Alfred Lichtenstein - Konrad Krause

Konrad Krause

Nicht einmal in der Nacht habe ich hier Ruhe. Häufig reißt mich eine Hand von dem Schlaf oder ein Wort. Weil alles finster ist, weiß ich oft am Morgen noch nicht, wer bei mir war.
Ich muß früh aufstehen, um die Kleider zu säubern und die Stiefel zu reinigen. Die Glieder sind schwer, und die Augen haben noch die ganze Müdigkeit. Doch die jungen Herren sind hart, wenn ich etwas versäume, und grausam. Nachts aber sind sie freundlich und streicheln mich wie eine vornehme Dame.
Nur der alte Herr Konrad Krause ist auch am Tage gut. Wenn er Wünsche hat, spricht er, ohne mich zu beschämen; und in dem Klang der Stimme ist, was mich froh macht. Er duldet nicht, daß in seiner Gegen¬wart häßlich von mir geredet wird. Ich habe ihn gern.
Neulich lachte ich über ihn. Ich wurde durch Geräusche geweckt, die kamen von dem Gang vor meiner Kammer. Da war ein Gespräch. Ich fand zwei Stimmen: Eine verlor ich viel, da sie flüsterte; wenn ich sie fing, war sie jung und roh. Eine griff ich, ohne zu suchen; deutlich wie einen Körper. Ich fühlte, daß sie zu fett war und Runzeln hatte.
Ich hörte von der rohen Stimme: »Willst du auch zu ihr, Vater —«
Ich hörte von der fetten Stimme: »Geh du erst, mein Sohn —«
Als Herr Heinz in die Kammer trat, erschrak er laut, weil ich so lachte. Und dann mußte er niesen ...
Aber dies werde ich bald vergessen. Ich weiß sogar nicht mehr, wann der alte Herr Konrad Krause sagte, er habe mich lieb. Das war noch netter.
Ich erinnere mich nur, daß der Schreibtisch, vor dem er saß, schon dunkel war, als ich den Tee brachte. Er fragte, wer zu Hause sei; ich sagte: »Niemand« — Und wollte den Tee ein-gießen. Er zeigte aber auf die Ober¬schenkel und sagte: »Setzen Sie sich« — Ich sagte: »Ich bin so frei« — Und setzte mich. Er sagte: »Stellen Sie doch die Teekanne auf den Schreibtisch.« Ich tat das. Und dann sahen wir unsinnig an, ich war aber sehr schüchtern. Plötzlich faßte er meine Hand und drückte sie an seinen Bauch. Sagte: »Geliebte.«
Wir zitterten heftig —

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