Freitag, 30. September 2011

Zitkala Sa – Warum ich eine Heidin bin




Zitkala Sa – Warum ich eine Heidin bin.

Originaltitel: Why I Am a Pagan

aus: The Atlantic Monthly, Vol. 90, 1902, Boston and New York, Houghton, Mifflin and Company, The Riverside Press Cambridge

Übertragen von Maoi Milalis (copyrighted work)


Wenn der Große Geist mein Herz erfüllt, drängt es mich in den grünen Hügeln ausgelassen umherzuschweifen oder ich bestaune am Uferrand des rauschenden Missouri das mächtige Blau über mir. Mit halb geschlossenen Augen folge ich den großen Wolkenschatten in ihrem lautlosen Spiel auf den Felsen am gegenüberliegenden Ufer, während süß und sanft die Rhythmen des Liedes, das der Fluß singt, zart an mein Ohr dringen. Meine Hände im Schoß gefaltet, die Zeit vergessend ruhen mein Geist und Ich auf der Erde so klein und unscheinbar wie ein glückliches Sandkörnchen. Die vorüberziehenden Wolken, das helle Plätschern des Wassers an einem heiteren Sommertag sind beredte Zeugen des liebeerfüllten Mysteriums, das uns umgibt. In dieser Stille am sonnigen Ufer bin ich ein wenig gewachsen, doch es mag nicht so offenbar sein wie bei dem frischen Gras, das die steilen Felsspitzen hinter mir säumt.


Lange folge ich dem vagen Trampelpfad, der die abschüssige Uferböschung erklimmt und strebe dem flachen Land zu, wo die Wildblumen der Prärie wachsen. Sie - das niedlich kleine Volk - schmeicheln meiner Seele mit ihrem zarten Duft.


Ihre wundersamen runden Gesichter in ihrer reichen Färbung gewinnen mein Herz, das in fröhlichem Erstaunen hüpft, weil auch sie lebendige Zeichen des allmächtigen Geistes sind. Mit den begierigen Augen eines Kindes nehme ich die Myriaden von Sternenformen in mich auf, die in verschwenderischem Farbenreichtum über das Grün gestreut sind. Wunderhübsch ist der elementare Geist, dem sie Ausdruck verleihen.


Ich schreite voran, während sie sanft im Winde nicken, doch ihr Bild verharrt in meinem Herzen. Ich halte inne, um mich an einem Felsen auszuruhen, der eingebettet am Fuß eines Hügels zum niederen Flußbett weist. Hier tollt der Steinjunge nach den Legenden der amerikanischen Ureinwohner ausgelassen herum, verschießt seine kleinen Pfeile; fröhlich jauchzend, wenn ihre Spitzen im Fluge aufblitzen. Was wurde er nur für ein vorbildhafter Krieger, der den Plagen, die das Land heimsuchten, trotzte, bis er über ihren vereinten Angriff triumphierte. Und hier lag auch, Invan, unser Ur-Ur-Großvater, älter als der Hügel, an dem er ausruhte, älter als die Menschenrasse, die stolz seine wundervollen Taten berichtet.


Verwoben mit den alten indianischen Legenden, die sich um den Felsen ranken, spüre ich leise die Weisheit der Ureinwohner, mit der sie sich überall im unendlichen Universums erkennen konnten. Auf diesem uralten Pfad laufe ich zum Indianerdorf.


In dem festen und glücklichen Empfinden, daß Großes wie Kleines sicher in Seiner Größe umschlossen liegt, daß - ohne Ausnahme - alles seine ihm zugewiesenen Einzigartigkeit besitzt, erfüllt mich heiterer innerer Friede.


Ein Goldkehlchen wiegt sich auf dem schlanken Stengel einer wilden Sonnenblume und trillert in süßer Unbefangenheit, als ich mich nähere. Plötzlich verstummt sein kristallklares Lied und es wendet sein Köpfchen hin und her und blickt schlau zu mir herüber, während ich langsam in meinen Mokassins auf den Weg weitergehe. Und abermals stimmt es in sein fröhliches Lied ein. Es flattert hier- und dorthin, es füllt den Sommerhimmel mit seiner schnellen, reizenden Melodie. Man gewinnt den Eindruck, daß seine vollkommene Freiheit eher in seinem kleinen Geiste liegt als in seinen Flügeln.


Mit diesen Gedanken erreiche ich die Blockhütte, wohin ich mich stark durch die Bindung von einem Kind zur betagten Mutter gezogen fühle. Meine vierbeinige Freundin springt mir zum Gruß entgegen, und hüpft in heller Freude vor meinen Füßen herum. Chan ist eine schwarze, zottelige Hündin, durch und durch ein kleiner Mischlingsbastard, die ich sehr liebe. Chan scheint viele Worte in der Sprache der Sioux zu verstehen und geht zu ihrer Decke, wenn ich das Wort nur flüstere, doch denke ich, daß sie vom Tonfall geleitet wird. Oft versucht sie, die gleitende Modulation und den langgezogenen Ausdruck zum Vergnügen der Gäste nachzuahmen, aber ihre Ausdrucksweise liegt außerhalb meiner Verständnismöglichkeit. Ich halte ihren zotteligen Kopf in meinen Händen und blicke ihr in die großen braunen Augen. Sogleich wandeln sich ihre erweiterten Pupillen zu kleinen schwarzen Punkten, als ob der spitzbübische Geist in ihr sich meiner Befragung zu entziehen sucht.


Schließlich wende ich mich wieder dem Stuhl an meinem Schreibtisch zu und spüre tiefes Mitgefühl mit meiner Umwelt, denn von neuem wird mir klar, daß wir alle verwandt sind.


Die Rassenfronten, die einmal bittere Tatsache waren, dienen noch dazu, ein realistisches Menschenmosaik abzustecken. Doch auch hier sind die Menschen gleicher Rasse wie die elfenbeinernen Tasten an einem einzigen Instrument, von denen jede einzelne alle übrigen symbolisiert und sich dennoch jede in Tonhöhe und Klangfarbe unterscheidet. Auch die Geschöpfe, die manchmal nur die Echos eines Klanges eines anderen sind, verhalten sich wie in der Geschichte des dürren kranken Menschen, dessen entstellter Schatten, gekleidet wie ein wirkliches Geschöpf, zu seinem alten Lehrer kommt, um ihn wie ein Schatten folgen zu lassen. Deshalb grüße ich aus Mitleid für alle Echos in menschlicher Gestalt den feierlich-ernsten ‹Eingeborenen-Prediger›, den ich auf mich wartend vorfinde. Ich höre zu aus Achtung vor Gottes Geschöpf, obwohl er höchst eigenartig zu den polternden Phrasen eines engstirnigen Glaubensbekenntnisses den Mund verzieht.


Da unser Stamm eine große Familie ist, in der jede Person mit allen anderen verwandt ist, sprach er mich an:


»Schwester, ich komme von der Morgenmesse, um mit dir zu reden.«


»Ja,« sagte ich mit fragender Stimme, da er eine Pause machte und auf eine Reaktion von mir wartete.


Unbequem rutschte er auf seinem harten Stuhl mit gerade Lehne hin und her und fuhr fort: »An jedem heiligen Tag (Sonntag) sehe ich mich in unserem kleinen Gotteshaus um, aber ich sehe dich nicht, ich bin enttäuscht. Darum komme ich heute. Schwester, ich beobachte dich von Weitem, ich sehe kein unschickliches Verhalten und höre nur Gutes über dich, was mich um so mehr mit dem brennenden Wunsch erfüllt, daß du ein Mitglied der Kirche sein sollst. Schwester, vor langer Zeit lehrten mich liebe Missionare, die heilige Schrift lesen. Diese frommen Männer zeigten mir auch die Torheiten unseres alten Glaubens auf.


Es gibt nur einen Gott, der unsere Toten belohnt oder straft. In der oberen Region werden die christlichen Toten versammelt bei nie endendem Gesang und Gebeten; in der tiefen Grube unten die Sünder, die in Folter und Flammen umherspringen.


Denke daran, meine Schwester, und entscheide dich jetzt, dem drohenden Schicksal des Höllenfeuers zu entgehen.«


Darauf folgte langes Schweigen, währenddessen er seine zum Gebet verschränkten Finger knetete. Wie Gewitterblitze erschienen plötzlich die Bilder der Bekehrung meiner eigenen Mutter, denn auch sie ist nun eine Anhängerin des neuen Aberglaubens.


»Die Spalten unseres Blockhauses wurden ausgeschlagen und eine teuflische Hand zwängte eine aus trockenem Gras geflochtene Fackel hindurch, aber sie verfehlte ihre Bestimmung, denn das Feuer erstarb und das halbverkohlte Bündel fiel nach innen auf den Boden. Direkt darüber, auf einem Regal, lag die heilige Schrift. Das fanden wir vor, als wir nach ein paar Tagen von einem Besuch zurückkamen. Gewiß ist eine große Macht in diesem geheiligten Buch verborgen!«


Ich löschte diese und ähnliche Bilder von meinem geistigen Auge und bot dem konvertierten Indianer, der still mit gesenktem Kopf dasaß, ein Mittagessen. Kaum hatte er sich mit den Worten »Schwester, ich hab es genossen« vom Tisch erhoben, als die Kirchenglocke erklang.


Dorthin enteilte er mit seiner Nachmittagspredigt. Ich sah ihm nach, wie er sich sputete, seine Augen starr auf die staubige Straße gerichtet, bis er nach etwa einer Viertel Meile aus dem Blickfeld war.


Der kleine Zwischenfall rief mir die Ausgabe eines Missionsblattes ins Gedächtnis, auf das ich vor ein paar Tagen aufmerksam gemacht wurde. Darin kommentierte ein ‹Christlicher› Faustkämpfer einen meiner kürzlich erschienen Artikel, indem er den Sinn meiner Worte grob verdrehte. Doch ich werde nicht vergessen, daß der bleichgesichtige Missionar und der unglückbringende Ureinwohner beide Geschöpfe Gottes sind, doch wahrhaft klein sind ihre eigenen Vorstellungen von Unendlicher Liebe. Ein kleines Kind geht in einer Welt der Wunder mit wackeligen Schritten, ich ziehe ihrem Glaubensbekenntnis meine Ausflüge in die Gärten der Natur vor, wo die Stimme des Großen Geistes im Zwitschern der Vögel, dem Plätschern der mächtigen Wasser und dem lieblichen Flüstern der Blumen zu hören ist.


Wenn das Heidentum ist, dann bin ich eine Heidin.

Donnerstag, 15. September 2011

Maria Janitschek - Das neue Weib

aus dem Novellenband - Die neue Eva

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Das neue Weib

Frau Selma Knolle liebte die Einsamkeit und schwärmte vom völligen Abgeschlossensein von der Welt. Deshalb veranstaltete sie jede Woche einen Empfangsabend, an dem sich über ein halbes Hundert Menschen in ihrem Hause zusammenfanden. Sie betete die Wahrheit an, und ihre Busenfreundin war eine - Spiritistin; sie stellte die höchsten Anforderungen an die Sittenreinheit des Weibes, und ihre Abgötterei galt einer vierzigjährigen Dame, die noch vor Thorschluß das Jungfernkränzchen abgelegt hatte, um die interessanten Umstände kennen zu lernen.

Frau Selma Knolle hatte als Mädchen immer für das Cölibat geschwärmt, deshalb heiratete sie einen athletisch gebauten Mann, der schon von zwei Gattinnen geschieden war. Sie bekam vier Kinder von ihm. Er war ein verteufelt schlauer Bursche, der Doktor. Dem Zug seiner Zeit folgend, hatte er viele Reisen gemacht, sechsmal seinen Beruf gewechselt, sein Vermögen verloren, wieder erworben, abermals verloren, sich durch gute Partien wieder rangiert, aber, zu vielseitig begabt für einen Ehemann, schlechten Erfolg mit seinen Gattinnen gehabt. Zum Schluß war ihm diese große, blonde Frau mit dem weichen Fleisch begegnet, die ihm resolut sagte:
»Deine andern Gattinnen verstanden dich nicht, ich aber verstehe dich und bin die Richtige für dich.« Da hatte er zum dritten Mal eingewilligt, einer schönen Frau zu einem Irrtum zu verhelfen. In den ersten vier Jahren war sie beständig schwanger und konnte sich seiner nicht so erfreuen, wie sie es gewünscht hätte. Dann mußte er - er behauptete es wenigstens - eine Reise um die Welt machen. Als er wiederkehrte, hatte er allerlei Marotten mitgebracht.
Er zog z. B. ihre langen Nachthemden an und setzte sich in diesem Aufzug in ein künstlich verdunkeltes Zimmer, um »nachzudenken«. Er behauptete, dann erhabene Gesichte zu haben, die er nach seinem Tod aufzeichnen wollte. Manchmal verschmähte er sogar ihre Nachthemden und sie fand ihn als Adam verkleidet. Schließlich fing sie an, an seinem Verstand zu zweifeln und eilte, einen Nervenarzt zu holen. Der blieb sehr lange bei Knolle, und als er dessen Zimmer verließ, machte er ein sehr vergnügliches Gesicht, drückte ihr beruhigend die Hand, erkundigte sich teilnahmsvoll nach ihrem Gesundheitszustand und verschrieb ihr Pillen. Sie verstand das alles sich zwar nicht zusammenzureimen, doch war sie zufrieden, daß ihrem Bibibi, wie sie den Athleten nannte, nichts Ernsthaftes fehle. Sie überlegte, zu welchem Beruf sie ihm raten sollte.
Und da sie im Grunde doch an seinem gesunden Verstand zweifelte, kaufte sie ihm eine Zeitung, deren Leitung er zugleich übernehmen sollte.
Sie kalkulierte ganz richtig, daß es für einen Mann von seiner Begabung keine passendere Beschäftigung geben konnte. Bibibi, der Bibibi, der drei strenge Jungfrauen zum Altar geführt hatte - nicht alle seine Jungfrauen hatte er zum Altar geführt! -, kehrte glücklich das Unterste seiner Überzeugungen nach oben. Er nahm nur Ehebruchsromane für seine Zeitung an und lehnte kaltblütig alle andern litterarischen Anerbieten ab. Der Ehebruch mußte natürlich in einer verdeckten Schüssel und mit Gewürz aus den Beeten der Romantik serviert sein. Ferner nahm er nur von Damen Arbeiten an. Diese Damen durften indes nicht das vierundzwanzigste Jahr überschritten haben, um noch »ihre ganze Frische« dem Publikum bieten zu können. Zum Schluß pflegte er mit jeder Verfasserin, von der er eine Arbeit acceptierte, die letzten Abmachungen in einem Hotel zu treffen, »weil er da ungestörter sei, als in den unruhigen Redaktionsräumen.«
Sein Lesekomitee, d. h. die jede eingelaufene Arbeit Prüfenden, bestand aus ihm geistig verwandten Weibern in Männerröcken. Daneben hatte er unter andern Kritikern besonders zwei engagiert, die einer gewissen Berühmtheit genossen. Der eine machte alles nieder, was er las, der andere war ein Genie; der machte sogar das nieder, was er nicht gelesen hatte.
Und der Verleger gedieh und die Mitarbeiter gediehen und die Zeitung gedieh. Bibibi machte einen Ableger von ihr und gründete eine kleine illustrierte Zeitschrift. Das Genie schimpfte diese neue Zeitschrift in Grund und Boden nieder, so daß Bibibi sofort eine zweite, die besser sein sollte, erscheinen ließ. Die Schimpferei war natürlich nur ein Trick gewesen, um zwei neuen Zeitschriften zum Dasein zu verhelfen. Bibibi war eben ein großer Schlaukopf und wußte genau, wie man das Zeug anfaßte. Frau Selma schwamm in Wonne. Sie erkannte jetzt, daß ihres Mannes anscheinende Verrücktheit nur Schlauheit war. Sowie er sich auf den richtigen Platz gestellt sah, waren alle in ihm schlummernden Fähigkeiten erwacht.
Er schmeichelte der verkappten Lüsternheit des Publikums und gab ihr fette Bissen, aber nur von der langen Sauce scheinheiliger Frömmelei begossen. Ohne diese nie, denn er war sehr für die Moral seiner Leser besorgt. Man sündigte hier nur in verdunkelten Ecken. Die Sonne durfte es nicht sehen. Nackt zu gehen war verboten, die Röckchen zu lüpfen erlaubt. Wo sich in einem Roman eine Gestalt fand, die gegen Anfechtungen kämpfte, wurde der Roman zurückgewiesen. Anständige, d. h. kluge Leute haben keine Anfechtungen, entschied der Chefredakteur; denn wenn sie solche haben, kommt es nicht an den Tag. Wird aber ein Mensch mit Anfechtungen geschildert, so muß er gleich als niederträchtiger Kerl hingestellt werden. Frau Selma und das Publikum glaubten an die strenge Moral des großen Bibibi. Nur eins konnte Selma nicht recht verstehen: diese Kontraktabschlüsse im Hotel.
Einmal brachte sie es durch Schlauheit und Thürenhorcherei dahin, in Erfahrung zu bringen, wann er seine nächsten Abmachungen mit einem neuen litterarischen Stern im Hotel haben würde. Eine Stunde vorher fuhr sie dicht verschleiert, eine Handtasche tragend, dahin und ließ sich die Stube neben dem vereinbarten Zimmer geben. Nach einer geraumen Zeit hörte sie endlich die beiden eintreten. Sie vernahm Bibibis Stimme und eine schüchterne zweite, die der Frau A. B., einer jung verheirateten Dame, angehörte.
Selma legte hochaufhorchend das Ohr an die Thür. Zuerst hörte sie nur ein vergnügliches Grunzen, wie Bibibi von sich gab, wenn er glücklich küßte. Dann kamen wohlbekannte Laute, so wie sie zu Anfang ihrer Ehe ihr selbst entflohen waren, wenn Bibibi gar zu stürmisch zu seinem Recht gelangen wollte. Dann verriet das Knarren einer indiskreten Bettstatt allerlei, was Selma besser verborgen geblieben wäre. Dann folgte die feierliche Stille nach dem Sturm.
Selma hatte sich behutsam auf den Boden niedergelassen, denn das Stehen wurde ihr unbequem. Später hörte sie eine pipsende Stimme jammern: »O Gott, mein armer Mann, mein armer Mann! Was wird er bloß sagen, wenn das Essen um Eins nicht fertig ist; o ich muß nach Hause!« …
Man hörte allerlei rauschen, dann Wassergeriesel, dann flüsterte Bibibi: »Laß mich zuerst hinab, Kindchen, ich mache alles beim Portier ab, ich habe fürchterliche Eile. Die Fahnen müssen um 12 Uhr nach der Druckerei und jetzt ist's dreiviertel auf Zwölf. Den Kontrakt erhältst du morgen. Der Roman erscheint in sechs Wochen, wir bringen dein Vollbild und du bekommst dreitausend Mark Honorar für den Erstabdruck. Hab vielen Dank, mein Herz. Das nächste Mal machen wir's mit mehr Muße. Adieu!«
Frau Selma erhob sich von ihrem Lauscherposten. War das ein Rückfall in seine Verrücktheit gewesen? Gewiß, nur das konnte es sein! Sie sah ihn grübelnd, forschend beim Mittagessen an und gab ihm drei Abende hindurch keinen Gutenachtkuß. Aber sie horchte von nun an viel an der Thür, die in das Redaktionszimmer führte, in dem er allein arbeitete.
Sie brachte allerlei in Erfahrung. Wie Schriftstellerinnen oft zu ihrem Ruhm kamen. Wie andere abgewiesen wurden, weil sie bei gewissen Zumutungen hochmütig aufgefahren waren. Weshalb die Belletristik das fast ausschließlich vom Weibe beherrschte Gebiet geworden war. Wie dem Publikum eine Geschmacksrichtung aufgedrängt wurde, die nur von der jeweiligen Appetitsverschiedenheit des Chefredakteurs abhing. Wie die Guillotine der Kritik ohne Hirn und Vernunft arbeitete. Wie immer weniger ernsthafte Männer auf dem schöngeistigen Arbeitsfeld mitkämpfen wollten …
Sie verwunderte sich über manches, aber sie war zu sehr Weib, um ihre persönliche Sache nicht als Hauptsache zu empfinden. Sie horchte weiter und sie vernahm noch verschiedene »Vereinbarungen«. Nur um ihr schlecht wiedergegebenes Bild in eine Tageszeitung zu lancieren, ergaben sich manche dieser jungen Frauen den Launen Bibibis.
Nein, Bibibi, kein Verrückter bist du, eine menschliche Bestie bist du, schluchzte die arme Frau Selma im Nebenzimmer. Aber warte, ich will mich an dir rächen, daß du wirklich verrückt werden sollst. Vor allem dafür, daß du mich in Bezug auf deine eheliche Treue irre geführt hast. Oder hast du mich überhaupt nie an sie glauben machen wollen und - ich selbst habe mich im Glauben an sie bestärkt? Dann sollst du es doppelt büßen, denn was man selbst Dummes begeht, daran ist immer der andere schuld … Und Selma, bis zum Rand mit Wut und Erbitterung gefüllt, vergaß ihren Stolz, stellte sich mit anderm weiblichen Federvieh auf eine Stufe und schrieb ein Buch. Sie nannte es: »Das seid Ihr!« Schon das erste Wort, mit dem wir empfangen werden, begann sie, ist ein geringschätziges. Nur ein Mädchen! Oder heißt es in den meisten Fällen nicht so, wenn die »sage femme« uns in die Arme des Vaters legt? Dann später werden wir von unsern uns an Kraft überlegenen Brüdern gefoppt, übervorteilt, mißhandelt. Die öden Jahre der Bleichsucht beginnen. Unlustig, von einem Gefühl der Dumpfheit und Schwere gequält, schleppen wir uns dahin, bis ein Tag uns das mit mancherlei körperlichen Leiden erkaufte Siegel aufdrückt, daß wir nun zum Gebären reif sind. Haben wir Geld und ein hübsches Gesicht, so ist bald der Freier da, der um uns wirbt. Nach einer unnatürlich verlebten Verlobungszeit, in der wir unser erwachendes Temperament verleugnen und Komödie spielen müssen, werden wir endlich zum Traualtar geführt. Die heimlich tausendmal ersehnte Hochzeitsnacht ist da. Anstatt der werbenden Zärtlichkeit des Geliebten zu begegnen, werden wir von einem keuchenden, brünstigen Gewalthaber genotzüchtigt, der vom Priester und unsern Eltern das Recht dazu empfangen hat. Nach Schmerzen und Demütigungen mancherlei Art werden wir endlich schwanger. Fast ein Jahr widriger Verunstaltung, widriger Krankheitszustände, dann kommt die Stunde, wo unserer Schamhaftigkeit der letzte Schleier entrissen wird. Nackt wie ein Tier, in Bewußtlosigkeit versetzt, oder im Krampf verzerrt, ruhen wir hilflos vor den Augen eines fremden Mannes, des Arztes, der oft noch Kollegen an der Seite hat. Man wühlt in unserm Körper, verspritzt unser Blut und legt sorgsam Verbände und Salben zurück fürs »nächste« Mal. Noch kaum von unsern Wunden geheilt, findet uns die neu aufflammende Gier des Mannes, zu der sich vielleicht noch der Kitzel der Grausamkeit gesellt. Nach elf Monaten machen wir die Schlachtscene aufs neue durch. Und so weiter. Eines Tages aber harren wir vergebens der Liebkosungen unseres Gatten. Er ist unserer satt geworden. Die Liebeskunststücke, die er uns gelehrt hat, besitzen keinen Reiz mehr für ihn. Nun geht er zu andern Frauen, um neue einzuüben. Aber die können wir nicht mehr erlernen, denn unser Körper, von ihm gebrochen und zerstört, hat keine Kraft mehr in seinen Muskeln. Wir sind schlaff geworden. Wenn er ehrlich ist, sagt er uns die Wahrheit mit offenem Visier; wenn er feig ist, betrügt er uns hinter unserm Rücken …
Und nun begann die feurige Anklage gegen den einen. Das ganze Buch war so persönlich gehalten, daß jeder sofort wußte, Bibibi sei hier in die Hände einer Überlegnen geraten, die ihn durchschaute. Die Frauen alle, die geknechteten, geopferten, mißhandelten, umringten ihre mutige Schwester, das neue Weib, die erste, die es gewagt hatte, ihren Tyrannen offen an den Pranger zu stellen. Sie drückten ihr die Hände, wenn sie sie auf der Straße trafen, sie schrieben ihr danküberströmende Briefe.
Sie war mit einem Male die Heldin der unterdrückteren Hälfte der Menschheit geworden. Man war aufs höchste darauf gespannt, wie sie nun ihre edlen revolutionären Ideen in Thaten umsetzen würde; denn nach diesem unerhörten Buch mußte sie mit einem verächtlichen Fahrwohl von ihm, dem Knechter ihrer Individualität und Frauenwürde, scheiden. Einsame Arbeit in stolzer Unabhängigkeit würde ihr Märtyrerlos worden. Man bereitete sich vor, ihre Apotheose zu erleben.
Bibibi machte ein langes und immer längeres Gesicht. Alle Wetter! War er trotz aller Vorsichtsmaßregeln doch noch zu unvorsichtig gewesen? Hatte sie Verdacht geschöpft? Hatte ihn eine seiner Freundinnen verraten? Ihm, dem Verfechter der öffentlichen Moral, war die Sache höchst unangenehm. Hauptsächlich jedoch deshalb, weil er sich als - unschlau erwiesen hatte. Wer wollte nicht lieber für einen Schurken als für einen dummen Kerl gelten? Nun, er hatte jetzt festen Boden unter seinen Füßen, mochte sie ihn schließlich verlassen. Er ließ doppelt empörte Tiraden gegen alle los, die einen Schritt vom Wege der breiten, fetten Moral thaten. Ja, er begann sich gegen das Weib zu wenden, dem die heiligsten Bande nicht zu ehrwürdig wären, um mit ihnen sein Spiel zu treiben. Er hing nicht so sehr an Selma, um eine Trennung von ihr als zu schweren Schicksalsschlag zu empfinden, aber den Skandal haßte er.
Seit sie wußte, daß er ihr Buch gelesen hatte, und das ungeheure Aufsehen ermaß, das es erregte, ging sie ihm scheu aus dem Wege. Sie kannte seine herkulischen Kräfte, dazu seine Gereiztheit; wer weiß, was geschah. Auch ihre Bekannten dachten ähnlich und sahen sie schon als Opfer ihres Mutes, als Märtyrerin ihrer Ideen. Man erwartete bang die letzte Katastrophe.
Es gab Journalistinnen, die schon einen Nekrolog für sie im Pult bereit liegen hatten.
Da kam das, was die Wenigsten vorausgesetzt hatten …
Eines Abends, als sie von einem Gang heimkam, trat ihr Bibibi in den Weg.
»Magst du einen Augenblick bei mir eintreten?« fragte er mit eisiger Höflichkeit. Sie folgte ihm und blieb mit schlotternden Knieen an der Thür stehen. Er schritt gleichmütig auf und nieder.
»Ich habe also den Scheidungsprozeß eingeleitet«, log er, »denn nach deinem persönlichen Angriff auf mich durfte ich unmöglich anders handeln. Ich ersuche dich nun, die Kinder so schonend wie möglich auf die Sache vorzubereiten. Das Gericht wird entscheiden, ob sie vater- oder mutterlos ihr junges Leben weiterführen sollen. Was mich betrifft, ich bin ein Mann der Arbeit, der Thätigkeit, mein Beruf wird mich über mein -, er stockte, »über mein unverdientes Schicksal erheben. Und wenn -, er stockte wieder, »wenn ich es nicht ertragen sollte, dann -
In diesem Augenblick nahm die alte Eva, die alte Eva, die niemals auch aus dem »neuesten« Weibe auszutreiben ist, wieder Besitz von Frau Selma. Sie sank auf die Kniee und ergriff die Hände ihres Gatten.
»Bibibi, kannst du mir das Buch verzeihen?«
Er verstand sofort die Situation, die er als Menschenkenner vorausgeahnt hatte, und richtete sich auf.
»Nein!«
»Bibibi, bedenke, welche Qualen du mir verursacht hast; ich war toll geworden, ich sehe es jetzt ein, aber - verraten hast du mich doch, das kannst du nicht leugnen, denn ich war Zeugin.«
»Horcherin!« Er stieß sie verächtlich von sich und that einige Schritte.
Sie rutschte ihm auf den Knieen nach.
»Bibibi, schlage mich, aber verstoße mich nicht; ich liebe dich, auch wenn du mich mit Füßen trittst, mir andere vorziehst; laß mich nur neben dir sein, die letzte, die allerletzte, nur neben dir! Dir habe ich meine Kinder geboren, meine Jugend hingegeben, ich kann ja nicht von dir fort, verzeih mir …!«
Und Bibibi blickte auf sie herab. Das war also das neue Weib. Was war nun eigentlich das neue an ihm? War es mehr als seine gesteigerte - Redseligkeit, die sich in anklagenden Romanen, stürmischen Versammlungen, kampflustigen Vorträgen offenbarte? Er furchte die Stirne und hieß großmütig Selma aufstehen …
Bei sich aber beschloß er, noch gründlichere Frauenstudien zu treiben …

Walter Serner - Inferno

Walter Serner - Inferno Inferno Ein Schreien, das widersetzlich beginnt, wenn es am laute­sten wird, vor Wut sich überschlägt und ...