gecken nicht mehr zu begegnen.
Die Boshaften und weniger Verschämten beantworten seinen Blick mit verächtlichem, spöttischem Lächeln; die Mehrzahl jedoch ermutigt ihn mit bedeutungsvollem Augenzwinkern.
Je größer die Auswahl, desto wählerischer der Geschmack. Und so ist es auch bei unserm alten Gecken.
Gaffend schlendert er weiter, von Zeit zu Zeit seinen Monocle richtend oder mit dem silbernen Knopfe seines Spazierstockes den wolgepflegten Schnurbart betastend.
Da kommt eine junge Dame, gerade gegen ihn zu, Ihre Gestalt ist schlank, ihre Taille eng, ihr Köpfchen von Locken umrahmt. Der schwarze Schleier über ihrem blaßen Gesicht hebt den Teint desselben schmeichelhaft hervor und das dunkle Auge leuchtet darunter gleich einer glühenden Kohle.
Beim Anblick eines solchen Wesens kann doch nichts, was Mann heißt, unempfindlich bleiben und am wenigsten ein Galan, wie der unserige, der nebenbei gesagt, die junge Dame schon ziemlich lange kennt.
Ist's also zu verwundern, daß sich die Beiden recht herzlich begrüßen und vertraut lächelnd die Hand schütteln ?
Keineswegs!
O mancher Andere möchte gewiß gerne an der Stelle des alten Veilchenbesitzers sein, um dem graziösen Mädchen ihr Händchen drücken und mit ihr die Visitkarte tauschen zu dürfen!
Sie ist in der That reizend. Nicht nur nach Außen, sondern auch Innen. Sie schwärmt für die Emancipation und ist dabei doch so selbstlos, daß sie auch andern Leuten den Egoismus aus dem Sinne schlägt.
Ihr Princip ist Liebe.
Sie liebt Alle, die sich ihr mit voller Hand nähern und bedauert, daß es so Viele nicht können; dasselbe gilt von Denen, die sie lieben wollen. Wenn ich sie schon nicht philantropisch nennen will (aus dem einfachen Grunde, weil ich nicht kann) so muß ich sie doch kosmo-erotisch nennen.
Unser mitleidiger und mildthätiger Herr reicht ihr nach längerem Hin- und Herreden galant den rechten Arm, den die reizende Fee mit einem vielsagenden Lächeln annimmt. Sie brauchen übrigens nicht lange den ungesunden Straßenstaub einathmen, denn bald sind sie vor dem Hause, in dem sich das Eldorado der Fee befindet.
»Theurer Freund,« spricht sie mit überzeugender Stimme, »Sie werden mich doch besuchen!«
»Wenn ich Ihnen nicht lästig falle, liebstes Fräulein, – ich werde mir eine Ehre, ein Vergnügen daraus machen.« Und beide steigen die Treppe hinauf, die Thüre des Zimmérs öffnet sich, nachdem man gepocht, und beweist, daß sie gegen mildthätige Herren nicht weniger gastlich ist, als gegen – so viele, viele andere junge und alte Herren.
»Sie speisen heute bei mir, lieber Freund, sonst werde ich böse.«
»Nicht doch, schönstes Mädchen! Ich bleibe ja gerne bei Dir, aber sprich, mich nicht immer mit dem kalten Sie an.«
»Du bleibst also. Nun, lege ab, sonst sieht es aus, als ob Du schon wieder im Begriffe zu gehen wärest.«
Er legt seinen Hut und Überrock bei Seite und während sie gegangen ist, sich umzukleiden und in die Küche zu sehen, besieht er sich mehrere Albums, in denen sonderbarer Weise nur Photographien von Männern sind, von denen er gar viele kennen will; die Bilder an der Wand ihres Boudoirs kennt er ohnehin, aber trotzdem verschmäht er es nicht, durch das Beschauen derselben seine Sinne zu kitzeln.
Unterdessen kommt die Freundin zurück, Ihr Gewand von ehedem hat sie mit dem leichten Hauskleid vertauscht, das den Schwanenhals frei läßt, den die langen dunkeln Locken umspielen.
Der Hausfreund ist entzückt von ihren Reizen und wagt es, einen Kuß auf ihre knospenden Lippen zu drücken. Aber sie verweist ihm das mit dem Bemerken, daß dazu auch nach dem Diner noch Zeit wäre.
Man plaudert also über – alles Mögliche, bis der Freund den Vorschlag macht, Champagner holen zu lassen. Sie ruft einen dienstbaren Geist, er giebt diesem das nötige Geld und bald ist das Verlangte da.
Das Mittagmahl wird aufgetragen, die Freundin legt dem Freunde vor, schenkt ihm ein, kurz, sie thut ihm alles, ohne dabei sich selbst zu vergessen.
Man ißt, trinkt, lacht, spricht, scherzt. Nun läßt sie abtragen, denn sie liebt auch Ordnung; nur der Wein bleibt, damit man die Gläser noch recht oft füllen und leeren kann. Die Stimmung der Beiden wird allgemach poetischer und erhobener, ja, ihre Augen sind schon so unsicher, daß sie die gemalten Bilder wie bewegt sehen. Sie wollten darauf schwören, daß die Venus den Adonis wirklich küßt, obwol es nur Gemälde ist.
Was Götter thun, können auch Menschen thun. Erst ahmen sie das Bild nach, dann übertreffen sie es – weil er kein schüchterner Adonis ist – und beide genießen des Kußes wonnige Innigkeit.
Wir wollen sie nicht stören und warten, bis sie aus ihrem Sinnenrausch erwacht sind.
Erst spät Nachmittags schickt sich der liebe alte Freund an, die Geliebte zu verlassen.
Daß er ihr ein Geschenk verehrt, das läßt sich denken, – aber was es ist, um das kümmern wir uns nicht.
Schon ist er im Begriffe, von ihr Abschied zu nehmen, da fällt ihr das Veilchenbouquet in's Auge und sogleich hält sie ihn mit der Bitte zurück, ihr auch das zu geben.
Er kann ihrem reizenden Flehen um eine solche Kleinigkeit nicht widerstehen und reicht es ihren rosigen Fingern hin, die sich schon gierig darnach ausstrecken.
»Adieu, mon cher ami.«
»Lebe wol, mein süßes Täubchen.«
Die Thüre öffnet sich und hinaus tritt der alte Roué, den wir nicht weiter begleiten wollen.
Wir bleiben lieber da, wo die Veilchen sind und wo die Liebe waltet.
Mit höhnisch aufgeworfener Lippe wirft sich die reizende Schöne auf das rote damast'ne Sopha und belächelt den blöden Raffinismus des alten Roné.
Ihre zarten Rosenflnger spielen mit dem Veilchenbouquet und ihr dunkles Glutauge blickt gar oft und mit beinahe fieberischer Ungeduld auf die kleine Tapetenthüre.
Die personifizirte Liebe erwartet ja noch ein Opfer ihres Begriffes.
Endlich erscheint dasselbe in Gestalt eines hübschen jungen Mannes, der unter der leise geöffneten Thüre stehen bleibt und die moderne Theodota mit lüsternem Auge betrachtet.
Er muß schon sehr bekannt sein in diesem Hause, da ihm weder Küchenmagd, noch Stubenkätzchen den Eintritt in das Heiligtum ihrer Herrin verwehren, sondern unangemeldet einlassen; sie wissen ja auch, daß die vielgeliebte Herrin jetzt allein ist.
Das Auge der Vielgeliebten richtet sich wieder auf die Thüre und erblickt den Heissersehnten.
Sie springt auf und ihm entgegen.
Er ermannt sich ebenfalls und – die Liebenden liegen sich in den Armen, um den Willkommkuß zu tauschen.
Auf die Einzelheiten dieses tête-à-tête will ich mich nicht einlassen, es wäre denn andeutungsweise.
»Schönstes Mädchen, süßer Engel« wechselt mit »Liebster Mann, mein theurer Geliebter« und das andere entspricht ganz dem früher besprochenen Diner – nur hei0t es jetzt Souper.
Der Champagner ist feurig, die Leutchen sind jung und ihre Liebe ist beides. Keines der Beiden geizt mit seinen Liebesbezeugungen und dadurch entsteht die höchst vollendete Harmonie.
Endlich weckt ihn der dumpfe Schlag der Pendule aus seinem Wahne. Er reißt sich los aus den geliebten wollüstigen Armen, nimmt Hut, Stock und Überrock und empfiehlt sich für ein anderesmal.
Für das schöne Armband, das er ihr verehrt, empfängt er nochmals einen innigen Kuß und das – Veilchenbouquet.
»Adieu, süßes Mädchen!«
»Auf Wiedersehen, theurer Geliebter!«
Und fort eilt er, hinaus in den dunklen Frühlingsabend.
Wir folgen ihm und lassen die reizende Vielgeliebte in ihrem Boudoir zurück, da sie möglicherweise Betrachtungen anstellen könnte über Selbstlosigkeit und Allerweltsliebe.
Wohin wird wol der junge Mann mit dem Veilchenbouquet seine Schritte lenken, da er so hastig eilt, als ob er nichts versäumen dürfte ?
Er hat doch kein Rendezvous – und wenn schon das der Fall ist, so doch kein galantes!
Und doch ist letzteres der Fall.
Er lag eben in den Armen der profanen Liebe und nun eilt er in die der heiligen Liebe – zu seinem Liebchen.
Wie dieses schon sehnsüchtig seiner harrt! Vater und Mutter sind heute abwesend und die Dienstleute – hm, die stecken mit dem Töchterchen unter einer Decke und verraten nichts, damit auch sie nicht verraten werden können. Wenn die Katze fort ist u. s. w. – kurz das Töchterchen beugt sich, ein über das anderemal zum Fenster hinaus, um den Heißgeliebten kommen zu sehen.
Da biegt ein junger Mann um die nächste Straßeneeke, ein Stöckchen in der Hand, ein Veilchensträußchen im Knopfloch; er sieht zu ihr hinauf – er ist es.
Mit einigen wenigen Sätzen ist er über der Stiege, gleich darauf in der Antichambre und kaum hat er diese verlassen, als er dem unschuldigen Engel in den reizenden Lilienarmen liegt.
Die Geliebte stellt sich wol ein wenig schmollend, daß er auf sich so lange warten ließ, aber ein routinirter Liebhaber, wie er, muß es meisterlich verstehen, das leiseste Wölkchen aus dem holden Gesichte zu bannen und in liebreizendes Lächeln zu verwandeln, Und schließlich gleicht ja ein liebender Kuß alles aus.
Er erzählt ihr gar hübsche Dinge, sie hört andächtig zu und lächelt ihm Beifall. Das arme Kind bemerkt gar nicht, wie seine Worte immer zweideutiger, seine Liebkosungen feuriger und unzweideutiger werden. Er spricht von diesem und jenem, unter andern von Mädchenreizen und günstiger Gelegenheit – und sie lehnt in liebevoller Hingebung ihr Köpfchen an seine Brust.
Aber das viele Reden ermüdet und so kost und küsst man sich immer schweigender, immer inniger, bis –
Die Gelegenheit war ja zu günstig, seine Worte zu überzeugend, als daß man sich noch hätte besinnen können. Die Unschuld floh im seligen Liebestaumel – und beide haben genug.
Sie schämt sich freilich, da er von ihr wieder Abschied nimmt, das schöne Auge frei zu erheben wie früher, aber ihre Liebe ist jetzt inniger und sie glaubt es auch von ihm, denn er schwört ihr Treue bei den treuen Veilchen und steckt diese an ihre knospende Brust.
Ob er den Schwur gehalten?
Aber sie hat das kleine Veilchensträußlein, den stummen Zeugen der höchsten Lust, gar oft an die Rosenlippen gedrückt, bis die zarten Blümchen endlich ganz eingedorrt waren. Sie betrachtet es oft in ihrem Blumenalbum, wo es den ersten Platz einnimmt – und vielleicht läßt sie auch Thränen darauf fallen.
Wenn das Sträußchen sprechen könnte!

Beliebte Posts aus diesem Blog

Julius Stinde - Toilette für das Mikroskop

Vegan - Kurzgeschichten, Gedichte, Lieder

Selma Lagerlöf - Im Gerichtssaal