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Janke Carola - Das Räthsel der Unsterblichkeit gelöst von einer Somnambule



  


I.

Es ist schon sehr viel über die Unsterblichkeit oder das Leben nach dem Tode gesprochen und geschrieben worden, und dennoch hat Keiner den Vorhang zu heben vermocht, welcher uns von dem dunklen Jenseits trennt und uns jene Welt verschließt, die unser Geist bis jetzt umsonst zu enträthseln versuchte.
Noch dunkler und unenthüllter ist die Frage nach der Form, unter welcher ein Fortleben nach dem Tode stattfindet, vorausgesetzt, daß es sich überhaupt nicht mehr um das »Sein oder Nichtsein« nach diesem Leben handelt, die Unsterblichkeit als etwas längst Bewie­senes und Unumstößliches vorausgesetzt wird, und wir von der uns innewohnenden, allen Cultur­völkern eigenen, ewigen Wahrheit ausgehen:
»Es giebt einen Gott«,
und zwar einen persönlichen, das Universum lebenden und regierenden Gott; einen Gott endlich, der uns, seine Geschöpfe, liebt und daher nicht vernichtet, was der ganzen Anlage nach zu etwas Höherem bestimmt sein muß.
Durch großes und tieferes Nachdenken habe ich nun, um es gleich vorweg zu sagen, die fe­ste Ueberzeugung gewonnen, daß die Zerstörung oder der Tod der Seele als etwas absolut Unmögliches dasteht und wir ganz unnöthiger Weise um die nur in einem gewissen Sinne sterbliche Hülle unseres Ich trauern, während doch die Verklärten im schönen Jenseits unseren Schmerz nur belächeln können und harrend an der Pforte stehen, durch welche auch wir einst zu einem freieren und schönern Leben eingehen werden.
Aber wie viele Tausende wenden sich trostlos von dem Geheimnisse ab und sprechen in ihrer Kurzsichtigkeit: Es giebt kein Wiedersehen nach dem Tode; es ist Alles Lüge und Trug, was die Religion uns hierüber sagt. Gott selbst würde aber nicht Gott sein, würde er den ewig im Streben nach Vollendung begriffenen Geist vernichten, oder wollte er die Idee der Liebe, jenes Princip, welches die Welt erschaffen, plötzlich zerstören, indem er den Lebensfaden ohne Möglichkeit der Wiederanknüpfung zerschnitte, durch welchen wir mit diesem oder jenem geliebten Wesen hier auf Erden verbunden waren. Die Liebe, die in ihrem bedeutungsvollen Ahnen weit über das Grab hinausfühlt, wäre dann ein Widerspruch ihrer eigen­sten Natur und Gott überhaupt dann kein Gott der Liebe, Weisheit und Vollendung mehr, sondern nur ein Geist gedankenloser Erschaffung und Vernichtung.
Insofern wir Gott — und mit vollem Rechte — als vollendetsten Gedanken und vollendetste Liebe anschauen, müssen wir, wollen wir mit unserer Ideenwelt nicht in unauflöslichen Widerspruch gerathen, an eine Unsterblichkeit glauben. Denn »der Tod ist nur eine Ruhe der erschöpften Natur«, und »die Kraft, welche am letzten auslöscht«, nämlich die Muskelkraft, ist eben die, durch deren Widerstand die Kraft der Seele sich bildete und sie im Organismus für eine höhere Stufe erstarken ließ. Gleich wie der Schmetterling im Augenblicke seiner Verwandlung die eine Hülle zerstört, um in einer anderen und schöneren Form lebensfähig sein zu können, ebenso durchbricht auch die Seele in dem Augenblicke ihrer geistigen Vollendung die körperliche Hülle, um als der vollendete Gedanke der Gottheit ihrer ursprünglichen Bestimmung zuzueilen, und das, was wir Tod nennen, ist somit nichts Anderes, als »eine reinigende Kraft«, die von Gott bestimmt ist,

»Das Sterbliche zu läutern und die Flecken
Der mangelhaften Menschheit zu verzehren«,

wie so wahr der große Schiller in seiner »Braut von Messina« uns zuruft.


II.

Gott will aber die Seele nicht einseitig ausbilden und eben deshalb stellt er die Bildung des Gedankens, d. h. des Geistes mit der des Gefühls in ein Gleichgewicht, infolge dessen die Seele, die sich in einem ewigen Kampfe mit sich selbst befindet, innerlich erstarkt und so ihre Vollendung möglich macht; denn eben durch den ihr eigenen Widerspruch, durch die mannigfachsten Zweifel wird sie an Weisheit zunehmen und dadurch auch vor jener schwächlichen Empfindelei bewahrt bleiben, die nur zu leicht die Seele für jeden erhabenen Gedankenflug unfähig macht und der Unfreiheit und Unwahrheit in die trügerischen Arme wirft.
Wenn nun auf der einen Seite der Verstand in uns eine gewisse Leere des Herzens bewirken muß, so gleicht das Gefühl auf der andern Seite diesen Mangel an Innerlichkeit wieder dadurch aus, daß es den Geist in das Gebiet der Ahndung hinüberführt und auf diese Weise allein den Menschen befähigt, die großen Segnungen einer wahrhaftigen Religion an sich wahrzunehmen; denn die Religion offenbart sich nicht da, wo ein kaltes Wissen den Menschen beherrscht, oder eine krankhafte Phantasie den für Wahrheit, göttliche Wahrheit, geschaffenen Geist gefangen hält. Die wahre Religion war allemal da, wo Herz und Verstand sich gegenseitig ergänzten und die Seele in Unschuld und Klarheit auch wirklich eine Vereinigung mit Gott suchte und fand.
Die Ausbildung der Seele geht noch langsamer als die des Körpers vor sich, mit welcher letzteren der Mensch mit der Thierwelt zusammenhängt und von dieser in vielen Stücken, sofern das Geistige nicht in Betracht kommt, übertroffen wird; denn hilflos und elend tritt der Mensch in das Leben ein, während die Thiere zumeist gleich nach der Geburt oder doch nur kurze Zeit nachher schon allein laufen und fressen können. Aber daß der Mensch gleich sieht, was um ihn vorgeht, und von vorn herein an die Wahrnehmung gewiesen ist — obschon dieselbe ja nur äußerst schwach sein kann — ist ein Fingerzeig für uns, und dieser weiset bestimmt darauf hin, daß die Seele zwar die Fähigkeit besitze, aus dem durch Erfahrung begründeten geistigen Fond Idee zu bilden, nicht aber von vornherein angeborene Ideen aufzuweisen im Stande sei. Erst mit den Jahren bildet sich die Seele auf dem Wege der Erziehung und Erfahrung aus, indem sie die Belehrungen und Anschauungen in sich aufnimmt, und nun endlich selbst befähigt ist, reproducirend thätig zu sein. Dies ist dann der Zeitpunkt, wo sie sich zu Gott emporrichtet, d. h. das Wirken der Gottheit an sich, in sich und um sich fühlt und begreift.
Es ist also die vernünftige Seele, welche den Menschen von dem ihn instinktiv und in vielen Stücken auch an Kunstfertigkeit überragenden Tierreiche trennt, aber ihn eben deshalb auch allein zu einer noch höhern Ordnung berechtigt und fähig macht.


III.

Es finden in den drei Reichen, nämlich im Thier-, Mineral- und Pflanzenreiche, Uebergänge statt. So bildet z. B., gleichwie die Schwämme, welche hinsichtlich ihrer Beschaffenheit mehr thierische als pflanzliche Stoffe enthalten, die Venus-Fliegenfalle, Deonaea muscipula, welche in Amerika zwischen Nord- und Süd-Carolina wächst, den Uebergang vom Pflanzen- zum Thierreiche; denn ihre zweilappigen Blätter schließen sich sofort, wenn irgend ein Körper oder besonders ein Insekt die inneren Flächen berührt, ohne sich wieder zu öffnen. Man vermuthete daher lange Zeit, daß sie sich von todt gedrückten Insekten ernähre, was sich jedoch schon dadurch als irrthümlich erweiset, weil sie sich auch durch jede andere Berührung unter denselben Eigenthümlichkeiten schließt und in Wahrheit ihre Nahrung wie alle übrigen Pflanzen vermittelst der Wurzeln an sich zieht. (Jedenfalls hat ihre eigenthüm­liche, bei der Berührung durch fremde Körper bewirkte willkürliche Bewegung viel dazu beigetragen, jene irrthümliche Meinung zu befe­stigen.) Ebenso führe ich noch die Polypen an, die aber mehr den Pflanzen als den Thieren ähnlich erscheinen. Nicht weniger Beachtung in dieser Beziehung verdienen die Reste von Muschelthieren, z. B. die Korallen, und namentlich die Steinkohle, die nichts als der Rest von farrenkrautartigen und schachtelhalm­artigen Bäumen ist und den Uebergang vom Pflanzen- zum Mineralreiche bildet. Die Ueber­gangsstufe von der Thierwelt zur Gottheit ist endlich der Mensch, und es leuchtet wohl ein, daß er, je mehr er den thierischen Gelüsten lebt, desto näher der Thierwelt steht, und je mehr er sich von dieser entfernt, höher zu Gott hinaufreicht. Unser ganzes Verhältniß zu Gott liegt also in der Annäherung zu ihm und in der Entfernung von ihm. Ein recht schlagendes Beispiel für die Möglichkeit gänzlicher Verthierung des Menschen bildet die Thatsache, daß man im Jahre 1649 in Polen mitten unter einer Heerde von Bären einen völlig wilden Knaben fand. Derselbe war am ganzen Körper behaart und gab weder einen Laut, noch ein Zeichen irgend welcher Vernunft von sich. Noch merkwürdiger aber ist der im vorigen Jahrhundert aufgefundene dreifüßige Zwerg, welcher an Händen und Füßen mit Schwimmhäuten versehen war, im Wasser lebte, von Fischen und Fröschen sich nährte und für jedwede Bildung ganz unempfänglich war.
Dieser Erniedrigung des Menschen entgegengesetzt ist die Annäherung und Erhebung zur Gottheit vermittelst der Vernunft, des Verstandes, des Gefühls, und so finden wir denn in Christo die Vollendung des Gefühls mit der Vollendung des Gedankens in vollster Harmonie ausgedrückt und begreifen, daß er sich nur so zur höchsten Gotteserkenntniß erheben, zur höchsten Gottesliebe entflammen, nur so Gottmensch werden, d. h. einen Gott in sich fühlen und uns ein erhabenes, der Gottheit nahes Vorbild geben konnte. Bildet daher weder euer Herz, noch euren Geist einseitig aus, sondern sucht nach den Wechselbeziehungen zwischen beiden; in dieser dadurch geschaffenen Harmonie wird für euch die Bürgschaft einer klaren und reinen Gotteserkenntniß und Gotteserhebung liegen und ihr in Wahrheit Gott ähnlich werden. Lasset ab vom Aberglauben und fanatischer Verehrung, die nichts weiter als Götzendienst und gleich diesem eine Entfernung von Gott ist, wie dieser euch hindert, in euch die offenbarte Gottheit zu finden und an eine Unsterblichkeit der Seele mit der Kraft der Ueberzeugung zu glauben. Kämpfet vielmehr mit der Liebe zu Gott für eine wahre Erziehung der Menschheit, indem ihr dem Geiste und dem Herzen jenen großen Trieb zur Wahrheit einpflanzt, der uns allein fähig macht, Gott in seiner Liebe und Größe zu verstehen und die Wunder seiner Werke zu begreifen. Das ist unser Ziel, darin liegt die Auslösung, weshalb der Mensch in der Bibel das Ebenbild Gottes genannt wird. Streben ist die Losung der Menschheit, und gar keine Frage mehr, nach welchem Ziele. Macht ihr aber Gott zu einem Zuchtmei­ster, welcher den Menschen nur zu einem Sklaven seines freien Willens geschaffen, so stellt ihr überhaupt jeden sittlichen Begriff, jede Größe und Weisheit der Gottheit in Frage. Dann ist der Mensch nicht mehr ihr treuester Gehilfe, sondern blos ein nutzloses Spielzeug derselben und sein innerer unveräußerlicher Trieb zur Vollendung eine Täuschung, eine erbärmliche, elende Lüge.
Zum sittlichen Glück, dürfen wir ausrufen, hat die Menschheit diesen Standpunkt im großen qualitativen Ganzen überwunden und auch jene unhaltbaren geist- und vernunft­losen Thesen der Materialisten, nach welchen der Mensch nichts als ein Wesen des Zufalls ist, mit Entrüstung von sich gewiesen und gerade an letzteren den Beweis gesehen, wie einseitig und unwahr das Streben nach Wahrheit werden kann, wenn nicht Verstand und Herz zugleich an der Vervollkommnung des Menschen arbeiten.
Da nun an der Vervollkommnung des Menschen alle Sinne mitarbeiten müssen, so haben wir zunächst unser Augenmerk auf die Ausbildung der einzelnen Sinne zu richten; sie sind die Vermittelungswerkzeuge zwischen unserem physischen und geistigen Leben, und sie üben, heißt nichts anderes, als unser geistiges Ich stärken und vervollkommnen. So wird das Auge sich durch die Anschauung des Schönen veredeln, d. h. fähiger, uns dasselbe vollkommener empfinden zulassen. Ein gebildetes Auge sieht daher auch ganz anders als ein ungebildetes, gerade so wie ein gebildetes Ohr mehr hört als ein ungebildetes, und die Genüsse werden für uns um so vollkommner sein, je mehr unsere Sinne für dieselben ausgebildet sind. Es leuchtet also schon von selbst ein, warum ein gebildeter Mensch hier schon glücklicher ist, als ein roher, unentwickelter, nur den niedrigsten Sinnen fröhnender Mensch, der eben darum auch nur ein halbes Leben lebt und, da das Wie seines Hiers das Wie seines Dorts nothwendiger Weise bestimmt, in Wahrheit ein Verbrecher an seinem unsterblichen Theile ist.
Mit der Bildung der Sinne tritt erst die Seele in ihren eigentlichen Wirkungskreis; es erwacht die Phantasie, welche den Menschen durch Reproduction in das unbegrenzte Gebiet der Vorstellung führt, ihm oft Bilder zeigt, die er noch nie gesehen, oft Töne hören läßt, denen er nie gelauscht und so hier schon annährend eine Idee jenes Reichs als Vorstellung schafft, in welchem wir nach dem Tode unser Leben fortsetzen werden. Deßhalb sind auch die Freuden, welche der Künstler, der Dichter und der Gelehrte inmitten ihres hohen Berufs genießen, wahre Seelenfreuden, und auch das Reinirdische für ihn anmuthiger und schöner, weil er infolge seines Gesichts- und Gedankenganges so Vieles sieht, welches für den Ungebildeten gar nicht vorhanden zu sein scheint oder doch für ihn nicht so mancherlei Beziehungen zu diesem oder jenem bietet. Nicht minder bedeutsam ist aber auch die Ausprägung des Seelenlebens als Gesichtsausdruck. Man vergleiche nur den fein gebildeten Menschen mit dem rohen, nur seinen thierischen Bedürfnissen lebenden Menschen. Wie geistig schaut das Auge des Einen, und wie dumm das des Andern in die Welt hinein. Auf den ersten Blick erkennen wir den leidenschaftlichen Menschen aus seinen Gesichtszügen. Wir sehen also, daß das Seelenleben auch formgebend wirkt und auf dem Gesichte diejenige Seite seines Innern bloslegt, die auf Kosten der andern, sei es nun in dieser oder jener Weise, besonders gepflegt oder vernachlässigt wurde. Der Gesichtsausdruck einer vollkommenen Seele ist nach keiner Seite hin unvollkommen, sondern überall harmonisch durchgebildet und, wie man sagt, ein vergeistigter. Ganz vorzüglich ist dies von Titian auf seinem Gemälde, »der Zinsgroschen« ausgedrückt; man vergleiche nur die nieder«, gemeinen Züge des Pharisäergesichts mit dem edlen, durchweg harmonischen Ausdrucke Christi, und man wird kaum einer andern Meinung huldigen können.
Von großer Bedeutsamkeit für unsere Untersuchung ist nun vor Allem die Erkenntniß von der Vollkommenheit der Seele in ihrer Thätigkeit und Leistungsfähigkeit. Denn wäre die Seele wie der Körper theilbar, mangelhaft und vergänglich, so würde eine Ersetzung der fehlenden Sinnesorgane durch die Seele unmöglich sein und der Blinde z. B. keinen Ersatz für den fehlenden Gesichtssinn durch sie haben. Bekannt ist aber, daß sich allemal ein anderes Organ verstärkt und so gewissermaßen die Arbeit mit übernimmt, welche durch das fehlende zu verrichten gewesen wäre. Die Seele, in welcher nun alle Sinne der Idee nach vorhanden sind, und für welche der eine oder andere Sinn nur der von außen empfangende Theil ist, ersetzt nun, weil sie aus dem Ganzen auf das Einzelne wirkt, den fehlenden dadurch, daß sie einen anderen verstärkt, gleichsam durch diese Verstärkung eine Vermittelung schafft und so den Mangel des einen oder anderen Organs dem Menschen durch ihre innewohnende Kraft ersetzt. Wer wüßte nicht, daß Blinde die Farben fühlen, Taube die Sprache aus der Bewegung der Sprachwerkzeuge verstehen und also bei dem Einen sich der Tastsinn, bei dem Andern das Gesichtsorgan um ein ganz Bedeutendes verstärkt. Ich führe hier nur das Beispiel von einem Kinde an, das im zweiten Jahre blind, taub und geruchlos wurde und trotzdem, und zwar durch die Vermittelung des Tastsinns, eine gute Erziehung erlangt hatte. Wunderbar war dabei die Entwicklung und Reife des Seelenlebens bei einem so zarten Alter, und doch sehen wir dabei, wie die niedrigsten Bedürfnisse nothwendig waren, um es zu der Erlernung einer bestimmten Art von Ausdrucksweise seiner Gedanken und seines Willens zu bewegen. So wollte das Kind zu gewohnter Stunde seine Mahlzeit haben; man gab ihm die Suppe, entzog sie ihm alsdann wieder und legte ihm dafür die in Holz geschnitzten Buchstaben dieses Wortes vor. Anfangs sträubte es sich gewaltig gehen diese Methode der Verständlichung, bis der Hunger nachhalf und es so nach und nach die Buchstaben der Wörter Suppe, Messer, Gabel, Löffel etc. kennen und auch andere Gegenstände durch Zusammensetzung der Buchstaben zu Wörtern erfassen lernte. Nachdem es mit Leichtigkeit diese Uebungen drei Monate fortgesetzt und es darin zu einer gewissen Fertigkeit schon gebracht hatte, wurde es zur Fingersprache geführt. Je mehr das Kind dann weiter an Kenntniß seiner Sprache zunahm, je mehr nahm es an moralischer Kraft, Weisheit und Tiefe der Empfindung zu. Ganz besonders aber war bei ihm der Sinn für Fröhlichkeit und Dankbarkeit in hohem Grade entwickelt.
Aus Allem geht nun mit Evidenz hervor, daß die Seele ein vollendetes Ganzes ist, welche die fehlenden Sinne nach Bedürfniß zu ergänzen vermag und stets auch ergänzt. Das war der Ausspruch der Somnambule und eben hierauf stützt sich ihre Lehre von der Unsterblichkeit.
Mit besonderem Ernste wies sie auf Geistes- und Typhuskranke hin, die trotz der Zerrüttung des Gehirns oft so wunderbar scharfsichtig und hellsehend seien, was sich eben nur aus der Selbstständigkeit der Seele erklären lasse, wie denn der Somnambulismus auch nichts anderes sei, als eine Offenbarung der Thätigkeit der selbstständigen, vorausdenkenden, voraussehenden Seele, wobei sich das Bestreben, das Körperliche, d. h. Irdische durch das Reingeistige, Seelische zu überwinden, auf die unzweideutigste Weise kund thue. In einem ganz ähnlichen Falle befinden sich die hellsehenden Typhuskranken; auch hier tritt die Seele aus der unmittelbaren Verbindung mit den Organen heraus und offenbart sich den andern ohne deren Hülfe. Als Beispiel führe ich einen solchen Kranken hier an, welcher sich plötzlich hoch aufrichtete und meine Gedanken fast wörtlich errieth; eine schwer erkrankte Baronin bezeichnete vorher mit großer Bestimmtheit alle Veränderungen, welche nach ihrem Tode im Hause wirklich stattfanden, und so ließe sich noch manches Beispiel anführen, das auf’s Klarste die Vollkommenheit und Unabhängigkeit der Seele vom Körper nachweisen würde.

Frei ist die Seele und unabhängig vom Körper,
Aber im Kampfe allein reift zur Vollendung sie nur.
*
Wäre der Körper allein das A und das O unserer Seele,
Müßt’ mit dem sterbenden Leib krankhaft die Seele verweh’n.
Aber Du täuschst Dich! Denn wenn die letzten Kräfte entschwinden,                                                                              
Fliegt mit erneueter Kraft jubelnd die Seele empor.
*
Zweifle an Allem, was Blut hat und körperlich lebet —
An deinem ew’gen Beruf zweifle, Geliebtester, nicht.


IV.

Gott ist ein Geist und als solcher vollendeter Gedanke und vollendetes Gefühl, alles Geschaffene aber ein aus diesem Ganzen hervorgegangenes und seiner eigensten Natur angemessenes Ganze, das somit in seinen kleinsten Theilen die Idee des Ganzen repräsentirt. Die höchste Stelle im Universum nimmt derjenige Theil des Ganzen ein, welcher in seinen Eigenschaften Gott am nächsten kommt, d. h. nach einem Plane, nach einer Idee zu schaffen vermag. Dieser hervorragende Theil im Universum ist der Mensch, sein höchstes Vorbild in der Wahrheit, Weisheit und Liebe aber Christus, dessen hohe Mission es war, die durch tausenderlei Verhältnisse und Lagen ungleiche Menschenmasse zur geistigen Einheit und Freiheit, zur irdischen Erleuchtung und Vollendung zu führen, mit einem Worte erst eine Menschheit zu erziehen. Das war die zweite Schöpfung des Menschengeschlechts, die allein durch ein Angeschautes, d. h. durch persönliche Beispiele und Belehrungen möglich gemacht werden konnte, und eben deshalb mußte Christus als Gott-Mensch geboren werden, unter uns wandeln und für seine Idee, für seine ewig große und schöne Mission als Märtyrer der guten Sache am Kreuze auch sterben. Einmal auf dem Wege der Erleuchtung, war eine Umkehr zur Finsterniß des Geistes nicht mehr denkbar, und was auch die christliche Religion an Schwierigkeiten zu überwinden hatte, sie mußte doch südlich mit ihrem Principe, mit welchem sie der ganzen Welt zurief:
»Seid umschlungen Millionen!«
die Welt erobern und jene Liebe schaffen, mit welcher wir uns alle als eine große Kette von Brüdern betrachten lernten und vor allem die Ueberzeugung in uns aufnahmen, daß ein Gott sei, der als ein liebender Vater unser Leben erhalte und regiere, der uns in Christo eine Bürgschaft für unsern höhern Beruf gegeben und durch ihn allein uns für all’ die großen Errungenschaften auf dem Gebiete des Geistes und der Sitte fähig gemacht habe.
O, sehen wir uns nur in dieser Welt um, ob nicht die Völker der christlichen Religion allein die mächtigsten und auch geistig größten sind, und leugnen wir dann, wenn wir es noch können, den Segen unsers christlichen Bekenntnisses; selbst die genialen Gottesleugner einer neuern Zeit haben zumeist mit der christlichen Muttermilch ihre geistige Befähigung empfangen, sind im christlich-göttlichen Anhauch erzogen worden und können auch bei der hartnäckigsten Verneinung die edle Größe einer wahren christlichen Religion nicht wegleugnen. In diesem christlich-göttlichen Anhauche ist die civilisirte Welt fortgeschritten, hat durch die Kraft des Geistes die entfernte­sten Länder mit einander verbunden und so den Raum vermindert, welcher uns von unsern Brüdern dieses oder jenes Welttheils trennte. Mit Blitzesschnelle durchfliegen unsere Gedanken den Erdenraum, und wohin wir auch sehen mögen, überall erkennen wir den dem Menschen innewohnenden Trieb geistiger Läuterung und Entfaltung. Je tiefer wir aber in das Geistesleben der Menschheit eindringen, je klarer wird uns die Gewißheit Einer Menschheit, d. h. jenes Ganzen, das nicht mehr durch Vorurtheile und Standesunterschiede getrennt, sondern durch die Macht des Geistes und der Liebe unauflöslich in gegenseitiger Ergänzung aneinander gebunden ist. Das ist die Zeit der menschlichen Vollendung, der geistigen und bürgerlichen Freiheit, und es wird dann das prophetische Wort der Bibel erfüllt sein, nach welchem es nur
»einen Hirt und eine Heerde«
giebt. Und fragen wir uns nach der Bürgschaft einer solch gesegneten Zukunft der Menschheit, so kann diese wiederum nur aus den gemachten Erfahrungen hervorgehen, daß die Seele im Ganzen lebe, sehe und wirke, ihrer eigensten Natur nach zu Einem Ganzen hier und dort hinstrebe und dieses Streben zu einem höchsten, in Gott ruhenden Ganzen unfehlbar zu der Unsterblichkeit der im Kampfe zur Vollendung gereiften Seele führen müsse.
Untersuchen wir denn schließlich, woraus es sich folgern lasse, daß die Seele im Ganzen lebe, sehe und wirke. Also
1) die Seele lebt im Ganzen und denkt im Ganzen.
Beweis. Trenne ich Theile vom Körper ab, so fehlen sie ihm; die Seele lebt aber in der Vorstellung, sie zu besitzen, und mehr wie einmal ist der Fall vorgekommen, daß Verwundete sich noch im Besitze des einen oder andern Gliedes wähnten, obwohl ihnen dasselbe längst abgeschossen oder amputirt war. Wenn nun auch die Vernunft nicht anders kann, als Fehler zu constatiren, d. h. sie dem Kranken zum Bewußtsein zu bringen, so vermag sie doch nicht die Vorstellung des fehlenden Gliedes zu verwischen; denn die Vorstellung kann nicht vergehen, weil der Körper mit der Seele zugleich entsteht und wächst. Somit verbleibt der Seele die Vorstellung des Körpers, wenn dieser schon längst begraben ist, und schließe ich also vom Einzelnen auf das Ganze, so sage ich mit völliger Ueberzeugung: habe ich die Vorstellung, den Fuß oder den Arm u. s. w. zu besitzen, obschon er mir fehlt, so lebt die Seele nach der Trennung vom Körper in der Vorstellung des Körpers und in diesem Sinne dürfen wir getrost auf’s neue unser christliches Glaubensbekenntnis; unterschreiben, indem wir mit Zuversicht ausrufen:
»Ich glaube an eine Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben.«
2) Die Seele sieht im Ganzen.
Beweis. Sehe ich z. B. den Kopf eines Kindes, Mannes oder den eines Greises, so schließe ich sofort von diesen einzelnen angeschauten Theilen auf die ganze Gestalt, wie überhaupt jeder Theil in der Seele die Vorstellung des Ganzen erweckt, d. h. reproducirend eingreift (Phantasie a posteriori); und auch beim Urtheilen verfahren wir ähnlich, indem wir z. B. sagen: mit dieser oder jener Handlung beweiset er, daß er schlecht oder gut ist u. s. w.
Endlich
3Die Seele wirkt im Ganzen und strebt zum
      Ganzen.
Beweis. Künste und Wissenschaften geben der Seele das Unersättliche; denn wie sie in der Philosophie das ganze Leben, überhaupt die ganze sinnliche Welt in den Kreis ihrer Betrachtung zieht und immer auf ein Ganzes hinwirkt, so strebt sie in der Poesie und Musik nach einem universellen, das Ganze umfassenden Ausdrucke. Je größer aber ihr Streben ist, das Ganze zu umfassen, je ausgedehnter muß auch der Kreis sein, in dem sie wirkt.
So habe ich denn bewiesen, daß die Seele nicht nur im Ganzen lebt, sondern auch ein vollkommenes Ganze ist und nicht blos von den Organen, welche der Idee nach sämmtlich in ihr enthalten sind, abhängt. Folglich kann sie auch nicht mit dem Gehirne im Zusammenhange stehen oder dieses wohl als der denkende Theil betrachtet werden. Die Seele ist vielmehr eine geistige Kraft im Zustande des Lebens ohne Organe; denn sie steht oft nicht mit dem Auge und sieht, und hört oft nicht mit dem Ohre und hört. Sie wirft mit dem Tode, dem Wandelungsprocesse, ihre körperliche Hülle wie ein verbrauchtes Kleid von sich und treibt hinüber in den Zustand eines ungebundenen Seins. Der Vergleich mit dem Schmetterling ist daher schön und wahr und ganz geeignet, uns ein Bild von der Möglichkeit unserer Wandelung nach dem Tode zu versinnlichen.
Wir leben hier, und damit will ich meine Untersuchung schließen, im Körper mit der Vorstellung von der Seele; nach dem Tode leben wir als Seele mit der Vorstellung des Körpers (also geradezu umgekehrt, denn es ist eben so richtig, wenn ich sage 4 x 2 = 8, wie 2 x 4 = 8), und eben das ist es, worauf sich das Wiedersehen und das Leben nach dem Tode basirt.
Alter, Krankheiten und Sorgen und was sonst die Kraft der Seele, die in einem anderen Falle gar nicht zu ermessen wäre, in ihrer vollen Entfaltung hinderlich sind und daher die Sehnsucht nach dem Tode, dem Zustande der Ungebundenheit, erwecken, schwinden selbstverständlich mit dem letzten Augenblicke dieses Lebens; die Seele wird frei und lebt nunmehr nach ihrer Vollendung oder Erniedrigung entweder als Seelenschönheit oder Seelenunform weiter.
Der Zweck der Gottheit ist Vollendung; sind die Menschen zur Vollendung gereift, so trennt sich die Gottheit, durch sie, von der Natur, wie sich der Körper von der Seele trennt, die Schöpfung vergeht, und wir haben dann nur eine Gedankenwelt. Großartiger Gedanke!
Wir aber, die wir im Anhauch göttlicher Begeisterung und Ahndung die Wahrheit und Notwendigkeit eines freien, ungebundenen Seelenlebens glauben und in Christo die Möglichkeit und Bürgschaft geistiger Vollendung empfangen, wollen uns im festen Vertrauen hierauf zurufen:

Mag auch die Liebe weinen.
Es kommt ein Tag des Herrn;
Es muß ein Morgenstern
Nach dunkler Nacht erscheinen!

Mag auch der Glaube zagen, —
Ein Tag des Lichtes naht;
Zur Heimath führt sein Pfad.
Aus Dämm’rung muß es tagen!

Mag auch die Tugend kämpfen,
Es kommt ein Ruhetag.
Kein Sturmgewölk vermag
Der Sonne Strahl zu dämpfen.

Mag Hoffnung auch erschrecken,
Mag jauchzen Grab und Tod,
Es muß ein Morgenroth
Die Schlummernden einst wecken!
(Krummacher.)


Die weiteren Aufschlüsse, Fragen und Antworten über Unsterblichkeit und besonders über das Seelen­leben wird eine neue Schrift in größerem Umfange erläutern.

Aus: Das Räthsel der Unsterblichkeit gelöst von einer Somnambule, Ausgearbeitet von Janke Carola, Im Verlage der Herausgeberin, Dresden, 1868

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