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René Schickele - Schnee auf der Himmelsküste



Es gibt Dichter, die haben ein einziges Buch geschrieben und zehren davon ein Leben lang. Manchmal überflügelt der Ruhm des einen Buches ihren Tod. Vor vielen Jahren, als der »Parnassien« José-Maria de Hérédia und Emile Zola sich gleichzeitig um die Mitgliedschaft der Französichen Akademie bewarben, erschien in Paris ein Spottbild, das die beiden Kandidaten auf dem (symbolisch) steilen Weg zum Palais Mazarin zeigte. Vor Hérédia marschierte ein Page, und auf dem Samtkissen, das er in artig erhobenen Händen trug, lag ein schmaler Gedichtband. Man sah ihm an, dass die Pforten der Akademie sich von selbst vor ihm öffnen würden (was auch ge­schah). Indessen sass der arme Zola auf dem Bock einer Postkutsche, die bis über das Dach mit Büchern vollgepackt war und  trieb mit Peitschenhieben die sichtlich überanstrengten Gäule an, de­nen es gleichwohl nicht gelang, den leichtherzigen Pagen zu überholen. Nun ist Zola all seiner Hartnäckigkeit zum Trotz zwar nicht in die Akademie, aber doch ans Ziel gelangt: sein Werk lebt und spottet des Spottes der hochnäsigen Zeitgenossen. Aber auch Hérédia hält seinen Platz auf dem Parnass, mit einem schmalen Gedichtband.
Schlimm ist das Los des Dichters, wenn ihm sein erstes Werk einen Erfolg beschert, den er mit späteren Werken nicht erneuern kann. Unter uns lebt ein ehrenwer­ter Mann, der seinem ersten, schnell berühmt gewordenen Drama ein Stück nach dem anderen folgen liess, ohne anderes Ergebnis, als dass die Zeitgenossen ihn Jahrein, jahraus mit unverwüstlicher Freundlichkeit an seinen prächtigen Erstling erinnern. Es ist und bleibt der Dich­ter der »Jugend«, und als solchen wird man ihn noch feiern, wenn auf den Sarg des Hochbetagten die Schotten fallen und sein Feind, der furchtbare Ruhm, den er zeitlebens nicht zum Verstummen brin­gen konnte, sich endlich unbehelligt auf dem Ehrengrab zur Ruhe setzt.
Wer aber weiss, dass es Dichter gibt, die ihren Ruhm einem einzigen Wort verdanken? Obwohl ich an der Riviera wohne, ahnte ich es nicht, wäre nicht ein Vertreter dieser seltenen Art, der Dichter des Wortes: »Cote d Azur«, kürzlich unter panegyrischen Trauermärschen zu Grabe getragen worden. Von dem Mann, der das Wort »Cote d’Azur« für die französische Riviera prägte, weiss man sonst nichts. Es scheint ihm weiter nichts eingefallen zu sein. In den Nach­rufen stand nur, er sei Schriftsteller gewesen und habe eine schöne Villa bei Cannes bewohnt. Irgendwelche Bücher von ihm waren nicht erwähnt, und von dem Wort allein, das seinen Namen der Nachwelt überliefert, dürfte er sich die Villa nicht gekauft haben. Was mich betrifft, so habe ich den Namen bereits wieder vergessen, und ich wette: es vergehn keine zwanzig Tage, da wird man sich um den Dichter des blauen Wortes streiten wie um Homer.
Jedenfalls ist es ein hübsches Wort für ein Land, das tatsächlich fast immer wie eine blanke Schwelle vor dem blauen Himmel und dem blauen Meere liegt.
*
Manchmal freilich schneit es auch hier. Versuchsweise. möchte man sagen. Denn der Schnee bleibt nicht liegen, und so behält jeder der seltenen und spärlichen Schneefälle, wenn er sich im gleichen Jahre wiederholt, den Zauber des »ersten Schnees«, den die Nordländer so gut kennen. Nur wirkt der Zauber hier viel stärker. Stelle dir vor, du erwachtest eines Tages irgendwo im nördlichen Win­ter und beim Blick ins Freie tauchten plötzlich aus der Schneedecke Orangenhaine und Mandarinengärten auf, blitzend von goldenen Früchten, und Oelbäume und blühende Nelken- und Narzissenfelder und Mimosen und flammende Geranien und Bougainvillien!
So ist die Ueberraschung, wenn hier unten Schnee fällt. Genau so.
*
In der Frühe der erste Blick aus dem Fenster enthüllt einen strahlenden blauen Himmel über einer Schneelandschaft. Der Blick bleibt in der Luft hingen: ein einziges Staunen, geblendet vom Blau des Himmels, vom Weiss der Erde. Ratlos hängst du gleichsam im leeren Raum. Du musst dich erst zurechtfinden. Wer zum Beispiel enthüllt — was?
In Wirklichkeit findest du allmählich heraus, ist es garnicht das Auge, das etwas enthüllt, das Auge in stur und wie ohnmächtig, vielmehr entfaltet der Himmel selbst seine Bläue und hebt sich höher und höher und entschleiert dir so das strahlend weisse Land. Die Gärten und Olivenhänge und die Hügel, auf de­nen, blitzweiss in der Morgensonne die alten Sarazenennester hocken, vor tausend Jahren hierhergeweht aus dem Atlasgebirge, sie alle blicken mit einem Ausdruck kindlichen Staunens um sich und zittern vor heimlicher Fröhlichkeit.
Man ist den Schnee nicht gewöhnt an der himmelblauen Küste, er liegt hier wahrhaftig wie auf der Schwelle des Paradieses, das bekanntlich ein subtropi­scher Ort ist, und mit Recht scheint sich alles zu fragen, wie lange der Spuk wohl dauern wird. Eine heitere Neugier rührt sich im ganzen Land, und übrigens ist die Sonne schon dabei, die Frage zu beantworten. Mit einer Art spasshafter Entrü­stung brennt sie auf die Erde herab, scheinbar gewaltiger als im Juli. In die Bläue kommt ein lichtes Flim­mern. Ueber die weissen Hänge zucken rötliche Funken. Gewiss glüht sie mit allen Fibern, man hört ein Surren in der Luft, auf das die hungrigen Vögel mit Triumphgeschrei antworten, und schon dringen überall Ohren und Augen des Grüns aus der Schneedecke hervor und überzeugen sich von dem, was geschieht.
Bald trägt das Land den Schnee nur noch als Karnevalsmützen — vom Topf­hut à la Henri IV. der verwegen auf dem Kirchturm sitzt, bis zum winzigen Käppchen auf der Mandarine. Und indes in den Orangengärten der Schnee dampfend vergeht und ihr vor Nässe beinah schwarzes Laubwerk freigibt, treten die goldenen Früchte in Scharen ans Licht.
Viel grösser noch ist die Unruhe auf den Wiesen und Hängen. Dort sieht es aus, als sei ein Milliardengewimmel von Ameisen damit beschäftigt, den Schnee Körnchen um Körnchen in die Erde zu graben.
Drunten vor den neuangelegten Beeten auf der Promenade des Anglais warten die Gärtner, das Setzholz in der einen, die Stecklinge in der andern Hand, bis der Schnee gänzlich weg ist, und freuen sich: die Giesskannen sind überflüssig, sie brauchen die Pflanzen nicht anzugiessen.
AIs ein Kanonenschuss vom Schlossberg die Mittagstunde verkündet, tragen nur noch die Seealpen, die über die nackten Hügel herüberblicken, Schnee, hunderttausend Menschen ziehn gleichzeitig ihre Uhr. Dann lässt sich der Friede auf der lichten Schwelle der Bläue nieder, und mit ihm sitzt ganz Frankreich zu Tisch.
Hallende Leere. Das Land ist aus seinem Schneebad gestiegen und leuchtet schläfrig, der Himmel, vom Meere gespiegelt, atmet die Ruhe der vollende­ten Schöpfung. Der Ton einer tiefen Glocke schwingt in der Bläue. Du hörst ihn, Ieise, sehr leise, wenn du, in der Sonne sitzend, die Augen schliesst. Vielleicht ist es aber auch nur dein Herz.
*
Sage mir, Muse, das Wort für die köstliche Luft, die Luft dieser sonnigen Schneestunden, die noch den ganzen Tag anhält! Sie scheint nicht durch die Lunge zu gehn, sie strömt gleich in die Blutbahn, mit sanfter Kraft und ein wenig prickelnd. Sie macht den Körper leicht und die Seele zuversichtlich. Sorgen und drückende Gedanken steigen wie Sauerstoffbläschen und verlieren sich in der Bläue.
Ist es die Luft der ersten grünen Erdentage? Der Atem, mit dem die Urkrähe auf die Umarmung des Urfeuers antwortet?
Wie konnte der Verfasser des Wortes »Cote d’Azur« sich zur Ruhe setzen, ohne das andere Wort geprägt zu haben, das erst das Geheimnis dieses Landstrichs enthüllt: das Wunder, das geschieht. Entlastung. Entspannung. Sündenvergebung und jungfräulicher Beginn, wenn der Winter durch den ewigen Sommer wandelt!

aus: Pariser Tageblatt, Jg. 4, 1936, Nr. 761 vom 12. Januar 1936, S. 4


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