Die erste Charlatanerie - Abraham


Die erste Charlatanerie - Abraham


Abraham, war der erste in der heiligen Geschichte bekannte tartarische Fürst der eine herumstreifende Horde kommandirte, und das Recht aufbrachte der Befehlshaber von vielen Knechten und Mägden, und der Eigenthümer von Kameelen und Eseln, Ochsen und Schaafen zu seyn. Er regierte von Gottes Gnaden — durch Träume und Gesichte, mittelst welchen er den Willen des Himmels und das heilsame Regentenrecht bekannt machte daß ihm alle unterthänig seyn mußten die er bezwingen konnte, und die an seine Träume glaubten, daher er auch der Vater der Gläubigen genannt wurde. — Damals wurde es Mode, daß Fürsten die Höfe anderer Fürsten besuchten, und denen zu hoffiren, in deren Allianze man Ruhm und Vortheil suchte, wie Ihro Königl. Majestät weiblichen Inhalts, aus Saba in spätern Zeiten dem Könige Salomo die Visite machte, um seine Weisheit und — weltbekannte phisikalische Kraft zur Gründung eines Abissinischen Prinzen, auf die Probe zu stellen. Der erlauchte Tartarfürst Abraham mit allem morgenländischen Pomp eines arabischen Bettelprinzen gieng solchergestalt nach Egypten — ließ dem dortigen Könige die Schönheit seiner Sara sehen und in sein Schloß verabfolgen. Durch ein Mirakel kam sie unberührt und so keusch in die Arme ihres Mannes zurück wie alle gute Männer ihre schöne Gemahlinnen aus den Armen siegreicher Weiberhelden zurück zu erhalten gewohnt sind — wurde für das Vergnügen welches der bloße Anblick der liebenswürdigen Sara dem egyptischen Könige verschaft hatte, reichlich beschenkt und kehrte — als der erste durch die Geschichte verewigte Kupler mit Gold und Silber beladen zurück, um nunmehr seine Herrschaft auch für die Nachkommenschaft auf einen festen und dauerhaften Fuß zu setzen.

Leider glich sein Zeugungsvermögen seinem regierungsfähigem Kopf nicht. Ein phisikalisches Hinderniß schien ihn untüchtig zu machen sich einen Erbprinzen zu verschaffen. Er entschloß sich also eine kleine Operation mit sich vorzunehmen und das Hinderniß wegzuschneiden. Die Geschichte übergeht mit Stillschweigen ob er dis aus eigner Ueberlegung oder auf den Rath eines Chirurgus aus Paris bewerkstelliget habe. Genug das Ding hatte Wirkung, zwar nicht bey seiner Frau die ihm zu sehr was Altes geworden war, um ihn zu einen solchen Effort zu animiren, aber bey der Kammerjungfer seiner Gemahlin deren blühende Jugend dem kältesten Greisen seiner grauen Haare vergessen zu machen fähig war, und Abraham hatte die Freude durch die duldende Beyhülfe der Hagar einen Sohn an dem Ismael zur Welt gebracht zu haben. Da er sahe daß die Operation so glücklich von statten gegangen war, und es eine Hauptmaxime seiner Regierung war, vor die Bevölkerung des Landes zu sorgen, so träumte ihm mehrern Nachdrucks wegen der Befehl des Himmels, alles was männlich war auf gleiche Weise schon in der zartesten Jugend zu operiren, unähnliche mögliche Hindernisse bey dem Zeugungsgeschäfte frühzeitig aus dem Wege zu räumen und stiftete die Beschneidung, welche bey seinen Nachkommen noch fortdauert bis auf den heutigen Tag.

Sara durch das Beyspiel ihres fürstlichen Gemahls aufgemuntert, glaubte das Recht zu haben sich mit einem hübschen jungen Menschen zur Sicherung der Thronfolge auf eine gleiche Weise zu amüsiren, wie sich Abraham mit der Hagar amüsirt hätte, Einer hübschen Fürstin von 90 Jahren konnte es immer noch nicht fehlen einen jungen Galan in ihr Intresse zu ziehen. Sie koquettirte in dieser Absicht mit ein paar vorbeyreisenden fremden Cavaliers die keine Kostverächter seyn mochten, und liebäugelte mit einladenden Mienen hinter der Hausthür, so daß diese wohl sehen konnten, woran es der guten Frau vis à vis eines abgelebten Mannes fehlte — und diese Herren, nach einem nahrhaften Soupee, welches die Sara mit eignen schönen Händen appretirt hatte, thaten ein Uebriges, versprachen dem Abraham in ordnungsmäßiger Frist einen Sohn — und hielten Wort, indem seine Gemahlin auf eine eben so wunderbare Art von einem Sohn entbunden wurde, als in der Folge — manche Jungfrau durch die Ueberschattung und Einwirkung unbekannter Kräfte Söhne und Töchter gebohren hat. Abraham hatte solchergestalt einen Thronfolger — freylich wohl aus fremder Fabrike, aber das that damals nichts. — Er war immer ein Muster für folgende Regenten, sein Leben und seine Regierung war eine Kette religiöser und politischer Charlatanerien, aber sonst — ein verewigter Fürst und ein gar frommer Mann.

aus: (August Friedrich Cranz), Charlatanerien in alphabetischer Ordnung als Beyträge zur Abbildung und zu den Meynungen des Jahrhunderts, Erster Abschnitt, Auf Kosten des Verfassers, Berlin, 1781





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