Sonntag, 27. März 2011

Walter Benjamin - Das Dornröschen

Das Dornröschen.


Wir leben im Zeitalter des Socialismus, der Frauenbewegung, des Verkehrs, des Individualismus. Gehen wir nicht dem Zeitalter der Jugend entgegen?
Jedenfalls leben wir in einer Zeit, wo man keine Zeitschrift aufschlagen kann, ohne daß einem das Wort »Schule« in die Augen fällt, in einer Zeit, wo die Worte Coeducation, Landerziehungsheim, Kind und Kunst durch die Luft schwirren. Die Jugend aber ist das Dornröschen, das schläft und den Prinzen nicht ahnt, der naht, es zu befreien. Und daß die Jugend erwache, daß sie teilnehme an dem Kampfe, der um sie geführt wird, dazu will ja unsere Zeitschrift nach Kräften beitragen. Sie will der Jugend zeigen, welchen Wert und Ausdruck sie erhalten hat im Jugendleben der Großen: eines Schiller, eines Goethe, eines Nietzsche. Sie will ihr Wege weisen, das Gemeinschaftsgefühl, das Bewußtsein ihrer selbst in sich zu wecken, als derjenigen, die in einigen Lustren die Weltgeschichte weben und gestalten wird.
Daß dieses Ideal einer sich selbst als eines künftigen Kulturfaktors bewußten Jugend nicht von heute stammt, daß es eine Anschauung ist, die schon die Großen der Literatur deutlich ausgesprochen haben, das beweist ein flüchtiger Blick auf die Weltliteratur.
Wohl wenige Ideen gibt es, die unsere Zeit erfüllen und die nicht schon Shakespeare in seinen Dramen, vor allem in der Tragödie des modernen Menschen, in Hamlet, berührt hätte. Da sagt Hamlet die Worte:


                      »Die Zeit ist aus den Fugen, Schmach und Gram,
                      Daß ich zur Welt, sie einzurenken kam.«


Hamlets Herz ist verbittert. Seinen Oheim sieht er als Mörder seine Mutter in Blutschande leben. Und welches Gefühl gibt ihm diese Erkenntnis? Wohl empfindet er Ekel vor der Welt, aber nicht in misanthropischem Eigenwillen kehrt er sich von ihr ab, sondern in ihm lebt das Gefühl einer Mission: er kam zur Welt, sie einzurenken. Auf wen könnten diese Worte wohl besser passen, als auf die heutige Jugend? Trotz aller Worte von Jugend, Lenz und Liebe liegt in jedem denkenden jungen Menschen der Keim zum Pessimismus. Doppelt stark ist dieser Keim in unserer Zeit. Denn wie kann ein junger Mensch, vor allem der Großstädter, den tiefsten Problemen, dem socialen Elend gegenüberstehen, ohne, wenigstens zeitweise, vom Pessimismus übermannt zu werden? Da gibt es denn keine Gegenbeweise, da muß und kann nur helfen das Bewußtsein: und mag die Welt noch so schlecht sein, so kamst du, sie zu erheben. Das ist nicht Hochmut, sondern nur Pflichtbewußtsein.
Dieses hamletische Bewußtsein von der Schlechtigkeit der Welt und von der Berufung sie zu bessern, erfüllt auch Karl Moor. Doch wenn Hamlet über die Schlechtigkeit der Welt nicht sich selbst vergißt, alle Rachegelüste niederzwängt, um selbst rein zu bleiben, so verliert Karl Moor in seinem anarchistischen Freiheitsrausch die Zügel über sich selbst. So muß er, der als Befreier auszog, sich selber unterliegen. Hamlet unterliegt der Welt und bleibt Sieger.
Später hat Schiller noch einmal einen Repräsentanten der Jugend geschaffen: Max Piccolomini; aber mag er auch sympathischer sein als Karl Moor, als Mensch steht er uns (uns Jungen) nicht so nahe; denn Karl Moors Kämpfe sind unsere Kämpfe, die ewige Auflehnung der Jugend, die Kämpfe mit Gesellschaft, Staat, Recht. Max Piccolomini steht in einem engeren ethischen Konflikt.
Goethe! Erwarten wir bei Goethe Sympathie für die Jugend? Wir denken an den Tasso, wir glauben sein strenges Gesicht oder sein ganz feines sarkastisches Lächeln hinter der Maske des Antonio zu gewahren. Und doch – Tasso. Da ist wieder die Jugend, allerdings auf ganz anderem Grunde; nicht umsonst ist ein Dichter der Held. Am Hofe von Ferrara sind Sitte und Anstand die strengeren Maßstäbe. Nicht die »plumpe« Sittlichkeit. Jetzt erkennen wir – Tasso ist die Jugend. Er hütet ein Ideal – das der Schönheit. Aber da er sein jugendliches Feuer nicht bezähmen kann, da er tut, was kein Dichter tun dürfte, da er die Schranken der Sitte in seiner Liebe zur Prinzessin durchbricht, sein eigenes Ideal verletzt, so muß er sich beugen vor dem Alter, dem Convention »Sitte« geworden ist. Das ist die Ironie seiner letzten Worte:


                     »So klammert sich der Schiffer endlich noch
                     Am Felsen fest, an dem er scheitern sollte,«


daß er sich jetzt am Felsen der Convention festklammert, er, der das Ideal der Schönheit geschändet. Karl Moor scheitert, indem er seinem sittlichen, Tasso indem er seinem ästhetischen Ideal untreu wird.
Der universellste Repräsentant der Jugend ist Faust, sein ganzes Leben ist Jugend, denn nirgends ist er beschränkt, stets sieht er neue Ziele, die er verwirklichen muß; und jung ist ein Mensch, so lange er sein Ideal noch nicht völlig in die Wirklichkeit umgesetzt hat. Das ist das sichere Zeichen des Alters: im Gegebenen das Vollkommene zu sehen. Daher muß Faust sterben, daher endet seine Jugend mit dem Augenblick, da er sich am Gegebenen freuen kann und nichts mehr übrig sieht. Würde er weiter leben, so würden wir in ihm einen Antonio finden. An Faust zeigt es sich deutlich warum diese Jugend-Helden es zu »nichts bringen« dürfen, warum sie im Augenblick der Erfüllung untergehen oder einen ewigen erfolglosen Kampf für die Ideale führen müssen.
Diese erfolglosen Kämpfer für das Ideal hat besonders in zwei ergreifenden Typen Ibsen gezeichnet: in Dr. Stockmann im »Volksfeind« und noch stiller und ergreifender im Gregers Werle in der »Wildente«. Gregers Werle prägt besonders schön jenes eigentlich Jugendliche aus, jenen Glauben an das Ideal und jene Aufopferung, die unerschütterlich bleibt auch wenn das Ideal ein völlig unerfüllbares, ja ein unglückbringendes ist. (Denn Glück und Ideal sind oft Gegensätze.) Denn am Schluß der Wildente, als Gregers die Folgen seines fanatischen Idealismus sieht, bleibt sein Entschluß dem Ideal zu dienen, doch fest. Sollte es jedoch unerfüllbar sein, so ist das Leben für ihn wertlos; dann ist seine Lebensaufgabe »der Dreizehnte bei Tisch zu sein« – zu sterben. Noch ein anderes tritt in der Wildente hervor. Wie viele Ibsensche Stücke, wird auch dieses von Problemen bewegt – sie werden nicht gelöst. Diese Probleme sind eben nur der Untergrund, die Zeitatmosphäre, aus welcher der Charakter eines Gregers hervortritt, der durch sein eigenes Leben, den Willen, die Absicht seiner sittlichen Tat, die Kulturprobleme für sich löst.
Die Jugend selbst hat Ibsen dargestellt in der Hilde Wangel des Baumeister »Solness«. Doch unser Interesse wendet sich dem Baumeister, nicht der Hilde Wangel zu, die nur das blasse Symbol der Jugend ist.
Zuletzt komme ich zu dem jüngsten Dichter der Jugend. Zugleich zu einem Dichter der heutigen Jugend, vor allen genannten: zu Karl Spitteler. Wie Shakespeare in Hamlet, wie Ibsen in seinen Dramen, stellt auch Spitteler Helden dar, die für das Ideal leiden. Noch ausgesprochener als bei Ibsen für ein universales Menschheitsideal. Eine neue Menschheit des Wahrheitsmutes sehnt Spitteler herbei. Vor allem seine beiden großen Schöpfungen: die Epen, »Prometheus und Epimetheus« und der »olympische Frühling« sind der Ausdruck seiner Ueberzeugung und hier, wie auch in seinem herrlichen Bekenntnis-Roman »Imago«, den ich für das schönste Buch für einen jungen Menschen halte, stellt er die Stumpfheit und Feigheit der Durchschnittsmenschen bald tragisch, bald lächerlich oder sarkastisch dar. Auch er geht vom Pessimismus aus, um sich zum Optimismus im Glauben an die sittliche Persönlichkeit zu erheben. (Prometheus, Herakles im olympischen Frühling.) Macht ihn schon sein universales Menschheits-Ideal und seine Ueberwindung des Pessimismus zu einem Dichter für die Jugend und besonders für unsre Jugend, so vor allem sein herrliches Pathos, das er einer Sprachbeherrschung verdankt, die er wohl mit keinem Lebenden teilt.
So steht die Erkenntnis, in der unsre Zeitschrift wirken will, schon fest begründet da in den Werken der Größten der Literatur.


                                                                                                              Ardor-Berlin.



Übernommen von der deutschsprachigen wikisource
aus: Der Anfang. Vereinigte Zeitschriften der Jugend, H. 3/1911, herausgegeben von Georges Barbizon und Fritz Schoengarth, Berlin, 1911, S. 51ff.





Mittwoch, 23. März 2011

Marie Eugenie delle Grazie – Schlafende Blumen


Mit einem unmutigen Ruck schob die kleine Blondine das Buch von sich, strich ein paar zudringliche Härchen aus der Stirne, steckte eine Nadel fest, die aus dem goldenen Zopf in den feinen Nacken geglitten war  sah in den sonnenglastenden Garten hinaus, von dem Garten wieder in das Buch zurück. Daß sie sich heute so gar nichts merken konnte, trotz des besten Willens Und morgen war die letzte Botanikstunde im Lyzeum. Wenn sie da nichts wußte ...  Konnte das eine Schlußnote werden!

Bei der Besprechung der artenreichen Pflanzenfamilie der Kruziferen war der Lehrer auch auf die Nachtviolen gekommen und hatte ihnen viel Merkwürdiges von diesen seltsamen Blumen erzählt. Besonders von der »Frauenkilte«, der Linné den schönen Namen Hesperis tristis gegeben. Malve war wieder einmal müde gewesen; müde und verträumt wie schon das ganze Jahr. So hatte sie von all der lieben Weisheit nur wenig mit nach Hause gebracht. Als sich aber die Erste der Klasse erhob und im Namen einiger Mitschülerinnen fragte, wo man die Frauenkilte finden könne, hatte sie doch auch aufgehorcht.

»In den meisten Gärten«, lautete die Antwort des Lehrers, und nicht ohne Humor setzte er hinzu: »Woraus Sie wieder einmal ersehen können, wie wenig bekannt die berühmten Leute sind.«

In den meisten Gärten, man denke Und Malves Vater hatte einen der größten. Wenn sie, ihre Bücher unter dem Arm, durch die schattenkühlen Straßen des Cottage heimschlenderte, schlug ihr der Duft seiner Blumen und Sträucher schon von weitem entgegen. Aber ob eine Hespiris tristis darunter war?

Rascher als sonst eilte sie heim und sofort auf den Gärtner zu, der jätend und gießend zwischen den Beeten auf und nieder ging.

»Haben wir eine Hesperis tristis?«

»Gewiß.«

»Wo?«

»Dort im Schatten. Soll ich eine herüberholen?«

»Heute nicht. Aber übermorgen schicken Sie mir einige hinauf. Ich brauche sie.«

Da standen die Blumen vor ihr, in der schlanken, kristallenen Vase, dicht neben dem Buch, in dem so viel über ihre Gattung zu lesen war; viel mehr, als Malve sich heute merken konnte. Und wenn sie die Blumen betrachtete, hatte sie erst recht keine Lust dazu. Die saßen doch so müde und traurig auf dem Stengel, Blatt um Blatt an sich gezogen, jeder Kelch. Als wenn sie nun und nimmer erblühen wollten Dazu das düstere Violett der Farbe ...

»Wenn ich heut' nicht müßte«, dachte die kleine Blonde. »Ich wüßte mir andre Blumen und einen anderen Zeitvertreib.«

Wieder irrte ihr Blick nach dem Garten hinaus, den die Abendsonne in eine leuchtende Glorie tauchte. Die feinen Nüstern blähten sich. Wie heiß der Duft der Rosen hereinschlug Wie süß der Jasmin atmete Gelb und purpurn und weiß leuchtete es zu den Fenstern herein. Und dort blühte eine auf, zart rosa, wie die Farbe ihres eigenen jungen Körpers.

Sie lehnte sich zurück, schloß die Augen, sog wie unbewußt den feinen Duft ein, der von den knospenden Brüsten durch das feine Batisthemd quoll. Was war denn nur geschehen mit ihr in diesen Tagen? Daß ihr Schlaf so schwer war und ihr Wachen wie ein einziger Traum? Daß ihr alles mit einem Male so wehtat und doch all dies Weh wie eine einzige Lust war? Sie hatte doch auch ihren Ehrgeiz gehabt, früher, hatte gerne und viel gelernt. Ihre Nase mehr in die Bücher gesteckt, als es den Ihren lieb war. Nun schien dies alles wie hinweggeblasen. Immer wieder diese Müdigkeit und zwischen all der Müdigkeit diese fremde, vage Sehnsucht. Wohin? Wem entgegen? Ja, wenn sie das gewußt hätte.

Das war im vorigen Jahre noch anders gewesen. Wieder öffnen sich ihre Augen, suchen einen Halt im grünen Geschaukel der Zweige, während die halbgeöffneten Lippen wie zwei durstige Rosenblätter der Kühle des Abends entgegenlechzen.

Im vorigen Jahre, oh!

Da ist ihr weißes Kleid dort zwischen den Büschen hin und her geflogen, ihr Lachen wie eine Rakete in die Luft gestiegen, ihr Tennisball so sicher an sein Ziel gekommen, wie heute nicht einer ihrer Gedanken. Und Cousin Hans war ihr Partner gewesen. Cousin Hans, der nun als blutjunger Attaché bei einer Gesandtschaft, fern, fern im Osten.

Damals hatte sie noch lachen und scherzen können und war nie müde geworden. In ihrer Klasse aber war sie die Zweite gewesen.

»Kindskopf« hatte Hans immer gesagt und, ohne daß sie es merkte, ihr Nadel um Nadel aus den dicken Zöpfen gezogen. Und sie hatte es gar nicht gespürt im Eifer des Spieles, war siegesfroh hin und wieder gesprungen. Bis sich auch die Zöpfe zu lösen begannen und sie plötzlich wie mit einem Ruck stehen bleiben mußte. Fast zu Boden gezogen von der Schwere des eigenen Haares, das sich wie ein Vließ um ihre Schultern legte.

»Wie schön das war« denkt sie. »Damals hab' ich es nicht gewußt und jetzt  Und mit einem Male ist ihr, als wüßte sie, nach wem ihre Sehnsucht gegangen, seit der Garten draußen wieder blüht. Sieht den Ball fliegen, hört das Lachen einer weichen Männerstimme.

Schon eine ganze Weile hat sie sich erhoben; lehnt im Fenster, ohne es recht zu wissen. Dort leuchtet der Tennisplatz herüber  weiß, wie gebohnert. Dort, wo der Jasmin duftet. »Im Schatten«, wo auch die Nachtviolen blühen.

Ein feiner Luftzug streift ihren bloßen Nacken, der Spitzenvorhang bläht sich. »Der Abendwind«, denkt sie und hört nicht, wie jemand hinter ihr die Tür schließt und näher kommt, immer näher. Da gleitet ihr eine Nadel aus den Flechten  wieder eine. Ein leises Lachen girrt sie an.

Mit einem Schrei fährt sie herum.

»Hans!«

Und er steht vor ihr, wahrhaftig, und lacht und hält die Enden der blonden Zöpfe fest. »Kindsklopf!«

Sie will ihm einen Schlag geben, wie damals. So einen festen, ehrlichen, kameradschaftlichen. Aber ihr ist, als hätte sie selbst plötzlich einen Schlag erhalten, und sie blickt ihn an mit großen, geisternden Augen.

»Ja  wo kommst du denn her?«

»Aus dem Lande der Opanken«, lacht er zurück. Aber  ist das noch sein Lachen? Das freie, frischen, unbefangene? Und auch sein Blick  Wie der über sie hingeht, sie umfängt und förmlich einhüllt. »Du bist groß geworden, Kleine!«

»Findest du? Aber nimm doch Platz.«

»Wo?«

»Nun, hier.«

»Du bist allein, hat man mir gesagt?«

»Papa und Mama sind im Theater.«

»Nimmt man dich noch immer nicht mit?«

»Zu den Klassikern schon.«

»Schon?« Wieder lacht er, blickt sie an. So fremd und doch so  Ihr wird, sie weiß nicht wie.

»Aber du?«

Er gibt keine Antwort, sieht sie noch immer an, wie sie so vor ihm sitzt: den Widerschein der Abendröte in dem schmalen Gesichtchen, den unruhigen Flackerglanz im Aug'. Freude, Scham und die erste, süße Ratlosigkeit des jungen Weibes!

Sie aber merkt erst jetzt, daß er noch immer das eine Ende ihres Zopfes festhält, und beginnt langsam weiterzurücken.

Verträumt ruht sein Blick auf ihr und merkt doch nicht, was sie tut und will. Ein Kind hat er verlassen  schmal, eckig, unfertig. Nun blüht ihm die reife Knospe entgegen, ein Frühling, wie er holder und schöner noch keinen geschaut. Und ohne daß sie es ahnt und er es wehren kann, taucht ein anderes Frauenantlitz vor ihm auf: Lippen, die er noch gestern heiß geküßt, Züge, die er seit Wochen Nacht für Nacht im Traume gesehen: die dunkle, exotische Schöne, der seine Sinne gehören und sein  Wort.

Eine Liebe, schwül, entnervend, wie die schwere Wolke von Parfüm, die sie umhüllt, die sie überall mit sich trägt. Hier duftet ihm nur der Reiz eines unberührten Mädchenleibes entgegen, aber der Frühling selbst schlägt die märchenblauen Augen vor ihm auf, so nah, wie er ihn nie gewahrend, das Antlitz der dunklen Schönen wie ein toter Spuk vor ihm zerrint  und begreift sich selbst nicht. Aber  er kann nicht anders.

Wie eine warme Welle zittert es zwischen den beiden. Etwas in seinem Aug' macht sie heimlich erbeben, daß sie weiter und weiter von ihm abrückt. Schon spannt sich die lange Flechte  Das goldene Seil, an das sich der Traum eines Mannes klammert, eine selige Minute lang. Wenn sie noch einen Ruck macht, muß es schon wehtun. Aber  sie macht diesen Ruck, und er, der nun erst merkt, was sie will, hält sie fest.

»Au!«

Und plötzlich lachen beide, lachen, wie sie vor einem Jahre gelacht, und er zieht sie an der goldenen Flechte näher und näher, wie damals. »Wirst du wohl  wirst du wohl?«

Ihr Haupt beugt sich ihm entgegen, wie damals. Die Augen blitzen zwischen den dunklen Wimpern hervor, die Zähne zwischen den zuckenden Lippen.

»Was gibst du mir, wenn ich dich loslasse?« scherzt er.

»Bonbons« lacht sie und will in die Tasche greifen.

Das alte, harmlose Spiel.

Aber plötzlich treffen sich ihre Blicke, und eh' er's gewollt, liegt ihr Haupt in seinem Arm und sein Mund auf dem ihren.
»Was gibst du mir?« haucht es über sie hin. Er will es noch immer als einen Scherz erscheinen lassen. So ein einziger Kuß zwischen Vetter und Base  Was ist dabei?

Sie aber schlingt die Arme um ihn, zieht sein Haupt herab. »Gib  gib  gib« Ihre Augen öffnen sich, weit, trunken, sehen ihn an und schließen sich wieder. Heiß rieselt es plötlich über seine Wangen, heiß über die Hand, die ihr Haupt hält. Sie weint.

»Kindkopf« will er wieder lachen und kann es nicht mehr. Das Spiel ist ernst geworden und darf sich doch nie mehr wiederholen  nie!

Draußen wird geschellt. Mit einem Ruck schnellen beide empor.

»Wer kann es sein?« fragt er.

Ihre Hand tastet nach ihm, auf den brennenden Lippen zittert ein Wort. Die weitgeöffneten Augen haben einen Glanz, der ihn quält und feige macht. Aber er sitzt schon wieder aufrecht da. Der Mann von Welt, der weiß, was sein kann und nicht sein kann, und daß ein gebrochenes Wort unter Umständen eine Kugel bedeutet und  eine zerstörte Karriere. »Endlich« denkt er, wie sich die Tür öffnet.

Malve ist aufgesprungen.

»Du, Rose? Sieh mal, wer bei mir ist Aber nimm doch Platz, bitte!«

Ihrem Eifer entgeht es, wie förmlich sich die beiden begrüßen. Die beiden, die vor einem Jahre so oft miteinander gezankt und doch immer wieder miteinander getanzt haben.

Sie merkt nur, daß es ihr um keinen Preis gelingen will, ein Gespräch in Gang zu bringen. So steif sitzt Rose da, so unbehaglich Hans. Und mit einem Male kriecht ein seltsames Bangen an ihre Seele, daß ihr ist, als müsse sie um sich seh'n und noch jemanden suchen, der hier ist, ohne daß sie davon weiß und sich dagegen wehren kann.

Der junge Diplomat erhebt sich.

»Du gehst schon?« Ihre Stimme bebt, in den Augen flackert eine Angst, die ihm wehtut, eine Sehnsucht, der er keine Antwort mehr geben darf.

»Ich muß, Malve.«

»Aber du kommst wieder?«

»Heuer nicht mehr.«

Sie starrt ihn an, als hätte sie nichts gehört. Aber sie hält sich aufrecht. Nur ihre Wangen werden blasser und blasser, und die Dämmerung legt mitleidig einen weichen Schleier über ihr Antlitz.

»Grüße Papa und Mama.«

»Du wirst doch schreiben?«

Er fühlt die Tränen in ihrer Stimme.

»Gewiß« gibt er ruhig zurück. Dann ist er draußen.

Langsam kehrt sich Malve der Freundin zu. Die sitzt, spricht noch immer kein Wort.

»Du bist heute so eigen, Rose Fehlt dir etwas?«

Eine lange, dumpfe Pause. Endlich kommt eine Stimme aus dem Dunkel  so fremd, als wär' es die Stimme einer anderen.

»Er hat sich verlobt.«

»Wer?«

»Dein Cousin. Mit einer walachischen Fürstin Aber, wenn du glaubst, mich schonen zu müssen ...

Es soll wie ein Lachen klingen, doch mit einem Male überschlägt sich die Stimme, und Rose bricht in ein Weinen aus, vor dem sich Malves Schmerz in ihrem Innersten verkriecht  stumm, scheu, wie ein lautlos verendendes Tier.

Nur ihre Hand streicht mit zitternden Fingern immer wieder über den Scheitel der Schluchzenden. »Laß ihn  Laß ihn.«
Was könnte sie sonst sagen?  Hätte sie noch zu sagen?

Es ist derselbe Schmerz und dieselbe Ergebung, an der auch sie wieder stark werden muß.

Endlich geht Rose.

Langsam schreitet Malve an das Fenster zurück. Kaum eine Stunde ist vergangen, seit sie hier gestanden, ahnungslos, noch ein Kind. Nun hat das Leben sie überfallen, mit seiner ganzen Wucht. Das Leben und die Liebe, wie sie der Mann gibt: brutal, selbstherrlich  unverantwortlich.

Sie blickt in die Nacht hinaus, in das Zimmer zurück, streicht, wie sich besinnend, über die schmale Stirne hin.

Ob sie dies alles nicht doch nur geträumt? Des Mannes erweckende Küsse und die Tränen Roses und  und ...

Dort liegt ja noch ihre »Botanik«, und morgen sitzt sie wieder in der Schulbank und lacht mit den anderen. Oder nicht?

Wie gebannt schreitet sie auf das Buch los, dessen weiße Blätter durch das Dunkel schimmern, und bleibt plötzlich stehen  wie gebannt.

Die Frauenkilte hat ihre Kelche geöffnet und blickt sie an: ernst, stumm, fragend, wie mit großen, sehnsuchtsvollen Augen ...

aus : Marie Eugenie delle Grazie, Das Buch des Lebens - Erzählungen und Humoresken, Verlag von Breitkopf & Härtel, Leipzig, 1914

Montag, 14. März 2011

Amerikanischer Frauenkrieg gegen Trinkstuben.

William Sidney Mount - The Breakdown Bar Room Scene 1835



Amerikanischer Frauenkrieg gegen Trinkstuben.

Der Krieg auf Tod und Leben, den seit Kurzem die Frauen im Staate Ohio gegen die Trinkstuben zu führen begonnen haben, und der sich bereits auf die Nachbarstaaten West-Virginien, Indiana und Illinois auszudehnen beginnt, müßte schon um des Geschlechts der Angreifer willen von höchstem Interesse sein, selbst wenn die Waffe, deren sie sich ausschließlich bedienen, nicht eine so ganz wunderliche wäre, da sie nichts Anderes als das Gebet und der geistliche Gesang ist. Um jedoch meinen Lesern einen klaren Einblick in diese eigenthümliche Erscheinung zu geben und sie zu einem alle Seiten derselben in Betracht ziehenden Urtheile zu befähigen, wird es um so nötiger, etwas weiter auszuholen, als dem Deutschen nach seinen Anschauungen, Sitten und Einrichtungen, so wie nach seinem nationalen Charakter eine solch gewaltsame Anstrengung ganz unbegreiflich erscheinen muß.
Es kann nicht bestritten werden und ist ein Gegenstand tiefster Besorgniß für jeden Patrioten, daß in den Vereinigten Staaten der Uebergenuß starker Getränke (Whiskey, Brandy, Cognac etc. und all’ jener mit den wunderlichsten Namen, wie »Hahnenschwanz« etc., belegten Mischungen derselben) zu einem alle Stände, Geschlechter und Gesellschaftsclassen durchdringenden Laster geworden. So ist in den Abendgesellschaften der ersten Classen in den großen Städten der Union und insbesondere der Hauptstadt, Washington, den gebrannten Weinen ein gewöhnlich offener, häufig aber auch mehr oder weniger verschämt aufgestellter Tisch oder gewählter Nebenraum gewidmet. In den Eisenbahnwagen trägt die Mehrzahl der Reisenden aller Classen und auch Derer, die von in Gold und Sammet strotzenden Damen begleitet werden, eine kleine Flasche mit »etwas Stärkerem als Wasser« bei sich, der nicht selten zugesprochen wird und die ich manchmal sogar schöne Lippen benetzen, öfter aber mit einem Blicke resignirter Scham zurückweisen sah. In der Stadt New-York betrug die Zahl der während des Jahres 1873 wegen Trunkenheit auf den Straßen aufgegriffenen Personen über achttausend, von welcher an sich erschreckenden Summe siebenzig Procent dem weiblichen Geschlechte angehörten. Es ist kaum glaublich und dennoch von der Polizeibehörde veröffentlicht. Der Umstand, daß diese unglücklichen von der Straße aufgegriffen wurden, möchte zu dem Schlusse veranlassen, daß sie nur den unteren Classen der Gesellschaft angehörten und daher nur unter ihnen das Laster solch furchtbare Verwüstungen anrichte. Dem scheint jedoch nicht so zu sein, ich sage »scheint«, um nicht eine Behauptung zu wagen, die ich zu beweisen außer Stande bin. Allein es ist ein offenes Geheimniß, daß sich das Laster in die ersten Familien eingedrängt hat, und daß über manchen Palast der Millionärstraßen die Trunksucht von Frauen oder selbst Töchtern einen tiefen, trostlosen Schatten wirft, und ich habe mehr als ein Mitglied des Senates der Vereinigten Staaten mühsam in seinen Armstuhl schwanken, fast aus demselben herausfallen und zuletzt darin einschlafen gesehen.
Eine tiefere Untersuchung der Frage, die sich jedem Leser wohl unwillkürlich aufdrängt, wie es komme, daß im amerikanischen Volke der übermäßige Genuß der allerstärksten Getränke so allgemein verbreitet sei, gehört, genau genommen, nicht in ein Unterhaltungsblatt. Allein es mag mir gestattet sein, einige der Ursachen, wie sie sich mir aufgedrängt haben, wenigstens anzudeuten
Es ist keinem Zweifel unterworfen, daß mit vielem Vortrefflichen die Amerikaner ihre Vorliebe für starke Getränke von ihren Stammesgenossen, den Engländern, überkommen haben. Letzteren — ich hörte diesen wunderlichen Beweisgrund noch jüngst anführen — sind diese Getränke unentbehrlich wegen des feuchten, nebeligen Klimas. Ebenso sind sie, nach Autorität der Schnapstrinker, hier absolut nöthig, in dem aufreibenden, stündlich wechselnden Klima und dem überstürzenden Geschäftstreiben der Vereinigten Staaten. Sonderbarer Weise fand ich sie gleich unentbehrlich in dem äußerst trockenen Klima von Texas und den nördlichen Staaten von Mexico. Aber das Wunderbarste war, daß in Central-Amerika, wo man das Jahr so ziemlich in eine regnerische und in eine trockene Hälfte theilen kann, man, dem Rathe der Schnapsanbeter gemäß, in der einen Hälfte Branntwein trinken müsse, um der Feuchtigkeit, in der anderen, um der übermäßigen Trockenheit in ihren äußerst nachtheiligen Folgen auf das »System« entgegenzuwirken. Und ich glaube in der That, die letzteren Schnapsphilosophen haben Recht, und sie irren sich blos über die Stelle, wo die große Trockenheit herrscht und gefährlich ist.
Meiner festen Ueberzeugung und eigenen Erfahrung nach ist dieses Laster, wie die meisten anderen, eine reine Gewohnheit, und die geschickte Weise, in welcher die Amerikaner auf diesem Felde, wie auf jedem andern, es verstanden haben, dem Fröhnen dieser Gewohnheit so Vorschub zu leisten, daß dabei möglichst wenig Zeit verloren wird und der ihr Huldigende durch eiligstes Bedienen, Hinunterstürzen im Stehen vor der Bar (dem Schenktische) und durch eine vor der Localthür aufgestellte spanische Wand vor Beobachtung geschützt wird, hat sicher das Umsichgreifen des Lasters wesentlich befördert. Was aber noch täglich die Zahl der Trinker und das Maß der vertilgten Quantitäten stärkster Branntweine vermehrt, ist das abscheuliche Tractiren (treat). Der Amerikaner trinkt nämlich fast nie allein oder für sich. Entweder ladet er eine Anzahl Bekannter zum Trinken ein, wo dann Jeder nach seinem Geschmacke aus dem höllischen Trinkzettel bestellt, was ihm beliebt, und der Einlader für Alle bezahlt, oder er läßt sich einladen. Wenn ihm dazu die Mittel fehlen oder der Durst zu groß wird, um auf eine Einladung zu warten, so ist die an die Umgebenden gerichtete Frage: »Wer will tractiren?« fast nie erfolglos.
Gewöhnlich tritt nun der bedauerliche Fall ein, daß mit einem Treat der Durst nicht gestillt ist, oder aber Einer oder der Andere der eben Tractirten hält es für seine Ehrenpflicht, nun auch sich liberal zu zeigen. Es wird also ein zweiter Treat bestellt und abgefertigt, wohl auch ein dritter und vierter etc., bis so ziemlich die Reihe an Jeden gekommen ist, und das Alles geschieht innerhalb fünf bis sechs Minuten. Die Einladung zu einem Treat auszuschlagen, gilt für eine tödtliche Beleidigung, und es gehört eine äußerst selten anzutreffende Charakter- und nicht selten auch Körperstärke dazu, es ungestraft zu thun. Das fast einzige Schutzmittel ist die Erklärung, man habe den Temperanz-Eid geleistet, wo dann die auch dem verworfensten Amerikaner anklebende Achtung vor jeder sittlichen Anstrengung sich geltend macht. Statt daß also, wie nach deutscher Sitte, sich jene Leute ruhig um einen Tisch gesetzt und im Laufe einer kurzen Unterhaltung Jeder für sich einen Schnaps, ein Glas Bier oder Wein getrunken und dafür eine geringe Ausgabe gemacht hätte, hat er fünf bis sechs in athemloser Hast hinuntergestürzt und eine nicht unbedeutende Zeche bezahlt.
Würde man nun annehmen, daß damit das Tagewerk vollbracht sei, so würde man sich sehr irren. Jeder dieser unserer fünf bis sechs Bekannten spielt dasselbe Stück etwa jede Stunde des Vormittags ab, freilich nicht in derselben Giftbude; diese wechselt mit seiner Beschäftigung und der Vorliebe des ersten Einladenden. Man kann sich hieraus leicht ein Bild vom Zustande des Kopfes und Magens eines solchen Menschen um die Mittags- ober Abendzeit machen, wenn der Herr Gemahl mit leerem Geldbeutel zum häuslichen Herde zurückkehrt. Ich habe Männer, selbst angesehene Kaufleute, Advocaten und mehrmals wiedergewählte Beamte, sogar Richter gekannt und kenne noch solche, die dreißig bis fünfzig »drinks« täglich als ein ihnen zukommendes Minimum ansehen. Auf meine an einen irischen Schnapswirth gestellte Frage, weshalb er nicht lieber Tische hinstelle, an welchen seine Gäste sich niederlassen könnten, erwiderte er: »Dann wäre ich bald nicht mehr Herr im eigenen Locale; die professionellen Schnapstrinker, die Bummler und Strolche würden den ganzen Tag daran sitzen bleiben, im Winter wegen der Wärme, im Sommer wegen der Kühle.« Sein Local war nämlich in einem Keller.
Die hier ausgesprochene Ansicht über die Gefährlichkeit der Einrichtung des Bar-Raums habe ich noch nirgends angedeutet gefunden, und ich würde vielleicht selbst auch nicht dazu gekommen sein — der Mensch wird sich meistens über das ihm täglich Begegnende am wenigsten klar —, wenn ich nicht während eines mehr als zehnjährigen Aufenthaltes in spanisch-amerikanischen Ländern bemerkt hätte, daß mit der Einrichtung eines solchen Etablissements an irgend einem Orte trotz der sprüchwörtlichen Nüchternheit und Enthaltsamkeit der spanischen Race die Trunksucht begann und sich mit zunehmender Zahl derselben vermehrte, zugleich aber auch die Anzahl Derer, die an Säuferwahnsinn starben, zunahm. Es ist nämlich erwiesene Thatsache, daß der reine Rum (aguardiente, aus Zucker bereitet) jener Länder nie jene entsetzliche Erscheinung zur Folge hat, und weiter, daß alten Rumtrinkern dieses Getränk zuletzt schal erscheint und daß sie mit der größten Gier und auch für den höchsten Preis zu den Giftproducten amerikanischer, französischer (Cognac!?) und deutscher Industrie (feine Liqueure) greifen.
Die unabweisliche Nothwendigkeit, gegen dieses entsetzliche, die Grundfesten des Gemeinwesens tückisch benagende Laster Mittel zu ergreifen, machte sich bereits über ein halbes Jahrhundert geltend. Anfänglich war die Bekämpfung des Uebels auf moralische Einwirkung durch die Presse, Kanzel und herumreisende Apostel beschränkt, und das angestrebte Ziel war Mäßigkeit im Genusse der gefährlichsten Gattungen von berauschende Getränken. Es liegen mir keine Materialien vor, um zu beurtheilen, welchen Erfolg jene Schritte gehabt, und ich kann mich so lange nicht dazu verstehen, aus den nachfolgenden fanatischen Maßregeln der sogenannten Temperanzfreunde auf deren Fehlschlagen zu schließen, so lange mir nicht nachgewiesen wird, daß blinder Fanatismus eher sein Ziel erreicht als allseitig erwägende Vernunft.
Wir sehen demnächst einerseits das sogenannte Licenzsystem einführen, wonach Niemand ohne Erlaubniß einer gesetzlich bestimmten Behörde, der es zusteht, dieselbe auch zu verweigern, eine Schenkwirthschaft eröffnen darf und dafür eine jährliche Abgabe an die Gemeinde oder den Staat zu bezahlen hat, und andererseits den Charakter der Gemeinschädlichkeit auch weniger starken Getränken, wie Bier, Apfel- und Traubenwein, aufdrücken.
Aber auch damit waren die Temperanzfanatiker nicht zu beschwichtigen und unter ihrem Einflusse erließ die Legislatur des nordöstlichsten Staates der Union, Maine (sprich Mähn), das absolute Verbot jedes Schenklocales und selbst des Einführens von Getränken zu Land oder See und gestattete blos den Apothekern, zu medicinischen Zwecken Branntweine zu halten, und zwar in kleinen Quantitäten, und auf Verschreibung der Aerzte sie zu verabfolgen. Es war erstaunlich, zu beobachten, welch entschieden nachtheiligen Einfluß dieses Gesetz in Maine wie in anderen ihm folgenden Staaten auf den Gesundheitszustand der Bevölkerung hatte und für welche bisher ungeahnte Menge von Uebeln, »denen das Fleisch unterworfen«, geistige Getränke Heilmittel wurden. Das Resultat des unsinnigen Gesetzes war: jede Apotheke, jede Materialwaarenhandlung, ja ein großer Theil der Privatwohnungen wurden Schnapsbuden, und das gefährlichste aller Symptome dieses Lasters, »der heimliche Soff«, riß dermaßen ein, daß die Executivbehörden erschreckt sich zu einer milderen Praxis bequemen mußten, das heißt das Gesetz blieb ein todter Buchstabe.
Die totale Erfolglosigkeit der von den Fanatikern durchgesetzten Repressivmaßregeln und der heftige Widerstand, welchen denselben viele besonnene Leute unter den Amerikanern, besonders aber die Einwanderer vom europäischen Continente, an ihrer Spitze die Deutschen, entgegensetzten, rief eine Partei in’s Leben, die, wie es jedem Vermittler zwischen fanatisch Streitenden ergeht, bis jetzt fast noch ganz ohne Erfolg gearbeitet hat. Sie ist der Ansicht, daß es nicht der Genuß, selbst der übermäßige, von geistigen Getränken sei, welcher so beklagenswerthe Erscheinungen zur Folge habe, sondern vielmehr der Genuß verfälschter und aus der Gesundheit nachtheiligen Elementen zusammengesetzter Getränke; alle Getränke sollten daher einer chemischen Analyse unterworfen, die verfälschten und schädlichen zerstört und ihre Verfertiger bestraft werden. Sie wies überdies darauf hin, daß durch die gänzliche Unterdrückung des einheimischen Whiskey und Brandy, des Bieres und Weines fast ein Viertheil der Gesammtbevölkerung der Vereinigten Staaten, die theils mit der Erzeugung der dazu nöthigen Rohproducte, wie Mais, Hopfen, Gerste und Trauben, theils mit deren Darstellung und Versendung direct oder indirect beschäftigt sind, in Mitleidenschaft gezogen, wenn nicht brodlos gemacht würden.
In den letzten Jahren ist der Kampf der Temperanzler und ihrer Gegner immer erbitterter geworden. Keine Partei will von Vermittelungsvorschlägen hören. Die Temperanzler haben mehr und mehr eine religiöse Färbung angenommen, und ihre Gegner sind zu Maschinen in der Hand der Vereine von Brauern, Brennern etc. geworden. Es scheint, als ob die Temperanzler ihre fanatischen Zwecke zu verfolgen entschlossen sind, wenn auch Millionen darüber an den Bettelstab kommen sollten, und als ob ihren Gegnern der Ruin von Hunderttausenden von Mitbürgern und von Tausenden von Familien nichts gilt, wenn sie nur ihr Ziel erreichen. Es ist im höchsten Grade zu bedauern, daß die Mittelpartei noch so der Sache ruhig zusieht und sich nicht einmal ein öffentliches Organ von Bedeutung zur Vertretung ihrer Ansichten und Bekämpfung der Uebertreibungen Seitens der kämpfenden Hauptparteien verschafft hat.
Seit Anfang dieses Monats ist in diesem Kampfe eine ganz neue und völlig unerwartete Phase eingetreten. Wer der Erfinder der darin leitenden Idee, ist ebenso bestritten, wie das Verdienst mancher andern großen Erfindungen. Es scheint jedoch, daß dem seit langen Jahren als Humanist berühmten und vielseitig verdienten Dr. Dio Lewis (sprich Louis) von Boston die Palme zukommt, wenn es eine solche giebt. Für die deutschen Leser, die ja so vielseitige Wahlverwandtschaft mit Amerika haben und von denen Mancher sich zur Auswanderung dahin vorbereitet oder doch sehnsüchtige Blicke herüberschickt, dürfte diese Episode in der Temperanzbewegung um so interessanter sein, als sie ihnen eine in Deutschland ganz unmögliche Erscheinung, die dagegen in den Vereinigten Staaten vom allerentschiedensten Gewichte ist, zur Anschauung bringt.
Schon seit mehreren Jahren kamen, besonders im Gebiete der jüngeren Staaten, wo überhaupt die Zustände noch manchmal unter einer keineswegs angenehmen Urwüchsigkeit leiden, Fälle vor, daß die Frauen eines Dorfes, einer Ansiedelung oder einer Stadt sich zusammenschaarten, in Masse einen gewaltsamen Angriff auf ein ihren Männern, Söhnen oder Brüdern besonders gefährliches Schenklocal machten, und in demselben, besonders aber unter den Fässern mit Getränken durch Einschlagen arge Verwüstungen anrichteten. So sehr auch die öffentliche Stimme im Urtheile gegen Frauen respectvoll und nachsichtig ist, und in diesem Falle um so mehr, als sich jeder Besonnene sagen mußte, daß meistens arge Herausforderung vorlag, so konnte doch diese Rücksichtnahme die Tumultuanten höchstens gegen strafrechtliches Verfahren, nicht aber gegen die Entschädigungsklagen derjenigen schützen, welche durch die ungesetzlichen Handlungen derselben Verluste erlitten hatten.
Es mußte also ein Verfahren erfunden werden, das bei gleicher Wirksamkeit doch weniger mit dem Strafgesetz in Conflict kam. Herr Dio Lewis empfahl daher, daß die Frauen, in den kleineren Ortschaften beginnend, sich zu dem Zwecke vereinigen sollten, »in hellen Haufen« eine nach der anderen der Trinkstuben einnehmen und den Eigenthümer unter allen möglichen friedlichen Argumenten, ihrem häuslichen, durch den Trunk ihrer Männer veranlaßten Unglücke entnommen, bitten und beschwören sollten, ihrem Gewerbe zu entsagen und ihre Vorräthe an Getränken in die Straße laufen zu lassen. Würde ihren Bitten nicht entsprochen, so sollten sie in dem Trinklocale selbst sofort geistliche Lieder und Gebete zur Bekehrung des Widerspenstigen anstimmen und tagelang fortsetzen, bis sie ihr Ziel erreicht hätten. Würde ihnen das Verbleiben im Schenklocale nicht gestattet, dann sollten sie ihre Gebete und Gesänge vor der Thür des Hartnäckigen, auf dem Bürgerstieg oder in der Straße, oder in Nebenhäusern fortsetzen, bis das Ziel gewonnen.
Dieser Plan ist nun bereits seit fast einem Monate in praktischer Ausführung begriffen, und, wie es scheint, mit bedeutendem Erfolge, wenigstens auf dem Lande, das heißt, in den kleineren Ortschaften und Städtchen. Die einzige größere Stadt, in welcher diese Kreuzzüglerinnen sich bis jetzt versucht haben, ist die Hauptstadt des Staates Ohio, Columbus. Die in dem Feldzugsplane der Frauen befolgte Taktik ist überall die folgende: Zunächst wird eine Massenversammlung abgehalten, in der durch geeignete Ansprachen der Widerwille der Amerikanerinnen gegen Trinken und Trunksucht bis zum erforderlichen Grade von Aufregung und Fanatismus gesteigert wird. Dann verbinden sich die Frauen zu einem Mäßigkeitsverein; sie wählen Beamte, und die Geschäftsordnung beginnt. Alsdann werden die Opfer vorgeschlagen, die man zunächst heimzusuchen gedenkt. Ein Wirthshaus wird ausgewählt, eine Deputation ernannt — und die Frauenprocession formirt sich an der Schwelle der Kirche, in der gewöhnlich die Versammlungen stattfinden. Militärisch, zwei Damen immer nebeneinander, und in langem, zuweilen gegen hundert Frauen umschließendem Zuge, zieht die Procession durch die Straßen, bis das Ziel, ein Trinklocal, erreicht ist. Die frommen Damen, deren einzige Waffe in Sanftmuth und Ueberredung besteht, erbitten Eintritt, und wird dieser verweigert, so bleiben sie vor der Thür stehen. Eine Schwester erhebt dann ihre Stimme im Gebet, das sehr viele gute Lehren und noch mehr andächtige Stoßseufzer enthält und das die schwere Schuld des Spirituosenverkäufers und sein fluchwürdiges Gewerbe drastisch behandelt. Dem Sologebete folgt eine vom gesammten Frauenchor gesungene Hymne, am häufigsten eine aus dem schwungvollen, erweckenden methodistischen Gesangbuche. Der bekannte Refrain dieser Lieder gewinnt zuweilen durch den Chorgesang der Zuschauer eine nicht immer melodische Verstärkung. Alsdann tritt eine der Wortführerinnen zu dem entweder zerknirschten oder ergrimmten Wirthe und überreicht ihm ein Document mit der Bitte, dasselbe zu unterzeichnen. Die Denkschrift enthält das Gelübde, daß der Unterfertigte sich unter Verpfändung seines Ehrenwortes verpflichtet, dem Verkaufe geistiger Getränke fortan zu entsagen und zum eigenen Heile, wie zum Wohle seiner Mitbürger ein besseres Gewerbe zu erwählen. Auch die Stammgäste des Locals werden in ähnlicher Weise ermahnt, und in oder vor dem nächsten Trinksalon beginnt ein fernerer Act des seltsamen Schauspiels.
Die Ausdauer und Opferwilligkeit der betenden Frauen umhüllt diese auch zuweilen mit einem Nimbus des Märtyrerthums, der selbstverständlich eine fanatisirende Wirkung auf die umgebenden Volksmassen ausübt. So begann das Beten auf einem Platze, wo ein verstockt sündiger Gastwirth Haus hielt, um neun Uhr Morgens und dauerte ohne Unterbrechung bis zehn Uhr Abends, und zwar während mehrerer Tage. Die Frauen waren so organisirt, daß sie sich regelmäßig in ihrem Amte, die Geister des Weins und des Spiritus zu beschwören, ablösten. An einem anderen Orte, wo den Frauen der Eintritt in’s Gastzimmer verweigert wurde, knieten sie auf den kalten Steinen vor der Thür, vom Schneesturm umweht, und beteten für das Seelenheil des Wirthes, dem Gott nicht in gleicher Weise das Thor des Erbarmens verschließen möge. In einem Städtchen Indiana’s, wo sie nirgends Einlaß erhielten, zogen sie unter Weinen und Wehklagen in die Kirche zurück, so daß kaum ein Auge, das diesen Trauerzug erblickte, trocken blieb. In einer größeren Stadt Indiana’s, Columbus, grassirte die Seuche des Betens in ganz besonders aufregender Weise. Die Frauen erhielten hier Verstärkung durch wahrhaft begeisterte Beterinnen aus der benachbarten Quäkercolonie Azalia. Ein Augenzeuge schildert die Art und Weise, in der diese Quäkerinnen beten, als ganz besonders erschütternd. Tiefer Ernst und eine zum Herzen dringende Aufrichtigkeit charakterisiren diese Gebete, in denen Schwulst und Salbung und selbst das herkömmliche Amen vermieden wird. Die Worte klingen rhythmisch und brechen plötzlich ab, so daß man, seltsam ergriffen, noch lange lauscht, wenn das Gebet bereits verklungen ist.
Bis jetzt hatte der Kampf der Frauen in den Städten keinen bedeutenden Erfolg, doch währt er noch fort, und die Temperanzler sind hoffnungsvoll. Bereits bilden sich Vereine von Männern, welche bedeutende Summen unterzeichnen, um die nachgiebigen Wirthe zu entschädigen und ihnen die Mittel zu gewähren, einen andern Erwerb zu beginnen. Unter dem Einflusse der Mütter bilden sich Kindervereine, um die Bestrebungen der Frauen zu unterstützen. Wohl kann man mit dem Endziele dieser Frauenbewegungen einverstanden sein, und doch die Mittel, deren sie sich bedienen, entschieden verwerfen. Denn es ist nicht zweifelhaft, daß sie sich herausnehmen, gegen ein vom Gesetz anerkanntes und von ihm zu schützendes Gewerbe einen moralischen Zwang auszuüben, der jede andere Classe der Bevölkerung vor den Strafrichter bringen würde. Ueberdies übertreten sie die Polizeigesetze durch Versperrung des Eingangs der von ihnen belagerten Giftfestungen, der Trottoirs und Straßen. Allein dennoch ist es wieder unmöglich, nicht mit den Frauen zu sympathisiren, namentlich in Amerika, wo »das Recht, das mit uns geboren«, nicht selten das positive Gesetz niedertritt, und wo die Verehrung und Achtung vor allen Mitgliedern des weiblichen Geschlechtes ein so tief ausgebildeter nationaler Charakterzug ist, daß die Männer sich schweigend selbst Unarten und Ueberhebungen fügen. Diese Frauen streiten für das Höchste, was ihre Seele kennt, für häuslichen Frieden, für die Gesundheit und das Lebensglück ihrer Ehegatten, Söhne und Brüder; sie thun es muthig und unerschrocken, obwohl Alles gegen sie ist. Während sie in tiefem Schnee oder Straßenschmutz, in strömendem Regen und in schneidender Kälte ausharren, und kein Wort der Bitterkeit oder Drohung über ihre Lippen kommt, ja während sie das Einschreiten des von ihnen angebeteten höchsten Wesens zum Besten ihres Gebetes in inbrünstigen, lauten Gebeten und Gesängen herabrufen, ertragen sie ruhig die ihnen zugerufenen spöttischen Bemerkungen, Verhöhnungen und selbst manchmal Beleidigungen. Aus den Trinkstuben vertrieben, knieen sie in die schmutzigen Straßen, beten für ihren Verfolger und trotzen Wind, Schnee und Regen. Ob auch ein Wirth die in seinem Locale Knieenden mit Bier überschüttet, Schnupftabak über sie ausstreuet oder sie mit dem Stecheisen angreift, was alles vorgekommen ist — keine Widerrede kommt von ihren Lippen. Das Gesetz ist gegen sie angerufen von einem oder mehreren Wirthen; der Richter erläßt einen Einhaltsbefehl — sie gehorchen ihm und ziehen vor andere Locale, bis das gerichtliche Verfahren entschieden sein wird. Ist das nicht edelster, großartigster Heroismus? Das lange stillleidende, niedergedrückte Weib, die von der Trunksucht ihres Mannes und ihrer Kinder in’s Herz getroffene Frau und Mutter, die verzweifelnde Schwester und Liebende erheben sich zur Beseitigung jener Höllen, in denen ihnen das Ihrem Herzen Theuerste verthiert, verunstaltet und sogar getödtet wird.
In wie weit diese Anstrengung, dieser feierliche Aufschwung im Leben der Frauen eines großen Theiles der Vereinigten Staaten einen dauernden Erfolg haben werde, ist freilich eine andere Frage. So viel ist klar, daß selbst wir Amerikaner bisher den Enthusiasmus und die Hingabe der Frauen an eine große Idee unterschätzt haben. Diese hochherzigen Impulse sind etwas mehr als bloße Gefühlsausbrüche, sie sind wichtige Kräfte in dem Gesellschaftsorganismus. Die Bewegung wird schwerlich die Unmäßigkeit ausrotten, oder den Verkauf von berauschenden Getränken auf die Dauer zerstören. Allein sie wird dazu beitragen, das Betrinken, das Uebermaß im Genusse und das Halten von Trinklocalen schimpflicher zu machen, und wohl auch Tausende retten, die noch nicht hoffnungslos dem Laster verfallen sind. Die Gefahr in der Bewegung liegt darin, daß ihre Apostel zu schnell und zu weit gehen, oder daß sie in die Hände der geriebenen, charakterlosen Politiker fallen und diese sie und ihre Bestrebungen als Mittel zu ihren persönlichen Zwecken benutzen.1
Es ist auffallend, wie verschieden die Anschauungsweise des Amerikaners und Irländers einerseits von der des Deutschen andererseits über öffentliche Trinklocale ist. Während der Letztere darin einen Ort sieht, wo sich alle Gesellschaftsclassen in demokratischster Weise dem vertrauten Umgange mit Freunden, der Erholung im Familienkreise nach des Tages Mühen, dem Genusse der Natur und der Musik hingeben und dabei ein mäßiges Quantum eines unschuldigen und billigen Getränkes zu sich nehmen, sehen jene darin (und wohl nicht mit Unrecht) einen von der öffentlichen Moral verfehmten Ort, in dem sich nicht gern Jemand sehen läßt, den man aber doch nicht vermeiden kann, wo man möglichst eilig den Spiritus hinunterschüttet, dessen man bei der aufreibendsten Thätigkeit, geistigen wie körperlichen, nicht entbehren kann, wo man nur so viel spricht wie nöthig, um seinen »drink« zu erhalten und zu bezahlen, wo sich Niemand zur Unterhaltung niedersetzt, wo Jeder den Andern ignorirt, wo man Giftdünste mit Wollust einathmet und wo nie ein ehrbares Frauenzimmer gesehen oder eine unschuldige Kinderstimme gehört werden darf. Wohl sind in fast allen Städten der Union auch Biergärten errichtet; allein dem Amerikaner, dem das Verständniß der deutschen Anschauung durchaus abgeht, sind sie um nichts besser als seine »bar-rooms«, und es ist unmöglich, daß der Bann, den die Majorität der Bevölkerung gegen diese Gärten ausgesprochen, nicht auf den Charakter derselben, sowie auf den Ton der daselbst sich Versammelnden nachtheilig zurückwirke, da sie ja der Controle entbehren, die ihnen in Deutschland die allgemeine Popularität und die Theilnahme aller Stände und Geschlechter gewährt. Aber die weiblichen Bilderstürmer machen keinen Unterschied, und mit der irisch-amerikanischen Gift- und (gewöhnlich auch) Spielhölle wird auch der deutsche Biergarten in den Vereinigten Staaten sein Ende finden oder doch gleiches Schicksal mit ihr theilen.
New-York, im Februar 1874.
G. O.


1 Wenn der Herr Verfasser die Hauptgefahr für die Temperanz-Bewegung der amerikanischen Frauen in der Einmischung selbstsüchtiger Politiker erblickt, so können wir dieser Auffassung unseres bewährten New-Yorker Correspondenten, wie auch einigen anderen Ausführungen des obigen Artikels, nicht überall beistimmen. Wir unsererseits glauben, daß es neben den Politikern namentlich der Clerus ist, der diese sociale Revolution zu seinen Zwecken auszubeuten bestrebt ist, wie denn überhaupt priesterliche Herrschsucht als der Haupthebel der ganzen Bewegung zu betrachten sein dürfte; werden doch die Meetings in den Kirchen gehalten und die Glocken zu den Gebeten und Gesängen der fanatischen Frauen geläutet.
D. Red


aus: Die Gartenlaube, Herausgegeben von Adolf Kröner, Ernst Keil’s Nachfolger, Leipzig, 1874, Heft 13, S. 210–213
Übernommen von der deutschsprachigen wikisource

Mittwoch, 9. März 2011

Peter Altenberg - Aus dem Tagebuche der edlen Miss Madrilene




AUS DEM TAGEBUCHE DER EDLEN MISS MADRILENE:

Ein Dezember-Abend.
Der Winter ist draussen, in der Landschaft, in der Ebene, auf den Hügeln.
Der Schnee schreit, ächzt, quietscht unter dem Tritte, wie neues unschmiegsames Leder, und wunderbare weisse Wellen sind überall.
Die Lunge freut sich über das Eis, welches sie in sich hineinsaugt, aber die Hände und die Ohren trauern.
Der Winter ist draussen, in der Ebene und die Stadtbrunnen haben Holz-Verkleidung.
Aber in meinem Zimmer ist es Sommer, Sommer!
Ein Petroleum-Öfchen aus Messing mit einem eisernen Reservoire für heisses summendes Wasser ist vorhanden.
Dann ein Gewand aus seidenweichem weissem Flanelle und weisse Woll-Stutzelchen für die armen Handgelenke.
Immer muss heisses, sanft murmelndes Wasser vorhanden sein, um sogleich lichten Thee zu bereiten; und Citronen und Orangen sammt Holz-Pressen für heisse Limonade.
Es ist angenehm und freundlich, sich Sommerhitze zu verschaffen von aussen und innen, während der Winter in der Landschaft wüthet und die Ebene bedrängt.
Gehe hinaus aus Deinem süssen Sommer-Raume wie in ein ersehntes Schwimmbad, tauche in die Eises-Lüfte, lasse den Wind wie kalte Brause wirken, die den Athem verschlüge!
Aber geniesse es wie ein Sommer-Bad, herein, heraus, ehe Du bebst und plärren möchtest!
Und rasch zurück in Deinen Zimmer-Sommer.
Schon duftet der liebliche Thee und das Öfchen brennt lautlos und meine blonde Freundin sitzt nachdenklich, wie Menschen auf Garten-Bänken an lauen Sommer-Abenden.
Ich sitze bei ihr.
Dann sage ich: »Maria, was ist eigentlich Ihre Meinung über diese Menschen in dem kleinen Künstler-Café?!?«
»Ich vermuthe, es wären ziemlich unentwirrbare Menschen, nicht?! Wie man ein Insekt schwer erkennen könnte, wenn es sich um sich selbst herumwirbelte?!?«
»Ja, Maria. Das vermuthe ich gleichfalls. Finden Sie nicht, dass die Meisten gespannte Züge besitzen?! Aber man müsste ganz glatte Züge haben wie ruhig Schlummernde oder wie schlendernde Spaziergänger! Gespannte Züge in dem Antlitz sind wie Elastik-Bänder vor dem Zerreissen, Dampfkessel vor dem Bersten, nicht?! Jedesfalls erblickt man innere Con­stitutionen des Stoffes, welche Geheimnis bleiben müssten! Oder: Eine Uhr, welche ihren Mechanismus plötzlich bloslegte, bliebe stehen!«
Meine Freundin sagte: »Das verstehe ich nicht. Oder doch. Jedesfalls complicieren sich diese Menschen Alles. Mehr verstehe ich nicht davon. Aber sie complicieren es sich.«
»Ja, Maria. Alles überhaupt complicieren sie sich, verstehen nichts zu durchschauen, zu entwirren, verstricken sich in sich selbst, fangen sich in ihrem eigenen Netze, verlieren die guten einfachen Möglichkeiten.«
»Man muss es sich vereinfachen« erwiderte Maria, »sonst könnte man schwer durchkommen —.«
Stille.
Dann sagte meine Freundin: »Und der Dichter, unser gütiger Freund?! Was wäre es mit Diesem?!«
»Dieser?!? Wer ihn ernst nimmt, geht irre. Wer ihn nicht ernst nimmt, geht irre. So ist es!«
»Wie meinen Sie es?!?«
»Man könnte es sich vorstellen, dass alle, alle Dinge bedrängt und verkümmert, direktement verkrüppelt wären durch andere unentrinnbare Dinge, welche doch einmal sind und wirken! Wie würde eine Pflanze, ein Thier sich entfalten, wenn sie nicht von der perfiden Schwerkraft bedrängt wären zu jeder Stunde, gleichsam niedergezogen und verschrumpft, der Mensch von seinen beschwerlichen Verdauungsthätigkeiten und anderen Dingen?!? Der Dichter nun, Maria, scheint irgend etwas in sich zu haben, was der allgemeinen Schwerkraft nicht unterläge und dem fatalen Gesetze. Ich glaube, es sind die Extasen seiner Seele, die ihn hinüberbringen über das Schwere. Und indem er selbst unbedrängt dahinlebt, spürt er desto deutlicher die Bedrängnisse der Anderen. Wie wenn einem Akrobaten, welcher frei wäre von Muskel-Schwere, plötzlich die armselige Haltung der Menschen auffiele, ihre Pappendeckel-Kniee und die unbeugsamen renitenten Rückenwirbelchen! Allen möchte er es natürlich beibringen, in der Hüfte den Oberkörper zu wiegen, so wie Binsen auf dem Teiche stehen, gleichsam schwankend vor Beweglichkeiten!
Viele Dinge, Maria, sind in uns, welche noch der Entwicklung harren. Vielleicht gäbe es Frauen, welche ihre Mission erfüllten, wenn sie splitternackt auf hohen Sesseln sässen und von Lebens-Pilgern sich die rosigen Füsse berühren liessen mit den müden Lippen. Und Andere, welche nur stumm, stumm blickten und Alle würden sanft und weise um sie herum und kämen zu sich selbst und ihrem Frieden! Kommende Reiche kündet der Dichter!
Wir aber, Maria, gedeihen in milder mässiger Wärme und die Hitze der Extase könnte uns wenig nützen, vielleicht uns schädigen. Wir müssen uns bescheiden. Keine exotischen Blüthen sind wir. Wir müssen uns bescheiden, Maria. Denn wir wollen leben im Leben, welches ist!
Wir brauchen Träumerische nicht, allzu Befreite. Doch wenn sie uns nahen, die leichten Künstler, mögen wir milde sein und ihnen lauschen! Von Dingen, meine Freundin, träumen sie vielleicht, die sind und doch nicht sind, von Dingen, die werden möchten in tausend Jahren  — — —!«
Maria legte zärtlich ihre Hand auf mein Knie, sah mich fragend an. Dann sagte sie: »Du nimmst ihn ernst!«
»Ich nehm’ ihn ernst und nicht! Ich sage: »Ich, ich schreite — — — fliege Du! Ich will Dir nachschau’n, bis Du mir entschwunden — — — und weiterschreiten!«
Maria legte ihren Kopf in meinen Schooss.
Dann sagte ich: Maria, wir könnten unsere geliebte Beethoven-Todtenmaske bekränzen. Geben Sie mir die gelben Narzissen, welche der Dichter uns gespendet hat!«
Und wir machen ein Kränzelein aus den gelben Narzissen und legen es um das Haupt der edlen Maske. Dann trinken wir Thee, sprechen gar nichts, rauchen den zarten »golden Cupid«, welcher einen Duft verbreitet wie Feuerschwamm und dampfender Honig. Durch das Fenster hindurch sehen wir nichts Rechtes, blicken lieber vor uns hin. Maria sitzt ganz nachdenklich, wie Menschen auf Gartenbänken an lauen Sommer-Abenden. Ich aber mache mir zu schaffen, ordne ein wenig, finde meinen neuen Cowboy-Hut ganz praktisch, hoffe, dass er die Form behalte. Dann lese ich, drehe das Petroleum-Öfchen ein wenig ein, welches bereits Extasen hat, August-Hitze copieren möchte. So vergeht der Abend, während der Winter in der Landschaft wüthet und die Ebene hart bedrängt.
Ich sage zu meiner Freundin: »Maria, was halten Sie denn von Ehrgeiz?!?«
Sie erwiderte: »Ich weiss es nicht. Aber es kommt mir vor, als ob man einen Hemmschuh für ein Beförderungsmittel hielte!«
Und ich: »Wenn man ein Bild malt und man wollte durchaus zu einem ganz bestimmten Ziele kommen, dann wird es nichts, sicherlich nichts. Zu einem bestimmten, allzu bestimmten Ziele könnte man niemals vordringen. In gar nichts. Man müsste hingegen geradezu erstaunt sein, was es geworden ist. Dann wäre es das Richtige. Man müsste direkt erstaunen können, paff, verblüfft sein, dass etwas sich ereignet hätte gleichsam gegen uns selbst! Ein echter Harzer Edel-Roller bricht immer plötzlich gerade in seinem wunderbarsten Geschmetter ab, stellt das Köpfchen schief und lauscht sich selbst verwundert nach. Ganz erstaunt ist er über sein eigenes Geschmetter, lauscht, wie fremden Tönen von ferneher! Ja, man müsste erstaunen können über sich selbst, über fremde Töne von ferneher!«
Wir sassen ganz nahe dem Petroleum-Öfchen, wie englische Familien-Mitglieder um den Kamin herum, dachten wirklich an gar nichts mehr und waren dennoch nachdenklich, aber zugleich zufrieden.
Dann sagte ich: »Maria, erinnern Sie sich noch unserer Festes-Woche?!?«
»Oh — — —« sagte Maria.
Die Ternina an 3 Abenden und 2 Abende Joachim-Quartett! Schon des Morgens Montag zogen wir wunderbare weisse seidene Kleider an und schmückten uns mit Veilchen. Wir thaten sonst nichts den ganzen Tag lang, warteten einfach auf den Abend. Die Ternina trat zum erstenmale wieder auf, nach einer längeren Abwesenheit auf Gastspielen.
Sie betritt die leere Halle. Sie stand stille und begrüsste sie. Ernst und milde, königlich und sanftmüthig zugleich erschien sie uns und wir passten dazu in unseren Festeskleidern und mit unseren Herzen, welche seit Morgens daraufgewartet hatten, dass Ternina-Elisabeth erschiene in der Halle, in ihrer königlichen milden Art!«
Und meine Freundin sagte: »Oh, ich erinnere mich — — —. Erzähle, erzähle!«
Ich aber schwieg.
Dann nahm ich das Bildnis der Ternina hervor, legte es auf meine Kniee und wir betrachteten es.
Ternina — — — — — —!
Dann drehte ich das Petroleum-Öfchen wieder stärker auf und das Wasser in dem eisernen Reservoire begann sogleich zu rauschen, zu summen. Es kam süsse Wärme auf uns zu. Wir waren schon ziemlich müde. So sassen wir nun ganz, ganz schweigsam in dem warmen Zimmer, während der Winter in der Landschaft wüthete und die Ebene hart bedrängte — — —.
Da kam der Dichter.
Er sah elend aus, verkommen und es fror ihn so sehr, dass er ganz beschäftigt war mit sich selbst und im Zimmer auf- und ab trappte.
»Kommen Sie an unsere Eisen-Sonne,« sagte ich.
Er sah die bekränzte Beethoven-Maske und das Bildnis der Ternina. Er blickte auf meine blonde Maria und auf mich und verstand Alles. Als ob er bei uns gewesen wäre, in uns, mit uns, so war er und wir brauchten nichts zu sagen und schwiegen nun alle Drei wie nach langen erschöpfenden Gesprächen. So sassen wir nun zu Dritt bei dem gütigen Öfchen. Dieses that sein Möglichstes und war wirklich eine kleine ausstrahlende Sonne.
Maria bereitete dann heisse Limonade, eigentlich schon fast Limonade-Extract, aus dünnschaligen Orangen, Citronen und Mandarinen. Der Dichter betrachtete ihre Hantirungen liebevoll.
»Das Weibchen — — —,« fühlte er, »welches Gutes schafft und sich nicht überanstrengt dabei!«
Der Raum begann nach Mandarinen-Schalen zu duften.
Der Dichter nahm die Schalen in seinen Mund, sagte: »Der ideale Athem — — —!«
Wir kauten Alle nun Mandarinen-Schalen und spürten den Duft unseres Athems.
»Hauchen Sie mich an,« sagte er zu uns und wir thaten es lächelnd.
Jeder trank den Athem des Anderen ohne zu küssen!
Plötzlich nahm er meine zerkauten Mandarinen-Schalen, welche ich weggegeben hatte, in seinen Mund —.
Es entstand eine kleine Verlegenheit und Maria erröthete.
Er aber sagte einfach: »Siehe! Dein Speichel ist Dein Leib, Dein Geist und Deine Seele! So trinke ich sie in mich hinein, vermäle mich!«
Sogleich war die Spannung durch das tönende Wort aufgehoben und wir lächelten, obzwar wir ziemlich preoccupirt waren, wirklich wie bei einer heiligen Handlung. Aber man musste es durch Lächeln mit dem Alltag-Leben in Verbindung bringen, flach machen, unbedeutend und erträglich. Dennoch spürten wir das Heilige, Besondere.
Dann sagte er zu uns: »Möget Ihr wissen! Eine ungeheure Liebe ist in Euch beiden Mädchen aufgestapelt und Ihr seid angefüllt mit Dichtungen und Hymnen an Den und Jenen! Auf Bergen sitzet Ihr gleichsam, schlaget zur Harfe, singet zum Preise der unvergleichlichen Ternina, des Winter-Abends und der Zufluchts-Orte! In goldene Harfen greifet Ihr, singet Euch selber hinein in Extasen, während Ihr glaubet still und träge zu sitzen!
Bei uns aber, siehe, ist Alles in lauer Wärme, denn das heisse Wort nimmt uns’re tiefste Hitze weg aus uns! Ihr aber, Mädchen, glühet in Schweigen!!«
So sprach er.
Keine von uns wusste darauf eine passende Antwort zu geben und wir spürten es, dass er ziemlich daneben greife und überhaupt.
Nur Maria sagte: »Worte scheinen Ventile zu sein für ungeheuere Kraft-Maschinen von Seelen. Bei uns ist selten eine solche Spannung vorhanden, dass es zum Worte kommen müsste— — — —!«
Wir tranken die wunderbare Limonade und der Dichter legte seine Hand auf meine Hand.
Ich aber fühlte dennoch: »Zauberer, geleite mich nicht an Deiner milden Hand! Ich schreite — — — fliege Du! Ich will Dir nachschau’n, bis Du mir entschwunden — — — — — — und weiterschreiten! Und lauschen will ich Dir, mein Freund, denn Du erzählst vielleicht von Dingen, die sind und doch nicht sind und kommen möchten in tausend Jahren!«


aus: Peter Altenberg, Was der Tag uns zuträgt, S. Fischer Verlag, Berlin, 1901









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Walter Serner - Inferno Inferno Ein Schreien, das widersetzlich beginnt, wenn es am laute­sten wird, vor Wut sich überschlägt und ...