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Alfred Lichtenstein - Mieze Maier

Mieze Maier


Ich besuche noch das Gymnasium, doch interessiere ich mich mehr für Theater und Literatur. Ich lese Wedekind, Rilke und andere. Auch Goethe. Schiller und George mag ich nicht.
Meine Freundin heißt Mieze Maier. Sie bewohnt mit ihrer Gesellschafterin eine elegante Vierzimmerwohnung, denn ihr Vater, Markus Maier, hat ihr viel Geld hinterlassen. Ihre Mutter ist vor zehn Jahren den Folgen einer Unterleibsoperation erlegen. Ihre Mutter soll schön gewesen sein.
Mieze Maier ist erst kürzlich sechzehn Jahre alt geworden. Ihr Geburtstag wurde sehr gefeiert. Viele hübsche und lasterhafte Mädchen und eine Anzahl junger Männer waren geladen. Man war sehr frivol. Man flüsterte einander ins Ohr, daß Mieze jetzt sechzehn Jahre alt sei. Dabei lächelte man ...
Mieze Maier ist schön. Auch klug. Auch talentiert. Sehr kokett. Raffiniert anmutig. Zeitweise unglücklich. Versteht es, viele Männer krank zu machen, daß sie Trauer in den Augen tragen, wenn sie wach sind, und ein Lächeln um die Lippen haben, wenn sie schlafen. Und die Hände sind dicht an dem Körper ...
Stets hat sie ihre Favoriten gehabt. Die sind wie Puppen, mit denen sie spielt, bis sie ihrer eines Tages überdrüssig wird und sie achtlos beiseitewirft. Ich kenne sieben. Sechs Wochen hat keiner in ihrer Gunst überdauert. Ich bin der achte.
Ich weiß — auch meine Tage sind gezählt. Auch ich werde grausam abgetan werden von diesem sechzehnjährigen Ding — halb Kind noch. Wenn ich daran denke, schäme ich mich schon jetzt und gräme mich. Und doch —
Wir haben uns nicht gesagt, daß wir uns liebhaben, sind aber sehr zärtlich zueinander. Dies kam so:
Wir trafen uns einmal. Das war Zufall. Der Tag war grau vor Müdigkeit. Dämmerung lag über den Dingen. Von wenigen Häusern fiel gelbes und rotes Licht.
Wir gingen zusammen. Ihre Augen hielten Glanz. Manchmal deckte sie die halben Lider darüber. Und sie fing die Blicke von Männern in ihre Augen. Das muß eine feine Wollust sein.
Wir sprachen nicht, nur einmal sagte sie, daß ich rote Lippen habe. Und einmal sagte ich, daß sie oberflächlich sei, denn ich wollte sie ärgern.
Am nächsten Tage trafen wir uns wieder. Das war kein Zufall. Wir gingen über Wiesen. Sie legte die Hand auf meine Schulter und war gut zu mir. Da dachte ich an den Fußtritt, den ich einmal von ihr erhalten werde.
... Ich hatte ihr gestern wehe getan, weil ich sie oberflächlich nannte. Denn in ihrer Stimme klang etwas wie Weinen, als sie sagte:
»Ich bin wirklich nicht so oberflächlich, wie Sie glauben, Olaf. Ich habe zweimal unglücklich geliebt und einmal glücklich entbunden.«
Mir schien, als ob die Hand auf meiner Schulter schwerer würde ...
Wir schritten langsam. Wir sahen keine Menschen. Wind kam über die Wiesen. Am Himmel waren überall Wolken, die drohten Regen.
Sie sah mich an. Ihr Blick war nackt und sagte von Leidenschaft.
Das war zu niedlich, wie ich sie da plötzlich packte und mit mir ins Gras warf und schon halb im Rausch ihr zuflüsterte: Du, meine — Und wie sie ermattet lag und schluchzte: Olaf — — —
Seither schreibe ich in der Schule schlechte Arbeiten. Ich werde wohl nicht versetzt werden.



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