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Clara Linzen-Ernst – Die Psyche der Prostituierten

Clara Ratzka

Clara Linzen-Ernst – Die Psyche der Prostituierten
Essay
aus: Die Neue Generation, Herausgegegeben von Dr. Helene Stöcker, Publikationsorgan des Bundes für Mutterschutz, Oesterheld & Co, Verlag, Berlin, 4. Jahrgang, Heft 10, Oktober, 1908, S. 378 ff.



Auf der 80. Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte zu Köln a. R., 20. bis 26. Sept. d. J, teilte Prof. Dr. Christian Müller die Ergebnisse einer eingehenden psychischen Untersuchung der Prostituierten mit, die polizeilich in die Abteilung für Hautkrankheiten der Krankenanstalt Lindenburg eingeliefert wurden. Dr. Müller hat bei seiner Untersuchung besonderen Wert auf die Klarstellung der sozialen Verhältnisse gelegt, aus denen die Prostituierten hervorgegangen sind, und dabei ist er zu dem erstaunlichen Schluss gekommen, dass es keineswegs die wirtschaftliche Notlage ist, die diese Frauen der Prostitution zugeführt hat, dass sowohl die Eltern der Prostituierten, wie die Prostituierten selbst, in auskömmlichen Verhältnissen leben. Die soziale Lage der Eltern und die momentanen vielleicht sogar hohen Einnahmen der Prostituierten lassen aber noch keineswegs den Schluss zu, dass die Not nicht die Triebfeder der Käuflichkeit dieser Frauen war! Gerade weil die Eltern in relativ guten Verhältnissen lebten, weil sie, wie Dr. Müller angibt, dem Handwerker- und Kleinbeamtenstande, sowie dem besseren Arbeiterstande und zum Teil auch höheren Berufskreisen angehörten, mussten diese Frauen vielleicht der Prostitution anheimfallen. Der Vortragende gibt selbst, wenn auch wohl unbewusst, den Schlüssel dazu:
Ein Drittel der Untersuchten hatte ausserehelich geboren. In allen Fällen entsprach der Stand des ersten Liebhabers den sozialen Kreisen, aus denen die Prostituierte hervorgegangen war. Nun, das redet doch deutlich genug! Die Mädchen haben eben eine Liebschaft gehabt; sie fingen nicht damit an, sich zu prostituieren: die Liebe war das erste – und dann kam das Kind. Weil diese Mädchen sich Mutter fühlten, wandten sich die Familien, zumal sie in »besseren« Verhältnissen lebten, von den Töchtern, die geliebt hatten, ab. Warum sollte die Gesellschaft, die ohnehin aus Heuchelei zusammenhält, weniger grausam sein als die Familie? Auch die Gesellschaft stösst »die Gefallene« aus. Sie verliert ihren Lebensunterhalt, den ihr die Familie oder ihre Arbeit gab. Die Notlage ist da.Ein Drittel der Untersuchten hatte ausserehelich geboren! Doch nicht als Prostituierte? Die Mehrzahl der Untersuchten war früher als Dienstmädchen oder Köchin in Stellung gewesen. Also nicht in einer Notlage nach Dr. Müller. Als ob schwangere Mädchen bis zur Stunde der Entbindung in ihrem Dienst bleiben könnten! Mit Schmach und Schande überhäuft werden sie auf die Strasse gesetzt, wenn sie es nicht vorgezogen haben, rechtzeitig den Dienst zu verlassen. Und wo bleiben diese schwangeren Frauen? Einen Rückhalt an ihre Familie haben sie in den seltensten Fallen, und von »erspartem Gehalt« können sie auch nicht leben. Schwangernheime? Wo gibt es Schwangernheime – wer verhilft diesen Frauen zu einer Unterkunft? Die Prostitution dieser Frauen beginnt häufig schon zur Zeit der Schwangerschaft, eben wegen der Notlage, in der sie sich befinden. Der Vater des Kindes zieht sich in den weitaus meisten Fällen von der Geliebten zurück, sobald ihm das für eine verheiratete Frau »süsse Geheimnis« mitgeteilt wird. Später kommen dann die stets wiederkehrenden Fälle von erfolgloser Alimentenklage. Ein Dienstmädchen verdient in einer grossen Stadt durchschnittlich 20 bis 25 Mk. monatlich: genau soviel kostet eine Pflegestelle für einen Säugling. Es gibt aber noch Nebenausgaben für einen Säugling; Ausgaben für Wäsche, für einen Kinderwagen usw., für Krankheitsfälle. Das Mädchen kann seine Stelle verlieren, kann krank werden. Ist das keine Notlage? Vom zweiten Liebhaber nimmt das Mädchen auch Geld, vielleicht ist er in einer höheren sozialen Stellung, die Aussicht auf eine Ehe ist ausgeschlossen – die Verhältnisse verschieben sich – vom dritten Liebhaber will sie vielleicht nichts als Geld. Die eigentliche Ursache der Prostitution ist, nach Dr. Müller, bei den von ihm untersuchten Frauen eine bestehende psychische Degeneration. Menschen mit ethischen oder intellektuellen Defekten müssen notwendig der Prostitution entgegentreiben, wenn sie, ganz auf eigene Hilfe angewiesen, mit der Not des Lebens kämpfen und eine Hingabe für Geld der einzige Ausweg ist. Ist dieser Weg einmal betreten, dann gibt es kein Zurück mehr, die polizeiliche Kontrolle hält diese Frauen gefesselt und drückt ihnen den Stempel des »Gewerbes« auf, das sie von der bürgerlichen Gesellschaft scheidet. Und rafft sich eine Prostituierte dennoch auf, um in geordnete Verhältnisse zurückzukehren, und hat sie die schier erdrückende Last aller Hindernisse überwunden, dann sorgt die Entlohnung der Frauenarbeit dafür, dass diese Frauen, die ohnehin einer geregelten, anstrengenden Berufsarbeit entwöhnt sind, wieder zur Prostitution zurückkehren.
Die Prostituierten leben allerdings häufig in »auskömmlichen Verhaltnissen«, eben weil sie Prostituierte geworden sind, und sie sind nicht Prostituierte, trotzdem sie aus auskömmlichen Verhaltnissen stammen und ihre eigene Stellung sie früher ernähren konnte! Wo ist hier der Zusammenhang? Wohl aber ist ein enger Zusammenhang zwischen der ausserehelichen Mutterschaft des dritten Teiles der Untersuchten und der des Erwerbs durch Prostitution. Nicht dass die aussereheliche Mutterschaft entsittlichend auf diese Frauen wirkte: die Gesellschaft entsittlicht diese Frauen gewaltsam, die nicht klug genug waren, sich den Folgen des Geschlechtsverkehrs zu entziehen. Die Ächtung der ausserehelichen Mutterschaft bringt diese Frauen zur Prostitution. – Und wie stimmt die Tatsache, dass zu Zeiten der Arbeitslosigkeit in einem weiblichen Gewerbe die Prostitution in den betreffenden Städten anschwillt, mit der Behauptung überein, dass nicht etwa die Not die Frauen zur Prostitution treibt!
Gewiss kann man Dr. Müller nur beistimmen, wenn er sagt, dass die soziale Lage im weitesten Sinne das auslösende Moment ist, das psychich schwache und degenerierte Frauen der Prostitution zuführt (ein Viertel der untersuchten Frauen waren frühere Fürsorgezöglinge, ein Sechstel war unehelich geboren), aber auch die soziale Lage im engsten Sinn, die momentane verzweifelte Notlage, Obdachlosigkeit und Hunger führen zur Prostitution, und die Feigheit und Verlogenheit der Gesellschaft sorgen dann dafür, dass diese Frauen in einen Sumpf gestossen werden, in dem Männer aller sozialen Schichten sich ihre »Freuden« holen um dann häufig genug ihre Frauen und Kinder, im Schutze der Familie, zu verseuchen. Das Märchen der heiligen Ehe, an das unsere Töchter glauben sollen! Auf dem Gebiete der Ehe und der Prostitution gibt es allzu viele Märchen. Eines davon zerstört Dr. Müller: die »geborene Prostituierte« im Sinne Lombrosos existiert nach seinen Forschungen nicht. Sie ist sonst sehr bequem, und viele, die nicht sehen können oder wollen, werden sie ungern missen.
Was macht die Prostituierte? Ganz gewiss die soziale Lage, in engstem bis zum weitesten Sinne, dann aber die herrschende sexuelle Ethik – und es möchte schwer zu beurteilen sein, was heute einen so grossen Teil der Frauen zu Prostituierten macht. Fast möchte man sagen: mehr noch als die soziale Lage eine falsche sexuelle Ethik.

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