Zitkala Sa – Warum ich eine Heidin bin




Zitkala Sa – Warum ich eine Heidin bin.

Originaltitel: Why I Am a Pagan

aus: The Atlantic Monthly, Vol. 90, 1902, Boston and New York, Houghton, Mifflin and Company, The Riverside Press Cambridge

Übertragen von Maoi Milalis (copyrighted work)


Wenn der Große Geist mein Herz erfüllt, drängt es mich in den grünen Hügeln ausgelassen umherzuschweifen oder ich bestaune am Uferrand des rauschenden Missouri das mächtige Blau über mir. Mit halb geschlossenen Augen folge ich den großen Wolkenschatten in ihrem lautlosen Spiel auf den Felsen am gegenüberliegenden Ufer, während süß und sanft die Rhythmen des Liedes, das der Fluß singt, zart an mein Ohr dringen. Meine Hände im Schoß gefaltet, die Zeit vergessend ruhen mein Geist und Ich auf der Erde so klein und unscheinbar wie ein glückliches Sandkörnchen. Die vorüberziehenden Wolken, das helle Plätschern des Wassers an einem heiteren Sommertag sind beredte Zeugen des liebeerfüllten Mysteriums, das uns umgibt. In dieser Stille am sonnigen Ufer bin ich ein wenig gewachsen, doch es mag nicht so offenbar sein wie bei dem frischen Gras, das die steilen Felsspitzen hinter mir säumt.


Lange folge ich dem vagen Trampelpfad, der die abschüssige Uferböschung erklimmt und strebe dem flachen Land zu, wo die Wildblumen der Prärie wachsen. Sie - das niedlich kleine Volk - schmeicheln meiner Seele mit ihrem zarten Duft.


Ihre wundersamen runden Gesichter in ihrer reichen Färbung gewinnen mein Herz, das in fröhlichem Erstaunen hüpft, weil auch sie lebendige Zeichen des allmächtigen Geistes sind. Mit den begierigen Augen eines Kindes nehme ich die Myriaden von Sternenformen in mich auf, die in verschwenderischem Farbenreichtum über das Grün gestreut sind. Wunderhübsch ist der elementare Geist, dem sie Ausdruck verleihen.


Ich schreite voran, während sie sanft im Winde nicken, doch ihr Bild verharrt in meinem Herzen. Ich halte inne, um mich an einem Felsen auszuruhen, der eingebettet am Fuß eines Hügels zum niederen Flußbett weist. Hier tollt der Steinjunge nach den Legenden der amerikanischen Ureinwohner ausgelassen herum, verschießt seine kleinen Pfeile; fröhlich jauchzend, wenn ihre Spitzen im Fluge aufblitzen. Was wurde er nur für ein vorbildhafter Krieger, der den Plagen, die das Land heimsuchten, trotzte, bis er über ihren vereinten Angriff triumphierte. Und hier lag auch, Invan, unser Ur-Ur-Großvater, älter als der Hügel, an dem er ausruhte, älter als die Menschenrasse, die stolz seine wundervollen Taten berichtet.


Verwoben mit den alten indianischen Legenden, die sich um den Felsen ranken, spüre ich leise die Weisheit der Ureinwohner, mit der sie sich überall im unendlichen Universums erkennen konnten. Auf diesem uralten Pfad laufe ich zum Indianerdorf.


In dem festen und glücklichen Empfinden, daß Großes wie Kleines sicher in Seiner Größe umschlossen liegt, daß - ohne Ausnahme - alles seine ihm zugewiesenen Einzigartigkeit besitzt, erfüllt mich heiterer innerer Friede.


Ein Goldkehlchen wiegt sich auf dem schlanken Stengel einer wilden Sonnenblume und trillert in süßer Unbefangenheit, als ich mich nähere. Plötzlich verstummt sein kristallklares Lied und es wendet sein Köpfchen hin und her und blickt schlau zu mir herüber, während ich langsam in meinen Mokassins auf den Weg weitergehe. Und abermals stimmt es in sein fröhliches Lied ein. Es flattert hier- und dorthin, es füllt den Sommerhimmel mit seiner schnellen, reizenden Melodie. Man gewinnt den Eindruck, daß seine vollkommene Freiheit eher in seinem kleinen Geiste liegt als in seinen Flügeln.


Mit diesen Gedanken erreiche ich die Blockhütte, wohin ich mich stark durch die Bindung von einem Kind zur betagten Mutter gezogen fühle. Meine vierbeinige Freundin springt mir zum Gruß entgegen, und hüpft in heller Freude vor meinen Füßen herum. Chan ist eine schwarze, zottelige Hündin, durch und durch ein kleiner Mischlingsbastard, die ich sehr liebe. Chan scheint viele Worte in der Sprache der Sioux zu verstehen und geht zu ihrer Decke, wenn ich das Wort nur flüstere, doch denke ich, daß sie vom Tonfall geleitet wird. Oft versucht sie, die gleitende Modulation und den langgezogenen Ausdruck zum Vergnügen der Gäste nachzuahmen, aber ihre Ausdrucksweise liegt außerhalb meiner Verständnismöglichkeit. Ich halte ihren zotteligen Kopf in meinen Händen und blicke ihr in die großen braunen Augen. Sogleich wandeln sich ihre erweiterten Pupillen zu kleinen schwarzen Punkten, als ob der spitzbübische Geist in ihr sich meiner Befragung zu entziehen sucht.


Schließlich wende ich mich wieder dem Stuhl an meinem Schreibtisch zu und spüre tiefes Mitgefühl mit meiner Umwelt, denn von neuem wird mir klar, daß wir alle verwandt sind.


Die Rassenfronten, die einmal bittere Tatsache waren, dienen noch dazu, ein realistisches Menschenmosaik abzustecken. Doch auch hier sind die Menschen gleicher Rasse wie die elfenbeinernen Tasten an einem einzigen Instrument, von denen jede einzelne alle übrigen symbolisiert und sich dennoch jede in Tonhöhe und Klangfarbe unterscheidet. Auch die Geschöpfe, die manchmal nur die Echos eines Klanges eines anderen sind, verhalten sich wie in der Geschichte des dürren kranken Menschen, dessen entstellter Schatten, gekleidet wie ein wirkliches Geschöpf, zu seinem alten Lehrer kommt, um ihn wie ein Schatten folgen zu lassen. Deshalb grüße ich aus Mitleid für alle Echos in menschlicher Gestalt den feierlich-ernsten ‹Eingeborenen-Prediger›, den ich auf mich wartend vorfinde. Ich höre zu aus Achtung vor Gottes Geschöpf, obwohl er höchst eigenartig zu den polternden Phrasen eines engstirnigen Glaubensbekenntnisses den Mund verzieht.


Da unser Stamm eine große Familie ist, in der jede Person mit allen anderen verwandt ist, sprach er mich an:


»Schwester, ich komme von der Morgenmesse, um mit dir zu reden.«


»Ja,« sagte ich mit fragender Stimme, da er eine Pause machte und auf eine Reaktion von mir wartete.


Unbequem rutschte er auf seinem harten Stuhl mit gerade Lehne hin und her und fuhr fort: »An jedem heiligen Tag (Sonntag) sehe ich mich in unserem kleinen Gotteshaus um, aber ich sehe dich nicht, ich bin enttäuscht. Darum komme ich heute. Schwester, ich beobachte dich von Weitem, ich sehe kein unschickliches Verhalten und höre nur Gutes über dich, was mich um so mehr mit dem brennenden Wunsch erfüllt, daß du ein Mitglied der Kirche sein sollst. Schwester, vor langer Zeit lehrten mich liebe Missionare, die heilige Schrift lesen. Diese frommen Männer zeigten mir auch die Torheiten unseres alten Glaubens auf.


Es gibt nur einen Gott, der unsere Toten belohnt oder straft. In der oberen Region werden die christlichen Toten versammelt bei nie endendem Gesang und Gebeten; in der tiefen Grube unten die Sünder, die in Folter und Flammen umherspringen.


Denke daran, meine Schwester, und entscheide dich jetzt, dem drohenden Schicksal des Höllenfeuers zu entgehen.«


Darauf folgte langes Schweigen, währenddessen er seine zum Gebet verschränkten Finger knetete. Wie Gewitterblitze erschienen plötzlich die Bilder der Bekehrung meiner eigenen Mutter, denn auch sie ist nun eine Anhängerin des neuen Aberglaubens.


»Die Spalten unseres Blockhauses wurden ausgeschlagen und eine teuflische Hand zwängte eine aus trockenem Gras geflochtene Fackel hindurch, aber sie verfehlte ihre Bestimmung, denn das Feuer erstarb und das halbverkohlte Bündel fiel nach innen auf den Boden. Direkt darüber, auf einem Regal, lag die heilige Schrift. Das fanden wir vor, als wir nach ein paar Tagen von einem Besuch zurückkamen. Gewiß ist eine große Macht in diesem geheiligten Buch verborgen!«


Ich löschte diese und ähnliche Bilder von meinem geistigen Auge und bot dem konvertierten Indianer, der still mit gesenktem Kopf dasaß, ein Mittagessen. Kaum hatte er sich mit den Worten »Schwester, ich hab es genossen« vom Tisch erhoben, als die Kirchenglocke erklang.


Dorthin enteilte er mit seiner Nachmittagspredigt. Ich sah ihm nach, wie er sich sputete, seine Augen starr auf die staubige Straße gerichtet, bis er nach etwa einer Viertel Meile aus dem Blickfeld war.


Der kleine Zwischenfall rief mir die Ausgabe eines Missionsblattes ins Gedächtnis, auf das ich vor ein paar Tagen aufmerksam gemacht wurde. Darin kommentierte ein ‹Christlicher› Faustkämpfer einen meiner kürzlich erschienen Artikel, indem er den Sinn meiner Worte grob verdrehte. Doch ich werde nicht vergessen, daß der bleichgesichtige Missionar und der unglückbringende Ureinwohner beide Geschöpfe Gottes sind, doch wahrhaft klein sind ihre eigenen Vorstellungen von Unendlicher Liebe. Ein kleines Kind geht in einer Welt der Wunder mit wackeligen Schritten, ich ziehe ihrem Glaubensbekenntnis meine Ausflüge in die Gärten der Natur vor, wo die Stimme des Großen Geistes im Zwitschern der Vögel, dem Plätschern der mächtigen Wasser und dem lieblichen Flüstern der Blumen zu hören ist.


Wenn das Heidentum ist, dann bin ich eine Heidin.

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