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Johanna Kinkel – Ein Reiseabenteuer

Ein Reiseabenteuer

Es war im Spätherbst, als ich auf der neuen Eisenbahnstraße von meiner Heimat nach W… reiste. Bei einbrechender Nacht erreichten wir die Zwischenstation A……, wo schon viele Personen des Wagenzugs harrten. In unser Coupé stiegen ein alter Mann und ein kleines Mädchen ein, die von einer zahlreichen Gesellschaft beiderlei Geschlechts bis an den Wagenschlag begleitet wurden. Einige hatten Wein bei sich, dessen sie den Abreisenden zum Scheide- und Labetrank noch einen hohen Becher voll in den Wagen reichten. Daß es nicht der erste war, der an dem Abend genossen wurde, zeigte die überaus lebhafte Stimmung der ganzen Menschengruppe. Die Abfahrt verzögerte sich, und so blieben die Begleitenden noch auf dem Bahnhof stehen. Einer nach dem andern stieg wiederholt auf den Wagentritt, schüttelte dem alten Manne die Hand, oder küßte das Kind, welches bitterlich weinte. Die Frauen empfahlen dem Manne die möglichste Sorgfalt auf der langen Fahrt, die Männer redeten dem kleinen Mädch…

Grete Meisel-Heß – Sünde

Sünde

Es war einmal hunderttausend Jahre nach heute. Die Menschen hatten es herrlich weit gebracht; und in einer großen, prächtigen Stadt, am Fuße eines dunklen Berges, war der Mittelpunkt ihrer Kultur. Den Blütenseim aller Zeitalter hatten sie für sich gesammelt und sich von Irrtümern zu emanzipieren, von Leidenschaften zu reinigen und von Glaubenstorheiten zu erlösen gewußt. In heller heidnischer Daseinsfreude blühten die Künste, die Wissenschaft war in die Geheimnisse des Kosmos gedrungen, keine Abgründe und Rätsel gab es mehr für sie, denn Forschung und Erfahrung hatten die Sphinx zu Boden gerungen. Die Gesetze des Geschehens waren ergründet, die Kräfte des Weltraumes erkannt und gewertet und täglich mühten sich die Weisen, noch tiefer in die Gründe der Dinge einzudringen und schonungslos alle Nebel zu bannen, die zwischen Ursache und Wirkung liegen.


Da geschah es, daß über diese herrliche Stadt, über diese ganze Menschheit von damals das Entsetzen kam: eine wilde Furie mit flattern…

Der Studiosae Lebensregeln

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DER STUDIOSAE LEBENSREGELN. Mel.: Als ich noch im Flügelkleide.
Mägdlein, willst du nun studieren, Laß Dich etwas instruieren, Denn die Sach’ ist wirklich nicht so leicht. Wie’s dem Unverstand oft däucht. Präg’ Dir ein vor allen Dingen. Was dem Mägdlein Lob kann bringen, Wie es sich in seiner Eigenart Fein und lieblich stets bewahrt.
Lachen sollst Du, Du sollst scherzen
Alle Tag’ und recht von Herzen,
Sing’ Dir oft ein fröhlich Lied,
Das erheitert das Gemüt.
Doch verbummeln die Semesterzeit,
Wie’s die wilden Knaben freut,
Darin liegt kein Witz und wenig Sinn,
Zum Kolleg geh’ ich lieber hin.
Trinken darfst Du, Du darfst trinken,
Wenn Dir duft’ge Bowlen winken,
Und ein Glas voll edlem Gerstensaft
Auch noch keinen Kater schafft.
Aber laßt uns nicht beschreiben
Wie’s die wilden Knaben treiben,
Nehmt das Glas zur Hand und klinget leis,
Nach der deutschen Mädchen Weis’.
Rauchen darfst Du, Du darfst rauchen,
Wenn’s Dir Freude macht zu schmauchen,
Ab und zu ’ne kleine Zigarett’
Ist für Mädchen auch ganz …

Gottlieb Leon - Ister und Auripe

Ister und Auripe.
An dem blumigen Gestade der schnellrauschenden Donau, auf deren nassem Rücken dämmernde Hayne und elysische Auen schwim­men, begegneten sich an einem schönen Frühlingsabend Hylas und Mykon. Freundlich reichten sie einander die Hand, und grüßten sich.
Mykon, hub Hylas an, weil der Abend so schön ist, und wir eben zusammentreffen, so laß uns zu dem heiligen Felsen gehen, der dort sein kahles Haupt gen die Wolken emporhebt. Sieh, er wirft einen unermessenen Riesenschatten in’s fliessende Waizenfeld hinaus, und auf seiner Anhöhe kann man weit umher die Gegend im abendröthlichen Glanze übersehen.
Komm! laß uns unter das Hollundergesträuch uns setzen, das dort schattig über seinen Rücken herabhängt, und das die kühlen Zephyre lieblich durchsäuseln. Dort magst du mir das Lied von dem Gotte dieses Flusses singen, und ich will dir dafür diesen Stab hier schenken, den ich heute bey frühem Morgenstrahl am Wasser aus einer schlanken Haselnußstaude schnitt, und mit jungen Veilchen u…

O junge Mädchenherrlichkeit - Rückblick eines alten Burschen

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O junge Mädchenherrlichkeit


O junge Mädchenherrlichkeit
Welch neue Schwulitäten!
Bezieht ihr alle weit und breit
Die Universitäten!
Vergebens spähe ich umher,
Ich finde keine Hausfrau mehr!
O jerum, jerum, jerum
O quae mutatio rerum!


Die Nähmaschin’ bedeckt der Staub;
Es sank der Herd in Trümmer;
Der Kessel ward des Rostes Raub,
Verblichen ist sein Schimmer.
Die Wäsche gibt man aus dem Haus
Und beizt mit Chlor die Flecken aus.
O jerum, jerum, jerum
O quae mutatio rerum!



Wo sind sie, die beim Kaffeekranz
Nicht wankten und nicht rückten,
Die ohn’ Latein bei Scherz und Tanz
Die Herr’n der Erd’ entzückten?
Jetzt komm’n sie ihnen ins Geheg
Und wandern früh in das Kolleg.
O jerum, jerum, jerum
O quae mutatio rerum!



Da forscht mit glüh’ndem Angesicht
Die ein’ in Quellenschriften,
Die andre Frauenrecht verficht,
Und die hantiert mit Giften.
Sie alle hat der Wissensdrang
Hinaus gelockt aus altem Zwang.
O jerum, jerum, jerum
O quae mutatio rerum!



Hier beugt ein dunkler Lockenkopf
Sich über’s Corpus iuris,
Die mit dem blonden Moz…

Ruth Margarete Roellig - Die Frau zwischen den Säulen

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Abigail war ein Traum in Rosenblätter eingehüllt . . .
— Vor zwei Jahren hatte Fürst Irmo sie von ihrem Vater zur Gemahlin gefordert, sie, die noch ein Kind war mit ihren sechzehn Jahren. Er liebte den Frühling, der alte, lebenskundige Irmo, und ihre Jugend deuchte ihn köstlicher als alle seine Juwelen. Und seine Augen weideten sich an ihrer süßen Schönheit. — — —
Ihr Haar war glänzend schwarz und hing ihr in langen Flechten über den Rücken, und mit leicht geneigten Schultern schleppte sie die schwere Pracht ihrer kostbaren Gewänder durch die weißen Säulenhallen, die sich um den Palast herumzogen.
Noch niemals war sie hinausgekommen aus der Welt, die sie hier umschloß — ganz von fern nur leuchtete ihr die Sonne in das Dasein . . . Rings um die Gelände des fürstlichen Wohnsitzes breiteten sich Gärten aus von Rosen. In ganzen Plantagen wuchsen sie, knospeten, entfalteten sich in allen Farben und Arten, weiß, gelb, rosa bis zum satten, tiefen Not.
Und in den lauen Juninächten, wenn Abigail m…

Emilie Mataja – Kindheit ein – Paradies

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Kindheit ein – Paradies

Sie ist schlecht geworden. Und niemand hat sich darüber gewundert. Ja, alle haben es kommen sehen. Kaum sechzehn Jahre alt, zählte sie schon zu den Verlorenen, und das verdankte sie ihrer Kindheit, jenem Paradiese, von welchem wir soviel singen und sagen hören. Je nun Für viele ist's ja ein Paradies, nach welchem sie in späterer Zeit, wenn die Pforten längst geschlossen sind, voll Sehnsucht und Rührung zurückschauen. Vaterliebe und Mutterzärtlichkeit, Kindheit, Unschuld und kindliche Freuden. Wie gern und wie voll Rührung denkt man daran, wenn Vater oder Mutter nicht mehr sind, und die kindlichen Freuden sich in große Sorgen umgewandelt haben. Aber dieses Paradies ist nicht für alle. Und sie, die junge Verlorene, würde die Augen weit aufgerissen haben, wenn jemand ihr hätte einreden wollen, daß die Kindheit das Paradies des Lebens sei. »Daß ich ihn nicht auslache, den elenden Lügner« Das würde ihre Antwort gewesen sein.


Im Findelhaus zu Wien ist sie zur Welt …