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Heinrich Lersch – Die in den Fabriken sterben

Heinrich Lersch – Die in den Fabriken sterben ...

Erzählung

aus: Im Pulsschlag der Maschinen, Erzählungen von Heinrich Lersch, Verlag Junge Generation, Berlin, 1936

»Es war auch Zeit, daß du kamst!« sagte mein Bruder Paul, »ich hab 'ne Masse zu arbeiten, du kannst in der Baumwoll-A.-G. eine Dämpfkesselreparatur mitmachen. In drei Tagen und Nächten muß sie fertig werden, denn dreihundertfünfzig Weber warten darauf. Also ran! Es wird ja auch bezahlt!«
»Dafür bin ich wirklich nicht von Hamburg gekommen, um an dem Kessel des Herrn Kommerzienrats meine Knochen zu erproben: Ich wollte weiter auf Wanderschaft.«
»Wohin? Am Ende jeder Straße steht doch eine Fabrik– an der Arbeit kannst du doch nicht vorbei!« sagte Paul.
Also ging ich mit.
Nun war ich wieder bei den Webern; die Zeugdrucker grüßten mich, als sei ich vorgestern noch bei ihnen gewesen, nichts war verändert. Nur ich war nicht mehr derselbe.
Wir fingen an, klopften den ganzen Nachmittag durch, es ging auf den Abend zu. Die Mutter brachte uns Essen, wir hatten die Sache als Akkordarbeit übernommen. Also blieben wir die Nacht, schliefen ein paar Stunden auf Säcken und Ballenzeug.
Als ich nun um neun Uhr zum Frühstück aus dem Kessel kroch, gellten plötzlich die Klingeln, heulte ein Brandhorn, ich sah zum Fenster hinaus: in der großen Spinnerei dicht nebenan schlugen die Flammen aus allen Fenstern. In den Kellern mußte der Brand begonnen haben, aber doch zeitig genug entdeckt worden sein, denn auf der Straße standen schon die Arbeiter und Arbeiterinnen in Gruppen und zählten sich nach Sälen ab. Da schrie der Meister auf: »Der Schmierer fehlt!«
Der Schmierer gehörte keinem bestimmten Saal an, er gehörte zur ganzen Abteilung.
Die Feuerwehr kam an. Ich sah den Meister in den Hof hineinrennen, er stieg die Leiter am Schornstein hinauf, lief über das Dach des Kesselhauses und hielt die Hände vor das Gesicht. Über den Hof hin strahlte schon die Glut; hinter ihm der Brandmeister und zwei Wehrmänner. Er rannte an der Front der Fenster entlang, hinter welchen er den Schmierer vermutete: da schleuderte er den Arm zum Himmel, kletterte die Brandleiter hinauf, die zu den Stockwerken führte, in dessen Fenster ich stand. »Siehst du ihn?« schrie er mir entgegen. Da sah ich in den Flammen hinter den Gittern eine Gestalt, ich winkte hin, sie verstand mich. Schon zog der Brandmeister einen Schlauch hinter sich her und gab Wasser auf das Fenster. Hinter mir brüllten andere Wehrmänner: »Fenster frei!« Ich kletterte aus dem Loch, hinunter die Brandleiter, aufs Heizraumdach hinab. Mitten in den schießenden Wasserstrahlen stand der Schmierer, er rüttelte an den Stäben des Lagerraumfensters. Nun gab die Wehr von drei verschiedenen Seiten aus sechs Schläuchen Wasser. Hier war ein Menschenleben zu retten. Ströme von Wasser drängten das Feuer in die Nebenräume ab; als der Mann sah, daß das Gitter nicht weichen wollte, fing er in unmenschlichen Tönen zu schreien an. »Zur Straßenseite hin!« brüllte der Webmeister. Als für einen Augenblick alle Schläuche zu einem höheren Fenster gerichtet waren, aus welchem eine Feuergarbe brach, winkte der Webmeister mit ausgestrecktem Arm zur Straßenseite hin. Mit einem einzigen erschütternden Schrei rannte der Schmierer vom Fenster fort und sah bald wieder zu dem Flurfenster hinaus. »Vorwärts!« brüllte der Webmeister. Nun rannten auch alle Wehrleute mit den Schläuchen, so schnell sie konnten, voran. Da tauchte der Mann wieder auf: er war in den Ballenaufzug hineingelaufen, der in einem schachtähnlichen Einschnitt vom tiefsten Keller bis zur Höhe des vierten Stockwerkes ging. Ein neuer Schrei: eine Flamme fuhr hinter dem Geretteten her, stob vor, schlug wieder zurück. Ein gräßliches Krachen: im ersten Gebäudeteil hatte die Decke nachgegeben und die schweren Zwirnmaschinen sausten durch die Betonböden und trieben wie fürchterliche Blasbälge die Flammen nach allen Seiten. Haushoch flammte das Dach auf, die Flamme wurde von stürzenden Maschinen zurückgerissen und nun brannte in wabender Glut dieser Flügel aus. Niemand sah jetzt nach dem Schmierer: er hatte sich vor den Flammenschlägen auf die Konstruktion gerettet, verbrannte sich aber an den heißgewordenen Stangen die Hände.
Er sah sich hilflos um und riß in seiner Verzweiflung am Hubseil– das Unheimliche geschah, trotzdem die Transmission nicht mehr lief, hob sich der Aufzugs-Kasten. Ob nun ein Riemen durchgebrannt war und das Gegengewicht sich senkte, jedenfalls stieg der Kasten, stieg wie von einer unsichtbaren Hand gezogen durch den ersten und zweiten Stock. »Gerettet!« schrie alles wie aus einem Munde. Der Kasten stieg noch höher, blieb dann aber zwischen dem vierten Stock und dem Speicher hängen. Die Ausgangstüren standen vor den Mauern, rechts und links fest verschlossen. Nach vorn in den Hof hinein sah er über das Geländer in eine Flut brennenden Schmieröls, welches auf dem treibenden Wasser den Weg zum Kanal suchte. Der Kanal faßte die Wassermengen nicht, das brennende Öl lief in den Fahrstuhlschacht und schlug dann in langer Flamme unter den Boden des Kastens. Niemand konnte sagen, ob der Boden holz- oder eisengedielt war. War er von Eisen, würde er bald glühend werden, und war er von Holz, so würde er bald verbrannt sein. Ein Windstoß trieb den Qualm zur Seite,– die Wehrmänner hielten alle Rohre auf den Kasten, doch die Wasserbogen erreichten den Mann nicht. Der eingeschlossene Schmierer hielt sich die Arme schützend vor das Gesicht, er riß sich die Jacke aus und warf sie sich um den Kopf. Er sprang, wie wahnsinnig, von einer Ecke in die andere, jetzt wickelte er die Fetzen der Jacke um die Hände; er wollte die glühend gewordenen Stangen fassen, um an ihnen in die Höhe zu klettern. Die Lappen flammten auf,– mit schauerlichem Schrei fiel er auf den Boden zurück. In gewaltigen Sprüngen tanzte er von einer Ecke in die andere, rannte mit dem Kopf gegen die Konstruktion, griff plötzlich wieder nach den glühenden Stangen,– da schoß ein Wasserstrahl auf seine Hände. Der Brandmeister hatte alle anderen Rohre drosseln lassen; dies eine Rohr gab den gesammelten Druck hoch genug. Als er den Kasten unter Wasser setzen wollte, kam von der Straßenseite der Schlosser angelaufen. Er schrie dem Brandmeister zu, er dürfe kein Wasser in den Kasten geben; die Schlosser hätten heute früh die Karbidtonne zum Schweißen an den Dampfkessel bringen wollen und diese sei bestimmt nicht aus dem Kasten herausgekommen. Wenn Karbid und Wasser zusammenkämen, gäbe es eine Explosion. »Wasser! Wasser!« gellte es aus dem Kasten. Immer verzweifelter, in heulenden Stößen, schrillte das Todesgeschrei. Der Qualm verdeckte den Kasten, man hörte immer, wie die gepeinigten Füße sprangen, einen Augenblick zögerte der Brandmeister, dann hob er dennoch den Schlauch und kühlte zuerst den Boden, dann die Wand und vorsichtig die Stangen. Wie ein Turner am Gerät schwang sich der Schmierer hoch. Er preßte das Gesicht zwischen das Gestänge, riß den Mund nach dem Wasserstrahl auf,– da stieß eine weiße Qualmwolke hoch, eine Explosion schleuderte einen schreienden Menschen in die Höhe,– nun griff er im Fallen noch nach einer Stange, hielt sich,– dann barst der Kasten. Die Trümmer fielen in den feurigen Abgrund, hinterher, mit ausgestreckten Armen und Beinen, der Mann; er schlug mit dem Kopf noch erst auf den Schachtvorsprung, dann sausten die Füße gegen die Mauer, in einer aufschießenden Flamme verschwand er, vom brennenden Morast überschlagen.
Acht Männer schrien, jeder hatte den Fall kommen sehen, jeder wußte, jeder sah, hier war es vorbei; mochten nun die Mauern ausbrennen. Ich stieg hinter den Wehrmännern hinunter, ging in meine Kesselecke, setzte mich, glitt vom Ballen, streckte mich aus; als wenn die Angst, der Todeskampf, die Brandschmerzen in mich hineingefahren wären, so fremd war ich mir selber. Ich schlug mit Wissen und Willen die Fäuste auf dem Beton wund, preßte ein bannendes Stöhnen in meine Brust zurück, es half nichts. Mir war, als brannte ich in dem glühenden Käfig, ich brannte und verbrannte nicht, es brannte in mir weiter.
Jetzt wußte ich es mit einem Male, was mir fehlte, jetzt wußte ich, was mir das Leben unerträglich machte! Ich kaute an Lauten, die aus meiner Kehle schreien wollten, aber sie war noch nicht mit Gedanken gefüllt, ich wollte nicht schreien, ich wollte etwas sagen. Eine Sage sagen, einen Spruch sprechen, eine Rede reden, ein wirkendes Wort formen. Ich fühlte die Gedanken wie dickes Blut im Munde, ich konnte nicht einmal gurgelnd ausspeien. Nein, das Blut mußte ins Wort hinein, die Gedanken waren klar. Hier hab ich wieder erlebt: der Arbeiter ist ein Soldat ohne die Ehre des Soldaten, obgleich er bis zum letzten Blutstropfen kämpft wie ein Soldat! Der Arbeiter glaubt ja selbst noch, er arbeitet ums Geld; das ist eine dumme Lüge, er arbeitet Leben ins Werk hinein! Opfert der Soldat für das Vaterland seinen Leib, auf daß es erkämpftes Land werde so blutet das Leben des Arbeiters ins Werk hinein, damit die Fabrik seine Arbeitsheimat werde. Ja, wir sind Soldaten der Arbeit und wollen die Ehre des Soldaten erringen!
Das wollte ich sagen, aber das Wort stand vor dem Blut und das Blut vereinigte sich noch nicht mit dem Wort. Da wußte ich: jetzt mußt du Dichter werden, um eine Sage sagen zu können: die Sage vom Soldaten der Arbeit. Dazu mußt du in die Einsamkeit gehen und so lange Blut und Wort im Munde behalten, stumm sein und leiden, bis Wort und Blut eins sind. Ja, jetzt mußt du auf die Wanderschaft gehen, einsam und allein, in die Gebirge und Täler, auf die Felder, in die tiefen Wälder, in denen der Gott wohnt, der unsere Sprache schuf.
Mechanisch griff ich nach meinen Kleidern, zog mich um und ging auf die Straße. Mein Bruder stand beim Brandmeister und ließ sich erzählen. Als er mich sah, nickte er und sagte: »Komm! Wir wollen ran und fertigmachen! Tod oder Leben, immer muß es Kesselschmiede geben! Der Kessel muß geflickt sein, die Lebendigen müssen weiterschaffen! Wir müssens machen, sonst bezahlt uns keiner etwas für die gearbeiteten Stunden!« Einen Augenblick war ich empört, wollte ihm eine Gemeinheit entgegenschreien,– da besann ich mich: er hatte ja nichts gesehn! Er wußte nicht, was das heißt: »Ein Mann verbrannt!« Er hatte ja die Schreie nicht gehört. Ich sagte: »Es war unerträglich anzuhören, wie der schrie!«– »Es muß schauderhaft gewesen sein!« sagte er bewegt,– »aber es hilft nichts, ran! Noch ein paar Stunden, dann pennen wir eine lange Nacht!«
Seit diesem Feuertod starb etwas in mir und - wurde ein Neues geboren. Als ich wieder arbeitete, schlug ich grelliger als je, haute grimmiger als gestern früh. Es war eine Wonne, an den spitzen Stemmer zu denken, der schmale Furchen in das Blech hineintrieb. Der Stemmer ist Stahl und kein Mensch. Bloß nicht an den Menschen denken, der Mensch brennt. Nach einer Stunde schmeckte mir das Essen vorzüglich, ich hatte tüchtigen Hunger und aß mich satt und voll; dann arbeitete ich noch zwei Tage und Nächte. Als ich am anderen Tag in die Fabrik zum Nachsehen ging, kam ich an der Werkswohnung des Schmierers vorbei. Da stand neben der Haustür das schwarze Kreuz der Toten-Bruderschaft, auf dem in großen, weißen Buchstaben geschrieben stand: »Heute mir – morgen dir!«

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