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Erich von Mendelssohn - Juliana (Fragment)

John William Waterhouse - Undine





Das blendende Weiß auf den Türmen und Mauern der Stadt gewann schon den rötlichen Schimmer, und noch immer war das Ende des Zuges nicht zu erblicken. Da sprang der Königssohn von seinem Thronsitz auf und rief:
»Ich sandte euch aus, um die fernsten Länder zu durchziehen und alle Schätze der Erde vor meinen Füßen niederzulegen. Wohl rinnt Stunde für Stunde der Zug an mir vorbei; ich sehe Gold und Juwelen und seltsame Tiere. Doch mich ekelt der Menge, die sich selbst des Wertes beraubt. Anderes erträumte sich meine Sehnsucht.«
Da bargen die Diener ihr Antlitz in den Staub und sprachen:
»Herr der Welt! Nicht sind es Sklaven, die jene Schätze tragen. Könige sind es fremder Reiche, die mit nackten Füßen durch die Wüste hergezogen kamen, um deine Knechte zu sein. Nie genoß ein Herrscher größeres Glück.«
Und der Königssohn senkte den Blick und sprach mit leiser Stimme:
»Wohl weiß ich, daß das Ziel die Sehnsucht tötet. Doch klang in manchen Nächten eine Stimme und redete ohne Worte zu mir von einer Sehnsucht, die nicht in der Erfüllung stirbt. Vernahmt ihr Gleiches nie?«
Er hob die Augen, um seine Diener anzublicken. Doch sie schwiegen und starrten ihn blöde an. Voll Schmerz und Verachtung sah er auf den Zug, der endlos weiterrollte. Rot schimmerten die Sandwolken, die von den Füßen der schleppend Gehenden aufwirbelten.
Auf einmal färbten sich die bleichen Wangen des Königssohnes, und alle seine Fibern spannten sich. Und als die Diener der Richtung seiner Augen folgten, erblickten sie ein schönes Weib im Sklavengewande. Da stießen sie einander an und kicherten:
»Deshalb so hohe Worte von unerfüllter Sehnsucht in schlaflosen Nächten! Die schmucke Dirne wird sie zu stillen wissen.«
Der Königssohn aber stieg von seinem Thronsitz herab und trat auf das Weib zu:
»Schön ist dein dunkles Haar, schön das Weiß deines Antlitzes und seltsam strahlen deine Augen, seltsam bebt dein Mund. Wie heißest du?«
Sie kreuzte die Arme vor der Brust und sank in die Kniee. Doch hielt sie die strahlenden Augen erhoben: »Herr, ich heiße Juliana.«
»Woher kommst du, Juliana?«
»Fern ist das Reich, wo sie mich Fürstin nannten. In Trümmern liegt es. Man hat mich hergeführt, daß ich dir diene.«
Sinnend sah der Königssohn zu ihr nieder. Langsam sprach er:
»Manches brachten mir meine Knechte und sagten, es wären die Schätze der Welt. Stehe auf, Juliana, dich allein wähle ich mir.«


* * *


Und er faßte sie bei der Hand und führte sie fort. Die Sonne sank, als sie der Stadt zuschritten, doch sie achteten nicht des blutenden Rotes auf den Türmen und auf den Sandwellen der Wüste.
Am großen Tore gingen sie vorbei und kamen zum kleinen Mauerpförtchen, von dem die gewundene Treppe heimlich zum Gemach des Königssohnes hinaufführte. Und als er die Türe mit heftiger Bewegung aufstieß, daß Juliana eintrete, zögerte sie und sprach:
»In deine Einsamkeit soll ich dringen, du Königssohn, ich, die ich als Sklavin kam. In deine Seidenteppiche soll ich mich hüllen, und noch atmen sie den Duft deiner Glieder. Und wenn der rote Schein der Ampel flackernd verlischt, soll ich von deinem Lager aufstehen — schwer rauschend werden die Decken auf den Boden gleiten — und mit meiner Hand, die deinen Ring tragen wird, soll ich die Vorhänge zur Seite ziehen, daß mein Blick auf das Schweigen deiner schimmernden Gärten falle, wo nur der Brunnen eintönig unter den Sternen plätschert, und schwer und still die Bäume in die Höhe ragen. Keine Dirne bin ich, die einem Trunkenen Heiliges raubt. Wie du bin ich aus königlichem Geschlecht, doch jetzt deine Dienerin. Und schamhaftes Zögern hemmt der Dienenden Schritt, wenn der Herr sie in die stolze Nacht seiner Einsamkeit führt, du Königssohn!«
Da sank er vor ihr nieder und barg sein Gesicht an ihre Scham. Durch Julianas dünne Gewänder fühlten seine heißen Hände die Kühle ihrer Schenkel. Er sprach:
»Wie Hohn klingen deine Worte, Juliana! Denn als ich dich sah, zerrann mein Königtum. Ein Bettler bin ich, Juliana, um Stillung heißen Sehnens flehe ich. Meine heimliche Kammer öffne ich dir und meine schimmernden Gärten. Mein Ring mag deine weiße Hand schmücken. Nichts gilt mir meine stolze Einsamkeit mehr und verschwiegene Nacht, nichts mehr meine Schätze, an denen ich mich müde sah. In tiefer Vereinigung mit dir will ich die Sehnsucht stillen, die vom Ziele nicht getötet wird, und die sich aus der Erfüllung stets neu gebiert. Komme zu meinem Lager, Juliana, und laß die dünnen Hüllen fallen, die mich von dir noch trennen.«
Doch Juliana sah ernst zu ihm nieder und sprach:
»Du irrst, wenn du wähnst, daß nur diese dünnen Hüllen uns trennen. Weit war mein Weg zu dir, weit ist dein Weg zu mir.«
Da sprang der Königssohn auf und rief:
»Und mag der Weg weit sein, ich fürchte mich nicht, ihn zu gehen, wenn du mich geleitest.«
Sinnend sprach Juliana:
»Viele suchten das Ziel. Grade Wege gingen die einen und krumme die anderen. Keiner erreichte es. Wirf deinen Purpurmantel ab, du königlicher Bettler, und folge mir.«
Und der Purpur fiel. Juliana wandte sich zum Gehen, doch der Bettler zögerte. Gesenkten Hauptes fragte er:
»Willst du nicht einen Blick in meine einsame Kammer werfen, Juliana? Willst du nicht meine Schätze spielend durch deine weißen Finger gleiten lassen? Willst du nicht den Vorhang zur Seite schieben und auf meine schimmernden Gärten schauen, deren nächtliches Sternen-Schweigen nur das eintönige Plätschern des Brunnens durchbricht?«
»Nein«, sprach Juliana. Und sie schritten in die dunkle Wüste hinaus.


* * *


Sonnenschein lag auf friedlichen Tälern, wo der Bauer hinter dem Pfluge ging. Von den grünen Matten hoben sich leuchtend die roten Dächer der Hütten ab, wo Frau und Kinder des Landmanns warteten.
Auf einem der sanften Hügel standen Juliana und der Bettler und schauten auf das weite Land. Da hob der Bettler die Hand und sprach:
»Werde mein, Juliana! Daß ich für dich die Felder bestelle und müde und froh des Abends zu dir komme, um bei dir die Nacht zu verbringen. Friedevoll reihe sich Tag an Tag, und unsere Kinder seien unser Glück!«
Juliana strich sich über die Stirn und sprach:
»Willst du in harter Arbeit Betäubung suchen für die Leere der Nacht! Willst du mich fliehen, um mich zu erreichen? Sollen dir blühende Kinder ein Glück vortäuschen, das du bei mir nicht fandest?«
»Vergib mir, Juliana,« sprach gesenkten Hauptes der Bettler. »Dich suche ich.«
»So komme mit mir, noch weit ist der Weg.«


* * *


Und als sie den Garten betraten, scholl Gesang ihnen entgegen. Leichten Fußes schritt Juliana auf dem kiesbestreuten Wege hin, langsam folgte ihr der Bettler, denn der wogende Duft von Rosen und Flieder betäubte seine Sinne.
Auf einmal ließ ein helles Lachen ihn umherschauen: durch die Büsche schlüpften in neckischem Spiele leicht gekleidete Mädchen und jubelten, wenn die Schleier sich an Dornen verfingen.
Sinnend war Juliana am kleinen Teiche stehengeblieben, auf dem weiße Schwäne ihre Kreise zogen. Dort erreichte sie der Bettler; hell leuchtete sein Gesicht, als er sprach:
»In einen Zaubergarten sind wir geraten, Juliana! Darf ich nicht Blumen pflücken, wie jene Mädchen, und sie dir zum Kranze winden? Daß unser spielendes Glück sich Sonnenglanz und Vogelsang anschließe.«
Doch Juliana schüttelte langsam den Kopf:
»Wohl glänzt die Sonne seidenweich durch Blätter und Gras. Wohl mischten sich die Küsse der Mädchen und ihr leichtes Spiel mit Vogelsang und Blütenduft. Doch nicht kann ich dir Gleiches gewähren; denn siehe: Tauig wird sich die Nacht auf Licht und Spiel senken, und mit dem Verstummen der Lieder werden die ziehenden Nebel den Wiesen entschweben.«


* * *


Nackt waren die Knaben, die um das Opferfeuer tanzten, und der dunkelrote Schein flackerte von ihren Leibern in das schwarze Gewölbe der ungeheuren Bäume.
Auf ihren langen Stab stützte sich Juliana und hob langsam den weißen Arm. Da sprach der Bettler:
»Ihre Körper glühen und heißes Fieber entstrahlet ihren Augen. Und doch sind ihre Glieder zart und schmächtig, und wohlige Kühle paart sich in ihnen mit schwellender Kraft.«
Dies antwortete Juliana:
»Rauh ist dein Mantel, in schweren Falten umhüllt er dich. Zu weiter Wanderung scheinst du bereitet.«
»Abschleudern laß mich den Mantel, daß er mich nicht hemme!«
Juliana wandte sich zu ihm; tief zog sie den Kopf in die Schultern:
»Und würfest du den Mantel ab und wolltest in sprengender Kraft deine Glieder recken, so wisse: selbst warst du einst wie diese Knaben, voll unklaren Sehnens nach hohem Ziele. Da wies ich das Ziel dir; auf meine Worte begabst du dich auf den Weg.«
»So spotte meiner nicht, Juliana«, sprach der Bettler, und tiefe Trauer lag in seiner Stimme.
»Einem Raubvogel gleichst du, Juliana, und heiser und ächzend klingt dein Ruf.«
Da hob Juliana den Kopf und rief frei und hell:
»Kommt her, ihr Knaben und dient eurem Meister! Dunkel und rauh ist sein Mantel, aber nicht immer trug er ihn. Meinetwegen legte er ihn um die stolzen Schultern.«
Die Bewegung der Knaben erstarrte; der Kreis löste sich auf. Ruhig brannte das Feuer.
Sie fragten einander:
»Wer ist die Frau und wer der Mann?«
Da klang die Stimme des Mannes, flehend rief er:
»Bleibt, schöne Knaben, und laßt aus der Ferne mich euch betrachten.«
»So sagt mir,« sprach Juliana, »was ist der tiefste Wunsch eures Herzens?«
Sie knieten nieder und flüsterten mit heißen Wangen:
»Ein Weib, wie dich, zu erkämpfen.«
Da verhüllte der Bettler sein Antlitz. 


* * *

Lichtblau strahlte der herbstliche Himmel, und dunkelgrün hoben sich einsame Tannen vom Gelb und Rot der Buchen ab. Leise raschelte das Laub, wenn Julianas schleppendes Gewand den Boden streifte, und wehmütig herber Duft stieg von ihm auf.
»Verstehst du die Schönheit des Erschlaffens?« fragte der Bettler. »Wann werde ich nach verrauschter Glut an deiner Brust geborgen, die stille Freude in deinen Augen lesen, bevor der Schlaf sie schließt?«
Da sah ihn Juliana an; stolz hielt sie ihr Haupt erhoben:
»Wähnst du, daß mich nach müdem Verweilen gelüstet, weil ich langsam schreite?«


* * *


Immer weiter entschwand das Ufer, das von Menschen bewohnte. Mit leisen Ruderschlägen führte der Bettler den Kahn. Ein Schwingen ging durch die Wasserfläche und schaukelte sanft hier und da eine breitruhende Wasserrose.
Es streifte leicht am Kiele, als ob weiche Hände den Kahn zurückzuhalten versuchten und ihn doch weitergleiten lassen müßten. Dann ragten schlanke Halme über die Wasserfläche empor; leicht schwankten sie im Winde. Und höher reckte sich das Schilf, und dichter wurde seine Schar. Es bildete eine schmale Gasse hinter dem Kahne, und auch diese schloß sich, als der Bettler dem Boote eine Wendung gab. Doch waren manche Stengel geknickt und einige schwammen entwurzelt im Kielwasser.
Da zog der Bettler die Ruder ein und kauerte sich auf der Bank zusammen. Er sah, wie Juliana ihr Haupt zur Seite neigte und mit der Hand im Wasser spielte und sprach:
»Zürnen muß ich mir selbst, daß ich heiliges Schweigen breche. Doch sehe ich deine tändelnde Hand, däucht mir, daß die Stunde Ernsteres in ihrem Schoße tragen könnte. Juliana! Mit ruhigen Ruderschlägen führte ich unser Boot hierher, und die weite Wasserfläche verengte sich zum kleinen Kreise, der jeglichem Blick ein Ziel setzt.
Und wiederum brauche ich mich nur zu erheben, und über schwankendes Röhricht schweifen ungehindert die Augen. Juliana! So wenig trennt uns von weiter Welt, und doch sind wir so allein. Laß uns der Einsamkeit genießen, Juliana, und uns zu letzter Einheit zusammenzufinden.«
Als er geendet hatte, ergriff Juliana mit hartem Zuge die Ruder; es kreischten die Rohre, es knickten die Halme. Und wieder lag der See offen vor ihnen, und sie näherten sich dem Ufer, dem von Menschen bewohnten. 


* * *


Auf flachem Dache standen sie, als der Vollmond aufging, und unter ihnen lag die Stadt mit tiefen Schatten schwer und stumm. Und als der rötliche Schimmer auf der Scheibe verblaßt war, und sie weiß und still am Himmel stand, sprach der Bettler: 
»Vielfältiges Leben verschmilzt zu großer Einheit unter ruhigem Blick. In jenem Hause mag sich wollüstig ein Paar auf dem Lager wälzen, und dort stöhnt vielleicht einer in unbefriedigtem Liebesdrange. Und in der großen, reinen Mondnacht lebt jedes Menschlein seinem kleinen Begehr. Uns einsam Wachenden jedoch ist Ruhe und Größe offenbar.« 
Ernst antwortete Juliana: 
»So müssen wir denn auch für ewig menschlichem Begehren entsagen, daß Ruhe und Größe und stille Mondnacht unser sei.«
»O nein, Julians!« rief der Bettler. »Wenn ich aus der Einsamkeit meines Gemaches auf meine schimmernden Gärten schaute, die tot und doch geheimnisvoll-lebendig unter mir lagen, ergriff mich die Sehnsucht nach heiliger Vermählung. Eins wurden Mondnacht und Liebe. Von dir träumte ich dann, Juliana! Du kamst, doch weigertest du dich, Mondenträume zu erfüllen.«
»Von deinen schimmernden Gärten kamst du zu dieser Stadt. Gleich ist der Mond, der beides bescheint. Lerne, von dieser Stadt zu deinen schimmernden Gärten zurückzukehren.«
»Juliana! Und wenn der Ring sich also schließt, wirst du dann mein sein?«
»Dann werde ich dir gegeben haben, was dir zu geben war. Anders wirst du deine schimmernden Gärten wiederfinden, als du sie verließest.«


* * *


Es tropfte von Zweigen und Blättern des Buchenwaldes, und Nebeldunst hing zwischen den grauen Stämmen. Auf dem schlüpfrigen Moose glitt leicht der Fuß. Eilig huschten gefleckte Molche unter die schwarzen Wurzeln oder sahen mit erhobenem Kopf und großen Augen die Wanderer an.
Nach einer Stunde erreichte Juliana die Lichtung, die mit langem, feuchtem Grase bestandene. Und als sie diese durchschritten hatten, kamen sie in den starren Tannenwald, wo die Trümmer des alten Heiligtums moosbewachsen lagen. Den Fuß auf eine gestürzte Säule stemmend, sprach sinnend der Bettler:
»In dunklem Wald liegt verborgen, was einst hehren Schauer einflößte. Juliana! Laß meiner Liebe reichen Tempel nicht gleich trauriges Ende finden, daß eines flüchtigen Wanderers Fuß auf die Reste stößt.«
»Die Worte deines Mundes kehren sich wieder sich selbst; wohl brach dies Heiligtum, doch dünkt mich, daß neue Weihe es durch Alter und Verfall erhielt, durch ewiges Leben im Tode! O Nebelschleier und Tropfenschlag auf harten Blättern! Wann wirst du die Einheit von Tod und Leben in Klarheit und Licht verstehen, du bettelarmer Königssohn!«


* * *


Im Garten des grauen Klosters saßen sie auf einem verwitterten Grabsteine. Mönche gingen bedächtig durch den halbdunkeln Kreuzgang, und feierlich klang das Glockengeläute vom schweren Turme. Da sprach der Bettler:
»Tag für Tag und Jahr für Jahr hallen diese Gewölbe von den Schritten derselben Männer wider. Stein für Stein ist ihnen vertraut, und Bildnis für Bildnis: Und dennoch atmet Stein und Bildnis jeden Tag aufs neue heilige Leben für sie. Unerschöpfbarer Born entspringt ewiger Ruhe. Juliana! Ewig fanden Mann und Weib einander, und jedesmal ward das ewig Wiederholte zu großem Geschehnis.«
Dämmerung senkte sich herab. Helle Streifen fielen aus den hohen Fenstern der Kirche auf den Klostergarten. Zitternd und schwebend verklangen die Glocken, und Gesang hub an. Langsam erhob sich Juliana und vor dem Bettler stehend sprach sie:
»Nicht redest du volle Wahrheit: Wohl suchte Mann und Weib ewig einander, doch sie fanden einander nie.«
»Doch, ich will dich finden, Juliana!« schrie heiß der Bettler auf.
»So folge mir weiter.«


* * *


Bäume krümmten sich schmerzhaft auf dem sumpfigen Boden, und gelb und lang war das Gras. Molche schlängelten sich in den Tümpeln, und hochbeinige Reiher schritten gewichtig einher. Kerbtiere schwirrten um moorige Löcher.
Da sprach der Bettler zu Juliana:
»Buntes Leben beherbergt der Sumpf. Wie schließen nicht Dürre und Feuchte einander aus, und doch erzeugt ihre Vermählung vielfältiges Gewirr von Lebendigem. Juliana! So unerreichbar du mir auch ewig sein wirst, so wahr ist dies: nicht ist Spannung zwischen uns der Zweck, sondern Berührung, daß Neues, jedem von uns Wesensfremdes entstehe.«
»Und wäre nicht dieses Neufremde ein zweckloses Wesen wie ich und du?«


* * *


Gold und Juwelen und weißblaue Perlen schimmerten an den Wänden der Schatzhölle in vielfältigem Lichte unter der milchigen Kuppel.
Und als Juliana sich auf dem Lager ausgestreckt hatte, kniete der Bettler vor ihr nieder und sprach:
»Als köstliches Kleinod erscheinst du mir, und als strahlender Edelstein. Unberührte Weiße zeigt dein Arm, und seltsamen braunen Korallen gleicht das Haar deiner Achselhöhlen. Spangen zieren deine Glieder und ein Reif schmückt deine Stirne: Juliana! Laß mich die kostbarsten Steine über dich säen, laß mich mit wohlriechenden Wassern deinen Leib besprengen, daß du selbst zum strahlenden Kleinode werdest. Laß mich dir Wein in kühlen Schalen reichen, daß in glühend-trunkenem Rausche Juwelen und Gold eins mit deinem blühenden, schwellenden Leibe werden, und nimm mich dann hin, wie du des Weines genossest!«
Und Julianas Gewand glitt herab und offenbarte ihre Brüste und ihre Scham. Unter dem Haupte faltete sie die Hände und sah in ihrer leuchtenden Nacktheit unbeweglich auf den Bettler herab.
Seine erhobenen Hände bebten, als er sprach:
»Was ist Sternenschein gegen das Licht, das deinem Körper entdringt! Was ist der bräunliche Schein des Mondes im Wolkendome gegen die Farbe deiner Scham! Und rot, wie ein sehnsüchtiger Mund lockt der heilige Spalt. Was ist alles Leuchten der Welt gegen all diesen Glanz! Fieber faßt mich, Juliana! Gönne mir die kühle Glut deines ewigen Leibes.«
Da hob Juliana den Arm, und das Licht der milchigen Kuppel erlosch. Und schwarz wurden die eben noch schimmernden Steine.
Aufschrie da der Bettler:
»Wie hart du bist, Juliana! Mir graut vor erloschenem Glanze.«
Da hob sich Juliana auf vom Lager und sprach:
»Noch niemand sah der Sterne Licht verbleichen.«


* * *


In weißem Mondlicht war der Föhrenwald erstarrt und die hohen, nackten Stämme warfen blaue Streifen auf das silberglänzende Moos. Auf den abgestorbenen Asten saßen unbeweglich kleine Eulen, hier einzeln und dort in Reihen. Zuweilen streckte eine den Hals vor, um ihn gleich darauf wieder zwischen die Schultern zu ziehen. Da sprach der Bettler zu Juliana:
»Lebendiges tötet das Mondlicht und erweckt Totes zum Leben. Geahntes erhält Form, und Festes verschwimmt. Unser Fuß schwankt auf Felsengrund und schwebt sicher über dem Moose. Sage mir, Juliana, ist dir je größeres Wunder begegnet?«
Doch Juliana schwieg. Voll schien ihr der Mond ins Gesicht. Wie um sein Licht einzutrinken, bog sie das Haupt zurück und schloß die Augen.
Und wieder sprach der Bettler:
»Und auch du, Juliana, bist mir verändert und losgelöst von altem Sein. Ich sehe dich dort stehen, und Unwirklichkeit wird wirklich, und Wirklichkeit zerrinnt. Eine wahrere Welt darf ich ahnen, die hinter Sonnenschein und Mondlicht liegt. Die klugen Augen der schweigsamen Eulen reden davon, wie das helle löschende Licht auf deinem Antlitz. Juliana! Laß mich in deinem Schoße Gewißheit des tieferen Seins finden.«
Da flogen die Eulen von den erstorbenen Zweigen auf und kreischten und schlugen mit den Flügeln. Juliana wandte sich dem Bettler zu und sprach:
»Die Vögel, die du selbst zu Zeugen riefst, verwehren dir meine Nähe. Sprich, armer Bettler: ward auch deine Unwirklichkeit wirklich, und zerrann auch deine Wirklichkeit?«
Da senkte der Bettler sein Haupt und schwieg.


* * *


Durch den gewundenen Höhlengang tasteten sie sich vorwärts. Naß und kalt waren die Wände, und aus den Spalten rieselte Wasser hervor. Feucht war der Boden, Schlangen und Gewürm krochen umher. Zerrissener, schwankender Tagesschimmer fiel durch schmale, zerklüftete Schächte.
Da sprach der Bettler:
»Schauer von kühler Nässe durchzucken meine Haut, und Grauen überfällt mich, wenn mein Fuß in feuchtem Lehm versinkt. Schrecken läßt mich erstarren, wenn kaum hörbar glatte Tiere im Dunkel entweichen. Und doch mischt sich in heißer Wollust Verlangen Ekel und Grausen. Es ist, als ob die häßliche, triefende Nacht in feuchter Höhle ein Sehnen nach Gleichem im Körper auslöse, nach Dunkel und Schmutz und gierigem Tasten an feuchten Wänden und leisen, entgleitenden, schlüpfrigen Tieren. Und auch du, Juliana, erscheinst mir anders als sonst. In feuchten Strängen hängt dein Haar herab, und bleich sind deine Augen. Mir ist, als ob deine Haut sich schleimig anfühle. Juliana! Laß mein seltsames Verlangen nach Unreinheit Befriedigung finden.«
Doch Juliana schritt weiter. Und da bog sich der finstere Höhlengang und strahlender Tag lag vor ihnen.


* * *


Und sie standen am Rande des Kraters und schauten in die verklüftete Tiefe hinab, der dünner Dampf entstieg. Aber in Ritzen sickerte es dunkelrot und wälzte sich schwerfällig dahin; da sprach der Bettler: »Seltsam ist dies: ungeheure Kraft schlummert dumpf dort unten, und nur in leisem Grollen zeigte sie zuweilen ihre Gewalt. Doch bricht sie einmal allzerschmetternd hervor und zerbricht das so stark scheinende Gefäß in jähem Anprall.«
Es zuckte spöttisch um Julianas Mund: »Oho, du Träumer! Was gilt die Kraft, die sich ewig verspielt? Und wenn dich ihre brausende Lust blendet, so wisse, daß sie sich wieder beschämt und, der eignen Ohnmacht grollend, zurückzieht.«
Der Bettler griff mit beiden Händen an seine Schläfen und starrte in die Tiefe:
»Doch groß ist die Sehnsucht, die sich ewig so vergeuden darf und ewig gleich stark wieder ersteht.« Da lachte Juliana, leise und hell war ihr Lachen: »So sahst du nie erloschene Krater? Sahst nie den bröckelnden Steinberg, dessen Flamme sich selbst verzehrte?«
Und der Bettler sprang auf und schrie vor Weh:
»Nicht kannst du wollen, Juliana, daß ich mein Bild in diesem Krater sehe. Ewig ist meine Sehnsucht und nie kann sie erkalten.«
Juliana wiegte ihr Haupt.
»Mich dünkt, daß du zuerst dein Bild in diesem Krater sähest. Nur lehrte ich dich, weiter zu schauen, als dein Wille es war.«
»So höhne mich nicht Juliana, weil ich von eigner Kraft träumte. Nicht immer war ich ein Bettler. Juliana.« Ernst war ihr Antlitz, als sie die Worte sprach:
»Wie wirr du bist: dein eignes Sehnen nennst du ewig und siehst in sicherem Erkalten sein hohes Bild. Auf weite Wanderschaft bist du gegangen, fernem Ziele strebst du entgegen und sehnst dich doch zum Ausgangspunkte zurück. So sahst du nie die ruhigen Sterne im großen Raume?«
Da senkte der Bettler den Blick und sprach:
»Ich sah sie über meinen schimmernden Gärten. Und dann kamst du, auf daß sie neues Leuchten gewännen. Doch Schleier legten sich zwischen sie und mich!«


* * *


In fahler Nacht standen sie vor den Mauern der Stadt auf dem Totenfelde.
Grausig war die Stätte, denn weißes Gebein schimmerte aus dem Dämmer hervor.
»Hier werde ich enden,« sprach Juliana, »und du willst meinen Leib umfangen, der hier sein Grab finden wird?«
»Ewig ist dein Leib, Juliana, ewig wie deine Schönheit,« rief der Bettler, und fiebrig glühten seine Augen. »Laß mich deinen Leib küssen, Juliana, um Teil an deiner Ewigkeit zu haben.«
Sinnend starrte Juliana auf den Bettler, und ihr ruhiger Blick ließ sein Blut erbrausen. Er öffnete den Mund zum brünstigen Schrei, aber langsam hob sie den Arm, daß der Bettler erstarrend zurücksank.
»Anderes hätte die Stätte dir lehren sollen, als wildes Verlangen. Siehst du denn nicht die schwarzen Vögel dort auf der Mauer hocken? Schrecke sie nicht, denn sonst entfalten sie die Flügel und flattern mit heiserem Geschrei um uns her. Daß die Toten unter der Erde in ihren weißen Tüchern erschauern.«


* * *


Nichts als ein Gewirr von Blöcken und Felsen, und schwerer grauträger Himmel, die Fernsicht verschließend.
Da sprach der Bettler:
»Herb ist der Grund, auf dem wir stehen, und unbeweglich die Luft. Nur starres Schweigen, das kein Lächeln kennt. Und doch ist dieser Ernst groß und stolz und schön und läßt vergessen, daß es Sonnenschein und liebliche Täler gibt. Juliana! An den strengen Bau deines Leibes muß ich denken und sehne mich nach felsenharter Umarmung.«
»So verstandest du verschlossener Ruhe Größe noch immer nicht? Und Sehnsucht formte sich noch nicht zu begehrlosem, steinigem Felde, das seiner Größe bewußt, nicht nach der Sonne verlangt?«


* * *


Und strahlendweiß wölbte sich die Firnkuppe über dem großen Gletscher, in dessen blaue Eispaläste sie schauen durften. Da sprach der Bettler:
»Allein uns beiden leuchtet der Himmel und schimmert der Schnee. O, welche Klarheit der Farbe! Und diese Reinheit der Luft! Nur uns vernehmbar brausen Wasserfälle tief unten im zerklüfteten Eise. Juliana! Gleicht dein weißer Leib nicht flimmerndem Schnee, deine dunklen Augen nicht den geheimnisvoll-blauen Spalten zu unseren Füßen! Ist dies nicht die alte Sehnsucht, die mich zur Kuppe des Gletschers führte, die mich nach deiner Liebe verlangen läßt: in Reinheit und klaren Farben.«
Juliana sprach:
»Aus Menschengetümmel führte uns der verschlungene Pfad in diese Höhe. Doch immer noch stehen deine Füße auf allzu festem Grunde.«


* * *


Und graue Wolken wogten um sie her. In schweren Schwaden zogen die Nebel. Juliana und der königliche Bettler schwebten dahin.
»So hast du mich hierher geführt, wo unsere Füße keinen Grund mehr kennen. Juliana! In tausend Formen suchte ich dich, und immer wußtest du mir zu entweichen. Ich kann nicht weiter, Juliana! Zwar tötet das Ziel die Sehnsucht, doch wisse: es gibt auch eine Sehnsucht, die, stetig unerfüllt, zuletzt sich selbst verzehrt. Sei mein, der feste Grund versank. Mich schwindelt. Ich kann dir nicht weiter folgen!«
Da zerrissen die Wolken, und nächtlicher Himmel strahlte herab. Noch schwebte Juliana, doch auf hohem Felsengrat stand der Bettler mit erhobenen Armen.
»Wie wandelt sich dein Leib, Juliana? Nicht körperhaft ist er mehr. Er leuchtet mild, wie die ewigen Sterne. Durchsichtig wird dein Leib, Juliana, der mir immer versagte. Er löst sich auf wie fein leuchtender Dunst. Juliana, wo bist du? Gingst zu den Sternen du ein?«
Doch keine Antwort kam mehr vom nächtlich strahlenden Himmel zum Bettler, der, von Wolken umwogt, allein auf hohem Felsengrat stand.


* * *


Und müden Schrittes und gesenkten Hauptes betrat der Bettler sein Gemach. Zerschlissen waren die Seidenteppiche, und Motten hatten die Vorhänge zernagt. Das Plätschern des Brunnens in den schimmernden Gärten war verstummt, und freche Diebe hatten die Edelsteine geraubt. Geborsten waren die hohen Bäume, und durch gesprungene Mauern drang fahl das Licht des einsamen Morgens.


* * *




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