Sonntag, 22. April 2012

Hedwig Fechheimer - Eine ägyptische Königsbüste aus dem zweiten Jahrtausend



EINE ÄGYPTISCHE KÖNIGSBÜSTE
AUS DEM ZWEITEN JAHRTAUSEND
VON
H. FECHHEIMER


Bei der Ausgrabung der Deutschen Orientgesellschaft im Jahre 1911/12 im Tell-Amarna wurde in einer freigelegten Bildhauer Werkstatt aus der Zeit Amenophis IV. neben anderen Arbeiten eine Kalksteinbüste des Königs gefunden, die jetzt im Oberlichtsaal des Berliner Ägyptischen Museums aufgestellt ist.
Der Name Amenophis IV. ist nicht geschichtlich über­liefert wie der eines Menes, Sesostris oder Ramses; er wurde erst durch die Ent­zifferung der Hieroglyphen­schrift und die Ausgrabungen bekannt. Seine Regierung 1375-1358 v. Chr. war eine der bewegtesten Zeiten der inneren Geschichte Ägyptens. Vom König selbst ging eine eingreifende religiöse Umwälzung aus, die darauf hinzielte, eine vielleicht ältere esoterische Lehre zur Staatsreligion zu erheben und die Scharen menschlicher und tierischer Götterbilder durch ein ein­ziges Symbol von primitiver Größe zu ersetzen: das Bild der »lebenden Sonne, die zuerst lebte«. Ein Denk­stein in Kairo zeigt Amenophis vor diesem Bild der Sonne kniend; sie berührt mit ihren Strahlen, die in Hände ausgehen, den König und die Opfergaben, die er darbringt. »Du gehst auf im östlichen Horizonte und erfüllst die Erde mit deiner Schönheit. Du bist schön und groß und funkelnd und hoch über der Erde. Deine Strahlen umarmen die Länder, soviele du geschaffen hast. Du bezwingst sie durch deine Liebe«. »Gehst du unter im westlichen Horizonte, so ist die Erde finster als wäre sie tot. Die Erde schweigt: der sie schuf, ruht in seinem Horizonte«. »Du schufst den fernen Himmel, um an ihm zu strahlen, um all dein Erschaffenes zu sehen, allein, aufgehend in deiner Gestalt als lebende Sonne, erglänzend, strahlend, dich entfernend, wieder­kehrend«. So heißt es in dem großen Sonnenhymnus, der auf den Grabwänden in Tell-Amarna eingemeißelt ist und den der König wohl selbst verfaßte. Auch die wenigen Kunstdenkmäler, die bei der erbitterten Gegen­revolution nach dem Tode Amenophisʼ der Vernichtung entgingen, bestätigen den umfassenden Einfluß des Königs auf die geistige Haltung seiner Zeit: Die Re­gierung Amenophis IV. ist zugleich eine besondere Stilepoche der ägyptischen Kunst, die weiter wirkte, nach­dem der orthodoxe Klerus die neue Lehre längst ausgerottet, die Stadt des Sonnenkönigs zerstört und Amon wiedereingesetzt hatte: »Weh dem, der dich antastet! Deine Stadt besteht, aber der dich antastete, ist gefällt. Pfui über den, der gegen dich frevelt in irgendeinem Lande. Die Sonne dessen, der dich nicht kannte, ist untergegangen, aber wer dich kennt, der leuchtet. Das Heiligtum dessen, der dich antastete, liegt im Dunkel, und die ganze Erde ist im Lichte«.
Die Ruinen von Tell-Amarna, zumal die Gräber der Fürsten und Würdenträger haben uns vortreffliche Bei­spiele der Flächendarstellung aufbewahrt: Malereien, Flachreliefs und die komplizierten versenkten Reliefs (en creux), eine alte ägyptische Kunstübung, deren stilistische Bedeutung erst damals begriffen wurde. Rundskulpturen aus der Zeit sind selten. Der Berliner Kopf — etwa 21 cm hoch und ein Bildhauermodell wie die früher gefundene Büste im Louvre — ist eins der besten erhaltenen Stücke. Er war wie die meisten ägyptischen Skulpturen bemalt; auf den Lippen und Brauen ist die Farbe erhalten, am Hals sind Farbspuren. Der Kopf zeigt wohl noch die geschlossene Form und einfache Aufteilung der älteren ägyptischen Plastiken, doch unterscheidet ihn von diesen die der früheren Rundskulptur fremde differenziertere Modellierung. Die Brauen. Augenlider, Lippen sind flächig und kantig gearbeitet wie im strengen ägyptischen Stil, Kinn und Wangen dagegen immer wieder übergangen, dass die Rundungen ineinander fliessen und die Schatten unbe­stimmt werden. Die Haut erscheint in dem zerstreuten Licht wie lebend, unter den Augen fast durchsichtig zart, während auf Lidern und Lippen das Licht sich zu breiten, von Schattenlinien unterstrichenen Bändern sammelt. Die ausgleichende Modellierung in den Hauptformen, die den Reiz des Lichts auf der Haut wiedergiebt, gehört zum Wesentlichen dieses Stils. Der ab­gebildete Frauenakt, leider ein Torso, kann eine Vor­stellung von der Behandlung des Nackten in diesem Kunstkreis geben.
Der Meister, der so sensibel in der Auswahl seiner plastischen Mittel war, als es galt, die künstlerische und seelische Sensibilität der königlichen Person im Bild zu erfassen, hat seine Vorläufer unter den ägyptischen Reliefbildnern. Er hat die Stilmomente des raffinier­testen Flachreliefs aufgegriffen, das wir kennen. Der Kopf ist am Profil am stärksten empfunden: hier sind die Linien der Krone am vollkommensten in die Komposition eingeordnet. Hier kehrt in Hals und Nackenlinie die eigen­tümlich schwungvolle Kurve wie­der, die den Amenophisreliefs die leidenschaftliche Bewegung und zugleich den dekorativen Reiz ver­leiht. Im Relief wurde auch jene differenzierte Modellierung, die nun auf die Rundplastik übergreift, längst gepflegt. Der optische Kon­trast des geglätteten Mauerplans und der rhythmischen Hebungen und Senkungen der reliefierten Ge­stalten haben die ägyptischen Künst­ler von Anbeginn so gefesselt, dass sie sich schon früh für ein Flach­relief von minimaler Höhe, wenigen Millimetern, entschieden, dessen Stilwert in der stark betonten und doch meisterhaft ausgeglichenen Spannung zwischen der plastischen Realisierung der Form und ihrer Flächenbindung liegt. Sie besassen vor der Mitte des dritten Jahr­tausends eine subtilere Relief­technik als irgendein Volk nach ihnen, und der plastische Dekor ihrer Grab- und Tempelwände ist durch alle Zeiten ohnegleichen ge­blieben. Für die Rundskulptur allerdings dürfte das Eindringen der plastischen Differenzierung in einen monumentalen Stil von höch­stem Rang den Beginn einer künst­lerischen Dekadenz bezeichnen. Darauf deutet auch die dekorative Gesamthaltung der Büste und die unzweideutige Orientierung dieser Kunst auf das psychologisch Interessante.
Vielleicht ist uns kein persön­licheres Werk der ägyptischen Kunst erhalten als der Berliner Kopf; an Grossheit der Auffassung und strenger Sachlichkeit übertrifft ihn aber manche schlichtere Skulptur eines altägyptischen Meisters.

Aus: Kunst und Künstler, Illustrierte Monatsschrift für Kunst und Kunstgewerbe, Redaktion Karl Scheffler, Jahrgang XI, Verlag von Bruno Cassirer, Berlin, 1913









Freitag, 13. April 2012

Karl Müchler - Mord aus Liebe

Mord aus Liebe
Kriminalgeschichte
Aus Gerichtlichen Akten von  1785
aufgezeichnet von Karl Müchler

Peter Heinrich Kugler war der Sohn eines Kirschners zu Nürnberg, hatte ehemals unter den Österreichischen Truppen gedient, und ließ sich im Jahre 785, etwas über sieben und zwanzig Jahr alt, unter das Königl. Preuß. Infanterie-Regiment von Wunsch (itzt von Kleist) anwerben.
Drei Monat nach seiner Ankunft in seiner Garnison, lernte er ein armes Mädchen, Friedericke Luise Flemmingen kennen, die noch etwas älter als er, und eines Soldaten Tochter war. Sie hatte ehemals in Stettin, und nach der Zeit an verschiedenen Orten als Magd gedient, und war eben im Begriff wieder in ihr Vaterland zurückzukehren, als sie auf Kuglers Zureden, der sich in sie verliebt, und ihr die Ehe versprochen hatte, noch mehr aber durch ihr eignes Herz bewogen, ihren ersten Vorsatz fahren ließ, und bei ihm in Prenzlau blieb, wo sie sich kümmerlich durch Handarbeit um Tagelohn zu ernähren suchten. Aber dies Liebesverhältniß konnte nicht lange unbekannt bleiben, und ehe es Kugler noch wagte, bei seinem Hauptmann um einen Trauschein anzuhalten, erklärte sich dieser schon gegen ihn: daß er solchen nie bekommen würde; ja, er verbot ihm selbst allen weiteren Umgang mit seiner Braut. Dazu kam, daß der Feldwebel der Kompagnie nie unterließ, ihn zu beschimpfen, und ihn sogar mit Stockschlägen zu bedrohen, wann er ihm nur von ungefähr mit seiner Braut begegnete.
Diese Behandlung, die geglaubte Unmöglichkeit, seine Geliebte, die er, obgleich irrig, für schwanger hielt, zur Frau zu bekommen, und der Mangel an Freiheit, über den er sich sehr laut in den Akten beschwert, brachten ihn endlich zu dem Entschluß, zu entweichen. Er entkam auch glücklich mit seiner Geliebten bis ins Mecklenburgische, wo er sogleich um einen Trauschein anhielt, der ihm aber, wegen einer damals kurz vorher ergangenen Verordnung des dortigen Landesherrn, verweigert wurde.
Bei dieser gänzlichen Unmöglichkeit, hier das Ziel seiner Wünsche zu erreichen, da er doch nichts sehnlicher verlangte, als mit seiner Braut getraut zu seyn, ließ er sich darauf wieder von einem Preußischen Werbeocier, der er in der Gegend von Penzlin antraf, unter das Regiment von Keniz, gegen zwanzig Thaler Handgeld, einen Pardonbrief, und einen Trauschein, anwerben, und da ihm der Werbeocier den letzteren nicht auf der Stelle zu ertheilen im Stande war, so wurde solches noch besonders in dem Pardonbrief angeführt, und nun kam er mit seiner Braut, voll der schönsten Hoffnungen in Königsberg in der Neumark an.
Aber zu seinem und seiner Braut Unglück hatte das Regiment von Wunsch mit dem Regiment von Keniz eine Konvention geschlossen, nicht nur alle entwichene und wieder außerhalb des Landes angeworbene Einländer, sondern auch Ausländer gegen einander auszuwechseln, und dieser Konvention zufolge wurde denn auch, sobald Kuglers Wiederanwerbung bekannt geworden, ein Ocier des Regiments von Wunsch nach Königsberg geschickt, um den Kugler zu reklamieren, und vorläufig durch den dortigen Auditeur über die Art und Weise seiner Desertion vernehmen zu lassen.
In diesem Verhör läugnete Kugler hartnäckig, daß seine Braut den geringsten Antheil an dieser Entweichung gehabt habe.
Es war nun freilich höchst unwahrscheinlich, daß sie von dieser Seite ganz ohne Schuld gewesen seyn sollte. Doch floß dies Läugnen gewiß aus keiner unedlen Quelle. Indessen brachte doch dies hartnäckige Läugnen den Ocier dergestalt auf, daß er, vermuthlich in der Absicht, die Wahrheit herauszubringen, dem Arrestanten nicht nur hart anredete, sondern ihm auch Stockschläge gab, und ihn endlich mit folgender Drohung verließ: »Er ist freilich, nach dem Pardonbrief, frei, aber seiner Liebsten sollen in Prenzlau die Röcke abgeschnitten, sie soll vom Profos gepeitscht, auch sonst noch beschimpft, und dann zum Thor hinausgebracht werden.« Kugler und seine Geliebte nahmen diese Drohung für völligen Ernst an, und man kann daher leicht denken, was sie für einen Eindruck auf die Seele des Unglücklichen machen mußten. Nicht minder groß war die Angst der Flemmingen, die um desto weniger an der Erfüllung dieser Drohungen zweifeln wollte, da der Ocier in dem Pardonbrief, den er im Namen seines Regiments eintauschen sollte, die Versicherung des Trauscheins ausgelassen hatte.
Dies arme Mädchen, gequält von dem traurigen Gedanken, ihrer zukünftigen Bestrafung, dachte von diesem Augenblick an auf nichts, als auf ein Mittel zur Rettung, aber alle Wege hiezu waren ihr verschlossen, ihr blieb nichts übrig, als Schande oder Tod.
Sie wählte das letztere. Schon im Ordonanzhause zu Königsberg in der Neumark war ihre Wahl getroffen, denn schon hier zeigte sie aus einem Fenster, das der Wache gegenüber lag, mit dem Finger auf die Brust: »Hier«, wollte sie ihrem Liebhaber zurufen, »hier ist mein Busen, durchbohr’ ihn, und befreie mich von der Schande.« Wenigstens verlangte sie dies von ihm ausdrücklich, als sie sich nachmals beide auf dem Transport nach Schwedt befanden. Kugler erschrack, suchte alles hervor, sie von ihrem Vorsatz abzubringen; aber vergebens, sie bestürmte ihn so lange mit Bitten, bis er ihr versprach, ihr in Schwedt den Tod zu geben; »denn hier«, setzte er hinzu, »hier, auf dem Transport, werden wir zu sehr bewacht.« Der Unglückliche hoffte, daß sie ihren grausamen Entschluß ändern würde. Sie kamen endlich nach Schwedt. Kugler wagte hier das äußerste zu seiner und seines Mädchens Rettung; er trat den dortigen General Grafen von Lottum an, und bat denselben, ihn unter seinem Regiment zu behalten; aber dieser menschenfreundliche General konnte nichts thun, als ihn bedauern. Seine Bitte mußte er ihm abschlagen.
Kugler wurde nun mit seiner Geliebten nach der Hauptwache gebracht. Kaum waren die beiden Unglücklichen hier allein, so wiederholte das Mädchen ihre fürchterliche Bitte. Er verwarf sie aufs neue, aber keine Vorstellungen konnten sie wankend machen, sie ließ mit ihren Bitten nicht nach, bis er ihr feierlich versprochen, sie zu ermorden. Nun wurde sie ruhig. »Auf«, sagte sie, »auf, laß uns lustig seyn, dies sey heut unser Hochzeittag.« Kugler ließ von dem erhaltenen Handgelde für sich und seine Braut ein Mittagessen bereiten, und so niedergeschlagen und trostlos er war, so standhaft und ruhig war sie.
Unter wechselseitigen Liebkosungen und Betheuerungen ihrer Liebe war es endlich Abend geworden. Um neun Uhr legten sich beide, um desto ungehinderter sprechen zu können, hinter den Ofen, und das Mädchen bedeckte sich und ihren Liebhaber mit ihren Kleidern. Hier bat sie ihn, nun nicht länger zu zögern, und als er sich aufs neue weigerte, fügte sie die Drohung hinzu: »Wenn du es nicht thun willst, so werd’ ich es selbst thun, ich habe keine Ruh’ und Rast mehr auf Erden.«
Seine Beredsamkeit war erschöpft, er bat um nichts, als um Aufschub bis um Mitternacht, und dies wurde ihm endlich von ihr gewährt.
Nun verbarg die Flemmingen ein Messer in ihrem Busen, um es gleich bei der Hand zu haben. Sie gab ihrem Liebhaber, nach verschiedenen Anweisungen, wie sie es mit ihrem Begräbnisse gehalten wissen wolle, noch ein schwarzes seidenes Band, das er ihr nach ihrem Tode um den Hals binden, und mit ins Grab geben sollte. Auch bat sie ihn noch, daß er sie selbst ankleiden und waschen mögte.
Immer näher rückte die Stunde des Todes, itzt beteten beide zusammen: — »Gott möchte ihnen ihre Sinne erleuchten, ob sie die That vollbringen sollten, oder nicht.«
Es schlug zwölf, beide standen jetzt von ihrem Lager auf, und gingen unter Umarmungen und Küssen bis um ein Uhr in der Wachtstube auf und nieder. Kugler weinte heftig, aber das standhafte Mädchen vergoß keine Thräne. Immer bat sie ihren Bräutigamm, ruhig zu seyn, und tausendmal versicherte sie ihm, daß sie für ihn dem Tode mit frohem Herzen entgegen ginge.
Um ein Uhr wurden die Posten abgelöst, und als gerade nur der einzige Soldat, der an der Stubenthür Wache stand, zugegen war, kehrten beide wieder hinter den Ofen zurück. Kugler umfaßte seine Braut mit dem linken, sie ihn mit dem rechten Arm. Nun zog sie das Messer aus dem Busen hervor, und übergab es ihm mit den Worten: »Es ist doch besser, daß du deine Hände in meinem Blute waschest, als ein andrer.«
Schweigend nahm er das Messer, sie entblößte ihren Busen, zeigte mit dem Finger den Ort, wo er hinstoßen sollte, rief noch einmal mit leiser Stimme: »Gott sey dir und mir armen Sünder gnädig!« und Kugler — drückte ihr das Messer, ohne sich im geringsten zu weigern, so tief in die Brust, als er nur konnte. Man hörte keinen Schrei, leise schöpfte sie noch einmal Athem, zuckte und starb.
So bald sie verschieden war, zog Kugler das Messer aus dem Busen, warf es über seinen Kopf, und eilte zu dem wachthabenden Unterocier: »Herr Sergeant«, rief er ihm zu, — »Herr Sergeant, ich habe das Mädchen todtgestochen!« — Der Unterocier hielt es für einen Scherz. — »Nehmen Sie nur das Licht; ich habe meine Liebste erstochen, da liegt sie!« — Jetzt fand man den blutigen Leichnam, man legte den Mörder in Ketten, und von diesem Augenblick an schien der Heldengeist seines ermordeten Mädchens auf ihm zu ruhen. So zaghaft und schwermüthig er zuvor gewesen, eben so ruhig und standhaft war er jetzt, und eben so gelassen ging er nachmals seinem Tod’ entgegen.
In der Spezialinquisition sagte er: »ich bitte, so bald als möglich, da Blut durch Blut gerochen werden soll, mein Recht mir anzuthun, und solches eiligst zu beschleunigen. Zu meiner Vertheidigung weiß ich nichts zu sagen, als daß ich es nicht aus Rache, sondern aus Liebe gethan. Weil ich sie nicht in dieser Welt heirathen konnte, so wollte ich dadurch in jene Welt. — Ich hab’ es aus Liebe gethan, weil ich ohne sie doch in der Welt immer unglücklich wäre.«
Fr. Warum er es nicht angezeigt, daß seine Braut ihn gebeten, sie zu erstechen? — »Ich hab’ es aus Liebe nicht angezeigt, weil sie sonst noch in größere Strafe gefallen wäre.«
Fr. Warum er ihr denn wenigstens nicht alles weggenommen? — »Es war ihr Vorsatz zu sterben, und sie hätte denn doch gewiß Gelegenheit gesucht, ihre That zu vollführen.«
Fr. Aber dann wäre er doch von aller Verantwortung frei? — »Nein, ich war ihr Entführer, und meine Vorwürfe würden mich doch immer verfolgt haben.«
Auf die wiederholte Frage, was er zu seiner Vertheidigung anzuführen wisse? Erwiederte er: »Nichts, als daß er sie hier nicht heirathen sollen, und dort würden sich ihre Seelen doch ganz gewiß treffen.«
Die Sentenz wurde vom Kriegsgericht dahin gefällt: daß er mit dem Schwerdt vom Leben zum Tode gebracht und der Körper nachmals vergraben werden sollte.

Mittwoch, 11. April 2012

Peter Panter - Was tun Frauen, bevor sie weggehen?

John Singer Sargent - Javaneserin beim Schminken



Was tun Frauen, bevor sie weggehen?
Von Peter Panter.


Dies ist ein sehr geheimnisvoller Vorgang:
Wenn eine Frau seit vier Stunden weiß, daß sie und der Mann um sieben Uhr ins Theater gehen, wenn dann der Mann um halb sieben abgehetzt und eilig aus dem Geschäft kommt, um sie abzuholen — was tut eine solche Frau dann?
Sie entfaltet eine unermeßliche Tätigkeit.
Vorerst beginnt sie sich »zurechtzumachen«. Unter diesem Begriff fallen eine Reihe unerklärlicher Vorgänge und Betätigungen, die nie ganz zu enträseln sind, als da wären: Zupfen der Haare vor einem großen Spiegel, dasselbe vor einem kleinen; Aufnehmen eines gleichgültigen Gegenstandes und Hinlegen desselben; Suchen der Schlüssel; Durchwühlen einer Kommode; Probe und Verwerfen eines Hutes vor einem großen Spiegel, eifriges Geläuf durch alle Zimmer. Und hier setzt nun das Rätsel ein, das große, unergründliche Rätsel:
Warum tun Frauen in der letzten Minute Dinge, die sie schon vor einer Stunde hätten tun können und die viel mehr Zeit in Anspruch nehmen als beim besten Willen vorhanden ist? Warum?
6.45 Uhr: »Ich muß meine Handschuhe erst nochmal mit Benzin reinigen! Anna! Anna! Wo ist das Benzin?« Benzinflasche. Handschuhe und ein großer häßlicher Lappen von tückischem Aussehen. Richtig: er verschmiert bösartig das Benzin und tut durchaus nicht, was man von ihm verlangt. Das geht so zehn Minuten. 6.55 Uhr: »Ich werde mir doch lieber die neuen Handschuhe anziehen!« Im Hintergrund ringt ein Unglücklicher die Hände — das hätte man doch schon vor zehn Minuten . . . Strafender Blick: »Du verstehst auch gar nichts —!« Nein, er versteht gar nichts . . .
7.08 Uhr: »Die Wäsche ist noch nicht gezählt!« — Aber, liebes Kind . . . Hier ist nicht: lieb, und hier ist nicht: Kind — die Wäsche ist noch nicht gezählt! Muß das jetzt sein? Jetzt oder nie. Anna! — 5 Combinaisons, 44 Handtücher — wieso 44? — ach so — 23 Taschentücher, 5 Hemdchen fürs Kind — na, ich werde das morgen machen — legen Sie sie da inzwischen hin! Anna, haben wir abgerechnet? Also morgen nehmen wir die Rinderbrust. die noch da ist — —« Der Hintergrund: Allmächtiger, womit habe ich das verdient! Wie hast du mich gestraft, du mein Herr und Gott! Mein liebes Kind, es ist fünf Minuten über viertelacht . . . »Dann hättest Du eben früher aus dem Geschäft kommen müssen —!« Da kann man halt nix machen.
Aber es muß doch eine physikalische Erklärung dieses Tuns geben? Es müssen doch da ganz bestimmte Gesetze obwalten, im voraus berechenbare Axiome des weiblichen Zeitempfindens . . .? Schmarrn! (österreichisch; so viel wie: Eierkuchen.) Diese Wege sind wunderbar.
Das große X, auf das nach Schopenhauers Wort jeder Denker einmal stößt, hier offenbart es sich in seiner ganz unheimlichen Größe. Nur dieser Satz läßt sich nach schmerzlichem Studium aus dem ganzen Getriebe destillieren: Eile der letzten Minute vor der Abfahrt ruft in der Frau den Entschluß zu längeren Handlungen hervor. Das ist ein elementares Naturgesetz und nicht weiter zu beweisen.
So daß es sich also empfiehlt, wenn man verheiratet ist oder sonstwie für sein Leben ein geschlagener Mann ist, alle ersten Akte der bekannteren Theaterliteratur auswendig zu lernen. Dies allein ist ein wirklicher Schutz und eines gute Hilfe.
*
Sehr geehrter Herr Panter!
Ich habe Ihren kleinen Aufsatz in der Zeitung: Was tun Frauen, bevor sie weggehen? gelesen. Ich muß Ihnen sagen, daß Sie aber durchaus nicht alle Frauen zu kennen scheinen, die es gibt. Es gibt doch Gott sei Dank heute schon eine Menge Frauen und Mädchen, die mindestens ebenso pünktlich und zuverlässig sind wie der Mann. Das beweisen ja auch die vielen weiblichen Telephonangestellten.
Ich muß den Brief leider schließen. Eben kommt mein Mann und ruft, daß es Zeit ist, zu unserer Mittwochgesellschaft zu gehen. Wenn das nicht dazwischen gekommen wäre, Herr Panter, dann würde ich Ihnen noch ganz anders und viel ausführlicher geschrieben haben, aber leider muß ich jetzt schließen und meinen Mann begleiten. Ich möchte Ihnen bloß noch sagen, daß es die allermeisten Frauen, was Ordnung und Pünktlichkeit betrifft, noch hundertmal mit jedem Mann aufnehmen können. Ich wenigstens bin immer auf die Minute da und fange gar nicht erst kurz vor meinem Weggang an, tausend Sachen anzufangen und wieder hinzulegen. Ueberhaupt: das ist eine männliche Ueberhebung, sich immer über die Frauen lustig zu machen. Da fangt Ihr Männer mal hübsch bei Euch an — da werdet Ihr noch genug Laster und Fehler finden! Und, Herr Panter, eine Frau, die eine Wirtschaft führt, hat eben viele Lasten und Sorgen, die ihr keiner abnimmt, nicht einmal der eigene Mann. Sie muß beinah alles allein tun, und daher mag es denn manchmal vorkommen, daß sie sich zu einem Vergnügen verspätet. Und was schadet es denn schon, wenn der Mann einmal ein bißchen auf sie warten muß? So galant kann ein Mann schon zu seiner Frau sein — besonders, wenn sie sich den ganzen Tag für ihn in der Wirtschaft abgemüht hat. Im übrigen aber sind die Frauen viel pünktlicher als Ihr Männer!
So — jetzt will ich den Brief rasch fertig machen und frankieren, denn ich muß mich noch anziehen und frisieren —!    Eine Pünktliche.


Aus: Prager Tagblatt, Nr. 302, Sonntag den 28. Dezember 1924, S.4f.





Mittwoch, 4. April 2012

Elsa Asenijeff - und die Seele flüstert mit sich

Ralph Albert Blakelock - Moonlight



— und die Seele flüstert mit sich.


Es ist manchmal so, ein Windhauch trägt es mir zu, es weht an mir vorüber und macht mich erschauern — ich weiss nicht woher — von wem — aber ich fühle es, dass irgendwo noch eine andere Seele zittert wie die meine, suchend, sehnend, bebend — — —
Und die Seele flüstert mit sich: Der Wind weht, es ist dunkel, ich gehe einsam den nächtigen Weg. Und ich suche — — hinter allʼ den nickenden Zweigen hinter dem Dunkel der Nacht such’ ich die Liebe.
Aber die Liebe suchst Du nicht.
Echo: Liebe!
Denn?
Denn! die Liebe ist in Dir, sie ist das weite Meer, dass Dich selber zu überschwemmen droht.
Du suchst Jemand, dem Du sie geben könn-test. Du bist zu reich und willst danken kön-nen, indem Du schenkst.
Und Männer kreuzen Deinen Weg, des Tags, des Nachts. Männer, Männer, nur der Eine nicht! Was? gehen Dich Männer an? Mit leeren Augen schaust Du fremd nach ihnen, denn Deine Seele blickt aus nach Einem.
Nach Einem, der wert wäre, dass Du ihm das Opfer Deiner Keuschheit und aller Menschen-satzungen bringst. Nach Einem, wo all’ Dein Thun kein Opfern mehr wäre, sondern «Weihe des grossen Glückes. Einen, den Einzig-Möglichen!
Ach! wie strecken sich diese Arme bangend aus nach ihm! Den im Traum Geschauten mit der bleichen Stirn und dem flammenden Haar!


Er ist nicht da.
Er ist noch nie gewesen
Den meine Seele winselnd sucht
Ich geh’ dahin
Der Regen tropft so mahnend an die Wange
Ich geh’ — allein.


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Meine Seele hat die sengenden Purpurflaggen der Liebe ausgestreckt! Klagend singt sie durch die Lüfte und weiss nicht wen.


Ich sehne nur Einen auf Erden
Ach! gleich der Sonne müsst’ er sein
Glühend und leuchtend zugleich
Segnend und vernichtend.


Sein Herz aber müsste weit sein wie die Welt und in dieses Herzens Grund müsste die ganze Menschheit liegen. Sein strahlendes Denken sollte noch die fernsten Unendlichkeiten überglänzen; doch gletscherkalt sei sein einsamer Stolz. Ich such’ nur ihn, den fernen Viel¬geliebten und wenn ich ihn fände, wollt’ ich die Faust vor den Mund thun, damit mein Jauchzen erstickt. Und hinter des Baumes Stamm wollt’ ich mich bergen, damit mein Anblick ihn nicht stört. Damit er einsam bleibe, einsam und stolz.

Aus: Sehnsucht [verfasst von Elsa Asenijeff], W. Friedrich, Leipzig, 1898

Walter Serner - Inferno

Walter Serner - Inferno Inferno Ein Schreien, das widersetzlich beginnt, wenn es am laute­sten wird, vor Wut sich überschlägt und ...