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Die zweite Charlatanerie - Adel

Ignace Spiridon - Odalisca

Die zweite Charlatanerie - Adel

Adel, ist ein schöner Jouvel, der aber seinen Werth und seinen Glanz von der Einfassung erhält. – Ein adeliches nackendes Fräulein deren Quartiere nicht in Gold gefaßt sind, bleibt meistentheils ein ungenoßnes Schaugericht – ein adelicher Junker ist eine Staatsnothwendigkeit welche für den civilsten Preis die Haut hergiebt, um die kostbare und reiche Einfassung des Bürgers zu schützen – kann zur Noth, bloß von der Ehre leben. Nachgerade fängt der Adel an vieles was seiner ursprünglichen Natur anklebt für Charlatanerien anzusehen – die Mesallianze, zum Exempel wenns auf die Entscheidung der wichtigen Frage ankommt; ob Pasteten oder Erdäpfel besser schmecken? 

aus: (August Friedrich Cranz), Charlatanerien in alphabetischer Ordnung als Beyträge zur Abbildung und zu den Meynungen des Jahrhunderts, Erster Abschnitt, Auf Kosten des Verfassers, Berlin, 1781



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E. Jouy - Sappho oder die Lesbierinnen

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NACH einem ausgiebigen Bummel durch die ChampsElysées an einem jener herrlichen Frühlingstage, an denen Lebenslust und Liebreiz der Natur in gleichem Maße alles, was die Weltstadt Paris an Frauenschönheit aufzubieten vermag, zu diesen freundlichen Stätten ziehen, hatten Arthur und Karl in nur geringer Entfernung von der menschendurchfluteten Allee ein Plätzchen gefunden.
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»Genieße und du wirst ihr die Binde herabreißen. Sieh, Karl, mit der Liebe ist es wie mit der Furcht: man wird von beiden geheilt, ist man dem Gegenstande seiner Zuneigung oder Bangnis nur genügend nahe. Du hättest mir sicher nicht deine Hilfe angedeihen lassen, wenn du es nicht gewesen wärest, der mich in die Arme der Schönen getrieben…

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Das Unglaublichste geschah. Laura Farina errötete. Ihre bleiche, königliche Stirne überzog sich mit purpurner Glut, die Lippen wurden ernst und schweigsam, wie von Gottes Finger gezeichnet. Das ewige Leuchten des Triumphes erstarb in ihren Augen, und zum erstenmal zeigte sich in ihrem Gesicht, das gebrochen und hilflos aussah, der Schmerz. Um das zu begreifen, muß man Laura Farina kennen, wie ich sie kannte. Sie war das schönste Weib in Italien. Wo sie ging, schien die Sonne heißer, heller vom Himmel zu strahlen, wenn sie lachte, klang es wie der melodische Gesang dir Nachtigallen, und wer in ihr Gesicht blickte, verlor für Augenblicke seine Sehnsucht. Man drängte sich um ihren Wagen, warf Rosen und Epheu in ihren Schoß und jubelte ihr zu mit der ganzen, naiven Begeisterung eines im Schönheitskultus erzogenen Volkes. »La divina« riefen sie ihr freudig entgegen, wenn sie mit kleinen, flüchtigen Schritten durch die Gassen ging, und Männer und Fr…

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Hilde im Schnee.



»So spät ist der Ernst noch gar nie gekommen, wie heute.« Hilde sah sehnsüchtig durchs Fenster in das lustige Getreibe, das Schneeflocken und Schulkinder da draußen aufführten. Die Schneeflocken tanzten eine Weile in der Luft herum, bis sie sich leicht und leise auf den Boden legten, eine zur andern, ein weißes, reines Tischtuch webend für das Christkindlein. Und die Kinder rannten jauchzend in dem Gewirbel umher, warfen einander Schneeballen zu, und da und dort zog auch schon eins den Schlitten hervor, um die frische Bahn zu probieren. Es war am Nachmittag des 24. Dezember. »Rechtes Christtagswetter gibt’s,« sagte Mine, die alte Magd, als sie das geputzte Besteck ins Eßzimmer trug. Hilde war von ihrem Fensterbänkchen herabgesprungen. Nun hatte sie doch eine teilnehmende Seele, mit der sie ein Wort reden konnte. Denn Vater und Mutter hatten heute keinen Augenblick für sie. Und Ernst kam so lang nicht. Ernst war Hildes großer Bruder. Er ging in die Stadtschule und kam n…