Sonntag, 27. November 2011

O junge Mädchenherrlichkeit - Rückblick eines alten Burschen

Bundesarchiv, Bild 102-12968 / CC-BY-SA
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O junge Mädchenherrlichkeit


O junge Mädchenherrlichkeit
Welch neue Schwulitäten!
Bezieht ihr alle weit und breit
Die Universitäten!
Vergebens spähe ich umher,
Ich finde keine Hausfrau mehr!
O jerum, jerum, jerum
O quae mutatio rerum!


Die Nähmaschin’ bedeckt der Staub;
Es sank der Herd in Trümmer;
Der Kessel ward des Rostes Raub,
Verblichen ist sein Schimmer.
Die Wäsche gibt man aus dem Haus
Und beizt mit Chlor die Flecken aus.
O jerum, jerum, jerum
O quae mutatio rerum!



Wo sind sie, die beim Kaffeekranz
Nicht wankten und nicht rückten,
Die ohn’ Latein bei Scherz und Tanz
Die Herr’n der Erd’ entzückten?
Jetzt komm’n sie ihnen ins Geheg
Und wandern früh in das Kolleg.
O jerum, jerum, jerum
O quae mutatio rerum!



Da forscht mit glüh’ndem Angesicht
Die ein’ in Quellenschriften,
Die andre Frauenrecht verficht,
Und die hantiert mit Giften.
Sie alle hat der Wissensdrang
Hinaus gelockt aus altem Zwang.
O jerum, jerum, jerum
O quae mutatio rerum!



Hier beugt ein dunkler Lockenkopf
Sich über’s Corpus iuris,
Die mit dem blonden Mozartzopf
Forscht, was denn wohl die Ruhr ist.
Wer schilt die säum’ge Köchin aus?
Wer flickt des Hausherrn alten Flaus?
O jerum, jerum, jerum
O quae mutatio rerum!



Ihr Jungfrau’n, diesen lust’gen Scherz
Dürft ihr für Ernst nicht halten,
Ihr wißt, ein echtes Burschenherz
Kann nie für euch erkalten.
Tragt Küchenschürz’, tragt Doktorhut,
Wir wissen, beides steht euch gut
Und bleiben euch die Alten!


Ihr Herren, diesen lust’gen Scherz
Dürft ihr für Ernst nicht halten,
Ihr wißt, im rechten Frauenherz
Wird rechter Sinn stets walten:
Die Küchenschürz’ zum Doktorhut,
Zum Amtsbarett der Fingerhut,
Und so bleibt’s doch beim Alten!


Liederbuch für Studentinnen, Strassburg, Heitz, 1910.








Rückblick eines alten Burschen



O alte Burschenherrlichkeit,
Wohin bist du entschwunden,
Nie kehrst du wieder goldne Zeit,
So froh und ungebunden!
Vergebens spähe ich umher,
Ich finde deine Spur nicht mehr.
O jerum, jerum, jerum,
O quae mutatio rerum


Den Burschenhut bedeckt der Staub,
Es sank der Flaus in Trümmer,
Der Schläger ward des Rostes Raub,
Verblichen ist sein Schimmer.
Verklungen der Kommersgesang,
Verhallt Rapier- und Sporenklang.
O jerum, jerum, jerum,
O quae mutatio rerum


Wo sind sie, die vom breiten Stein
Nicht wankten und nicht wichen,
Die ohne Moos bei Scherz und Wein,
Den Herrn der Erde glichen?
Sie zogen mit gesenktem Blick
In das Philisterland zurück.
O jerum, jerum, jerum,
O quae mutatio rerum


Da schreibt mit finsterm Amtsgesicht
Der eine Relationen.
Der andere seufzt beim Unterricht,
Und der macht Rezensionen;
Der schilt die sünd'ge Seele aus
Und der flickt ihr verfallnes Haus.
O jerum, jerum, jerum,
O quae mutatio rerum


Allein das rechte Burschenherz
Kann nimmermehr erkalten,
Im Ernste wird, wie hier im Scherz,
Der rechte Sinn stets walten;
Die alte Schale nur ist fern,
Geblieben ist uns doch der Kern,
Und den lasst fest uns halten.
O jerum, jerum, jerum,
O quae mutatio rerum



Drum Freunde reichet euch die Hand,
Damit es sich erneure,
Der alten Freundschaft heil'ges Band,
Das alte Band der Treue.
Klingt an und hebt die Gläser hoch,
Die alten Burschen leben noch,
Noch lebt die alte Treue.
O jerum, jerum, jerum,
O quae mutatio rerum




Aus: Schauenburgs Allgemeines deutsches Kommersbuch, Ursprünglich herausgegeben unter musikalischer Redaktion von Friedrich Silcher und Friedrich Erk, M. SchauenburgLahr 55.-58. Aufl. Neue Bearbeitung. [1899]








Sonntag, 13. November 2011

Ruth Margarete Roellig - Die Frau zwischen den Säulen

Hans Makart - Mädchen in weißem Kleid





Abigail war ein Traum in Rosenblätter eingehüllt . . .
— Vor zwei Jahren hatte Fürst Irmo sie von ihrem Vater zur Gemahlin gefordert, sie, die noch ein Kind war mit ihren sechzehn Jahren. Er liebte den Frühling, der alte, lebenskundige Irmo, und ihre Jugend deuchte ihn köstlicher als alle seine Juwelen. Und seine Augen weideten sich an ihrer süßen Schönheit. — — —
Ihr Haar war glänzend schwarz und hing ihr in langen Flechten über den Rücken, und mit leicht geneigten Schultern schleppte sie die schwere Pracht ihrer kostbaren Gewänder durch die weißen Säulenhallen, die sich um den Palast herumzogen.
Noch niemals war sie hinausgekommen aus der Welt, die sie hier umschloß — ganz von fern nur leuchtete ihr die Sonne in das Dasein . . . Rings um die Gelände des fürstlichen Wohnsitzes breiteten sich Gärten aus von Rosen. In ganzen Plantagen wuchsen sie, knospeten, entfalteten sich in allen Farben und Arten, weiß, gelb, rosa bis zum satten, tiefen Not.
Und in den lauen Juninächten, wenn Abigail mit blassem Antlitz dastand, beide Arme um eine der Marmorsäulen geschlungen, und hineinstarrte in die geheimnisvolle Pracht wie in ein Wunder — in jenen warmen, weichen Nächten, in denen die Nachtigallen schluchzten, ging von fern ein Hauch über sie hin, der sie seltsam erregte, ein schwerer, süß-seliger Duft aus hunderttausend flammenden Kelchen — — — Da schloß sie die entgötterten Augen wie in Verzückung, ihr dunkler Kopf lehnte matt an dem kühlen Gestein, und während ihre Wangen blasser schienen denn je, glühte ihr weicher, roter Mund gleich einer fremdartigen purpurnen Blume — —
Abigail war wie ein Traum von gläsernen Fäden umsponnen . . .
Ihr Herz war nicht erwacht unter den Greisenküssen ihres kränklichen Gemahls. In dem ewigen Dämmer seiner prächtigen Gemächer wußte sie nicht einmal, daß ihre Augen leuchten konnten unter dem Widerschein beglük-kender Liebe. —
— Ein Abend breitete seine veilchenfarbenen Schleier über das Schloß und die Rosenfelder.
Fürst Irmo hatte sein Lager im Säulengang aufstellen lassen. Die dumpfe Luft im Schlosse erdrückte ihn fast.
Seine Stunden waren gezählt, und aus den Schatten der Einsamkeit hob sich lautlos das Geheimnis Sterben.
Tage, die längst vergangen, sangen ihm noch einmal ihr dunkles, müdes Lied, das ihm klang wie leises, wehes Weinen. So viele hatten weinen müssen — seinetwegen. Und noch einmal kehrte er zurück von der Grenze der Verwirrung. Seine langen, dünnen Finger umkrampften das schmale Handgelenk Abigails, die, in ein fast durchsichtiges Seidengewebe gehüllt, in all ihrem Reiz an seinem Lager stand. An einem weißen Bande hing die Harfe über ihrer Schulter, aber die goldenen Saiten waren verstummt. »Nun kommt die Tiefe herauf —« flüsterte er und es schauerte ihn. Sie neigte den dunklen Kopf zu seinen welken Lippen, die so viel genossen hatten in einem schwelgerischen Dasein — das Herzblut der Reben und das Herzblut der Frauen — —
Nur Abigail war nicht erwacht in seinen Armen, Abigail war noch ein Traum, schwimmend im uferlosen Lichtmeer der Phantasie . . .
»Nichts war ich dir — und nun sterbe ich so schwer daran — ich wollte, daß deine weiße Herrlichkeit leuchtete im Dämmer meiner Nächte — sie blieb matt und glanzlos — nichts, nichts war ich dir, du viel zu früh Geküßte, ich, der sich tränkte am süßen Wunder deiner jungen Schönheit— —«
Abigails Hand zuckte unter der schmerzhaften Umklammerung. Nein — sie fühlte nichts für diesen Mann, der ihr wie ein finsteres Schicksal erschien, dem sie sich lautlos beugte, weit es unabwendbar war.
»Ich lasse dich allein — aber ich will nicht, daß du eines anderen Umarmung kostest — mein bleibst du! Bis zu den Rosengärten führt dein Weg, bis dicht heran — so habe ich es angeordnet in meinem Testament — fügst du dich nicht, so bist du nackt und bloß, so arm, wie du warst, als ich dich mir nahm — —«
Sie stand ruhig mit geschlossenen Augen. Schwer und undurchdringlich lagen die breiten Lider auf den weißen Wangen — nur der heiße, rote Mund zitterte leicht.
Sein Flüstern wurde Stammeln — er hielt ihre Hände fest in den seinen.
›O Nacht, da ich dir Wein gab und die letzte Glut meiner Küsse — dich brach in der Knospe . . ."
Ein Lächeln des Genusses wischte über das schöne, alte Antlitz, dann ein tiefer, langer Seufzer — und Abigail wandte sich ab. Wie von selbst löste sich ihre Hand aus den umschlingenden Fingern, die nichts mehr halten konnten — — Fürst Irmo war tot.
—       —       —       —       —       —       —       —      —
— Abigail schleppte die schwere Pracht ihrer Gewänder über die marmornen Fliesen der Säulenhalle.
Die roten Mittagsflammen lagen auf den Kelchen der Rosen in zitterndem Glanz. Der Duft umfing ihre Sinne wie mit goldenen Fäden und preßte ihre weißen Hände schmerzhaft ineinander.
Ihre Augen, die geweitet waren vom Schimmer der Sehnsucht, tasteten suchend hinein in das Meer von Schönheit. Frei war sie — und doch gefesselt — und vor ihr lag der junge Tag.
Und plötzlich warf sie den Kopf zurück, daß die langen, tiefschwarzen Flechten aufflogen — dann streifte sie lächelnd und lässig das funkelnde Diadem von der schmalen Stirn. Es klirrte auf dem harten Gestein. Die Reifen von ihren Armen, die Fingerringe, die Juwelen aus ihren Ohrläppchen gesellten sich dazu — all das Tote, was sie bisher geschmückt, lag da, abgeworfen in einer heißen Regung.
Langsam, feierlich schreitet sie nun — zum erstenmal — die weißen Stufen hinab in den Park von blühendem Leben. Der Sang der Vögel scheint ihr gleich einem lockenden sehnsüchtig-leisen Syrinxspiel — —
Abigail war wie ein Traum in rosiger Morgenstunde . . .
Ihre Hände öffnen sich, und zärtlich gleiten sie über die weichen Blumenblätter.
Wie getragen von den Duftwogen schreitet sie durch die blühenden Wirrsale, weiter, immer weiter — während hinter ihr mit dumpfem Krachen die Säulen zusammenstürzen — —
Nichts hält sie mehr auf. Nur die Dornen fordern ihren Tribut. Hier bleibt, ein Endchen ihres Schleiers, dort ein Stück des Gewandes — weiter wandert sie, unbekümmert, die Pracht der schwarzen Zöpfe gelöst, in Fetzen das Kleid — an allen Zweigen hängt ein Weniges von ihr — das Alte — sie weiß es nicht und fühlt nichts — wie im Taumel gleitet sie durch all die rosige Süße die sie trinkt mit ihrem dürstenden, roten Munde — — —
Nackt und bloß ist ihre junge Schönheit — und das Sonnenrot umfängt ihren weißen Leib mit zitternden Küssen.
Da schlägt sie die heißen Augen voll auf. Die feinen Nasenflügel beben in der Inbrunst des Genießens — und berauscht von der Wonne der Lust breitet sie die Arme weit aus. Ihre schmalen Füße heben sich und sie tanzt, tanzt hinweg über die Blüten mit ihren seidenweichen Sohlen und lächelt —
Lächelt der Wunden, die die Dornen reißen, und lächelt dem Märchenduft, der ihre Sinne umkost und sie trägt — immer der Sonne zu, der purpurflammenden Glut —
Und Abigail ist Leben und Seligkeit . . .


Aus: Die flammende Venus, Erotische Novellen, ausgewählt von Reinhold Eichacker Universal Verlag, München 1919


Ihre Werke unterliegen noch dem Urheberrecht. Nach intensiven Recherchen konnten leider keine RechteinhaberInnen herausgefunden werden. Bitte melden Sie sich unter der im Profil angegebenen email-Adresse, wenn Sie Informationen zur Autorin haben. Danke.


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Ruth Margarete Roellig (14. Dezember 1878 in Schwiebus - 31. Juli 1969 in Berlin-Schöneberg) war eine deutsche Schriftstellerin.


Bis 1933



Ruth Margarete Roellig kam 1878 als Tochter der Gastwirte Anna und Otto Roehlig zur Welt. 1887 ziehen die Eltern nach Berlin um. Roellig besucht eine Schule für höhere Töchter und ein Pensionat. Die Aufzeichnung ihres späteren Werdegangs gingen vermutlich bei der Wohnungsauflösung nach ihrem Tode verloren. Vermutlich betätigte sie sich schon vor dem Ersten Weltkrieg schriftstellerisch. Nach einer Ausbildung zur Redakteurin findet sie eine Anstellung in einem berliner Verlagshaus und schreibt für den Berliner Lokal-Anzeiger und die Frauenzeitschrift Bazar, sowie verschiedene literarische Zeitschriften.
1913 veröffentlichte sie ihr erstes Buch Geflüster im Dunkel, das die Beziehung eines Dichters zu einer Muse beschreibt. Auf Reisen und Auslandsaufenthalte in Finnland, Bonn und Paris schrieb sie Romane und Erzählbände, wie Lutetia Parisiorum und Traumfahrt: Eine Geschichte aus Finnland, die ihre Reiseerfahrungen schilderten.
1927 kehrte sie nach Berlin zurück und erreichte vor allem in der damaligen lesbischen Szene eine hohe Bekanntheit. In Deutschland wurde damals weibliche Homosexualität weniger strafrechtlich verfolgt als die männliche, war aber dennoch sozial geächtet. Roellig veröffentlicht diverse Kurzgeschichten und Gedichte in einschlägigen Magazinen wie der Frauenliebe. 1928 erschien ihr Führer Berlins lesbische Frauen, der vierzehn Treffpunkte der lesbischen Kreise beschrieb. Das Vorwort schrieb Magnus Hirschfeld. Eine zweite Auflage wurde 1930 gedruckt. 1930 beteiligt sie sich an dem Aufklärungsbuch Das lasterhafte Weib mit einem Beitrag zum Lesbentum und der Transvestitismus. Auch in ihre Erzählung Ich klage an, die vom Verlust des Lebenspartners, Zwangsehe und Unterdrückung handelt, versucht sie sich an aufklärerischer Prosa.


Zeit des Nationalsozialismus


Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten verändert sich die Einstellung des Staates gegenüber der Homosexualität auf massive Weise. Homosexualität galt als Entartung und als Verbrechen. Obwohl Lesbierinnen nicht systematisch verfolgt wurden und auch nicht in Konzentrationslager deportiert wurden, ächtete der Nationalsozialismus auch diese Lebensform. Die damalige Lesbenszene wurde zerschlagen. Im Zuge der Gleichschaltung wurden auch homosexuelle Schriftsteller aus dem Literaturbetrieb entfernt. Roellig verschwieg jedoch ihre lesbischen Schriften und bewarb sich im November 1936 bei der Reichsschrifttumskammer. Ihren Lebenslauf schloss sie mit den Worten „Ich bin ein durch und durch deutsch fühlender Mensch und bringe den Bestrebungen unseres verehrten Führers die innigsten Sympathien entgegen. Heil Hitler.“
Während der Zeit des Nationalsozialismus veröffentlichte sie vermutlich nur zwei Bücher: den Kriminalroman Der Andere und Kriegsroman Soldaten, Tod, Tänzerin. Der Andere, erschienen 1936, handelt von Lloyd Warring, einem Schriftsteller, der ein dunkles Geheimnis hat: er ist ein Raubmörder. In der 13jährigen Lydia Heinke findet er seine Muse. Diese benutzt ihn aber nur und verrät ihn versehentlich. In der Polizeizelle begeht der Protagonist Selbstmord. Der Roman enthält Anspielungen auf die lesbische Neigung der Autorin, so sind viele Figuren „versteckte Homosexuelle“.
1937 erschien Soldaten, Tod, Tänzerin, der auf einer angeblichen Begebenheit im Ersten Weltkrieg beruht. Protagonistin ist die Tänzerin Marion, die in den Wirren des Krieges als Spionin verdächtigt wird und in rumänische Gefangenschaft gerät. Auch die Oktoberrevolution erlebt sie mit. Über Umwege gelangt sie zurück nach Berlin. Der Roman ist voller antisemitischer und antikommunistischer Motive und ganz auf der Linie des Nationalsozialismus. Das Buch wurde vom rumänischen Verkehrsamt beanstandet. Dieses bat „in Anbetracht einer besseren Beziehung zwischen Rumänien und Deutschland“[4] das Buch aus dem C. Bertelsmann Verlag zurückzuziehen. Im März 1938 lehnte Joseph Goebbels’ Stellvertreter dies jedoch ab.
Im gleichen Jahr landet auch ihr Buch Berlins lesbische Frauen auf der Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums. Soldaten, Tod, Tänzerin sollte ihre letzte Monographie bleiben. Es gab zwar Pläne einen Roman über ein „arisches“ Kind, das bei einem jüdischen Adoptivvater aufwächst und einen weiteren um ihre Erlebnisse im Luftschutzkeller, zu veröffentlichen, doch diese beiden Romane erschienen nie. Ob sie nach der Beschlagnahme ihres Buches Berlins lesbische Frauen unter Berufsverbot stand, ist nicht bekannt.
Im November 1943 wurde ihre Wohnung in Schöneberg bei einem Luftangriff zerstört und Roellig zog auf ihr Landhaus in Schlesien.


Nach 1945


Nach dem Krieg zog Roellig mit ihrer Lebensgefährtin Erika zu ihrer Schwester Käthe. Publizistisch betätigte sie sich nicht mehr. Am 31. Juli 1969 starb sie eines natürlichen Todes.


Rezeption


Heute ist Ruth Margarete Roellig weitestgehend vergessen. Ihr Führer durch die Berliner Lesbenszene galt zur damaligen Zeit als eines der Standardwerke der Lesben- und Schwulenbewegung. Der Band wurde 1981 und 1994 unter dem Titel Lila Nächte: Die Damenklubs der Zwanziger Jahre neu aufgelegt. Ihre späteren Werke wurden schon zur damaligen Zeit kaum gelesen, eine besondere Rezeption ist nicht bekannt.

(Dieser Artikel (Quellenangabe: http://de.wikipedia.org/wiki/Ruth_Margarete_Roellig) basiert auf dem Artikel aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht seit Juli 2009 unter der Creative Commons Attribution/Share-Alike-Lizenz – vormals GNU-Lizenz für freie Dokumentation. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.)




Dienstag, 1. November 2011

Emilie Mataja – Kindheit ein – Paradies

Emilie Mataja (Emil Marriot) (20. November 1855, Wien – 5. Mai 1938, Wien)



Kindheit ein – Paradies


Sie ist schlecht geworden. Und niemand hat sich darüber gewundert. Ja, alle haben es kommen sehen. Kaum sechzehn Jahre alt, zählte sie schon zu den Verlorenen, und das verdankte sie ihrer Kindheit, jenem Paradiese, von welchem wir soviel singen und sagen hören. Je nun Für viele ist's ja ein Paradies, nach welchem sie in späterer Zeit, wenn die Pforten längst geschlossen sind, voll Sehnsucht und Rührung zurückschauen. Vaterliebe und Mutterzärtlichkeit, Kindheit, Unschuld und kindliche Freuden. Wie gern und wie voll Rührung denkt man daran, wenn Vater oder Mutter nicht mehr sind, und die kindlichen Freuden sich in große Sorgen umgewandelt haben. Aber dieses Paradies ist nicht für alle. Und sie, die junge Verlorene, würde die Augen weit aufgerissen haben, wenn jemand ihr hätte einreden wollen, daß die Kindheit das Paradies des Lebens sei. »Daß ich ihn nicht auslache, den elenden Lügner« Das würde ihre Antwort gewesen sein.


Im Findelhaus zu Wien ist sie zur Welt gekommen. Anna hat man sie getauft, weil sie just am Annentage das Licht der schönen Welt erblickte. Von jener Mutterseligkeit beim ersten Schrei des Kindes war bei ihrer Geburt nichts zu spüren. Sie war nicht der allerliebste, kleine, rosige Engel, den man anstaunt wie ein Wunder und dessen Füßchen und Händchen man mit Küssen bedeckt – ihre Mutter stieß bloß einen bangen Seufzer aus, als sie hörte, daß die Kleine lebe und vermutlich am Leben bleiben würde. »Soll man sie Anna taufen?« »Meinetwegen, nennt sie, wie ihr wollt. Mir gilt es gleich.« Für sie war jeder Name gut genug. Da war niemand, der darüber nachgesonnen hätte, welcher Name wohl der schönste wäre, um dem Kinde den allerschönsten Namen zu geben; niemand, der sie geliebkost hätte. Die Mutter, eine arme, blutjunge Dienstmagd, weinte in ihre Kissen und schaute das Kind gar nicht an. Der Vater, ein noch militärpflichtiger Bursche, weilte irgendwo in einer Garnison. Er hat sich niemals um sein Kind bekümmert. Das war das Bequemste für ihn. Anna hat niemals erfahren, wie ihr Vater aussieht, ist auch nicht neugierig gewesen, das zu wissen.


Vom Findelhaus kam sie nach Böhmen, in den Heimatsort ihrer Mutter, in die »Kost.« Die Frau, welche sie übernahm, betrieb das Geschäft im Großen. Die meisten der Kostkinder starben ... was kein Wunder war. Ein Wunder war vielmehr, daß eines der Kinder am Leben blieb. Die Mutter zahlte unregelmäßig; das Kind wurde danach behandelt. Es starb nicht – trotz Hunger und Kälte und Prügel und Vernachlässigung aller Art starb es nicht. Es war nicht »zum Umbringen,« wie man sagt. Mehr als das: es entwickelte sich sogar zu einem hübschen und kräftigen kleinen Geschöpfe. Schon in ihrem dritten Jahre konnte man sie zu mancher Arbeit anhalten. Als sie fünf Jahre zählte, schleppte sie bereits die kleineren Kostkinder in der Stube und im Hofe herum. Willig tat sie's nicht. Was aber vermögen Prügel nicht Sie tat's – doch wehe den ihr anvertrauten Kleinen, wenn sie allein mit ihnen war Sie quälte die wehrlosen Schreihälse nach Herzenslust, mit Raffinement. Wer an sich selbst kein Mitleid erfahren hat, kennt auch nicht, es gegen andere zu üben. Sie wußte ja nicht einmal, daß ein Ding, das Mitleid geheißen, auf Erden existiert.


In ihrem sechsten Jahre kam sie »nachhause,« zu ihrer Mutter. Diese hatte sich jetzt entschlossen, sich zu verheiraten. Das Kostgeld für den »Balg« zu zahlen war der Frau lästig; und so nahm sie denn das Kind zu sich ins Haus. Ein fettes Kalb wurde bei Annas Heimkehr nicht geschlachtet. Der Stiefvater ging um sie herum und schaute sie von vorne und von hinten an: »Bist also da. Schön, schön. Groß und stark ist sie. Wird viel essen, kann aber auch arbeiten. Dumm, daß wir sie in die Schule schicken müssen Zuhause könnte man sie zu allerhand gebrauchen. Nun In ihren freien Stunden kann sie dir helfen.«


Das hat sie auch getan ... Die Mutter, noch immer fesch und lebenslustig, gab sich nicht viel mit ihrem Kleinen ab, als es geboren war. Sie liebte den Tanz und fand es langweilig, daheim an einer Wiege zu hocken. Der Mann war lebenslustig, wie sie. Auch den Karten und dem Branntwein war er nicht gram. Es war eine liederliche Wirtschaft ... Oft prügelten sich die Beiden, warfen sich gegenseitig ihre Fehler vor, und der Mann drohte das Weib zu erschlagen, weil sie ihn hintergehe. »Du bist ja immer so gewesen. Ja, sieh' ihn nur an, deinen Balg Füttern muß ich sie und erhalten; ein anderer würde so ein Kuckucksei auf die Straße werfen.«


Solche Worte hörte Anna jeden Tag. Ihr bloßer Anblick hielt die Eifersucht des Stiefvaters wach; sie war ihm verhaßt. Sie war auch der eigenen Mutter verhaßt. Sie mußte sich des Kindes wegen viel gefallen lassen. Das Kind war ihre verkörperte, nicht zu leugnende Schuld. Täglich mußte sie sich diese Schuld an den Kopf werfen lassen. Und wenn sie dem Mann seine Fehler vorhielt, verwies er sie auf das Kind: »Wer solche Aussteuer mit ins Haus bringt, der soll überhaupt den Mund halten.« – »Geh mir aus dem Weg« schrie die Mutter das Mädchen oft wütend an. »Du bist mein Unglück Hab' ich nach dir verlangt? Andere haben es gut – denen sterben die Kinder. Mir aber ist die Last geblieben. Warum gerade mir?«


Dienstmagd war sie im Hause und Kindermagd. Fast jedes Jahr kam eines. Zum Glück, daß hin und wieder eines starb – sonst hätte sie nicht gewußt, wie fertig werden mit ihnen. Aber vier waren doch übrig geblieben und sie waren klein, und sie mußte, wenn der Schulpflicht genügt war, die ganze kleine Schar überwachen und betreuen. Das Kleinste schleppte sie auf dem Arm herum, das Zweitkleinste zerrte sie an der Hand, den beiden Größeren rief sie gellend zu, acht zu geben, wenn sie ihr entwischten und auf die Straße liefen, während sie einen Wagen herbeirollen sah. Nicht, daß sie um der Kinder Leben, deren Gesundheit, deren gerade Glieder gezittert hätte. Aber sie fürchtete sich vor der Verantwortung, der Strafe. Es waren ungezogene Rangen. Sie hatten herausbekommen, was für eine schiefe Stellung das widerwillig geduldete »Kind« im Hause einnehme, und behandelten die Stiefschwester danach. Klage durfte sie nicht führen. Wer hätte ihr Recht gegeben? Wer sie nur angehört? Sie mußte Gott danken, wenn die Kinder nicht sie bei den Eltern verklagten. Und das geschah oft genug. Mit und ohne Grund. Vor den Eltern hatte immer sie unrecht. Und das wußten die Kinder und nützten es aus.


Rechtlos sein Auf der weiten Welt niemanden haben, der uns Gerechtigkeit widerfahren läßt Einmal hat man ihr in der Schule gesagt, daß die Eltern Gottes Stellvertreter auf Erden seien. Und seitdem hat sie nicht wieder beten können. Beten zu einem, der sich solche Stellvertreter erwählt? Ei, das wäre wohl vergebliche Mühe. Der erhört einen ja doch nicht. Weder Katechet noch Lehrer kannten ihre häuslichen Verhältnisse. Sie konnten ihr darum auch nicht sagen, daß Gott sich solche Stellvertreter, wie es ihre Eltern waren, nimmermehr bestellt hatte. Sie verstanden den fragenden, zweifelnden, erbitterten Blick des Kindes nicht, als sie dem kleinen Mädchen das vierte Gebot erklärten und einzuprägen suchten. Wahrscheinlich bemerkten sie den seltsamen Kindesblick nicht einmal. Es waren zu viele in der Klasse. Wie hätten die Lehrer den Charakter jedes einzelnen Kindes kennen und studieren können Dazu gebrach es ihnen an Zeit.


Vielleicht hatte sie einen hellen Kopf; vielleicht würde sie gut und gern gelernt haben. Daheim ließ man ihr ja nicht Zeit, ihre Schulaufgaben zu machen. Und darum blieb sie immer mehr zurück, gehörte zu den schlechtesten Schülerinnen, wurde stets gescholten und bestraft und verlor nach und nach jede Lust am Lernen. Vielleicht hätte sie gut, opferwillig, rechtschaffen werden können. Wer vermag es zu wissen? Was gut in ihr gewesen sein mochte, war von klein auf in ihr erstickt und ausgerottet worden. Niemand hatte sie lieb, und auch sie hatte niemanden lieb. Sie war verschlossen, heimtückisch, falsch, rachsüchtig, grausam. Selten kam ein wahres Wort über ihre Lippen. Und darum wurde sie geprügelt und wieder geprügelt und – merkwürdig – besserte sich doch nicht. Im Gegenteil, sie wurde von Jahr zu Jahr schlimmer.


Als dreizehnjähriges Kind stand sie vor Gericht. Einer der Stiefbrüder hatte sich, durch eigene Unachtsamkeit, empfindlich beschädigt. Aber sie war dabei gewesen. Sie hätte den Jungen beaufsichtigen und ihn vor Schaden bewahren sollen. Ihr Stiefvater züchtigte sie so unbarmherzig, daß die Sache durch Zeugen vor den Richter kam, und der Mann sich seiner Brutalität halber zu verantworten hatte. Sie freute sich auf die Verhandlung. Es gab also noch eine Gerechtigkeit auf dieser Welt. Man nahm sich ihrer an. O gewiß Man würde den Stiefvater ins Zuchthaus sperren und sie nicht länger daheim lassen. Sie hatte die Waisen immer beneidet, die so nett gekleidet und freundlich behandelt Spazierengehen durften. Vielleicht würde man sie ins Waisenhaus tun. Ach das wäre schön.


Sie wußte noch nicht, wie es mit der Gerechtigkeit auf Erden bestellt ist, und daß sie stufenweise verabreicht wird; daß der Stärkste das meiste, der Schwächste das wenigste Recht genießt; daß zuerst der Mann kommt, der wird am ängstlichsten beschützt. Lange nach dem Manne kommt erst die Frau. Nach einem längeren Zwischenräume kommt endlich das Kind und zum Schlusse hinkt – rechtloser, als eine Sache – das Tier einher. Der Stiefvater erhielt einen Verweis, weil er das häusliche Züchtigungsrecht überschritten hatte. Damit entließ man ihn und das Kind. Sie starrte den Richter an und sagte kein Wort. Nun wußte sie, daß sie von keiner Seite etwas zu hoffen hatte, daß die menschliche Gesellschaft so gut ihr Feind war, wie der Vater, der sie verleugnet hatte, die Mutter, die ihr schlimmer als eine Stiefmutter gewesen war.


Und nun ist sie schlecht geworden. Sie war hübsch – vielleicht zu ihrem Unglück. – Heute ist sie verwelkt und verdorben an Leib und Seele, ohne Heim und ohne Familie. Ihre Mutter hat ihr geflucht, und dazu hat sie gelacht. Aber wenn sie auf der Straße gute Mütter mit sorgfältig gepflegten, treu behüteten, munteren Kindern sieht, dann steht sie wohl still und ihre Lippen verziehen sich, als ob sie weinen wollte und es nicht könnte.


Die Kindheit – ein Paradies. Ei freilich, für viele, Gottlob für viele, Reiche und Arme, ist's ein Paradies. Für manche aber eine Hölle.


aus: Der Nonnengarten, An Anthology of German Women's Writing 1850 - 1907, Edited by Michelle Stott and Josef O. Baker, Waveland Press Inc., Prospect Heights, Illinois, 1997, S. 65ff., neu durchgesehen von ngiyaw eBooks, ohne die amerikanischen Kommentierungen.

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Walter Serner - Inferno Inferno Ein Schreien, das widersetzlich beginnt, wenn es am laute­sten wird, vor Wut sich überschlägt und ...