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Johanna Kinkel – Ein Reiseabenteuer

Ein Reiseabenteuer


Es war im Spätherbst, als ich auf der neuen Eisenbahnstraße von meiner Heimat nach W… reiste. Bei einbrechender Nacht erreichten wir die Zwischenstation A……, wo schon viele Personen des Wagenzugs harrten. In unser Coupé stiegen ein alter Mann und ein kleines Mädchen ein, die von einer zahlreichen Gesellschaft beiderlei Geschlechts bis an den Wagenschlag begleitet wurden. Einige hatten Wein bei sich, dessen sie den Abreisenden zum Scheide- und Labetrank noch einen hohen Becher voll in den Wagen reichten. Daß es nicht der erste war, der an dem Abend genossen wurde, zeigte die überaus lebhafte Stimmung der ganzen Menschengruppe. Die Abfahrt verzögerte sich, und so blieben die Begleitenden noch auf dem Bahnhof stehen. Einer nach dem andern stieg wiederholt auf den Wagentritt, schüttelte dem alten Manne die Hand, oder küßte das Kind, welches bitterlich weinte. Die Frauen empfahlen dem Manne die möglichste Sorgfalt auf der langen Fahrt, die Männer redeten dem kleinen Mädchen Fassung zu; ein Knabe rief mehrmal: »Weine nicht, meine liebe, liebe Minny, wir sehen uns gewiß wieder, wenn Du groß bist.« Von den draußen im Dunkel Stehenden konnte ich nur halb die Umrisse erkennen, doch schloß ich, daß es eine Schauspielergesellschaft sei. Es ist ein unverkennbarer Ton der Stimme, der diesem Stande eigen ist. Die Nothwendigkeit, in einem weiten Raum sich dem Entferntesten verständlich zu machen, selbst im leisesten Flüstern, gewöhnt den Schauspieler an ein sehr scharfes Artikuliren. Dazu kam noch in diesem besondern Fall der Stereotypausdruck, der der rührenden Abschiedsscene eigen ist. Nicht aus bewußter Affektation, sondern gewiß ganz unwillkürlich fielen die Scheidenden in den gewohnten thränenweichen Ton, der den gleichgültigen Zuhörer nur an die Lampenreihe vor den Coulissen erinnerte.


Der Zug ging vorwärts, das Schluchzen des kleinen Mädchens löste sich in Schlaftrunkenheit auf. Der alte Manns: »Schlafe nur ruhig ein, Minny, ich wecke Dich, wenn der Vater kömmt.«


Eine gute Seele mußte es sein, dieser Alte. Freiwillig hielt er lange Zeit die unbequemste Stellung aus, um seinen Schützling nicht zu stören, der mit dem Köpfchen auf seine Kniee gesunken war.


Ich fragte ihn: »Reisen Sie weit?«


»Bis P……,« erwiederte er.


»Da haben Sie noch manche Tag- und Nachtreise, und wenn Sie keinen Rasttag unterwegs halten, werden Sie noch viel Noth mit dem Kinde haben. Glauben Sie denn, daß es die Fahrt in einem Zuge aushält?«


»Es wird es wohl müssen. Seine Mutter ist gestorben, und die Gesellschaft, die uns begleitete, hat das Kind so lange unterhalten, bis sich eine Gelegenheit fand, es zu einer Verwandten zu schicken, die in P…… lebt. Ich mußte eine Geschäftsreife in die Gegend machen, und da haben sie es mir anvertraut.«


Der alte Mann erkundigte sich bei dem Kondukteur, wie weit wir noch von der Station C…… entfernt wären, und setzte hinzu, dort werde der Vater des Kindes an den Wagen kommen, um Abschied von ihm zu nehmen. Ich hörte, daß er den Schauspieldirektor aus O…… nannte, eine Stadt, die viele Meilen seitwärts von der Bahn liegt, worauf der Kondukteur erwähnte, dann hätte es der Herr ja bequemer, bis zur Station E…… zu fahren, wo der Zug noch vor Mitternacht vorbeikäme. Die Abrede wurde getroffen so gut es ging, um den Augenblick nicht zu verfehlen, und der Eisenbahnbeamte versprach, sich unsern Wagen wohl zu merken.


Der Alte lehnte sich zurück in die Wagenecke und schien zu schlummern; mich aber floh der Schlaf sowohl als alle Gedanken an den Zweck meiner eigenen Reise. Nichts beschäftigte mich jetzt so sehr, als die Sorge: der fremde Mann möchte den Wagen verfehlen, in dem sein Kind ihm noch einmal begegnete, ehe es ihm vielleicht auf ewig entrissen würde. Doch meine Wachsamkeit war überflüssig; denn so oft die Lokomotive pfiff, richtete der Alte sich auf, blickte auf die Uhr oder fragte die Passagiere: »Wo sind wir?«


Kurz vor E…… weckte er Minny und sagte:


»Vielleicht kömmt hier schon der Vater an den Wagen, halte dich wach, mein Kind.« Minny rieb sich die Aeuglein, taumelte schlaftrunken noch einmal zurück, dann aber richtete sie sich auf und blickte aufmerksam durch die Scheiben nach den Fackeln des Bahnhofs.


»Dort steht ein großer Herr in einem Mantel an der rechten Thüre,« rief der Alte, »der könnte es sein.«


»Nein,« sagte Minny, »der ist es nicht!«


»Hast du denn den Vater schon gesehen?« fragte jener verwundert.


»Oh ja, einmal, als ich noch ganz, ganz klein war.«


Um sicher zu sein, rief der Alte laut den Namen des Schauspieldirektors in die Nacht hinaus. -- Keine Antwort. -- »Sei ruhig, Minny,« fuhr er fort, »der Vater kömmt also wohl auf der nächsten Station erst. Er kommt ganz gewiß. Bleibe jetzt nur wach, denn in zehn Minuten sind wir dort.«


Die Kleine setzte sich aufrecht und schaute recht zuversichtlich um sich her. Die zehn Minuten konnten noch nicht verstrichen sein, da pfiff es wieder. Die Augen des Kindes leuchteten; der Alte bog sich weit aus dem Wagenfenster und rief wiederholt den Namen. Es stiegen viele Menschen aus und ein; Gedränge, Stimmengewirr überall, der Alte rief nach dem Kondukteur, der war überbeschäftigt, seine Menschenwaare unterzubringen, und stand nicht Rede.


Mir pochte das Herz bei der Frage: »Wird der Mann kommen oder ausbleiben?«


Die Wagenthüren wurden zugeschlagen, und der Zug brauste weiter. Minny fing laut an zu weinen, der Alte seufzte schwer, und versuchte sie zum Schlafen zu bringen, indem er ihr Köpfchen an seine Brust legte und ihr leise Trostesworte zuflüsterte. Kaum war es ihm gelungen, so hielt der Zug wieder. Laut rief draußen die Stimme des Kondukteurs: »Station C……! Der Zug hält vier Minuten!« Also hatte eine neue Zwischenstation uns vorher getäuscht. Minny fuhr aus dem Schlaf auf, blickte aufmerksam durch das Fenster und schrie auf: »Da ist der Vater!« Zugleich öffnete der Kondukteur den Schlag und sagte: »Es ist noch Platz, steigen Sie ein. Bis zur nächsten Station haben wir sieben Minuten.«


»Gut, ich fahre mit,« sagte Minny's Vater, und drängte sich hastig an die Seite seines Kindes, das er ganz in seinen Armen begrub. Ich sah, daß er schon im Vorgefühl des bittern Scheidens mit sich kämpfte, wie er diese armen und doch so unsäglich reichen sieben Minuten am inhaltvollsten genießen sollte. Dann betrachtete er die Züge des Kindes beim Schein der trüben verlöschenden Lampe, die von der Wagendecke herabhing, dann schloß er es wieder an sein Herz und küßte ihm Stirne, Augen und Mund. Die Kleine hatte, ohne ausfallend schön zu sein, ein sehr ausdrucksvolles Gesicht, und ihre großen treuen Augen hingen mit einer Sehnsucht an dem Bilde des Vaters, daß es das festeste Herz schmelzen mußte. Sie antwortete so lieblich, so verständig auf seine Fragen. Ihr Herzchen schien übervoll, und doch lag eine so süße Schüchternheit über ihrem Wesen. Hatte der Vater einen Augenblick in dem Klang der holden Stimme seines Kindes geschwelgt, so mußte er sich selbst unterbrechen, um mit dem alten Begleiter noch einige wichtige Worte zu wechseln. Sie flüsterten sehr hastig und eifrig miteinander. Der Alte versicherte ihn, daß es eine treffliche Frau sein solle, welche von nun an Mutterstelle bei Minny vertreten werde, daß er um ihre Erziehung unbesorgt sein dürfe. Eine Frage, die Minny leise und schmeichlerisch an ihren Vater richtete, schnitt der gellende Pfiff der Lokomotive mitten durch. Der Vater schwieg und ließ wie gebrochen sein Haupt auf des Kindes Schulter fallen. Die Minuten waren dahin.


»Schnell, Herr, steigen Sie aus,« herrschte der Kondukteur ihn an, »der Zug geht augenblicklich weiter.«


Der Mann verschwand draußen in der stürmischen Nacht. Nach kurzem heftigem Schluchzen sank das Kind wieder überwältigt vom Schlaf auf den Schooß seines alten Führers, dem jetzt allein in der endlosen Fremde sein Schicksal anvertraut war.


Wie nah ist doch der Mensch dem Menschen verwandt! Dieser Fremde Mann, der da schied, dessen abgewendetes Gesicht ich gar nicht gesehen, dessen Stimme ich kaum in undeutlichen Lauten vernommen, und der mir wohl im Leben nie wieder begegnet, der beschäftigt nun meine Gedanken unaufhörlich; auch meine Thränen rollten, als er mit seinen die Stirn des Kindes benetzte, und ich vergaß des eigenen Schicksals im Grübeln darüber: Was können das für unerhörte Verhältnisse sein, die einem Vater nur vergönnen, in tiefer Nacht die Straße aufzusuchen, auf der sein Liebstes ihm wie ein Traum erscheint und verschwindet. War es eine nach bittern Täuschungen früh gelöste Ehe, war es eine mit Sitte und Gesetz im Widerspruch stehende unglückselige Neigung, die diesem Kinde das Dasein gab? Trug der Vater vielleicht den Druck einer zweiten allzu kinderreichen Ehe, und durfte der strengen Gattin nicht diese unwillkommenste aller Lasten zu ihren übrigen aufbürden? Doch sicher war es im Grunde die Armut, die ihn zwang, seinen Liebling in ein fernes Land zu entlassen, denn die Reise bis an die große Eisenbahnstraße hatte er nur durch schwere Opfer möglich gemacht, wie eine seiner Aeußerungen verrieth.


Das Morgenroth dämmerte herauf und umfloß mit einem Hauch von Verklärung das ehrwürdige greise Haupt des alten Mannes mir gegenüber, dessen Augen meist auf seinem verwaisten Schützling ruhten, oder sich mit schweren Seufzern zu den purpurnen Wolken emporhoben. Das Kind lag todtenbleich auf seinem Schooß und schien im Schlafe geweint zu haben. Erst spät öffnete es die Augen und schaute verwirrt uns alle an, als wollte es die Gegenstände um sich her mit der flüchtigen Nachterscheinung in Zusammenhang bringen. Bald siegte die leichte Genußfähigkeit, die dem Kindesalter eigen ist. Minny gerieth in Entzücken über alle die schönen Städte mit bunten Gärten, an denen wir vorüberflogen, und als gar zwei wildkeuchende Lokomotiven uns entgegenbrausten, die ein Regiment Ulanen in ungeheuren kastenähnlichen Wagen verpackt mit sammt den Pferden im Sturm fortschleppten, wollte sie sich todtlachen über die verkehrte Welt.


Nicht das Gemüth, nur der Gedanke befähigt den Menschen, einen Schmerz bis in seine Tiefen durchzustehen, doch im Begreifen der Schmerzen liegt zugleich ihre Teilung. Diese eine Scene war mir ein Bild der tausendfach wiederholten Wunde der Menschheit, und ich sagte mir: nie wird ein auf socialen Grundlagen erbauter Staat so grausam sein, als es jetzt die Familie in ihrer patriarchalischen Abgeschlossenheit gegen alle Individuen ist, die außer ihr stehen.


aus: Gottfried und Johanna Kinkel, Erzählungen, J. G. Cotta'sche Buchhandlung, Stuttgart, 1883, S. 217-224

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