Freitag, 24. Juni 2011

Die neunte Charlatanerie - Bibel

 Illuminated lettering in a Latin Bible of 1407AD on display in Malmesbury Abbey, Wiltshire, England.



Bibel, hat von Jahrhundert zu Jahrhundert erstaunliche Veränderungen erlitten. Vor grauen Zeiten machten die beyden steinernen Gesetztafeln die ganze Bibel aus. Sie wurde in ein Kästchen aufgehoben, welches die jüdischen Priester allein ansehen und anrühren durften. Bisweilen durfte auch das Volk dieses Heiligthum ungestraft für sich hertragen sehen, welches die Wirkung hatte; Mauren und Thürme einstürzen zu machen, wenn die Priester unter Trompeten- und Pauckenschall damit um eine Stadt herumzogen, welche in Ermangelung des schweren Geschützes nur durch ein Wunderwerk erobert werden konnte. Bisweilen war dies Heiligthum denen heidnischen Völkern nicht so fürchterlich, es ließ sich selbst erobern und von den Phöniziern gefangen wegführen, welchen es erst alles gebrannte Herzeleid anthat, nachdem sie diesem vornehmen Gefangnen die Ehre erwiesen, ihn in ihrem Tempel einzuquartiren. Die Phönizier kamen indessen bey dieser Geschichte noch gut genug weg, indem sie bloß Schmerzen im Hintern, und einige Hemeroidalzufälle davon trugen, und während der Zeit, daß sie die Bundeslade bey sich hatten, eine Menge Mäuse durch ein wahres Wunderwerk sich das Korn auf ihren Feldern gut schmecken ließen. Aber das heilige Volk und die Verehrer der in der Bundeslade verwahrten Bibel, kamen übler an, indem die Leute bey Tausenden von dem ungefehren Anschauen dieses Heiligthums starben, wie denn auch den ehrlichen Usa augenblicklich der Schlag rührte, als der Wagen, worauf die Bibel transportirt wurde, umwerfen und er zugriff und halten wollte, ohngeachtet die Unbeschnittenen solche ungestraft hatten anfassen und aufladen dürfen. An dieser ursprünglichen Bibel, welche in den zehn Geboten bestand, und anstatt nach heutiger Manier eingebunden zu seyn, damals in eine schön gearbeiteter Kapsel aufgehoben wurde; war es eine Haupteigenschaft, daß sie Wunder that, unter ihren Verehrern den Tod wie die Pestilenz um sich her schleuderte, von ihren feindlichen Verächtern sich aber mehr als einmal rauben ließ, ohne ihnen Schaden zu thun.


Nach der Zeit wurde die Bibel auf mannigfaltige Weise vermehrt. Die Predigten und Bücher der Propheten wurden hinzugefügt und die Partikulairgeschichte des jüdischen Volks oder einzelner Personen derselben mit einverleibt. Das schöne Gesangbuch was unter der Regierung Davids von dessen Hofpoeten Assaph komponirt wurde, und welches man beym Tempeldienst gebrauchte, wurde dazu gerechnet. Die philosophischen Werke und das verliebte Brautlied von dem königlichen Verfasser Salomon vermehrten die Bibel; so wie zu hoffen steht; daß in der Folge die Bücher der Churfürsten von Brandenburg und der König von Preußen, desgleichen die herrlichen philosophischen Schriften des Nordischen Salomon zu Sanssouci, auch noch zu den kanonischen Büchern unserer Bibel werden gerechnet und dem Inhalt eine mistische Bedeutung wird beygelegt werden, um eine geheime Abbildung der Kirche daraus herzuleiten, als welches unsern Nachkommen eben so erbaulich werden kann wie uns, das schlüpfrige Hohelied Salomonis, sobald wir Talent genug haben alles im geistlichen Sinne zu fassen.


Auch das mit vielem Witz eingekleidete lehrreiche Romanchen vom Hiob, den der Teufel, nachdem er deshalb eine speziale Conzession aus der Staatskanzeley des Himmels ausgebracht, gar jämmerlich gemißhandelt hat, wurde für ein würdiges Stück der Bibel auf- und angenommen, gleichergestalt als die erbauliche Ehestandsfarce vom Tobias, bey dessen Heyrathsgeschäfte Himmel und Hölle in Bewegung geriethen, und der die ächte Wundergabe besaß an der Seite eines hübschen Mädchens seine Zeit mit Beten zuzubringen, welches denn doch bey alledem heute zu Tage manchem blutsauer werden dürfte. – Die fromme Heldengeschichte der Judith, die aus patriotischem Eifer und mit Anrufung göttlicher Hülfe alle Toilettenkünste anwandte, um den feindlichen Feldherrn in sich verliebt zu machen, ihn zum Beyschlaf zu reizen und ihm die Kehle abzuschneiden – auch die Künste des frommen Mardachai, welcher seine Pflegetochter Esther bey einem heidnischen Könige anbrachte, um – wie's noch jetzt bisweilen zu geschehen pflegt, sich durch diesen gemeinen Kanal zur Würde eines Staatsministers zu erheben, und letzlich die erbärmlichen Kriegsnachrichten von den Mackabäern – all dergleichen Schmiralien erhielten sich Jahrhunderte hindurch bey dem hohen Rang einer Bibel, oder des darunter verstandenen Buchs aller Bücher, welchem eine solche Vortreflichkeit beygelegt wurde, daß seine Ahnen und Abkunft – wie die Fabeln der Griechen aus dem Himmel selbst hergeleitet wurden.


Es muß unter den Juden eine gar klägliche Litteratur und Kritik geherrscht haben, um den meisten der obgedachten Autoren so viel Ansehn zu verschaffen, welches, das Davidische Gesangbuch ausgenommen, von unsern heutigen Rezensenten gar gräulich würden gemißhandelt werden, wenn sie jezt so unmoralisch und so abentheuerlich ans Licht treten sollten. Selbst die an sich richtigen Sittensprüche eines Salomon; eines Sirach und des Verfassers des Buchs der Weisheit, würden heute zu Tage kein Quartier mehr bekommen, wenn sie nicht mit mehr systematischer Ordnung zusammen kompillirt würden.


Ungefähr im zweyten Jahrhundert nach Christi Geburt erschien der zweyte Theil der Bibel mittelst etlicher achtzig Evangelien oder Lebensbeschreibungen von Jesu, welche aus der mündlichen Tradition seiner Schüler und deren weitern Erzählungen gesammlet waren, woraus die Kirchenlehrer viere erwählten, die uns überliefert worden sind, und die übrigen als unächt verwarfen. Diesen Erzählungen, die durch die dritte, vierte und fünfte Hand, oder durch noch mehrere Hände gegangen, und nach ein paar hundert Jahren doch wohl vor hinlänglich berichtiget gelten konnten, wurden die Ermahnungsbriefe, welche die Apostel an ihre neubekehrte Gemeinen geschrieben hatten, zugesetzt, von einem schwärmenden Priester die Apokalypse beygefügt und so ein zweyter Codex dem alten angehangen, welcher nunmehr nach den Aussprüchen der bewährtesten Kirchenversammlungen, die vollständige Bibel ausmachten.


Doktor Martin Luther war der erste, der nach etlichen Jahrhunderten diese Bibel in seine Betrachtung nahm, und gegen das Ansehen der Kirche des Pabstes und der Concilien dieses Heiligthum näher prüfte, feilte, und eine ziemliche Parthie von der Bibel, unter dem Titel apokryphischer Bücher in Abgang brachte.


Nach ihm forschten mehrere die Echtheit dieses Korans der Juden und Christen nach, ohne den Muth Luthers zu haben, und mehr Stücke abzuschneiden, bis endlich Semmler die Apokalypse rein kassirte und gegen andere Bücher und einzelne Stellen solche Bedenken vorbrachte, wodurch das übriggebliebene Ganze wenigstens aufhörte Bibel, oder ein unmittelbar eingegebenes Werk des heiligen Geistes zu seyn, gegen welchen in qualitate qua ein großer Theil Theologen, ohnedem schon vieles einzuwenden hat.


Die Bibel ist noch immer da, aber als Bibel hat sie nur insofern gegolten, als nach verschiedenen Einsichten die Theologen ihr eine weitere oder nähere Bestimmung gegeben haben. Sie sollte die Stütze der Theologie seyn, genau erwogen aber ist's die kunstmäßige Theologie, welche die Bibel unterstützt – sollte diese Wissenschaft und das Metier der Geistlichkeit einmal aufhören, so dürfte dieses verehrte Heiligthum der Kirchen, welches unter willkührlichen menschlichen Bestimmungen so vielen Veränderungen unterworfen gewesen ist, am Ende gar in Abgang kommen. Die verschiedenen Anwendungen dieses Buchs als Quelle so mannigfaltiger Systeme und Glaubenspunkte betrachtet, wird unter der Rubrik Religion näher in Erwägung gezogen werden.

Mittwoch, 22. Juni 2011

Die achte Charlatanerie - Beelzebub

An illustration from the Henry Altemus edition of
The Pilgrim's Progress by John Bunyan,
published in 1678. Illustrations by Frederick Barnard,
J.D. Linton, W. Small, etc. Engraved by Dalziel Brothers.


Beelzebub, ist dermaln ein geschlagener Mann der von Niemand mehr geachtet wird, weil er alle seine Kraft verlohren hat. Priester und Leviten dürften groß Leid um ihn tragen, wenn er gänzlich Todes verfahren sollte. – War weiland das Schrecken der Kirche, gegen welchen der Clerus für hohen Sold diente, um die Gläubigen gegen diesen Popanz zu schützen. 


aus: (August Friedrich Cranz), Charlatanerien in alphabetischer Ordnung als Beyträge zur Abbildung und zu den Meynungen des Jahrhunderts, Erster Abschnitt, Auf Kosten des Verfassers, Berlin, 1781



Dienstag, 14. Juni 2011

Die siebente Charlatanerie - Bankeroutier

Bankeroutier, ist Generis Communis. Ein Bankeroutier der sich reich fallirt hat ist ein ehrlicher, ein kluger und angesehner Mann. Derjenige aber, der nicht so viel gerettet hat, um die bey der Behandlung vorkommende gerichtliche Commissionskosten zu bezahlen und offene Tafel zu halten – der alles hingiebt was er hat und in dem Grade zu kurz kömmt, daß er Niemand mehr eine Güte thun kann – ist ein Betrüger, der nach dem Bankeroutier-Edikt behandelt werden muß.


aus: (August Friedrich Cranz), Charlatanerien in alphabetischer Ordnung als Beyträge zur Abbildung und zu den Meynungen des Jahrhunderts, Erster Abschnitt, Auf Kosten des Verfassers, Berlin, 1781



Montag, 6. Juni 2011

Die sechste Charlatanerie - Arzt

Francisco Goya - Casa de locos


Die sechste Charlatanerie -  Arzt



Arzt. Der Leibes sowohl als der Seelenarzt, nährt sich seiner Profession so gut er kann – und keiner von beyden bewirkt durch seine graduirte Charlatanerien mehr, als daß er seine Patienten dahin begleitet, wohin sie auch ohne ihn kommen würden. Sonst hat der Leibesarzt das Privilegium Leute ungestraft zu tödten und der Seelenarzt das Recht Schwärmer, Narren – und auch Bösewichter zu machen, wenn er Lust hat, ohne daß ihm jemand, wenn er von Amtswegen Sottisen fabelt, was sagen darf.


aus: (August Friedrich Cranz), Charlatanerien in alphabetischer Ordnung als Beyträge zur Abbildung und zu den Meynungen des Jahrhunderts, Erster Abschnitt, Auf Kosten des Verfassers, Berlin, 1781



Sonntag, 5. Juni 2011

Die fünfte Charlatanerie - Arnold

Historische Mühle von Sanssouci


Die fünfte Charlatanerie - Arnold


Arnold. Ein in der Kirchen- und dermalen auch in der Justitzgeschichte berühmt gewordener Name. Der letzte ein Müller seines Handwerks, gab als eine kleine Ursach zu großen Wirkungen Anlaß – wie denn kleine Dinge mehrmalen zu großen Revolutionen Gelegenheit gegeben haben. Das verarmte ohnmächtige Wässerchen was seine Mühlräder nicht treiben konnte, spühlte einen Großkanzler von seiner Stelle und erhielt Kraft durch das allmächtige Wort des Königs einen neuen Chef der Justitz herzuführen – es fuhr wie eine Sündfluth durch die Krümmungen der Rechtsgänge, daß die Advokaten ersoffen und der alte Codex dem Herkulanum gleich zu Grunde gieng. – Wenn Maria zu Bethlehem nicht im Stalle und in der Gesellschaft, wie geschrieben stehet, akouschirt hätte, so würden wir hiesigen Orts noch den Jupiter, oder die Irmensäule verehren, und wenn Arnolds Mutter abortirt hätte: so wäre der jetzige Justitzministre von Schlesien noch Präsident in Cleve. 

aus: (August Friedrich Cranz), Charlatanerien in alphabetischer Ordnung als Beyträge zur Abbildung und zu den Meynungen des Jahrhunderts, Erster Abschnitt, Auf Kosten des Verfassers, Berlin, 1781

Anmerkung von ngiyaw eBooks: Die Legende besagt, dass sich Friedrich der Große durch das Geklapper der Mühlenflügel gestört fühlte und dem Müller Johann Wilhelm Grävenitz den Kauf der Mühle angeboten habe. Auf dessen Ablehnung soll der König gedroht haben: „Weiß Er denn nicht, daß ich Ihm kraft meiner königlichen Macht die Mühle wegnehmen kann, ohne auch nur einen Groschen dafür zu bezahlen?“ Worauf der Müller geantwortet haben soll: „Gewiß, Euer Majestät, das könnten Euer Majestät wohl tun, wenn es – mit Verlaub gesagt – nicht das Kammergericht in Berlin gäbe.“ (Quelle: wikipedia)



Samstag, 4. Juni 2011

Die vierte Charlatanerie - Armee

Jacques-Louis David - Napoleon überschreitet den großen St. Bernhard-Paß


Die vierte Charlatanerie - Armee



Armee. In der Kindheit der Könige waren es Träume, Engelerscheinungen, unmittelbare göttliche Befehle, Propheten und wahrsagende Opferpriester, durch welche das Volk in Respekt gehalten wurde – dergleichen Charlatanerien werden jetzt von großen Regenten nicht gebraucht, weil eine gute Armee dieselben Dienste verrichtet. Die bessere Einrichtung des Militairs hat der Propheterey und Priesterschaft überhaupt Schaden gethan. Ehedem hieng die Sicherheit des Landes und der Erfolg des Kriegs meistens von dem Orakelspruch eines Begeisterten, irgend einer Hexe, von Fasttägen und vom mistischen Aufheben heiliger Hände ab. – Eine preußische Armee macht andere Manövers und hat andere Triebfedern – sie muß stehen, schlagen und siegen, und seitdem das Pulver und schwere Geschütz erfunden ist, wird die ganze Armade der Vorwelt nur noch von Antiquitätenkrämern kultivirt.

aus: (August Friedrich Cranz), Charlatanerien in alphabetischer Ordnung als Beyträge zur Abbildung und zu den Meynungen des Jahrhunderts, Erster Abschnitt, Auf Kosten des Verfassers, Berlin, 1781


Freitag, 3. Juni 2011

Die dritte Charlatanerie - Advokat

Honoré Daumier - Lesender Advokat


Die dritte Charlatanerie - Advokat



Advokat, ist eins von den zweydeutigen Dingen in der jezt lebenden Welt, woraus man nicht weiß was man damit machen soll. Zur Zeit ihrer blühenden unangefochtenen Herrschaft wurden sie zu dem Geschlecht der Blutygel gezählet, zu welchen die Patienten aus Noth ihre Zuflucht nahmen und sich freywillig aussaugen ließen, um sich in anderweitigen Nöthen Hülfe zu verschaffen. Im Ganzen passirten sie für Ränkeschmieder, für Rechtsverdreher, für Gewissensmörder und am gelindesten beurtheilt, für ein nothwendiges Staatenübel. In der jetzigen kritischen Epoke ihrer beschlossenen Abschaffung finden sie Partisans, welche sie nur von der nützlichen Seite betrachten und Vertheidiger, welche denen bisher im Nimbus von Würde gehüllten Richtern dasselbe Schicksal auguriren, mit welchem bisher die Advokaten dem bösen Geschrey allein ausgesetzt waren. Im Grunde betrachtet, ist der beste Advokat seiner Vorschrift gemäß ein Künstler, der die Sache seiner Parthey und hängenswerthe Fakta so zu drehen und in ein so vortheilhaftes Licht zu setzen versteht, daß sie ein gesetzmäßiges Ansehn gewinnen und dem Richter  Mühe machen nach ihrer wahren Lage beurtheilt zu werden.

Es geht ihnen wie allen Sterblichen, die bey Leibes Leben jedem Tadel ausgesetzt waren, bey ihrem Tode aber nie an Leichenrednern zu kurz kommen, welche aus Sündern Heilige machen.


aus: (August Friedrich Cranz), Charlatanerien in alphabetischer Ordnung als Beyträge zur Abbildung und zu den Meynungen des Jahrhunderts, Erster Abschnitt, Auf Kosten des Verfassers, Berlin, 1781




Donnerstag, 2. Juni 2011

Die zweite Charlatanerie - Adel

Ignace Spiridon - Odalisca

Die zweite Charlatanerie - Adel

Adel, ist ein schöner Jouvel, der aber seinen Werth und seinen Glanz von der Einfassung erhält. – Ein adeliches nackendes Fräulein deren Quartiere nicht in Gold gefaßt sind, bleibt meistentheils ein ungenoßnes Schaugericht – ein adelicher Junker ist eine Staatsnothwendigkeit welche für den civilsten Preis die Haut hergiebt, um die kostbare und reiche Einfassung des Bürgers zu schützen – kann zur Noth, bloß von der Ehre leben. Nachgerade fängt der Adel an vieles was seiner ursprünglichen Natur anklebt für Charlatanerien anzusehen – die Mesallianze, zum Exempel wenns auf die Entscheidung der wichtigen Frage ankommt; ob Pasteten oder Erdäpfel besser schmecken? 

aus: (August Friedrich Cranz), Charlatanerien in alphabetischer Ordnung als Beyträge zur Abbildung und zu den Meynungen des Jahrhunderts, Erster Abschnitt, Auf Kosten des Verfassers, Berlin, 1781



Die erste Charlatanerie - Abraham


Die erste Charlatanerie - Abraham


Abraham, war der erste in der heiligen Geschichte bekannte tartarische Fürst der eine herumstreifende Horde kommandirte, und das Recht aufbrachte der Befehlshaber von vielen Knechten und Mägden, und der Eigenthümer von Kameelen und Eseln, Ochsen und Schaafen zu seyn. Er regierte von Gottes Gnaden — durch Träume und Gesichte, mittelst welchen er den Willen des Himmels und das heilsame Regentenrecht bekannt machte daß ihm alle unterthänig seyn mußten die er bezwingen konnte, und die an seine Träume glaubten, daher er auch der Vater der Gläubigen genannt wurde. — Damals wurde es Mode, daß Fürsten die Höfe anderer Fürsten besuchten, und denen zu hoffiren, in deren Allianze man Ruhm und Vortheil suchte, wie Ihro Königl. Majestät weiblichen Inhalts, aus Saba in spätern Zeiten dem Könige Salomo die Visite machte, um seine Weisheit und — weltbekannte phisikalische Kraft zur Gründung eines Abissinischen Prinzen, auf die Probe zu stellen. Der erlauchte Tartarfürst Abraham mit allem morgenländischen Pomp eines arabischen Bettelprinzen gieng solchergestalt nach Egypten — ließ dem dortigen Könige die Schönheit seiner Sara sehen und in sein Schloß verabfolgen. Durch ein Mirakel kam sie unberührt und so keusch in die Arme ihres Mannes zurück wie alle gute Männer ihre schöne Gemahlinnen aus den Armen siegreicher Weiberhelden zurück zu erhalten gewohnt sind — wurde für das Vergnügen welches der bloße Anblick der liebenswürdigen Sara dem egyptischen Könige verschaft hatte, reichlich beschenkt und kehrte — als der erste durch die Geschichte verewigte Kupler mit Gold und Silber beladen zurück, um nunmehr seine Herrschaft auch für die Nachkommenschaft auf einen festen und dauerhaften Fuß zu setzen.

Leider glich sein Zeugungsvermögen seinem regierungsfähigem Kopf nicht. Ein phisikalisches Hinderniß schien ihn untüchtig zu machen sich einen Erbprinzen zu verschaffen. Er entschloß sich also eine kleine Operation mit sich vorzunehmen und das Hinderniß wegzuschneiden. Die Geschichte übergeht mit Stillschweigen ob er dis aus eigner Ueberlegung oder auf den Rath eines Chirurgus aus Paris bewerkstelliget habe. Genug das Ding hatte Wirkung, zwar nicht bey seiner Frau die ihm zu sehr was Altes geworden war, um ihn zu einen solchen Effort zu animiren, aber bey der Kammerjungfer seiner Gemahlin deren blühende Jugend dem kältesten Greisen seiner grauen Haare vergessen zu machen fähig war, und Abraham hatte die Freude durch die duldende Beyhülfe der Hagar einen Sohn an dem Ismael zur Welt gebracht zu haben. Da er sahe daß die Operation so glücklich von statten gegangen war, und es eine Hauptmaxime seiner Regierung war, vor die Bevölkerung des Landes zu sorgen, so träumte ihm mehrern Nachdrucks wegen der Befehl des Himmels, alles was männlich war auf gleiche Weise schon in der zartesten Jugend zu operiren, unähnliche mögliche Hindernisse bey dem Zeugungsgeschäfte frühzeitig aus dem Wege zu räumen und stiftete die Beschneidung, welche bey seinen Nachkommen noch fortdauert bis auf den heutigen Tag.

Sara durch das Beyspiel ihres fürstlichen Gemahls aufgemuntert, glaubte das Recht zu haben sich mit einem hübschen jungen Menschen zur Sicherung der Thronfolge auf eine gleiche Weise zu amüsiren, wie sich Abraham mit der Hagar amüsirt hätte, Einer hübschen Fürstin von 90 Jahren konnte es immer noch nicht fehlen einen jungen Galan in ihr Intresse zu ziehen. Sie koquettirte in dieser Absicht mit ein paar vorbeyreisenden fremden Cavaliers die keine Kostverächter seyn mochten, und liebäugelte mit einladenden Mienen hinter der Hausthür, so daß diese wohl sehen konnten, woran es der guten Frau vis à vis eines abgelebten Mannes fehlte — und diese Herren, nach einem nahrhaften Soupee, welches die Sara mit eignen schönen Händen appretirt hatte, thaten ein Uebriges, versprachen dem Abraham in ordnungsmäßiger Frist einen Sohn — und hielten Wort, indem seine Gemahlin auf eine eben so wunderbare Art von einem Sohn entbunden wurde, als in der Folge — manche Jungfrau durch die Ueberschattung und Einwirkung unbekannter Kräfte Söhne und Töchter gebohren hat. Abraham hatte solchergestalt einen Thronfolger — freylich wohl aus fremder Fabrike, aber das that damals nichts. — Er war immer ein Muster für folgende Regenten, sein Leben und seine Regierung war eine Kette religiöser und politischer Charlatanerien, aber sonst — ein verewigter Fürst und ein gar frommer Mann.

aus: (August Friedrich Cranz), Charlatanerien in alphabetischer Ordnung als Beyträge zur Abbildung und zu den Meynungen des Jahrhunderts, Erster Abschnitt, Auf Kosten des Verfassers, Berlin, 1781





Walter Serner - Inferno

Walter Serner - Inferno Inferno Ein Schreien, das widersetzlich beginnt, wenn es am laute­sten wird, vor Wut sich überschlägt und ...