Montag, 26. Dezember 2011

Johanna Kinkel – Ein Reiseabenteuer

Ein Reiseabenteuer


Es war im Spätherbst, als ich auf der neuen Eisenbahnstraße von meiner Heimat nach W… reiste. Bei einbrechender Nacht erreichten wir die Zwischenstation A……, wo schon viele Personen des Wagenzugs harrten. In unser Coupé stiegen ein alter Mann und ein kleines Mädchen ein, die von einer zahlreichen Gesellschaft beiderlei Geschlechts bis an den Wagenschlag begleitet wurden. Einige hatten Wein bei sich, dessen sie den Abreisenden zum Scheide- und Labetrank noch einen hohen Becher voll in den Wagen reichten. Daß es nicht der erste war, der an dem Abend genossen wurde, zeigte die überaus lebhafte Stimmung der ganzen Menschengruppe. Die Abfahrt verzögerte sich, und so blieben die Begleitenden noch auf dem Bahnhof stehen. Einer nach dem andern stieg wiederholt auf den Wagentritt, schüttelte dem alten Manne die Hand, oder küßte das Kind, welches bitterlich weinte. Die Frauen empfahlen dem Manne die möglichste Sorgfalt auf der langen Fahrt, die Männer redeten dem kleinen Mädchen Fassung zu; ein Knabe rief mehrmal: »Weine nicht, meine liebe, liebe Minny, wir sehen uns gewiß wieder, wenn Du groß bist.« Von den draußen im Dunkel Stehenden konnte ich nur halb die Umrisse erkennen, doch schloß ich, daß es eine Schauspielergesellschaft sei. Es ist ein unverkennbarer Ton der Stimme, der diesem Stande eigen ist. Die Nothwendigkeit, in einem weiten Raum sich dem Entferntesten verständlich zu machen, selbst im leisesten Flüstern, gewöhnt den Schauspieler an ein sehr scharfes Artikuliren. Dazu kam noch in diesem besondern Fall der Stereotypausdruck, der der rührenden Abschiedsscene eigen ist. Nicht aus bewußter Affektation, sondern gewiß ganz unwillkürlich fielen die Scheidenden in den gewohnten thränenweichen Ton, der den gleichgültigen Zuhörer nur an die Lampenreihe vor den Coulissen erinnerte.


Der Zug ging vorwärts, das Schluchzen des kleinen Mädchens löste sich in Schlaftrunkenheit auf. Der alte Manns: »Schlafe nur ruhig ein, Minny, ich wecke Dich, wenn der Vater kömmt.«


Eine gute Seele mußte es sein, dieser Alte. Freiwillig hielt er lange Zeit die unbequemste Stellung aus, um seinen Schützling nicht zu stören, der mit dem Köpfchen auf seine Kniee gesunken war.


Ich fragte ihn: »Reisen Sie weit?«


»Bis P……,« erwiederte er.


»Da haben Sie noch manche Tag- und Nachtreise, und wenn Sie keinen Rasttag unterwegs halten, werden Sie noch viel Noth mit dem Kinde haben. Glauben Sie denn, daß es die Fahrt in einem Zuge aushält?«


»Es wird es wohl müssen. Seine Mutter ist gestorben, und die Gesellschaft, die uns begleitete, hat das Kind so lange unterhalten, bis sich eine Gelegenheit fand, es zu einer Verwandten zu schicken, die in P…… lebt. Ich mußte eine Geschäftsreife in die Gegend machen, und da haben sie es mir anvertraut.«


Der alte Mann erkundigte sich bei dem Kondukteur, wie weit wir noch von der Station C…… entfernt wären, und setzte hinzu, dort werde der Vater des Kindes an den Wagen kommen, um Abschied von ihm zu nehmen. Ich hörte, daß er den Schauspieldirektor aus O…… nannte, eine Stadt, die viele Meilen seitwärts von der Bahn liegt, worauf der Kondukteur erwähnte, dann hätte es der Herr ja bequemer, bis zur Station E…… zu fahren, wo der Zug noch vor Mitternacht vorbeikäme. Die Abrede wurde getroffen so gut es ging, um den Augenblick nicht zu verfehlen, und der Eisenbahnbeamte versprach, sich unsern Wagen wohl zu merken.


Der Alte lehnte sich zurück in die Wagenecke und schien zu schlummern; mich aber floh der Schlaf sowohl als alle Gedanken an den Zweck meiner eigenen Reise. Nichts beschäftigte mich jetzt so sehr, als die Sorge: der fremde Mann möchte den Wagen verfehlen, in dem sein Kind ihm noch einmal begegnete, ehe es ihm vielleicht auf ewig entrissen würde. Doch meine Wachsamkeit war überflüssig; denn so oft die Lokomotive pfiff, richtete der Alte sich auf, blickte auf die Uhr oder fragte die Passagiere: »Wo sind wir?«


Kurz vor E…… weckte er Minny und sagte:


»Vielleicht kömmt hier schon der Vater an den Wagen, halte dich wach, mein Kind.« Minny rieb sich die Aeuglein, taumelte schlaftrunken noch einmal zurück, dann aber richtete sie sich auf und blickte aufmerksam durch die Scheiben nach den Fackeln des Bahnhofs.


»Dort steht ein großer Herr in einem Mantel an der rechten Thüre,« rief der Alte, »der könnte es sein.«


»Nein,« sagte Minny, »der ist es nicht!«


»Hast du denn den Vater schon gesehen?« fragte jener verwundert.


»Oh ja, einmal, als ich noch ganz, ganz klein war.«


Um sicher zu sein, rief der Alte laut den Namen des Schauspieldirektors in die Nacht hinaus. -- Keine Antwort. -- »Sei ruhig, Minny,« fuhr er fort, »der Vater kömmt also wohl auf der nächsten Station erst. Er kommt ganz gewiß. Bleibe jetzt nur wach, denn in zehn Minuten sind wir dort.«


Die Kleine setzte sich aufrecht und schaute recht zuversichtlich um sich her. Die zehn Minuten konnten noch nicht verstrichen sein, da pfiff es wieder. Die Augen des Kindes leuchteten; der Alte bog sich weit aus dem Wagenfenster und rief wiederholt den Namen. Es stiegen viele Menschen aus und ein; Gedränge, Stimmengewirr überall, der Alte rief nach dem Kondukteur, der war überbeschäftigt, seine Menschenwaare unterzubringen, und stand nicht Rede.


Mir pochte das Herz bei der Frage: »Wird der Mann kommen oder ausbleiben?«


Die Wagenthüren wurden zugeschlagen, und der Zug brauste weiter. Minny fing laut an zu weinen, der Alte seufzte schwer, und versuchte sie zum Schlafen zu bringen, indem er ihr Köpfchen an seine Brust legte und ihr leise Trostesworte zuflüsterte. Kaum war es ihm gelungen, so hielt der Zug wieder. Laut rief draußen die Stimme des Kondukteurs: »Station C……! Der Zug hält vier Minuten!« Also hatte eine neue Zwischenstation uns vorher getäuscht. Minny fuhr aus dem Schlaf auf, blickte aufmerksam durch das Fenster und schrie auf: »Da ist der Vater!« Zugleich öffnete der Kondukteur den Schlag und sagte: »Es ist noch Platz, steigen Sie ein. Bis zur nächsten Station haben wir sieben Minuten.«


»Gut, ich fahre mit,« sagte Minny's Vater, und drängte sich hastig an die Seite seines Kindes, das er ganz in seinen Armen begrub. Ich sah, daß er schon im Vorgefühl des bittern Scheidens mit sich kämpfte, wie er diese armen und doch so unsäglich reichen sieben Minuten am inhaltvollsten genießen sollte. Dann betrachtete er die Züge des Kindes beim Schein der trüben verlöschenden Lampe, die von der Wagendecke herabhing, dann schloß er es wieder an sein Herz und küßte ihm Stirne, Augen und Mund. Die Kleine hatte, ohne ausfallend schön zu sein, ein sehr ausdrucksvolles Gesicht, und ihre großen treuen Augen hingen mit einer Sehnsucht an dem Bilde des Vaters, daß es das festeste Herz schmelzen mußte. Sie antwortete so lieblich, so verständig auf seine Fragen. Ihr Herzchen schien übervoll, und doch lag eine so süße Schüchternheit über ihrem Wesen. Hatte der Vater einen Augenblick in dem Klang der holden Stimme seines Kindes geschwelgt, so mußte er sich selbst unterbrechen, um mit dem alten Begleiter noch einige wichtige Worte zu wechseln. Sie flüsterten sehr hastig und eifrig miteinander. Der Alte versicherte ihn, daß es eine treffliche Frau sein solle, welche von nun an Mutterstelle bei Minny vertreten werde, daß er um ihre Erziehung unbesorgt sein dürfe. Eine Frage, die Minny leise und schmeichlerisch an ihren Vater richtete, schnitt der gellende Pfiff der Lokomotive mitten durch. Der Vater schwieg und ließ wie gebrochen sein Haupt auf des Kindes Schulter fallen. Die Minuten waren dahin.


»Schnell, Herr, steigen Sie aus,« herrschte der Kondukteur ihn an, »der Zug geht augenblicklich weiter.«


Der Mann verschwand draußen in der stürmischen Nacht. Nach kurzem heftigem Schluchzen sank das Kind wieder überwältigt vom Schlaf auf den Schooß seines alten Führers, dem jetzt allein in der endlosen Fremde sein Schicksal anvertraut war.


Wie nah ist doch der Mensch dem Menschen verwandt! Dieser Fremde Mann, der da schied, dessen abgewendetes Gesicht ich gar nicht gesehen, dessen Stimme ich kaum in undeutlichen Lauten vernommen, und der mir wohl im Leben nie wieder begegnet, der beschäftigt nun meine Gedanken unaufhörlich; auch meine Thränen rollten, als er mit seinen die Stirn des Kindes benetzte, und ich vergaß des eigenen Schicksals im Grübeln darüber: Was können das für unerhörte Verhältnisse sein, die einem Vater nur vergönnen, in tiefer Nacht die Straße aufzusuchen, auf der sein Liebstes ihm wie ein Traum erscheint und verschwindet. War es eine nach bittern Täuschungen früh gelöste Ehe, war es eine mit Sitte und Gesetz im Widerspruch stehende unglückselige Neigung, die diesem Kinde das Dasein gab? Trug der Vater vielleicht den Druck einer zweiten allzu kinderreichen Ehe, und durfte der strengen Gattin nicht diese unwillkommenste aller Lasten zu ihren übrigen aufbürden? Doch sicher war es im Grunde die Armut, die ihn zwang, seinen Liebling in ein fernes Land zu entlassen, denn die Reise bis an die große Eisenbahnstraße hatte er nur durch schwere Opfer möglich gemacht, wie eine seiner Aeußerungen verrieth.


Das Morgenroth dämmerte herauf und umfloß mit einem Hauch von Verklärung das ehrwürdige greise Haupt des alten Mannes mir gegenüber, dessen Augen meist auf seinem verwaisten Schützling ruhten, oder sich mit schweren Seufzern zu den purpurnen Wolken emporhoben. Das Kind lag todtenbleich auf seinem Schooß und schien im Schlafe geweint zu haben. Erst spät öffnete es die Augen und schaute verwirrt uns alle an, als wollte es die Gegenstände um sich her mit der flüchtigen Nachterscheinung in Zusammenhang bringen. Bald siegte die leichte Genußfähigkeit, die dem Kindesalter eigen ist. Minny gerieth in Entzücken über alle die schönen Städte mit bunten Gärten, an denen wir vorüberflogen, und als gar zwei wildkeuchende Lokomotiven uns entgegenbrausten, die ein Regiment Ulanen in ungeheuren kastenähnlichen Wagen verpackt mit sammt den Pferden im Sturm fortschleppten, wollte sie sich todtlachen über die verkehrte Welt.


Nicht das Gemüth, nur der Gedanke befähigt den Menschen, einen Schmerz bis in seine Tiefen durchzustehen, doch im Begreifen der Schmerzen liegt zugleich ihre Teilung. Diese eine Scene war mir ein Bild der tausendfach wiederholten Wunde der Menschheit, und ich sagte mir: nie wird ein auf socialen Grundlagen erbauter Staat so grausam sein, als es jetzt die Familie in ihrer patriarchalischen Abgeschlossenheit gegen alle Individuen ist, die außer ihr stehen.


aus: Gottfried und Johanna Kinkel, Erzählungen, J. G. Cotta'sche Buchhandlung, Stuttgart, 1883, S. 217-224

Sonntag, 18. Dezember 2011

Grete Meisel-Heß – Sünde

Sünde


Es war einmal hunderttausend Jahre nach heute. Die Menschen hatten es herrlich weit gebracht; und in einer großen, prächtigen Stadt, am Fuße eines dunklen Berges, war der Mittelpunkt ihrer Kultur. Den Blütenseim aller Zeitalter hatten sie für sich gesammelt und sich von Irrtümern zu emanzipieren, von Leidenschaften zu reinigen und von Glaubenstorheiten zu erlösen gewußt. In heller heidnischer Daseinsfreude blühten die Künste, die Wissenschaft war in die Geheimnisse des Kosmos gedrungen, keine Abgründe und Rätsel gab es mehr für sie, denn Forschung und Erfahrung hatten die Sphinx zu Boden gerungen. Die Gesetze des Geschehens waren ergründet, die Kräfte des Weltraumes erkannt und gewertet und täglich mühten sich die Weisen, noch tiefer in die Gründe der Dinge einzudringen und schonungslos alle Nebel zu bannen, die zwischen Ursache und Wirkung liegen.


Da geschah es, daß über diese herrliche Stadt, über diese ganze Menschheit von damals das Entsetzen kam: eine wilde Furie mit flatternden Haaren, mit gierigen, brennenden Krallen, die sich einwühlten in zuckende Menschenleiber. Von Osten kam sie, von der hohen Sternwarte, die vor der Stadt lag. Dort war der Sitz der Weisen, die den Gang der Himmelskörper zu beobachten und zu erforschen hatten. Schon lange durchlief ein Gerücht die Stadt, das niemand glauben mochte. Für schrecklichen Trug hielt man die Beobachtungen der Astronomen und sandte neue Gelehrte hinaus, die Konstellationen prüfen und den Irrtum in der furchtbaren Berechnung herausfinden sollten.


Aber wie ein Orkan kam es von Osten herangebraust über die Stadt der Menschen, das wilde Entsetzen, die rüttelnde Furie, die alle Dämme ihrer Kultur durchbrach. Wahrheit war, was die Astronomen geschaut hatten. In rasender Eile näherte sich der Erde ein fremder Himmelskörper; und der Zusammenstoß brachte das Ende des Lebens, das Ende aller Hoffnungen und Leiden, aller Keime und aller Zukunft. In Todesfurcht und Grausen wand sich eine Welt, und Verzweiflung durchrüttelte die Menschheit, die lange gezweifelt hatte und nun ihr Ende schaute, weil sie wissend war.


Und sie verfluchte dieses Wissen, raste gegen die harten Gesetze der Notwendigkeit und schrie nach Erbarmen, weil es andere Hilfe nicht mehr gab. In den Staub sank röchelnd der Trotz von Jahrtausenden, und der Übermut der Geschaffenen zerschmolz in der Lava des Entsetzens. Was Millionen Einzelner ertragen hatten, ohne zu Renegaten zu werden, ertrug die Gesamtheit nicht, da sie vertilgt werden sollte mit all ihren Samen, all ihren Keimen, nicht fortdauernd durch Gezeugtes, zermalmt mit der dunklen Mutter, die so lange ihre Heimat gewesen. Die Dämme der Schönheit waren fortgerissen von einer Verzweiflung, die aus grauen, urwilden Zeiten zu kommen schien, und Heulen und Zähneklappern war emporgestiegen aus düsteren, vergrabenen Schlünden. Die Blicke aber, die in die Gründe der Dinge eingedrungen waren, wandten sich jetzt nach oben. Tote, längst vergessene Götter wurden angerufen und Leiber und Seelen zerfleischt in bacchantischer Buße. Und gebrochen lagen sie da in den Gassen der Stadt der Städte, am Fuße des finsteren Berges und riefen die Gottheit, die sie nicht kannten, nannten sie suchend bei all ihren Namen, auf daß sie sich offenbaren möge in Gnade und Herrlichkeit …


»Jahwe, bist du es? O so offenbare dich, tausendjähriger, den wir verkannten! Oder bist du es, Christ, Gottessohn! So vergib den Zweifel den Staubgebornen, die in frechem Übermut dich ihresgleichen wähnten. Bist aber du es, Donnerer, furchtbarer Gott, so zerschmettere mit heiligen Blitzen die Frevler und laß leben, was voll ist des Lebens!«


Und sie rangen die Hände zum Himmel empor.


Aber nicht vom Himmel kam ihnen Antwort: sie kam aus der Tiefe, aus dem schwarzen Schoß, der der Vernichtung entgegenkreiste, mit schrecklichem Getöse barst der Boden am Fuße des dunklen Berges und eine gelbe Flamme schlug lodernd auf. Entsetzen lähmte die zitternden Menschen und sie meinten, schon sei das Ende gekommen. Aber aus der Flamme drang eine schreckliche Stimme, weithin hallend durch die Stadt der Städte, lachte Hohn und sprach: »Jetzt sucht ihr die alten Götter! Sie werden euch helfen und noch einmal erlösen. Aber nur, wenn es euch gelingt, ein Sühnopfer zu finden, das den Urgrund eurer Verbrechen in sich trägt. Findet ihr solch ein Wesen, so seid ihr gerettet und über dies Opfer allein kommt dann die ewige Vernichtung. Und nun rüstet euch, hinauf zu pilgern auf den dunklen Berg der Verzweiflung, den ihr noch niemals erklommet. Übersteigt die schrecklichen Schlünde, überwindet die gräßlichen Tiefen, zerreißt eure Hände an dem spitzen Gestein und suchet, suchet! Oben auf dem Berge der Verzweiflung ist der Hain des Lebens. Dort wird sich die Gottheit euch offenbaren und ihr mögt ihr künden, ob ihr das Sühnopfer fandet. Und dürft ihr dort oben bleiben, so seid ihr gerettet. Wehe euch aber, wenn ihr wieder herabgetrieben werdet in die Stadt der Städte! Hinauf also! Und diesen Rat gab euch Satan!« Noch ein furchtbar gellendes Lachen schlug aus der Flamme empor; dann verschlang der Boden das Feuer und alles ward still.


Die Menschheit aber hob die büßende Stirn voll Grauen und voll schrecklichen Mutes. In langem, endlosem Zuge schlossen sich eng aneinander Männer, Weiber und Kinder; und langsam klomm es empor. Der dunkle Berg der Verzweiflung ward betreten, auf daß es sich offenbaren möge unter Schrecken und Nöten, wo der Urgrund der Sünde sei.


Und siehe: nicht die Jüngsten und Stärksten erreichten zuerst über Grauen und Todesfurcht den Hain des Lebens, über den ganzen Berg hinunter dehnte sich noch der lange Zug, in den Schlünden lagen schon zerschmettert Unzählige, als die sieben greisesten Männer der Stadt als die ersten anlangten. Sinnend und beratend waren sie dem Zuge vorangeschritten und, den Blick nach innen gekehrt, festen Schrittes über das Entsetzen emporgestiegen. In wilden, finsteren, ringenden Massen schob sich der endlose Zug ihnen nach, den die sieben Weisen zu erlösen hofften, weil sie das Sühnopfer gefunden hatten.


Und als sie den Hain des Lebens betraten, strömte ihnen eine Luft entgegen, die sie niemals geatmet, voll fremder, köstlicher Düfte. Niegesehene Pflanzen glühten in tausend Farben und goldene Früchte hingen schwer und üppig neben den Blüten. Durch die Luft schienen Wesen zu schweben, die sie nicht ersehen konnten; aber sie hörten den Schlag ihrer Flügel, der rhythmisch an ihr Ohr klang, wie süße, ferne Melodie. Aus dem Kelch einer Blüte schoß manchmal blitzschnell etwas Graues, Zartes in die Höhe, – form- und wesenlos wie eine Seele …


Die Menschen aber sanken in die Knie, in brünstigem stillen Gebet, und ihre Seelen beschworen die Gottheit.


Licht kam es herangeschwebt aus dem bläulichen Walde, der in den Lüften zu wurzeln schien. Und eine eherne Stimme schlug an das Ohr der Menschen: »Erdgeborene, nicht würdet Ihr den Anblick der Gottheit ertragen. Darum wird sie zu Euch treten in Eurer Gestalt.« Und der Lichtkreis wurde dichter und dunkler und vor den Greisen stand ein Jüngling. Ein Schäfer schien er seiner Gewandung nach; ein helles Band war um seine Schläfe gewunden und die frohen Augen strahlten wie Sonnen. »Wer bist du?« fragte der Älteste; und sie wichen scheu vor dem Jüngling zurück, der im Lichtglanz stand.


»Ich bin, was ich euch nicht scheine. Ich bin der Schrecken, der euch zermalmen würde in wahrer Gestalt, die Zeugungskraft des Lebens, der Geist der Erhaltung. Ich bin der Ursprüngliche, der immer war und immer sein wird.«


Da sanken sie nieder vor der Urgewalt, die erschienen war in lichter, lieblicher Form. Die Gottheit aber stand da im Glanz, und ihr Sonnenblick hob die Menschen vom Boden empor.


»Was trieb Euch, die Gottheit zu suchen?«


»Herr, wir kommen, dir ein Sühnopfer zu bieten, das du zermalmen mögest statt unser, weil es den Urgrund der Sünde in sich trägt.«


Und wieder ertönte die Stimme:


»Wen fandet Ihr?«


Da trat Zelatusius vor, der älteste der Greise, den sie zum Sprecher erwählt hatten. In seinen Augen glomm ein düsteres Feuer und anklagend hob er den knöchernen Arm: »Herr,« begann er, »wir waren ein schlechtes und sündiges Volk. Wir hatten den Glauben preisgegeben und freches Wissen erworben für die verlorene Demut. Du aber straftest uns mit unserem eigenen Wissen, das uns sehend machte für die Schrecken des Endes. Und so kehren wir heulend und zähneklappernd über den Berg der Verzweiflung hierher zurück, von wo wir einst vertrieben wurden mit flammenden Schwert.«


Er starrte in die bläulichen Stämme des Hains und es war wie ein Wiedererkennen, wie eine dämmernde Ahnung des Uranfanges. Dann wandte er das Antlitz nach der anderen Seite, von der sie gekommen waren, und blickte in das grausige Geklüft des schwarzen Berges, über den es sich langsam aus der Tiefe heraufwälzte wie ein dunkles Meer …


»Wer aber, o Herr,« fuhr Zelatusius fort, »trägt die Schuld daran, daß wir diesen göttlichen Hain verloren, daß wir freche Frevler wurden, die eindrangen in die heiligsten Geheimnisse des Lebens und daß wir heute büßend hierherpilgern über Nacht und Todesgrauen? Wer war das Wesen, das uns den blinden Glauben genommen, das uns zum Forschen geführt, das den Arm ausstreckte nach der schrecklichen Frucht der Erkenntnis? Das Weib war es, Herr, Eva, die sich nicht genügen ließ an dem üppigen, ruhevollen Leben im göttlichen Hain, die aufrührerisch weiter und weiter drang, bis sie zu dem Baum kam, von dem sie, die verfluchte Sünderin, mit lächelndem Munde den Apfel brach. Sie hat uns zum Zweifel geführt, sie ist die Mutter unseres Falles, der Urgrund unserer Verderbnis. Und über sie, o Herr, ergieße drum alle Schrecken der Vernichtung und erhalte uns, die reuig zurückkehren zu dir, um deinen Hain in Demut und blindem Gehorchen, nicht grübelnd und forschend, rein und sündelos zu bewohnen.«


Er schwieg. Und der Jüngling mit der lichten Stirn und den frohen Sonnenaugen wandte sich langsam zu den bläulichen, verschwimmenden Stämmen des Waldes: »Seele Evas, löse dich aus der Umschlingung des Alls und werde noch einmal die Form, die du gewesen!«


Und in den bläulichen Stämmen begann es langsam zu glühen. Lange feurige Streifen wanden sich ineinander wie Schlangen und fluteten zusammen in eine einzige Woge, die rot und heiß, wie flüssiges Kupfer, heranwallte durch den Hain. Und als sie nah war seinem Rande, da tauchte Evas weißes Gesicht und ihr schneeiger Leib aus der roten Lohe ihres Haares. Und am Rande des Haines blieb sie stehen; ringelnd und wallend und flutend floß das Haar über den Sünde begehrenden, Sünde gewahrenden Leib, ihn bergend vor den starren, fiebernden Blicken der Menschenweisen, denen urplötzlich alle Teufel der Verdammnis in einer einzigen Form entgegensprühten.


Und der Jüngling wandte sich ihr zu: »Jene klagen dich an, die Urheberin des Verderbens zu sein und der Urgrund ihrer Vernichtung.«


Da erklang die Stimme Evas sanft und lieblich, wie Flötenton: »Lichter Geist, ich habe gesündigt; aber siehe: ich bin ohne Reue. Schimmernd strahlte die Frucht vom Baume und ihr güldener Glanz trieb mich ruhelos umher. Bleiern lag auf uns die Schwüle des üppigen Tags. Aber rund und lockend, voll süßer Verheißung hing über uns die Sünde, Adam aber schlief im Schatten des Baumes. Ich stand vor der Frucht und blickte zu ihm hinüber und sah dann wieder zu dem goldenen Geheimnis empor. Und während die Schlange die süße Verlockung in mein Ohr raunte, durchdrang mein frevelnder Blick die goldene Schale, – und ich sah darin den Sturm, nach dem wir hier schmachteten, und das Meer in wilder Empörung und die graue Not und den rieselnden Schweiß und das goldene Brot der Erde; und weiter sah ich das Licht der Tiefe und das blaue Geheimnis des Lebens und – zuletzt – die purpurne Lust: den Strom des Lebens sah ich entfesselt, und aus den Wonnen des wilden Kampfes sah ich Erkenntnis glorreich erstehen, in heißer Begierde erbebte da mein Arm, ich streckte ihn aus und brach – mit lächelndem Munde – die Frucht.«


»Herr, du hörst es!« rief Zelatusius. »Durch sie sind wir gefallen, durch sie in das Leben gestürzt!« Und sie fielen nieder und zerrissen ihr Gewand und hoben wild und drohend die Arme gegen die Sünde, die im Hain des Lebens stand.


Doch urplötzlich war der Jüngling verschwunden und Nebel entstiegen dem Boden, auf dem er gestanden; sie ballten sich fester und dichter, bis es eine riesige, düstere Wolke ward, aus der eine gewaltige Stimme furchtbar ertönte: »Wohl hat sie Euch das Paradies genommen und Euch ins Leben gestürzt. Aber nicht will ich sie vernichten dafür. Damit das Urgezeugte sich weiterpflanze und die Gattung den Erdkreis umspanne in all seinen Höhen und Tiefen – bis dieser Erdball selbst verschwindet und Raum gibt für neue Gestaltung -, sandte der Geist der Erhaltung in den Hain der Schöpfung die Sünde, Ihr aber, Ihr Menschen, Gebrochenen, Büßenden und Widerrufenden, keine Urkraft ist mehr in Euch, die erhalten zu werden verdient. Welket, wie auf dem Felde die Frucht. Eva allein bleibe; zu neuer Befruchtung, wenn neue Formen des Lebens harren. Und wenn Eure Welt zerbirst und aus Dämpfen und Basen neue Welten sich formen, so vergehe rest- und samenlos alles Gewesene und nur Eva bleibe erhalten, auf daß sie immer wieder glorreiche Sünde begehe!«


Näher und näher kam die dunkle Wolke. In wildem Entsetzen wandten sich die Greise und flohen den Berg der Verzweiflung hinab. Das dunkel heraufdrängende Meer ergriff sie, brandete hoch auf und brauste mit der Beute in die Tiefe zurück.


Hoch oben aber, im Hain des Lebens, stand wieder der Jüngling vor dem Weibe. Hell und zart umflatterten sie die Seelen und ihr schwirrender Flügelschlag durchtönte die Luft in sehnsüchtiger Ahnung. Von der Erde strömten graue Dämpfe empor, die wie tanzende Mädchenleiber durcheinander wallten.


»Hörst du, o Eva, den Triumphgesang der Töchter des Chaos? Sie freuen sich, daß nun bald des All ihnen wieder gehöre. Doch anders will es der Geist der Erhaltung. Neuer Anfang entsteige dem Untergang und neues Leben gebäre die Sünde, noch einmal, Eva, empfange, in liebreicher Inbrunst, ein neues Geschlecht.«


Da sank das Weib in die Knie und hob flehend die Arme: »Herr, wer soll mein Genosse sein?«


Langsam hob sich die gebietende Hand und wies in die dämmernden Stämme des Haines: »Wähle, o Eva, unter allen Seelen, die jemals gewesen. Stoff und Form werde der erwählte Geist und bleibe mit dir erhalten, nicht mehr in des Einzigen Arme wirst du wahllos getrieben; den Gatten erwähle dir selbst.«


Da trat sie hervor mit fliegendem Fuß. Buhlerisch hob der Wind das brennende Haar, daß es zurückwallte von dem leuchtenden Leib und flatternd mittanzte im Spiel der balsamischen Lüfte. »Sei gepriesen, o lichte Gottheit des Lebens! Wieder höre ich ihn rauschen, den heiligen Strom in diesem pulsenden Leib und wieder fühle ich im Herzen lodern die süße Begierde. Und doch ist Eva voll banger Zweifel, denn der Sünde flammende Seele erglüht in Sehnsucht nach einer Vermählung, die nicht der Niedergang sei ihrer selbst, ein Geschlecht möchte ich gebären, das mir gleich sei an glorreicher Sündigkeit, das niemals winselnd im Staube liege, wie die Gattung, die ich von Adam empfing. Stolz und kühn erhebe es sich über den Staub und wie die Mutter mit lächelndem Mund den Arm erhob nach der goldenen Frucht, so greife es kühner noch mit frohlockendem Blick bis zu den goldenen Sternen empor! Und darum flehe ich zu dir, o Geist des Lebens: Laß mich untergehen mit jenen, wenn ich den Gatten nicht finde! Dem Chaos überlasse dann in ureigner Gärung neue Gestaltung. Die Sünde aber vergehe, – oder sie sei Mutter der glorreichsten Welt!«


Und der Jüngling sprach: »Es sei, wie du begehrst.«


Düfte entstiegen dem Boden, berauschend und schwer. Sie umwallten den schönen Leib und zogen ihn langsam herab auf den blühenden Grund, wo schlummermüde die Augen sich schlossen und Eva, das Weib. zu neuer Erweckung entschlief …


Da sie die Augen aufschlug, siehe, da stand ein Landmann vor ihr und sprach: »Gib mir die Hand, Eva, und laß uns den Samen neuer Menschheit streuen. Kraft und Arbeit, Ringen und Mühsal: das ist das Leben. Laß uns dem Geist der Erhaltung dienen! Und während ich treu und rastlos der Welt ihre Kräfte entringe, mögest du über mir in Schönheit der Mutter erstrahlen.«


Sie aber sah ihm tief in die Augen und ein Schauer durchlief den warmen Leib. »Dich erkenne ich, o Erdensohn! Dich ersah das Auge des ersten Weibes, Blut und Schweiß zeichnen deine Spur und vom Staube kommt und zu Staub wird der Same, den du verstreust, nicht deiner harrt Eva im Hain des Lebens.«


Und während der Landmann ihren Blicken entschwand, kam aus den bläulichen Stämmen des Haines ein Recke daher, stark und schön wie ein Riesensohn. Des Löwen gelbes Fell hing um den gewaltigen Leib und die mächtige Hand schwang spielend in den Lüften die Keule. »Mit der Kraft allein,« sprach er, »vermähle sich Eva!« Und schon streckte er den Arm aus, um die Schimmernde an sich zu ziehen. Sie aber wich zurück und ihre abwehrenden Hände bannten den Schrecklichen. »Herrlich anzusehen bist du, Heros, in furchtbarer Schöne! Aber zermalmen würde sich dein Geschlecht und zerfleischen, und Leibes Not und blutiger Tod wäre sein ewiges Erbe. So weiche von mir und lasse die Sünde im Hain des Lebens!«


Da zerfloß die Heroengestalt zwischen den Stämmen des Haines, als wäre sie niemals gewesen. Aus dem Dunkel aber trat ein Mann in langem Büßergewand. Sinnend maß sein ernstes Auge das Weib, das vor ihm stand. Und er sprach: »War einst ein Königssohn. Der stieß Prunk und Lüste von sich, ward ein Bettler und wandte sich ab vom Leben; nun aber kehrt er noch einmal zurück, um es zeugend zu überwinden.«


Da erbebte Eva in ehrfurchtvollem Erkennen. »Groß ist deine Weisheit, Erhabener. Aber was du zeugtest, würde nicht leben, – in schwankendem Dämmern würden ihm goldene Tage verrieseln. Und doch wäre das von dir Gezeugte voll heißer, gefesselter Sehnsucht, - weil es die Sünde geboren. Überwunden wohl wäre das wollende Leben, Herrscher aber der lüsterne Traum. Vermindert wäre die Freude, gemehret der Schmerz. So wende dich ab von mir, Geist der großen Ruhe, und kehre heim, – ins Nichts!«


Da wandte sich die Lust und Leid verneinende Seele der ewigen Heimat zu, und der Schemen entschwand den Blicken des Weibes.


Aber aus dem Hain des Lebens erstrahlte ein bläuliches Licht. Still und heilig erglomm es und wuchs und wuchs: und in dem milden, leuchtenden Glanz stand der herrlichste Menschensohn. Selig leuchtete sein Antlitz der Sünde entgegen, und unter Dornen erstrahlten die Augen der Liebe. Und es klang wie Orgelton durch den Hain: »Um des heiligen Werdens willen steige ich hernieder vom gebenedeiten Kreuz meiner Leiden …«


Die Sünde aber sank in den Staub vor der Lichtgestalt. In Anbetung berührte der lustvolle Leib den Boden, des Auges schillernder Blitz ward gebändigt in Demut und die aufrührerische Lohe des Haares sank nieder aus zügelnder Höhe, in frommen Wellen sich schmiegend zu den durchbohrten Füßen des Menschensohnes … Und in Verzückung hob sie das süße Antlitz zu ihm empor: »Du Gnadenreicher neigst dich zu Eva? Die Liebe umfängt die Sünde? … Doch du bist stärker als ich. Entsühnen würde sich die Sünde in deiner himmlischen Nähe, und Eva würde vergehen, – in dir. Aber der Geist der Erhaltung will, daß die Sünde bleibe, wenn neues Leben sich formt. Und so löse du dich wieder in lichten Frieden, o himmlischer Geist; mir aber öffne das Chaos die Arme!


Die Lichtgestalt verschwand, Eva aber erhob sich vom Boden und stürzte an den Rand des Abgrundes hin. In heulendem Triumphgesang fuhren aus der Tiefe die Töchter des Chaos, umbrausten höhnisch den leuchtenden Leib, durchwühlten grimmig das flammende Haar. Ein dumpfes Getöse drang von der Erde empor und giftige Gase entquollen ihrem berstenden Schoß. Mußte Eva herab in den schrecklichen Schlund?


Kettengerassel ertönte im Hain des Lebens. Eva wandte das Antlitz und sah von fern einen Mann heranstürmen in schrecklicher Pracht. Immer näher kam er. Zerrissene Ketten schlugen den Boden und ein Pantherfell hing in Fetzen um den stählernen Leib. Als er aber ganz nah war, durchbebte ahnungsvolle Wonne das Weib; denn aus den Augen des Stürmenden strahlte der Geist, seinen Leib durchpulste die Kraft, Liebe lächelte sein Mund und sündiges Wissen leuchtete aus seinem Antlitze. Über seinem Haupt aber schien es zu funkeln und zu sprühen in gelbem, zuckendem Licht: und so wie sie dastand, umwallt von der roten Lohe der Sünde, so stand er da, umleuchtet von den Blitzen des Frevels.


»Wer bist du, Starker?« fragte Eva und schritt ihm entgegen in bebender Lust.


»Der für die Geschaffenen die Flamme des Lebens stahl, wie du für sie den Apfel der Sünde brachest. An den Felsen schmiedete mich dafür ein ängstlicher Gott, mit Ketten, die ich Jahrtausende lang knirschend ertrug. Um meinen Felsen tobten des Okeanos wütende Töchter, brauste des Windes rasende Braut. Und das Leben rollte vorbei in wildem Getöse, bis der Tag der Vernichtung kam. Da sah ich die Sünde im Hain des Lebens harren. Und wieder ballte sich die gefesselte Hand in titanischem Trotz, Riesenkräfte gab mir noch einmal die göttliche Gier: ich sprengte die Ketten und stürmte hierher, – die geliebte Flamme zu retten, mein ist nun Eva, die lichte Sünde, und von mir empfange sie das Geschlecht der werdenden Welt, stark und frevelnd wie ich, sündig leuchtend wie du!«


Das Weib aber rief, im Rausche höchster Lust:


»Dir allein vermählt sich das sündige Wollen; denn du bist die Tat.«


Heulend warfen sich die Töchter des Chaos zwischen die Beiden und von der Erde stieg der Orkan tosend empor. Doch der Mann drang durch Kampf und Sturm und schwang hoch in den Lüften die brennende Fackel, die er aus göttlicher Halle einst stahl. Und lodernd faßte die Flamme die Töchter des Chaos, Gase und Dämpfe entzündend: und gelbe, tötende Lohe wallte zur Erde herab.


Über der vergehenden Welt aber umschlang der Mann das Weib, Phosphorosfrevel die fruchtbare Sünde.


aus: Eine sonderbare Hochzeitsreise, Neue Novellen, Szelinski & Comp., Moderner Verlag, Wien, o. J.

Freitag, 16. Dezember 2011

Der Studiosae Lebensregeln

A young female architecture student by Herman Major Schirmer 


DER STUDIOSAE LEBENSREGELN.
Mel.: Als ich noch im Flügelkleide.

Mägdlein, willst du nun studieren,
Laß Dich etwas instruieren,
Denn die Sach’ ist wirklich nicht so leicht.
Wie’s dem Unverstand oft däucht.
Präg’ Dir ein vor allen Dingen.
Was dem Mägdlein Lob kann bringen,
Wie es sich in seiner Eigenart
Fein und lieblich stets bewahrt.

Lachen sollst Du, Du sollst scherzen
Alle Tag’ und recht von Herzen,
Sing’ Dir oft ein fröhlich Lied,
Das erheitert das Gemüt.
Doch verbummeln die Semesterzeit,
Wie’s die wilden Knaben freut,
Darin liegt kein Witz und wenig Sinn,
Zum Kolleg geh’ ich lieber hin.

Trinken darfst Du, Du darfst trinken,
Wenn Dir duft’ge Bowlen winken,
Und ein Glas voll edlem Gerstensaft
Auch noch keinen Kater schafft.
Aber laßt uns nicht beschreiben
Wie’s die wilden Knaben treiben,
Nehmt das Glas zur Hand und klinget leis,
Nach der deutschen Mädchen Weis’.

Rauchen darfst Du, Du darfst rauchen,
Wenn’s Dir Freude macht zu schmauchen,
Ab und zu ’ne kleine Zigarett’
Ist für Mädchen auch ganz nett.
Aber meide lange Pfeifen,
Denn das wirst du wohl begreifen:
Pfeif im Munde gibt ein schief Gesicht,
Und das steht den Mädchen nicht.

Lieben darfst Du, Du darfst lieben,
Was die Wissenschaft geschrieben,
Was Natur und Kunst auf Erden schafft,
Liebe Du mit ganzer Kraft.
Auch die Väter, Mütter, Tanten
Und die sonst’gen Anverwandten
Liebe Du in stiller Seelenruh’,
Aber dann — klapp’s Herzchen zu.

Aus: Liederbuch für Studentinnen, Strassburg, Heitz, 1910.

Dienstag, 6. Dezember 2011

Gottlieb Leon - Ister und Auripe

Ister und Auripe.

An dem blumigen Gestade der schnellrauschenden Donau, auf deren nassem Rücken dämmernde Hayne und elysische Auen schwim­men, begegneten sich an einem schönen Frühlingsabend Hylas und Mykon. Freundlich reichten sie einander die Hand, und grüßten sich.

Mykon, hub Hylas an, weil der Abend so schön ist, und wir eben zusammentreffen, so laß uns zu dem heiligen Felsen gehen, der dort sein kahles Haupt gen die Wolken emporhebt. Sieh, er wirft einen unermessenen Riesenschatten in’s fliessende Waizenfeld hinaus, und auf seiner Anhöhe kann man weit umher die Gegend im abendröthlichen Glanze übersehen.

Komm! laß uns unter das Hollundergesträuch uns setzen, das dort schattig über seinen Rücken herabhängt, und das die kühlen Zephyre lieblich durchsäuseln. Dort magst du mir das Lied von dem Gotte dieses Flusses singen, und ich will dir dafür diesen Stab hier schenken, den ich heute bey frühem Morgenstrahl am Wasser aus einer schlanken Haselnußstaude schnitt, und mit jungen Veilchen umkränzte.

Ja, ich will thun, was du begehrest, sprach Mykon lächelnd, und itzt giengen sie hin, und setzen sich, und Mykon sang:

Ister, der Gott dieses Flusses, liebte Auripen,1 die Nymphe eines Thales an dem anmuthigen Goldufer der Kremse. Einst, als sich der rosenfarbene Abend in dem ruhigen Silber der Donau spiegelte, und die Dryade eben an der Mündung der in die Donau sich stürzenden Kremse saß, klagte er ihr seine Liebe also:

Schön bist du Nymphe, schön wie ein jugendlicher Sommertag, wenn er aus silbernen Wolken auf glückliche Fluren und Hayne herablächelt. Schlank bist du, wie die Eiche, die du bewohnest. Dein Haar, das in seidenen Gold­locken über die runden Schultern herabrollet, schmückt ein lieblicher Eichenkranz wohl wohlriechenchender Blüthen. Dein wallender Busen, deine Hände und Schultern, die an Weisse den blendenden Schnee beschämen, sind entblößt. Aber ein wollüstiges weisses Gewand voll Falten wallet von der Brust an rund um dich herum und bis zur Erde herab, das den schönen Bau deiner Glieder zeigt, wenn muthwillige Wests flatternd mit demselben spielen.

Du bist so reizend, so schön: aber könntest du nicht auch so zärtlich seyn, wie du schön bist? mich lieben, so wie ich dich liebe? Auch ich bin schön, Nymphe, ich habe ein ernstes männliches Gesicht, das ein glänzender Silber­bart umkränzt, der zur Brust herunter fließt. Ein Schilfkranz umschlingt mein grünes Haupthaar, und statt der Füsse bin ich rings um den Leib mit langblättrigem Schilfrohr umwachsen.

Fürchte nicht diesen Dreyzack, den ich nur in der Rechten habe, um den Wellen zu gebieten, daß sie nicht das Ufer verschlingen, und tobend Wiesen, Aecker und Hayne mit sich fortschwemmen.

Sieh, alle die weiten Wasserfluren, die ganze Länder und Gegenden durchschneiden, gehören mein: auch habe ich in der Tiefe des Gewässers einen schönen gläsernen Pallast, der mit bunten und goldfärbigen Muscheln aus­geziert, hell und geräumig ist. O Nymphe, in diesem würdest du bey mir wohnen, und glücklich seyn. Glücklicher und ruhiger würdest du seyn, als in deiner Eiche, welche oft im flockenvollen Winter herbe Winde durchsausen, und das traurige Winterkleid von den nackten Stämmen herabschütteln: wo dich oft ein plötzlicher Jagdschuß im verlängerten Nachhall erschreckt, oder der rasche Schall eines nahen Waldhorns, oder ein wildschnaubender Spürhund, wenn er raubbegierig das scheue Wild durch die Büsche verfolgt. Alles dieses fürchtest du nicht in meiner Wohnung; denn ich befehle selbst den gehorchenden Wässern mit heiliger Ehrfurcht vorüber zu rauschen.

O wie unaussprechlich ist meine Liebe gegen dich! — Ach! stammelte der Wassergott, und wollte schon die träufelnden Arme gegen sie ausstrecken: allein sie floh, die Spröde, und verschloß sich in ihr Eichenhaus.

Seitdem kam der Flußgott oftmals zu der Eiche, und klagte ihr seine Leiden: aber sie war taub, und hörte ihn nicht: drum straften sie die Götter, und verwandelten sie in diesen Felsen, auf welchem die Hirten dieser Gegend noch jährlich dem Gotte des Flusses opfern.

Ich danke dir, Mykon, daß du mir das Lied so schön gesungen hast; mir war’s, da du sangst, als wenn sich der Fels regte, und ein heiliger Schauder fuhr mir durch die Brust. Dieß Lied mußt du mich auch lehren, sprach der Hirt, und gab ihm zum Lohn den blumigen Hirtenstab.

Indeß hatte sich das sterbende Abendroth hinter die fernen waldigen Gebirge verborgen; die sternenreiche Nacht breitete ihre bräunlichen Flügel auf die stille Gegend aus, und der lächelnde Mond hieng schon über schlummernde Wiesen und Thäler.
                                                                       

1 Der Name dieser Nymphe ist vermutlich eine Ableitung von aurea Ripa, (Goldufer) welchen Namen man nach Colles vor Zeiten dem Thal bey dem Kloster Imbach hinter Krems beylegte.

Sonntag, 27. November 2011

O junge Mädchenherrlichkeit - Rückblick eines alten Burschen

Bundesarchiv, Bild 102-12968 / CC-BY-SA
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O junge Mädchenherrlichkeit


O junge Mädchenherrlichkeit
Welch neue Schwulitäten!
Bezieht ihr alle weit und breit
Die Universitäten!
Vergebens spähe ich umher,
Ich finde keine Hausfrau mehr!
O jerum, jerum, jerum
O quae mutatio rerum!


Die Nähmaschin’ bedeckt der Staub;
Es sank der Herd in Trümmer;
Der Kessel ward des Rostes Raub,
Verblichen ist sein Schimmer.
Die Wäsche gibt man aus dem Haus
Und beizt mit Chlor die Flecken aus.
O jerum, jerum, jerum
O quae mutatio rerum!



Wo sind sie, die beim Kaffeekranz
Nicht wankten und nicht rückten,
Die ohn’ Latein bei Scherz und Tanz
Die Herr’n der Erd’ entzückten?
Jetzt komm’n sie ihnen ins Geheg
Und wandern früh in das Kolleg.
O jerum, jerum, jerum
O quae mutatio rerum!



Da forscht mit glüh’ndem Angesicht
Die ein’ in Quellenschriften,
Die andre Frauenrecht verficht,
Und die hantiert mit Giften.
Sie alle hat der Wissensdrang
Hinaus gelockt aus altem Zwang.
O jerum, jerum, jerum
O quae mutatio rerum!



Hier beugt ein dunkler Lockenkopf
Sich über’s Corpus iuris,
Die mit dem blonden Mozartzopf
Forscht, was denn wohl die Ruhr ist.
Wer schilt die säum’ge Köchin aus?
Wer flickt des Hausherrn alten Flaus?
O jerum, jerum, jerum
O quae mutatio rerum!



Ihr Jungfrau’n, diesen lust’gen Scherz
Dürft ihr für Ernst nicht halten,
Ihr wißt, ein echtes Burschenherz
Kann nie für euch erkalten.
Tragt Küchenschürz’, tragt Doktorhut,
Wir wissen, beides steht euch gut
Und bleiben euch die Alten!


Ihr Herren, diesen lust’gen Scherz
Dürft ihr für Ernst nicht halten,
Ihr wißt, im rechten Frauenherz
Wird rechter Sinn stets walten:
Die Küchenschürz’ zum Doktorhut,
Zum Amtsbarett der Fingerhut,
Und so bleibt’s doch beim Alten!


Liederbuch für Studentinnen, Strassburg, Heitz, 1910.








Rückblick eines alten Burschen



O alte Burschenherrlichkeit,
Wohin bist du entschwunden,
Nie kehrst du wieder goldne Zeit,
So froh und ungebunden!
Vergebens spähe ich umher,
Ich finde deine Spur nicht mehr.
O jerum, jerum, jerum,
O quae mutatio rerum


Den Burschenhut bedeckt der Staub,
Es sank der Flaus in Trümmer,
Der Schläger ward des Rostes Raub,
Verblichen ist sein Schimmer.
Verklungen der Kommersgesang,
Verhallt Rapier- und Sporenklang.
O jerum, jerum, jerum,
O quae mutatio rerum


Wo sind sie, die vom breiten Stein
Nicht wankten und nicht wichen,
Die ohne Moos bei Scherz und Wein,
Den Herrn der Erde glichen?
Sie zogen mit gesenktem Blick
In das Philisterland zurück.
O jerum, jerum, jerum,
O quae mutatio rerum


Da schreibt mit finsterm Amtsgesicht
Der eine Relationen.
Der andere seufzt beim Unterricht,
Und der macht Rezensionen;
Der schilt die sünd'ge Seele aus
Und der flickt ihr verfallnes Haus.
O jerum, jerum, jerum,
O quae mutatio rerum


Allein das rechte Burschenherz
Kann nimmermehr erkalten,
Im Ernste wird, wie hier im Scherz,
Der rechte Sinn stets walten;
Die alte Schale nur ist fern,
Geblieben ist uns doch der Kern,
Und den lasst fest uns halten.
O jerum, jerum, jerum,
O quae mutatio rerum



Drum Freunde reichet euch die Hand,
Damit es sich erneure,
Der alten Freundschaft heil'ges Band,
Das alte Band der Treue.
Klingt an und hebt die Gläser hoch,
Die alten Burschen leben noch,
Noch lebt die alte Treue.
O jerum, jerum, jerum,
O quae mutatio rerum




Aus: Schauenburgs Allgemeines deutsches Kommersbuch, Ursprünglich herausgegeben unter musikalischer Redaktion von Friedrich Silcher und Friedrich Erk, M. SchauenburgLahr 55.-58. Aufl. Neue Bearbeitung. [1899]








Sonntag, 13. November 2011

Ruth Margarete Roellig - Die Frau zwischen den Säulen

Hans Makart - Mädchen in weißem Kleid





Abigail war ein Traum in Rosenblätter eingehüllt . . .
— Vor zwei Jahren hatte Fürst Irmo sie von ihrem Vater zur Gemahlin gefordert, sie, die noch ein Kind war mit ihren sechzehn Jahren. Er liebte den Frühling, der alte, lebenskundige Irmo, und ihre Jugend deuchte ihn köstlicher als alle seine Juwelen. Und seine Augen weideten sich an ihrer süßen Schönheit. — — —
Ihr Haar war glänzend schwarz und hing ihr in langen Flechten über den Rücken, und mit leicht geneigten Schultern schleppte sie die schwere Pracht ihrer kostbaren Gewänder durch die weißen Säulenhallen, die sich um den Palast herumzogen.
Noch niemals war sie hinausgekommen aus der Welt, die sie hier umschloß — ganz von fern nur leuchtete ihr die Sonne in das Dasein . . . Rings um die Gelände des fürstlichen Wohnsitzes breiteten sich Gärten aus von Rosen. In ganzen Plantagen wuchsen sie, knospeten, entfalteten sich in allen Farben und Arten, weiß, gelb, rosa bis zum satten, tiefen Not.
Und in den lauen Juninächten, wenn Abigail mit blassem Antlitz dastand, beide Arme um eine der Marmorsäulen geschlungen, und hineinstarrte in die geheimnisvolle Pracht wie in ein Wunder — in jenen warmen, weichen Nächten, in denen die Nachtigallen schluchzten, ging von fern ein Hauch über sie hin, der sie seltsam erregte, ein schwerer, süß-seliger Duft aus hunderttausend flammenden Kelchen — — — Da schloß sie die entgötterten Augen wie in Verzückung, ihr dunkler Kopf lehnte matt an dem kühlen Gestein, und während ihre Wangen blasser schienen denn je, glühte ihr weicher, roter Mund gleich einer fremdartigen purpurnen Blume — —
Abigail war wie ein Traum von gläsernen Fäden umsponnen . . .
Ihr Herz war nicht erwacht unter den Greisenküssen ihres kränklichen Gemahls. In dem ewigen Dämmer seiner prächtigen Gemächer wußte sie nicht einmal, daß ihre Augen leuchten konnten unter dem Widerschein beglük-kender Liebe. —
— Ein Abend breitete seine veilchenfarbenen Schleier über das Schloß und die Rosenfelder.
Fürst Irmo hatte sein Lager im Säulengang aufstellen lassen. Die dumpfe Luft im Schlosse erdrückte ihn fast.
Seine Stunden waren gezählt, und aus den Schatten der Einsamkeit hob sich lautlos das Geheimnis Sterben.
Tage, die längst vergangen, sangen ihm noch einmal ihr dunkles, müdes Lied, das ihm klang wie leises, wehes Weinen. So viele hatten weinen müssen — seinetwegen. Und noch einmal kehrte er zurück von der Grenze der Verwirrung. Seine langen, dünnen Finger umkrampften das schmale Handgelenk Abigails, die, in ein fast durchsichtiges Seidengewebe gehüllt, in all ihrem Reiz an seinem Lager stand. An einem weißen Bande hing die Harfe über ihrer Schulter, aber die goldenen Saiten waren verstummt. »Nun kommt die Tiefe herauf —« flüsterte er und es schauerte ihn. Sie neigte den dunklen Kopf zu seinen welken Lippen, die so viel genossen hatten in einem schwelgerischen Dasein — das Herzblut der Reben und das Herzblut der Frauen — —
Nur Abigail war nicht erwacht in seinen Armen, Abigail war noch ein Traum, schwimmend im uferlosen Lichtmeer der Phantasie . . .
»Nichts war ich dir — und nun sterbe ich so schwer daran — ich wollte, daß deine weiße Herrlichkeit leuchtete im Dämmer meiner Nächte — sie blieb matt und glanzlos — nichts, nichts war ich dir, du viel zu früh Geküßte, ich, der sich tränkte am süßen Wunder deiner jungen Schönheit— —«
Abigails Hand zuckte unter der schmerzhaften Umklammerung. Nein — sie fühlte nichts für diesen Mann, der ihr wie ein finsteres Schicksal erschien, dem sie sich lautlos beugte, weit es unabwendbar war.
»Ich lasse dich allein — aber ich will nicht, daß du eines anderen Umarmung kostest — mein bleibst du! Bis zu den Rosengärten führt dein Weg, bis dicht heran — so habe ich es angeordnet in meinem Testament — fügst du dich nicht, so bist du nackt und bloß, so arm, wie du warst, als ich dich mir nahm — —«
Sie stand ruhig mit geschlossenen Augen. Schwer und undurchdringlich lagen die breiten Lider auf den weißen Wangen — nur der heiße, rote Mund zitterte leicht.
Sein Flüstern wurde Stammeln — er hielt ihre Hände fest in den seinen.
›O Nacht, da ich dir Wein gab und die letzte Glut meiner Küsse — dich brach in der Knospe . . ."
Ein Lächeln des Genusses wischte über das schöne, alte Antlitz, dann ein tiefer, langer Seufzer — und Abigail wandte sich ab. Wie von selbst löste sich ihre Hand aus den umschlingenden Fingern, die nichts mehr halten konnten — — Fürst Irmo war tot.
—       —       —       —       —       —       —       —      —
— Abigail schleppte die schwere Pracht ihrer Gewänder über die marmornen Fliesen der Säulenhalle.
Die roten Mittagsflammen lagen auf den Kelchen der Rosen in zitterndem Glanz. Der Duft umfing ihre Sinne wie mit goldenen Fäden und preßte ihre weißen Hände schmerzhaft ineinander.
Ihre Augen, die geweitet waren vom Schimmer der Sehnsucht, tasteten suchend hinein in das Meer von Schönheit. Frei war sie — und doch gefesselt — und vor ihr lag der junge Tag.
Und plötzlich warf sie den Kopf zurück, daß die langen, tiefschwarzen Flechten aufflogen — dann streifte sie lächelnd und lässig das funkelnde Diadem von der schmalen Stirn. Es klirrte auf dem harten Gestein. Die Reifen von ihren Armen, die Fingerringe, die Juwelen aus ihren Ohrläppchen gesellten sich dazu — all das Tote, was sie bisher geschmückt, lag da, abgeworfen in einer heißen Regung.
Langsam, feierlich schreitet sie nun — zum erstenmal — die weißen Stufen hinab in den Park von blühendem Leben. Der Sang der Vögel scheint ihr gleich einem lockenden sehnsüchtig-leisen Syrinxspiel — —
Abigail war wie ein Traum in rosiger Morgenstunde . . .
Ihre Hände öffnen sich, und zärtlich gleiten sie über die weichen Blumenblätter.
Wie getragen von den Duftwogen schreitet sie durch die blühenden Wirrsale, weiter, immer weiter — während hinter ihr mit dumpfem Krachen die Säulen zusammenstürzen — —
Nichts hält sie mehr auf. Nur die Dornen fordern ihren Tribut. Hier bleibt, ein Endchen ihres Schleiers, dort ein Stück des Gewandes — weiter wandert sie, unbekümmert, die Pracht der schwarzen Zöpfe gelöst, in Fetzen das Kleid — an allen Zweigen hängt ein Weniges von ihr — das Alte — sie weiß es nicht und fühlt nichts — wie im Taumel gleitet sie durch all die rosige Süße die sie trinkt mit ihrem dürstenden, roten Munde — — —
Nackt und bloß ist ihre junge Schönheit — und das Sonnenrot umfängt ihren weißen Leib mit zitternden Küssen.
Da schlägt sie die heißen Augen voll auf. Die feinen Nasenflügel beben in der Inbrunst des Genießens — und berauscht von der Wonne der Lust breitet sie die Arme weit aus. Ihre schmalen Füße heben sich und sie tanzt, tanzt hinweg über die Blüten mit ihren seidenweichen Sohlen und lächelt —
Lächelt der Wunden, die die Dornen reißen, und lächelt dem Märchenduft, der ihre Sinne umkost und sie trägt — immer der Sonne zu, der purpurflammenden Glut —
Und Abigail ist Leben und Seligkeit . . .


Aus: Die flammende Venus, Erotische Novellen, ausgewählt von Reinhold Eichacker Universal Verlag, München 1919


Ihre Werke unterliegen noch dem Urheberrecht. Nach intensiven Recherchen konnten leider keine RechteinhaberInnen herausgefunden werden. Bitte melden Sie sich unter der im Profil angegebenen email-Adresse, wenn Sie Informationen zur Autorin haben. Danke.


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Ruth Margarete Roellig (14. Dezember 1878 in Schwiebus - 31. Juli 1969 in Berlin-Schöneberg) war eine deutsche Schriftstellerin.


Bis 1933



Ruth Margarete Roellig kam 1878 als Tochter der Gastwirte Anna und Otto Roehlig zur Welt. 1887 ziehen die Eltern nach Berlin um. Roellig besucht eine Schule für höhere Töchter und ein Pensionat. Die Aufzeichnung ihres späteren Werdegangs gingen vermutlich bei der Wohnungsauflösung nach ihrem Tode verloren. Vermutlich betätigte sie sich schon vor dem Ersten Weltkrieg schriftstellerisch. Nach einer Ausbildung zur Redakteurin findet sie eine Anstellung in einem berliner Verlagshaus und schreibt für den Berliner Lokal-Anzeiger und die Frauenzeitschrift Bazar, sowie verschiedene literarische Zeitschriften.
1913 veröffentlichte sie ihr erstes Buch Geflüster im Dunkel, das die Beziehung eines Dichters zu einer Muse beschreibt. Auf Reisen und Auslandsaufenthalte in Finnland, Bonn und Paris schrieb sie Romane und Erzählbände, wie Lutetia Parisiorum und Traumfahrt: Eine Geschichte aus Finnland, die ihre Reiseerfahrungen schilderten.
1927 kehrte sie nach Berlin zurück und erreichte vor allem in der damaligen lesbischen Szene eine hohe Bekanntheit. In Deutschland wurde damals weibliche Homosexualität weniger strafrechtlich verfolgt als die männliche, war aber dennoch sozial geächtet. Roellig veröffentlicht diverse Kurzgeschichten und Gedichte in einschlägigen Magazinen wie der Frauenliebe. 1928 erschien ihr Führer Berlins lesbische Frauen, der vierzehn Treffpunkte der lesbischen Kreise beschrieb. Das Vorwort schrieb Magnus Hirschfeld. Eine zweite Auflage wurde 1930 gedruckt. 1930 beteiligt sie sich an dem Aufklärungsbuch Das lasterhafte Weib mit einem Beitrag zum Lesbentum und der Transvestitismus. Auch in ihre Erzählung Ich klage an, die vom Verlust des Lebenspartners, Zwangsehe und Unterdrückung handelt, versucht sie sich an aufklärerischer Prosa.


Zeit des Nationalsozialismus


Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten verändert sich die Einstellung des Staates gegenüber der Homosexualität auf massive Weise. Homosexualität galt als Entartung und als Verbrechen. Obwohl Lesbierinnen nicht systematisch verfolgt wurden und auch nicht in Konzentrationslager deportiert wurden, ächtete der Nationalsozialismus auch diese Lebensform. Die damalige Lesbenszene wurde zerschlagen. Im Zuge der Gleichschaltung wurden auch homosexuelle Schriftsteller aus dem Literaturbetrieb entfernt. Roellig verschwieg jedoch ihre lesbischen Schriften und bewarb sich im November 1936 bei der Reichsschrifttumskammer. Ihren Lebenslauf schloss sie mit den Worten „Ich bin ein durch und durch deutsch fühlender Mensch und bringe den Bestrebungen unseres verehrten Führers die innigsten Sympathien entgegen. Heil Hitler.“
Während der Zeit des Nationalsozialismus veröffentlichte sie vermutlich nur zwei Bücher: den Kriminalroman Der Andere und Kriegsroman Soldaten, Tod, Tänzerin. Der Andere, erschienen 1936, handelt von Lloyd Warring, einem Schriftsteller, der ein dunkles Geheimnis hat: er ist ein Raubmörder. In der 13jährigen Lydia Heinke findet er seine Muse. Diese benutzt ihn aber nur und verrät ihn versehentlich. In der Polizeizelle begeht der Protagonist Selbstmord. Der Roman enthält Anspielungen auf die lesbische Neigung der Autorin, so sind viele Figuren „versteckte Homosexuelle“.
1937 erschien Soldaten, Tod, Tänzerin, der auf einer angeblichen Begebenheit im Ersten Weltkrieg beruht. Protagonistin ist die Tänzerin Marion, die in den Wirren des Krieges als Spionin verdächtigt wird und in rumänische Gefangenschaft gerät. Auch die Oktoberrevolution erlebt sie mit. Über Umwege gelangt sie zurück nach Berlin. Der Roman ist voller antisemitischer und antikommunistischer Motive und ganz auf der Linie des Nationalsozialismus. Das Buch wurde vom rumänischen Verkehrsamt beanstandet. Dieses bat „in Anbetracht einer besseren Beziehung zwischen Rumänien und Deutschland“[4] das Buch aus dem C. Bertelsmann Verlag zurückzuziehen. Im März 1938 lehnte Joseph Goebbels’ Stellvertreter dies jedoch ab.
Im gleichen Jahr landet auch ihr Buch Berlins lesbische Frauen auf der Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums. Soldaten, Tod, Tänzerin sollte ihre letzte Monographie bleiben. Es gab zwar Pläne einen Roman über ein „arisches“ Kind, das bei einem jüdischen Adoptivvater aufwächst und einen weiteren um ihre Erlebnisse im Luftschutzkeller, zu veröffentlichen, doch diese beiden Romane erschienen nie. Ob sie nach der Beschlagnahme ihres Buches Berlins lesbische Frauen unter Berufsverbot stand, ist nicht bekannt.
Im November 1943 wurde ihre Wohnung in Schöneberg bei einem Luftangriff zerstört und Roellig zog auf ihr Landhaus in Schlesien.


Nach 1945


Nach dem Krieg zog Roellig mit ihrer Lebensgefährtin Erika zu ihrer Schwester Käthe. Publizistisch betätigte sie sich nicht mehr. Am 31. Juli 1969 starb sie eines natürlichen Todes.


Rezeption


Heute ist Ruth Margarete Roellig weitestgehend vergessen. Ihr Führer durch die Berliner Lesbenszene galt zur damaligen Zeit als eines der Standardwerke der Lesben- und Schwulenbewegung. Der Band wurde 1981 und 1994 unter dem Titel Lila Nächte: Die Damenklubs der Zwanziger Jahre neu aufgelegt. Ihre späteren Werke wurden schon zur damaligen Zeit kaum gelesen, eine besondere Rezeption ist nicht bekannt.

(Dieser Artikel (Quellenangabe: http://de.wikipedia.org/wiki/Ruth_Margarete_Roellig) basiert auf dem Artikel aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht seit Juli 2009 unter der Creative Commons Attribution/Share-Alike-Lizenz – vormals GNU-Lizenz für freie Dokumentation. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.)




Dienstag, 1. November 2011

Emilie Mataja – Kindheit ein – Paradies

Emilie Mataja (Emil Marriot) (20. November 1855, Wien – 5. Mai 1938, Wien)



Kindheit ein – Paradies


Sie ist schlecht geworden. Und niemand hat sich darüber gewundert. Ja, alle haben es kommen sehen. Kaum sechzehn Jahre alt, zählte sie schon zu den Verlorenen, und das verdankte sie ihrer Kindheit, jenem Paradiese, von welchem wir soviel singen und sagen hören. Je nun Für viele ist's ja ein Paradies, nach welchem sie in späterer Zeit, wenn die Pforten längst geschlossen sind, voll Sehnsucht und Rührung zurückschauen. Vaterliebe und Mutterzärtlichkeit, Kindheit, Unschuld und kindliche Freuden. Wie gern und wie voll Rührung denkt man daran, wenn Vater oder Mutter nicht mehr sind, und die kindlichen Freuden sich in große Sorgen umgewandelt haben. Aber dieses Paradies ist nicht für alle. Und sie, die junge Verlorene, würde die Augen weit aufgerissen haben, wenn jemand ihr hätte einreden wollen, daß die Kindheit das Paradies des Lebens sei. »Daß ich ihn nicht auslache, den elenden Lügner« Das würde ihre Antwort gewesen sein.


Im Findelhaus zu Wien ist sie zur Welt gekommen. Anna hat man sie getauft, weil sie just am Annentage das Licht der schönen Welt erblickte. Von jener Mutterseligkeit beim ersten Schrei des Kindes war bei ihrer Geburt nichts zu spüren. Sie war nicht der allerliebste, kleine, rosige Engel, den man anstaunt wie ein Wunder und dessen Füßchen und Händchen man mit Küssen bedeckt – ihre Mutter stieß bloß einen bangen Seufzer aus, als sie hörte, daß die Kleine lebe und vermutlich am Leben bleiben würde. »Soll man sie Anna taufen?« »Meinetwegen, nennt sie, wie ihr wollt. Mir gilt es gleich.« Für sie war jeder Name gut genug. Da war niemand, der darüber nachgesonnen hätte, welcher Name wohl der schönste wäre, um dem Kinde den allerschönsten Namen zu geben; niemand, der sie geliebkost hätte. Die Mutter, eine arme, blutjunge Dienstmagd, weinte in ihre Kissen und schaute das Kind gar nicht an. Der Vater, ein noch militärpflichtiger Bursche, weilte irgendwo in einer Garnison. Er hat sich niemals um sein Kind bekümmert. Das war das Bequemste für ihn. Anna hat niemals erfahren, wie ihr Vater aussieht, ist auch nicht neugierig gewesen, das zu wissen.


Vom Findelhaus kam sie nach Böhmen, in den Heimatsort ihrer Mutter, in die »Kost.« Die Frau, welche sie übernahm, betrieb das Geschäft im Großen. Die meisten der Kostkinder starben ... was kein Wunder war. Ein Wunder war vielmehr, daß eines der Kinder am Leben blieb. Die Mutter zahlte unregelmäßig; das Kind wurde danach behandelt. Es starb nicht – trotz Hunger und Kälte und Prügel und Vernachlässigung aller Art starb es nicht. Es war nicht »zum Umbringen,« wie man sagt. Mehr als das: es entwickelte sich sogar zu einem hübschen und kräftigen kleinen Geschöpfe. Schon in ihrem dritten Jahre konnte man sie zu mancher Arbeit anhalten. Als sie fünf Jahre zählte, schleppte sie bereits die kleineren Kostkinder in der Stube und im Hofe herum. Willig tat sie's nicht. Was aber vermögen Prügel nicht Sie tat's – doch wehe den ihr anvertrauten Kleinen, wenn sie allein mit ihnen war Sie quälte die wehrlosen Schreihälse nach Herzenslust, mit Raffinement. Wer an sich selbst kein Mitleid erfahren hat, kennt auch nicht, es gegen andere zu üben. Sie wußte ja nicht einmal, daß ein Ding, das Mitleid geheißen, auf Erden existiert.


In ihrem sechsten Jahre kam sie »nachhause,« zu ihrer Mutter. Diese hatte sich jetzt entschlossen, sich zu verheiraten. Das Kostgeld für den »Balg« zu zahlen war der Frau lästig; und so nahm sie denn das Kind zu sich ins Haus. Ein fettes Kalb wurde bei Annas Heimkehr nicht geschlachtet. Der Stiefvater ging um sie herum und schaute sie von vorne und von hinten an: »Bist also da. Schön, schön. Groß und stark ist sie. Wird viel essen, kann aber auch arbeiten. Dumm, daß wir sie in die Schule schicken müssen Zuhause könnte man sie zu allerhand gebrauchen. Nun In ihren freien Stunden kann sie dir helfen.«


Das hat sie auch getan ... Die Mutter, noch immer fesch und lebenslustig, gab sich nicht viel mit ihrem Kleinen ab, als es geboren war. Sie liebte den Tanz und fand es langweilig, daheim an einer Wiege zu hocken. Der Mann war lebenslustig, wie sie. Auch den Karten und dem Branntwein war er nicht gram. Es war eine liederliche Wirtschaft ... Oft prügelten sich die Beiden, warfen sich gegenseitig ihre Fehler vor, und der Mann drohte das Weib zu erschlagen, weil sie ihn hintergehe. »Du bist ja immer so gewesen. Ja, sieh' ihn nur an, deinen Balg Füttern muß ich sie und erhalten; ein anderer würde so ein Kuckucksei auf die Straße werfen.«


Solche Worte hörte Anna jeden Tag. Ihr bloßer Anblick hielt die Eifersucht des Stiefvaters wach; sie war ihm verhaßt. Sie war auch der eigenen Mutter verhaßt. Sie mußte sich des Kindes wegen viel gefallen lassen. Das Kind war ihre verkörperte, nicht zu leugnende Schuld. Täglich mußte sie sich diese Schuld an den Kopf werfen lassen. Und wenn sie dem Mann seine Fehler vorhielt, verwies er sie auf das Kind: »Wer solche Aussteuer mit ins Haus bringt, der soll überhaupt den Mund halten.« – »Geh mir aus dem Weg« schrie die Mutter das Mädchen oft wütend an. »Du bist mein Unglück Hab' ich nach dir verlangt? Andere haben es gut – denen sterben die Kinder. Mir aber ist die Last geblieben. Warum gerade mir?«


Dienstmagd war sie im Hause und Kindermagd. Fast jedes Jahr kam eines. Zum Glück, daß hin und wieder eines starb – sonst hätte sie nicht gewußt, wie fertig werden mit ihnen. Aber vier waren doch übrig geblieben und sie waren klein, und sie mußte, wenn der Schulpflicht genügt war, die ganze kleine Schar überwachen und betreuen. Das Kleinste schleppte sie auf dem Arm herum, das Zweitkleinste zerrte sie an der Hand, den beiden Größeren rief sie gellend zu, acht zu geben, wenn sie ihr entwischten und auf die Straße liefen, während sie einen Wagen herbeirollen sah. Nicht, daß sie um der Kinder Leben, deren Gesundheit, deren gerade Glieder gezittert hätte. Aber sie fürchtete sich vor der Verantwortung, der Strafe. Es waren ungezogene Rangen. Sie hatten herausbekommen, was für eine schiefe Stellung das widerwillig geduldete »Kind« im Hause einnehme, und behandelten die Stiefschwester danach. Klage durfte sie nicht führen. Wer hätte ihr Recht gegeben? Wer sie nur angehört? Sie mußte Gott danken, wenn die Kinder nicht sie bei den Eltern verklagten. Und das geschah oft genug. Mit und ohne Grund. Vor den Eltern hatte immer sie unrecht. Und das wußten die Kinder und nützten es aus.


Rechtlos sein Auf der weiten Welt niemanden haben, der uns Gerechtigkeit widerfahren läßt Einmal hat man ihr in der Schule gesagt, daß die Eltern Gottes Stellvertreter auf Erden seien. Und seitdem hat sie nicht wieder beten können. Beten zu einem, der sich solche Stellvertreter erwählt? Ei, das wäre wohl vergebliche Mühe. Der erhört einen ja doch nicht. Weder Katechet noch Lehrer kannten ihre häuslichen Verhältnisse. Sie konnten ihr darum auch nicht sagen, daß Gott sich solche Stellvertreter, wie es ihre Eltern waren, nimmermehr bestellt hatte. Sie verstanden den fragenden, zweifelnden, erbitterten Blick des Kindes nicht, als sie dem kleinen Mädchen das vierte Gebot erklärten und einzuprägen suchten. Wahrscheinlich bemerkten sie den seltsamen Kindesblick nicht einmal. Es waren zu viele in der Klasse. Wie hätten die Lehrer den Charakter jedes einzelnen Kindes kennen und studieren können Dazu gebrach es ihnen an Zeit.


Vielleicht hatte sie einen hellen Kopf; vielleicht würde sie gut und gern gelernt haben. Daheim ließ man ihr ja nicht Zeit, ihre Schulaufgaben zu machen. Und darum blieb sie immer mehr zurück, gehörte zu den schlechtesten Schülerinnen, wurde stets gescholten und bestraft und verlor nach und nach jede Lust am Lernen. Vielleicht hätte sie gut, opferwillig, rechtschaffen werden können. Wer vermag es zu wissen? Was gut in ihr gewesen sein mochte, war von klein auf in ihr erstickt und ausgerottet worden. Niemand hatte sie lieb, und auch sie hatte niemanden lieb. Sie war verschlossen, heimtückisch, falsch, rachsüchtig, grausam. Selten kam ein wahres Wort über ihre Lippen. Und darum wurde sie geprügelt und wieder geprügelt und – merkwürdig – besserte sich doch nicht. Im Gegenteil, sie wurde von Jahr zu Jahr schlimmer.


Als dreizehnjähriges Kind stand sie vor Gericht. Einer der Stiefbrüder hatte sich, durch eigene Unachtsamkeit, empfindlich beschädigt. Aber sie war dabei gewesen. Sie hätte den Jungen beaufsichtigen und ihn vor Schaden bewahren sollen. Ihr Stiefvater züchtigte sie so unbarmherzig, daß die Sache durch Zeugen vor den Richter kam, und der Mann sich seiner Brutalität halber zu verantworten hatte. Sie freute sich auf die Verhandlung. Es gab also noch eine Gerechtigkeit auf dieser Welt. Man nahm sich ihrer an. O gewiß Man würde den Stiefvater ins Zuchthaus sperren und sie nicht länger daheim lassen. Sie hatte die Waisen immer beneidet, die so nett gekleidet und freundlich behandelt Spazierengehen durften. Vielleicht würde man sie ins Waisenhaus tun. Ach das wäre schön.


Sie wußte noch nicht, wie es mit der Gerechtigkeit auf Erden bestellt ist, und daß sie stufenweise verabreicht wird; daß der Stärkste das meiste, der Schwächste das wenigste Recht genießt; daß zuerst der Mann kommt, der wird am ängstlichsten beschützt. Lange nach dem Manne kommt erst die Frau. Nach einem längeren Zwischenräume kommt endlich das Kind und zum Schlusse hinkt – rechtloser, als eine Sache – das Tier einher. Der Stiefvater erhielt einen Verweis, weil er das häusliche Züchtigungsrecht überschritten hatte. Damit entließ man ihn und das Kind. Sie starrte den Richter an und sagte kein Wort. Nun wußte sie, daß sie von keiner Seite etwas zu hoffen hatte, daß die menschliche Gesellschaft so gut ihr Feind war, wie der Vater, der sie verleugnet hatte, die Mutter, die ihr schlimmer als eine Stiefmutter gewesen war.


Und nun ist sie schlecht geworden. Sie war hübsch – vielleicht zu ihrem Unglück. – Heute ist sie verwelkt und verdorben an Leib und Seele, ohne Heim und ohne Familie. Ihre Mutter hat ihr geflucht, und dazu hat sie gelacht. Aber wenn sie auf der Straße gute Mütter mit sorgfältig gepflegten, treu behüteten, munteren Kindern sieht, dann steht sie wohl still und ihre Lippen verziehen sich, als ob sie weinen wollte und es nicht könnte.


Die Kindheit – ein Paradies. Ei freilich, für viele, Gottlob für viele, Reiche und Arme, ist's ein Paradies. Für manche aber eine Hölle.


aus: Der Nonnengarten, An Anthology of German Women's Writing 1850 - 1907, Edited by Michelle Stott and Josef O. Baker, Waveland Press Inc., Prospect Heights, Illinois, 1997, S. 65ff., neu durchgesehen von ngiyaw eBooks, ohne die amerikanischen Kommentierungen.

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Walter Serner - Inferno Inferno Ein Schreien, das widersetzlich beginnt, wenn es am laute­sten wird, vor Wut sich überschlägt und ...