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Walter Benjamin - Das Dornröschen

Das Dornröschen.


Wir leben im Zeitalter des Socialismus, der Frauenbewegung, des Verkehrs, des Individualismus. Gehen wir nicht dem Zeitalter der Jugend entgegen?
Jedenfalls leben wir in einer Zeit, wo man keine Zeitschrift aufschlagen kann, ohne daß einem das Wort »Schule« in die Augen fällt, in einer Zeit, wo die Worte Coeducation, Landerziehungsheim, Kind und Kunst durch die Luft schwirren. Die Jugend aber ist das Dornröschen, das schläft und den Prinzen nicht ahnt, der naht, es zu befreien. Und daß die Jugend erwache, daß sie teilnehme an dem Kampfe, der um sie geführt wird, dazu will ja unsere Zeitschrift nach Kräften beitragen. Sie will der Jugend zeigen, welchen Wert und Ausdruck sie erhalten hat im Jugendleben der Großen: eines Schiller, eines Goethe, eines Nietzsche. Sie will ihr Wege weisen, das Gemeinschaftsgefühl, das Bewußtsein ihrer selbst in sich zu wecken, als derjenigen, die in einigen Lustren die Weltgeschichte weben und gestalten wird.
Daß dieses Ideal einer sich selbst als eines künftigen Kulturfaktors bewußten Jugend nicht von heute stammt, daß es eine Anschauung ist, die schon die Großen der Literatur deutlich ausgesprochen haben, das beweist ein flüchtiger Blick auf die Weltliteratur.
Wohl wenige Ideen gibt es, die unsere Zeit erfüllen und die nicht schon Shakespeare in seinen Dramen, vor allem in der Tragödie des modernen Menschen, in Hamlet, berührt hätte. Da sagt Hamlet die Worte:


                      »Die Zeit ist aus den Fugen, Schmach und Gram,
                      Daß ich zur Welt, sie einzurenken kam.«


Hamlets Herz ist verbittert. Seinen Oheim sieht er als Mörder seine Mutter in Blutschande leben. Und welches Gefühl gibt ihm diese Erkenntnis? Wohl empfindet er Ekel vor der Welt, aber nicht in misanthropischem Eigenwillen kehrt er sich von ihr ab, sondern in ihm lebt das Gefühl einer Mission: er kam zur Welt, sie einzurenken. Auf wen könnten diese Worte wohl besser passen, als auf die heutige Jugend? Trotz aller Worte von Jugend, Lenz und Liebe liegt in jedem denkenden jungen Menschen der Keim zum Pessimismus. Doppelt stark ist dieser Keim in unserer Zeit. Denn wie kann ein junger Mensch, vor allem der Großstädter, den tiefsten Problemen, dem socialen Elend gegenüberstehen, ohne, wenigstens zeitweise, vom Pessimismus übermannt zu werden? Da gibt es denn keine Gegenbeweise, da muß und kann nur helfen das Bewußtsein: und mag die Welt noch so schlecht sein, so kamst du, sie zu erheben. Das ist nicht Hochmut, sondern nur Pflichtbewußtsein.
Dieses hamletische Bewußtsein von der Schlechtigkeit der Welt und von der Berufung sie zu bessern, erfüllt auch Karl Moor. Doch wenn Hamlet über die Schlechtigkeit der Welt nicht sich selbst vergißt, alle Rachegelüste niederzwängt, um selbst rein zu bleiben, so verliert Karl Moor in seinem anarchistischen Freiheitsrausch die Zügel über sich selbst. So muß er, der als Befreier auszog, sich selber unterliegen. Hamlet unterliegt der Welt und bleibt Sieger.
Später hat Schiller noch einmal einen Repräsentanten der Jugend geschaffen: Max Piccolomini; aber mag er auch sympathischer sein als Karl Moor, als Mensch steht er uns (uns Jungen) nicht so nahe; denn Karl Moors Kämpfe sind unsere Kämpfe, die ewige Auflehnung der Jugend, die Kämpfe mit Gesellschaft, Staat, Recht. Max Piccolomini steht in einem engeren ethischen Konflikt.
Goethe! Erwarten wir bei Goethe Sympathie für die Jugend? Wir denken an den Tasso, wir glauben sein strenges Gesicht oder sein ganz feines sarkastisches Lächeln hinter der Maske des Antonio zu gewahren. Und doch – Tasso. Da ist wieder die Jugend, allerdings auf ganz anderem Grunde; nicht umsonst ist ein Dichter der Held. Am Hofe von Ferrara sind Sitte und Anstand die strengeren Maßstäbe. Nicht die »plumpe« Sittlichkeit. Jetzt erkennen wir – Tasso ist die Jugend. Er hütet ein Ideal – das der Schönheit. Aber da er sein jugendliches Feuer nicht bezähmen kann, da er tut, was kein Dichter tun dürfte, da er die Schranken der Sitte in seiner Liebe zur Prinzessin durchbricht, sein eigenes Ideal verletzt, so muß er sich beugen vor dem Alter, dem Convention »Sitte« geworden ist. Das ist die Ironie seiner letzten Worte:


                     »So klammert sich der Schiffer endlich noch
                     Am Felsen fest, an dem er scheitern sollte,«


daß er sich jetzt am Felsen der Convention festklammert, er, der das Ideal der Schönheit geschändet. Karl Moor scheitert, indem er seinem sittlichen, Tasso indem er seinem ästhetischen Ideal untreu wird.
Der universellste Repräsentant der Jugend ist Faust, sein ganzes Leben ist Jugend, denn nirgends ist er beschränkt, stets sieht er neue Ziele, die er verwirklichen muß; und jung ist ein Mensch, so lange er sein Ideal noch nicht völlig in die Wirklichkeit umgesetzt hat. Das ist das sichere Zeichen des Alters: im Gegebenen das Vollkommene zu sehen. Daher muß Faust sterben, daher endet seine Jugend mit dem Augenblick, da er sich am Gegebenen freuen kann und nichts mehr übrig sieht. Würde er weiter leben, so würden wir in ihm einen Antonio finden. An Faust zeigt es sich deutlich warum diese Jugend-Helden es zu »nichts bringen« dürfen, warum sie im Augenblick der Erfüllung untergehen oder einen ewigen erfolglosen Kampf für die Ideale führen müssen.
Diese erfolglosen Kämpfer für das Ideal hat besonders in zwei ergreifenden Typen Ibsen gezeichnet: in Dr. Stockmann im »Volksfeind« und noch stiller und ergreifender im Gregers Werle in der »Wildente«. Gregers Werle prägt besonders schön jenes eigentlich Jugendliche aus, jenen Glauben an das Ideal und jene Aufopferung, die unerschütterlich bleibt auch wenn das Ideal ein völlig unerfüllbares, ja ein unglückbringendes ist. (Denn Glück und Ideal sind oft Gegensätze.) Denn am Schluß der Wildente, als Gregers die Folgen seines fanatischen Idealismus sieht, bleibt sein Entschluß dem Ideal zu dienen, doch fest. Sollte es jedoch unerfüllbar sein, so ist das Leben für ihn wertlos; dann ist seine Lebensaufgabe »der Dreizehnte bei Tisch zu sein« – zu sterben. Noch ein anderes tritt in der Wildente hervor. Wie viele Ibsensche Stücke, wird auch dieses von Problemen bewegt – sie werden nicht gelöst. Diese Probleme sind eben nur der Untergrund, die Zeitatmosphäre, aus welcher der Charakter eines Gregers hervortritt, der durch sein eigenes Leben, den Willen, die Absicht seiner sittlichen Tat, die Kulturprobleme für sich löst.
Die Jugend selbst hat Ibsen dargestellt in der Hilde Wangel des Baumeister »Solness«. Doch unser Interesse wendet sich dem Baumeister, nicht der Hilde Wangel zu, die nur das blasse Symbol der Jugend ist.
Zuletzt komme ich zu dem jüngsten Dichter der Jugend. Zugleich zu einem Dichter der heutigen Jugend, vor allen genannten: zu Karl Spitteler. Wie Shakespeare in Hamlet, wie Ibsen in seinen Dramen, stellt auch Spitteler Helden dar, die für das Ideal leiden. Noch ausgesprochener als bei Ibsen für ein universales Menschheitsideal. Eine neue Menschheit des Wahrheitsmutes sehnt Spitteler herbei. Vor allem seine beiden großen Schöpfungen: die Epen, »Prometheus und Epimetheus« und der »olympische Frühling« sind der Ausdruck seiner Ueberzeugung und hier, wie auch in seinem herrlichen Bekenntnis-Roman »Imago«, den ich für das schönste Buch für einen jungen Menschen halte, stellt er die Stumpfheit und Feigheit der Durchschnittsmenschen bald tragisch, bald lächerlich oder sarkastisch dar. Auch er geht vom Pessimismus aus, um sich zum Optimismus im Glauben an die sittliche Persönlichkeit zu erheben. (Prometheus, Herakles im olympischen Frühling.) Macht ihn schon sein universales Menschheits-Ideal und seine Ueberwindung des Pessimismus zu einem Dichter für die Jugend und besonders für unsre Jugend, so vor allem sein herrliches Pathos, das er einer Sprachbeherrschung verdankt, die er wohl mit keinem Lebenden teilt.
So steht die Erkenntnis, in der unsre Zeitschrift wirken will, schon fest begründet da in den Werken der Größten der Literatur.


                                                                                                              Ardor-Berlin.



Übernommen von der deutschsprachigen wikisource
aus: Der Anfang. Vereinigte Zeitschriften der Jugend, H. 3/1911, herausgegeben von Georges Barbizon und Fritz Schoengarth, Berlin, 1911, S. 51ff.





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