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Karl Müchler - Mord aus Liebe

Mord aus Liebe
Kriminalgeschichte
Aus Gerichtlichen Akten von  1785
aufgezeichnet von Karl Müchler

Peter Heinrich Kugler war der Sohn eines Kirschners zu Nürnberg, hatte ehemals unter den Österreichischen Truppen gedient, und ließ sich im Jahre 785, etwas über sieben und zwanzig Jahr alt, unter das Königl. Preuß. Infanterie-Regiment von Wunsch (itzt von Kleist) anwerben.
Drei Monat nach seiner Ankunft in seiner Garnison, lernte er ein armes Mädchen, Friedericke Luise Flemmingen kennen, die noch etwas älter als er, und eines Soldaten Tochter war. Sie hatte ehemals in Stettin, und nach der Zeit an verschiedenen Orten als Magd gedient, und war eben im Begriff wieder in ihr Vaterland zurückzukehren, als sie auf Kuglers Zureden, der sich in sie verliebt, und ihr die Ehe versprochen hatte, noch mehr aber durch ihr eignes Herz bewogen, ihren ersten Vorsatz fahren ließ, und bei ihm in Prenzlau blieb, wo sie sich kümmerlich durch Handarbeit um Tagelohn zu ernähren suchten. Aber dies Liebesverhältniß konnte nicht lange unbekannt bleiben, und ehe es Kugler noch wagte, bei seinem Hauptmann um einen Trauschein anzuhalten, erklärte sich dieser schon gegen ihn: daß er solchen nie bekommen würde; ja, er verbot ihm selbst allen weiteren Umgang mit seiner Braut. Dazu kam, daß der Feldwebel der Kompagnie nie unterließ, ihn zu beschimpfen, und ihn sogar mit Stockschlägen zu bedrohen, wann er ihm nur von ungefähr mit seiner Braut begegnete.
Diese Behandlung, die geglaubte Unmöglichkeit, seine Geliebte, die er, obgleich irrig, für schwanger hielt, zur Frau zu bekommen, und der Mangel an Freiheit, über den er sich sehr laut in den Akten beschwert, brachten ihn endlich zu dem Entschluß, zu entweichen. Er entkam auch glücklich mit seiner Geliebten bis ins Mecklenburgische, wo er sogleich um einen Trauschein anhielt, der ihm aber, wegen einer damals kurz vorher ergangenen Verordnung des dortigen Landesherrn, verweigert wurde.
Bei dieser gänzlichen Unmöglichkeit, hier das Ziel seiner Wünsche zu erreichen, da er doch nichts sehnlicher verlangte, als mit seiner Braut getraut zu seyn, ließ er sich darauf wieder von einem Preußischen Werbeocier, der er in der Gegend von Penzlin antraf, unter das Regiment von Keniz, gegen zwanzig Thaler Handgeld, einen Pardonbrief, und einen Trauschein, anwerben, und da ihm der Werbeocier den letzteren nicht auf der Stelle zu ertheilen im Stande war, so wurde solches noch besonders in dem Pardonbrief angeführt, und nun kam er mit seiner Braut, voll der schönsten Hoffnungen in Königsberg in der Neumark an.
Aber zu seinem und seiner Braut Unglück hatte das Regiment von Wunsch mit dem Regiment von Keniz eine Konvention geschlossen, nicht nur alle entwichene und wieder außerhalb des Landes angeworbene Einländer, sondern auch Ausländer gegen einander auszuwechseln, und dieser Konvention zufolge wurde denn auch, sobald Kuglers Wiederanwerbung bekannt geworden, ein Ocier des Regiments von Wunsch nach Königsberg geschickt, um den Kugler zu reklamieren, und vorläufig durch den dortigen Auditeur über die Art und Weise seiner Desertion vernehmen zu lassen.
In diesem Verhör läugnete Kugler hartnäckig, daß seine Braut den geringsten Antheil an dieser Entweichung gehabt habe.
Es war nun freilich höchst unwahrscheinlich, daß sie von dieser Seite ganz ohne Schuld gewesen seyn sollte. Doch floß dies Läugnen gewiß aus keiner unedlen Quelle. Indessen brachte doch dies hartnäckige Läugnen den Ocier dergestalt auf, daß er, vermuthlich in der Absicht, die Wahrheit herauszubringen, dem Arrestanten nicht nur hart anredete, sondern ihm auch Stockschläge gab, und ihn endlich mit folgender Drohung verließ: »Er ist freilich, nach dem Pardonbrief, frei, aber seiner Liebsten sollen in Prenzlau die Röcke abgeschnitten, sie soll vom Profos gepeitscht, auch sonst noch beschimpft, und dann zum Thor hinausgebracht werden.« Kugler und seine Geliebte nahmen diese Drohung für völligen Ernst an, und man kann daher leicht denken, was sie für einen Eindruck auf die Seele des Unglücklichen machen mußten. Nicht minder groß war die Angst der Flemmingen, die um desto weniger an der Erfüllung dieser Drohungen zweifeln wollte, da der Ocier in dem Pardonbrief, den er im Namen seines Regiments eintauschen sollte, die Versicherung des Trauscheins ausgelassen hatte.
Dies arme Mädchen, gequält von dem traurigen Gedanken, ihrer zukünftigen Bestrafung, dachte von diesem Augenblick an auf nichts, als auf ein Mittel zur Rettung, aber alle Wege hiezu waren ihr verschlossen, ihr blieb nichts übrig, als Schande oder Tod.
Sie wählte das letztere. Schon im Ordonanzhause zu Königsberg in der Neumark war ihre Wahl getroffen, denn schon hier zeigte sie aus einem Fenster, das der Wache gegenüber lag, mit dem Finger auf die Brust: »Hier«, wollte sie ihrem Liebhaber zurufen, »hier ist mein Busen, durchbohr’ ihn, und befreie mich von der Schande.« Wenigstens verlangte sie dies von ihm ausdrücklich, als sie sich nachmals beide auf dem Transport nach Schwedt befanden. Kugler erschrack, suchte alles hervor, sie von ihrem Vorsatz abzubringen; aber vergebens, sie bestürmte ihn so lange mit Bitten, bis er ihr versprach, ihr in Schwedt den Tod zu geben; »denn hier«, setzte er hinzu, »hier, auf dem Transport, werden wir zu sehr bewacht.« Der Unglückliche hoffte, daß sie ihren grausamen Entschluß ändern würde. Sie kamen endlich nach Schwedt. Kugler wagte hier das äußerste zu seiner und seines Mädchens Rettung; er trat den dortigen General Grafen von Lottum an, und bat denselben, ihn unter seinem Regiment zu behalten; aber dieser menschenfreundliche General konnte nichts thun, als ihn bedauern. Seine Bitte mußte er ihm abschlagen.
Kugler wurde nun mit seiner Geliebten nach der Hauptwache gebracht. Kaum waren die beiden Unglücklichen hier allein, so wiederholte das Mädchen ihre fürchterliche Bitte. Er verwarf sie aufs neue, aber keine Vorstellungen konnten sie wankend machen, sie ließ mit ihren Bitten nicht nach, bis er ihr feierlich versprochen, sie zu ermorden. Nun wurde sie ruhig. »Auf«, sagte sie, »auf, laß uns lustig seyn, dies sey heut unser Hochzeittag.« Kugler ließ von dem erhaltenen Handgelde für sich und seine Braut ein Mittagessen bereiten, und so niedergeschlagen und trostlos er war, so standhaft und ruhig war sie.
Unter wechselseitigen Liebkosungen und Betheuerungen ihrer Liebe war es endlich Abend geworden. Um neun Uhr legten sich beide, um desto ungehinderter sprechen zu können, hinter den Ofen, und das Mädchen bedeckte sich und ihren Liebhaber mit ihren Kleidern. Hier bat sie ihn, nun nicht länger zu zögern, und als er sich aufs neue weigerte, fügte sie die Drohung hinzu: »Wenn du es nicht thun willst, so werd’ ich es selbst thun, ich habe keine Ruh’ und Rast mehr auf Erden.«
Seine Beredsamkeit war erschöpft, er bat um nichts, als um Aufschub bis um Mitternacht, und dies wurde ihm endlich von ihr gewährt.
Nun verbarg die Flemmingen ein Messer in ihrem Busen, um es gleich bei der Hand zu haben. Sie gab ihrem Liebhaber, nach verschiedenen Anweisungen, wie sie es mit ihrem Begräbnisse gehalten wissen wolle, noch ein schwarzes seidenes Band, das er ihr nach ihrem Tode um den Hals binden, und mit ins Grab geben sollte. Auch bat sie ihn noch, daß er sie selbst ankleiden und waschen mögte.
Immer näher rückte die Stunde des Todes, itzt beteten beide zusammen: — »Gott möchte ihnen ihre Sinne erleuchten, ob sie die That vollbringen sollten, oder nicht.«
Es schlug zwölf, beide standen jetzt von ihrem Lager auf, und gingen unter Umarmungen und Küssen bis um ein Uhr in der Wachtstube auf und nieder. Kugler weinte heftig, aber das standhafte Mädchen vergoß keine Thräne. Immer bat sie ihren Bräutigamm, ruhig zu seyn, und tausendmal versicherte sie ihm, daß sie für ihn dem Tode mit frohem Herzen entgegen ginge.
Um ein Uhr wurden die Posten abgelöst, und als gerade nur der einzige Soldat, der an der Stubenthür Wache stand, zugegen war, kehrten beide wieder hinter den Ofen zurück. Kugler umfaßte seine Braut mit dem linken, sie ihn mit dem rechten Arm. Nun zog sie das Messer aus dem Busen hervor, und übergab es ihm mit den Worten: »Es ist doch besser, daß du deine Hände in meinem Blute waschest, als ein andrer.«
Schweigend nahm er das Messer, sie entblößte ihren Busen, zeigte mit dem Finger den Ort, wo er hinstoßen sollte, rief noch einmal mit leiser Stimme: »Gott sey dir und mir armen Sünder gnädig!« und Kugler — drückte ihr das Messer, ohne sich im geringsten zu weigern, so tief in die Brust, als er nur konnte. Man hörte keinen Schrei, leise schöpfte sie noch einmal Athem, zuckte und starb.
So bald sie verschieden war, zog Kugler das Messer aus dem Busen, warf es über seinen Kopf, und eilte zu dem wachthabenden Unterocier: »Herr Sergeant«, rief er ihm zu, — »Herr Sergeant, ich habe das Mädchen todtgestochen!« — Der Unterocier hielt es für einen Scherz. — »Nehmen Sie nur das Licht; ich habe meine Liebste erstochen, da liegt sie!« — Jetzt fand man den blutigen Leichnam, man legte den Mörder in Ketten, und von diesem Augenblick an schien der Heldengeist seines ermordeten Mädchens auf ihm zu ruhen. So zaghaft und schwermüthig er zuvor gewesen, eben so ruhig und standhaft war er jetzt, und eben so gelassen ging er nachmals seinem Tod’ entgegen.
In der Spezialinquisition sagte er: »ich bitte, so bald als möglich, da Blut durch Blut gerochen werden soll, mein Recht mir anzuthun, und solches eiligst zu beschleunigen. Zu meiner Vertheidigung weiß ich nichts zu sagen, als daß ich es nicht aus Rache, sondern aus Liebe gethan. Weil ich sie nicht in dieser Welt heirathen konnte, so wollte ich dadurch in jene Welt. — Ich hab’ es aus Liebe gethan, weil ich ohne sie doch in der Welt immer unglücklich wäre.«
Fr. Warum er es nicht angezeigt, daß seine Braut ihn gebeten, sie zu erstechen? — »Ich hab’ es aus Liebe nicht angezeigt, weil sie sonst noch in größere Strafe gefallen wäre.«
Fr. Warum er ihr denn wenigstens nicht alles weggenommen? — »Es war ihr Vorsatz zu sterben, und sie hätte denn doch gewiß Gelegenheit gesucht, ihre That zu vollführen.«
Fr. Aber dann wäre er doch von aller Verantwortung frei? — »Nein, ich war ihr Entführer, und meine Vorwürfe würden mich doch immer verfolgt haben.«
Auf die wiederholte Frage, was er zu seiner Vertheidigung anzuführen wisse? Erwiederte er: »Nichts, als daß er sie hier nicht heirathen sollen, und dort würden sich ihre Seelen doch ganz gewiß treffen.«
Die Sentenz wurde vom Kriegsgericht dahin gefällt: daß er mit dem Schwerdt vom Leben zum Tode gebracht und der Körper nachmals vergraben werden sollte.

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