Donnerstag, 30. Dezember 2010

Alfred Lichtenstein - Der Selbstmord des Zöglings Müller

Ein Herr Ludwig Lenzlicht war Erzieher und Hauslehrer in einer Anstalt für psychopathische Kinder. Er wurde immer »Herr Kandidat« gerufen. Er war bartlos wie ein Schauspieler, auch sprach er so. Meist trug er eine strenge scharfe Maske auf dem Gesicht.
Dieser Herr Lenzlicht fand zwei Tage nach der Beerdigung des Zöglings Martin Müller (der hatte sich vorher mit den Strümpfen der Erzieherin Nora Neumann an dem Fensterriegel einer Bodenluke erhängt) in einem dunklen Winkel seines Pultes ein Schreibheft. Er nahm es heraus. Und sah es an. Auf dem Etikett war zu lesen: Dieses Werk widmet Martin Müller den neuen Primitiven. Auf der ersten Seite war zu lesen: Lieber Lenzlicht, Sie sind der einzige von den Imbezillen der Anstalt, dem ich etwas Verständnis für die Betrachtungen zutraue, die ich hier niedergeschrieben habe. Doch daß auch Sie an meiner Persönlichkeit, ohne deren Kulturkraft zu fühlen, wie an einem leeren Gesicht vorbeigerannt sind, armer Blinder, wird Ihnen die Lektüre beweisen. Vielleicht werden Sie halbhell. (Dann wären Sie ein Glücklicher zu nennen.) Ich werde mich jetzt in der Dachluke zerstören, ein Einsamer in der Erkenntnis. Mein Werk wird dauern. Martin Müller.
Herr Lenzlicht wunderte sich, als er die Sätze las. Nachher dachte er über Größenvorstellungen bei Knaben. Er war nicht lustig und nicht traurig, aber er sah finster aus. Das Denken war ihm keine Leidenschaft, deshalb las er bald weiter.
Auf den nächsten Seiten waren einige Abhandlungen über den Wert der Kunst geschrieben, über ihre Zukunft, über die Wechselwirkung der einzelnen Künste, über die Architektur des literarischen Stils, über die neuen Primitiven, die, von Müller ausgehend, eine siegessichere Revolution in dem Kunstleben herbeiführen würden. Die Abhandlungen füllten das Heft fast. Herr Lenzlicht las sie ohne regere Anteilnahme, oft überblätterte er Seiten.
Der letzte Aufsatz des Heftes schien ihn mehr zu interessieren. Die Augen waren weit, sie klammerten sich an die Schriftzeichen. Auch hielt er das Papier wie ein Kurzsichtiger; und mit beiden Händen. Manchmal sprach er etwas Undeutliches. Oder er lachte, ohne es zu wissen. Oder er lachte, wie einer Donnerwetter sagt. Oder er ließ die Zunge aus dem Mund hängen. In dem Heft war zu lesen:
Ich sitze an dem Arbeitstisch und träume, was dem guten Lenzlicht bedenklich erscheinen würde: Die Jungen dürfen nicht träumen. Und dem Lenzlicht ist schon aufgefallen, daß die Haut um meine Augen wie Asche geworden ist. Er sagt häufig mit sonderbarer Betonung: ob ich denn schlecht schlafe, ich sähe so komisch aus. Einmal wurde ich ärgerlich, ich sagte: »Sie auch, Herr Kandidat.« Verlegen lächelnd schlug er mich blutig.
Ich mußte das Schreiben unterbrechen, weil Fräulein Neumann hineinkam. Sie hat heute bunte Beine mit Lackschuhen, das reizt mich. Ich hatte mir zwar vorgenommen, sie nicht mehr zu beachten ... Sie hat sich neulich so prüde gezeigt ... Sie war nachmittags in die Stadt gefahren. Sie kam spät zurück. Ich begegnete ihr auf der Treppe. Sie riß sich aber los. Und sagte erregt: »Bett ist Bett.« Und ging in ihre Stube. In den folgenden Tagen sah ich sie nicht. Der Hausdiener Hermann sagte, sie müsse das Zimmer hüten. Ich fragte, warum. —Er sagte, sie habe sich verlobt. Er schmunzelte.
Mir sind die erotischen Unterhaltungen allmählich ein Greuel geworden. Immer versuche ich, frei zu werden. Es gelingt selten. Ich weiß, daß ein begreifendes Weib mich erlösen kann. Hier gibt es das nicht: Fräulein Neumann ist ein albernes junges Ding von achtundzwanzig Jahren. Die Köchin ist ein unreifes Schwein. Das Stubenmädchen Minna ist hochmütig, sie ist ohne Grund unzugänglich. In Betracht käme vielleicht die Leiterin, Doktor Mondmilch; aber wenn ich einmal versuche, ihr meine Leiden und Schönheiten in ernster Unterhaltung verständlich zu machen, sehnsüchtig auf ihre Augen schaue, mich ihr gebe ... ist sie fremd, macht Notizen, hat geheime Unterredungen mit Lenzlicht, verordnet mir Beruhigungsmittel. Sie ist sehr brutal, ich glaube zuweilen: sie liebt mich heimlich. Sie scheint unglücklich zu sein, ich habe sie gern. —
Gestern konnte ich nicht weiterschreiben, weil der fette Idiot Backberg mich zu Tisch rief. Ich sitze neben der Russin Recha. Die kneift mich gern in die Beine; sie sagt, ich sei zu dick. Den langen Lehkind küßt sie, weil er wie ein Skelett aussieht. Überhaupt vertrage ich mich mit den Viechern, die man hier zusammengebracht hat, nicht. Täglich ist Ärger. Besonders der überaus kleine siebenjährige Max Mechenmal — übrigens ein außergewöhnlich unbedeutender Mensch — macht mir viel zu schaffen. Er mag mich nicht, weil er meine Überlegenheit fühlt; er versucht auf jede Weise, mich unmöglich zu machen. Er ist hinterlistig und feig. Niemand findet ihn nett. Er tut nichts lieber, als uns aufeinander zu hetzen, arge Klatschereien zu verbreiten, möglichst viel Schaden anzurichten. Er versteht, sich indem Hintergrund zu halten, in dem geeigneten Augenblick zu verschwinden. —
Einmal schrieb ich, nichts Böses vermutenden, in unserem geräumigen Bade und Klosettraum (hier bin ich vor Überraschungen sicher) eine längere Arbeit über den »Schwindel von dem Genie«. Ich führte etwa aus: Genie ist ein Titel, keine Eigenschaft. Das wird nicht bedacht, deshalb ist die große Verwirrung. Titel ist Zufallssache, zumeist verdächtig. Wer Genie genannt wird, ist darum nicht ein genialer Mensch. Geniale Menschen werden diesen Titel, der von der Menge verliehen wird, regelmäßig nicht erlangen. Die genialsten Menschen aller Zeiten sind gewiß in Tollhäusern und Gefängnissen geborgten. Wer von tausend Alltagsleuten verstanden wird, geliebt wird ... gilt mir nicht. —
Da wurde ich durch das langsame, seelenvolle Geschrei des blinden kleinen Kohn, mit dem ich trotz meiner antisemitischen Grundsätze innig befreundet bin, erschreckt. Ich sprang auf, eilte hinaus. Ich sah, wie Max Mechenmal hin und her lief, den kleinen Kohn in die Beine zwickte oder ähnliche Bosheiten tat; dabei rief er: »Fange mich.« — Der kleine Kohn war bleicher. In seiner Hilflosigkeit. Er hielt den Rücken gegen eine Wand. Die dünnen leidenden Hände tasteten in der Luft ... Ich habe niemals so viel konzentrierten Schmerz gesehen, wie auf den verstorbenen Augen des kleinen Kohn lag. Ich eilte, ohne mir Zeit zu lassen, die Kleider in Ordnung zu bringen, auf Mechenmal zu, um ihn für die rohe Gesinnung zu züchtigen. Meine Hose wurde durch einen Nagel, der aus der Wand ragte, beschädigt. Mechenmal benutzte die Verzögerung, schlüpfte an mir vorbei, lief in den Klosettraum, den er hinter sich verriegelte. Ich schlug an die Tür. Er sagte: »Besetzt!« Ich war sehr ärgerlich. Mir fiel zudem ein, daß ich die Papiere, auf denen die Arbeit über den »Schwindel von dem Genie« geschrieben war, in der Eile vergessen hatte mitzunehmen. Ich rief, er möge sie herausgeben. Er antwortete nicht. Später hörte ich, wie er gewaltig kicherte. Und ich wußte: Das Manuskript, das ich der neuen Zeitschrift »Das andere A« einreichen wollte, werde ich nicht wiedersehen. Traurig ging ich fort —
Ach, der kleine Kohn ist nun leider tot. Er ist an seinen Gespenstern gestorben, er hat mir das oft vorausgesagt. Seine Gespenster hat er gesehen, der blinde kleine Kohn. Manchmal, wenn heller Tag war. Dann fand man ihn zitternd und weiß in einem Winkel. Die Beine hatte er soweit angezogen, daß die Oberschenkel gegen die eingesunkene Brust gepreßt waren. Zwischen den Knien lag der Kopf. Die winzigen erschrockenen Fingerchen krampften sich um die Schuhspitzen. Wenn man ihn berührte, schrie es aus ihm. Der Schrei war so gellend grauenhaft, daß man unwillkürlich losließ, als hätte man einen Stoß erhalten. Sooft das geschah, war man ratlos wie bei dem ersten Mal. Doktor Mondmilch wurde gerufen. Sie streichelte ihn ganz wenig. Die Starrheit löste sich in Schluchzen auf. Er bekam Tropfen, wurde in sein Bett gelegt, schlief schlimm. Mechenmal rief, daß es bis auf die Straße schallte: »Kohn ist wieder verrückt.«
In der letzten Zeit hatten sich die Anfälle gehäuft, besonders nachts. Die Ohnmachten waren tiefer, die nachfolgende Ermattung trostloser. Als an einem Abend Doktor Mondmilch, einer Einladung des Tier und Nervenarztes Bruno Bibelbauer folgend, für längere Zeit weggegangen war, trat die Katastrophe ein. Der kleine Kohn lag bald tot in dem Bett. Mechenmal sagte: »Jetzt stört er einen wenigstens nicht mehr, wenn man schlafen will.« Der fette Idiot Backberg freute sich auf die Beerdigung. Die Köchin heulte; und das Stubenmädchen Minna Nora Neumann hatte sich in ein Zimmer eingeschlossen; ich glaube, sie dichtete. Die Russin Recha war verschwunden; nachher fand Lenzlicht sie in dem Sterbezimmer. Sie saß auf dem Bett, hielt die eine Hand Kohns verzückt an ihr Herz, mit der rechten Hand zog sie das Lid seines rechten Auges hin und her. Ich hörte, wie sie weinte und sagte: das sei so interessant. Lenzlicht schimpfte wehmütig.
Noch jetzt sagt Mechenmal, wenn er von dem kleinen Kohn spricht: »Der war ja verrückt.« Ich bestreite das. Jeder nicht stupide Mensch hat dann und wann Erlebnisse, die mit den althergebrachten, allen zugänglichen Gesichten nicht in Einklang zu bringen sind. Manchmal ist man feinfühliger als sonst und als die anderen. Wenn man allein ist, die bekannten Dinge ruhiger sind ... vielleicht, wenn Abend ist, bei einer halbhellen Lampe ... in der Dämmerstunde in einsamen Räumen ... in Nächten, die keinen Schlaf tragen. Da heben sich aus der Stille Geräusche, die ich niemals gehört habe, die ich nicht erklären kann. Ich schrecke auf — fürchte mich — will in die heiße Helligkeit zu vielen lustigen Menschen —will nicht hören ... höre feiner. Die Stille reißt auseinander. Alles klafft ... und klingt. Bewegung kommt in die Gegenstände. Bösartige Schatten ängstigen. Alle Formen verlieren ihre Gewohnheit. Ich warte ... auf ein entsetzliches Wunder, auf Unkörper.
Ich bin ein entschiedener Feind von Geistern und Gespenstern und ähnlichen Dingen. Ich finde diese Erscheinungen wenig sinnig und ohne Witz, ich will nichts mit ihnen zu tun haben. Und konnte doch nicht hindern, daß mir erst kürzlich gegen die Mittagstunde eine antike Frauengestalt mit herben Gesichtszügen erschienen ist. Ich war davon unangenehm berührt. Um so mehr, als mir später einfiel, daß das möglicherweise meine selige Mama gewesen ist.
Es ist nicht weniger unvernünftig, die Geister zu leugnen, als unvernünftig ist, Wunder anzuerkennen. Wenn Gespenster alltäglich wären, würden die Philosophen ein Naturgesetz für sie konstruieren, damit man sie daraus herleiten könnte. Und ohne Aufregung übersehen könnte.
Ich werde mich weiteren Grübeleien über diese verwirrten Dinge entziehen, indem ich mir das Leben nehme. Man wird empört sein. Mir die Berechtigung absprechen, über mich zu verfügen. Man wird mich für überspannt erklären. Und das medizinisch begründen. Um sich zu beruhigen; denn wenn jeder so dächte, gäbe es bald ein allgemeines Protestieren gegen das Dasein. Das Leben würde boykottiert. Das darf nicht geschehen. Wenn man fragt: warum nicht? — wird man ein Sophist gescholten. Die Leute sterben nicht gern, das heißt Lebensenergie. Sie helfen sich mit Göttern und heiterer Weltanschauung. Wenn einem der Jammer doch zu grell wird, fährt er in ein besseres Irrenheim.
Zu dem Entschluß, mich von mir zu befreien, bin ich vor langer Zeit gekommen. Der wichtigste Beweggrund war: ich bin mir ernsthaft unsympathisch. Ich kann zufällig nicht aushalten, über ein ganzes Leben bei mir zu bleiben. Ich kenne mich zu genau. Ich habe häufig geweint, daß ich von mir nicht loskommen kann. Ich empfinde mich als eine häßliche Last. Ich möchte in einem mutigen, ehrlichen, reinen Jungen sein. Mein Mensch ist unwahr, unästhetisch, plump. Ich weiß, daß der Tod mich gründlich zugrunde richten wird; der Gedanke ist für mich Ursache zu lebhafter Verzweiflung; ich kann ihn nicht lange denken.
Ich verliere die Fähigkeit zu atmen. Habe das Gefühl, als presse ein Ungeheures von innen. Die Gehirntätigkeit scheint ausgeschaltet. Die Hände ballen sich in tierischer Angst. Ich weine trocken. Die Institution des Todes ist wohl für manche Menschen nicht angebracht; man hätte Mittel und Wege finden sollen, den Tod zu umgehen. Aber — das Sterben ist eine Bagatelle. Nur darf nicht an den Tod denken, wer sein Sterben vorbereitet .

Dienstag, 28. Dezember 2010

Alfred Lichtenstein - Die Familie

Die Familie


Die Familie kommt in jedem Monat einmal zusammen. Die Frauen mit den Kindern treffen sich schon nachmittags.
Der Kaffee ist ausgetrunken. Die Kinder sind fortgeschickt. Sollen spielen. Müssen nicht alles hören.
Die Frauen aber flüstern. Sie haben mitleidige Gesichter. Sie sprechen von einem, der sehr krank ist.
Wenn es dämmrig wird, erzählen sie über Geistergeschichten und wunderbare Heilungen. Sie fürchten sich. Rufen die Kinder. Drücken die Kinder an die Brust.
Dann wird Obst gegessen.
Kommen die Männer. Gespräche über Haartrachten, über Geschäfte. Und so weiter. Die Unterhaltung geht ruckweise. Bleibt immer plötzlich stehen wie eine defekte Uhr. Furcht, sie werde ganz aufhören. Ein junges Mädchen wird rot —
Aber einmal schweigt alles. Man glaubt zu ersticken. Fühlt sich unsicher wie in einer Schaukel, hilflos wie in einer Rutschbahn ... kommt sich lächerlich vor. Man hört, wie der Wind um die Dächer fegt. Regen schlägt an die grauen Fenster.
Immer noch Schweigen.
Da —
Ob es so schlimm sei ... mit ihm — Wie das enden solle ... Man sieht aneinander vorbei. 

Alfred Lichtenstein - Das Fragment

Das Fragment


Ich liebe die toten Tage. Die haben kein Leuchten, sie sind ohne Farben und ganz sehnsüchtig. Die Häuser stehen wie Kulissen vor der grauen Wolke, die Menschen geben wie in dem Lichtspiel: wenn der Abend wird, nicht anders, als sie in der Frühe gingen. Alle Dinge sind wuchtiger. Und meine Kammer sieht aus, wie wenn eben einer darin gestorben wäre.
So oft diese Tage sind, wächst in mir unwillkürlich eine sinnlose Lust an der Arbeit. Ich tue die alltäglichen Verrichtungen, als wäre Gottesdienst, was ich tue. Und ich verliere mich dabei. Fast wie die Träumenden sich verloren haben. Aber einmal merke ich, daß ich reglos geworden bin und nach innen starre.
Ich werde sehr wach davon, und ich kann mich nicht mehr hingeben. Ich gehe zu dem Fenster, da sind wunderliche Gedanken. Die waren sonst nur in Nächten.
Ich fühle mich fremd bei allen Dingen. Sie drängen auf mich ein, als kennten sie mich nicht: die Straße und die Menschen und die Türen in den Häusern und die tausend Bewegungen. Wo ich hinschaue, werde ich verwirrt.
— — — — — — — — — — — — — — — — — — —
— — — — — — — — — — — — — — — — — — —
Die Augen meines Freundes waren elend und vergangen und heillos schmerzlich, daß die Leute lachten, wenn er zu ihnen sah. Er schämte sich seiner Augen, als verrieten sie von sündsamen Abenteuern, und verbarg sie viel hinter den vergilbten Lidern. Aber er fühlte, wie man hinstarrte, wenn er eintrat, wo er unerwartet kam. Oder sich setzte, wo er nicht selbstverständlich war. Er schaute übertrieben wie ein Suchender. Hüstelte und hielt die Hand vor den Mund, zog die Backen nach innen oder wölbte die eine mit der Zunge. War verlegen. Unglücklich. Wäre gern allein gewesen ... in dem Dunkel.
Kinder neigten den Kopf, wenn sein Blick auf ihre Augen kam. Und wurden rot. Und grinsten scheu und dumm. Frauen kicherten, sie schauten wie harmlos und klatschten einander auf die Schenkel oder auf die nackten Schultern und küßten ihre verwüsteten Männer. In der Nacht lagen sie wach und sannen sich heiß. Aber die jungen Mädchen wichen ihm aus. 

Alfred Lichtenstein - Mabel Meier

Mabel Meier


Es war spät. Häufig hörte ich die Geräusche von Fahrzeugen. In Abständen sah ich Leute. An einer Ecke standen zwei, die ... schämten sich, als ich nahe war.
Mädchen kamen, die sich verspätet hatten. Wenige, die Geld verdienen wollten. Ich sah die lange Dirne, die sich jeden Abend hier herumtreibt. Ich erkannte sie an dem Unterrock.
Ein Kriminalbeamter beobachtete mich. Vor mir lief eine Frau, die blieb oft stehen und heulte.
Ich dachte nicht nach. Ich blickte zu den Sternen und fand keinen Wunsch. Ich betrachtete mich gleichgültig wie einen fremden Gegenstand. Ich schüttelte den Kopf, daß der alte Mann so spät allein geht ... Und zu den Sternen murmelt ... Und so sonderbar ist ...
Ich begegnete einer Dame, die sagte: »Au—« Ich sagte: »Darf ich Sie begleiten?« Die Dame sagte: »Bitte.« — Es war ziemlich dunkel.
Wir gingen miteinander; die Dame erzählte, sie heiße Meier, der Rufname sei aber Mabel. Sie wohne bei Verwandten, die hätten eine Portierstelle. Im übrigen sei sie Choristin.
Die Dame war nicht schön und nicht jung, aber sie sah zugänglich aus. Ich hatte keinen Grund, schüchtern zu sein —
Vor dem Haus, in dem die Dame wohnte, blieben wir stehn.
Ich machte den Vorschlag, noch ein Hotel aufzusuchen. Die Dame war nicht abgeneigt, sie sagte: »Nee —« Ich sagte: »Wieso —« Die Dame sagte, sie habe Trauer. Ich fragte, wer gestorben sei. Sie sagte: »Papa —« Ich sagte: »Sie wollen also nicht —« Über das Gesicht der Dame kam ein Lächeln. Sie schaute zu einer Laterne — — —

Alfred Lichtenstein - Kuno Kohn

Kuno Kohn


Seit einem halben Jahr wohne ich in dem Haus. Von den Bewohnern hat noch niemand etwas bemerkt. Ich bin vorsichtig.
Das weiße Kostüm bringt mir Glück. Ich verdiene genug. Und habe angefangen zu sparen; denn ich fühle, daß die Kräfte nachlassen. Häufig, bin ich matt, manchmal habe ich Schmerzen. Auch werde ich dick und alt. Ich schminke mich nicht gern — — —
Ich stehe nicht mehr unter Kontrolle. Kuno Kohn hat mich frei gemacht. Ich bin ihm dankbar.
Kuno Kohn ist häßlich, er hat einen Buckel. Das Haar ist messingfarben, das Gesicht ist bartlos und von Furchen rissig. Die Augen sehen alt aus, um sie sind Schatten. Am Hals beginnt eine Narbe wie eine Regenrinne. Das eine Bein ist angeschwollen. Kuno Kohn hat einmal gesagt, daß er Knochenfraß habe.
Sonderbar ist die erste Begegnung gewesen:
Es regnete. Die Straßen waren naß und schmutzig. Ich stand an einer Laterne und blickte auf die angespritzten Kleider. Wenn Wind kam, fröstelte ich. Die Füße schmerzten von den Schuhen.
Selten ging wer. Meist auf der anderen Seite. Im Schutz der Bäume. Mit aufgeschlagenem Mantelkragen. Den Hut schief über die Stirn. Niemand beachtete mich, ich stand traurig.
Der Kies knirschte hinter mir. Hart und plötzlich, daß ich aufschreckte. Ein Polizist kam, die Hände am Rücken. Er ging langsam. Er sah mich argwöhnisch an, stolz auf sein Recht. Mit nacktem Blick, er fühlte sich Herr. Er schritt weiter. Ich lachte höhnend, er schaute sich nicht um. Der Polizist verachtete mich.
Ich gähnte; es war spät geworden. — Da kam einer, der war klein und verwachsen. Er blieb stehen, als er mich sah. Er hatte die unglücklichen Augen, um die Lippen war verlegenes Lächeln. Er versteckte einen Teil des Gesichts hinter dürren Fingern. Und rieb am rechten Lid, wie wer, der sich schämt. Und hüstelte ... Ich trat dicht zu ihm, daß er mich fühlte Er sagte: »Na —« Ich sagte: »Komm, Kleiner.« Er sagte: »Eigentlich bin ich homosexuell.«
Und nahm meine Hand. Und küßte mit kalten Lippen.

Alfred Lichtenstein - Leopold Lehmann

Leopold Lehmann


Ich bin Beamter einer Bank. Da ich keine Protektion habe, auch nicht ungewöhnlich tüchtig bin, komme ich nicht vorwärts. Ich bearbeite seit mehr als dreißig Jahren in derselben Abteilung dieselben Buchstaben. Deshalb hält man mich für gewissenhaft.
Seit einem halben Jahre habe ich einen neuen Assistenten. Der heißt Leopold Lehmann. Er weiß alles besser als ich. Er ist der Neffe des stellvertretenden Direktors. Er nennt sich Volontär. Er hört sich gern reden. Am liebsten spricht er von sich. Daher kenne ich seinen Lebenslauf.
Leopold Lehmann ist, wie er hervorhebt, eine ungeschickt ausgeführte Zangengeburt. Der Kopf ist nudelförmig deformiert. Die Nase auch. Er hat die üblichen Krankheiten durchgemacht. Er erfreut sich einer komplizierten Lues. Sie hat in den Körper Lehmanns faustgroße Löcher gefressen.
Leopold Lehmann will die Tätigkeit in der Bank aufgeben, Theologie studieren. Daß er schon gekündigt hat, glaube ich.
Lehmann verkehrt ausschließlich mit Theologen und mit mir. Und mit dem stellvertretenden Direktor.
Der hat Rückenmarkschwindsucht.

Alfred Lichtenstein - Siegmund Simon

Siegmund Simon


Neun Ärzte behaupten, daß Samuel Simon an Wahnvorstellungen leide. Ich füge mich.
Seit neunundzwanzig Jahren bin ich in der Anstalt. Man ist freundlich zu mir. Ich kann tun und lassen, was ich will. Wenn es warm ist, gehe ich im Garten und horche, wie die Stunden sterben. Wenn es kalt ist, sitze ich am Fenster und sinne in den Himmel. Oft schaue ich den Leuten zu, wenn sie rufen oder arbeiten oder traurig sind ... Ich bin froh, daß ich fern bin. Ich entbehre nicht das Leben. Ich bin zufrieden, wenn man mir nichts tut und nichts von mir will. Ich beneide nicht die Menschen.
Neunmal in jedem Jahr bringt meine bleiche Frau Blumen. Mein Sohn Siegmund kommt niemals. Zuletzt habe ich ihn gesehen, als ich begraben wurde. An meinem neunundvierzigsten Geburtstag —
Ich lag in einem schmucklosen Holzsarg. Man fuhr mich auf einem wagenartigen Gestell. Neben mir schritten neun schwarzgekleidete Sargträger. Hinter mir der Pastor Leopold Lehmann, an seiner Seite meine Frau Frieda und mein neunzehnjähriger Sohn Siegmund. Wenige Verwandte folgten, die waren stillvergnügt und unterhielten sich von der Raupenplage.
Die Sonne warf warmes Licht. Wind kam dann und wann. Er krabbelte über den Kies und kitzelte die Frauen um Brüste und Waden. Wir hielten vor dem aufgeschütteten Grab. Der Sarg wurde hinuntergelassen, einige Formalitäten und Gebete wurden erledigt. Darauf fing der Pastor Leopold Lehmann an, auf Wunsch und auf Kosten meiner Frau eine Gedächtnisrede zu halten. Er sagte:
»Liebe Schwestern und Brüder! Wieder hat ein gütiges Geschick uns ein teures Menschenleben geraubt. Trauernd stehen wir am Grab des Dahingeschiedenen und gedenken seiner in Wehmut.«
Mein Sohn Siegmund biß auf die Lippen. Der Pastor sagte:
»Die Erde, die den Körper ausgesondert hat, daß er kurze Zeit ein beseeltes Eigenleben führe, hat ihn wieder aufgenommen in den Mutterschoß. Ein edler Mensch ist heimgegangen —«
Mein Sohn Siegmund bekam einen Lachanfall. Das Gesicht wurde rot und ernst ... Er lachte, bis er röchelte.
Meine Frau schrie.
Einem Sargträger entfiel die Schnapsflasche und zerbrach auf dem Sarg. Der Sargträger blickte wehmütig hinunter.
Die Verwandten waren empört. Sie schämten sich für meinen Sohn Siegmund. Einige Frauen weinten in echte Spitzentücher.
Ich war ganz still.
Der Pastor sagte:
»Wenn einer nicht weiß, wie er sich zu benehmen hat, soll er nicht kommen, wenn einer beerdigt wird — Amen.«
Er warf etwas Sand auf die zerbrochene Schnapsflasche. Und entfernte sich. Stolz. Gekränkt. Der Pastor. Leopold Lehmann.
Mein Sohn Siegmund säuberte sich die Fingernägel. 

Alfred Lichtenstein - Mieze Maier

Mieze Maier


Ich besuche noch das Gymnasium, doch interessiere ich mich mehr für Theater und Literatur. Ich lese Wedekind, Rilke und andere. Auch Goethe. Schiller und George mag ich nicht.
Meine Freundin heißt Mieze Maier. Sie bewohnt mit ihrer Gesellschafterin eine elegante Vierzimmerwohnung, denn ihr Vater, Markus Maier, hat ihr viel Geld hinterlassen. Ihre Mutter ist vor zehn Jahren den Folgen einer Unterleibsoperation erlegen. Ihre Mutter soll schön gewesen sein.
Mieze Maier ist erst kürzlich sechzehn Jahre alt geworden. Ihr Geburtstag wurde sehr gefeiert. Viele hübsche und lasterhafte Mädchen und eine Anzahl junger Männer waren geladen. Man war sehr frivol. Man flüsterte einander ins Ohr, daß Mieze jetzt sechzehn Jahre alt sei. Dabei lächelte man ...
Mieze Maier ist schön. Auch klug. Auch talentiert. Sehr kokett. Raffiniert anmutig. Zeitweise unglücklich. Versteht es, viele Männer krank zu machen, daß sie Trauer in den Augen tragen, wenn sie wach sind, und ein Lächeln um die Lippen haben, wenn sie schlafen. Und die Hände sind dicht an dem Körper ...
Stets hat sie ihre Favoriten gehabt. Die sind wie Puppen, mit denen sie spielt, bis sie ihrer eines Tages überdrüssig wird und sie achtlos beiseitewirft. Ich kenne sieben. Sechs Wochen hat keiner in ihrer Gunst überdauert. Ich bin der achte.
Ich weiß — auch meine Tage sind gezählt. Auch ich werde grausam abgetan werden von diesem sechzehnjährigen Ding — halb Kind noch. Wenn ich daran denke, schäme ich mich schon jetzt und gräme mich. Und doch —
Wir haben uns nicht gesagt, daß wir uns liebhaben, sind aber sehr zärtlich zueinander. Dies kam so:
Wir trafen uns einmal. Das war Zufall. Der Tag war grau vor Müdigkeit. Dämmerung lag über den Dingen. Von wenigen Häusern fiel gelbes und rotes Licht.
Wir gingen zusammen. Ihre Augen hielten Glanz. Manchmal deckte sie die halben Lider darüber. Und sie fing die Blicke von Männern in ihre Augen. Das muß eine feine Wollust sein.
Wir sprachen nicht, nur einmal sagte sie, daß ich rote Lippen habe. Und einmal sagte ich, daß sie oberflächlich sei, denn ich wollte sie ärgern.
Am nächsten Tage trafen wir uns wieder. Das war kein Zufall. Wir gingen über Wiesen. Sie legte die Hand auf meine Schulter und war gut zu mir. Da dachte ich an den Fußtritt, den ich einmal von ihr erhalten werde.
... Ich hatte ihr gestern wehe getan, weil ich sie oberflächlich nannte. Denn in ihrer Stimme klang etwas wie Weinen, als sie sagte:
»Ich bin wirklich nicht so oberflächlich, wie Sie glauben, Olaf. Ich habe zweimal unglücklich geliebt und einmal glücklich entbunden.«
Mir schien, als ob die Hand auf meiner Schulter schwerer würde ...
Wir schritten langsam. Wir sahen keine Menschen. Wind kam über die Wiesen. Am Himmel waren überall Wolken, die drohten Regen.
Sie sah mich an. Ihr Blick war nackt und sagte von Leidenschaft.
Das war zu niedlich, wie ich sie da plötzlich packte und mit mir ins Gras warf und schon halb im Rausch ihr zuflüsterte: Du, meine — Und wie sie ermattet lag und schluchzte: Olaf — — —
Seither schreibe ich in der Schule schlechte Arbeiten. Ich werde wohl nicht versetzt werden.



Alfred Lichtenstein - Konrad Krause

Konrad Krause

Nicht einmal in der Nacht habe ich hier Ruhe. Häufig reißt mich eine Hand von dem Schlaf oder ein Wort. Weil alles finster ist, weiß ich oft am Morgen noch nicht, wer bei mir war.
Ich muß früh aufstehen, um die Kleider zu säubern und die Stiefel zu reinigen. Die Glieder sind schwer, und die Augen haben noch die ganze Müdigkeit. Doch die jungen Herren sind hart, wenn ich etwas versäume, und grausam. Nachts aber sind sie freundlich und streicheln mich wie eine vornehme Dame.
Nur der alte Herr Konrad Krause ist auch am Tage gut. Wenn er Wünsche hat, spricht er, ohne mich zu beschämen; und in dem Klang der Stimme ist, was mich froh macht. Er duldet nicht, daß in seiner Gegen¬wart häßlich von mir geredet wird. Ich habe ihn gern.
Neulich lachte ich über ihn. Ich wurde durch Geräusche geweckt, die kamen von dem Gang vor meiner Kammer. Da war ein Gespräch. Ich fand zwei Stimmen: Eine verlor ich viel, da sie flüsterte; wenn ich sie fing, war sie jung und roh. Eine griff ich, ohne zu suchen; deutlich wie einen Körper. Ich fühlte, daß sie zu fett war und Runzeln hatte.
Ich hörte von der rohen Stimme: »Willst du auch zu ihr, Vater —«
Ich hörte von der fetten Stimme: »Geh du erst, mein Sohn —«
Als Herr Heinz in die Kammer trat, erschrak er laut, weil ich so lachte. Und dann mußte er niesen ...
Aber dies werde ich bald vergessen. Ich weiß sogar nicht mehr, wann der alte Herr Konrad Krause sagte, er habe mich lieb. Das war noch netter.
Ich erinnere mich nur, daß der Schreibtisch, vor dem er saß, schon dunkel war, als ich den Tee brachte. Er fragte, wer zu Hause sei; ich sagte: »Niemand« — Und wollte den Tee ein-gießen. Er zeigte aber auf die Ober¬schenkel und sagte: »Setzen Sie sich« — Ich sagte: »Ich bin so frei« — Und setzte mich. Er sagte: »Stellen Sie doch die Teekanne auf den Schreibtisch.« Ich tat das. Und dann sahen wir unsinnig an, ich war aber sehr schüchtern. Plötzlich faßte er meine Hand und drückte sie an seinen Bauch. Sagte: »Geliebte.«
Wir zitterten heftig —

Montag, 27. Dezember 2010

Erich von Mendelssohn - Juliana (Fragment)

John William Waterhouse - Undine





Das blendende Weiß auf den Türmen und Mauern der Stadt gewann schon den rötlichen Schimmer, und noch immer war das Ende des Zuges nicht zu erblicken. Da sprang der Königssohn von seinem Thronsitz auf und rief:
»Ich sandte euch aus, um die fernsten Länder zu durchziehen und alle Schätze der Erde vor meinen Füßen niederzulegen. Wohl rinnt Stunde für Stunde der Zug an mir vorbei; ich sehe Gold und Juwelen und seltsame Tiere. Doch mich ekelt der Menge, die sich selbst des Wertes beraubt. Anderes erträumte sich meine Sehnsucht.«
Da bargen die Diener ihr Antlitz in den Staub und sprachen:
»Herr der Welt! Nicht sind es Sklaven, die jene Schätze tragen. Könige sind es fremder Reiche, die mit nackten Füßen durch die Wüste hergezogen kamen, um deine Knechte zu sein. Nie genoß ein Herrscher größeres Glück.«
Und der Königssohn senkte den Blick und sprach mit leiser Stimme:
»Wohl weiß ich, daß das Ziel die Sehnsucht tötet. Doch klang in manchen Nächten eine Stimme und redete ohne Worte zu mir von einer Sehnsucht, die nicht in der Erfüllung stirbt. Vernahmt ihr Gleiches nie?«
Er hob die Augen, um seine Diener anzublicken. Doch sie schwiegen und starrten ihn blöde an. Voll Schmerz und Verachtung sah er auf den Zug, der endlos weiterrollte. Rot schimmerten die Sandwolken, die von den Füßen der schleppend Gehenden aufwirbelten.
Auf einmal färbten sich die bleichen Wangen des Königssohnes, und alle seine Fibern spannten sich. Und als die Diener der Richtung seiner Augen folgten, erblickten sie ein schönes Weib im Sklavengewande. Da stießen sie einander an und kicherten:
»Deshalb so hohe Worte von unerfüllter Sehnsucht in schlaflosen Nächten! Die schmucke Dirne wird sie zu stillen wissen.«
Der Königssohn aber stieg von seinem Thronsitz herab und trat auf das Weib zu:
»Schön ist dein dunkles Haar, schön das Weiß deines Antlitzes und seltsam strahlen deine Augen, seltsam bebt dein Mund. Wie heißest du?«
Sie kreuzte die Arme vor der Brust und sank in die Kniee. Doch hielt sie die strahlenden Augen erhoben: »Herr, ich heiße Juliana.«
»Woher kommst du, Juliana?«
»Fern ist das Reich, wo sie mich Fürstin nannten. In Trümmern liegt es. Man hat mich hergeführt, daß ich dir diene.«
Sinnend sah der Königssohn zu ihr nieder. Langsam sprach er:
»Manches brachten mir meine Knechte und sagten, es wären die Schätze der Welt. Stehe auf, Juliana, dich allein wähle ich mir.«


* * *


Und er faßte sie bei der Hand und führte sie fort. Die Sonne sank, als sie der Stadt zuschritten, doch sie achteten nicht des blutenden Rotes auf den Türmen und auf den Sandwellen der Wüste.
Am großen Tore gingen sie vorbei und kamen zum kleinen Mauerpförtchen, von dem die gewundene Treppe heimlich zum Gemach des Königssohnes hinaufführte. Und als er die Türe mit heftiger Bewegung aufstieß, daß Juliana eintrete, zögerte sie und sprach:
»In deine Einsamkeit soll ich dringen, du Königssohn, ich, die ich als Sklavin kam. In deine Seidenteppiche soll ich mich hüllen, und noch atmen sie den Duft deiner Glieder. Und wenn der rote Schein der Ampel flackernd verlischt, soll ich von deinem Lager aufstehen — schwer rauschend werden die Decken auf den Boden gleiten — und mit meiner Hand, die deinen Ring tragen wird, soll ich die Vorhänge zur Seite ziehen, daß mein Blick auf das Schweigen deiner schimmernden Gärten falle, wo nur der Brunnen eintönig unter den Sternen plätschert, und schwer und still die Bäume in die Höhe ragen. Keine Dirne bin ich, die einem Trunkenen Heiliges raubt. Wie du bin ich aus königlichem Geschlecht, doch jetzt deine Dienerin. Und schamhaftes Zögern hemmt der Dienenden Schritt, wenn der Herr sie in die stolze Nacht seiner Einsamkeit führt, du Königssohn!«
Da sank er vor ihr nieder und barg sein Gesicht an ihre Scham. Durch Julianas dünne Gewänder fühlten seine heißen Hände die Kühle ihrer Schenkel. Er sprach:
»Wie Hohn klingen deine Worte, Juliana! Denn als ich dich sah, zerrann mein Königtum. Ein Bettler bin ich, Juliana, um Stillung heißen Sehnens flehe ich. Meine heimliche Kammer öffne ich dir und meine schimmernden Gärten. Mein Ring mag deine weiße Hand schmücken. Nichts gilt mir meine stolze Einsamkeit mehr und verschwiegene Nacht, nichts mehr meine Schätze, an denen ich mich müde sah. In tiefer Vereinigung mit dir will ich die Sehnsucht stillen, die vom Ziele nicht getötet wird, und die sich aus der Erfüllung stets neu gebiert. Komme zu meinem Lager, Juliana, und laß die dünnen Hüllen fallen, die mich von dir noch trennen.«
Doch Juliana sah ernst zu ihm nieder und sprach:
»Du irrst, wenn du wähnst, daß nur diese dünnen Hüllen uns trennen. Weit war mein Weg zu dir, weit ist dein Weg zu mir.«
Da sprang der Königssohn auf und rief:
»Und mag der Weg weit sein, ich fürchte mich nicht, ihn zu gehen, wenn du mich geleitest.«
Sinnend sprach Juliana:
»Viele suchten das Ziel. Grade Wege gingen die einen und krumme die anderen. Keiner erreichte es. Wirf deinen Purpurmantel ab, du königlicher Bettler, und folge mir.«
Und der Purpur fiel. Juliana wandte sich zum Gehen, doch der Bettler zögerte. Gesenkten Hauptes fragte er:
»Willst du nicht einen Blick in meine einsame Kammer werfen, Juliana? Willst du nicht meine Schätze spielend durch deine weißen Finger gleiten lassen? Willst du nicht den Vorhang zur Seite schieben und auf meine schimmernden Gärten schauen, deren nächtliches Sternen-Schweigen nur das eintönige Plätschern des Brunnens durchbricht?«
»Nein«, sprach Juliana. Und sie schritten in die dunkle Wüste hinaus.


* * *


Sonnenschein lag auf friedlichen Tälern, wo der Bauer hinter dem Pfluge ging. Von den grünen Matten hoben sich leuchtend die roten Dächer der Hütten ab, wo Frau und Kinder des Landmanns warteten.
Auf einem der sanften Hügel standen Juliana und der Bettler und schauten auf das weite Land. Da hob der Bettler die Hand und sprach:
»Werde mein, Juliana! Daß ich für dich die Felder bestelle und müde und froh des Abends zu dir komme, um bei dir die Nacht zu verbringen. Friedevoll reihe sich Tag an Tag, und unsere Kinder seien unser Glück!«
Juliana strich sich über die Stirn und sprach:
»Willst du in harter Arbeit Betäubung suchen für die Leere der Nacht! Willst du mich fliehen, um mich zu erreichen? Sollen dir blühende Kinder ein Glück vortäuschen, das du bei mir nicht fandest?«
»Vergib mir, Juliana,« sprach gesenkten Hauptes der Bettler. »Dich suche ich.«
»So komme mit mir, noch weit ist der Weg.«


* * *


Und als sie den Garten betraten, scholl Gesang ihnen entgegen. Leichten Fußes schritt Juliana auf dem kiesbestreuten Wege hin, langsam folgte ihr der Bettler, denn der wogende Duft von Rosen und Flieder betäubte seine Sinne.
Auf einmal ließ ein helles Lachen ihn umherschauen: durch die Büsche schlüpften in neckischem Spiele leicht gekleidete Mädchen und jubelten, wenn die Schleier sich an Dornen verfingen.
Sinnend war Juliana am kleinen Teiche stehengeblieben, auf dem weiße Schwäne ihre Kreise zogen. Dort erreichte sie der Bettler; hell leuchtete sein Gesicht, als er sprach:
»In einen Zaubergarten sind wir geraten, Juliana! Darf ich nicht Blumen pflücken, wie jene Mädchen, und sie dir zum Kranze winden? Daß unser spielendes Glück sich Sonnenglanz und Vogelsang anschließe.«
Doch Juliana schüttelte langsam den Kopf:
»Wohl glänzt die Sonne seidenweich durch Blätter und Gras. Wohl mischten sich die Küsse der Mädchen und ihr leichtes Spiel mit Vogelsang und Blütenduft. Doch nicht kann ich dir Gleiches gewähren; denn siehe: Tauig wird sich die Nacht auf Licht und Spiel senken, und mit dem Verstummen der Lieder werden die ziehenden Nebel den Wiesen entschweben.«


* * *


Nackt waren die Knaben, die um das Opferfeuer tanzten, und der dunkelrote Schein flackerte von ihren Leibern in das schwarze Gewölbe der ungeheuren Bäume.
Auf ihren langen Stab stützte sich Juliana und hob langsam den weißen Arm. Da sprach der Bettler:
»Ihre Körper glühen und heißes Fieber entstrahlet ihren Augen. Und doch sind ihre Glieder zart und schmächtig, und wohlige Kühle paart sich in ihnen mit schwellender Kraft.«
Dies antwortete Juliana:
»Rauh ist dein Mantel, in schweren Falten umhüllt er dich. Zu weiter Wanderung scheinst du bereitet.«
»Abschleudern laß mich den Mantel, daß er mich nicht hemme!«
Juliana wandte sich zu ihm; tief zog sie den Kopf in die Schultern:
»Und würfest du den Mantel ab und wolltest in sprengender Kraft deine Glieder recken, so wisse: selbst warst du einst wie diese Knaben, voll unklaren Sehnens nach hohem Ziele. Da wies ich das Ziel dir; auf meine Worte begabst du dich auf den Weg.«
»So spotte meiner nicht, Juliana«, sprach der Bettler, und tiefe Trauer lag in seiner Stimme.
»Einem Raubvogel gleichst du, Juliana, und heiser und ächzend klingt dein Ruf.«
Da hob Juliana den Kopf und rief frei und hell:
»Kommt her, ihr Knaben und dient eurem Meister! Dunkel und rauh ist sein Mantel, aber nicht immer trug er ihn. Meinetwegen legte er ihn um die stolzen Schultern.«
Die Bewegung der Knaben erstarrte; der Kreis löste sich auf. Ruhig brannte das Feuer.
Sie fragten einander:
»Wer ist die Frau und wer der Mann?«
Da klang die Stimme des Mannes, flehend rief er:
»Bleibt, schöne Knaben, und laßt aus der Ferne mich euch betrachten.«
»So sagt mir,« sprach Juliana, »was ist der tiefste Wunsch eures Herzens?«
Sie knieten nieder und flüsterten mit heißen Wangen:
»Ein Weib, wie dich, zu erkämpfen.«
Da verhüllte der Bettler sein Antlitz. 


* * *

Lichtblau strahlte der herbstliche Himmel, und dunkelgrün hoben sich einsame Tannen vom Gelb und Rot der Buchen ab. Leise raschelte das Laub, wenn Julianas schleppendes Gewand den Boden streifte, und wehmütig herber Duft stieg von ihm auf.
»Verstehst du die Schönheit des Erschlaffens?« fragte der Bettler. »Wann werde ich nach verrauschter Glut an deiner Brust geborgen, die stille Freude in deinen Augen lesen, bevor der Schlaf sie schließt?«
Da sah ihn Juliana an; stolz hielt sie ihr Haupt erhoben:
»Wähnst du, daß mich nach müdem Verweilen gelüstet, weil ich langsam schreite?«


* * *


Immer weiter entschwand das Ufer, das von Menschen bewohnte. Mit leisen Ruderschlägen führte der Bettler den Kahn. Ein Schwingen ging durch die Wasserfläche und schaukelte sanft hier und da eine breitruhende Wasserrose.
Es streifte leicht am Kiele, als ob weiche Hände den Kahn zurückzuhalten versuchten und ihn doch weitergleiten lassen müßten. Dann ragten schlanke Halme über die Wasserfläche empor; leicht schwankten sie im Winde. Und höher reckte sich das Schilf, und dichter wurde seine Schar. Es bildete eine schmale Gasse hinter dem Kahne, und auch diese schloß sich, als der Bettler dem Boote eine Wendung gab. Doch waren manche Stengel geknickt und einige schwammen entwurzelt im Kielwasser.
Da zog der Bettler die Ruder ein und kauerte sich auf der Bank zusammen. Er sah, wie Juliana ihr Haupt zur Seite neigte und mit der Hand im Wasser spielte und sprach:
»Zürnen muß ich mir selbst, daß ich heiliges Schweigen breche. Doch sehe ich deine tändelnde Hand, däucht mir, daß die Stunde Ernsteres in ihrem Schoße tragen könnte. Juliana! Mit ruhigen Ruderschlägen führte ich unser Boot hierher, und die weite Wasserfläche verengte sich zum kleinen Kreise, der jeglichem Blick ein Ziel setzt.
Und wiederum brauche ich mich nur zu erheben, und über schwankendes Röhricht schweifen ungehindert die Augen. Juliana! So wenig trennt uns von weiter Welt, und doch sind wir so allein. Laß uns der Einsamkeit genießen, Juliana, und uns zu letzter Einheit zusammenzufinden.«
Als er geendet hatte, ergriff Juliana mit hartem Zuge die Ruder; es kreischten die Rohre, es knickten die Halme. Und wieder lag der See offen vor ihnen, und sie näherten sich dem Ufer, dem von Menschen bewohnten. 


* * *


Auf flachem Dache standen sie, als der Vollmond aufging, und unter ihnen lag die Stadt mit tiefen Schatten schwer und stumm. Und als der rötliche Schimmer auf der Scheibe verblaßt war, und sie weiß und still am Himmel stand, sprach der Bettler: 
»Vielfältiges Leben verschmilzt zu großer Einheit unter ruhigem Blick. In jenem Hause mag sich wollüstig ein Paar auf dem Lager wälzen, und dort stöhnt vielleicht einer in unbefriedigtem Liebesdrange. Und in der großen, reinen Mondnacht lebt jedes Menschlein seinem kleinen Begehr. Uns einsam Wachenden jedoch ist Ruhe und Größe offenbar.« 
Ernst antwortete Juliana: 
»So müssen wir denn auch für ewig menschlichem Begehren entsagen, daß Ruhe und Größe und stille Mondnacht unser sei.«
»O nein, Julians!« rief der Bettler. »Wenn ich aus der Einsamkeit meines Gemaches auf meine schimmernden Gärten schaute, die tot und doch geheimnisvoll-lebendig unter mir lagen, ergriff mich die Sehnsucht nach heiliger Vermählung. Eins wurden Mondnacht und Liebe. Von dir träumte ich dann, Juliana! Du kamst, doch weigertest du dich, Mondenträume zu erfüllen.«
»Von deinen schimmernden Gärten kamst du zu dieser Stadt. Gleich ist der Mond, der beides bescheint. Lerne, von dieser Stadt zu deinen schimmernden Gärten zurückzukehren.«
»Juliana! Und wenn der Ring sich also schließt, wirst du dann mein sein?«
»Dann werde ich dir gegeben haben, was dir zu geben war. Anders wirst du deine schimmernden Gärten wiederfinden, als du sie verließest.«


* * *


Es tropfte von Zweigen und Blättern des Buchenwaldes, und Nebeldunst hing zwischen den grauen Stämmen. Auf dem schlüpfrigen Moose glitt leicht der Fuß. Eilig huschten gefleckte Molche unter die schwarzen Wurzeln oder sahen mit erhobenem Kopf und großen Augen die Wanderer an.
Nach einer Stunde erreichte Juliana die Lichtung, die mit langem, feuchtem Grase bestandene. Und als sie diese durchschritten hatten, kamen sie in den starren Tannenwald, wo die Trümmer des alten Heiligtums moosbewachsen lagen. Den Fuß auf eine gestürzte Säule stemmend, sprach sinnend der Bettler:
»In dunklem Wald liegt verborgen, was einst hehren Schauer einflößte. Juliana! Laß meiner Liebe reichen Tempel nicht gleich trauriges Ende finden, daß eines flüchtigen Wanderers Fuß auf die Reste stößt.«
»Die Worte deines Mundes kehren sich wieder sich selbst; wohl brach dies Heiligtum, doch dünkt mich, daß neue Weihe es durch Alter und Verfall erhielt, durch ewiges Leben im Tode! O Nebelschleier und Tropfenschlag auf harten Blättern! Wann wirst du die Einheit von Tod und Leben in Klarheit und Licht verstehen, du bettelarmer Königssohn!«


* * *


Im Garten des grauen Klosters saßen sie auf einem verwitterten Grabsteine. Mönche gingen bedächtig durch den halbdunkeln Kreuzgang, und feierlich klang das Glockengeläute vom schweren Turme. Da sprach der Bettler:
»Tag für Tag und Jahr für Jahr hallen diese Gewölbe von den Schritten derselben Männer wider. Stein für Stein ist ihnen vertraut, und Bildnis für Bildnis: Und dennoch atmet Stein und Bildnis jeden Tag aufs neue heilige Leben für sie. Unerschöpfbarer Born entspringt ewiger Ruhe. Juliana! Ewig fanden Mann und Weib einander, und jedesmal ward das ewig Wiederholte zu großem Geschehnis.«
Dämmerung senkte sich herab. Helle Streifen fielen aus den hohen Fenstern der Kirche auf den Klostergarten. Zitternd und schwebend verklangen die Glocken, und Gesang hub an. Langsam erhob sich Juliana und vor dem Bettler stehend sprach sie:
»Nicht redest du volle Wahrheit: Wohl suchte Mann und Weib ewig einander, doch sie fanden einander nie.«
»Doch, ich will dich finden, Juliana!« schrie heiß der Bettler auf.
»So folge mir weiter.«


* * *


Bäume krümmten sich schmerzhaft auf dem sumpfigen Boden, und gelb und lang war das Gras. Molche schlängelten sich in den Tümpeln, und hochbeinige Reiher schritten gewichtig einher. Kerbtiere schwirrten um moorige Löcher.
Da sprach der Bettler zu Juliana:
»Buntes Leben beherbergt der Sumpf. Wie schließen nicht Dürre und Feuchte einander aus, und doch erzeugt ihre Vermählung vielfältiges Gewirr von Lebendigem. Juliana! So unerreichbar du mir auch ewig sein wirst, so wahr ist dies: nicht ist Spannung zwischen uns der Zweck, sondern Berührung, daß Neues, jedem von uns Wesensfremdes entstehe.«
»Und wäre nicht dieses Neufremde ein zweckloses Wesen wie ich und du?«


* * *


Gold und Juwelen und weißblaue Perlen schimmerten an den Wänden der Schatzhölle in vielfältigem Lichte unter der milchigen Kuppel.
Und als Juliana sich auf dem Lager ausgestreckt hatte, kniete der Bettler vor ihr nieder und sprach:
»Als köstliches Kleinod erscheinst du mir, und als strahlender Edelstein. Unberührte Weiße zeigt dein Arm, und seltsamen braunen Korallen gleicht das Haar deiner Achselhöhlen. Spangen zieren deine Glieder und ein Reif schmückt deine Stirne: Juliana! Laß mich die kostbarsten Steine über dich säen, laß mich mit wohlriechenden Wassern deinen Leib besprengen, daß du selbst zum strahlenden Kleinode werdest. Laß mich dir Wein in kühlen Schalen reichen, daß in glühend-trunkenem Rausche Juwelen und Gold eins mit deinem blühenden, schwellenden Leibe werden, und nimm mich dann hin, wie du des Weines genossest!«
Und Julianas Gewand glitt herab und offenbarte ihre Brüste und ihre Scham. Unter dem Haupte faltete sie die Hände und sah in ihrer leuchtenden Nacktheit unbeweglich auf den Bettler herab.
Seine erhobenen Hände bebten, als er sprach:
»Was ist Sternenschein gegen das Licht, das deinem Körper entdringt! Was ist der bräunliche Schein des Mondes im Wolkendome gegen die Farbe deiner Scham! Und rot, wie ein sehnsüchtiger Mund lockt der heilige Spalt. Was ist alles Leuchten der Welt gegen all diesen Glanz! Fieber faßt mich, Juliana! Gönne mir die kühle Glut deines ewigen Leibes.«
Da hob Juliana den Arm, und das Licht der milchigen Kuppel erlosch. Und schwarz wurden die eben noch schimmernden Steine.
Aufschrie da der Bettler:
»Wie hart du bist, Juliana! Mir graut vor erloschenem Glanze.«
Da hob sich Juliana auf vom Lager und sprach:
»Noch niemand sah der Sterne Licht verbleichen.«


* * *


In weißem Mondlicht war der Föhrenwald erstarrt und die hohen, nackten Stämme warfen blaue Streifen auf das silberglänzende Moos. Auf den abgestorbenen Asten saßen unbeweglich kleine Eulen, hier einzeln und dort in Reihen. Zuweilen streckte eine den Hals vor, um ihn gleich darauf wieder zwischen die Schultern zu ziehen. Da sprach der Bettler zu Juliana:
»Lebendiges tötet das Mondlicht und erweckt Totes zum Leben. Geahntes erhält Form, und Festes verschwimmt. Unser Fuß schwankt auf Felsengrund und schwebt sicher über dem Moose. Sage mir, Juliana, ist dir je größeres Wunder begegnet?«
Doch Juliana schwieg. Voll schien ihr der Mond ins Gesicht. Wie um sein Licht einzutrinken, bog sie das Haupt zurück und schloß die Augen.
Und wieder sprach der Bettler:
»Und auch du, Juliana, bist mir verändert und losgelöst von altem Sein. Ich sehe dich dort stehen, und Unwirklichkeit wird wirklich, und Wirklichkeit zerrinnt. Eine wahrere Welt darf ich ahnen, die hinter Sonnenschein und Mondlicht liegt. Die klugen Augen der schweigsamen Eulen reden davon, wie das helle löschende Licht auf deinem Antlitz. Juliana! Laß mich in deinem Schoße Gewißheit des tieferen Seins finden.«
Da flogen die Eulen von den erstorbenen Zweigen auf und kreischten und schlugen mit den Flügeln. Juliana wandte sich dem Bettler zu und sprach:
»Die Vögel, die du selbst zu Zeugen riefst, verwehren dir meine Nähe. Sprich, armer Bettler: ward auch deine Unwirklichkeit wirklich, und zerrann auch deine Wirklichkeit?«
Da senkte der Bettler sein Haupt und schwieg.


* * *


Durch den gewundenen Höhlengang tasteten sie sich vorwärts. Naß und kalt waren die Wände, und aus den Spalten rieselte Wasser hervor. Feucht war der Boden, Schlangen und Gewürm krochen umher. Zerrissener, schwankender Tagesschimmer fiel durch schmale, zerklüftete Schächte.
Da sprach der Bettler:
»Schauer von kühler Nässe durchzucken meine Haut, und Grauen überfällt mich, wenn mein Fuß in feuchtem Lehm versinkt. Schrecken läßt mich erstarren, wenn kaum hörbar glatte Tiere im Dunkel entweichen. Und doch mischt sich in heißer Wollust Verlangen Ekel und Grausen. Es ist, als ob die häßliche, triefende Nacht in feuchter Höhle ein Sehnen nach Gleichem im Körper auslöse, nach Dunkel und Schmutz und gierigem Tasten an feuchten Wänden und leisen, entgleitenden, schlüpfrigen Tieren. Und auch du, Juliana, erscheinst mir anders als sonst. In feuchten Strängen hängt dein Haar herab, und bleich sind deine Augen. Mir ist, als ob deine Haut sich schleimig anfühle. Juliana! Laß mein seltsames Verlangen nach Unreinheit Befriedigung finden.«
Doch Juliana schritt weiter. Und da bog sich der finstere Höhlengang und strahlender Tag lag vor ihnen.


* * *


Und sie standen am Rande des Kraters und schauten in die verklüftete Tiefe hinab, der dünner Dampf entstieg. Aber in Ritzen sickerte es dunkelrot und wälzte sich schwerfällig dahin; da sprach der Bettler: »Seltsam ist dies: ungeheure Kraft schlummert dumpf dort unten, und nur in leisem Grollen zeigte sie zuweilen ihre Gewalt. Doch bricht sie einmal allzerschmetternd hervor und zerbricht das so stark scheinende Gefäß in jähem Anprall.«
Es zuckte spöttisch um Julianas Mund: »Oho, du Träumer! Was gilt die Kraft, die sich ewig verspielt? Und wenn dich ihre brausende Lust blendet, so wisse, daß sie sich wieder beschämt und, der eignen Ohnmacht grollend, zurückzieht.«
Der Bettler griff mit beiden Händen an seine Schläfen und starrte in die Tiefe:
»Doch groß ist die Sehnsucht, die sich ewig so vergeuden darf und ewig gleich stark wieder ersteht.« Da lachte Juliana, leise und hell war ihr Lachen: »So sahst du nie erloschene Krater? Sahst nie den bröckelnden Steinberg, dessen Flamme sich selbst verzehrte?«
Und der Bettler sprang auf und schrie vor Weh:
»Nicht kannst du wollen, Juliana, daß ich mein Bild in diesem Krater sehe. Ewig ist meine Sehnsucht und nie kann sie erkalten.«
Juliana wiegte ihr Haupt.
»Mich dünkt, daß du zuerst dein Bild in diesem Krater sähest. Nur lehrte ich dich, weiter zu schauen, als dein Wille es war.«
»So höhne mich nicht Juliana, weil ich von eigner Kraft träumte. Nicht immer war ich ein Bettler. Juliana.« Ernst war ihr Antlitz, als sie die Worte sprach:
»Wie wirr du bist: dein eignes Sehnen nennst du ewig und siehst in sicherem Erkalten sein hohes Bild. Auf weite Wanderschaft bist du gegangen, fernem Ziele strebst du entgegen und sehnst dich doch zum Ausgangspunkte zurück. So sahst du nie die ruhigen Sterne im großen Raume?«
Da senkte der Bettler den Blick und sprach:
»Ich sah sie über meinen schimmernden Gärten. Und dann kamst du, auf daß sie neues Leuchten gewännen. Doch Schleier legten sich zwischen sie und mich!«


* * *


In fahler Nacht standen sie vor den Mauern der Stadt auf dem Totenfelde.
Grausig war die Stätte, denn weißes Gebein schimmerte aus dem Dämmer hervor.
»Hier werde ich enden,« sprach Juliana, »und du willst meinen Leib umfangen, der hier sein Grab finden wird?«
»Ewig ist dein Leib, Juliana, ewig wie deine Schönheit,« rief der Bettler, und fiebrig glühten seine Augen. »Laß mich deinen Leib küssen, Juliana, um Teil an deiner Ewigkeit zu haben.«
Sinnend starrte Juliana auf den Bettler, und ihr ruhiger Blick ließ sein Blut erbrausen. Er öffnete den Mund zum brünstigen Schrei, aber langsam hob sie den Arm, daß der Bettler erstarrend zurücksank.
»Anderes hätte die Stätte dir lehren sollen, als wildes Verlangen. Siehst du denn nicht die schwarzen Vögel dort auf der Mauer hocken? Schrecke sie nicht, denn sonst entfalten sie die Flügel und flattern mit heiserem Geschrei um uns her. Daß die Toten unter der Erde in ihren weißen Tüchern erschauern.«


* * *


Nichts als ein Gewirr von Blöcken und Felsen, und schwerer grauträger Himmel, die Fernsicht verschließend.
Da sprach der Bettler:
»Herb ist der Grund, auf dem wir stehen, und unbeweglich die Luft. Nur starres Schweigen, das kein Lächeln kennt. Und doch ist dieser Ernst groß und stolz und schön und läßt vergessen, daß es Sonnenschein und liebliche Täler gibt. Juliana! An den strengen Bau deines Leibes muß ich denken und sehne mich nach felsenharter Umarmung.«
»So verstandest du verschlossener Ruhe Größe noch immer nicht? Und Sehnsucht formte sich noch nicht zu begehrlosem, steinigem Felde, das seiner Größe bewußt, nicht nach der Sonne verlangt?«


* * *


Und strahlendweiß wölbte sich die Firnkuppe über dem großen Gletscher, in dessen blaue Eispaläste sie schauen durften. Da sprach der Bettler:
»Allein uns beiden leuchtet der Himmel und schimmert der Schnee. O, welche Klarheit der Farbe! Und diese Reinheit der Luft! Nur uns vernehmbar brausen Wasserfälle tief unten im zerklüfteten Eise. Juliana! Gleicht dein weißer Leib nicht flimmerndem Schnee, deine dunklen Augen nicht den geheimnisvoll-blauen Spalten zu unseren Füßen! Ist dies nicht die alte Sehnsucht, die mich zur Kuppe des Gletschers führte, die mich nach deiner Liebe verlangen läßt: in Reinheit und klaren Farben.«
Juliana sprach:
»Aus Menschengetümmel führte uns der verschlungene Pfad in diese Höhe. Doch immer noch stehen deine Füße auf allzu festem Grunde.«


* * *


Und graue Wolken wogten um sie her. In schweren Schwaden zogen die Nebel. Juliana und der königliche Bettler schwebten dahin.
»So hast du mich hierher geführt, wo unsere Füße keinen Grund mehr kennen. Juliana! In tausend Formen suchte ich dich, und immer wußtest du mir zu entweichen. Ich kann nicht weiter, Juliana! Zwar tötet das Ziel die Sehnsucht, doch wisse: es gibt auch eine Sehnsucht, die, stetig unerfüllt, zuletzt sich selbst verzehrt. Sei mein, der feste Grund versank. Mich schwindelt. Ich kann dir nicht weiter folgen!«
Da zerrissen die Wolken, und nächtlicher Himmel strahlte herab. Noch schwebte Juliana, doch auf hohem Felsengrat stand der Bettler mit erhobenen Armen.
»Wie wandelt sich dein Leib, Juliana? Nicht körperhaft ist er mehr. Er leuchtet mild, wie die ewigen Sterne. Durchsichtig wird dein Leib, Juliana, der mir immer versagte. Er löst sich auf wie fein leuchtender Dunst. Juliana, wo bist du? Gingst zu den Sternen du ein?«
Doch keine Antwort kam mehr vom nächtlich strahlenden Himmel zum Bettler, der, von Wolken umwogt, allein auf hohem Felsengrat stand.


* * *


Und müden Schrittes und gesenkten Hauptes betrat der Bettler sein Gemach. Zerschlissen waren die Seidenteppiche, und Motten hatten die Vorhänge zernagt. Das Plätschern des Brunnens in den schimmernden Gärten war verstummt, und freche Diebe hatten die Edelsteine geraubt. Geborsten waren die hohen Bäume, und durch gesprungene Mauern drang fahl das Licht des einsamen Morgens.


* * *




eBook (pdf) bei ngiyaw eBooks

Mittwoch, 22. Dezember 2010

Agnes Günther - Waldweihnacht

Robert Weise - Weihnachtszauber


Zum 22. Dezember 2010



Ein dichter Nebel lag drei Tage über dem Waldland, dann kam die scharfe Kälte, und nun hat der Wald sein schönstes Weihnachtskleid angezogen. Wie feierliche Kandelaber sind die alten Schirmtannen, die oben auf der freien Höhe stehen, nur daß sie ihren Kerzenschmuck nach unten hängen. Tief bis auf den Boden senken sich ihre Äste unter der schweren Last, die nun ein heimliches Nest bilden, von dem man sich denken möchte, daß darunter irgend ein frierendes Häslein oder Reh ein Obdach fände. Die Birken sind mit tausend und aber tausend Kristallperlen behangen, und an ihr feines Gefieder hat sich der Rauhreif angesetzt, wo ein Blattknöspchen auf den kommenden Frühling wartet, daß es läßt, als wollte der Baum mitten im Winter seinen Mai haben, aber einen silbernen. Jedes Möslein am Weg, der Dornstrauch dort, aus dessen kristallenem Gezweig noch die roten Beeren hervorleuchten, alle haben sich in köstliche Festgewänder geworfen. Wie zierlich und fein steht der Distel ihr Silberkrönlein, wie ist aus dem geduckten Schlehenstrauche das Meisterstück eines Elfensilberschmieds geworden! Ganz still ist's, und nur zuweilen geht ein feines Klingen durch den Wald, und ein Seufzen, wenn ein Zweig einen Teil seiner Last, die ihm zu schwer geworden ist, abschüttelt. Die Buchen sind ganz dicht geworden, und auf den Weg, über dem sie wieder, wie im Sommer, doch nun aus edlem Weiß, Silber und Kristall, den gotischen Dom bilden, fällt ein wunderbares gedämpftes Licht von dem fünften nebelgrauen Himmel, der doch ein mattes Sonnengold ahnen läßt. Der Haselbusch hat sich mit breiten silbernen Bändern behängt, die in seltsamen Bogen und Windungen seine Zweige verbinden. Spinnfäden sind's, und wie würde sich die emsige Spinnerin, die nun längst wie ein totes welkes Blättlein über ihren noch schlafenden Kindlein hängt, verwundern, wenn sie sehen könnte, was aus ihrem Gespinst geworden. Fliegt ein Vogel auf, so stiebt ein Wölkchen von silbernen Sternen, und wie sie fallen, so liegen sie auf dem Weg und schmücken auch ihn, der sonst so nackt und braun ist.
Zwischen den Schirmtannen hervor, welche die Höhe umstehen, kommt auf den weißen Buchendom zu ein großer Mann geschritten, in waldmäßigem Lodenwams, einen verschabten grünen Filzhut auf dem krausen braunen Haar. Unter dem alten Hut leuchten in die Pracht hinein ein Paar graublaue Augen, und wenn an dem Mann einem zuerst nichts als seine ungewöhnliche Länge und mächtige Breite auffallen mag, so tut's ein Blick in diese Augen, denn es sind die Augen derer, die sehen. Als saugten sie es in sich, dieses Bild des Waldwegs, mit den silberangehauchten Säulenreihen der Buchenstämme, ferne durchleuchtet von dem matten Opal des Himmels. »Augen, meine lieben Fensterlein... Trinkt, o Augen, was die Wimper hält, von dem goldnen Überfluß der Welt!« Diesmal ist's ein silberner Überfluß. Dort steht er an der mächtigen Buche, und es umschließt ihn das Schweigen und die feierliche Stille, und es ist, als hielten die Bäume und Sträucher den Atem an; als müßte etwas werden, etwas Wunderbares, etwas Geheimnisvolles, etwas, das den gewöhnlichen Lauf des Geschehens unterbricht. Und das feine Klingen von fern und nah und das Seufzen geht durch die Stille, als hörte man das Herz des Waldes schlagen.
Könnte es nicht doch sein, daß der Schleier zerriß nur für einen Augenblick, der Schleier, der uns Menschen von der Welt, die uns umgibt, scheidet, die wir doch fühlen, wenn wir einmal still geworden sind? Von der Stille, die am liebsten von den nächtlichen Sternen herabsteigt oder im Walde auf uns niedersinkt, der unsern Vätern ein heiliger Ort war, wo die Götter wohnten. Waren sie denn so töricht, diese Alten? – Ach warum bist du so scheu geworden, du feines braunes Reh dort? Wie sind die Kinder der Welt von einander getrennt und fern, wie einsam, wie sterneneinsam das Herz darin; nicht Tier, nicht Pflanze kennen dich, sie scheuen sich vor dir, und doch treibt der gleiche rote, sanfte Strom seine Wellen durch dein Herz wie durch das des Tieres dort. Und den Eichbaum, den vielhundertjährigen, der seine vom Blitz in wilden Sturmesnächten gestreiften Arme wie Riesenschlangen windet, den liebst du! Wie ein Freund ist er dir, den du von Kindheit gekannt und mit scheuer Verwunderung an dunkeln Herbstabenden betrachtet hast, wenn du hinter dem Vater drein gingst. Wenn er eines Morgens geborsten am Boden läge, würdest du um ihn trauern wie um einen guten alten Freund. Aber was weiß er von dir? Einsam geht der Mensch dahin zwischen dem, was um ihn lebt und stirbt, sich freut im Mai und im Winter seine silbernen Träume träumt.
Der Mann starrt auf den Weg und sein Ende, wo er sich in dem duftigen Schleier der Birken wendet, als müßte etwas von dort kommen, gerufen von der brennenden Sehnsucht, die die Einsamkeit gebiert; aber nur ein kleines Dirnlein hastet dort vorbei, in einen alten braunen Schal eingewickelt, dessen Ende hinten nachschleppt und allerlei Waldanhängsel, Dornen, gefrorene Moosfetzen, nach sich zieht. Sehr eilig hat es die Kleine, und nun verschwindet sie hinter den Haselsträuchern. Dort geht's aber auf eine dachgähe Halde, und der einzige Pfad hinunter ist eine Eisbahn. Mit ein paar langen Schritten ist er zwischen den Sträuchern.
»Halt! da kannst du nicht hinunter.«
Ein Knacken, ein leiser Kinderschrei, der seltsam die Stille durchschneidet.
»Halt dich! Halt dich an einem Zweig, ich hole dich schon.«
Halb schleifend, halb rutschend kommt er hinunter, und da auf einem Blätterhaufen in einer Mulde zusammengeweht liegt ein braunes Häufchen. Und wie er mit einer Hand an einem Zweige hängend nach ihr greift, hebt sie ein kalkweißes, erschrockenes Gesicht.
»Da faß die Hand, ich tu dir doch nichts zuleid! Fürchte dich doch nicht. Hast du dir weh getan?«
»Nein;« sehr kläglich, sehr erschrocken kommt's heraus.
»Nun, so gib die Hand!« Sie schüttelt.
»Wohin willst du?« Sie deutet mit dem eingewickelten Köpfchen nach der andern Bergseite hin, wo der Wald steil in starrender Pracht wieder ansteigt.
»Dort geht kein Weg. Woher kommst du?« Keine Antwort. »Gehörst du nach Berklingen?«
»Nein.«
»Nicht? Und die Landessprache kennst du auch nicht, sonst würdest du ›Na‹ sagen.«
Ein fremdes Kind also. Und verlaufen muß es sich haben. Denn im ganzen Wald sind jetzt keine Holzfäller mehr; die haben heut schon Feierabend gemacht und sind zu den kleinen spitzgiebeligen Häusern gegangen, wo die Kinder schon warten, bis der Vater den Tannenbaum in das grüne »Gärtlein« setzt. –
»Hast du zu deinem Vater gewollt?« Das Schütteln ist nun sehr energische Abwehr. »Also gewiß nicht zu dem,« brummt er. Nun läßt er den Zweig los, und mit einigem Straucheln und Gleiten kommt er zu dem Nestchen, wo sich das Kind duckt, als sähe es sich nach einer Fluchtgelegenheit um, und nicht los kann, weil das eisige Dorngeranke der Brombeeren es festhält. Und nun macht sich's mit einem Ruck los, daß die ganze Schleppe mit dem Waldanhängsel abreißt. Aber da hat er sie auch schon erfaßt, und so sehr sie sich sträubt und flattert wie ein Vöglein, das man in der Hand hält, so bringt er sie doch mit vieler Mühe herauf, und nun steht sie zitternd und schneeblaß auf dem Weg. Da greift er in seine Tasche und zieht einen großen rotbackigen Apfel heraus und reicht den als Friedenspfand mit einem guten Lachen hin.
»Da nimm und sage, wohin du willst, so zeig ich dir den Weg, du wunderliches kleines Fetzenmadämchen.« Denn der braune Schal ist ziemlich übel aus den Dornen gekommen. Aber sie will den Apfel nicht, und der wandert wieder in die Tasche zurück. Aber der Apfel, oder vielleicht ein Blick in die blauen Augen mußten doch eine Brücke geschlagen haben.
»Ei woher hast du den feinen Nasenrücken? Und was hat dein linkes Beinchen getan, daß es frieren muß und nur das rechte eine Gamasche hat?«
»Sie gingen nicht zu. Und es ist auch gar nicht kalt.«
Es ist das erste Wort, und sie spricht allerdings nicht die Landessprache.
»Und wohin gehst du?«
»Nirgends hin!«
»So, nirgendshin. Da geh ich nämlich auch hin, dann haben wir einen Weg.«
Und er nickt ihr ermunternd zu, steckt die Hände in die Hosentaschen und schlendert neben ihr her, behält sie aber vorsichtig im Auge, daß sie nicht mehr entwischen kann. Und zögernd folgt sie ihm, als wäre es doch gut, auf dem Weg zum Nirgendwohin-Land einen Gefährten zu haben, eine kleine wunderliche Gestalt in dem zerfetzten Tuch; die Stiefel tragen bis oben hinauf Spuren eisiger und lehmiger Wege; am rechten Bein eine falsch zugeknöpfte Gamasche, am linken keine, dafür aber ein großes Loch im Strumpf, durch das ein weißes Knie schimmert. Und wie er so neben ihr hergeht, steigt ein deutlicher Armeleutegeruch aus dem Schal auf, ein Geruch nach selten gelüfteten Stuben, auf dem Zimmerofen gekochtem Sauerkraut und hundert andern unbestimmbaren Dingen. Aber der Nasenrücken ist sehr fein geformt und fast stolz, die Augen lang mit breiten Lidern, die so zart sind, daß, wenn sie die senkt, die Augensterne durchschimmern.
»Also durchgegangen bist du!«
Sie schreckt zusammen, und ja! steht so deutlich auf dem erhobenen Gesichtchen. Da lacht er wieder sein gutes Lachen.
»Wenn die Leute ins Nirgendsland wollen, sind sie meistens von irgendwoher gekommen, wo es ihnen nicht gefallen hat.« »Und ich geh auch nicht mehr zurück.«
»So arg haben sie dir's gemacht?«
»Nein, nicht arg. Weißt du, das kann man nicht sagen.«
So zutraulich ist sie nun schon geworden. Und eine Weile wandern sie miteinander in dem verzauberten Wald, und er wartet mit dem feinen Gefühl für Kinderseelen, das manche Menschen haben, die wissen, daß man durch Fragen das Kind von seinem Gedankenpfädlein oft nur abirren macht, und daß das Vertrauen am ehesten durch ein freundliches Zuwarten gewonnen wird. Doch ihre Schritte werden immer zögernder und schleppender, und als da am Weg ein Reisighaufen liegt, freilich auch in einem Eiskleid, so setzt sie sich darauf und sagt sehr artig und mit der Feinheit eines gut erzogenen Mägdleins:
»Ich danke sehr, ich bleibe hier.«
»Müde?«
Er setzt sich ihr gegenüber auf einen Steinhaufen und schlägt die langen Beine übereinander: »Ist vielleicht nun der Apfel gefällig, kleines Fräulein?«
In den Augen leuchtet's auf, und eine kleine Hand streckt sich zögernd aus dem Fransengewirr nach dem Apfel aus, und ein feines Freudenrot steigt in ihre Wangen. »Gut ist er.«
Und nun erzählt sie. »Mir hat das Nähröschen einmal auch einen geschenkt und ich habe ihn in mein Bett gesteckt und nachts gegessen, wie alle fort waren. War das nicht lieb von dem Nähröschen? Es hat rote Haare und wohnt in dem kleinen Haus, vor dem im Sommer die hohen roten Blumensäulen stehen, und hat neun Geschwister, und wenn sie abends heimkommt, macht sie denen noch alle Kleider.«
»Ein treffliches Nähröschen! Und wo ist das Häuschen, vor dem im Sommer die Blumensäulen – das sind wohl Malven – stehen?«
»Zuerst kommt ein grünes Feld, darauf sind weiße Sterne und gelbe Krönchen, wenn die Sonne freundlich ist, und dann kommt man an die steilen Bäume, die hinaufstarren und die seufzen.« »So wär's am besten, wir machten uns jetzt auf die Beine und gingen zu dem Nähröschen. Die hat gewiß noch einen Apfel, denn ich habe keinen mehr. Und das ist ein kalter Sitz und das Stiefbein friert.«
Aber sie schüttelt wieder. »Ich will hier bleiben. Ich bin ja sonst den ganzen weiten Weg umsonst gegangen.«
Und nun strahlt das volle süße Kindervertrauen aus den erhobenen, sanften Augen. »Ich will auch nicht mehr zurück und will warten, bis die Nacht kommt, und Hunger habe ich keinen mehr, weil du mir den Apfel gegeben hast.«
»Die Nacht willst du da bleiben und fürchtest dich nicht! Du hast etwas Gutes vor. Weißt du denn nicht, daß die Leute, wenn die große Kälte kommt, einschlafen und nicht mehr aufwachen?«
»Ich werd schon nicht einschlafen. Ich warte ja! Sieh doch die Bäume da am Weg und die weißen Schwertchen und die Krönchen und die silbernen Fransen, und die Perlenschnüre und die Bänder! Warum haben die sich so angezogen? Die warten alle, und daß etwas kommt, das wissen die ganz gut. Und vorher ging ein Reh vorbei, das sah mich an und wußte es auch.«
»Das fühlst du auch, du? Du kleines Seelchen! Wie heißt du denn?«
»Ich habe viele Namen, aber keiner ist der rechte. Und bei Nacht kommt mir, ich wisse den rechten, und am Morgen habe ich ihn wieder vergessen! ›Arme Kleine,‹ sagt mein Vater zu mir. Aber so will ich nicht heißen. Und ich bin fortgegangen: daß es aber der rechte Weihnachtswald ist, habe ich erst gesehen, wie ich drin war.«
Da beugt er sich vor und hebt das Geschöpflein trotz dem strengen Duft des Tuchs auf seine Knie und schlägt seine Lodenjacke um das eine kalte Bein mit dem großen Loch im Strumpf. Nun fürchtet sie sich gar nicht mehr und nestelt an seinen braunen Hirschhornknöpfen herum.
»Weißt du, das mit dem Christkind, das die schönen Sachen bringt, das ist alles erlogen. Es steht alles im Katalog. Puppen und Wagen und Soldaten und alles. Und wenn ein rechtes Christkind wäre, so wüßt es, daß ich keine neuen Puppen will, die gar nichts von mir wissen und mich nicht kennen.«
»Die alten kennen dich wohl?«
»Wenn ich sie doch abends immer ins Bett lege und nie auf einem Stuhl lasse! Aber vor Weihnachten gehen immer die alten Puppen fort, und es bekommen sie die bösen Kinder, und seh ich sie dann wieder, dann haben sie schmutzige Kleider, und die Lilla, die mit den schönen Locken, die hatte nur noch ein Auge und der Arm hing ihr herunter. Und nun spiel ich nicht mehr mit Puppen.«
»So verekelt haben sie dir's, armes Seelchen!«
Aber sie muß weiter an ihrem Faden spinnen. »Und das rechte Christkind, das weiß, was einen freut, das kommt doch nicht zu mir. Deshalb bin ich herausgekommen. Hör, wie der Baum seufzt. Und wenn's ein Christkind gibt, so muß es hierher kommen. Und wenn man einschläft und muß nie mehr zurück und sich auslachen lassen, weil man so ein Dummes ist und die rechten Worte immer nicht sagen kann, die alle andern Kinder gleich wissen, und es käme das Christkind vorbei, und läutete so fein mit seinen Glöckchen... Hörst du's nicht? Seit ich im Wald bin, hör ich's und bin ihm nachgegangen, so weit, so weit, daß ich gar nicht mehr zurück kann, weil es viel zu weit ist. Und wenn ich einschliefe, so käme meine Mutter heraus und holte mich, die liegt in einem silbernen Sarg und hat mein kleines Brüderlein im Arm. Und das darf immer bei ihr liegen, wenn ich lernen muß und wenn ich ganz allein in meinem Bett liege und nur leise weinen darf, daß es keiner hört. Und vielleicht nähme sie mich dann in den andern Arm. Und ich wollt schon bei ihr in dem silbernen Sarg bleiben. Da könnten die lachen; ich hörte nichts mehr, denn es ist eine dicke eiserne Tür über dem silbernen Sarg und ein Siegel darauf, und kein Mensch darf herein.« »Und das Lachen, das tut dem armen Seelchen so weh, wenn es die rechten Worte nicht findet?«
»Weißt du das denn nicht? Dich lachen sie doch auch alle aus!«
»Mich! Ja kennst du mich denn?«
»Du bist der Ruinengraf. Und warum gibst du den Mäusen, den netten kleinen, die sich hinsetzen können wie rechte Leute, und aus den Händchen essen, warum gibst du denen nichts? Mir hast du doch gleich den Apfel gegeben?«
»So – den Ruinengrafen nennen sie mich! Nicht übel, es ist immer gut, wenn man seinen Namen weiß,« brummt er. »Den Ruinengrafen! Und was für wunderbare Dinge du weißt! In einem silbernen Sarg liegt deine Mutter, du Armes! Und wohin gehörst du nun? Und warum geb ich den Mäusen nichts?«
»Ich höre manchmal, was sie in der Nähstube reden, die geht in den Lindenbaum, und da hab ich eine Treppe hinauf. Und die Margarete, die dick ist und wie ein Herr ein kleines Bärtchen hat, sagt, es wäre eine Schande, daß du in dem Geklüft wohntest, und du wärest so arm, daß die Mäuse mit verweinten Augen einem entgegenliefen, wenn man an deine Mauer käme.«
Nun lacht er laut auf, erschütternd und gewaltig dröhnt es aus der mächtigen Brust auf, ein urgermanischer Ton ist das in der verzauberten Waldstille. Das Seelchen erschrickt fast; dann läutet plötzlich ihr feines klingendes Lachen, wie wenn ein Vogel mit seinem Flügel eine Harfensaite berührte, daß die ein weniges klänge.
»Nein, die haben's zu arg gemacht – und auf die Mäuse will ich achten, daß sie ihr anständiges Futter kriegen.«
»Ich hab dich dann gesehen, wie du mit deinem Knecht gegangen bist, der aussieht wie der Kaliban in dem roten Buch, und du hast mir so leid getan, weil du so arm bist und so groß wie kein anderer, und nicht einmal die kleinen Mäuse bei dir satt kriegen. Aber nun ist's nicht wahr! Die lügen oft.« Wohin mag doch das vermummte Kind gehören, dessen Mutter in dem silbernen Sarg liegt? Nicht in das kleine Städtchen, so weit her kann sie nicht gekommen sein. Ihr Deutsch klingt fremdartig und zuweilen ein wenig stockend, als ob es nicht die Sprache sei, die sie immer spreche. Welch eine Woge des Schicksals mochte das arme Seelchen in das Waldland verschlagen haben? Die Waldleute sind ein wanderlustiges Volk. Kein Haus in dem uralten, noch umwallten Städtchen oder in den heimeligen Dörfern, das nicht ein Glied über See hätte. Sie haben dann allerhand Schicksale, diese Waldleute, kommen zu Geld und Ehre und verlieren auch beides wieder. Aber sie sieht nicht nach dem Menschenschlag aus. Er könnte es jetzt wohl aus ihr herauspressen, wohin sie gehört, aber es ist gar zu schön, in dem verzauberten Wald auf das feine Märchenstimmchen zu hören. Und er sollte doch die feinen Linien kennen, diese langen Lider, es ist wie ein Rätsel, das sich ihm jeden Augenblick lösen kann. Und er wird sie ja sicher nach Hause bringen. Vielleicht tut's den Ihrigen, die so wenig das arme Herz kennen, gut, wenn sie sich ein kleines absorgen. Und über dem keimt in seinem Herzen eine ferne, schwache Hoffnung auf. Vielleicht ist's ein armes Verlassenes unter Fremden, denen nichts an dem Seelchen liegt. Aber gleich schilt er sich einen Träumer. Kinder, die unter allen Umständen an Weihnachten einen neuen Puppensegen – »aus dem Katalog« – über sich ergehen lassen müssen, gehören nicht armen Leuten. Da legt sie ihr eingewickeltes Köpfchen an seine Brust: müde ist sie und so froh, als ob ihr das Reden von ihrem Leid schon einen Stein vom Herzen genommen hätte. So geborgen, als schließe der weiße Ring der Bäume in ihrem feierlichen Schweigen sie ein und beschlösse sie für immer und immer, und vielleicht kommt das Christkind doch.
Und es fängt der zartgraue Himmel an, sich hinter dem zierlichen Gegitter der Zweige, die so dicht und heimlich stehen, und von denen ein so weiches Licht herabkommt, sacht zu färben. Ein blasses Rosa zuerst. Und wie stehen sie nun gegen den Rosenteppich da, die Äste und Zweige, und das ganze Netzwerk von Kristall und weißem Flaum! Und immer röter und herrlicher wird die Purpurwand, und wunderbare blaue, violette und graue Töne steigen aus dem Weiß auf. Lautlos sehen die beiden in die himmlische Herrlichkeit. Und das Seelchen hält fast den Atem an, denn nun muß es kommen. Woher, weiß es auch. Dort, wo der Weg sich wendet, gerade in die Glut hinein, da hat die schwere Silberlast ein Buchenstämmchen herabgezogen, daß es im Bogen über den Weg hängt. Da durch muß es kommen. O wie der unauslöschliche Kinderglaube aus den grauen Augen leuchtet! Kommt nicht auch das Klingen immer näher? Das braune Tuch ist bedeckt mit Silbersternchen, daß es wohl Aschenbrödels Kleid von der Mutter Grab her sein könnte. Ihre Pupillen weiten sich, daß die graue Iris nur einen schmalen Streifen um die Schwarze bildet, sie gleitet herunter, sie faßt ihn an der Hand und zieht ihn mit sich fort. Da unter den herabhängenden Tannen tief unten ein goldenes Feuer, ein Bogen, wie ein ungeheures, loderndes Flammentor. Die Himmelstür! Weit offen steht sie und gerade auf sie zu führt die gotische Silberhalle, die herrlichste Prachtstraße der Welt. Nun ist's offenbar, darauf haben sie gewartet, die Bäume, die Kräutlein im Silberkranz, das Reh, der Vogel, der immer vorausflog mit dem roten Käpplein. Fest aneinander geschmiegt stehen sie, das Kind legt seine Ärmchen um den herabhängenden Arm des Mannes. Und ein feines goldenes Band schlingt sich von dem einen der zwei Herzen zum andern, ein Band, gewoben aus jenem Gold des Himmelstors. Und über seine Hand, an die sich das Kinderköpfchen schmiegt, fällt plötzlich ein weiches, sanftes Gewoge. Er wendet seine halbgeblendeten Augen, die noch in feurigen Ringen überall das Bild des goldenen Tores hinwerfen, nach ihr. Das Tuch ist abgefallen und um das erhobene, von seliger Erwartung und scheuem Entzücken erleuchtete Angesicht wallt eine Flut von blaßgoldenen Haaren. Und einer der feurigen Ringe legt sich um das Köpfchen, daß es davon umgeben wird und sein Herz ein leiser Schauer trifft, als berühre es der Himmlischen einer. Dann versinkt das Tor, noch ein letztes Gluten am Himmel, das den Wald mit tausend und tausend Rosen behängt – und nun steigen graue Schatten auf; wie Gespenster werden die Bäume; der Eichbaum dort, windet er nicht seine Schlangenarme? Die Stunde, die einzige, ist vorüber.
Und doch nicht vorüber, denn das Mägdlein, das mit seiner blaßgoldenen Mähne aussieht wie ein aus seiner braunen Hülle geschlüpfter Schmetterling, sagt mit seinem hohen feierlichen Silberstimmchen: »O, bist du nicht froh, daß doch alles wahr ist! Und daß wir das Christkind gesehen haben!«
»Hast du's gesehen?« fragt er fast scheu.
»Sein Tor hab ich gesehen und seinen Himmel, und nachher hingen überall rote Kränze. Die haben die Engel heruntergeworfen. Hast du die Rosenkränze, die so brannten und so schön waren, nicht gesehen? Sie hingen doch auf den Bäumen, und der Strauch dort hat sieben goldene Kronen gehabt.«
»Ich sah sie, und du hattest auch ein Krönlein, Seelchen.«
»Ich hatte auch eins! Hab ich's immer noch?«
»Nun ist's vergangen.«
»Sieh, wie die Bäume nun grau werden und sich einwickeln in lauter Schleier, weil sie nun schlafen wollen. Und ich bin so müd. Ich muß weinen, ich bin ganz müd. Du, ich hab mich überfreut!«
»Überfreut hast du dich?«
»Weißt du, wenn man so starke Freude hat, das tut doch weh.«
»Seelchen, komm, wir müssen eilen, ich trage dich.«
Er reißt sich das Lodenwams herunter, daß er in seinen weißen Hemdärmeln dasteht, und wickelt sie darin ein und nimmt sie auf seine starken Arme.
»Kannst du denn kein kleines Mädchen in deiner Ruine brauchen, ich esse nicht viel. Du mußt aber niemand herein lassen, daß man mich nicht sieht. Denn sonst holen sie mich. Weil die mich haben müssen, wenn ich auch nur ein Mädchen bin und es ein Jammer ist, daß die Mutter nicht mich mitgenommen hat und das Brüderlein leben geblieben ist.« »Die müssen dich haben!« Er schaut auf das weiße Gesichtchen, das in seinem Goldgewoge auf seiner Schulter liegt. – Die seinen Linien der Nase, die ein wenig zu großen Augen: das Rassegesicht – – der Braunecker. – –
»Prinzessin! Ja, um Gotteswillen! Wie lang sind Sie schon fort! Ja, sucht denn kein Mensch nach Ihnen?«
»Ja, warum sagst du denn nun Sie. – Dann muß ich's auch sagen. Ich hab kein Du, kein einziges Du, wenn Vater fort ist.«
Armes Prinzeßchen, armes einsames Seelchen, das er nun in seinen Käfig zurückbringen muß. So vertrauensvoll schlingt sich das Ärmchen um seinen Hals, während er mit langen Schritten dahineilt. Wohl wußte er, daß in dem alten Schloß, das mit seinen dicken Türmen in das lieblichste Tal hinabsieht, das einzige Töchterlein des Fürsten wohnt, der nur zu den hohen Festen und den Jagden nach seinem alten Stammsitz zurückkehrt. Aber es war von dem Kinde immer nur mit einem gewissen Achselzucken die Rede gewesen, so daß er sich ein vielleicht schwachsinniges Geschöpf vorgestellt hatte, das in seinem armen Dasein die bitterste Enttäuschung des alten Hauses sei. Die Fürstin und zwei Söhnlein, ein dreijähriges und ein wenige Tage altes, waren vor zehn Jahren innerhalb einer Woche an einer schweren Diphtherie gestorben. Geheiratet hatte der Fürst bis jetzt nicht wieder, und doch würde es sein müssen, denn der alte Stamm stand nur auf seinen zwei Augen. Aber warum wimmelt jetzt der Wald nicht von Jägern und Hunden, warum ertönen die Sturmglocken aus den Dorfkirchen nicht, wie man es immer tut, wenn irgendein Kind, das vielleicht seinem Vater das Essen in den Schlag gebracht hat, nicht zurückgekehrt ist. Seelchen, warum suchen sie denn nicht! Drei Stunden weit ist sie freilich gegangen, und das mochte ihr niemand zugetraut haben. Und mit Schrecken dachte er, wie es wohl gekommen wäre, wenn es ihn nicht in den Wald gezogen hätte heute, ob nicht sein einsames Herz von der Herrlichkeit da draußen so erfüllt werden könne, daß es den bitteren Hunger nach einer einzigen menschlichen Seele vergäße.
»Schläfst du, Seelchen?«
»Nein, es ist so schön, weil du mich trägst, und du bringst mich doch zu deiner Ruine! Wie das Schneewittchen über den sieben Bergen. Du bist freilich kein Zwerg, sondern schier ein Riese, und du kannst auf alle heruntergucken, und so lang will ich auch wachsen. Und stark bist du und brauchst dich im Dunkeln nicht zu fürchten.«
»Vielleicht fürcht ich mich doch.«
»Jetzt?«
»Nein, jetzt nicht. Aber soll dein Vater kein Kind mehr haben?«
»Du hast auch keins.«
»Jedes Kind bleibt bei seinem Vater.«
»So muß ich zurück! O sag's nicht. Ich will nicht. Ich bleibe da, und wenn auch die Bäume noch so schrecklich sind in ihren weißen Tüchern. So sind gewiß tote Leute, so steif und mit weißen Tüchern. O das träumt mir, das träumt mir. Aber ich bleibe hier. Nun haben sie alle einen Zorn und alle reden zugleich, und ihre Stimmen sägen und ich darf meine Ohren nicht zuhalten. Und das Tuch hab ich ganz zerfetzt.«
»Wie du reden kannst, Seelchen, und du meinst, du habest die rechten Worte nicht! Warum sagst du das nicht deinem Vater, deinem lieben Vater!«
»Wann denn? Ich muß immer so artig sein, wenn er da ist. Und das mußt du doch wissen, daß es nicht artig ist, wenn man sich über Miß Whart verjammert.«
»Seelchen, dein Deutsch ist wunderbar, ganz dein eigen. Und du sprichst wohl englisch mit der einen und französisch mit der anderen?«
»Mademoiselle ist nach Anvers in die Ferien, und Miß Whart hat Migräne, und Fräulein Braun – aber das ist ein großes Geheimnis, ich sag dir's nur, weil du's nicht weitertratschest, – sie ist zu Karl gegangen.« »So, zu Karl.«
»Der heiratet sie gewiß einmal, und dann kauft sie sich ein Plüschsofa. Daß sie sich nicht schämen muß, wenn die andern Frauen bei ihr Visite machen. Und das muß jeder anständige Mensch haben.«
Aber sie erschrickt in tiefster Seele, denn er hat gewiß kein Plüschsofa. Und es könnte ihm weh getan haben. Und sie küßt ihn schnell auf sein Ohr, das ist am nächsten und ist auch nicht so bärtig. »Ich meine nur Frauen, weißt du.«
»Laß das, Seelchen,« sagt er fast streng, »und sag, wie du fortgekommen bist: sie wird dich doch nicht zu dem Karl genommen haben.«
Ach, nun hat er es doch übel genommen und er hat sicher kein Plüschsofa.
»Nein,« erzählt sie gang verschüchtert weiter, »die Babett sollte mit mir spielen, aber zu der kam ihre Mutter, die wohnt weit weg, und die weinte und erzählte viel, es kam eine Kuh und ein Jude darin vor. Wie die Leute reden, das versteh ich nicht so recht. Und darf's auch nicht lernen, sagt Fräulein Braun: Es ist gemein.«
Es klingt, wie wenn er etwas brummte, – wie ›dumme Gans!‹ klingt's.
»Nun weiter!«
»Da ging die Babett und wollte der Mutter etwas bringen, das in einem Buche ist, wo man Geld dafür bekommt, und es war eine große Freude dabei. Für die Mutter, nicht für die Babett. Und die Mutter ging und ihr Tuch ließ sie da. Und da war's, wie wenn mich etwas packte und nach dem Tuch hinzöge. Und da wickelte ich mich darin ein, wie's die Waschfrauen machen, wenn sie im Regen kommen. Eine Gamasche hab ich nur angebracht, dann hab ich Angst bekommen und bin schnell die Dienertreppe hinunter. Und es begegnete mir niemand. Dann bin ich durch den Park gegangen, und ein Gärtner hat mir ›Vogelscheuche‹ nachgerufen, dann kam ich ans Wach. Es war aber keine Brücke da, so bin ich übers Eis gegangen.« »über das Wach gegangen!«
»Es war ganz schön. Das Wasser lief unten, und es gluckste, und es lachte einer heimlich da unten, und ein Fisch schoß vorbei, und ein großes Loch war auch da, um das ging ich herum ...«
So, nun weiß er, warum niemand hier suchen geht. Das Wach ist nur ganz dünn gefroren und hat Stellen, an denen unterirdische Quellen aus dem Boden kommen, wo auch im härtesten Winter das Eis nicht tragt. Und er möchte an einen Engel glauben können, der das Kind auf dem Todespfad geleitet hat. Und er sieht im Geist das Flüßchen zwischen seinem Wald und den Wiesenufern, unter der trügerischen Eisdecke, und die vielen Männer, die jetzt mit Fackeln und Stangen nach einem kleinen, halb erstarrten Körper suchen. Und der Fürst muß heute abend kommen. Mit dem Achtuhrzug. Und die müssen ihn mit der schrecklichen Nachricht empfangen. Und der Mann, der schon so viel verloren hat, was muß er leiden an diesem fürchterlichen heiligen Abend. Mit seinen längsten Schritten eilt er dahin. Aber es ist eine Stunde in der Nebelnacht bis zu seiner Ruine, von der aus er erst Nachricht geben kann. Das zarte Kind muß bald unter ein Obdach kommen. Und dem Fürsten wird es auch so lieber sein, als wenn er seine Tochter aus einer Bauernstube abholen muß. Der Pfarrherr ist unbeweibt, wunderlich und menschenscheu, studiert jetzt seine Predigt, wird gar nicht wissen, was er mit dem hereingeschneiten Gast tun soll. Und der Nebel schließt sie immer dichter ein. Kennte er nicht jeden Tritt hier, so wäre es schlimm bestellt ums Heimkommen. Und er macht sich bittere Vorwürfe, daß er nicht gleich geeilt hatte.
Aber das Kind will jetzt von ihm wissen, so viel, so viel. Mit dem sicheren Instinkt der Kinder hat sie herausgefühlt, daß sie einen Freund gefunden hat.
»Warum wohnst du in einer Ruine, warum bist du so arm? Bist du auch das Christkind suchen gegangen?«
Und im Weiterschreiten erzählt er ihr von sich. Erst zögernd, denn er ist es fast ungewohnt, von sich zu reden, dann mehr für sich selbst, wie es sehr einsame Menschen tun, wenn sie einmal ihr Herz öffnen. Von dem großen Brande, der in einer Nacht das alte Schloß, welches sein Vater an einen reichen, jagdlustigen Herrn vermietet hatte, zerstört hat.
Wie sein Vater und er Offiziere waren; beide in demselben Regiment. Und wie der alte Oberst es nie verwinden konnte und sich schwere Vorwürfe machte, daß er das Schloß vermietet, um seinem Sohn das Dienen in Berlin möglich zu machen. Und wie sie beide es nicht übers Herz bringen konnten, die Trümmerstätte, die die Heimat so vieler ihres Blutes gewesen war, wiederzusehen. Und wie der Vater starb und er so allein war und in kleinen nordischen Grenzstädten stand, wo die Wolken tief herabhängen und die Walnüsse bereits Südfrüchte geworden sind. Und wie er malte. Zuerst die grauen Wolkenzüge über den nordischen Ebenen und dann, aus der Erinnerung, das Bild des verlorenen Vaterhauses. Und wie alles, was nicht Farben und Malleinwand war, immer mehr ein bitteres Elend wurde und Verbannung und ein nagendes Heimweh nach dem Waldland. Das Heimweh, das die Seele mit grauen Fäden bespinnt und zusammendrückt und von dem nur reden kann, wer es einmal gekannt. Das Heimweh, das nach jedem Stein der Heimat schreit, das nach den fremden Wänden schlagen möchte. Das immer wieder dem Herzen die trauten Bilder vorhält. Wie es war, als die Halde im bittersüßen Duft der Schlehen lag, am ersten heißen Apriltag. Wie der Schloßbrunnen rauschte, in dem sich zuweilen Vogelgetön und die Sonntagsmundharmonika des Stallburschen verfing, daß es an seiner Steinschale ein wunderliches Echo fand, daß es gewiß auf der ganzen Welt keinen solchen singenden Brunnen mehr gab. Wie die Abendsonne auf dem alten Gemäuer lag und aus den Fenstern so viel goldene Augen machte, die ins Waldland hinausblickten. Bis das Bild aus Ton und Farbe und Duft gewoben vor dem Auge steht, daß Kasernenhofmauern und die grauen Ebenen und die Sturmwolken, oder die mitleidlose Sonne an den klarkalten Tagen, die alle Linien starr macht und so unbarmherzig die bittere Kahlheit zeigt, nicht mehr zu ertragen sind. Und wie er plötzlich dort Schluß gemacht. Weil – nein, das sagt er dem Kinde nicht, daß da ein kleiner Revolver lag und nur die Hand eines treuen Burschen den Punkt unter der Geschichte verhinderte. Und wie er nach Berlin auf die Akademie ging und malte.
Von was er lebte, konnte er schier selbst nicht sagen. Von dem Ertrag seiner Jagd, die er an den Fürsten verpachtet hatte; von dem, was sein Wald zuweilen abwarf, und (wenn das sein Vater noch hätte wissen können!) vom Tapetenzeichnen. Und wie ihm keine Bitterkeit des Deklassierten erspart war. Und wie seine Länge, »der Herr Graf«, der »Leutnant a. D.« und die Härten seiner so ganz allein erworbenen Malweise alle schlechten Witze der langhaarigen Kunstgenossen entfesselten. Wie die nicht Ruhe gaben, bis er einen der windigsten und frechsten Gesellen am Kragen packte und mit ausgerecktem Arm zum Fenster hinaushielt in den Regen, wie der sich auch wand und krümmte. Und das Wohnen in billigen, entlegenen Quartieren, und die ungeheure fürchterliche Einsamkeit, die nirgends qualvoller und entsetzlicher sich aufs Herz legt als in einer Millionenstadt...
Schon längst hat er vergessen, daß ihm jemand zuhört. Das Kind ist wohl eingeschlafen, es rührt sich nicht mehr. Aber das ist ein Irrtum. Das Kind ist hellwach und nimmt jedes Wort in sein feines Herz auf, wo alles unvergessen liegen und, wenn die Stunde kommt, wieder heraufsteigen wird zu jedermanns Verwunderung. Und das phantastische Köpfchen dichtet Bilder dazu, himmelweit entfernt von der Wirklichkeit, aber doch wahrhaftig, mit der innern Wahrheit der Dinge.
Und die Kunst ist eine strenge Herrin, und nur selten noch wird ihm die Seligkeit des Gelingens geschenkt. Und wie an einem stickigen Sommerabend, als aus dem Hinterhof die Luft wie ein glüher Brodem voll unguter Düfte heraufstieg, keifende Weiberstimmen, gröhlender Gesang, das jämmerliche Weinen eines verlassenen Kindes die Musik dazu gemacht, und es über ihn kam mit Riesengewalt. Nur noch einmal den Duft des Heus einatmen, wie es der Abendwind auf weichen Schwingen aus dem Tal heraufbringt, nach dem Schloßberg. »Ja, bin ich denn hier angeschmiedet, ist das noch Menschentum oder ist's ein Höllenkäfig, in den wir da zusammengesperrt sind?« In der Nacht noch, nur mit dem, was er gerade hatte, ist er davongegangen. Von Würzburg an reist er wie ein Handwerksbursche. Und wie er davon spricht, ist's nicht viel anders, als es wohl seine Vorfahren, die mit Kaiser Friedrich in der Wüstenglut hungerten und brieten, oder mit den Niederländern in den spanischen Befreiungskriegen im überschwemmten Land halb wie die Frösche lebten, den aufhorchenden Frauen und Kindern am heimatlichen Herde erzählt haben mochten.
»Und nun das Glück. An einem Regentag komm ich heim; es tropft mir von den Bäumen auf den Kopf und es rauscht und gluckst, und die alten Wolkenfrauen ziehen ihre Schleppen über das Wiesental. Und wie die Linden duften! Es war mir lieb, daß ein Regenschleier die leere Stelle ein wenig verhüllte, wo ehemals das steile dunkle Dach zwischen den Bäumen stand. Es war Abend geworden, und ich dachte: jetzt steigst du noch ein wenig auf dem Schutt herum, daß es dir am Morgen nicht mehr so schrecklich ist. Ich hole mir die Schlüssel beim Förster, denn die Tore stehen ja noch. Der hat eine große Freude und tut mächtig geheimnisvoll. Es knarrt das alte Tor mit dem Ton, den ich so oft im Traum gehört, es ist ganz wie ehemals. Einen Augenblick muß ich noch die Augen zumachen und die Zähne zusammenbeißen vor dem, was kommt, denn jetzt müßte dort die Palaswand aufsteigen, die beiden Hunde hervorstürzen, ich müßte des Vaters Stock hören. Aber wie ich aufschaue, ist's doch wieder ganz anders als ich gedacht. Der Wald hat schon wieder ein wenig Besitz genommen, dort an der Mauerwand rauscht noch unversehrt der Brunnen, ein später Amselschlag hat sich darin verfangen, und er klingt und klingt. Ein wilder Rosenstrauch hängt über dem Brunnen, und eine der Linden lebt auch noch, ohne Krone zwar, an einer Seite kahl, aber die andere hat die treue, gute mit tausend gelben Büschlein behängt. Und es riecht nach Heimat. Der Förster führt mich durch einen Steinwall, den er selbst geschichtet hat, zu einer Stelle, wo herabgestürzte, halb verkohlte Balken ein Dach gebildet haben. Eine rohe Bretterwand, dahinter eine Tür. Die Hofstube tut sich auf. Dort saßen in früheren Zeiten die Knechte, und der ganze große und hohe Raum mit seinen vier tiefen Fensternischen ist unversehrt. Die Fenster verdeckt freilich der Schuttberg. Damals, jetzt nicht mehr. Der grüne Kachelofen steht noch da, der Tisch, die langen Bänke, altes Zinnwerk. Daneben ist noch eine Kammer, wo in früheren Zeiten der Knecht, der die Feuerwache hatte, sich aufhielt. Und da stand noch ein uraltes Bett und ein grünglasiertes Waschbecken. Davon habe ich zuerst Besitz ergriffen, habe mir das am singenden Brunnen gefüllt und mit seinem Wasser mir viel, sehr viel vom Herzen gespült. Und obgleich der Förster, der dies alles im letzten Winter, als er einer Fuchsspur nachging, entdeckt und geheim gehalten hatte, es nicht dulden will, so bin ich die Nacht dageblieben.«
»O, ich will den singenden Brunnen hören. Nimm mich mit zu dir.«
»Ja, hast du denn das alles gehört, Seelchen, nun, dann hör auch auf mein Geheimnis. Ich dachte, du schliefest. Wenn es die Leute hörten, wie würden sie über den verrückten Ruinengrafen lachen. In der ersten Nacht schon, wie ich da auf dem alten Knechtsbett lag, habe ich's gewußt. Wer eine solche Heimat hat wie ich, die so vielen lebendigen Herzen einst das Höchste war, um die sie geblutet haben in vielen Schlachten, in deren Frieden ihre Kindlein spielten, in deren Schatten sie sich zur letzten Ruhe legten, der darf sie nicht verlassen, ihr nicht untreu werden, muß an seinem Teil und so gut er es kann, sorgen, daß die, die nach ihm kommen, das köstliche Gut bekommen, das ihm die Alten hinterlassen. Der Thorsteiner, der vor achthundert Jahren mit seinen Bauern die Steine zu dem festen Haus zusammentrug, hat es auch hart gehabt. Vielleicht nicht so hart wie der letzte, der da auf dem Knechtsschragen liegt. Vielleicht. Und wenn er jetzt da hereinschritte, durch die Türe, mit seinem harten braunen Gesicht unter der eisernen Sturmhaube, möcht ich mich nicht unter seinem Blick winden müssen. Und darum ist mir nicht eine Stunde wohl geworden in meiner Haut, von da an, wo ich wußte, daß die Dohlen und Turmkrähen über ihren zerstörten Nestern herumflattern. Sie haben nach mir verlangt, die Väter, und mir keine Ruhe gelassen, und sind hinter mir drein auf der Ebene geritten, wo die Wolken so tief herabhängen. Und wenn ich zwischen den Vorortbahnen und ihren hundert Lichtern und dem Menschengewühl der armen Heimatlosen im Berliner Norden herumstieg, haben sie an mein Herz gestoßen, daß es mir klar wurde, warum die so ruhelos sind, so verbittert, so unstät, so pflichtlos oft. Weil das deutsche Herz nach einer Heimat schreit. Hat es keine mehr, an der noch die Sitten, die Taten, die Leiden der Alten hängen, so muß es suchen gehen und wird unruhig und füllt sich mit allerhand, was es hin und her reißt und nimmer satt werden läßt.
Und ich baue sie wieder auf, meine Heimat. Manchen Kampf darob habe ich mit dem alten Herrn gehabt. Denn zuerst da sollte es wieder werden, wie es gewesen ist mit seinem Turm und Wall und Ecken und Winkeln. Aber der alte Herr unter seinem eisernen Sturmdach lacht mich grimmig aus. Von der Million, die ich dazu brauchte, und ob ich die mit Tapetenzeichnen zu verdienen gedenke, redet er nicht. Brauchst du denn eine Festung? Bilde dir nicht ein, daß du könntest mit allen Rissen und Plänen, die du machen magst, – was wir konnten. Wir bauten, weil wir nicht anders konnten. Und gegen wen willst du in deinen Wällen Geschütz auffahren? Gegen die Hollacher? Da versank der schöne Traum, und ich habe ihm auf meinem Schragen wie ein Bub nachheulen müssen. So wird's nun eben ein festes gutes Haus. Und wenn ich mich darum mein Lebtag nicht besser betten kann als auf dem Knechtsschragen. Und zuerst habe ich mit meinen zwei Händen angefangen und dabei das Berliner Elend hinausgeschwitzt. Der erste Herr von Thorstein wird auch seine Schultern angestemmt haben, wenn ein gar zu schwerer Stein das letzte Eck am Schloßberg heraufkam. Woher wären denn die meinen so breit? Und heutzutage, wo die Kinder schon mit dem Rundreisebillett im Steckkissen ankommen, muß es auch noch Leute geben, die wissen, wo sie hingehören und für was sie leben und vielleicht sterben müssen.«
»Aber du baust dein Dach wieder dorthin, wo der Himmel so leer ist zwischen den Bäumen, daß du wieder hinsehen magst,« flüstert ein halbträumendes Stimmchen.
Er erschrickt fast, so gut hat sie aufgemerkt. Nun, bis morgen wird sie alles vergessen haben.
Und jetzt blinkt plötzlich ein goldenes Licht durch das weiße Gegitter eines Holunders. Der lange Thorsteiner klopft an einen Fensterladen, ein Frauenkopf fährt heraus. Von ihrer ungeheuren Nachricht ist die Gute so bedrängt, daß sie es sofort, eh sie noch weiß, was er will, weitergeben muß.
»Wissen Sie's schon, Herr Graf, drüben die Prinzessin, das Arme, das nicht so recht im Kopf ist, ist ertrunken im Wach. Seit vier Uhr suchen sie's mit Stangen und Fackeln.«
»Unsinn, Frau Scheiterlein, schnell packe Sie Peterles Strümpfe und Sonntagsschuhe in einen Korb und komme Sie zu mir, aber schnell.«
Und schon ist er mit seinen langen Schritten weiter. Wieder eine Reihe hoher Bäume, dann eine Mauer. Und nun kommt's. Dem Kinde, das sich vor der Stimme der Frau ganz in seine Hüllen verkrochen hat, klopft das Herz. Denn nun kracht und brummt und stöhnt das Tor.
»Der singende Brunnen, du!«
Aber der schläft. Durch graues Gestein, ein Lichtlein schimmert, ein hoher großer Raum tut sich auf, aus dem eine wohlige Wärme und ein köstlicher Duft ihnen entgegenschlägt. Ein herrlicher, großer Tannenbaum auf einem Aufbau von Moos und Steinen, und darunter etwas Wunderbares, das das Kinderherz höher schlagen macht.
Nun läßt er sie heruntergleiten. Ein langer Kaliban steht vor seinem Herrn, den er ansieht wie ein treuer Hund, der jede Bewegung vorauszuberechnen scheint. Zwei Schriftstücke bedeckt der Haus- und Schloßherr mit langen, eiligen Zügen.
»Wenn du's gewinnen kannst, vor acht Uhr, Märt!«
Und mit eiligen Schritten verschwindet der Bursche und läßt gerade noch die Frau Scheiterlein mit Peterles Strümpfen ein.
»Nun, Frau Scheiterlein, wie fühlt Sie sich als dame d'honneur?«
Die Frau macht eine wilde Armbewegung, und mit einem Schwall von ihm unverständlichen Worten wird das Kind in den Salon geleitet, der in einer der vier Fensternischen bequem Platz hat, wo sie mit vielem Protest zwar – weil sie voll Stacheln seien – Peterles Strümpfe anziehen muß, während er im Nebenraum seine Toilette macht. Sie wird nicht eleganter dadurch. Peterles Schuhe erweisen sich als zu drückend und werden unnötig erfunden, Peterles Strümpfe stehen von selbst.
Und nun erhebt sich die schwierige Frage: »Frau Scheiterlein, was kann Sie kochen?«
Ein Zündhölzchen flammt und unter einer Teemaschine hüpft ein blaues Flämmchen. Frau Scheiterlein kann vielerlei kochen, Pfannkuchen, Eierschmarren; aber sie empfiehlt einen guten, festen Kindlesbrei als in allen schwierigen Lebenslagen das beste für hoch und nieder. Bei hoch macht sie einen kleinen Knix. Dann geht sie ab, und man hört bald draußen ein Feuer knistern.
Aus dem braunen Tuch, das zum Verlüften hinausbefördert wird, hat sich ein sehr, sehr schmächtiges Mägdlein in einem blausamtenen Hänger mit altem Spitzenwerk am feinen Hälschen geschält. Aber es könnte anhaben, was es wollte, man sieht nur die wallende Mähne vom blassesten Gold, die zu beiden Seiten des Gesichts herabfällt. »Wenn du so dick sein wirst wie die Haare, Seelchen, so ist's recht. Nun gibt's bald eine Schale Tee.«
Aber sie will gar nichts. Auf den blassen Wangen brennen rote Flecken und die Augen leuchten vor Verlangen. Ach sie ist in des rechten Christkinds Reich gekommen, da unter dem Baum ist etwas so unglaublich Schönes! sie hüpft auf ihren grauen dicken Strümpfen dorthin. Aber er hält sie zurück. »Einen Augenblick, Seelchen, mach fest die Augen zu.«
Da steht sie, vielleicht zum ersten Male in ihrem armen, kleinen Leben ein erwartungsvoll seliges Kind. Und es hat sich doch von jeher der ganze Segen der so hoch entwickelten deutschen Spielwarenindustrie über sie ergossen. Und nun klingen alle Weihnachtsglocken zugleich in ihrem Herzen zum erstenmal, und sie macht krampfhaft die Augen zu, so fest, daß sie noch die feinen Händchen ballen muß. Ein Streichhölzchen knistert und ein feiner köstlicher Wachsduft erfüllt den Raum. Augen auf! Da steht der Baum im Glanz seiner zehn Kerzen, denn einen andern Schmuck trägt er nicht. Und darunter erglänzt im sanften rötlichen Schein das Wunderwerk. Eine Krippe, aber nicht ein Stall, sondern aus grauem Steinwerk erbaut, eine Ruine, eine Steinplatte als Dach, die Ritzen mit Moos gefüllt. Und durch eine Rubinglasscherbe, die zwischen die Steine eingelassen ist, von oben in sanftes Rosenlicht getaucht, die heiligen Gestalten. Aus farbigem Wachs modelliert von den glücklichsten Künstlerhänden. Ein tiefer Atemzug des Entzückens!
»Das Christkind! Liegt so mein Brüderchen in meiner Mutter Arm im silbernen Sarg?«
Denn unter dem Rosenlicht liegt so sanft und lieblich ausgestreckt auf einem Bettchen von seidenweichen Disteldaunen Maria, ihr Kind im Arm. Sie schläft, das rundliche rosa Köpfchen ist an ihre Brust geschmiegt, und mit der einen Hand hält sie, wie den köstlichsten Wiegenvorhang, ihr weiches gelbes Haar um das schlummernde Kind. Über die beiden beugt sich, mit dem schönsten Ausdruck beglückter Liebe und treuer Sorglichkeit, Joseph. Auf dem Pfädlein, das durch Moos und graue Flechten hinaufführt zu der Öffnung, wandern ein Knabe und ein zerlumptes Mägdlein. Ein graues Wachseselein und eine biedere breite rotbraune Kuh sehen aus einem Verschlägchen heraus.
Das Kind kniet vor den Herrlichkeiten auf dem Boden und schaut und schaut. Und der lange Thorsteiner hinter ihr sieht mit der gleichen Kinderfreude auf sein Werk.
»Ein Engelreigen gehörte wohl auch noch dazu, aber ich bin nicht zurecht gekommen mit dem Federvolk. Wo denen wohl die Flügel herauswachsen?«
»Hast du das gemacht?«
»Siehst du, es war freilich eine große Zeitverschwendung. Aber etwas muß der Mensch zu Weihnachten bekommen. Die letzten Jahre gab's nichts, und es war ein Weihnachtselend, wie es nicht an die größte Wand zu malen ist. Aber jetzt bin ich Hausherr und werde mich doch nicht mir gegenüber lumpen lassen. Und siehst du, das hat mir wohlgetan, es ist wie bei Dürer, das Kind der Welt liegt auch in einer Ruine.«
Nun singt die Teemaschine. »O laß mich da, ich muß immer nach der Maria sehen,« flüstert sie, und auf einem alten Wollteppich kauernd, feiert sie die wonnigsten Weihnachten. Der Hausherr hat sich in seiner ganzen gewaltigen Länge auf den Boden ausgestreckt, eine dampfende Teeschale neben sich, ein Urbild des Behagens. Wie das Kind so zusammengekauert sitzt, fallen seine glänzenden Haare fast auf den Boden, die Ellenbogen stützt sie auf die Knie, und schaut und schaut, kaum daß die Teetasse dazwischen zu Ehren kommt.
So ist in ihrem immergleichen Dasein noch kein Tag gewesen, so wundervoll und so lang, als könnt er nie enden. In Wirklichkeit ist's kaum sieben, und mit einem Blick auf seine Uhr berechnet er, ob es noch gelingen kann, mit der guten Nachricht vor der schlimmen zu kommen. Wohl kaum.
»Du, Harro! Für wen hast du das gemacht?«
»Nun, für mich und meine Kinder.«
»Du hast doch keine und du brauchst keine.« »So, brauch ich keine?«
»Sieh die schöne Maria; wenn die Kinder kommen, dann lärmen sie und fassen an; und gehen sie fort, so hat gewiß die liebe Kuh nur noch drei Beine.«
»Meinst du, ich könnte nicht Ordnung halten in der Bande?« und er reckt einen langen, Respekt gebietenden Arm aus.
»Du brauchst keine Kinder, du hast ja mich.« Halb ängstlich, halb trotzig sagt sie's.
»Dich hab ich nur noch eine Stunde, Seelchen.«
Es ist ein Schatten über die Weihnachtsfreude gekommen.
»Eine Stunde noch, dann hoff ich, daß dein Vater da sein wird, dein lieber Vater.«
Sie zuckt zusammen, und eine feine finstere Falte steht auf ihrer Stirn: »Du hast nach ihm geschickt.«
»Sie sind in Angst um dich.«
»O, nun wird er böse sein, wie im Leben nicht! Und dann sagt er, was er immer sagt: ›Sie hat mir immer nur Kummer und Sorge gemacht, die arme Kleine.‹«
»Nein, das wird er nicht mehr sagen. Du machst ihm jetzt Freude. Seelchen! nun hast du ja die rechten Worte gefunden.«
»Hab ich?«
»Die richtigen Worte, mit denen man alles sagen kann, was man lebt!«
»Ist das, weil du mir den rechten Namen gegeben hast? O sag ihm, daß ich Seelchen heiße; aber wenn ich nicht dabei bin, mußt du's tun. Oh, du bist klüger als alle anderen: sag mir schnell, weiß Maria schon, wenn sie das Kindlein hält in ihrem lieben Arm und es zudeckt mit ihrem Haar, – wenn ich ein Kindlein habe, mache ich es auch so, daß die bösen Leute nicht einmal hereinsehen können, – weiß sie, was mit dem Kindlein wird?«
»Nein, das weiß keine Mutter.«
»Meine auch nicht, sonst hätte sie mich mitgenommen. Und dann wird er groß, und die Menschen tun ihm Leids an. Und ist es wahr, daß sie hat dabei stehen müssen und sehen, wie sie ihn tot machen?«
»Seelchen, komm, nicht weinen! Du hast zu viel erlebt heute.«
Sie sieht ihn mit ihren sanften Augen verwundert an, über ihre schmalen Wangen rinnen noch die Tränen.
»Ja, mußt du denn nie weinen, wenn du daran denkst?«
Es ist ganz still in der großen Stube, nur in den Tannen knistert's, es fällt ein Wachs herunter und die Wachslichter, die so schnell vergehen, neigen sich schon. Das Kind wartet nicht auf Antwort. Es sieht hinein in den Rosenschein, auf die schlafende Maria und das so süß geborgene Kindlein. Es ist jene Stille, die so selten ist in unserer hastenden und jagenden Welt voll guter und voll schlimmer Werke. Jene Stille, in der unsere Seele zur Harfe wird, worin sich die Töne der Ewigkeit verfangen. Und es webt sich fester und fester, das goldene Band aus der Himmelspforte im kristallenen Wald. Und weil er eine Künstlerseele in sich trägt, die in Bildern und Tönen denkt, so sieht er im Geiste wieder die Prachtstraße, die nach der Himmelstüre führt, und das Seelchen, das Sonnenkränzlein auf dem Haupt, geht ihm voran, und dort steht im goldenen Glanz das himmlische Vaterhaus, das für ihn die Gestalt der eigenen für immer verlorenen Heimat trägt. Und davor in dem allerherrlichsten Bilde, das uns der Sohn von der Gottesliebe gemalt, der Vater, der ausschaut nach dem wegemüden, dem sündenbestaubten und heimwehkranken, dem verlorenen Sohn. Ein tiefer Seufzer hebt die breite Brust, und indem er sich löst, hat seine Seele den ersten Pfeil ihrer Sehnsucht nach dem ewigen Ziele gesandt.
Und nun kommt die Scheiterlein herein, den dampfenden Brei in buntglasierter Schüssel; das Seelchen bekommt nur ein paar Löffel hinunter. Zuviel ist heute auf sein kleines Herz eingestürmt.
»Nimm mich in deine Arme, ich will noch in die Krippe hineinsehen.« Eine kurze Weile sehen die großen grauen Augen in die erlöschende Glut, dann schließen sie sich, ein Traum wirft seinen bunten Mantel um das Seelchen.
Ganz von ferne klingt in seine farbigen Bilder hinein die wohlbekannte Stimme: »Meine Kleine, meine arme Kleine, wer hätte ihr das zugetraut!«
»Papa,« flüstert sie... und dann schießt das Traumboot wieder mit dem Seelchen an vielen seltsamen Gestaden vorbei, bis es Halt macht an einem grauen Morgenufer.


Ich bedanke mich für den Hinweis auf die enorme Fehlerhaftigkeit des Textes vom 22. Dezember 2010 - geändert am 20. Mai 2011 - nach der Gutenberg-DE - Ausgabe nach Agnes Günther, Die Heilige und ihr Narr, J.F.Steinkopf, 1915

Walter Serner - Inferno

Walter Serner - Inferno Inferno Ein Schreien, das widersetzlich beginnt, wenn es am laute­sten wird, vor Wut sich überschlägt und ...