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René Schickele - Eine ausserordentliche Bekanntschaft

Eine ausserordentliche Bekanntschaft

Von RENÉ SCHICKELE


                     Im Verlag Allert de Lange erscheint soeben »Die Flaschenpost«,
                     ein Roman René Schickeles. Hieraus nachstehend eine Kostprobe.


Wir sind wieder hingefahren, diesmal mit S. M., und beim Mittagessen haben wir eine ausserordentliche Bekanntschaft gemacht.
Es war in einem jener alten, oft schon von den Mauren bewehrten Städtchen,  wie sie hier von manchem Hügel vergnügt ins Land hinaus winken. Kaum hatten wir uns niedergelassen, als der einzige Gast, den die Wirtsstube ausser uns beherbergte, deutlich Anstalten traf, mit uns in ein Gespräch zu kommen. Seiner Beflissenheit gab der knapp geschnittene Römerkopf ein eigenartiges Gewicht, so dass wir es nicht über uns brachten, dem Versuch wie einer gewöhnlichen Aufdringlichkeit zu begegnen.
Es wurde viel getrunken. Auch Pipette hielt kräftig mit, »als habe sie die Lebensgeschichte eines wahrhaft grossen Mannes gelesen«, wie sie zwischendurch leise zu mir bemerkte.
»Meine Freundin ist lasterhaft«, sagte Casimir zum Entsetzen des edlen Römers. »Sie trinkt, sie liebt, sie ist eigensinnig, sie hat Launen. Man kann sich für ernste Angelegenheiten nicht auf sie verlassen. Wer handeln will, muss ein Asket sein.«
Pipette schwieg betroffen und verhielt sich längere Zeit still, indess die Augen des Unbekannten zwischen ihrem gewinnenden Mund und der abstossenden Habsburglippe ratlos hin und hergingen.
»Bitte, sich nicht stören zu lassen«, brach Casimir das Schweigen. Er trank nicht. Er hantierte mit seinem leeren Glas und betrachtete den bestürzt losschwatzenden und weiterpichelnden Tischgenossen mit Misstrauen. Die Entschiedenheit, wie dieser sich uns angeschlossen hatte, erschien ihm nach wie vor als verdächtig.
Mir nicht. Ich liebe Menschen, denen bei aufwallender Empfindung das Herz aus dem Leibe springt wie der Kuckuck aus der Schwarzwälder Uhr. Die führen nichts Schlimmes im Schilde!
Da kam die Rede auf meine Strasse. Ob wir sie kennten, fragte er.
Wir hatten Casimir natürlich unsre kürzliche Fahrt verschwiegen.
Unter dem Tisch hielten Pipettens Laufdingerchen einen Fuss von mir eingeklammert. Jetzt machten sie einen Sprung — sagten gewissermassen freudig »Ja. ja!«
»Der Dame und mir steht sie noch bevor«, sprach herablassend Casimir.
Und der Fremde verkündete uns, dass er es sei, der sie »gemacht« habe, und er schwor: dies sei die Lieblingsfrau des Maharadscha (wobei er im Hochgefühl des Augenblicks die von ihm gebauten Wege und wohl auch Pipette, deren Hand er unversehens drückte, als seine Haremsdamen um sich versammelt und sich selbst als ihren Gebieter sah), und er preise sich glücklich über ihren Besitz — habe sie doch aus ihm, dem Strassenbauingenieur einen Strassenbaukünstler gemacht, weshalb er sich erlaubte, uns zum Champagner einzuladen. Für Casimir bestellte er mit mühsam unterdrückter Verachtung ein Mineralwasser.
»Hören Sie gut zu!« befahl er, als wir angestossen hatten. »Vor zehn Jahren habe ich sie gemacht, ohne mir was besonderes dabei zu denken. Ich war jung. Als ich sie heute als reifer Mann wiedersah — ...« Er machte eine Pause und starrte in sein Glas.
»Also, bitte, stellen Sie sich vor: einem Maler fällt es ein, ein frühes Bild von sich aufzusuchen, das irgendwo im Museum hängt. Er betritt das Gebäude, man hält ihn für einen gewöhnlichen Besucher, der Aufseher würdigt ihn keiner Beachtung. Beim Saal angelangt, wo die Werke der Zeitgenossen hängen, bleibt er in der Tür stehen und überblickt das Feld. Mit dem gleichen Wohlwollen erkennt er Freund und Feind. Der Freund ist ein Freund für die Ewigkeit, lorbeerbekränzt wie er selbst, wenn auch etwas kärglicher (der Arme hat nicht ganz gehalten, was er versprach), der Feind aber zeigt seine Blösse, er steht da, von den Schmeichlern verlassen, furchtbar einsam, wie man es nachts in einem letzten Kaffeehaus sein kann, wenn die Stühle auf den Tischen die Beine in die Luft strecken, enthüllt in seiner abschreckenden Ohnmacht von Geschlecht zu Geschlecht, bis eines Tages eine mitleidige Hand ihn für immer ins Nichts versenkt ... Der Besucher hällt sich viel länger bei den Feinden auf als bei den Freunden, entschieden haben sie ihm mehr zu sagen, als die andern, die er mit kurzer Gebärde ihrer Auserwähltheit überlässt, mag diese nun bedingt sein oder nicht. An den Feinden jedoch erkennt er fröhlich, wie er es hätte falsch machen können — und nicht gemacht hat ... Soviel Irrwege, die man nicht gegangen ist — man kann sich kaum satt sehn! ... Da ist schon viel gewonnen, nicht wahr? Und dann, chère Madame, dann — durch das Unglück der andern gestärkt und zur eigenen Grösse ermuntert, treten Sie vor Ihr Jugendwerk. Sie, meine Herren, oder die Dame, das bleibt sich heutzutage gleich. Erst einmal sind der Künstler und sein Werk erstaunt, sich nach so langer Zeit wiederzusehen, aber bald fangen sie gleichzeitig an zu lächeln. Das Lächeln wird zum offenherzigen Lachen, das durch die Säle schallt und den Aufseher herbeilockt. Der Kerl beobachtet Sie aus einer Ecke und fragt sich, ob er es mit einem gefährlichen Irrsinnigen zu tun habe oder mit einem harmlosen ... Und Ihr Werk und Sie strahlen sich an wie — nun, wie der Maharadscha und seine Lieblingsfrau, um bei dem volkstümlichen Vergleich zu bleiben«.
»Auf das Wohl der schwarzen Lieblingsfrau!« sagte Pipette und griff zum Champagner.
Wir erhoben die Gläser und riefen:
»Bravo! Sie soll leben!«
Er sprang auf, schwankte bedrohlich, stand aber nach Fühlungnahme mit der Schulter des Wirtes ziemlich fest:
»Auf das Wohl der Schönen — wie heisst es doch gleich im hohen Lied? Schwarz bin ich, aber gar lieblich, ihr Töchter Jerusalems ... Unser Bette grünet! ...«
J Er versank eine Weile in glückseligem Schweigen und sank auf seinen Stuhl zurück.
Wir sassen noch lange bei Tisch, dann brachten wir den zu Pipettens Bedauern rettungslos in sich ertrunkenen Strassenbaukünstler in ein Gastzimmer (Pipette, neugierig bis zuletzt, trollte mit dem Sektglas hinterdrein) und fuhren über seinem Meisterwerk nach Hause. Unterwegs musste ich anhalten. Vor uns schritten eine Anzahl Weiber melodisch murmelnd und in geordnetem Zug , die Strasse hinab, und auf unsre Frage wurden wir belehrt, dass jedes Jahr am gleichen Tage eine Prozession stattfinde zur Erinnerung an ein denkwürdiges Ereignis.
Eine Frau, die mit ihrem Erlös vom Markte heimkehrte, war hier überfallen und zu Boden geworfen worden. Sie erkannte einen Mann über sich und einen geschwungenen Knüppel, und dann sauste ein goldener Arm durch die Luft, packte den Unhold und schleuderte ihn über den Strassenrand in den Abgrund. Dort fand man ihn mit gebrochenem Fuss.
Vor Gericht sagte er aus, er sei an der Ausführung seiner Missetat durch einen kalten Blitz verhindet worden — deutlich habe er eine Feuerkugel wahrgenommen. Er sei erschrocken zur Seite gesprungen und auf diese Weise abgestürzt.
Wodurch die Frau errettet war, spielte für die Richter keine Rolle, umso mehr für die weiblichen Bewohner der umliegenden Gehöfte. Vor die Wahl gestellt zwischen einem »Kugelblitz«, wie er noch keiner von ihnen begegnet war, und dem Dazwischentreten eines in Jahrtausenden verbürgten allmächtigen Armes, entschieden sie sich ohne Schwanken für diesen, zumal der Arm, wie die beschworene Aussage der Frau bezeugte, aus purem Golde war.
Langsam folgten wir dem Zug. Die Weiber trugen blühende Zweige von Ginster und Ziströschen, an der Spitze schritten Kinder und streuten aus umgehängten Körbchen gelbe und rosa Blüten. An der Stelle des Ueberfalls war ein ländlicher Altar errichtet und mit den gleichen rosa und gelben Ruten geschmückt.
Bei ihrer Erzählung hatte die Frau, die uns Auskunft gab, in ehrfürchtig verliebter Weise von »ihrer« Strasse gesprochen. Ihre Strasse war sicher, sie stand unter dem Schutz eines allmächtigen Armes. Ihre Strasse brachte wohlhabende Gäste ins Land. Die Kinder fuhren auf ihr mit dem Autobus zur Schule. Jedes Gehöft hatte hier seinen unverschlossenen Briefkasten, meist unter einem Felsen, den gleichen für abgehende und ankommende Post, und nie war etwas gestohlen worden. Alle Bewohner des Berges liebten sie, auch die Männer, die freilich, wie überall im Süden, von kirchlichen Zeremonien Abstand hielten und also auch an der Prozession nicht teilnahmen ...
»Schwarz bist du, aber gar lieblich«, dachte ich im Weiterfahren, und angesichts des frühlingsumwobenen. in diesem Jahr noch von keinem Feuer versehrten Berges:
»Dein Bette grünet — grünet leibhaftig. Ich möchte, ich wäre das Abendlicht und könnte dich lieben, Brust an Brust ...«
Es herrschte eine klare Dämmerung, der Tag wollte nicht enden.
Pipette sas zwischen S. M. und mir.
Ihre Hüfte ruhte an der meinen.
Ihr Fussknöchel am Boden war eine Maus, die behutsam an meinem Schuh nagte.

aus: Pariser Tageszeitung, Jg. 2. 1937, Nr. 300 vom 7. April 1937, S. 4


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