Elsa Asenijeff - und die Seele flüstert mit sich

Ralph Albert Blakelock - Moonlight



— und die Seele flüstert mit sich.


Es ist manchmal so, ein Windhauch trägt es mir zu, es weht an mir vorüber und macht mich erschauern — ich weiss nicht woher — von wem — aber ich fühle es, dass irgendwo noch eine andere Seele zittert wie die meine, suchend, sehnend, bebend — — —
Und die Seele flüstert mit sich: Der Wind weht, es ist dunkel, ich gehe einsam den nächtigen Weg. Und ich suche — — hinter allʼ den nickenden Zweigen hinter dem Dunkel der Nacht such’ ich die Liebe.
Aber die Liebe suchst Du nicht.
Echo: Liebe!
Denn?
Denn! die Liebe ist in Dir, sie ist das weite Meer, dass Dich selber zu überschwemmen droht.
Du suchst Jemand, dem Du sie geben könn-test. Du bist zu reich und willst danken kön-nen, indem Du schenkst.
Und Männer kreuzen Deinen Weg, des Tags, des Nachts. Männer, Männer, nur der Eine nicht! Was? gehen Dich Männer an? Mit leeren Augen schaust Du fremd nach ihnen, denn Deine Seele blickt aus nach Einem.
Nach Einem, der wert wäre, dass Du ihm das Opfer Deiner Keuschheit und aller Menschen-satzungen bringst. Nach Einem, wo all’ Dein Thun kein Opfern mehr wäre, sondern «Weihe des grossen Glückes. Einen, den Einzig-Möglichen!
Ach! wie strecken sich diese Arme bangend aus nach ihm! Den im Traum Geschauten mit der bleichen Stirn und dem flammenden Haar!


Er ist nicht da.
Er ist noch nie gewesen
Den meine Seele winselnd sucht
Ich geh’ dahin
Der Regen tropft so mahnend an die Wange
Ich geh’ — allein.


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Meine Seele hat die sengenden Purpurflaggen der Liebe ausgestreckt! Klagend singt sie durch die Lüfte und weiss nicht wen.


Ich sehne nur Einen auf Erden
Ach! gleich der Sonne müsst’ er sein
Glühend und leuchtend zugleich
Segnend und vernichtend.


Sein Herz aber müsste weit sein wie die Welt und in dieses Herzens Grund müsste die ganze Menschheit liegen. Sein strahlendes Denken sollte noch die fernsten Unendlichkeiten überglänzen; doch gletscherkalt sei sein einsamer Stolz. Ich such’ nur ihn, den fernen Viel¬geliebten und wenn ich ihn fände, wollt’ ich die Faust vor den Mund thun, damit mein Jauchzen erstickt. Und hinter des Baumes Stamm wollt’ ich mich bergen, damit mein Anblick ihn nicht stört. Damit er einsam bleibe, einsam und stolz.

Aus: Sehnsucht [verfasst von Elsa Asenijeff], W. Friedrich, Leipzig, 1898

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