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A. v. Plankenberg - Nur ein Mädchen.

A. v. Plankenberg : »Nur ein Mädchen.«NovelletteFrauenleben (vorm. Neuzeit): Blätter zur Vertretung der Frauen-Interessen, 6.Jg., Nr.3,4, 1894In der Familie des reichen Fabriksbesitzers Lenhold wurde der Ankunft eines zweiten Kindes entgegengesehen; Alles war voll banger Erwartung, da man wußte, daß Herr Lenhold auf das Lebhafteste einen Stammhalter und Erben ersehnte. Die Gesundheit der jungen Frau war eine sehr zarte und rechtfertigte die Besorgnisse der Ärzte vollauf. Elli, das erstgeborene Töchterchen, ein liebes, aber schwächliches Kind, hatte das dritte Jahr zurückgelegt, als abermals die Hoffnung, Vater eines Sohnes zu werden, dem inzwischen auf dem Gipfel des Glückes und Ansehens gelangten Mann winkte. Er umgab seine Gattin mit der zärtlichsten Aufmerksamkeit und ängstigte nicht wenig ihr Gemüth durch die bei jeder Gelegenheit in allen Tonarten wiederholte Mahnung »Schenk' mir einen Sohn, Louise - Nur kein Mädchen, keine zweite Tochter Ich brauche einen Erben und künftigen …

Marie Eugenie delle Grazie – Seelenfrühling

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Marie Eugenie delle Grazie – Seelenfrühlingaus : Das Buch des Lebens - Erzählungen und Humoresken Verlag von Breitkopf & Härtel, Leipzig, 1914
Sie stand an ihrem Toilettetisch und verteilte mit zitternden Händen die Rosen in die Vasen  die Rosen, die er ihr gesandt. Große, dunkelrote Blüten waren es, auf denen ein violetter Sammetglanz lag; volle und erst halbgeöffnete, alle aber wie genickt von der eigenen Schwere, wie betäubt von dem eigenen Duft. Blumen, die das Begehren gesucht, bevor die Hand sie da und dort herausgegriffen.

Ihr Gatte saß hinter ihr und schlürfte seinen Nachmittagskaffee. Als sie über die Rosen weg in den Spiegel sah, begegnete ihr sein Blick darin. »Herrliche Blumen«, nickte er. »Aber weißt du, wenn es nicht Albert wäre  Ihr Blick flüchtete zu den Blumen herab, verkroch sich förmlich in die dunklen Kelche. Etwas von dem purpurnen Widerschein der Blüten überhauchte leise, kaum merkbar ihre Wangen  »Nur jetzt unbefangen bleiben«, dachte sie  »Jetzt, wo das Glück …

Auguste Pattberg - Die Höle der heiligen Notburga

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Die Höle der heiligen Notburga. Buchstäbliche Abschrift einer alten Urkunde.
Wann der Chreichgauische Adel vnd also auch die von Gemmingen zur Christlichen Religion von dem Heidenthum bekehrt worden, kan jch jzmahls so Eigentlich nicht wißen. Es braucht mehr Nachforschens, Weil aber Clodoveus Magnus der Franken König, welcher Anno Christi 499 oder 500 ohngefehrt diese Lande mit dem Schwerdt wieder die Alamanier Erobert vnd auff seine Nachkommen Gebracht, durch Antrieb seines Gemalß den Christlichen Glauben Angenommen, von St. Martin getaufft worden vnd solchen aller Orthen jn seinen König Reichen außgebreitet hat, also daß Einhundert jahren darnach, Namlich vmb das jahr Christi 600, wenig Heiden mehr in gantz Allemania oder dem Schwebischen Chreiß ge­funden sondern das Christenthum fast gar eingewurzelt daß Heidenthum aber Extirbiret worden, besiehe Crusium jn annalib9 suevie part. 1. bis 8. pag. 213. so halte ich dafür es habe sich damahlen auch der Adel auff dem Chreichgau sambt jhren…

Emilie Mataja – Kindheit ein --- Paradies

Emilie Mataja – Kindheit ein – ParadiesNovelle.aus: Der Nonnengarten, An Anthology of German Women's Writing 1850 - 1907, Edited by Michelle Stott and Josef O. Baker, Waveland Press Inc., Prospect Heights, Illinois, 1997, S. 65ff., neu durchgesehen von ngiyaw eBooks, ohne die amerikanischen Kommentierungen.
Sie ist schlecht geworden. Und niemand hat sich darüber gewundert. Ja, alle haben es kommen sehen. Kaum sechzehn Jahre alt, zählte sie schon zu den Verlorenen, und das verdankte sie ihrer Kindheit, jenem Paradiese, von welchem wir soviel singen und sagen hören. Je nun Für viele ist's ja ein Paradies, nach welchem sie in späterer Zeit, wenn die Pforten längst geschlossen sind, voll Sehnsucht und Rührung zurückschauen. Vaterliebe und Mutterzärtlichkeit, Kindheit, Unschuld und kindliche Freuden. Wie gern und wie voll Rührung denkt man daran, wenn Vater oder Mutter nicht mehr sind, und die kindlichen Freuden sich in große Sorgen umgewandelt haben. Aber dieses Paradies ist nicht …

Lafcadio Hearn – Die Geisha.

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Lafcadio Hearn – Die Geisha.aus: Lafcadio Hearn, Izumo, Übertragen von Berta Franzos, Literarische Anstalt Rütten & Loening, Frankfurt am Main, 1907, S. 118ff.Es gibt nichts Stilleres als den Beginn eines japanischen Banketts, und — mit Ausnahme eines Eingeborenen — könnte sich niemand, der einem solchen zum erstenmal beiwohnt, einen Begriff von seinem tumultuösen Ende machen. Geräuschlos treten die geputzten Gäste ein und lassen sich schweigend auf ihren Sitzpolstern nieder. Mädchen, deren nackte Füße lautlos durch das Zimmer gleiten, stellen das lackierte Service auf die Matten vor sie hin. Eine Zeitlang ist alles ein bloßes Hin und Her, ein Wogen und Lächeln wie im Traum. Auch von draußen dringt wohl kaum ein Laut herein, da ein Bankett-Haus gewöhnlich durch einen großen Garten von der Straße getrennt ist. Endlich bricht der Zeremonienmeister, der Gastgeber oder der Arrangeur das allgemeine Schweigen mit der üblichen Formel: »O-somatsu de gozarimasu ga! — dōzo o-hashi!«, worauf …