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Grete Meisel-Heß – Sünde

Sünde


Es war einmal hunderttausend Jahre nach heute. Die Menschen hatten es herrlich weit gebracht; und in einer großen, prächtigen Stadt, am Fuße eines dunklen Berges, war der Mittelpunkt ihrer Kultur. Den Blütenseim aller Zeitalter hatten sie für sich gesammelt und sich von Irrtümern zu emanzipieren, von Leidenschaften zu reinigen und von Glaubenstorheiten zu erlösen gewußt. In heller heidnischer Daseinsfreude blühten die Künste, die Wissenschaft war in die Geheimnisse des Kosmos gedrungen, keine Abgründe und Rätsel gab es mehr für sie, denn Forschung und Erfahrung hatten die Sphinx zu Boden gerungen. Die Gesetze des Geschehens waren ergründet, die Kräfte des Weltraumes erkannt und gewertet und täglich mühten sich die Weisen, noch tiefer in die Gründe der Dinge einzudringen und schonungslos alle Nebel zu bannen, die zwischen Ursache und Wirkung liegen.


Da geschah es, daß über diese herrliche Stadt, über diese ganze Menschheit von damals das Entsetzen kam: eine wilde Furie mit flatternden Haaren, mit gierigen, brennenden Krallen, die sich einwühlten in zuckende Menschenleiber. Von Osten kam sie, von der hohen Sternwarte, die vor der Stadt lag. Dort war der Sitz der Weisen, die den Gang der Himmelskörper zu beobachten und zu erforschen hatten. Schon lange durchlief ein Gerücht die Stadt, das niemand glauben mochte. Für schrecklichen Trug hielt man die Beobachtungen der Astronomen und sandte neue Gelehrte hinaus, die Konstellationen prüfen und den Irrtum in der furchtbaren Berechnung herausfinden sollten.


Aber wie ein Orkan kam es von Osten herangebraust über die Stadt der Menschen, das wilde Entsetzen, die rüttelnde Furie, die alle Dämme ihrer Kultur durchbrach. Wahrheit war, was die Astronomen geschaut hatten. In rasender Eile näherte sich der Erde ein fremder Himmelskörper; und der Zusammenstoß brachte das Ende des Lebens, das Ende aller Hoffnungen und Leiden, aller Keime und aller Zukunft. In Todesfurcht und Grausen wand sich eine Welt, und Verzweiflung durchrüttelte die Menschheit, die lange gezweifelt hatte und nun ihr Ende schaute, weil sie wissend war.


Und sie verfluchte dieses Wissen, raste gegen die harten Gesetze der Notwendigkeit und schrie nach Erbarmen, weil es andere Hilfe nicht mehr gab. In den Staub sank röchelnd der Trotz von Jahrtausenden, und der Übermut der Geschaffenen zerschmolz in der Lava des Entsetzens. Was Millionen Einzelner ertragen hatten, ohne zu Renegaten zu werden, ertrug die Gesamtheit nicht, da sie vertilgt werden sollte mit all ihren Samen, all ihren Keimen, nicht fortdauernd durch Gezeugtes, zermalmt mit der dunklen Mutter, die so lange ihre Heimat gewesen. Die Dämme der Schönheit waren fortgerissen von einer Verzweiflung, die aus grauen, urwilden Zeiten zu kommen schien, und Heulen und Zähneklappern war emporgestiegen aus düsteren, vergrabenen Schlünden. Die Blicke aber, die in die Gründe der Dinge eingedrungen waren, wandten sich jetzt nach oben. Tote, längst vergessene Götter wurden angerufen und Leiber und Seelen zerfleischt in bacchantischer Buße. Und gebrochen lagen sie da in den Gassen der Stadt der Städte, am Fuße des finsteren Berges und riefen die Gottheit, die sie nicht kannten, nannten sie suchend bei all ihren Namen, auf daß sie sich offenbaren möge in Gnade und Herrlichkeit …


»Jahwe, bist du es? O so offenbare dich, tausendjähriger, den wir verkannten! Oder bist du es, Christ, Gottessohn! So vergib den Zweifel den Staubgebornen, die in frechem Übermut dich ihresgleichen wähnten. Bist aber du es, Donnerer, furchtbarer Gott, so zerschmettere mit heiligen Blitzen die Frevler und laß leben, was voll ist des Lebens!«


Und sie rangen die Hände zum Himmel empor.


Aber nicht vom Himmel kam ihnen Antwort: sie kam aus der Tiefe, aus dem schwarzen Schoß, der der Vernichtung entgegenkreiste, mit schrecklichem Getöse barst der Boden am Fuße des dunklen Berges und eine gelbe Flamme schlug lodernd auf. Entsetzen lähmte die zitternden Menschen und sie meinten, schon sei das Ende gekommen. Aber aus der Flamme drang eine schreckliche Stimme, weithin hallend durch die Stadt der Städte, lachte Hohn und sprach: »Jetzt sucht ihr die alten Götter! Sie werden euch helfen und noch einmal erlösen. Aber nur, wenn es euch gelingt, ein Sühnopfer zu finden, das den Urgrund eurer Verbrechen in sich trägt. Findet ihr solch ein Wesen, so seid ihr gerettet und über dies Opfer allein kommt dann die ewige Vernichtung. Und nun rüstet euch, hinauf zu pilgern auf den dunklen Berg der Verzweiflung, den ihr noch niemals erklommet. Übersteigt die schrecklichen Schlünde, überwindet die gräßlichen Tiefen, zerreißt eure Hände an dem spitzen Gestein und suchet, suchet! Oben auf dem Berge der Verzweiflung ist der Hain des Lebens. Dort wird sich die Gottheit euch offenbaren und ihr mögt ihr künden, ob ihr das Sühnopfer fandet. Und dürft ihr dort oben bleiben, so seid ihr gerettet. Wehe euch aber, wenn ihr wieder herabgetrieben werdet in die Stadt der Städte! Hinauf also! Und diesen Rat gab euch Satan!« Noch ein furchtbar gellendes Lachen schlug aus der Flamme empor; dann verschlang der Boden das Feuer und alles ward still.


Die Menschheit aber hob die büßende Stirn voll Grauen und voll schrecklichen Mutes. In langem, endlosem Zuge schlossen sich eng aneinander Männer, Weiber und Kinder; und langsam klomm es empor. Der dunkle Berg der Verzweiflung ward betreten, auf daß es sich offenbaren möge unter Schrecken und Nöten, wo der Urgrund der Sünde sei.


Und siehe: nicht die Jüngsten und Stärksten erreichten zuerst über Grauen und Todesfurcht den Hain des Lebens, über den ganzen Berg hinunter dehnte sich noch der lange Zug, in den Schlünden lagen schon zerschmettert Unzählige, als die sieben greisesten Männer der Stadt als die ersten anlangten. Sinnend und beratend waren sie dem Zuge vorangeschritten und, den Blick nach innen gekehrt, festen Schrittes über das Entsetzen emporgestiegen. In wilden, finsteren, ringenden Massen schob sich der endlose Zug ihnen nach, den die sieben Weisen zu erlösen hofften, weil sie das Sühnopfer gefunden hatten.


Und als sie den Hain des Lebens betraten, strömte ihnen eine Luft entgegen, die sie niemals geatmet, voll fremder, köstlicher Düfte. Niegesehene Pflanzen glühten in tausend Farben und goldene Früchte hingen schwer und üppig neben den Blüten. Durch die Luft schienen Wesen zu schweben, die sie nicht ersehen konnten; aber sie hörten den Schlag ihrer Flügel, der rhythmisch an ihr Ohr klang, wie süße, ferne Melodie. Aus dem Kelch einer Blüte schoß manchmal blitzschnell etwas Graues, Zartes in die Höhe, – form- und wesenlos wie eine Seele …


Die Menschen aber sanken in die Knie, in brünstigem stillen Gebet, und ihre Seelen beschworen die Gottheit.


Licht kam es herangeschwebt aus dem bläulichen Walde, der in den Lüften zu wurzeln schien. Und eine eherne Stimme schlug an das Ohr der Menschen: »Erdgeborene, nicht würdet Ihr den Anblick der Gottheit ertragen. Darum wird sie zu Euch treten in Eurer Gestalt.« Und der Lichtkreis wurde dichter und dunkler und vor den Greisen stand ein Jüngling. Ein Schäfer schien er seiner Gewandung nach; ein helles Band war um seine Schläfe gewunden und die frohen Augen strahlten wie Sonnen. »Wer bist du?« fragte der Älteste; und sie wichen scheu vor dem Jüngling zurück, der im Lichtglanz stand.


»Ich bin, was ich euch nicht scheine. Ich bin der Schrecken, der euch zermalmen würde in wahrer Gestalt, die Zeugungskraft des Lebens, der Geist der Erhaltung. Ich bin der Ursprüngliche, der immer war und immer sein wird.«


Da sanken sie nieder vor der Urgewalt, die erschienen war in lichter, lieblicher Form. Die Gottheit aber stand da im Glanz, und ihr Sonnenblick hob die Menschen vom Boden empor.


»Was trieb Euch, die Gottheit zu suchen?«


»Herr, wir kommen, dir ein Sühnopfer zu bieten, das du zermalmen mögest statt unser, weil es den Urgrund der Sünde in sich trägt.«


Und wieder ertönte die Stimme:


»Wen fandet Ihr?«


Da trat Zelatusius vor, der älteste der Greise, den sie zum Sprecher erwählt hatten. In seinen Augen glomm ein düsteres Feuer und anklagend hob er den knöchernen Arm: »Herr,« begann er, »wir waren ein schlechtes und sündiges Volk. Wir hatten den Glauben preisgegeben und freches Wissen erworben für die verlorene Demut. Du aber straftest uns mit unserem eigenen Wissen, das uns sehend machte für die Schrecken des Endes. Und so kehren wir heulend und zähneklappernd über den Berg der Verzweiflung hierher zurück, von wo wir einst vertrieben wurden mit flammenden Schwert.«


Er starrte in die bläulichen Stämme des Hains und es war wie ein Wiedererkennen, wie eine dämmernde Ahnung des Uranfanges. Dann wandte er das Antlitz nach der anderen Seite, von der sie gekommen waren, und blickte in das grausige Geklüft des schwarzen Berges, über den es sich langsam aus der Tiefe heraufwälzte wie ein dunkles Meer …


»Wer aber, o Herr,« fuhr Zelatusius fort, »trägt die Schuld daran, daß wir diesen göttlichen Hain verloren, daß wir freche Frevler wurden, die eindrangen in die heiligsten Geheimnisse des Lebens und daß wir heute büßend hierherpilgern über Nacht und Todesgrauen? Wer war das Wesen, das uns den blinden Glauben genommen, das uns zum Forschen geführt, das den Arm ausstreckte nach der schrecklichen Frucht der Erkenntnis? Das Weib war es, Herr, Eva, die sich nicht genügen ließ an dem üppigen, ruhevollen Leben im göttlichen Hain, die aufrührerisch weiter und weiter drang, bis sie zu dem Baum kam, von dem sie, die verfluchte Sünderin, mit lächelndem Munde den Apfel brach. Sie hat uns zum Zweifel geführt, sie ist die Mutter unseres Falles, der Urgrund unserer Verderbnis. Und über sie, o Herr, ergieße drum alle Schrecken der Vernichtung und erhalte uns, die reuig zurückkehren zu dir, um deinen Hain in Demut und blindem Gehorchen, nicht grübelnd und forschend, rein und sündelos zu bewohnen.«


Er schwieg. Und der Jüngling mit der lichten Stirn und den frohen Sonnenaugen wandte sich langsam zu den bläulichen, verschwimmenden Stämmen des Waldes: »Seele Evas, löse dich aus der Umschlingung des Alls und werde noch einmal die Form, die du gewesen!«


Und in den bläulichen Stämmen begann es langsam zu glühen. Lange feurige Streifen wanden sich ineinander wie Schlangen und fluteten zusammen in eine einzige Woge, die rot und heiß, wie flüssiges Kupfer, heranwallte durch den Hain. Und als sie nah war seinem Rande, da tauchte Evas weißes Gesicht und ihr schneeiger Leib aus der roten Lohe ihres Haares. Und am Rande des Haines blieb sie stehen; ringelnd und wallend und flutend floß das Haar über den Sünde begehrenden, Sünde gewahrenden Leib, ihn bergend vor den starren, fiebernden Blicken der Menschenweisen, denen urplötzlich alle Teufel der Verdammnis in einer einzigen Form entgegensprühten.


Und der Jüngling wandte sich ihr zu: »Jene klagen dich an, die Urheberin des Verderbens zu sein und der Urgrund ihrer Vernichtung.«


Da erklang die Stimme Evas sanft und lieblich, wie Flötenton: »Lichter Geist, ich habe gesündigt; aber siehe: ich bin ohne Reue. Schimmernd strahlte die Frucht vom Baume und ihr güldener Glanz trieb mich ruhelos umher. Bleiern lag auf uns die Schwüle des üppigen Tags. Aber rund und lockend, voll süßer Verheißung hing über uns die Sünde, Adam aber schlief im Schatten des Baumes. Ich stand vor der Frucht und blickte zu ihm hinüber und sah dann wieder zu dem goldenen Geheimnis empor. Und während die Schlange die süße Verlockung in mein Ohr raunte, durchdrang mein frevelnder Blick die goldene Schale, – und ich sah darin den Sturm, nach dem wir hier schmachteten, und das Meer in wilder Empörung und die graue Not und den rieselnden Schweiß und das goldene Brot der Erde; und weiter sah ich das Licht der Tiefe und das blaue Geheimnis des Lebens und – zuletzt – die purpurne Lust: den Strom des Lebens sah ich entfesselt, und aus den Wonnen des wilden Kampfes sah ich Erkenntnis glorreich erstehen, in heißer Begierde erbebte da mein Arm, ich streckte ihn aus und brach – mit lächelndem Munde – die Frucht.«


»Herr, du hörst es!« rief Zelatusius. »Durch sie sind wir gefallen, durch sie in das Leben gestürzt!« Und sie fielen nieder und zerrissen ihr Gewand und hoben wild und drohend die Arme gegen die Sünde, die im Hain des Lebens stand.


Doch urplötzlich war der Jüngling verschwunden und Nebel entstiegen dem Boden, auf dem er gestanden; sie ballten sich fester und dichter, bis es eine riesige, düstere Wolke ward, aus der eine gewaltige Stimme furchtbar ertönte: »Wohl hat sie Euch das Paradies genommen und Euch ins Leben gestürzt. Aber nicht will ich sie vernichten dafür. Damit das Urgezeugte sich weiterpflanze und die Gattung den Erdkreis umspanne in all seinen Höhen und Tiefen – bis dieser Erdball selbst verschwindet und Raum gibt für neue Gestaltung -, sandte der Geist der Erhaltung in den Hain der Schöpfung die Sünde, Ihr aber, Ihr Menschen, Gebrochenen, Büßenden und Widerrufenden, keine Urkraft ist mehr in Euch, die erhalten zu werden verdient. Welket, wie auf dem Felde die Frucht. Eva allein bleibe; zu neuer Befruchtung, wenn neue Formen des Lebens harren. Und wenn Eure Welt zerbirst und aus Dämpfen und Basen neue Welten sich formen, so vergehe rest- und samenlos alles Gewesene und nur Eva bleibe erhalten, auf daß sie immer wieder glorreiche Sünde begehe!«


Näher und näher kam die dunkle Wolke. In wildem Entsetzen wandten sich die Greise und flohen den Berg der Verzweiflung hinab. Das dunkel heraufdrängende Meer ergriff sie, brandete hoch auf und brauste mit der Beute in die Tiefe zurück.


Hoch oben aber, im Hain des Lebens, stand wieder der Jüngling vor dem Weibe. Hell und zart umflatterten sie die Seelen und ihr schwirrender Flügelschlag durchtönte die Luft in sehnsüchtiger Ahnung. Von der Erde strömten graue Dämpfe empor, die wie tanzende Mädchenleiber durcheinander wallten.


»Hörst du, o Eva, den Triumphgesang der Töchter des Chaos? Sie freuen sich, daß nun bald des All ihnen wieder gehöre. Doch anders will es der Geist der Erhaltung. Neuer Anfang entsteige dem Untergang und neues Leben gebäre die Sünde, noch einmal, Eva, empfange, in liebreicher Inbrunst, ein neues Geschlecht.«


Da sank das Weib in die Knie und hob flehend die Arme: »Herr, wer soll mein Genosse sein?«


Langsam hob sich die gebietende Hand und wies in die dämmernden Stämme des Haines: »Wähle, o Eva, unter allen Seelen, die jemals gewesen. Stoff und Form werde der erwählte Geist und bleibe mit dir erhalten, nicht mehr in des Einzigen Arme wirst du wahllos getrieben; den Gatten erwähle dir selbst.«


Da trat sie hervor mit fliegendem Fuß. Buhlerisch hob der Wind das brennende Haar, daß es zurückwallte von dem leuchtenden Leib und flatternd mittanzte im Spiel der balsamischen Lüfte. »Sei gepriesen, o lichte Gottheit des Lebens! Wieder höre ich ihn rauschen, den heiligen Strom in diesem pulsenden Leib und wieder fühle ich im Herzen lodern die süße Begierde. Und doch ist Eva voll banger Zweifel, denn der Sünde flammende Seele erglüht in Sehnsucht nach einer Vermählung, die nicht der Niedergang sei ihrer selbst, ein Geschlecht möchte ich gebären, das mir gleich sei an glorreicher Sündigkeit, das niemals winselnd im Staube liege, wie die Gattung, die ich von Adam empfing. Stolz und kühn erhebe es sich über den Staub und wie die Mutter mit lächelndem Mund den Arm erhob nach der goldenen Frucht, so greife es kühner noch mit frohlockendem Blick bis zu den goldenen Sternen empor! Und darum flehe ich zu dir, o Geist des Lebens: Laß mich untergehen mit jenen, wenn ich den Gatten nicht finde! Dem Chaos überlasse dann in ureigner Gärung neue Gestaltung. Die Sünde aber vergehe, – oder sie sei Mutter der glorreichsten Welt!«


Und der Jüngling sprach: »Es sei, wie du begehrst.«


Düfte entstiegen dem Boden, berauschend und schwer. Sie umwallten den schönen Leib und zogen ihn langsam herab auf den blühenden Grund, wo schlummermüde die Augen sich schlossen und Eva, das Weib. zu neuer Erweckung entschlief …


Da sie die Augen aufschlug, siehe, da stand ein Landmann vor ihr und sprach: »Gib mir die Hand, Eva, und laß uns den Samen neuer Menschheit streuen. Kraft und Arbeit, Ringen und Mühsal: das ist das Leben. Laß uns dem Geist der Erhaltung dienen! Und während ich treu und rastlos der Welt ihre Kräfte entringe, mögest du über mir in Schönheit der Mutter erstrahlen.«


Sie aber sah ihm tief in die Augen und ein Schauer durchlief den warmen Leib. »Dich erkenne ich, o Erdensohn! Dich ersah das Auge des ersten Weibes, Blut und Schweiß zeichnen deine Spur und vom Staube kommt und zu Staub wird der Same, den du verstreust, nicht deiner harrt Eva im Hain des Lebens.«


Und während der Landmann ihren Blicken entschwand, kam aus den bläulichen Stämmen des Haines ein Recke daher, stark und schön wie ein Riesensohn. Des Löwen gelbes Fell hing um den gewaltigen Leib und die mächtige Hand schwang spielend in den Lüften die Keule. »Mit der Kraft allein,« sprach er, »vermähle sich Eva!« Und schon streckte er den Arm aus, um die Schimmernde an sich zu ziehen. Sie aber wich zurück und ihre abwehrenden Hände bannten den Schrecklichen. »Herrlich anzusehen bist du, Heros, in furchtbarer Schöne! Aber zermalmen würde sich dein Geschlecht und zerfleischen, und Leibes Not und blutiger Tod wäre sein ewiges Erbe. So weiche von mir und lasse die Sünde im Hain des Lebens!«


Da zerfloß die Heroengestalt zwischen den Stämmen des Haines, als wäre sie niemals gewesen. Aus dem Dunkel aber trat ein Mann in langem Büßergewand. Sinnend maß sein ernstes Auge das Weib, das vor ihm stand. Und er sprach: »War einst ein Königssohn. Der stieß Prunk und Lüste von sich, ward ein Bettler und wandte sich ab vom Leben; nun aber kehrt er noch einmal zurück, um es zeugend zu überwinden.«


Da erbebte Eva in ehrfurchtvollem Erkennen. »Groß ist deine Weisheit, Erhabener. Aber was du zeugtest, würde nicht leben, – in schwankendem Dämmern würden ihm goldene Tage verrieseln. Und doch wäre das von dir Gezeugte voll heißer, gefesselter Sehnsucht, - weil es die Sünde geboren. Überwunden wohl wäre das wollende Leben, Herrscher aber der lüsterne Traum. Vermindert wäre die Freude, gemehret der Schmerz. So wende dich ab von mir, Geist der großen Ruhe, und kehre heim, – ins Nichts!«


Da wandte sich die Lust und Leid verneinende Seele der ewigen Heimat zu, und der Schemen entschwand den Blicken des Weibes.


Aber aus dem Hain des Lebens erstrahlte ein bläuliches Licht. Still und heilig erglomm es und wuchs und wuchs: und in dem milden, leuchtenden Glanz stand der herrlichste Menschensohn. Selig leuchtete sein Antlitz der Sünde entgegen, und unter Dornen erstrahlten die Augen der Liebe. Und es klang wie Orgelton durch den Hain: »Um des heiligen Werdens willen steige ich hernieder vom gebenedeiten Kreuz meiner Leiden …«


Die Sünde aber sank in den Staub vor der Lichtgestalt. In Anbetung berührte der lustvolle Leib den Boden, des Auges schillernder Blitz ward gebändigt in Demut und die aufrührerische Lohe des Haares sank nieder aus zügelnder Höhe, in frommen Wellen sich schmiegend zu den durchbohrten Füßen des Menschensohnes … Und in Verzückung hob sie das süße Antlitz zu ihm empor: »Du Gnadenreicher neigst dich zu Eva? Die Liebe umfängt die Sünde? … Doch du bist stärker als ich. Entsühnen würde sich die Sünde in deiner himmlischen Nähe, und Eva würde vergehen, – in dir. Aber der Geist der Erhaltung will, daß die Sünde bleibe, wenn neues Leben sich formt. Und so löse du dich wieder in lichten Frieden, o himmlischer Geist; mir aber öffne das Chaos die Arme!


Die Lichtgestalt verschwand, Eva aber erhob sich vom Boden und stürzte an den Rand des Abgrundes hin. In heulendem Triumphgesang fuhren aus der Tiefe die Töchter des Chaos, umbrausten höhnisch den leuchtenden Leib, durchwühlten grimmig das flammende Haar. Ein dumpfes Getöse drang von der Erde empor und giftige Gase entquollen ihrem berstenden Schoß. Mußte Eva herab in den schrecklichen Schlund?


Kettengerassel ertönte im Hain des Lebens. Eva wandte das Antlitz und sah von fern einen Mann heranstürmen in schrecklicher Pracht. Immer näher kam er. Zerrissene Ketten schlugen den Boden und ein Pantherfell hing in Fetzen um den stählernen Leib. Als er aber ganz nah war, durchbebte ahnungsvolle Wonne das Weib; denn aus den Augen des Stürmenden strahlte der Geist, seinen Leib durchpulste die Kraft, Liebe lächelte sein Mund und sündiges Wissen leuchtete aus seinem Antlitze. Über seinem Haupt aber schien es zu funkeln und zu sprühen in gelbem, zuckendem Licht: und so wie sie dastand, umwallt von der roten Lohe der Sünde, so stand er da, umleuchtet von den Blitzen des Frevels.


»Wer bist du, Starker?« fragte Eva und schritt ihm entgegen in bebender Lust.


»Der für die Geschaffenen die Flamme des Lebens stahl, wie du für sie den Apfel der Sünde brachest. An den Felsen schmiedete mich dafür ein ängstlicher Gott, mit Ketten, die ich Jahrtausende lang knirschend ertrug. Um meinen Felsen tobten des Okeanos wütende Töchter, brauste des Windes rasende Braut. Und das Leben rollte vorbei in wildem Getöse, bis der Tag der Vernichtung kam. Da sah ich die Sünde im Hain des Lebens harren. Und wieder ballte sich die gefesselte Hand in titanischem Trotz, Riesenkräfte gab mir noch einmal die göttliche Gier: ich sprengte die Ketten und stürmte hierher, – die geliebte Flamme zu retten, mein ist nun Eva, die lichte Sünde, und von mir empfange sie das Geschlecht der werdenden Welt, stark und frevelnd wie ich, sündig leuchtend wie du!«


Das Weib aber rief, im Rausche höchster Lust:


»Dir allein vermählt sich das sündige Wollen; denn du bist die Tat.«


Heulend warfen sich die Töchter des Chaos zwischen die Beiden und von der Erde stieg der Orkan tosend empor. Doch der Mann drang durch Kampf und Sturm und schwang hoch in den Lüften die brennende Fackel, die er aus göttlicher Halle einst stahl. Und lodernd faßte die Flamme die Töchter des Chaos, Gase und Dämpfe entzündend: und gelbe, tötende Lohe wallte zur Erde herab.


Über der vergehenden Welt aber umschlang der Mann das Weib, Phosphorosfrevel die fruchtbare Sünde.


aus: Eine sonderbare Hochzeitsreise, Neue Novellen, Szelinski & Comp., Moderner Verlag, Wien, o. J.

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