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Rosa Barach - Die Intelligenz der Frau

Die Intelligenz der Frau.
Ein Beitrag zur erweiterten Frauenbildung von Rosa Barach.

Es gibt gebildete Menschen, die von der Ansicht ausgehen, dass eine Frage über die Intelligenz der Frau überhaupt nicht existire, dass es von vornherein ausgeschlossen sei, die Denkkraft der Frau auch nur annähernd mit der des Mannes zu vergleichen.
Und doch werfe ich diese Frage auf, schon darum, um ihr Vorhandensein zu bezeugen und die richtige Lösung zu suchen.
Bekanntlich beruht das Weltsystem auf dem Principe von Ursache und Wirkung. Allem und Jedem, das da in die Erscheinung tritt, wie allem Thun und Denken, allen Schicksalen der Menschen liegen bestimmte Ursachen zu Grunde, und auch Goethe documentirt dies durch seinen Ausspruch, dass Jeder seines Glückes Schmied sei — wohl auch oft der seines Unglücks, — denn der Lebenslauf eines Menschen, sowie seine Schicksale sind zumeist das Resultat, d. h. die Wirkung seines Charakters, seiner Bildung und seiner Erziehung, welche als bestimmende Ursachen angesehen werden müssen.
Es würde hier zu weitab führen, wollten wir die Schicksale der Menschen, so weit sie vom Individuum abhängen, als Ursache und Wirkung von psychologischem Standpunkte aus erörtern. Mit einem Worte: Die Ursache ist der bewegende Motor, der bestimmte Wirkungen hervorbringen muss, und wo kein Samen in die Erde gelegt wurde, da kann keine Blume erspriessen.
Seit Menschengedenken war es das männliche Geschlecht, auf dessen Ausbildung und Erziehung Alles verwendet wurde. Der Mann war es ja, der hinaus musste in den Kampf um das Dasein, alles Erlernte musste ihm Waffe in diesem Kampfe sein, Bildung und Erziehung mussten seinen Geist schärfen, heranbilden, seine Begabung entfalten und diese seinem Leben, seinen Zielen dienstbar machen.
Das Mädchen hingegen wurde ganz; anders erzogen. Sie sollte »Weib und Mutter« sein, Haus und Küche führen, mehr nicht. Sie brauchte nicht einmal Lesen und Schreiben zu können, und als ihr später diese Wohlthat zu Theil wurde, blieb ihr gleichwohl die Welt eine terra incognita und jedes Buch, das nicht die Bibel war, mit sieben Siegeln verschlossen.
Was brauchte das Weib auch mehr zu wissen? Um die Kinder zu verpflegen und Haus und Küche zu führen oder zu beaufsichtigen, wusste es genug und was der Mann für den Kampf mit dem Dasein erlernen musste, war für sie keine Lebensbedingung, weil für sie dieser Kampf nicht existirte. Der Mann kämpfte ja auch für sie, d. h. er musste für ihren Unterhalt sorgen, und that dies nach seinen Kräften, Fähigkeiten und Verhältnissen.
Allein, wie in der Natur, so gibt es auch im Culturleben kein Stillestehen. Langsam, doch stetig, erweiterte sich der Kreis, in welchem die Frau lebte. Sie trat über die Schwelle des Hauses. Wenn sie bis jetzt nur den häuslichen Penaten geopfert hatte, so begann sie nun auch an der Seite des Mannes in der Welt, in Gesellschaft zu leben, und man gab ihr jene Bildung, jene Erziehung, welche sie für diese Gesellschaft brauchte. Sie konnte in fremden Sprachen parliren, wusste die grössten Städte und Flüsse des Landes auswendig, machte ein wenig Musik, konnte mit Chic medisiren — voilà tout.
Jene aber, die weniger vorsichtig in der Wahl ihrer Eltern gewesen, blieben an den häuslichen Herd gebannt, und wenn sie in die Welt hinaustreten, d. h, in derselben kämpfen mussten, so war es ihrer Hände Arbeit, oft die niedrigste, mit der sie sich den Hunger vom Leibe hielten.
Doch, als der Fortschritt der Zeit die Frau immer hastiger in die Arena des öffentlichen Lebens drängte, als mit der fortschreitenden Cultur und den durch sie erhöhten Anforderungen an das Dasein, auch die Frau den Kampf um dasselbe aufnehmen musste, da stand sie diesem Kampfe im Allgemeinen machtlos gegenüber, da ihr die Waffen zur Vertheidigung fehlten und nun hiess es allgemein, dass das Weib nicht Intelligenz genug, nicht jene geistige Capacität besitze, als gleichwertige Kraft an dem Kampfe theilnehmen oder für sich selbst kämpfen zu können.
Wenn wir gerecht sind, können wir dagegen sagen: »Seht die Culturgeschichte des Weibes! Habt Ihr ihre geringere geistige Capacität nicht selbst verschuldet, indem Ihr all die Jahrhunderte hindurch nichts gethan habt, diesen Geist zu schulen, seine Fähigkeiten zu heben, zu entfalten und dadurch die Denkkraft zu schärfen, die Intelligenz durch stetig sich erweiternde Bildung von Generation zu Generation auszubilden?«
Wäre dies der Fall gewesen, der grosse Lombroso und die vielen, vielen Kleinen könnten heute nicht von der geringen Intelligenz des weiblichen Geschlechtes sprechen, es gäbe überhaupt keine Frauenfrage und die von Anbeginn mit der Bildung der Männer gleichen Schritt haltende Bildung der Frauen hätte der Gegenwart den Kampf um die erweiterte Frauenbildung erspart.
Ursache und Wirkung stehen sich hier in gleicher Bedeutung gegenüber, jedoch kann man aus der Ursache schliessend die Behauptung aufstellen, dass die Frau ebenso intelligent sein könnte, wie der Mann — wobei wir natürlich die Allgemeinheit, das ganze Geschlecht ins Auge fassen — was sich durch Einzelfälle sehr leicht beweisen lässt.
Jedes Individuum ist eine Welt im Kleinen. Jede Frau repräsentirt also ihr Geschlecht, und wie jene Frauen der Vergangenheit und Gegenwart, deren Geist von Jugend auf durch Bildung und Erziehung zur Intelligenz geschult wurde, an Denkkraft den Männern gleichstehen, so wäre dies auch beim ganzen Geschlechte der Fall, hätte man es all die Jahrhunderte hindurch zur Intelligenz herangebildet, geschult, erzogen, denn wo der Same in die Erde gelegt wird, da sehen wir die Pflanzen erspriessen und die Bildung hätte auch hier der Motor sein können, die Ursache, aus welcher die Intelligenz als Wirkung hervorgegangen wäre.
In alter Zeit und zum Theile ja auch in unserem Jahrhunderte waren die wahrhaft gebildeten, denkenden Frauen die Ausnahmen ihres Geschlechtes. Aber diese Ausnahmsfrau genügt unserer Zeit nicht. Sie fordert die Gesammtheit in die Schranken. Heute müssen Alle für den Kampf mit dem Dasein ausgerüstet werden und die es nicht sind, bilden die Ausnahme. Darum bedarf nicht nur die Einzelne, sondern das ganze Geschlecht des geschulten Verstandes als Waffe in dem Kampfe und darum darf nicht nur die Einzelne, sondern muss das ganze Geschlecht durch Bildung und Erziehung zur Intelligenz geführt, herangebildet werden, damit sie, nicht so sehr in materieller Beziehung — woran sie schon die geringeren physischen Kräfte hindern — sondern gerade durch ihren Verstand als gleichwerthige Kraft an der Seite des Mannes zu kämpfen im Stande sei.
Und darum ist die Frauenbildung nun auch insofern erweitert, als sie alle Kreise umfasst, eine Lebensbedingung, die mit dem Wirkungskreis, der sich der Frau erschliesst, zur Culturnothwendigkeit heranwächst. Und darum soll und darf sich dieser erweiterten Frauenbildung kein vernünftig Denkender verschliessen, ja er muss sie nach Kräften fördern, sei es um das Glück einzelner zu sichern, sei es um eine Summe geistiger Kraft der Allgemeinheit nutzbar zu machen, durch die Intelligenz des weiblichen Geschlechtes, welche in ihrer Art durch Schulung der des Mannes gleichstehen kann und wird.

aus: Frauenleben, Blätter zur Vertretung der Frauen-Interessen, Hrsg. von Helene Littmann, VI. Jahrgang, Nr. 4, Juli 1894



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