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Es werden Posts vom Dezember, 2010 angezeigt.

Alfred Lichtenstein - Der Selbstmord des Zöglings Müller

Ein Herr Ludwig Lenzlicht war Erzieher und Hauslehrer in einer Anstalt für psychopathische Kinder. Er wurde immer »Herr Kandidat« gerufen. Er war bartlos wie ein Schauspieler, auch sprach er so. Meist trug er eine strenge scharfe Maske auf dem Gesicht.
Dieser Herr Lenzlicht fand zwei Tage nach der Beerdigung des Zöglings Martin Müller (der hatte sich vorher mit den Strümpfen der Erzieherin Nora Neumann an dem Fensterriegel einer Bodenluke erhängt) in einem dunklen Winkel seines Pultes ein Schreibheft. Er nahm es heraus. Und sah es an. Auf dem Etikett war zu lesen: Dieses Werk widmet Martin Müller den neuen Primitiven. Auf der ersten Seite war zu lesen: Lieber Lenzlicht, Sie sind der einzige von den Imbezillen der Anstalt, dem ich etwas Verständnis für die Betrachtungen zutraue, die ich hier niedergeschrieben habe. Doch daß auch Sie an meiner Persönlichkeit, ohne deren Kulturkraft zu fühlen, wie an einem leeren Gesicht vorbeigerannt sind, armer Blinder, wird Ihnen die Lektüre beweisen. …

Alfred Lichtenstein - Die Familie

Die Familie

Die Familie kommt in jedem Monat einmal zusammen. Die Frauen mit den Kindern treffen sich schon nachmittags.
Der Kaffee ist ausgetrunken. Die Kinder sind fortgeschickt. Sollen spielen. Müssen nicht alles hören.
Die Frauen aber flüstern. Sie haben mitleidige Gesichter. Sie sprechen von einem, der sehr krank ist.
Wenn es dämmrig wird, erzählen sie über Geistergeschichten und wunderbare Heilungen. Sie fürchten sich. Rufen die Kinder. Drücken die Kinder an die Brust.
Dann wird Obst gegessen.
Kommen die Männer. Gespräche über Haartrachten, über Geschäfte. Und so weiter. Die Unterhaltung geht ruckweise. Bleibt immer plötzlich stehen wie eine defekte Uhr. Furcht, sie werde ganz aufhören. Ein junges Mädchen wird rot —
Aber einmal schweigt alles. Man glaubt zu ersticken. Fühlt sich unsicher wie in einer Schaukel, hilflos wie in einer Rutschbahn ... kommt sich lächerlich vor. Man hört, wie der Wind um die Dächer fegt. Regen schlägt an die grauen Fenster.
Immer noch Schweigen.
Da —
Ob es so sc…

Alfred Lichtenstein - Das Fragment

Das Fragment

Ich liebe die toten Tage. Die haben kein Leuchten, sie sind ohne Farben und ganz sehnsüchtig. Die Häuser stehen wie Kulissen vor der grauen Wolke, die Menschen geben wie in dem Lichtspiel: wenn der Abend wird, nicht anders, als sie in der Frühe gingen. Alle Dinge sind wuchtiger. Und meine Kammer sieht aus, wie wenn eben einer darin gestorben wäre.
So oft diese Tage sind, wächst in mir unwillkürlich eine sinnlose Lust an der Arbeit. Ich tue die alltäglichen Verrichtungen, als wäre Gottesdienst, was ich tue. Und ich verliere mich dabei. Fast wie die Träumenden sich verloren haben. Aber einmal merke ich, daß ich reglos geworden bin und nach innen starre.
Ich werde sehr wach davon, und ich kann mich nicht mehr hingeben. Ich gehe zu dem Fenster, da sind wunderliche Gedanken. Die waren sonst nur in Nächten.
Ich fühle mich fremd bei allen Dingen. Sie drängen auf mich ein, als kennten sie mich nicht: die Straße und die Menschen und die Türen in den Häusern und die tausend Bewegungen.…

Alfred Lichtenstein - Mabel Meier

Mabel Meier

Es war spät. Häufig hörte ich die Geräusche von Fahrzeugen. In Abständen sah ich Leute. An einer Ecke standen zwei, die ... schämten sich, als ich nahe war.
Mädchen kamen, die sich verspätet hatten. Wenige, die Geld verdienen wollten. Ich sah die lange Dirne, die sich jeden Abend hier herumtreibt. Ich erkannte sie an dem Unterrock.
Ein Kriminalbeamter beobachtete mich. Vor mir lief eine Frau, die blieb oft stehen und heulte.
Ich dachte nicht nach. Ich blickte zu den Sternen und fand keinen Wunsch. Ich betrachtete mich gleichgültig wie einen fremden Gegenstand. Ich schüttelte den Kopf, daß der alte Mann so spät allein geht ... Und zu den Sternen murmelt ... Und so sonderbar ist ...
Ich begegnete einer Dame, die sagte: »Au—« Ich sagte: »Darf ich Sie begleiten?« Die Dame sagte: »Bitte.« — Es war ziemlich dunkel.
Wir gingen miteinander; die Dame erzählte, sie heiße Meier, der Rufname sei aber Mabel. Sie wohne bei Verwandten, die hätten eine Portierstelle. Im übrigen sei sie Choristi…

Alfred Lichtenstein - Kuno Kohn

Kuno Kohn

Seit einem halben Jahr wohne ich in dem Haus. Von den Bewohnern hat noch niemand etwas bemerkt. Ich bin vorsichtig.
Das weiße Kostüm bringt mir Glück. Ich verdiene genug. Und habe angefangen zu sparen; denn ich fühle, daß die Kräfte nachlassen. Häufig, bin ich matt, manchmal habe ich Schmerzen. Auch werde ich dick und alt. Ich schminke mich nicht gern — — —
Ich stehe nicht mehr unter Kontrolle. Kuno Kohn hat mich frei gemacht. Ich bin ihm dankbar.
Kuno Kohn ist häßlich, er hat einen Buckel. Das Haar ist messingfarben, das Gesicht ist bartlos und von Furchen rissig. Die Augen sehen alt aus, um sie sind Schatten. Am Hals beginnt eine Narbe wie eine Regenrinne. Das eine Bein ist angeschwollen. Kuno Kohn hat einmal gesagt, daß er Knochenfraß habe.
Sonderbar ist die erste Begegnung gewesen:
Es regnete. Die Straßen waren naß und schmutzig. Ich stand an einer Laterne und blickte auf die angespritzten Kleider. Wenn Wind kam, fröstelte ich. Die Füße schmerzten von den Schuhen.
Selten ging w…

Alfred Lichtenstein - Leopold Lehmann

Leopold Lehmann

Ich bin Beamter einer Bank. Da ich keine Protektion habe, auch nicht ungewöhnlich tüchtig bin, komme ich nicht vorwärts. Ich bearbeite seit mehr als dreißig Jahren in derselben Abteilung dieselben Buchstaben. Deshalb hält man mich für gewissenhaft.
Seit einem halben Jahre habe ich einen neuen Assistenten. Der heißt Leopold Lehmann. Er weiß alles besser als ich. Er ist der Neffe des stellvertretenden Direktors. Er nennt sich Volontär. Er hört sich gern reden. Am liebsten spricht er von sich. Daher kenne ich seinen Lebenslauf.
Leopold Lehmann ist, wie er hervorhebt, eine ungeschickt ausgeführte Zangengeburt. Der Kopf ist nudelförmig deformiert. Die Nase auch. Er hat die üblichen Krankheiten durchgemacht. Er erfreut sich einer komplizierten Lues. Sie hat in den Körper Lehmanns faustgroße Löcher gefressen.
Leopold Lehmann will die Tätigkeit in der Bank aufgeben, Theologie studieren. Daß er schon gekündigt hat, glaube ich.
Lehmann verkehrt ausschließlich mit Theologen und mit mi…

Alfred Lichtenstein - Siegmund Simon

Siegmund Simon

Neun Ärzte behaupten, daß Samuel Simon an Wahnvorstellungen leide. Ich füge mich.
Seit neunundzwanzig Jahren bin ich in der Anstalt. Man ist freundlich zu mir. Ich kann tun und lassen, was ich will. Wenn es warm ist, gehe ich im Garten und horche, wie die Stunden sterben. Wenn es kalt ist, sitze ich am Fenster und sinne in den Himmel. Oft schaue ich den Leuten zu, wenn sie rufen oder arbeiten oder traurig sind ... Ich bin froh, daß ich fern bin. Ich entbehre nicht das Leben. Ich bin zufrieden, wenn man mir nichts tut und nichts von mir will. Ich beneide nicht die Menschen.
Neunmal in jedem Jahr bringt meine bleiche Frau Blumen. Mein Sohn Siegmund kommt niemals. Zuletzt habe ich ihn gesehen, als ich begraben wurde. An meinem neunundvierzigsten Geburtstag —
Ich lag in einem schmucklosen Holzsarg. Man fuhr mich auf einem wagenartigen Gestell. Neben mir schritten neun schwarzgekleidete Sargträger. Hinter mir der Pastor Leopold Lehmann, an seiner Seite meine Frau Frieda und mein…

Alfred Lichtenstein - Mieze Maier

Mieze Maier

Ich besuche noch das Gymnasium, doch interessiere ich mich mehr für Theater und Literatur. Ich lese Wedekind, Rilke und andere. Auch Goethe. Schiller und George mag ich nicht.
Meine Freundin heißt Mieze Maier. Sie bewohnt mit ihrer Gesellschafterin eine elegante Vierzimmerwohnung, denn ihr Vater, Markus Maier, hat ihr viel Geld hinterlassen. Ihre Mutter ist vor zehn Jahren den Folgen einer Unterleibsoperation erlegen. Ihre Mutter soll schön gewesen sein.
Mieze Maier ist erst kürzlich sechzehn Jahre alt geworden. Ihr Geburtstag wurde sehr gefeiert. Viele hübsche und lasterhafte Mädchen und eine Anzahl junger Männer waren geladen. Man war sehr frivol. Man flüsterte einander ins Ohr, daß Mieze jetzt sechzehn Jahre alt sei. Dabei lächelte man ...
Mieze Maier ist schön. Auch klug. Auch talentiert. Sehr kokett. Raffiniert anmutig. Zeitweise unglücklich. Versteht es, viele Männer krank zu machen, daß sie Trauer in den Augen tragen, wenn sie wach sind, und ein Lächeln um die Lippen ha…

Alfred Lichtenstein - Konrad Krause

Konrad Krause
Nicht einmal in der Nacht habe ich hier Ruhe. Häufig reißt mich eine Hand von dem Schlaf oder ein Wort. Weil alles finster ist, weiß ich oft am Morgen noch nicht, wer bei mir war.
Ich muß früh aufstehen, um die Kleider zu säubern und die Stiefel zu reinigen. Die Glieder sind schwer, und die Augen haben noch die ganze Müdigkeit. Doch die jungen Herren sind hart, wenn ich etwas versäume, und grausam. Nachts aber sind sie freundlich und streicheln mich wie eine vornehme Dame.
Nur der alte Herr Konrad Krause ist auch am Tage gut. Wenn er Wünsche hat, spricht er, ohne mich zu beschämen; und in dem Klang der Stimme ist, was mich froh macht. Er duldet nicht, daß in seiner Gegen¬wart häßlich von mir geredet wird. Ich habe ihn gern.
Neulich lachte ich über ihn. Ich wurde durch Geräusche geweckt, die kamen von dem Gang vor meiner Kammer. Da war ein Gespräch. Ich fand zwei Stimmen: Eine verlor ich viel, da sie flüsterte; wenn ich sie fing, war sie jung und roh. Eine griff ich, ohne zu …

Erich von Mendelssohn - Juliana (Fragment)

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Das blendende Weiß auf den Türmen und Mauern der Stadt gewann schon den rötlichen Schimmer, und noch immer war das Ende des Zuges nicht zu erblicken. Da sprang der Königssohn von seinem Thronsitz auf und rief:
»Ich sandte euch aus, um die fernsten Länder zu durchziehen und alle Schätze der Erde vor meinen Füßen niederzulegen. Wohl rinnt Stunde für Stunde der Zug an mir vorbei; ich sehe Gold und Juwelen und seltsame Tiere. Doch mich ekelt der Menge, die sich selbst des Wertes beraubt. Anderes erträumte sich meine Sehnsucht.«
Da bargen die Diener ihr Antlitz in den Staub und sprachen:
»Herr der Welt! Nicht sind es Sklaven, die jene Schätze tragen. Könige sind es fremder Reiche, die mit nackten Füßen durch die Wüste hergezogen kamen, um deine Knechte zu sein. Nie genoß ein Herrscher größeres Glück.«
Und der Königssohn senkte den Blick und sprach mit leiser Stimme:
»Wohl weiß ich, daß das Ziel die Sehnsucht tötet. Doch klang in manchen Nächten eine Stimme und redete ohne Worte zu mir von einer…

Agnes Günther - Waldweihnacht

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Zum 22. Dezember 2010


Ein dichter Nebel lag drei Tage über dem Waldland, dann kam die scharfe Kälte, und nun hat der Wald sein schönstes Weihnachtskleid angezogen. Wie feierliche Kandelaber sind die alten Schirmtannen, die oben auf der freien Höhe stehen, nur daß sie ihren Kerzenschmuck nach unten hängen. Tief bis auf den Boden senken sich ihre Äste unter der schweren Last, die nun ein heimliches Nest bilden, von dem man sich denken möchte, daß darunter irgend ein frierendes Häslein oder Reh ein Obdach fände. Die Birken sind mit tausend und aber tausend Kristallperlen behangen, und an ihr feines Gefieder hat sich der Rauhreif angesetzt, wo ein Blattknöspchen auf den kommenden Frühling wartet, daß es läßt, als wollte der Baum mitten im Winter seinen Mai haben, aber einen silbernen. Jedes Möslein am Weg, der Dornstrauch dort, aus dessen kristallenem Gezweig noch die roten Beeren hervorleuchten, alle haben sich in köstliche Festgewänder geworfen. Wie zierlich und fein steht der Distel ihr…