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Es werden Posts vom Dezember, 2011 angezeigt.

Johanna Kinkel – Ein Reiseabenteuer

Ein Reiseabenteuer

Es war im Spätherbst, als ich auf der neuen Eisenbahnstraße von meiner Heimat nach W… reiste. Bei einbrechender Nacht erreichten wir die Zwischenstation A……, wo schon viele Personen des Wagenzugs harrten. In unser Coupé stiegen ein alter Mann und ein kleines Mädchen ein, die von einer zahlreichen Gesellschaft beiderlei Geschlechts bis an den Wagenschlag begleitet wurden. Einige hatten Wein bei sich, dessen sie den Abreisenden zum Scheide- und Labetrank noch einen hohen Becher voll in den Wagen reichten. Daß es nicht der erste war, der an dem Abend genossen wurde, zeigte die überaus lebhafte Stimmung der ganzen Menschengruppe. Die Abfahrt verzögerte sich, und so blieben die Begleitenden noch auf dem Bahnhof stehen. Einer nach dem andern stieg wiederholt auf den Wagentritt, schüttelte dem alten Manne die Hand, oder küßte das Kind, welches bitterlich weinte. Die Frauen empfahlen dem Manne die möglichste Sorgfalt auf der langen Fahrt, die Männer redeten dem kleinen Mädch…

Grete Meisel-Heß – Sünde

Sünde

Es war einmal hunderttausend Jahre nach heute. Die Menschen hatten es herrlich weit gebracht; und in einer großen, prächtigen Stadt, am Fuße eines dunklen Berges, war der Mittelpunkt ihrer Kultur. Den Blütenseim aller Zeitalter hatten sie für sich gesammelt und sich von Irrtümern zu emanzipieren, von Leidenschaften zu reinigen und von Glaubenstorheiten zu erlösen gewußt. In heller heidnischer Daseinsfreude blühten die Künste, die Wissenschaft war in die Geheimnisse des Kosmos gedrungen, keine Abgründe und Rätsel gab es mehr für sie, denn Forschung und Erfahrung hatten die Sphinx zu Boden gerungen. Die Gesetze des Geschehens waren ergründet, die Kräfte des Weltraumes erkannt und gewertet und täglich mühten sich die Weisen, noch tiefer in die Gründe der Dinge einzudringen und schonungslos alle Nebel zu bannen, die zwischen Ursache und Wirkung liegen.


Da geschah es, daß über diese herrliche Stadt, über diese ganze Menschheit von damals das Entsetzen kam: eine wilde Furie mit flattern…

Der Studiosae Lebensregeln

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DER STUDIOSAE LEBENSREGELN. Mel.: Als ich noch im Flügelkleide.
Mägdlein, willst du nun studieren, Laß Dich etwas instruieren, Denn die Sach’ ist wirklich nicht so leicht. Wie’s dem Unverstand oft däucht. Präg’ Dir ein vor allen Dingen. Was dem Mägdlein Lob kann bringen, Wie es sich in seiner Eigenart Fein und lieblich stets bewahrt.
Lachen sollst Du, Du sollst scherzen
Alle Tag’ und recht von Herzen,
Sing’ Dir oft ein fröhlich Lied,
Das erheitert das Gemüt.
Doch verbummeln die Semesterzeit,
Wie’s die wilden Knaben freut,
Darin liegt kein Witz und wenig Sinn,
Zum Kolleg geh’ ich lieber hin.
Trinken darfst Du, Du darfst trinken,
Wenn Dir duft’ge Bowlen winken,
Und ein Glas voll edlem Gerstensaft
Auch noch keinen Kater schafft.
Aber laßt uns nicht beschreiben
Wie’s die wilden Knaben treiben,
Nehmt das Glas zur Hand und klinget leis,
Nach der deutschen Mädchen Weis’.
Rauchen darfst Du, Du darfst rauchen,
Wenn’s Dir Freude macht zu schmauchen,
Ab und zu ’ne kleine Zigarett’
Ist für Mädchen auch ganz …

Gottlieb Leon - Ister und Auripe

Ister und Auripe.
An dem blumigen Gestade der schnellrauschenden Donau, auf deren nassem Rücken dämmernde Hayne und elysische Auen schwim­men, begegneten sich an einem schönen Frühlingsabend Hylas und Mykon. Freundlich reichten sie einander die Hand, und grüßten sich.
Mykon, hub Hylas an, weil der Abend so schön ist, und wir eben zusammentreffen, so laß uns zu dem heiligen Felsen gehen, der dort sein kahles Haupt gen die Wolken emporhebt. Sieh, er wirft einen unermessenen Riesenschatten in’s fliessende Waizenfeld hinaus, und auf seiner Anhöhe kann man weit umher die Gegend im abendröthlichen Glanze übersehen.
Komm! laß uns unter das Hollundergesträuch uns setzen, das dort schattig über seinen Rücken herabhängt, und das die kühlen Zephyre lieblich durchsäuseln. Dort magst du mir das Lied von dem Gotte dieses Flusses singen, und ich will dir dafür diesen Stab hier schenken, den ich heute bey frühem Morgenstrahl am Wasser aus einer schlanken Haselnußstaude schnitt, und mit jungen Veilchen u…