Sonntag, 5. August 2012

A. v. Plankenberg - Nur ein Mädchen.


A. v. Plankenberg : »Nur ein Mädchen.«

Novellette

Frauenleben (vorm. Neuzeit): Blätter zur Vertretung der Frauen-Interessen, 6.Jg., Nr.3,4, 1894

In der Familie des reichen Fabriksbesitzers Lenhold wurde der Ankunft eines zweiten Kindes entgegengesehen; Alles war voll banger Erwartung, da man wußte, daß Herr Lenhold auf das Lebhafteste einen Stammhalter und Erben ersehnte. Die Gesundheit der jungen Frau war eine sehr zarte und rechtfertigte die Besorgnisse der Ärzte vollauf. Elli, das erstgeborene Töchterchen, ein liebes, aber schwächliches Kind, hatte das dritte Jahr zurückgelegt, als abermals die Hoffnung, Vater eines Sohnes zu werden, dem inzwischen auf dem Gipfel des Glückes und Ansehens gelangten Mann winkte.
Er umgab seine Gattin mit der zärtlichsten Aufmerksamkeit und ängstigte nicht wenig ihr Gemüth durch die bei jeder Gelegenheit in allen Tonarten wiederholte Mahnung »Schenk' mir einen Sohn, Louise - Nur kein Mädchen, keine zweite Tochter Ich brauche einen Erben und künftigen Vertreter meiner Firma«
Die Sorge um die Erfüllung seines Wunsches trieb den erregten Mann so weit, daß er sich Jedem gegenüber zu der Frage herbeiließ: »Sie glauben doch auch? - Es muß ja doch ein Sohn sein« - »Gewiß, gewiß« beeilte sich Jeder zu antworten, »warum sollte es kein Sohn sein?« Das gesammte Dienst- und sogar das Fabrikspersonsal von dem Wunsche getrieben, sich dem Gewaltigen angenehm zu machen, sprach andeutend von der Zukunftsfirma »Lenhold und Sohn« und flüsterte sich jede auf die Ankunft des Jungen Herrn bezügliche Neuigkeit als wichtige Nachricht zu.
Und als nun die ernste Stunde gekommen, da war es nur ein Madchen, welches das Licht der Welt erblickte. Nur ein Mädchen.
Frau Louise küßte unter Thränen das kleine, zappelnde, heftig schreiende Geschöpf, der Vater verlangte garnicht sein Kind zu sehen; die Wehmutter hätte es im Schrecke der Enttäuschung beinahe fallen gelassen und eine ganze Stunde lag es völlig unbeachtet in seiner Wiege. Elli allein war selig, ein Schwesterchen bekommen zu haben und seltsam genug stach ihr Jubel gegen die Stille und gedrückte Stimmung ab, welche im Hause des Fabriksbesitzers herrschte, seit die zweite Tochter ihren Einzug darin gehalten.
Nun, die Zeit pflegt Manches auszugleichen; sie lehrt einerseits vergessen, andererseits sich durch Gewohnheit mit Unabänderlichem versöhnen. Es gibt aber auch Wunden, die nicht vernarben können, weil alle Umstände sich vereinigen, sie offen zu halten, wieder und wieder daran zu rühren.
Eine solche Wunde hatte das Schicksal, welches Herrn Lenhold mit so vielen Gütern und Gaben überschüttet, seinem Günstling durch die Vereitlung seines Lieblingswunsches geschlagen. Nicht jede Natur wird dadurch veredelt. Der verwöhnte Mann konnte es dem Geschicke unmöglich verzeihen, daß es kargte, wo er sich zu fordern berechtigt glaubte. Sein Familienleben litt unter dem Einfluß dieser Stimmung, deren Bitterkeit mit den Jahren wuchs. Sein Herz wandte sich mehr und mehr von seiner Gattin ab, die ihm den Sohn versagt, auf den er gehofft. Er suchte Zerstreuung bei anderen Frauen, heiteren, anspruchsvollen Frauen, die ihn mit ihren Forderungen in Athem hielten, und ihm keine Zeit ließen, an eigene Wünsche zu denken.
Nahezu unbeachtet von seiner Vaterliebe wuchsen die beiden Mädchen heran, die sein Heimwesen schmückten. Nur Elli erfreute sich, als die Zeit in ihren Gesichtszügen, ihrer Verstandesschärfe und stolzen Weise den Lenhold'schen Typus immer deutlicher zum Ausdrucke brachte, einer sichtlichen Bevorzugung von Seiten des Vaters. Er wäre geneigt gewesen, mit Stolz auf dieses Kind zu sehen, hätte er in ihr die Schwester eines Sohnes umarmen können. Da sie aber nur die älteste von zwei Töchtern war, konnte er Elli nie ohne das stets lebhafte Bedauern ansehen: »Wärest Du doch ein Junge, Lenhold junior« Die Kleine jedoch, diese Jüngste, sie hatte noch mehr gethan, als ihn zu enttäuschen. Ihr Dasein erinnerte ihn beständig daran, daß auch er, der in Allem Recht hatte und keinen Widerspruch vortrug, sich in seinen Voraussetzungen einmal täuschen und von dem eigenen Kinde zum Besten halten lassen konnte. - Grund genug, diesem zeitlebens zu grollen.
Die Jahre eilten dahin, Alles ging den gewohnten Gang. Frau Lenhold kränkelte fort, zog sich allmälig ganz von der Außenwelt und Geselligkeit zurück und lebte wie ein Schatten inmitten ihres Hauses. Elli hatte sich zu einem äußerst verständigen, charaktervollen Mädchen entwickelt. Sie vertrat oft Mutterstelle an der Jüngeren, die, noch Kind, mit schwärmerischer Verehrung zu der Schwester emporblickte. Als einer der ersten Großindustriellen des Landes genoß Herr Lenhold Auszeichnungen und Ehren aller Art. Er hätte ein glücklicher Mann sein können, aber der Mangel eines Erben stimmte ihn fortwährend unzufrieden und wurde auch Ursache seines Entschlußes, die Fabrik zu verkaufen und seinen Unternehmungsgeist auf das Gebiet persönlicher Erfolge zu beschränken. Damit trat eine verhängnißvolle Wendung in dem Leben der Familie ein.
Reich, unabhängig, ein Mann in der Blüthe seiner Jahre, voll Thatkraft, die kein Feld des Wirkens mehr fand, nichts weniger als ausgefüllt von der Liebe und Theilnahme für die Seinen, denen er sich entfremdet hatte, suchte Herr Lenhold durch verschiedene Speculationen, Reisen, Spiel, ebenso aufregende als kostspielige Bekanntschaften, dem Müßiggang zu entfliehen, seinem Dasein einen lnhalt zu geben.
In der Fremde war es, an den grünen Tischen, welche man Fortuna's Altäre nennt, wo ihn ein Telegramm des Inhalts erreichte, Annie, das jüngste seiner Kinder, läge auf den Tod erkrankt.
Lenhold wollte anfänglich den Ernst dieser Botschaft durchaus nicht anerkennen. Er war geneigt, sie unbeachtet zu lassen; die nächste Kunde fand ihn ruhelos, verdrießlich. Ungenügende Zerstreuung am Tage, kein Schlaf in der Nacht. Dieses Kind hatte ihm doch nichts als Unannehmlichkeiten gebracht Einen Katarrh dermaßen aufzublähen Heute würde es schon wieder besser sein -
Da kam wieder eine Depesche: »Annie aufgegeben. Entzündung beider Lungenflügel.« Nun säumte er nicht länger. Sofort ging es zur Bahn und heimwärts ohne Aufenthalt - das war er der Welt und dem eigenen Ansehen schuldig.
In der Nacht aber, in diesen langen, langen Stunden, welche seiner Rückkehr vorangingen, allein mit sich und den quälenden Gedanken, während der Zug eilgeschwind dahinbrauste und das zitternde Licht der Lampe über seinem Haupte mit dem Dunkel des leeren Wagenraumes kämpfte, wurde ihm so seltsam beklommen zu Muthe …
Wie, wenn er zu spät kam, Annie vielleicht schon todt fand. - Es war ja doch sein Kind Er hatte es nie geliebt, aber dem Tode bestritt er das Recht, etwas zu nehmen, was ihm gehörte: Seine Kinder, seine Frau Murmelnd wiederholte er die Worte: »Mein, mein«, und eine eigenthümliche Regung beschlich sein Herz - wie ein Schauer ging''s ihm durch die Seele. - Und nun stand er vor dem Bett des Kindes. - Ja, es war doch ganz etwas Anderes, als wenn es ein fremdes Kind gewesen wäre, das da regungslos vor ihm lag - die Augen geschlossen, die Hände krampfhaft verschlungen, mühsam um jeden Athemzug ringend. Diese Schatten in dem kleinen, fieberglühenden Gesichte Dieser Kampf zwischen Tod und Leben -
Mit entsetztem Blicke, der nach Hilfe rief, sah Lenhold um sich.
Da stand die Mutter regungslos, mit Zügen, die der Schmerz versteinert, dort kauerte Elli, in Angst und Thränen aufgelöst, am Kopfende lehnte der Arzt.
»Doctor, retten Sie mein Kind« wie ein Schrei lösten sich die Worte von den Lippen Lenhold's. Durch die Gestalt der Frau ging eine Bewegung.
»Du verlierst ja nur eine Tochter,« sagte sie langsam, eintönig, gepreßt.
»Es ist doch mein Kind« Er stürzte zur Seite des Bettes nieder. »Alles gebe ich dahin an Geld und Gut, wenn Anni nur erhalten bleibt. - Mein Kind, mein Kind«
»Was hatte den Mann überkommen? Das war die Sprache, der Sehnsuchtsruf eines Vaterherzens Hörte das sterbende Kind jenen Ton, den seine junge Seele bisher vergebens er ersehnte, vornahm es das Flehen der Reue, das sein fliehendes Leben zurückzuhalten suchte?
Die Lider des Kindes zuckten, seine Wimpern zitterten. In athemlosem Bangen beugten Vater und Mutter sich hinab - groß und voll schlug es die Augen auf - secundenlang - -.
Was solch' ein Kinderblick zu sagen vermag Unaussprechliches und doch so verständlich. Er dringt gar tief, sprengt Reifen und schmilzt das Eis um harte und erkaltete Herzen. Wunder wirkt sein aufleuchtender Strahl, der, ein wortloses Gebet, der Unschuld göttliche Kräfte verleiht und Leben weckt, wohin er dringt. - -
Der Wunder größtes aber wirkt die Liebe. - - - - - -
Annie streckte ihre schwachen, kleinen Arme aus - sie wollte sich gerne halten lassen von Vater und Mutter und als diese ihr Kind umschlangen in der ganzen Herzensangst elterlicher Zärtlichkeit, da trat der Tod zurück, zu schwach, die Stärke dieses Schatzes zu durchbrechen. -
Annie gesundete wieder und damit schien in der That ein Wunder geschehen, aber es blieb nicht das einzige, welches jene Nacht geboren.
Herr Lenhold ging wie verwandelt umher. Er fühlte sich fast beschämt durch die Dankbarkeit und Ergebenheit, womit Frau und Töchter die Milde und Güte, welche er nun im Verkehr mit ihnen an den Tag legte, zu vergelten suchten. Es drängte ihn, das Gelöbniß, das er am Krankenbette der Kleinen abgelegt, nicht selbst als leeres Wort zu behandeln, durch irgend eine edle That den Ernst desselben zu beweisen. - -
Die Gelegenheit dazu bot sich bald genug.
Schon längst hatte sein Banquier einen jungen Mann, den einzigen Sohn und Nachfolger eines renommirten Geschäftshauses, seiner besonderen Berücksichtigung empfohlen. Er lobte dessen Strebsamkeit und rieth Lenhold, durch einen Bruchtheil seiner Capitalien den Fabriksbau, welchen Jener begonnen, zu unterstützen, sich als Gönner des Einzelnen und als Förderer industrieller Unternehmungen. - wenn auch in aller Stille - zu betätigen. Lange hatte Lenhold in seinem Entschlusse geschwankt. Mancherlei Factoren wirkten mit, ihn zu Gunsten des Empfohlenen zu stimmen. Wenn auch diesen die Bedachtsamkeit, die Kunst, richtig zu calculiren, abzugehen schienen - der Jugend mußte man das nachsehen. Kühn, thatenkräftig, unternehmungslustig - so hatte er sich ja den eigenen Sohn gedacht - dazu das Gelübde, dem er Annie's Errettung zuschrieb - er gab dem wiederholten Ansuchen des jungen Mannes nach und vertraute eine nicht unwesentliche Summe dem Speculationsgeist desselben an. -
Damit glaubte er die Sache abgethan, seinen Schwur gelöst. Dem war aber nicht so, das Opfer begann vielmehr erst und sollte ungeahnte Folgen nach sich ziehen.
Es gelang dem Schützling Lenhold's, dem redegewandten Herrn Franz Sterneck, sich dermaßen in dessen Gunst zu setzen, daß nach dem ersten Darlehen gar bald ein zweites und drittes bewilligt wurde. Vergebens warnte - mit aller »Vorsicht und Zurückhaltung« - Frau Louise, der die Vertrauensseligkeit des Gatten Besorgnisse einzuflößen begann.
Wieder suchte Lenhold Frau und Kindern auszuweichen, neuerdings mied er Haus und Heim …
»Ja, hättest Du mir einen solchon Sohn geboren,« pflegte er seiner Gattin, auf ihre zeitweisen Mahnungen, zu antworten. Um den Gatten und Vater nicht ganz verlieren zu müssen, willigte Frau Louise ein, den jungen Sterneck, ohne dessen Gesellschaft Ersterer gar nicht mehr sein konnte, an ihrem Tische zu empfangen. Dieses Zugeständniß stimmte Herrn Lenhold eine Zeit lang versöhnlich. Als aber Elli die unverkennbaren Huldigungen seines Protegé's ziemlich schroff zurückwies, und die Mutter sich, von dem Mädchen gedrängt, aus ihrer gewohnten Apathie riß und zu dem Machtwort aufraffte: »Bis hieher und nicht weiter Besser keinen Sohn, als solch' einen modernen Streber und Nichtsthuer« da war es um den Rest des Friedens in der Familie geschehen und was die Frauen vergebens aufzuhalten versucht, geschah in erhöhtem Maße. Herr Lenhold fiel ganz in die Hände des Fremden.
Ihre Ohnmacht erkennend, enthielt Frau Louise sich nunmehr jeglichen Versuches irgendwelcher Einflußnahme. Sie ließ die Dinge gehen wie sie wollten und beschränkte sich ganz auf die Pflege ihrer eigenen, tieferschütterten Gesundheit.
Auf Elli und Annie hörte Herr Lenhold schon gar nicht - das waren ja nur Mädchen, wie hätten die ihm rathen können Und so kam, was kommen mußte, der Tag, an welchem auch dem Verblendeten die Augen gewaltsam geöffnet wurden und er sich zwischen die Alternative gedrängt sah, den größten Theil seines Vermögens zu verlieren oder durch Übernahme des Neubaues das ganze Risico einer großartigen Speculation auf seine Schultern zu nehmen.
Herr Sterneck entpuppte sich nicht nur als völlig untauglich für derartige Wagnisse, es blieb auch kein Zweifel, daß man es hier mit einem Lebemann und Streber erster Sorte zu thun hatte, der gerne auf Anderer Kosten den großen Herrn spielte.
Lenhold war in Verzweiflung, er alterte geradezu über Nacht.
Und wieder gab er dem Drange des Augenblickes nach und stürzte sich in's Geschäftsleben zurück, mit der Energie eines Mannes, der diese nicht aus seiner Vollkraft, sondern aus dem Bewußtsein schöpft, dem Hochdruck der Verhältnisse nachgeben zu müssen. Er wurde offener Theilnehmer der Sterneck'schen Firma, nahm die mercantile Leitung des Geschäftes direct in seine Hand, steckte, was er noch besaß, in das neue Anwesen und arbeitete im Schweiße seines Angesichtes, um den verfahrenen Karren wieder in's Geleise zu bringen. Darüber vergingen Jahre, ehe die Möglichkeit endlichen Sieges sich zeigte. Geraume Zeit schien die Sache zu gehen. Er fand Capitalisten, welche sich an dem vielversprechenden Unternehmen mit mehr und minder hohen Summen betheiligten, sein Name gewann demselben neues Vertrauen - schon glaubte er wieder aufathmen zu dürfen. -
- - - »Wo nur Papa heute bleibt?« äußerte Elli, als die fünfte Nachmittagsstunde eines Tages bereits längst geschlagen hatte, Mama, des Gatten wartend, am Speisetisch saß und Herr Lenhbold noch immer nicht erscheinen wollte.
Annie fuhr von ihren Büchern und Schreibereien, in die sie vertieft gewesen, jäh aufgeschreckt empor.
»Wer weiß -?« sagte sie und strich mit der Hand über die Stirn. Elli trat hinter den Stuhl der Schwester. »Du glaubst doch nicht - ?« flüsterte sie.
»Ich bin immer auf Schlimmes gefaßt,« gab Annie ebenso leise zurück. »Solange Sterneck mit im Spiele ist, müssen wir das Ärgste gewärtigen. Gib Acht - Nun, meine Vorbereitungen sind getroffen - -.« Die Mädchen verstummten mit einem Blick auf die Mutter. -
Es schlug Sechs, halb Sieben - Herr Lenhold kam nicht - es schlug Acht in langen Schlägen. Da erhob sich Annie.
»lch werde in's Bureau gehen, selber nachzusehen. Eßt ruhig inzwischen - ich bringe Papa schon heim. Adieu, Mama Elli bleibt bei Dir -« und sie ging, liebevoll zurückwinkend. - Als Annie die Treppe zum Comptoir ihres Vaters hinaufstieg, wurde das Herz ihr mit jedem Schritte schwerer und die zitternden Knie wollten sie kaum tragen. Achtzehn Jahre alt War sie wirklich noch so jung? Aber ist das Jugend, wenn man seit dem ersten Erwachen aus den Träumen der Kindheit nur lebt in der beständigen Erwartung eines unaufhaltsam herannahenden Unglückes?
Seltsam. Die Bureauräume schienen ausgestorben zu sein. Sie klopfte an die Thür des Vaters - keine Antwort. … Entschlossen trat Annie ein.
Herr Lenhold saß vor seinem Pulte, den Kopf auf die verschränkten Arme gelegt, regungslos wie unter dem Banne einer großen Erschütterung. Annie trat näher, sie legte die Hand auf seine Schulter. »Papa« Er blieb unbeweglich, »Lieber Papa«
Endlich hob er den Kopf ein klein wenig, um starr auf sein Kind zu blicken und dann das Haupt wieder müde sinken zu lassen. »Du bist's -.«
»Ja, ich bin's. Dein Kind, Deine Annie.« Sie zog einen Stuhl heran und setzte sich ihm gegenüber. »Komm, Papa, laß uns einmal ruhig miteinander reden. Wir hätten uns viel zu sagen, meinst Du nicht auch?«
Nun zog es doch wie ein halbes Lächeln über seine Züge. »Wir? Ich wüßte nicht. Du bist ja doch nur ein Mädchen.«
»Das wohl, Papa, aber ich hoffe doch ein tüchtiges Mädchen. Dein Kind zwar, aber kein Kind mehr. Höre mich Du bist im Unglück, ich will Dir helfen.«
Lenhold fuhr in die Höhe, seine Augen öffneten sich groß. »Du? Du - ? Es ist, hier nicht der Ort zum Scherzen.«
»Mir ist's sehr ernst um das, was ich sage. - Wir haben längst kommen sehen, was, wie ich glaube, jetzt schon zur Thatsache geworden ist. Sterneck mißbraucht Deinen guten Namen«.
Lenhold sprang wie von einem Schlage getroffen in die Höhe. »Mädchen, wer sagt Dir -?«
»Laß das, Papa Es ist so, nicht wahr? Du stehst, vor einem Abgrund - Sterneck hnat Dich dahin gedrängt, er wird Dein Untergang, wenn Du nicht den Muth findest, Dich ganz und für immer vom ihm loszureißen.«
Herr Leuhold wollte auffahren, aber Annie hielt ihm tapfer stand.
»Nicht doch, Papa, vergiß, daß eine Tochter zu Dir spricht, nimm an, es wäre Dein Sohn, Blut von Deinem Blut, gleich mir, aber mit all der Kraft und dem eisernen Willen eines Mannes« - ihre Stimme wurde weich - - in den kühnen Worten zitterte doch das Mädchenherz.
Der Vater war vor sie hingetreten, er stützte sich schwer auf das Pult.
»Woher weißt Du, Annie - ?«
Sie deutete auf Stirn und Brust, »Das sagt's mir und - Dein Anblick - Vater, geliebter Vater« Sie hatte, ihn erblassen sehen und breitete die Arme aus, den Wankenden zu umfangen - nun lag er an ihrer Brust, weinend, schluchzend, in abgerissenen Lauten die Worte stammelnd: »Ein verlorener Mann - verlorener Mann«
Lange blieb es dann stiil in dem kleinen Raume - einem Kinderherzen sind Elternthränen heilig. Dann nahmen Vater und Tochter nebeneinander auf dem Ledersopha Platz.
»Vielleicht siehst Du die Lage im ersten Momente zu schwarz an, Papa. Laß mich Dir sagen, wie wir darüber denken.«
»Aber, Annie, Du weißt ja noch garnicht - Sterneck« - er brachte den Namen nur zögernd über die Lippen, - »hat mein Vertrauen zu den unlautersten Zwecken mißbraucht. Ich hin ruinirt, wenn ich den angerichteten Schaden decken soll.«
»Das mußt Du, Papa, unfehlbar«
»Dann kann ich mich unter Einem insolvent erklären.«
»Wenn es sein muß - in Gottesnamen Du rettest die Ehre Deines Namens.«
»Und meine, Eure Zukunft?«
»Mache aus Sterneck's und Deinem bisherigen Eigenthum ein Actienunternehmen, geh' mit aller Strenge gegen Sterneck vor, übernimm, die Vertretung am hiesigen Platz und setze mich Dir zur Seite, ins Comptoir. Wir verdienen unser tägliches Brod gemeinsam und ist das Glück Dir hold, bringst Du in anderen Bahnen auch Geschäft und Fabrik zur Blüthe und zu neuem Ansehen.«
Herr Lenhold hatte in sprachlosem Erstaunen seiner Tochter gelauscht.
»Annie, was hör' ich?« rief er endlich. »Welcher Geist spricht aus Dir Dich soll ich in's Bureau nehmen? Du bist doch kein Mann Wie soll ich das verstehen?«
»Das ist sehr einfach, Papa. - Als ich vor nahezu 6 Jahren auf den Tod lag, thatest Du ein Gelübde -- ich wurde somit die schuldlose Ursache, daß schwere Gefahren unser Haus bedrohten. - Dies Bewußtsein, sobald ich zu demselben gelangte, quälte mich umsomehr, als wir zeitig erkannten, die Sache könne unmöglich ein gutes Ende nehmen. Was sollte ich armes Kind, da ich doch nur ein Mädchen war, beginnen, meine Schuld gegen Dich zu entlasten? Elli wars, die mir den Gedanken eingab, mich nach beendeter Schulzeit einer gründlichen kaufmännischen Ausbildung zu unterziehen. »Mütterchen ist kränklich und wird immer mehr eine sorgsame Pflegerin bedürfen«, meinte sie. »Dies und die Führung des Hauswesens sei meine Aufgabe, Du, Annie, bereite Dich vor, in ernsten Tagen Papa's Stütze zu werden, damit er in Dir nicht zu sehr den Sohn vermisse. Und nun ist die Stunde gekommon, wo Alles, was wir im Stillen geplant und angestrebt, zur That werden soll. Ich habe mich selber zu ernster Arbeit erzogen und hoffe, unserem Namen keine Unehre zu machen. Versuch's einmal, Papa, und stelle mich auf die Probe, ob die Pflichttreue eines Mädchens geringer wiegt, als die Leistungsfähigkeit eines Sohnes.« -
Die Firma Lenhold besteht heute noch am hiesigen Platz. Es gelang den vereinten Bemühungen von Vater und Tochter, nach Jahren der Abhängigkeit und Anstrengung, allerdings nur unter mancherlei Beschränkungen, ihre Selbstständigkeit wieder zu gewinnen. Der einstige Reichthum, das Ansehen der früheren Stellung war und blieb freilich verloren, doch auch die Sorge und der Kummer blieben dem Hause fern.
Frau Lenhold, seit Jahren bettlägerig, fand in der Pflege ihrer Ältesten Ursache genug, am Leben zu hängen, während Annie als die rechte Hand des Vaters ihr Stolz geworden ist. Sie hat sich ganz mit dem Gedanken ausgesöhnt, dem Gatten keinen Sohn geboren zu haben, nachdem Sterneck, moralisch, und körperlich vollends zu Grunde gerichtet, endlich sogar noch den blutigen Schatten eines Selbstmordes auf ihr Haus zu werfen gewagt.
Unter dem Eindruck jener Nachricht war's, daß Herr Lenhold an ihr Lager trat und mit den leisen Worten: »Ich danke Dir, daß Du mir meine tüchtigen Töchter geschenkt«, ihr zärtlich die Hand geküßt.
Da hatte sie sanft mit dem Kopfe genickt.
»Deine einstige Klage: ›Nur ein Mädchen‹ hat sich zum Segen für Dich verwandelt. Weißt Du; was die Schwäche des Weibes in Kraft und Stärke umsetzt? Es ist die Liebe und Selbstlosigkeit, womit die Natur das Frauenherz ausgestattet, gleichviel, ob sie sich in der Eingebung des Kindes, der Gattin oder Mutter äußert. Wohl Dir und mir, daß uns dieser Reichthum im Alter geblieben«

Freitag, 3. August 2012

Marie Eugenie delle Grazie – Seelenfrühling


Marie Eugenie delle Grazie – Seelenfrühling

aus : Das Buch des Lebens - Erzählungen und Humoresken

Verlag von Breitkopf & Härtel, Leipzig, 1914
Isaac Israëls - Kinder am Strand

Sie stand an ihrem Toilettetisch und verteilte mit zitternden Händen die Rosen in die Vasen  die Rosen, die er ihr gesandt. Große, dunkelrote Blüten waren es, auf denen ein violetter Sammetglanz lag; volle und erst halbgeöffnete, alle aber wie genickt von der eigenen Schwere, wie betäubt von dem eigenen Duft. Blumen, die das Begehren gesucht, bevor die Hand sie da und dort herausgegriffen.


Ihr Gatte saß hinter ihr und schlürfte seinen Nachmittagskaffee. Als sie über die Rosen weg in den Spiegel sah, begegnete ihr sein Blick darin.
»Herrliche Blumen«, nickte er. »Aber weißt du, wenn es nicht Albert wäre 
Ihr Blick flüchtete zu den Blumen herab, verkroch sich förmlich in die dunklen Kelche. Etwas von dem purpurnen Widerschein der Blüten überhauchte leise, kaum merkbar ihre Wangen  »Nur jetzt unbefangen bleiben«, dachte sie  »Jetzt, wo das Glück zwischen meinen Händen zittert.« Und mit einem girrenden Lachen erwiderte sie: »Einem  anderen würdest du also nicht trauen?«
»Nein«, erwiderte er, »keinem« Aber es war die gemütliche Eifersucht des Gatten, die es sagte. Nicht einmal seine Tasse stellte er nieder.
»Wie ist es doch so  ruhig geworden zwischen uns«, dachte sie. »So  unerträglich ruhig« Da saß einer hinter ihr, der einmal nahe daran war, sich zu erschießen ihretwegen  der monatelang kein Auge geschlossen, bis er sie in Armen gehalten  das heißersehnte, schwererkämpfte Glück Nun schlürfte er ruhig seinen Kaffee, sprach mit einem gewissen Humor von jenen, denen er vielleicht nicht trauen würde, und fühlte so gar nichts von dem fiebernden Gierhauch der Leidenschaft, die aus den purpuren Kelchen die Arme nach ihr streckte, wie einmal  er Konnte sie sich wirklich so gut verstellen? Und Albert War es denn möglich, daß nur ihr Gatte nicht sah, was alle anderen schon witterten, die und jener schon bemerkt haben wollte? Gerade er allein?
»So viel  bin ich ihm noch wert« dachte sie mit einer gewissen Geringschätzung. »Trotz aller schönen Worte. Und morgen früh reist er ab  arglos, sorglos.« Eine Stunde später würde sie die Rosen ins Fenster stellen. Diese selben Rosen Und einer, der sich in Sehnsucht nach ihr verzehrte, würde sie sehen und 
»Und?«
Da stand er vor ihr und funkelte sie an mit Augen, die etwas von dem purpurnen Geleucht dieser Blüten hatten: das dunkle Glück der Sünde
Ein Schauer ging an ihr nieder. Sie schloß die Augen, dehnte sich  Und doch und doch Etwas in ihr blieb noch immer stark und aufrecht; wehrte sich mit der Verzweiflung eines Opfers gegen den Mörder  weinte in ihre Träume hinein wie ein scheues, hilfloses Kind.
»Wie wird es dann sein?« dachte sie. »Wenn er wieder zurückkehrt  sorglos, arglos, wie er morgen fortfahren wird.«
Dann ging er über die Leiche eines Glückes hin, für das er einmal sein Blut verspritzen wollte  Sorglos, arglos  und sah es nicht Sie aber lebte sich in ein Glück hinein, das ihr heute oder morgen eine andre zertreten würde. Denn was war noch an dieser Liebe, wenn sie so kommen und  so gehen konnte? Nichts als der Rausch. Der Rausch und der Taumel. Wirklich?
Die Blumen fielen ihr aus den Händen. Wie traurig das alles war Blutige Tränen hätte sie weinen mögen um diese Schönheit, die da vor ihr verging, während sie zum zweitenmal die Arme nach ihr streckte.
Daß ihr diese Gedanken damals nicht gekommen waren, als sie den geliebt, der heute ihr Gatte war?
Sie trat ans Fenster, schloß die Augen, sann nach. Wie seltsam Aber nein  Damals war es doch anders gewesen. Alles eine heilige Erwartung, eine einzige, keusche Blumenandacht der Seele. In die Kirche hätte man das tragen können. Und die Engel hätten es mit weißen Lilienhänden zum Throne Gottes emporgehoben: »Siehe  die Liebe«
Pah  Sie war eben so blutjung gewesen  damals
»Nun muß ich aber geh'n«, sagte ihr Gatte. »Die nötigen Mark einwechseln. Mit meinem Chef hab' ich auch noch eine Konferenz. Gepackt ist doch alles?«
»Seit Vormittag.«
»Also  adieu, Schatz« Und ein warmer, breiter, ach, ein so  ehelicher Kuß drückte ihre blühenden Lippen nieder.
»Du kommst  spät zurück?« fragte sie.
»Leider«
»Dann will ich noch ein bißchen ins Grüne hinaus.«
»Recht so. Gönn' dir was«
Sie wußte nicht warum, aber ein Schlag wär' ihr in diesem Augenblick lieber gewesen denn all diese gütige, sichere Liebe.
Als sie sich ins Zimmer zurückwandte, schlug ihr aufs neue der Duft der Rosen entgegen. Heiß, betäubend.
Unmöglich, damit allein zu bleiben  Heute
So fuhr sie denn ins Grüne hinaus.
Als sie am Ziele war, blickte sie fast erstaunt um sich. »Dornbach« Hatte sie wirklich da hinaus gewollt? Wie im Traume war sie durch die Straßen geschritten, in einen Waggon der Straßenbahn gesprungen, und nun hieß es aussteigen: Der Wagen wenigstens war an seinem Ziele.
»Was tu' ich denn?« fragte sie sich. Eine so eigene Müdigkeit kroch ihr plötzlich über die Glieder. Aber da war ja ein Restaurant. Gerade an der Endstation der Trambahn. Sie entschloß sich, einzutreten.
»Wollen die Gnädige nicht lieber in den Garten?«
Sie nickte, trat hinaus, mußte aber unwillkürlich lächeln. Sie und etwas wollen  heute Ihr war ja, als hätte sie keinen Boden mehr unter den Füßen. Alles um sie wie in Nebel getaucht  wie hinter Schleiern versinkend  alles Und nichts vor ihren brennenden Augen als diese großen, heißen, dunkelroten Rosen, die morgen eine bebende Hand ins Fenster stellen sollte. Eine Hand, die auch nicht mehr wußte, was sie wollte.
Sie atmete auf, strich sich langsam über die Stirne, glaubte plötzlich zu fühlen, wie etwas unsäglich Erquickendes von ihren Sinnen Besitz nahm, leise, ganz leise den Purpurbrand vor ihren Augen verlöschte. Wie ein blasses, kühles Lila war es 
Aber natürlich Dort blühte ja der Flieder Eine ganze, dichte Hecke. Seine Blütenbüschel nickten zu ihr herüber und gaben dem Frühlingswinde diese gesunde Frische mit, die ihr plötzlich so wohltat.
Mit großen wundernden Augen sah sie um sich  lächelte  Da war sie ja schon einmal gesessen  gerade da Vor langen, langen Jahren freilich. Aber der Flieder hatte auch damals geblüht, wie heute. Und hinter ihr, im Glassalon, hatten ein paar Geigen in den Abend hineingeweint  Weiche, verträumte Weisen  Wiener Lieder, wie sie damals die Schlager sang. Lieder, bei denen man froh und traurig zugleich wurde.
Sie war aber damals nur froh gewesen. Denn an jenem Abend wußte sie zum erstenmal gewiß, daß sie hinfort dem gehören würde, den sie liebte. Und daß er, wenn sie mit der Mutter heimkam, sie erwarten würde, einen Strauß in der Hand, im Aug' das selige Bräutigamsgeleucht der ersten Liebe. Genau so lang hatte er um sie werben müssen, daß sie seine erste Liebe war und  blieb
Als Braut war sie damals hier gesessen, mit ihrer Mutter und einer Freundin, und die Freundin hatte zum erstenmal mit einer Art scheuen Neides zu ihr emporgeblickt und mit den Augen gezwinkert, wenn die Mutter von der Ausstattung gesprochen. Die Ausstattung ging natürlich voran
Sie aber hatte die Augen geschlossen und sich zurückgelehnt und nichts gehört als die süßen Wiener Lieder, die ihr Glück auf die weichen Schwingen nahmen und in dem Frühling hineintrugen, weit, weit, bis auf die purpurnen Wolkeninseln des Sonnenuntergangs.
»Wenn ich heimkomm', wartet er auf mich« hatte sie dabei gedacht. Und als sie die Augen wieder aufschlug, schimmerte ihr das silbrige Lila des Flieders entgegen, der auch damals blühte wie heute. Als sie aber heimkam, hielt ihr der Geliebte einen taukühlen Strauß derselben Blüten entgegen. Und sie hatte ihr Antlitz darin vergraben und zugleich gelacht und geweint. So glückselig war sie gewesen, damals
Etwas Heißes fiel auf ihre Wange, von der Wange auf die Hand, die daran lag. Sie weinte doch nicht?
Wahrhaftig Und wie süß, daß es nicht Tränen der Reue waren 
Der Kellner brachte den bestellten Kaffee. Sie bezahlte sofort und erhob sich. »Die Gnädige geh'n schon?« Er tat erstaunt, aber seine Weltkenntnis glaubte besser unterrichtet zu sein. Die tränennassen Augen und diese Eile »Ein verfehltes Rendezvous«, dachte er. Wenn man so lange Garçon war, verstand man sich auf die Leute und ihre Komödien. Gerade nur, daß man so »tun« mußte. Und natürlich »tat« er so. Das Trinkgeld war ja auch danach.
Schon im Gehen, blieb sie noch einmal steh'n, sah nach der blühendne Hecke zurück  »Könnt' ich  dürft' ich mir nicht einige Fliederzweige von dort mitnehmen?«
»Aber bitte, wozu blüht er denn?«
»Nein, nein«, wehrte sie ab, als er selbst danach greifen wollte. »Ich will ihn pflücken«
»Wie die Gnädige wünschen und soviel Sie wünschen.« Er entfernte sich voll Diskretion. Sie sollte nicht meinen, daß er die »Stammerln« zählen wolle, die sie »zum Andenken« brach. Er glaubte ja ohnehin mehr von ihr zu wissen, als ihr lieb sein konnte.
Als ihr Gatte heimkam, dufteten alle Stuben nach Flieder.
»Du warst wohl draußen?« lächelte er.
»O weit«, nickte sie mit einem feuchten Blick. »So weit, daß du Jahre zurückzählen müßtest, um mich wieder zu finden, in diesem Grün«
Er trat auf sie zu, legte den Arm um ihren Leib. »Und wenn ich's nun doch gewußt hätte  auf den ersten Blick?«
»Nun?« fragte sie. Ihre Augen leuchteten.
»In Dornbach warst du«, erwiderte er leise, »und damit bringst mir den Flieder zurück, den ich dir damals gebracht.«
Das »damals« wurde nicht mehr gesprochen. Es starb in einem Kuß, wie  damals.
»So ein altes Liebespaar« neckte er.
»Ach was« Sie wollte gar nicht aufhören zu küssen. »Jetzt noch deine Augen«
»Wart', du« Er nahm sie auf seine Arme wie ein Kind.
»Laß mich morgen mitreisen« hauchte sie.
»Aber  wenn du willst Nur  Er wollte erwähnen, daß sie ja nicht gepackt habe. Wie sein Blick aber über ihr Antlitz hinging, das ihm mit den geschlossenen Augen entgegendämmerte  bleich und schön schlug ihm ein Herzstoß das Wort von den Lippen. Jetzt  vom Packen reden Wieviel unnötiges Zeug es doch gab auf dieser Welt
Als er am Morgen erwachte, stand ihr Kofferchen schon bereit.
»Ja, Maus«, staunte er, »wann bist denn du schon aufgekrabbelt?«
Sie lächelte bloß. Dann ging alles ritsch-ratsch, wie in den ersten lustigen Tagen ihrer jungen Ehe.
»Ist der Wagen schon da?« fragte sie immer wieder. Endlich, endlich rollte auch der an Eine ganze Weile blieb sie am Fenster stehen  sah nach den Rosen zurück, die noch immer auf ihrer Toilette lagen  auf den Wagen herab  Plötzlich ließ sie selbst mit fester Hand die Rouleaux hernieder, schloß die Fenster, atmete auf  tief, wie erlöst.
Mit dem seligen Blick eines Kindes schritt sie über die Schwelle, die ihr Glück hütete  das reine Glück ihrer Jugend.

Donnerstag, 14. Juni 2012

Auguste Pattberg - Die Höle der heiligen Notburga


Auguste Pattbergs Grab in Heidelberg
Aufnahme von Phaeton1
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Die Höle der heiligen Notburga.
Buchstäbliche Abschrift einer alten Urkunde.

Wann der Chreichgauische Adel vnd also auch die von Gemmingen zur Christlichen Religion von dem Heidenthum bekehrt worden, kan jch jzmahls so Eigentlich nicht wißen. Es braucht mehr Nachforschens, Weil aber Clodoveus Magnus der Franken König, welcher Anno Christi 499 oder 500 ohngefehrt diese Lande mit dem Schwerdt wieder die Alamanier Erobert vnd auff seine Nachkommen Gebracht, durch Antrieb seines Gemalß den Christlichen Glauben Angenommen, von St. Martin getaufft worden vnd solchen aller Orthen jn seinen König Reichen außgebreitet hat, also daß Einhundert jahren darnach, Namlich vmb das jahr Christi 600, wenig Heiden mehr in gantz Allemania oder dem Schwebischen Chreiß ge­funden sondern das Christenthum fast gar eingewurzelt daß Heidenthum aber Extirbiret worden, besiehe Crusium jn annalib9 suevie part. 1. bis 8. pag. 213. so halte ich dafür es habe sich damahlen auch der Adel auff dem Chreichgau sambt jhren Vnderthanen weisen vnd in Christlicher Religion jnformiren laßen gestalten Ein Gericht durch das gantze Landt gehet, es habe König Dagobert Magnus vorgemeldten Königs Clodovei Uhr Uhr Enkel oder Apnepos, welcher vm das Jahr Christi 631 angefangen zu Regiren, eine Dochter gehabt Nahmens Noburg, welcher aus Andacht das Einsiedler oder Eremitten Leben dergestallt beliebt, daß sie sich in eine Höhlin hart am Neccar auf Chreichgauischer Seidten, jn Hochheißemer Gemarkhung, gegen meiner des Authors dieses Buchs Markung über, begeben, Gestalt daß Loch noch diese Zeit jn einem Felßen gewiesen würdt v beriembt ist deroselben habe ein zammer Hirsch täglich von des Königs Tisch von Moßbach auß Speis gebracht, und als der König jhr Hr. Vatter Erfahren wo sie sich aufgehalten, seye es selber zu jhr kommen, sie mit Gewalt bey dem Arm auß dem Loch ziehen wollen dariber sie durch ein sonderlich Miracul denselben Arm hat fahren laßen, vnd also jn der Höhlin blieben, biß Nach jhrem Todt sie zu Hochhaußen jn die Kürken Königlich begraben worden, da daß Grab mit einem schönen Stein vnd Königlicher Cron heutiges Tags zu sehen, darzu auch Etwann Eine grose Wallfahrt gewesen. mehr von dieser History giebt folgendes mier von dem Hornecken von Hornberg zu Hochhaußen Communicirtes Document; ob es wohl weder sigillirt oder subscribiret, so ist doch über hundert jahr alt, vnd stimmbt wegen der personen, so damals gelebt haben, mit der wahrheit überein. Daß jemalß König Dagobert zu Moßpach hof gehalten Curias Regales daselbsten gehalten Privilegia Donationes Ertheilt, ja das er jemals da gewesen, find jch bey keinem beglaubten Author, aber das Document lautet also, wie wohl es sehr falsch geschrieben vnd viel ausgelassen: Zu wissen vnd kundt, daß zu Hochhaußen die heylige jungfrau St. Noburg leibhaft leydt jn der pfarr Kürch des Dorffs, vnd solche jungfrau Königs Dagoberts Dochter gewesen, der nun dan viel Gottesheußer gestifft hat, Namblich Weisenburg, da dann seine Dochter der jungfrauen vorbenannth ein Arm ist, den jhr Vatter jhr außem Leib gezogen hat, dahero das Warzeichen noch am Neccar jn einem Loch, vnd hat solche juncker Eberhard Horneck von Hornberg gesehen erheben, wie Noch lautt, Es ist geschehen Nach Christi Geburdt da man zohltVC vnd XVII jahr am tag des Octobers auf Sonntags jm fünfften jahr des Regiments des allerheylichsten Babst Leo X. hat der Ehrwürdige jn Gott Reinhardt Vnser offen Notarien vnd zeigen wie Noch folgendt geschrieben stehet, welche insonderheit darzu beruffen vnd gebetten sind, auffgethan das Grabe der heylichen Sanct Noburgen, gelegen in der pfarr Kürchen des Dorffs Hochhaußen, vnd Nach dieser oeffnung jst jn dem grab funden der Leib der heylichen jungfrauen Sanct Noburgen vnd das Gebein gelaßen jn dem obgemelten Grab vnversehrt, vnd des, zu wahrer Uhrkundt, sein ohne, alle Hinderniß vnd Schaden, genohmen der Ehrwürdige jn Gottherr Reinhardt Bischoff zu Wormbß ein partickellen von dem Leib der heyligen jungfrau hinden auß dem Rückgrad, vnd daß andere Theil geben zur Rechter Anzeigung dem Edlen und Ehrnvösten Bartholomeus Horneck von Hornberg, Ein Herr der Kürchen vnd des Dorffs Hochhaußen, vnd die Ding seind geschehen jm jahr Nach Christi Gebuhrt am Tag und Monath wie oben gehört ist, dabey ist gewesen in Eigener der Hochwürdige Her Herr Georg Frantz von Krispoltheim vnd probst zu Wimpfen jm Thal X des Stulß zu Rom, vnd der Hochgeredte Doctor Hanß Wacker Ein Canonicy jm Hochstift zu St. Endris zu Wormbs vnd Vicarie des obgemeldten Bisttumbs, auch ist da gewesen der würdig herr Jakob Riß von Sulzbach ein Canonicie des Stiffts zu Wümpfen, auch der Edel vnd Ehrenvöst Bartholmes Horneck von Hornberg, der obgemeldten mit samt seinen Söhnen mit Nahmen Eberhardt Neidhardt Moritz Bartholmes Christoffel Horneck von Hornberg vnd der Edel und Ehrnvöst hanß von Stein vnd der Edle vnd Ehrn vöste Ludwig vnd Wolff Geyling von Altheim Gebrüder auch der Ehrwürdige Herr Baltheser Deichelin pfarrherr zu Ladenburg vnd herr Wendel Cappelan der obgemelten Kürchen auch herr Frümesser dieser Kürchen vnd auch viel andere mehr persohnen Geistlich v. weltliche, die jnsonders darzu beruffen vnd gebetten seyn, vnd des zu wahrer Urkundt haben vnderschrieben der offene geschworne Notarien, mit Nahmen: jch Andreis Gudel, offener geschworner Notary der Keyserlichen Majestet, auch des obgemelten herrn Reinhardth von Gott bischoffen zu Wormbs thue kund vnd offenbahr mit meiner Eigener handschrift diesen Dingen ein Uhrkund wie obgemeldt geschrieben ist vnd vnterschrieben alß Ein Prothocoll.Huc usq. das alte Document Es wirdt zum zweitenmahl jn selbigem Eberhard Horneckens gedacht derselbige hat Eben jahrs zuvor Nehmlich A. 1516 mit meines aldt Vatters Eberhardt von Gemmingen zu Burg Schwester hochzeit gehalten gehabt wie der vorhandene Heurathsbrieff Noch ausweiset, vnd dieses ist die Chreichgauische heyligin von welcher Etwann vor Luthery Reformacion die Arme Leuth dieser Landtzart viel gehalten vnd sich eingebilt haben, sie können jn dem Sommer alle Morgen wan ein Thau liege, jn meinen Acker allhier gegen Eltz gelegen den pfadt Noch spiren, welcher dieser Hirsch wann er die Speiß von des Königs Tisch von Moßpach aus zu diesem Loch der Noburgen gebracht vnd gemacht, von da er durch den Neccar geschwommen. 1

1) Dem Einsender dieser Urkunde meinen Dank und meine Bitte, um Fortsetzung seiner interessanten Beiträge.
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aus: Badische Wochenschrift, No. 16, Sp. 241–244 vom 17. April 1807, Mohr und Zimmer Verlag, Heidelberg, 1807

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Freitag, 8. Juni 2012

Emilie Mataja – Kindheit ein --- Paradies


Emilie Mataja – Kindheit ein – Paradies

Novelle.

aus: Der Nonnengarten, An Anthology of German Women's Writing 1850 - 1907, Edited by Michelle Stott and Josef O. Baker, Waveland Press Inc., Prospect Heights, Illinois, 1997, S. 65ff., neu durchgesehen von ngiyaw eBooks, ohne die amerikanischen Kommentierungen.


Sie ist schlecht geworden. Und niemand hat sich darüber gewundert. Ja, alle haben es kommen sehen. Kaum sechzehn Jahre alt, zählte sie schon zu den Verlorenen, und das verdankte sie ihrer Kindheit, jenem Paradiese, von welchem wir soviel singen und sagen hören. Je nun Für viele ist's ja ein Paradies, nach welchem sie in späterer Zeit, wenn die Pforten längst geschlossen sind, voll Sehnsucht und Rührung zurückschauen. Vaterliebe und Mutterzärtlichkeit, Kindheit, Unschuld und kindliche Freuden. Wie gern und wie voll Rührung denkt man daran, wenn Vater oder Mutter nicht mehr sind, und die kindlichen Freuden sich in große Sorgen umgewandelt haben. Aber dieses Paradies ist nicht für alle. Und sie, die junge Verlorene, würde die Augen weit aufgerissen haben, wenn jemand ihr hätte einreden wollen, daß die Kindheit das Paradies des Lebens sei. »Daß ich ihn nicht auslache, den elenden Lügner« Das würde ihre Antwort gewesen sein.
Im Findelhaus zu Wien ist sie zur Welt gekommen. Anna hat man sie getauft, weil sie just am Annentage das Licht der schönen Welt erblickte. Von jener Mutterseligkeit beim ersten Schrei des Kindes war bei ihrer Geburt nichts zu spüren. Sie war nicht der allerliebste, kleine, rosige Engel, den man anstaunt wie ein Wunder und dessen Füßchen und Händchen man mit Küssen bedeckt – ihre Mutter stieß bloß einen bangen Seufzer aus, als sie hörte, daß die Kleine lebe und vermutlich am Leben bleiben würde. »Soll man sie Anna taufen?« »Meinetwegen, nennt sie, wie ihr wollt. Mir gilt es gleich.« Für sie war jeder Name gut genug. Da war niemand, der darüber nachgesonnen hätte, welcher Name wohl der schönste wäre, um dem Kinde den allerschönsten Namen zu geben; niemand, der sie geliebkost hätte. Die Mutter, eine arme, blutjunge Dienstmagd, weinte in ihre Kissen und schaute das Kind gar nicht an. Der Vater, ein noch militärpflichtiger Bursche, weilte irgendwo in einer Garnison. Er hat sich niemals um sein Kind bekümmert. Das war das Bequemste für ihn. Anna hat niemals erfahren, wie ihr Vater aussieht, ist auch nicht neugierig gewesen, das zu wissen.
Vom Findelhaus kam sie nach Böhmen, in den Heimatsort ihrer Mutter, in die »Kost.« Die Frau, welche sie übernahm, betrieb das Geschäft im Großen. Die meisten der Kostkinder starben ... was kein Wunder war. Ein Wunder war vielmehr, daß eines der Kinder am Leben blieb. Die Mutter zahlte unregelmäßig; das Kind wurde danach behandelt. Es starb nicht – trotz Hunger und Kälte und Prügel und Vernachlässigung aller Art starb es nicht. Es war nicht »zum Umbringen,« wie man sagt. Mehr als das: es entwickelte sich sogar zu einem hübschen und kräftigen kleinen Geschöpfe. Schon in ihrem dritten Jahre konnte man sie zu mancher Arbeit anhalten. Als sie fünf Jahre zählte, schleppte sie bereits die kleineren Kostkinder in der Stube und im Hofe herum. Willig tat sie's nicht. Was aber vermögen Prügel nicht Sie tat's – doch wehe den ihr anvertrauten Kleinen, wenn sie allein mit ihnen war Sie quälte die wehrlosen Schreihälse nach Herzenslust, mit Raffinement. Wer an sich selbst kein Mitleid erfahren hat, kennt auch nicht, es gegen andere zu üben. Sie wußte ja nicht einmal, daß ein Ding, das Mitleid geheißen, auf Erden existiert.
In ihrem sechsten Jahre kam sie »nachhause,« zu ihrer Mutter. Diese hatte sich jetzt entschlossen, sich zu verheiraten. Das Kostgeld für den »Balg« zu zahlen war der Frau lästig; und so nahm sie denn das Kind zu sich ins Haus. Ein fettes Kalb wurde bei Annas Heimkehr nicht geschlachtet. Der Stiefvater ging um sie herum und schaute sie von vorne und von hinten an: »Bist also da. Schön, schön. Groß und stark ist sie. Wird viel essen, kann aber auch arbeiten. Dumm, daß wir sie in die Schule schicken müssen Zuhause könnte man sie zu allerhand gebrauchen. Nun In ihren freien Stunden kann sie dir helfen.«
Das hat sie auch getan ... Die Mutter, noch immer fesch und lebenslustig, gab sich nicht viel mit ihrem Kleinen ab, als es geboren war. Sie liebte den Tanz und fand es langweilig, daheim an einer Wiege zu hocken. Der Mann war lebenslustig, wie sie. Auch den Karten und dem Branntwein war er nicht gram. Es war eine liederliche Wirtschaft ... Oft prügelten sich die Beiden, warfen sich gegenseitig ihre Fehler vor, und der Mann drohte das Weib zu erschlagen, weil sie ihn hintergehe. »Du bist ja immer so gewesen. Ja, sieh' ihn nur an, deinen Balg Füttern muß ich sie und erhalten; ein anderer würde so ein Kuckucksei auf die Straße werfen.«
Solche Worte hörte Anna jeden Tag. Ihr bloßer Anblick hielt die Eifersucht des Stiefvaters wach; sie war ihm verhaßt. Sie war auch der eigenen Mutter verhaßt. Sie mußte sich des Kindes wegen viel gefallen lassen. Das Kind war ihre verkörperte, nicht zu leugnende Schuld. Täglich mußte sie sich diese Schuld an den Kopf werfen lassen. Und wenn sie dem Mann seine Fehler vorhielt, verwies er sie auf das Kind: »Wer solche Aussteuer mit ins Haus bringt, der soll überhaupt den Mund halten.« – »Geh mir aus dem Weg« schrie die Mutter das Mädchen oft wütend an. »Du bist mein Unglück Hab' ich nach dir verlangt? Andere haben es gut – denen sterben die Kinder. Mir aber ist die Last geblieben. Warum gerade mir?«
Dienstmagd war sie im Hause und Kindermagd. Fast jedes Jahr kam eines. Zum Glück, daß hin und wieder eines starb – sonst hätte sie nicht gewußt, wie fertig werden mit ihnen. Aber vier waren doch übrig geblieben und sie waren klein, und sie mußte, wenn der Schulpflicht genügt war, die ganze kleine Schar überwachen und betreuen. Das Kleinste schleppte sie auf dem Arm herum, das Zweitkleinste zerrte sie an der Hand, den beiden Größeren rief sie gellend zu, acht zu geben, wenn sie ihr entwischten und auf die Straße liefen, während sie einen Wagen herbeirollen sah. Nicht, daß sie um der Kinder Leben, deren Gesundheit, deren gerade Glieder gezittert hätte. Aber sie fürchtete sich vor der Verantwortung, der Strafe. Es waren ungezogene Rangen. Sie hatten herausbekommen, was für eine schiefe Stellung das widerwillig geduldete »Kind« im Hause einnehme, und behandelten die Stiefschwester danach. Klage durfte sie nicht führen. Wer hätte ihr Recht gegeben? Wer sie nur angehört? Sie mußte Gott danken, wenn die Kinder nicht sie bei den Eltern verklagten. Und das geschah oft genug. Mit und ohne Grund. Vor den Eltern hatte immer sie unrecht. Und das wußten die Kinder und nützten es aus.
Rechtlos sein Auf der weiten Welt niemanden haben, der uns Gerechtigkeit widerfahren läßt Einmal hat man ihr in der Schule gesagt, daß die Eltern Gottes Stellvertreter auf Erden seien. Und seitdem hat sie nicht wieder beten können. Beten zu einem, der sich solche Stellvertreter erwählt? Ei, das wäre wohl vergebliche Mühe. Der erhört einen ja doch nicht. Weder Katechet noch Lehrer kannten ihre häuslichen Verhältnisse. Sie konnten ihr darum auch nicht sagen, daß Gott sich solche Stellvertreter, wie es ihre Eltern waren, nimmermehr bestellt hatte. Sie verstanden den fragenden, zweifelnden, erbitterten Blick des Kindes nicht, als sie dem kleinen Mädchen das vierte Gebot erklärten und einzuprägen suchten. Wahrscheinlich bemerkten sie den seltsamen Kindesblick nicht einmal. Es waren zu viele in der Klasse. Wie hätten die Lehrer den Charakter jedes einzelnen Kindes kennen und studieren können Dazu gebrach es ihnen an Zeit.
Vielleicht hatte sie einen hellen Kopf; vielleicht würde sie gut und gern gelernt haben. Daheim ließ man ihr ja nicht Zeit, ihre Schulaufgaben zu machen. Und darum blieb sie immer mehr zurück, gehörte zu den schlechtesten Schülerinnen, wurde stets gescholten und bestraft und verlor nach und nach jede Lust am Lernen. Vielleicht hätte sie gut, opferwillig, rechtschaffen werden können. Wer vermag es zu wissen? Was gut in ihr gewesen sein mochte, war von klein auf in ihr erstickt und ausgerottet worden. Niemand hatte sie lieb, und auch sie hatte niemanden lieb. Sie war verschlossen, heimtückisch, falsch, rachsüchtig, grausam. Selten kam ein wahres Wort über ihre Lippen. Und darum wurde sie geprügelt und wieder geprügelt und – merkwürdig – besserte sich doch nicht. Im Gegenteil, sie wurde von Jahr zu Jahr schlimmer.
Als dreizehnjähriges Kind stand sie vor Gericht. Einer der Stiefbrüder hatte sich, durch eigene Unachtsamkeit, empfindlich beschädigt. Aber sie war dabei gewesen. Sie hätte den Jungen beaufsichtigen und ihn vor Schaden bewahren sollen. Ihr Stiefvater züchtigte sie so unbarmherzig, daß die Sache durch Zeugen vor den Richter kam, und der Mann sich seiner Brutalität halber zu verantworten hatte. Sie freute sich auf die Verhandlung. Es gab also noch eine Gerechtigkeit auf dieser Welt. Man nahm sich ihrer an. O gewiß Man würde den Stiefvater ins Zuchthaus sperren und sie nicht länger daheim lassen. Sie hatte die Waisen immer beneidet, die so nett gekleidet und freundlich behandelt Spazierengehen durften. Vielleicht würde man sie ins Waisenhaus tun. Ach das wäre schön.
Sie wußte noch nicht, wie es mit der Gerechtigkeit auf Erden bestellt ist, und daß sie stufenweise verabreicht wird; daß der Stärkste das meiste, der Schwächste das wenigste Recht genießt; daß zuerst der Mann kommt, der wird am ängstlichsten beschützt. Lange nach dem Manne kommt erst die Frau. Nach einem längeren Zwischenräume kommt endlich das Kind und zum Schlusse hinkt – rechtloser, als eine Sache – das Tier einher. Der Stiefvater erhielt einen Verweis, weil er das häusliche Züchtigungsrecht überschritten hatte. Damit entließ man ihn und das Kind. Sie starrte den Richter an und sagte kein Wort. Nun wußte sie, daß sie von keiner Seite etwas zu hoffen hatte, daß die menschliche Gesellschaft so gut ihr Feind war, wie der Vater, der sie verleugnet hatte, die Mutter, die ihr schlimmer als eine Stiefmutter gewesen war.
Und nun ist sie schlecht geworden. Sie war hübsch – vielleicht zu ihrem Unglück. – Heute ist sie verwelkt und verdorben an Leib und Seele, ohne Heim und ohne Familie. Ihre Mutter hat ihr geflucht, und dazu hat sie gelacht. Aber wenn sie auf der Straße gute Mütter mit sorgfältig gepflegten, treu behüteten, munteren Kindern sieht, dann steht sie wohl still und ihre Lippen verziehen sich, als ob sie weinen wollte und es nicht könnte.
Die Kindheit – ein Paradies. Ei freilich, für viele, Gottlob für viele, Reiche und Arme, ist's ein Paradies. Für manche aber eine Hölle.

Samstag, 19. Mai 2012

Lafcadio Hearn – Die Geisha.

Onsen geisha Matsuei

Lafcadio Hearn – Die Geisha.

aus: Lafcadio Hearn, Izumo, Übertragen von Berta Franzos, Literarische Anstalt Rütten & Loening, Frankfurt am Main, 1907, S. 118ff.


Es gibt nichts Stilleres als den Beginn eines japanischen Banketts, und — mit Ausnahme eines Eingeborenen — könnte sich niemand, der einem solchen zum erstenmal beiwohnt, einen Begriff von seinem tumultuösen Ende machen.
Geräuschlos treten die geputzten Gäste ein und lassen sich schweigend auf ihren Sitzpolstern nieder. Mädchen, deren nackte Füße lautlos durch das Zimmer gleiten, stellen das lackierte Service auf die Matten vor sie hin. Eine Zeitlang ist alles ein bloßes Hin und Her, ein Wogen und Lächeln wie im Traum. Auch von draußen dringt wohl kaum ein Laut herein, da ein Bankett-Haus gewöhnlich durch einen großen Garten von der Straße getrennt ist. Endlich bricht der Zeremonienmeister, der Gastgeber oder der Arrangeur das allgemeine Schweigen mit der üblichen Formel: »O-somatsu de gozarimasu ga! — dōzo o-hashi!«, worauf alle Anwesenden sich schweigend verneigen, ihre »Hashis« (Eßstäbchen) ergreifen und zu essen beginnen. Aber die geschickt gehand­habten »Hashis« machen auch kein Geräusch. Die Mädchen schenken jedem Gast heißen Sake in seine Schale, und erst nachdem mehrere Schüsseln und Schalen geleert worden, lösen sich die Zungen ein wenig. Dann treten unversehens einige junge Mädchen mit leisem Lachen ein, grüßen in der üblichen Weise, indem sie sich tief zur Erde neigen, gleiten in den offenen Raum zwischen den Reihen der Gäste und beginnen den Wein mit einer zier­lichen Anmut und Geschicklichkeit zu kredenzen, deren ein gewöhnliches Mädchen nicht fähig wäre.
Sie sind hübsch, in kostbare Seidengewänder ge­kleidet, wie Königinnen gegürtet, und ihr schon frisiertes Haar ist mit künstlichen Blumen, mit wun­derbaren Kämmen und Nadeln und seltsamem goldenem Zierrat geschmückt. Sie begrüßen den Fremden wie einen alten Bekannten, sie scherzen und lachen und stoßen drollige kleine Laute aus. Es sind die für das Bankett engagierten Geishas oder Tänzerinnen.1
Samisen2 ertönen — die Tänzerinnen begeben sich in einen freien Raum im Hintergrund der Banketthalle, die immer groß genug ist, um mehr Gäste zu fassen, als sich bei gewöhnlichen Anlässen zu versammeln pflegen. Einige bilden unter der Führung einer Frau von mittlerem Alter das Orchester; dieses besteht aus mehreren Samisen und einer niedlichen, von einem Kind geschlagenen Trommel. Andere, entweder einzeln oder in Paaren, führen den Tanz aus. Dieser kann schnell und fröhlich sein und auch bloß aus anmutigen Posen bestehen, — zwei Mädchen tanzen zusammen mit einer solchen Gleichzeitigkeit der Schritte und Gesten, wie sie nur jahrelange Übung erzielen kann. Aber weit häufiger ist es mehr ein Agieren, als das, was wir Abendländer tanzen nennen würden. Ein Agieren, begleitet von seltsamen Bewegungen der Ärmel und Fächer, und mit einem Augen- und Mienenspiel, süß, zart, be­herrscht, ganz und gar orientalisch. Die Geishas kennen auch wollüstigere Tänze, aber bei gewöhn­lichen Anlässen und vor einem gewählten Publikum veranschaulichen sie schöne, alte japanische Über­lieferungen, wie die Legende von dem Fischerknaben Urashima, dem Geliebten der Tochter des Meer­gottes, und dazwischen singen sie altchinesische Lieder, die schlichte menschliche Empfindungen mit köstlicher Lebhaftigkeit in wenigen Worten schildern. Und immer füllen sie die Becher von neuem mit Wein — dem warmen, blaßgelben, be­täubenden Wein, der wohlig durch die Adern rieselt, uns mit traumhaftem Schleier umwebend, der das Alltägliche wundersam, die Geishas zu Paradieses­mädchen macht und die Welt weit wonniger er­scheinen läßt, als es nach der gewöhnlichen Ordnung der Dinge möglich wäre.
Das anfänglich so schweigsame Bankett steigert sich allgemach zu einem lustigen Tumult. Die Reihen lösen sich,: es bilden sich Gruppen, und lachend und plaudernd gehen die Geishas von Gruppe zu Gruppe, immer Sake einschenkend, die geleerten Becher wieder füllend, die mit tiefen Ver­beugungen immer von neuem entgegengenommen und gewechselt werden.3 Männer stimmen alte Sa­murai-Gesänge und altchinesische Lieder an, ein oder zwei tanzen sogar. Die Samisen intonieren die lebhafte Melodie »Kompira fune fune«, eine Geisha schürzt ihr Kleid bis zu den Knien auf. Beim Klange der Musik beginnt die Tänzerin in hurtigem Lauf die Figur 8 zu beschreiben, und ein junger Mann mit einer Sakeflasche und einem Becher be­schreibt dieselbe Figur. Treffen dann die beiden in einer Linie zusammen, so muß der, durch dessen Schuld das Zusammentreffen geschah, einen Becher Sake leeren. Die Musik wird rascher und rascher und der Lauf der Tänzer schneller und schneller, denn sie müssen mit der Musik Takt halten. Und die Geisha gewinnt fast immer. In einem andern Teil der Halle spielen Gäste und Geishas »Ken«. Während sie spielen, singen sie und blicken sich ins Gesicht, klatschen in die Hände und schnellen in kleinen Zwischenräumen mit leisem Gekicher ihre Finger in die Luft Und die Samisen halten Takt.
Chotto, — don-don!
O-tagai da ne;
Chotto, — don-don!
Oidemashita ne;
Chotto, — don-don!
Shimaimashita ne.

* * *

Mit einer Geisha Ken zu spielen, erfordert einen kühlen Kopf, ein gutes Auge und sehr viel Übung. Von Kindheit an geschult, alle Arten von Ken zu spielen — und es gibt deren viele — verliert sie gewöhnlich nur aus Artigkeit — wenn sie über­haupt verliert.
Die Zeichen eines gewöhnlichen Ken sind ein Fuchs, ein Mann und eine Flinte. Macht die Geisha das Zeichen der Flinte, muß allsogleich und genau im Takte mit der Musik, das Zeichen des Fuchses folgen, der die Flinte nicht handhaben kann. Denn machst du das Zeichen des Mannes, so wird sie mit dem Zeichen des Fuchses antworten, der den Mann überlisten kann, und du verlierst. Und macht sie das Zeichen des Fuchses zuerst, dann müßtest du das Zeichen der Flinte machen, mit der der Fuchs getötet werden kann. Aber während alledem mußt du ihre glänzenden Augen und ihre geschmeidigen Hände ansehen, — sie sind hübsch — und läßt du dich auch nur für den Bruchteil einer Sekunde hinreißen, daran zu denken, wie hübsch sie sind, bist du berückt und besiegt.
Aber all dieser scheinbaren Kameradschaftlichkeit ungeachtet wird bei einem japanischen Bankett ein gewisses strenges Dekorum zwischen Geishas und Gästen gewahrt. Wie erregt durch den Wein ein Gast auch geworden sein mag, er wird niemals versuchen, ein Mädchen zu liebkosen, er wird nie außer acht lassen, daß sie beim Bankett nur wie eine menschliche Blume angesehen werden soll, an deren Anblick man sich wohl erfreuen, die man aber nicht berühren darf. »Die Familiarität, die sich fremde Touristen oft in Japan mit Geishas oder Auf­wärterinnen erlauben, ist — obgleich mit lächelnder Langmut geduldet, in Wahrheit sehr verpönt, und wird von den Eingeborenen als ausgesprochen vulgär angesehen.

* * *

Eine Zeitlang nimmt die Fröhlichkeit immer mehr zu, aber gegen Mitternacht schleicht sich ein Gast nach dem andern unbemerkt fort. Dann verstummt das Getöse allmählich, die Musik hält inne, und schließlich, nachdem die Geishas mit dem lachenden Rufe »Sayōnara« die letzten Gäste zur Türe hinausgeleitet haben, dürfen sie sich endlich ruhig miteinander hinsetzen, um in der verödeten Halle ihr langes Fasten zu brechen.
Dies ist die Rolle der Geisha. Aber, was ist ihr Geheimnis? Wie sind ihre Gedanken, ihre Empfindungen, ihr innerstes Selbst? Was ist ihr wirk­liches Dasein, fern von dem nächtlichen Festglanz der Banketthallen, fern von der Illusion, die der Weindunst um sie webt? Ist sie immer so mut­willig, wie sie scheint, während ihre Stimme mit spöttischer Süßigkeit die Worte des alten Liedes singt:

Kimi to neyaru ka, go sen goku tont ka?
Nanno go sen goku kimi to neyo.4

Oder können wir glauben, sie wäre fähig, die leidenschaftliche Verheißung zu erfüllen, die sie so köstlich verkündet:

Omae shindara tera e wa yaranu!
Yaite ko-ni shite sake de nomu.5

Nun, was das betrifft, so sagt mir mein Freund, O-Kama aus Osaka habe das Liedchen erst im vorigen Jahre wahr gemacht, denn nachdem sie die Asche ihres Geliebten vom Holzstoß eingesammelt hatte, mischte sie sie mit Sake und trank sie bei einem Bankett in Gegenwart vieler Gäste. In Gegen­wart vieler Gäste! Ach, um die Romantik!
In der Wohnung, die eine Gruppe Geishas innehat, befindet sich immer eine seltsame Figur in der Nische. Manchmal ist sie aus Ton, seltener aus Gold, am häufigsten aus Porzellan. Man verrichtet seine Andacht vor ihr und bringt ihr Gaben dar — Süßigkeiten, Reis, Brot und Wein; Weihrauch glimmt davor und eine Lampe brennt darunter. Es ist das Bild eines aufrecht stehenden Kätzchens, das die eine Pfote wie einladend ausstreckt; daher sein Name »das winkende Kätzchen«.6 Es ist der Genius loci, es bringt Glück, den Schutz der Reichen, die Gunst der Gastgeber. Nun, diejenigen, die die Seele der Geisha kennen, bestätigen, daß das Bild ein Symbol ihres Selbst ist. Spielerisch und hübsch, sanft und jung, biegsam und liebkosend, schmiegsam und grau­sam, wie ein verzehrendes Feuer.
Sogar Schlimmeres als dies hat man von ihr gesagt: In ihrem Schatten schreitet der Gott der Armut, und die Füchsinnen sind ihre Schwestern; sie ist das Verderben der Jugend, die Vergeuderin des Wohlstandes, die Zerstörerin der Familien, sie kennt die Liebe nur als den Quell der Torheiten, die ihr Gewinn sind, und bereichert sich auf Kosten der Männer, die sie in den Tod getrieben hat — sie ist die abgefeimteste aller hübschen Heuch­lerinnen, die unersättlichste aller Käuflichen, die gefährlichste aller Glücksjägerinnen, die erbarmungs­loseste aller Geliebten. Dies kann nicht alles wahr sein — aber so viel ist wahr, daß die Geisha ihrer Beschaffenheit nach gleich der Katze ein Raubtier von Beruf ist. Es gibt freilich viele liebliche Kätz­chen — ebensowohl muß es auch eine Menge entzückender Geishas geben.
Die Geisha ist nur das, wozu sie der törichte menschliche Wunsch nach der Illusion einer Liebe voll Reiz und Genuß, aber ohne Skrupeln und Ver­antwortlichkeit gemacht hat, und darum hat man sie gelehrt, außer mit dem »Ken« auch noch mit Herzen zu spielen. Nun ist es aber ein ewiges Gesetz in diesem irdischen Jammertal, daß man mit allen Dingen spielen kann, außer mit dreien, und diese sind: Liebe, Leben und Tod. Dies haben die Götter sich selbst vorbehalten, weil sonst niemand damit spielen kann, ohne Unheil anzurichten. Mit Geishas irgend ein ernsteres Spiel zu spielen als Ken oder etwa Go, mißfällt deshalb den Göttern.

* * *

Das Mädchen beginnt seine Laufbahn als Sklavin, — ein hübsches Kind, blutarmen Eltern abgekauft auf Grund eines Kontraktes, nach dem ihre Leistungen von dem Käufer 18, 20, ja selbst 25 Jahre lang beansprucht werden können. Sie wird in einem nur von Geishas bewohnten Hause ge­nährt, gekleidet und erzogen und verbringt den Rest ihrer Kindheit unter strenger Zucht. Man unterweist sie in guter Lebensart, in Anmut, höflicher Rede, sie hat täglich Tanzstunde, und muß eine Menge von Liedern mit den Melodien auswendig lernen. Auch Spiele muß sie lernen, das Servieren bei Banketten und Hochzeiten, die Kunst, sich an­zuziehen und schön auszusehen. Jede physische An­lage, die sie besitzt, wird sorglich ausgebildet. Dann folgt der Unterricht in verschiedenen Musikinstru­menten: zuerst kommt die kleine Trommel (die Tsu-zumi), deren Behandlung sehr viel Übung erfordert. Dann lernt sie ein wenig auf der Samisen spielen mit einem Plektrum von Schildpatt oder Elfenbein. Mit acht oder neun Jahren wirkt sie bei Banketten mit — hauptsächlich als Trommelschlägerin. Sie ist dann das reizendste kleine Geschöpfchen, das man sich denken kann, und versteht schon zwischen zwei Schlägen auf ihrer Trommel deine Weinschale mit einem einzigen Neigen der Flasche vollzuschenken, ohne auch nur einen Tropfen zu verschütten.
Später wird ihre Lehrzeit grausamer. Ihre Stimme mag biegsam genug sein, aber sie entbehrt vielleicht der erforderlichen Stärke. In den eisigsten Winternächten muß sie daher auf das Dach ihres Wohnhauses steigen und dort singen und spielen, bis ihre Hände erstarren und die Stimme in ihrer Kehle erlischt. Das angestrebte Resultat ist eine fürchterliche Erkältung. Nach einer Periode heiseren Flüsterns erstarkt die Stimme und verändert ihre Klangfarbe. Nun erst ist sie reif, eine öffentliche Sängerin zu werden.
In dieser Eigenschaft tritt sie gewöhnlich im Alter von zwölf oder dreizehn Jahren zum ersten Male auf. Ist sie Hübsch und gewandt, so werden ihre Dienste häufig verlangt, ihre Leistungen gut bezahlt (wohl zwanzig bis fünfundzwanzig Sen für die Stunde). Dann erst fangen ihre Käufer an, sich für all die für ihre Ausbildung aufgewendeten Kosten und Mühen schadlos zu halten. Und sie sind selten geneigt, sich großmütig zu erweisen. Auf Jahre hinaus legen sie auf alles, was sie einnimmt, Beschlag — sie besitzt nichts — nicht einmal ihre Kleider.
Mit siebzehn oder achtzehn Jahren hat sie ihren künstlerischen Ruf begründet. Sie hat vielen hundert Unterhaltungen beigewohnt und kennt alle wich­tigen Persönlichkeiten ihrer Vaterstadt — den Charakter jedes einzelnen, die Geschichte eines jeden. Ihr Leben war fast ausschließlich ein Nachtleben — selten nur hat sie den Sonnenaufgang gesehen, seit­dem sie Tänzerin geworden ist. Sie hat gelernt, Wein zu trinken, ohne jemals den Kopf zu verlieren; und dann auch, wenn es darauf ankommt, sieben und acht Stunden zu fasten. Sie hat viele Lieb­haber gehabt — denn in gewissem Maße steht es ihr frei, jedem zuzulächeln, der ihr gefällt, aber man hat sie vor allem gelehrt, ihre Zauberkraft zum eigenen Vorteil auszunutzen. Sie hofft, jemanden zu finden, der erbötig und imstande sein wird, ihre Freiheit zu erkaufen, — dieser Jemand würde je­doch sicherlich viele neue und ausgezeichnete Wahr­heiten in jenen buddhistischen Texten entdecken, die von der Torheit der Liebe und der Wandelbar­keit aller menschlichen Beziehungen erzählen.
Auf diesem Punkt ihrer Laufbahn ist es wohlgetan, die Geisha zu verlassen, denn späterhin mag sich ihre Geschichte unerfreulich gestalten, es sei denn, daß sie jung stirbt. Geschieht dies, wird ihr die Totenfeier ihrer Klasse zuteil, und die Erinnerung an sie wird durch verschiedene seltsame Riten be­wahrt werden.

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Schlenderst du gelegentlich zu nächtlicher Stunde durch japanische Straßen, so mag es geschehen, daß seltsame Musiklaute an dein Ohr schlagen — Samisengeklimper, vermischt mit schrillem Gesang von Mädchenstimmen ertönt aus dem großen Tor eines Buddha-Tempels, — was dir als ein seltsames Zusammentreffen erscheinen mag. Der tiefe Hof ist von einer lauschenden Zuschauermenge erfüllt. Hast du dich dann durch das Gewühl auf der Tempelstiege durchgedrängt, so siehst du im Innern auf den Matten zwei Geishas sitzen, die spielen und singen, während eine dritte vor einem kleinen Tischchen tanzt. Auf dem Tisch steht ein Ihai (ein Sterbetäfelchen), und vor dem Täfel­chen brennt eine kleine Lampe, und Weihrauch entströmt einer kleinen Bronzeschale. Eine kleine Mahlzeit steht davor — Früchte und Zuckerwerk —, eine Mahlzeit, wie man sie bei festlichen Gelegen­heiten den Toten darzubringen pflegt. Du erfährst, daß das Kaimyō auf dem Täfelchen das einer Geisha ist, und daß die Genossinnen der Verblichenen sich an bestimmten Tagen im Tempel versammeln, um ihren Geist mit Gesängen und Tänzen zu erheitern. Jeder, dem es beliebt, darf dieser Zeremonie beiwohnen.

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Aber die Tänzerinnen der alten Zeit waren nicht wie die Geishas von heutzutage. Manche von ihnen nannte man Shirabyōshi, und ihre Herzen waren nicht allzu hart.
Sie waren schön — sie trugen seltsam geformte goldstrotzende Hauben und prächtige kostbare Ge­wänder und tanzten mit Schwertern in den Palästen von Fürsten.
Und von einer ist eine alte Geschichte überliefert, die wohl wert ist, hier verzeichnet zu werden.
In früheren Zeiten war es in Japan für junge Künstler Brauch und es ist es noch heute, die ver­schiedenen Provinzen des Kaiserreiches zu Fuß zu durchstreifen, um die berühmten Landschaftsszene­rien kennen zu lernen und zu skizzieren und die Kunstgegenstände in den buddhistischen Tempeln zu studieren, von denen viele in herrlichen Gegenden stehen.
Solchen Wanderungen danken wir hauptsächlich jene wundervollen Landschaftsbilderbücher und Stu­dien aus dem Leben, die jetzt so selten geworden sind, und die uns besser als irgend etwas sonst zeigen, daß nur ein Japaner japanische Landschaften malen kann. Hat man sich mit der Art und Weise, wie sie ihre eigene Natur interpretieren, vertraut gemacht, so werden einem fremde Versuche auf demselben Gebiete seltsam flach und seelenlos er­scheinen. Der fremde Künstler gibt realistische Spiegelbilder dessen, was er sieht. Aber er gibt nicht mehr. Der japanische Künstler gibt das, was er fühlt, — die Stimmung einer Jahreszeit, die genaue Empfindung einer Stunde und eines Ortes; seinem Werk wohnt eine suggestive Kraft inne, die in der abendländischen Kunst selten zu finden ist. Der abendländische Maler gibt minutiöse Details. Aber sein orientalischer Bruder unterdrückt oder idealisiert das Detail, — taucht die Fernen in Nebel, um­schlingt seine Landschaften mit Wolken, gestaltet seine Erfahrung zu einer Erinnerung, in der nur das Seltsame und Schöne mit seinen Empfindungen fortlebt. Er übertrifft die Phantasie, stachelt sie an, schärft gleichsam ihr Verlangen nach dem Reiz, der nur blitzartig angedeutet wurde. Aber in solchen Andeutungen vermag er wie durch Magie das Gefühl einer Zeit, den Charakter eines Ortes auf dich zu übertragen. Er ist mehr ein Maler der Erinnerungen und Empfindungen, als der scharf umrissenen Realitäten, — und darin liegt das Geheimnis seiner erstaunlichen Macht, einer Macht, die nur von dem ganz gewürdigt werden kann, der die Szenerien seiner Inspirationen aus eigener Anschauung kennt. Vor allem ist er unpersönlich, — seine menschlichen Figuren sind aller Individualität entkleidet, aber sie haben un­vergleichlichen Wert als typische Verkörperungen des Charakteristischen einer Klasse: der kindischen Neu­gierde des Bauern, mädchenhafter Schüchternheit, der Zaubergewalt der Joro, des selbstbewußten Samurai, der drolligen, unbeholfenen Kinderschönheit, der re­signierten Milde des Alters. Reisen und Beobach­tung waren die Einflüsse, die diese Kunst ent­wickelt haben, — sie war nie eine Atelierpflanze.

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Vor vielen Jahren machte ein junger Kunst­schüler eine Fußwanderung über die Berge von Kyōto nach Yedo. Dazumal gab es nur sehr wenige und schlechte Straßen, und das Reisen war im Ver­gleich mit heute so mühselig, daß ein Sprichwort im Umlauf war: »Kawai ko wa tabi wo sase« (ein verzogenes Kind sollte man eine Reise tun lassen). Aber das Land selbst war ebenso wie heute. Da waren dieselben Zedern- und Föhrenwälder, dieselben Bambushaine, dieselben Dörfer mit den hochgiebeligen Binsendächern, dieselben terrassenförmig aufsteigenden Reisfelder mit den verstreuten großen gelben Strohhüten der Bauern, die sich zu Boden neigten. Dieselben Jizōstatuen lächelten am Weg­rain auf die Pilger hernieder, die zu den Tempeln wallten. Und damals wie jetzt konnte man an Sommertagen nackte braune Kinder sich in den seichten Flüssen tummeln, und alle Flüsse der Sonne zulachen sehen.
Der junge Künstler nun war kein Kawai ko: er war schon sehr viel gereist, gegen Strapazen und harte Nachtlager abgehärtet und Meister in der Kunst, sich in jede Lage zu schicken. Auf dieser Reise aber fand er sich eines Abends nach Sonnenuntergang in eine Gegend verschlagen, die so welt­fern und abgetrennt von jeder Kultur schien, daß er glaubte, alle Hoffnung auf Unterkunft aufgeben zu müssen. Bei seinem Versuche, den Weg über einen Bergabhang abzuschneiden, hatte er die Richtung verloren.
Es war eine mondlose Nacht, und die Föhrenschatten verdunkelten alles ringsum noch mehr. Die Gegend, in die er verschlagen war, schien voll­kommen unwirtlich. Kein Laut war vernehmbar, nur das Rauschen des Windes in den Föhrennadeln und das unaufhörliche Schellengeläute der Glöckcheninsekten. Er stolperte weiter, in der Hoffnung, an irgend ein Flußufer zu kommen, an dem er ent­langgehend eine Ansiedelung erreichen könnte. Plötzlich kreuzte ein Strom seinen Weg; aber er sah, daß seine reißenden Wasser sich zwischen Felsen in eine Bergschlucht ergossen. So am weiteren Vordringen gehindert, beschloß er, den nächsten Gipfel zu erklettern, um von dort viel­leicht irgend ein Zeichen menschlichen Lebens er­spähen zu können. Aber am Ziele angelangt, sah er nichts weiter als wiederum Hügelmassen.
Schon hatte er sich darein ergeben, die Nacht unter freiem Himmel zubringen zu müssen, da ge­wahrte er in einiger Entfernung unten am Hügel­abhang einen vereinzelten gelben Lichtschimmer, der offenbar aus irgend einer Heimstätte kam. Er ging dem Lichte nach und entdeckte bald eine kleine Hütte, — offenbar einen Bauernhof. Das Licht, das er gesehen hatte, drang durch eine Spalte der geschlossenen Sturmläden. Er beschleunigte seine Schritte und klopfte an die Eingangspforte.
Erst nachdem er mehrmals geklopft und ge­rufen hatte, vernahm er endlich ein Lebenszeichen von innen, und dann fragte eine Frauenstimme nach seinem Begehr. Die Stimme war ungewöhnlich wohllautend, und die Sprache der unsichtbaren Fragerin überraschte ihn, denn sie sprach in dem ver­feinerten Idiom der Hauptstadt. Er sagte, er sei ein fahrender Kunstschüler, der sich in den Bergen verirrt habe, und womöglich hier Unterkunft für die Nacht und einen kleinen Imbiß zu erhalten wünschte, aber wenn solches hier nicht möglich wäre, würde er für die Auskunft, wie er das nächste Dorf er­reichen könnte, sehr dankbar sein; und, fügte er hinzu, er sei in der Lage, die Dienste eines Führers zu entlohnen. Die Frauenstimme stellte ihrerseits verschiedene Fragen, die großes Erstaunen darüber ausdrückten, daß jemand von der angegebenen Rich­tung aus das Haus habe auffinden können. Aber offenbar zerstreuten seine Antworten jedes Miß­trauen, denn die Herrin des Hauses sagte ent­schlossen: »Ich komme gleich — es wäre schwer für Euch, noch heute ein Dorf zu erreichen, und der Pfad ist gefährlich.« Nach einer kurzen Pause wurde die Sturmtüre zurückgeschoben, und eine Frau erschien mit einer Papierlaterne, die sie so emporhielt, daß ihr Licht auf das Antlitz des Fremden fiel, während ihr eigenes im Schatten blieb. Sie musterte ihn schweigend und sagte kurz: »Wartet, ich will Wasser bringen.« Sie holte ein Wasserbecken, stellte es auf die Türschwelle und bot dem Gaste ein Handtuch. Er streifte seine Sandalen ab, wusch den Reisestaub von seinen Füßen und wurde dann in ein nettes Zimmer geführt, das den ganzen Innenraum einzunehmen schien, mit Ausnahme eines kleinen abgegrenzten Raumes im Hintergrund, der als Küche diente. Ein baumwollener Zabuton wurde vor ihm ausgebreitet und ein Feuerbecken vor ihn hingestellt.
Da erst hatte er Gelegenheit, seine Wirtin anzusehen, und er war von der Schönheit ihrer Züge be­troffen. Sie mochte wohl drei oder vier Jahre älter sein als er selbst, prangte aber in holdester Jugend­blüte, — sicherlich war sie kein Landmädchen. Mit derselben süßen Stimme wie vorher sagte sie zu ihm: »Ich bin jetzt allein und empfange hier niemals Gäste. Aber es wäre gefährlich für Euch, noch heute Eure Reise fortzusetzen. Wohl sind einige Bauern­häuser in der Nachbarschaft, aber Ihr könnt den Weg zu ihnen im Dunkel und ohne Führer nicht finden. So ist es also das beste, Ihr bleibt bis morgen hier. Ihr werdet es freilich nicht behaglich haben, aber ein Bett kann ich Euch immerhin bieten. Gewiß habt Ihr auch Hunger, aber leider sind nur einige Shōjin-ryōri7 da und nicht die allerbesten, — Ihr müßt eben vorlieb nehmen.«
Dem müden und hungrigen Reisenden war das freundliche Anerbieten hochwillkommen. Die junge Frau entzündete ein kleines Feuer, richtete schwei­gend einige Schüsseln an: gedämpfte Na-Blätter, ein wenig Aburage, etwas Kampyo und eine Schüssel groben Reis, — und setzte das Mahl mit einer Ent­schuldigung wegen seiner frugalen Beschaffenheit vor ihn hin. Aber während er aß, sprach sie kaum ein Wort, und ihre zurückhaltende Art machte ihn be­fangen. Da sie die wenigen Fragen, die er zu stellen wagte, nur mit einem leichten Kopfneigen oder ein­silbig beantwortete, verstummte auch er bald.
Indessen war es ihm nicht entgangen, daß das kleine Haus spiegelblank war und die Gefäße, in denen die Speisen für ihn aufgetragen wurden, in makelloser Reinheit glänzten. Die wenigen einfachen Gegenstände in dem Gemach waren hübsch, die Fusuma des Oshiire und der Zendana8 waren zwar bloß aus weißem Papier, aber mit großen, wunder­bar gemalten chinesischen Schriftzeichen dekoriert; die dem Gesetz dieser Dekoration entsprechend, die Lieblingsthemen der Dichter und Künstler darstellten:
Frühlingsblumen, Berg und Meer, Sommerregen, Himmel und Sterne, Herbstmond, Flußwasser und Herbstbrise. Auf einer Seite des Zimmers stand eine Art niedrigen Altars mit einem Butsudan, durch dessen winzige, lackierte, geöffnete Türen man im Innern ein Sterbetäfelchen sah, vor dem zwischen Feldblumen ein Lämpchen brannte. Über diesem Hausaltar hing ein Bild von ungewöhnlichem Wert, die Gnadengöttin darstellend, mit dem Mond als Aureole.
Nachdem der Schüler sein kleines Mahl beendet hatte, sagte die junge Frau: »Ich kann Euch kein gutes Bett anbieten, und es ist auch nur ein Moskito-Vorhang aus Papier vorhanden. Das Bett und den Vorhang benütze ich sonst selbst, aber heute nacht habe ich vielerlei zu tun und werde keine Zeit zum Schlafen haben. Ich bitte Euch daher, zu versuchen, es Euch so bequem zu machen, als es eben geht.«
Er begriff, daß sie aus irgend einem seltsamen Grunde ganz allein war und ihm unter einem freund­lichen Vorwand ihr einziges Bett überlassen wollte. Er verwahrte sich eifrig gegen ein solches Übermaß von Gastfreundschaft und versicherte ihr, daß er überall auf dem Boden ebenso gut schlafen könnte und daß die Moskitos ihn nicht im mindesten genieren würden. Aber sie erwiderte im Tone einer älteren Schwester, daß er sich ihren Wünschen fügen möge. Sie habe wirklich etwas zu tun, es mache ihr gar keine Ungelegenheiten, und sie erwarte von seiner Ritterlichkeit, daß er sie gewähren lasse, wie es ihr am besten dünkte. Nun konnte er sich nicht länger weigern, da bloß ein Zimmer vorhanden war. Sie breitete die Matratze auf den Boden, holte ein Holzkissen herbei, hängte einen Papier-Moskito-Vorhang auf, stellte einen großen Schirm auf der Bettseite gegen den Butsudan auf und wünschte ihm dann in einer Weise gute Nacht, die deutlich ihren Wunsch verriet, er möchte sich gleich zurückziehen. Dies tat er auch, aber nicht ohne Gewissensbisse zu empfinden bei dem Ge­danken an alle die Mühe und Unruhe, die er ihr, wenn auch wider Willen, verursacht hatte.

* * *

So sehr es dem jungen Reisenden widerstrebte, eine Freundlichkeit anzunehmen, die das Opfer der Nachtruhe seiner Wirtin notwendig machte, so konnte er sich doch eines unsagbaren Wohlgefühles nicht erwehren, als er seine Glieder ausstreckte. Er hatte seinen Kopf auch kaum auf das Polster gelegt, als der Schlaf ihn schon übermannte und alle Be­denken verscheuchte.
Es schien jedoch nur eine kleine Weile vergangen zu sein, als er durch ein seltsames Geräusch er­wachte. Es war sicherlich das Geräusch von raschen erregten Schritten. Da durchfuhr ihn der Gedanke, daß vielleicht Räuber in das Haus gedrungen sein könnten. Er für sein Teil hatte wenig zu fürchten, denn er hatte wenig zu verlieren. Seine Angst galt nur der liebenswürdigen Frau, die ihm Gastfreund­schaft gewährt hatte.
Auf jeder Seite des Papier-Moskito-Vorhangs war ein kleines braunes, viereckiges Netzstückchen eingefügt, wie ein kleines Guckloch, und er mühte sich, durch eines derselben hinauszulugen. Aber der hohe Schirm stand zwischen ihm und dem, was möglicherweise vor sich ging. Schon wollte er rufen, aber dieser Impuls wurde durch das Be­denken unterdrückt, daß es im Falle wirklicher Ge­fahr zugleich nutzlos und unklug sein würde, seine Anwesenheit zu verraten, ehe er sich über die Sach­lage klar geworden war. Das Geräusch, das ihn auf­geschreckt hatte, dauerte fort und wurde immer ge­heimnisvoller. Er entschloß sich also, der Gefahr entgegenzugehen und, wenn nötig, sein Leben zur Verteidigung seiner Wirtin zu wagen. Hastig seine Gewänder emporraffend, schlüpfte er unter dem Pa­piervorhang hervor und kroch bis an den äußersten Rand des Schirmes, um zu spähen. Was er sah, ließ ihn aufs höchste erstaunen.
Vor dem erleuchteten Butsudan, — prächtig angetan mit golddurchwirkten Gewändern, tanzte das junge Weib ganz allein. Ihr Kostüm erkannte er als das einer Shirabyōshi, obwohl es weit reicher war, als er es je bei einer berufsmäßigen Tänzerin gesehen hatte. Wundersam durch diese Kleider­pracht gehoben, schien ihre Schönheit in dieser geisterhaften Stunde und Umgebung fast überirdisch. Aber noch wundersamer dünkte ihm ihr Tanz. Einen Augenblick fühlte er sich von unheimlichen Zweifeln überkommen, — die abergläubischen Vor­stellungen der Bauern, die Legenden von Fuchs­frauen schossen ihm durch den Sinn, — aber der Anblick des buddhistischen Altars, des heiligen Bildes verscheuchte die Anwandlung, und er schämte sich seiner Torheit. Gleichzeitig wurde er sich aber auch bewußt, daß er etwas beobachte, dessen An­blick die junge Frau ihm nicht gewähren wollte, und daß es seine Pflicht als Gast war, sich allsogleich wieder hinter den Schirm zurückzuziehen. Aber das Schauspiel bannte ihn. Er fühlte mit einer Freude, die nicht geringer war als sein Staunen, daß er die vollkommenste Tänzerin vor sich hatte, die er je ge­sehen, und je mehr er schaute, desto mehr bestrickte und fesselte ihn der Zauber ihrer Anmut.
Plötzlich hielt sie inne, mit wogender Brust, und indem sie sich beim Raffen des Überkleides zurück­wendete, fuhr sie heftig betroffen zusammen, als ihre Augen den seinigen begegneten. Er erschöpfte sich in Entschuldigungen, — erzählte ihr, wie er durch plötzliches Fußgetrippel aus dem Schlaf geschreckt, in Unruhe versetzt worden sei, haupt­sächlich ihrethalben wegen der späten Nachtstunde und der einsamen Lage des Hauses. Dann gestand er seine Überraschung über das, was er gesehen, und sprach davon, wie ihn das Schauspiel ge­fesselt habe. »Ich bitte Euch, meine Neugierde zu verzeihen,« fuhr er fort, »denn ich kann mir nicht erklären, wer Ihr seid und auf welche Weise Ihr eine so wunderbare Tänzerin werden konntet. Ich habe alle Tänzerinnen von Saikyō gesehen, aber unter den allergefeiertsten in dieser Kunst ist Euch keine gleichgekommen. Und von dem Moment, da ich Euch zuzusehen begann, waren meine Augen wie gebannt, und ich konnte sie nicht mehr ab­wenden.«
Anfänglich schien sie ungehalten, aber im Verlauf seiner Rede veränderte sich ihr Gesichtsaus­druck, sie lächelte und ließ sich neben ihm nieder. »Nein, ich bin Euch nicht böse,« sagte sie, »es tut mir nur leid, daß Ihr mir zugesehen habt; denn sicherlich mußtet Ihr mich für verrückt halten, als Ihr mich so allein herumtanzen sähet. Und nun muß ich Euch die Bedeutung dessen erklären, was Ihr gesehen habt.«
Und so erzählte sie also ihre Geschichte. Er entsann sich, als Knabe ihren Namen gehört zu haben, — ihren Berufsnamen, den der allerberühmtesten Shirabyōshi, des Lieblings der Hauptstadt, die im Zenit ihrer Schönheit und ihres Ruhmes plötzlich vom Schauplatz verschwand; niemand wußte, warum und wohin. Sie ließ Wohlstand und Ruhm im Stich und entfloh mit einem Jüngling, der sie liebte. Er war arm, aber ihre gemeinsamen Mittel genügten für ein schlichtes glückliches Leben auf dem Lande. Sie erbauten sich ein kleines Häuschen in den Bergen, und dort verbrachten sie einige Jahre in ungetrübtem Glück, nur füreinander lebend.
Er betete sie an. Sein größtes Vergnügen war, sie tanzen zu sehen. Jeden Abend spielte er irgend eine Lieblingsmelodie, zu der sie für ihn tanzte. Aber während eines sehr kalten Winters erkrankte er und starb trotz ihrer zärtlichen Pflege. Seitdem hatte sie ganz einsam nur ihren Erinnerungen ge­lebt, all die kleinen Riten der Liebe und Treue vollziehend, mit denen die Toten geehrt werden. Täglich stellte sie vor sein Sterbetäfelchen die üblichen Gaben, und am Abend tanzte sie ihm zu­liebe, wie sie es zu seinen Lebzeiten getan. Und dies war die Erklärung dessen, was der junge Reisende gesehen hatte.
»Es war wirklich nicht rücksichtsvoll von mir,« fuhr sie fort, »einen ermüdeten Gast aufzuwecken.« Aber sie hatte gewartet, bis sie ihn in festem Schlafe glaubte, und dann hatte sie sich bemüht, so leise wie irgend möglich zu tanzen. Sie hoffe also, er werde ihr verzeihen, ihn ganz gegen ihren Willen gestört zu haben. Nachdem sie ihm alles erklärt hatte, bereitete sie etwas Tee, den sie zusammen tranken, und dann bat sie ihn so inständig, sich ihr zu Gefallen wieder zur Ruhe zu begeben, daß ihm nichts übrig blieb, als sein Lager unter dem Moskito-Vorhang wieder aufzusuchen, was er unter wieder­holten Entschuldigungen und Danksagungen tat.
Er schlief vortrefflich — und als er erwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Nachdem er aufgestanden war, fand er ein kleines schlichtes Mahl, wie das am vorhergehenden Abend, für sich bereitet. Er spürte großen Hunger; aber in der Furcht, die junge Frau hätte, um ihm so viel auf­tischen zu können, sich selbst beraubt, aß er beinahe gar nichts. Und dann machte er sich zum Fort­gehen bereit. Aber als er Miene machte, ihr für die genossene Gastfreundschaft und die Mühe, die er ihr verursacht hatte, eine Bezahlung anzubieten, wollte sie nichts davon wissen und sagte: »Was ich bieten konnte, war keine Bezahlung wert, und was ich tat, geschah nur aus gutem Herzen. Ich bitte daher, die Unbequemlichkeit zu verzeihen und nur meinen guten Willen in Erinnerung zu behalten, der leider nichts besseres zu bieten hat.« Er machte noch einen Versuch, sie zu überreden, irgend etwas anzunehmen, aber als er sah, daß sein Drängen ihr peinlich war, verabschiedete er sich, indem er, so gut er konnte, seine Dankbarkeit auszudrücken be­müht war. Er fühlte ein leises Abschiedsweh, denn ihre Schönheit und Sanftmut hatten ihn mehr be­zaubert, als er sich eingestehen mochte. Sie zeigte ihm den Pfad, den er einschlagen mußte und folgte ihm mit den Augen, wie er den Berg hinabstieg, bis er ihren Blicken entschwand. Eine Stunde später befand er sich auf einem Bergweg, den er kannte; da plötzlich fiel es ihm ein, daß er vergessen habe, ihr seinen Namen zu nennen. Er zauderte einen Moment, dann aber sagte er achselzuckend: »Ach, was liegt daran, ich werde doch immer derselbe arme Teufel bleiben!« Und er setzte seinen Weg fort.

* * *

Viele Jahre vergingen und mit ihnen viele Moden. Und der Maler wurde alt. Aber noch ehe er alt wurde, war er berühmt geworden. Von seinen Wunderwerken entzückt, hatten Fürsten miteinander gewetteifert, ihm ihre Gunst zuzuwenden, und so wurde er reich und angesehen und besaß ein vornehmes Haus in der Hauptstadt des Kaisers. Junge Künstler aus mehreren Provinzen waren seine Schüler, lebten mit ihm und suchten sich ihm in jeder Weise nützlich zu machen, während sie seinen Unterricht genossen, und sein Name war im ganzen Lande bekannt.
Eines Tages kam eine alte Frau in sein Haus und verlangte, mit ihm zu sprechen. Als die Diener ihre dürftigen Kleider und ihre armselige Erscheinung sahen, hielten sie sie für eine gewöhnliche Bettlerin und fragten sie barsch nach ihrem Anliegen. Als sie ihnen antwortete, sie könne bloß dem er­lauchten Herrn selbst sagen, warum sie komme, glaubten sie es mit einer Wahnsinnigen zu tun zu haben und fertigten sie mit der unwahren Angabe ab: »Er ist jetzt nicht in Saikyō, und wir wissen nicht, wann er zurückkehren wird.« Aber die alte Frau kam wieder und wieder, Tag um Tag, Woche um Woche, und jedesmal schickte man sie mit einer anderen Ausflucht weg: »Heute ist er krank«, »heute ist er sehr in Anspruch genommen«, oder: »Heute hat er große Gesellschaft, und man darf niemand vor­lassen«. Dessenungeachtet fuhr sie fort, zu kommen, täglich zu derselben Stunde, immer ein Bündel in einem zerschlissenen Tuch bei sich tragend. Endlich wußten die Diener sich nicht mehr zu raten und beschlossen, ihrem Herrn doch von ihrem Kommen Mitteilung zu machen. Und so sagten sie zu ihm: »Eine sehr alte Frau, die wir für eine Bett­lerin halten, steht an dem Haustor unseres erlauchten Herrn; mehr als fünfzigmal ist sie gekommen und verlangte mit unserem Herrn zu sprechen, und wollte uns nicht verraten, was sie zu ihm führe, denn sie sagte, sie könne es nur dem Herrn selbst mitteilen. Wir suchten sie abzuweisen, da sie uns verrückt zu sein schien, aber sie kommt immer wieder und wieder, und deshalb hielten wir es für das beste, es dem Herrn zu melden, damit der Herr selbst ent­scheide, was mit ihr zu geschehen habe.«
Da rief der Meister barsch: »Warum hat es mir niemand früher gemeldet?« Und er ging selbst an das Tor und sprach sehr gütig zu der Frau; denn er erinnerte sich sehr wohl daran, daß er selbst arm gewesen war, und fragte sie, ob ihr mit einer Geld­gabe gedient sei.
Aber sie sagte, sie brauche weder Geld noch Nahrung, sondern möchte nur, daß er ein Bild für sie male. Er wunderte sich sehr über ihr Begehren, führte sie aber in das Innere des Hauses. In der Vorhalle angelangt, kniete sie nieder und begann, die Schnüre des Bündels zu lösen, das sie in der Hand hielt. Nachdem sie es auseinandergefaltet hatte, erblickte der Maler seltsam reiche, golddurch­wirkte Seidenkleider, die aber sehr abgenutzt und verblaßt waren, — die verschlissene Kleiderpracht eines wunderbaren Kostüms einer Shirabyōshi aus früheren Zeiten. Während die alte Frau die Gewänder eines nach dem andern ausbreitete, und sie mit zitternden Fingern zu glätten versuchte, tauchte eine vage Erinnerung in dem Hirn des Malers auf, dämmerte dort einen Augenblick und erhellte sich plötzlich. In diesem Erinnerungsblitz sah er das einsame Berghäuschen wieder vor sich, wo er unvergoltene Gastfreundschaft empfangen hätte, — das zierliche Zimmer mit dem Papier-Moskito-Vorhang, das für seine Nachtruhe bereitet worden war, das dämmerig brennende Lämpchen vor dem buddhi­stischen Altar, die seltsame Schönheit der tanzenden Frau in der einsamen Totenstille der Nacht.
Und zum unsagbaren Erstaunen der greisen Besucherin neigte er sich, — er, der Fürstenliebling — tief vor ihr und sagte: »O, verzeiht mir, daß ich nicht gleich Euer Gesicht erkannte. Aber seit­dem wir uns gesehen, sind ja schon mehr als vierzig Jahre vergangen, — ja, nun weiß ich es ganz genau, Ihr habt mich einmal in Euer Haus aufgenommen, überließet mir das einzige Bett, das Ihr hattet — ich sah Euch tanzen, und Ihr erzähltet mir Eure ganze Geschichte. Ihr wäret eine Shirabyōshi und ich habe Euren Namen nicht vergessen.«
Während er so sprach, stand die Frau betroffen und verwirrt und konnte keine Antwort finden; denn sie war alt, hatte viel gelitten, und ihr Gedächtnis fing nun an, sie im Stich zu lassen. Aber er sprach immer liebreicher auf sie ein und erinnerte sie an viele Dinge, die sie ihm erzählt, und beschrieb ihr das Haus, in dem sie damals gelebt hatte, so genau, daß sich nun auch in ihr die Erinnerung belebte und sie mit Tränen der Freude sagte:
»Sicherlich hat die Göttin, die sich auf den Klang des Gebetes herniederneigt, mich hierher ge­leitet. Aber als mein unwürdiges Haus von dem Besuche des erlauchten Gastes geehrt wurde, war ich nicht so, wie ich jetzt bin, und so scheint es mir wie ein Wunder unseres Herrn Buddha, daß der Meister sich meiner erinnert.«
Dann erzählte sie das Ende ihrer einfachen Geschichte.
Im Laufe der Jahre hatte die Not sie gezwungen, sich von ihrem kleinen Häuschen zu trennen, und im Greisenalter kehrte sie allein in die große Hauptstadt zurück, wo ihr Name schon lange vergessen war. Es war ihr ein großer Schmerz, ihr Haus zu verlieren, aber noch mehr schmerzte es sie, daß sie nun so alt und schwach wurde und nicht mehr jeden Abend vor dem Butsudan tanzen konnte, um den Geist des toten Geliebten zu er­freuen. Deshalb wollte sie ein Bild von sich haben, in dem Kostüm und der Stellung des Tanzes, um es vor dem Butsudan aufzuhängen.
Um das hatte sie inbrünstig zur Kwan-on ge­betet, und ihre Wahl war eben auf diesen Meister gefallen, wegen seiner Berühmtheit und seiner Ge­schicklichkeit im Malen, da es ihr um des geliebten Toten willen darum zu tun war, kein gewöhnliches Bild zu bekommen, sondern ein wirklich schön aus­geführtes Werk. Und sie hatte ihr Tanzkleid mit­gebracht, in der Hoffnung, der Meister würde so gütig sein, sie darin zu malen.
Dieser hörte alles mit freundlichem Lächeln an und sagte: »Es wird mir eine Freude sein, das Bild zu malen, das Ihr wünschet. Heute muß ich etwas vollenden, das keinen Aufschub leidet, aber wenn Ihr morgen herkommt, werde ich es genau so malen, wie Ihr es angebt und so gut ich es vermag.« Sie aber erwiderte: »Ich habe dem Meister noch nicht gesagt, was mich im Geiste beunruhigt, und dies ist, daß ich für eine so große Gnade nichts anzubieten habe, als diese Tanzkleider, die an sich keinen Wert haben, ob sie gleich einstmals kostbar waren. Trotz­dem wage ich, zu hoffen, der Meister werde sie anzunehmen geruhen, da sie jetzt eine Seltenheit geworden sind, — denn es gibt nun keine Shirabyōshis mehr, und die Maikos von heute tragen keine solchen Kleider.«
»An so etwas dürft Ihr gar nicht denken,« protestierte der Künstler. »Nein, ich bin nur allzu froh, daß sich mir jetzt Gelegenheit bietet, einen kleinen Teil meiner alten Schuld an Euch abzutragen. Also, ich will Euch morgen gerne malen, wie Ihr es wünscht.«
Und mit vielen Danksagungen neigte sie sich dreimal zur Erde vor ihm und sagte: »Der Herr möge verzeihen, wenn ich noch etwas vor­bringe, — denn ich möchte nicht so gemalt sein, wie ich jetzt bin, sondern so, wie ich aussah, als ich jung war und der Herr mich gesehen hat.«
Er antwortete: »Ich entsinne mich sehr genau, Ihr wart wunderschön ...«
Ihre gerunzelten Züge verklärte ein Freudenschimmer, und sie neigte sich noch einmal dankend und rief: »Dann vollendet sich alles, was ich er­beten und erhofft. Da also der Herr sich meiner armen Jugend erinnert, beschwöre ich ihn, mich nicht zu malen, wie ich jetzt bin, sondern so, wie ich war, als er mich gesehen und geruht hat, mich nicht un­schön zu finden. O Meister, macht mich wieder jung, macht mich schön, damit ich der Seele schön erscheine, um derentwillen ich, die Unwürdige, dies erflehe. Er wird des Meisters Werk sehen und mir vergeben, daß ich nicht mehr tanzen kann.«
Noch einmal bat sie der Meister, sich keine Sorge zu machen und sagte: »Kommet nur morgen bestimmt, und ich werde Euer Bild malen. Ich will ein Bild von Euch machen, wie ich Euch als junge, schöne Shirabyōshi sah, und ich will es so sorg­fältig und fein malen, wie das Bild der reichsten Frau des Landes. Seid dessen gewiß und kommet pünktlich.«

* * *

Die alte Frau kam zu festgesetzter Stunde, und auf weiche, weiße Seide malte der Künstler ihr Bild. Doch nicht ihr Bild, wie sie die Schüler des Meisters sahen, sondern ihr Bild aus seiner Erinnerung, helläugig wie ein Vogel, biegsam wie ein Bambus, strahlend wie ein Tennin9 in ihren gold­gestickten Seidengewändern. Unter dem Zauber­pinsel des Malers belebte sich die entschwundene Anmut und erblühte in neuer Schönheit. Als der Kakemono fertiggestellt und mit seinem Siegel versehen worden war, spannte er ihn auf kost­bare Seide, befestigte ihn an Rollen aus Zedern­holz und versah ihn mit Gewichten aus Elfenbein und mit einer Schnur zum Aufhängen. Dann packte er das Ganze säuberlich in ein Kästchen aus weißem Holz, und so übergab er es der Shirabyōshi. Gern hätte er sie auch mit einer Geldgabe bedacht, aber, obgleich er in sie drang, konnte er sie doch nicht bewegen, eine Unterstützung anzu­nehmen.
»Nein,« sagte sie mit tränenden Augen, »ich brauche wirklich nichts — das Bild war mein einziger Wunsch, — darum betete ich, — und nun mein Gebet erhört ward, weiß ich, daß ich in diesem Leben nichts mehr zu wünschen habe, und daß, wenn ich so wunschlos sterbe, es mir nicht schwer fallen wird, die Bahn Buddhas zu betreten. Nur ein Gedanke bekümmert mich, daß ich dem Meister nichts zu bieten vermag, als diese Tanzgewänder, — die annehmen zu wollen ich ihn beschwöre, obgleich sie von geringem Wert, — und alltäglich will ich beten, daß sein zukünftiges Leben glücklich sein möge um der wundersamen Güte willen, die er mir bewiesen hat.«
»Ach nein,« wehrte der Maler lächelnd ab, »was habe ich denn Großes getan, — in Wahrheit durchaus nichts, — was die Kleider betrifft, will ich sie gerne nehmen, wenn Ihr es wünschet, sie werden mir angenehme Erinnerungen zurückrufen an die Nacht, wo Ihr um mich Unwürdigen auf alle Bequemlichkeit verzichtetet und für all Eure Güte nichts annehmen wolltet, — ich fühle mich dafür ganz in Eurer Schuld. Aber nun sagt mir, wo Ihr wohnt, damit ich das Bild an Ort und Stelle sehen kann.« Denn er hatte bei sich beschlossen, für sie zu sorgen. Aber sie entschuldigte sich mit demütigen Worten und verweigerte ihm jegliche Auskunft, indem sie sagte, ihre Wohnstätte sei all­zugering, um von einem so erlauchten Herrn be­treten zu werden. Dann erschöpfte sie sich stets von neuem in Danksagungen, und, ihren Schatz mit Tränen der Freude an sich drückend, entfernte sie sich. Da rief der Meister einem seiner Schüler zu: »Folge schnell dieser Frau, aber so, daß sie es nicht merkt, und bringe mir Bescheid, wo sie wohnt.«
Der Jüngling folgte ihr also unbemerkt. Er blieb lange aus, und bei seiner Rückkehr lächelte er so wie jemand, der sich genötigt sieht, etwas zu melden, was nicht angenehm zu hören ist — und er sagte: »O, Meister, ich folgte ihr aus der Stadt hinaus zum ausgetrockneten Bett des Flusses, dem Platz, wo Ver­brecher gerichtet werden, — dort sah ich eine arm­selige Baracke, wie sie ein Eta (Pariah) bewohnt, und dort lebt sie, — eine weltverlassene trostlose Gegend, o Meister!«
Aber der Meister sagte: »Morgen wirst du mich an diesen Ort geleiten; denn solange ich lebe, soll es ihr weder an Nahrung, an Kleidung, noch an Behagen fehlen.«
Und als er merkte, daß sich alle verwunderten, erzählte er ihnen die Geschichte von der Shirabyōshi, worauf sie seine Worte nicht mehr seltsam fanden.

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Am Morgen des nächsten Tages, eine Stunde nach Sonnenaufgang, machte sich der Meister mit seinem Schüler auf den Weg zum ausgetrockneten Flußbett. Weit außerhalb des Stadtgebietes, dem Asyl der Ausgestoßenen. Den Eingang der kleinen Woh­nung fanden sie mit einem einzigen Laden ver­schlossen, an den der Meister mehrmals pochte, ohne daß ein Lebenszeichen von innen erfolgte. Nun bemerkte er, daß der Laden von innen nicht be­festigt war; er stieß ihn sachte auf und rief durch die Öffnung hinein. Aber als drinnen noch immer alles stumm blieb, beschloß er, einzutreten. Gleichzeitig durchzuckte ihn mit außerordentlicher Lebendigkeit die Erinnerung an jene Nacht, da er als wegmüder Wanderer um Einlaß bittend vor dem ein­samen Berghäuschen stand.
Behutsam eintretend, sah er, in einen einzigen, dünnen zerschlissenen Futon gehüllt, die Frau scheinbar schlummernd daliegen. Auf einem rohgezimmerten Regal erkannte er den Butsudan, den er vor vierzig Jahren gesehen, mit seinem Täfelchen, und jetzt wie damals brannte ein winziges Lämpchen vor dem Kaimyō. Der Kakemono der Gnadengöttin mit der Mondaureole war verschwunden, aber an der Wand, dem Schrein gegenüber, sah er seine eigene zierliche Bildergabe hängen, darunter eine Ofuda, — eine Ofuda der Hito-koto-Kwan-on, jener Kwan-on, zu der man nur einmal beten darf, da sie nur eine einzige Bitte erfüllt. Es war wenig anderes in dem trostlosen Heim, — nur weibliche Pilgerkleider, Bettelstab und Almosenschüssel. Aber der Meister beachtete nichts, denn er war begierig, die Schläferin zu wecken und zu erfreuen, und er rief fröhlich ihren Namen, einmal, zweimal, dreimal.
Da plötzlich sah er, daß sie tot war, und als er in ihr Gesicht blickte, staunte er, denn sie schien nicht mehr alt ... eine zarte Lieblichkeit war wie ein geisterhafter Jugendhauch darüber ausgebreitet. Die Sorgenlinien und Runzeln waren seltsam gesänftigt und geglättet von der Hand eines mäch­tigeren Meisters.

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1 In Kyoto nennt man sie maiko.
2 Eine Ouitarre mit drei Saiten.
3 Es ist manchmal üblich, daß die Gäste die Schalen miteinander tauschen, nachdem sie sie in höflicher Weise ausgespült haben. Es bedeutet immer ein Kompliment, die Schale von seinem Freunde zu erbitten.
4 Noch einmal bei ihr zu sein oder fünftausend Koku haben?
Fünftausend Koku miß ich gern, kann mich nur ihr Anblick laben.
In alter Zeit lebte ein Hatamoto, genannt Fuji-eda Geki, ein Vasall des Shogun. Er hatte ein Einkommen von fünftausend Koku Reis, was in jenen Tagen als ein großes Einkommen galt Aber er verliebte sich in eine Bewohnerin des Yoshiwara, namens Ayaginu, die er hei­raten wollte. Als sein Herr ihm befahl, zwischen seiner Laufbahn und seiner Leidenschaft zu wählen, flohen die Liebenden insgeheim in das Haus eines Landmanns und töteten sich dort gemeinsam. Das angeführte Lied wurde auf sie gedichtet, und man singt es noch bis auf den heutigen Tag.
5 »Liebster, stirbst du einst, nicht sollst ins Grab du sinken,
In einem Becher Wein will deine Asch’ ich trinken.«
6 Maneki-Neko.
7 Buddhistische Speise, die keinerlei animalische Sub­stanz enthält. Manche Arten von Shojin-Ryori sind sehr schmackhaft.
8 Die Bezeichnungen Oshiire und Zendana können durch »Garderobe« oder Kredenzschrank wiedergegeben werden. Die Fusuma sind verschiebbare Schirme, die als Türen dienen.
9 Tennin, ein »Himmelsmädchen«, ein buddhistischer Engel.

Walter Serner - Inferno

Walter Serner - Inferno Inferno Ein Schreien, das widersetzlich beginnt, wenn es am laute­sten wird, vor Wut sich überschlägt und ...