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Peter Altenberg - Aus dem Tagebuche der edlen Miss Madrilene




AUS DEM TAGEBUCHE DER EDLEN MISS MADRILENE:

Ein Dezember-Abend.
Der Winter ist draussen, in der Landschaft, in der Ebene, auf den Hügeln.
Der Schnee schreit, ächzt, quietscht unter dem Tritte, wie neues unschmiegsames Leder, und wunderbare weisse Wellen sind überall.
Die Lunge freut sich über das Eis, welches sie in sich hineinsaugt, aber die Hände und die Ohren trauern.
Der Winter ist draussen, in der Ebene und die Stadtbrunnen haben Holz-Verkleidung.
Aber in meinem Zimmer ist es Sommer, Sommer!
Ein Petroleum-Öfchen aus Messing mit einem eisernen Reservoire für heisses summendes Wasser ist vorhanden.
Dann ein Gewand aus seidenweichem weissem Flanelle und weisse Woll-Stutzelchen für die armen Handgelenke.
Immer muss heisses, sanft murmelndes Wasser vorhanden sein, um sogleich lichten Thee zu bereiten; und Citronen und Orangen sammt Holz-Pressen für heisse Limonade.
Es ist angenehm und freundlich, sich Sommerhitze zu verschaffen von aussen und innen, während der Winter in der Landschaft wüthet und die Ebene bedrängt.
Gehe hinaus aus Deinem süssen Sommer-Raume wie in ein ersehntes Schwimmbad, tauche in die Eises-Lüfte, lasse den Wind wie kalte Brause wirken, die den Athem verschlüge!
Aber geniesse es wie ein Sommer-Bad, herein, heraus, ehe Du bebst und plärren möchtest!
Und rasch zurück in Deinen Zimmer-Sommer.
Schon duftet der liebliche Thee und das Öfchen brennt lautlos und meine blonde Freundin sitzt nachdenklich, wie Menschen auf Garten-Bänken an lauen Sommer-Abenden.
Ich sitze bei ihr.
Dann sage ich: »Maria, was ist eigentlich Ihre Meinung über diese Menschen in dem kleinen Künstler-Café?!?«
»Ich vermuthe, es wären ziemlich unentwirrbare Menschen, nicht?! Wie man ein Insekt schwer erkennen könnte, wenn es sich um sich selbst herumwirbelte?!?«
»Ja, Maria. Das vermuthe ich gleichfalls. Finden Sie nicht, dass die Meisten gespannte Züge besitzen?! Aber man müsste ganz glatte Züge haben wie ruhig Schlummernde oder wie schlendernde Spaziergänger! Gespannte Züge in dem Antlitz sind wie Elastik-Bänder vor dem Zerreissen, Dampfkessel vor dem Bersten, nicht?! Jedesfalls erblickt man innere Con­stitutionen des Stoffes, welche Geheimnis bleiben müssten! Oder: Eine Uhr, welche ihren Mechanismus plötzlich bloslegte, bliebe stehen!«
Meine Freundin sagte: »Das verstehe ich nicht. Oder doch. Jedesfalls complicieren sich diese Menschen Alles. Mehr verstehe ich nicht davon. Aber sie complicieren es sich.«
»Ja, Maria. Alles überhaupt complicieren sie sich, verstehen nichts zu durchschauen, zu entwirren, verstricken sich in sich selbst, fangen sich in ihrem eigenen Netze, verlieren die guten einfachen Möglichkeiten.«
»Man muss es sich vereinfachen« erwiderte Maria, »sonst könnte man schwer durchkommen —.«
Stille.
Dann sagte meine Freundin: »Und der Dichter, unser gütiger Freund?! Was wäre es mit Diesem?!«
»Dieser?!? Wer ihn ernst nimmt, geht irre. Wer ihn nicht ernst nimmt, geht irre. So ist es!«
»Wie meinen Sie es?!?«
»Man könnte es sich vorstellen, dass alle, alle Dinge bedrängt und verkümmert, direktement verkrüppelt wären durch andere unentrinnbare Dinge, welche doch einmal sind und wirken! Wie würde eine Pflanze, ein Thier sich entfalten, wenn sie nicht von der perfiden Schwerkraft bedrängt wären zu jeder Stunde, gleichsam niedergezogen und verschrumpft, der Mensch von seinen beschwerlichen Verdauungsthätigkeiten und anderen Dingen?!? Der Dichter nun, Maria, scheint irgend etwas in sich zu haben, was der allgemeinen Schwerkraft nicht unterläge und dem fatalen Gesetze. Ich glaube, es sind die Extasen seiner Seele, die ihn hinüberbringen über das Schwere. Und indem er selbst unbedrängt dahinlebt, spürt er desto deutlicher die Bedrängnisse der Anderen. Wie wenn einem Akrobaten, welcher frei wäre von Muskel-Schwere, plötzlich die armselige Haltung der Menschen auffiele, ihre Pappendeckel-Kniee und die unbeugsamen renitenten Rückenwirbelchen! Allen möchte er es natürlich beibringen, in der Hüfte den Oberkörper zu wiegen, so wie Binsen auf dem Teiche stehen, gleichsam schwankend vor Beweglichkeiten!
Viele Dinge, Maria, sind in uns, welche noch der Entwicklung harren. Vielleicht gäbe es Frauen, welche ihre Mission erfüllten, wenn sie splitternackt auf hohen Sesseln sässen und von Lebens-Pilgern sich die rosigen Füsse berühren liessen mit den müden Lippen. Und Andere, welche nur stumm, stumm blickten und Alle würden sanft und weise um sie herum und kämen zu sich selbst und ihrem Frieden! Kommende Reiche kündet der Dichter!
Wir aber, Maria, gedeihen in milder mässiger Wärme und die Hitze der Extase könnte uns wenig nützen, vielleicht uns schädigen. Wir müssen uns bescheiden. Keine exotischen Blüthen sind wir. Wir müssen uns bescheiden, Maria. Denn wir wollen leben im Leben, welches ist!
Wir brauchen Träumerische nicht, allzu Befreite. Doch wenn sie uns nahen, die leichten Künstler, mögen wir milde sein und ihnen lauschen! Von Dingen, meine Freundin, träumen sie vielleicht, die sind und doch nicht sind, von Dingen, die werden möchten in tausend Jahren  — — —!«
Maria legte zärtlich ihre Hand auf mein Knie, sah mich fragend an. Dann sagte sie: »Du nimmst ihn ernst!«
»Ich nehm’ ihn ernst und nicht! Ich sage: »Ich, ich schreite — — — fliege Du! Ich will Dir nachschau’n, bis Du mir entschwunden — — — und weiterschreiten!«
Maria legte ihren Kopf in meinen Schooss.
Dann sagte ich: Maria, wir könnten unsere geliebte Beethoven-Todtenmaske bekränzen. Geben Sie mir die gelben Narzissen, welche der Dichter uns gespendet hat!«
Und wir machen ein Kränzelein aus den gelben Narzissen und legen es um das Haupt der edlen Maske. Dann trinken wir Thee, sprechen gar nichts, rauchen den zarten »golden Cupid«, welcher einen Duft verbreitet wie Feuerschwamm und dampfender Honig. Durch das Fenster hindurch sehen wir nichts Rechtes, blicken lieber vor uns hin. Maria sitzt ganz nachdenklich, wie Menschen auf Gartenbänken an lauen Sommer-Abenden. Ich aber mache mir zu schaffen, ordne ein wenig, finde meinen neuen Cowboy-Hut ganz praktisch, hoffe, dass er die Form behalte. Dann lese ich, drehe das Petroleum-Öfchen ein wenig ein, welches bereits Extasen hat, August-Hitze copieren möchte. So vergeht der Abend, während der Winter in der Landschaft wüthet und die Ebene hart bedrängt.
Ich sage zu meiner Freundin: »Maria, was halten Sie denn von Ehrgeiz?!?«
Sie erwiderte: »Ich weiss es nicht. Aber es kommt mir vor, als ob man einen Hemmschuh für ein Beförderungsmittel hielte!«
Und ich: »Wenn man ein Bild malt und man wollte durchaus zu einem ganz bestimmten Ziele kommen, dann wird es nichts, sicherlich nichts. Zu einem bestimmten, allzu bestimmten Ziele könnte man niemals vordringen. In gar nichts. Man müsste hingegen geradezu erstaunt sein, was es geworden ist. Dann wäre es das Richtige. Man müsste direkt erstaunen können, paff, verblüfft sein, dass etwas sich ereignet hätte gleichsam gegen uns selbst! Ein echter Harzer Edel-Roller bricht immer plötzlich gerade in seinem wunderbarsten Geschmetter ab, stellt das Köpfchen schief und lauscht sich selbst verwundert nach. Ganz erstaunt ist er über sein eigenes Geschmetter, lauscht, wie fremden Tönen von ferneher! Ja, man müsste erstaunen können über sich selbst, über fremde Töne von ferneher!«
Wir sassen ganz nahe dem Petroleum-Öfchen, wie englische Familien-Mitglieder um den Kamin herum, dachten wirklich an gar nichts mehr und waren dennoch nachdenklich, aber zugleich zufrieden.
Dann sagte ich: »Maria, erinnern Sie sich noch unserer Festes-Woche?!?«
»Oh — — —« sagte Maria.
Die Ternina an 3 Abenden und 2 Abende Joachim-Quartett! Schon des Morgens Montag zogen wir wunderbare weisse seidene Kleider an und schmückten uns mit Veilchen. Wir thaten sonst nichts den ganzen Tag lang, warteten einfach auf den Abend. Die Ternina trat zum erstenmale wieder auf, nach einer längeren Abwesenheit auf Gastspielen.
Sie betritt die leere Halle. Sie stand stille und begrüsste sie. Ernst und milde, königlich und sanftmüthig zugleich erschien sie uns und wir passten dazu in unseren Festeskleidern und mit unseren Herzen, welche seit Morgens daraufgewartet hatten, dass Ternina-Elisabeth erschiene in der Halle, in ihrer königlichen milden Art!«
Und meine Freundin sagte: »Oh, ich erinnere mich — — —. Erzähle, erzähle!«
Ich aber schwieg.
Dann nahm ich das Bildnis der Ternina hervor, legte es auf meine Kniee und wir betrachteten es.
Ternina — — — — — —!
Dann drehte ich das Petroleum-Öfchen wieder stärker auf und das Wasser in dem eisernen Reservoire begann sogleich zu rauschen, zu summen. Es kam süsse Wärme auf uns zu. Wir waren schon ziemlich müde. So sassen wir nun ganz, ganz schweigsam in dem warmen Zimmer, während der Winter in der Landschaft wüthete und die Ebene hart bedrängte — — —.
Da kam der Dichter.
Er sah elend aus, verkommen und es fror ihn so sehr, dass er ganz beschäftigt war mit sich selbst und im Zimmer auf- und ab trappte.
»Kommen Sie an unsere Eisen-Sonne,« sagte ich.
Er sah die bekränzte Beethoven-Maske und das Bildnis der Ternina. Er blickte auf meine blonde Maria und auf mich und verstand Alles. Als ob er bei uns gewesen wäre, in uns, mit uns, so war er und wir brauchten nichts zu sagen und schwiegen nun alle Drei wie nach langen erschöpfenden Gesprächen. So sassen wir nun zu Dritt bei dem gütigen Öfchen. Dieses that sein Möglichstes und war wirklich eine kleine ausstrahlende Sonne.
Maria bereitete dann heisse Limonade, eigentlich schon fast Limonade-Extract, aus dünnschaligen Orangen, Citronen und Mandarinen. Der Dichter betrachtete ihre Hantirungen liebevoll.
»Das Weibchen — — —,« fühlte er, »welches Gutes schafft und sich nicht überanstrengt dabei!«
Der Raum begann nach Mandarinen-Schalen zu duften.
Der Dichter nahm die Schalen in seinen Mund, sagte: »Der ideale Athem — — —!«
Wir kauten Alle nun Mandarinen-Schalen und spürten den Duft unseres Athems.
»Hauchen Sie mich an,« sagte er zu uns und wir thaten es lächelnd.
Jeder trank den Athem des Anderen ohne zu küssen!
Plötzlich nahm er meine zerkauten Mandarinen-Schalen, welche ich weggegeben hatte, in seinen Mund —.
Es entstand eine kleine Verlegenheit und Maria erröthete.
Er aber sagte einfach: »Siehe! Dein Speichel ist Dein Leib, Dein Geist und Deine Seele! So trinke ich sie in mich hinein, vermäle mich!«
Sogleich war die Spannung durch das tönende Wort aufgehoben und wir lächelten, obzwar wir ziemlich preoccupirt waren, wirklich wie bei einer heiligen Handlung. Aber man musste es durch Lächeln mit dem Alltag-Leben in Verbindung bringen, flach machen, unbedeutend und erträglich. Dennoch spürten wir das Heilige, Besondere.
Dann sagte er zu uns: »Möget Ihr wissen! Eine ungeheure Liebe ist in Euch beiden Mädchen aufgestapelt und Ihr seid angefüllt mit Dichtungen und Hymnen an Den und Jenen! Auf Bergen sitzet Ihr gleichsam, schlaget zur Harfe, singet zum Preise der unvergleichlichen Ternina, des Winter-Abends und der Zufluchts-Orte! In goldene Harfen greifet Ihr, singet Euch selber hinein in Extasen, während Ihr glaubet still und träge zu sitzen!
Bei uns aber, siehe, ist Alles in lauer Wärme, denn das heisse Wort nimmt uns’re tiefste Hitze weg aus uns! Ihr aber, Mädchen, glühet in Schweigen!!«
So sprach er.
Keine von uns wusste darauf eine passende Antwort zu geben und wir spürten es, dass er ziemlich daneben greife und überhaupt.
Nur Maria sagte: »Worte scheinen Ventile zu sein für ungeheuere Kraft-Maschinen von Seelen. Bei uns ist selten eine solche Spannung vorhanden, dass es zum Worte kommen müsste— — — —!«
Wir tranken die wunderbare Limonade und der Dichter legte seine Hand auf meine Hand.
Ich aber fühlte dennoch: »Zauberer, geleite mich nicht an Deiner milden Hand! Ich schreite — — — fliege Du! Ich will Dir nachschau’n, bis Du mir entschwunden — — — — — — und weiterschreiten! Und lauschen will ich Dir, mein Freund, denn Du erzählst vielleicht von Dingen, die sind und doch nicht sind und kommen möchten in tausend Jahren!«


aus: Peter Altenberg, Was der Tag uns zuträgt, S. Fischer Verlag, Berlin, 1901









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