Alfred Lichtenstein - Leopold Lehmann

Leopold Lehmann


Ich bin Beamter einer Bank. Da ich keine Protektion habe, auch nicht ungewöhnlich tüchtig bin, komme ich nicht vorwärts. Ich bearbeite seit mehr als dreißig Jahren in derselben Abteilung dieselben Buchstaben. Deshalb hält man mich für gewissenhaft.
Seit einem halben Jahre habe ich einen neuen Assistenten. Der heißt Leopold Lehmann. Er weiß alles besser als ich. Er ist der Neffe des stellvertretenden Direktors. Er nennt sich Volontär. Er hört sich gern reden. Am liebsten spricht er von sich. Daher kenne ich seinen Lebenslauf.
Leopold Lehmann ist, wie er hervorhebt, eine ungeschickt ausgeführte Zangengeburt. Der Kopf ist nudelförmig deformiert. Die Nase auch. Er hat die üblichen Krankheiten durchgemacht. Er erfreut sich einer komplizierten Lues. Sie hat in den Körper Lehmanns faustgroße Löcher gefressen.
Leopold Lehmann will die Tätigkeit in der Bank aufgeben, Theologie studieren. Daß er schon gekündigt hat, glaube ich.
Lehmann verkehrt ausschließlich mit Theologen und mit mir. Und mit dem stellvertretenden Direktor.
Der hat Rückenmarkschwindsucht.

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