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Emilie Mataja – Kindheit ein --- Paradies


Emilie Mataja – Kindheit ein – Paradies

Novelle.

aus: Der Nonnengarten, An Anthology of German Women's Writing 1850 - 1907, Edited by Michelle Stott and Josef O. Baker, Waveland Press Inc., Prospect Heights, Illinois, 1997, S. 65ff., neu durchgesehen von ngiyaw eBooks, ohne die amerikanischen Kommentierungen.


Sie ist schlecht geworden. Und niemand hat sich darüber gewundert. Ja, alle haben es kommen sehen. Kaum sechzehn Jahre alt, zählte sie schon zu den Verlorenen, und das verdankte sie ihrer Kindheit, jenem Paradiese, von welchem wir soviel singen und sagen hören. Je nun Für viele ist's ja ein Paradies, nach welchem sie in späterer Zeit, wenn die Pforten längst geschlossen sind, voll Sehnsucht und Rührung zurückschauen. Vaterliebe und Mutterzärtlichkeit, Kindheit, Unschuld und kindliche Freuden. Wie gern und wie voll Rührung denkt man daran, wenn Vater oder Mutter nicht mehr sind, und die kindlichen Freuden sich in große Sorgen umgewandelt haben. Aber dieses Paradies ist nicht für alle. Und sie, die junge Verlorene, würde die Augen weit aufgerissen haben, wenn jemand ihr hätte einreden wollen, daß die Kindheit das Paradies des Lebens sei. »Daß ich ihn nicht auslache, den elenden Lügner« Das würde ihre Antwort gewesen sein.
Im Findelhaus zu Wien ist sie zur Welt gekommen. Anna hat man sie getauft, weil sie just am Annentage das Licht der schönen Welt erblickte. Von jener Mutterseligkeit beim ersten Schrei des Kindes war bei ihrer Geburt nichts zu spüren. Sie war nicht der allerliebste, kleine, rosige Engel, den man anstaunt wie ein Wunder und dessen Füßchen und Händchen man mit Küssen bedeckt – ihre Mutter stieß bloß einen bangen Seufzer aus, als sie hörte, daß die Kleine lebe und vermutlich am Leben bleiben würde. »Soll man sie Anna taufen?« »Meinetwegen, nennt sie, wie ihr wollt. Mir gilt es gleich.« Für sie war jeder Name gut genug. Da war niemand, der darüber nachgesonnen hätte, welcher Name wohl der schönste wäre, um dem Kinde den allerschönsten Namen zu geben; niemand, der sie geliebkost hätte. Die Mutter, eine arme, blutjunge Dienstmagd, weinte in ihre Kissen und schaute das Kind gar nicht an. Der Vater, ein noch militärpflichtiger Bursche, weilte irgendwo in einer Garnison. Er hat sich niemals um sein Kind bekümmert. Das war das Bequemste für ihn. Anna hat niemals erfahren, wie ihr Vater aussieht, ist auch nicht neugierig gewesen, das zu wissen.
Vom Findelhaus kam sie nach Böhmen, in den Heimatsort ihrer Mutter, in die »Kost.« Die Frau, welche sie übernahm, betrieb das Geschäft im Großen. Die meisten der Kostkinder starben ... was kein Wunder war. Ein Wunder war vielmehr, daß eines der Kinder am Leben blieb. Die Mutter zahlte unregelmäßig; das Kind wurde danach behandelt. Es starb nicht – trotz Hunger und Kälte und Prügel und Vernachlässigung aller Art starb es nicht. Es war nicht »zum Umbringen,« wie man sagt. Mehr als das: es entwickelte sich sogar zu einem hübschen und kräftigen kleinen Geschöpfe. Schon in ihrem dritten Jahre konnte man sie zu mancher Arbeit anhalten. Als sie fünf Jahre zählte, schleppte sie bereits die kleineren Kostkinder in der Stube und im Hofe herum. Willig tat sie's nicht. Was aber vermögen Prügel nicht Sie tat's – doch wehe den ihr anvertrauten Kleinen, wenn sie allein mit ihnen war Sie quälte die wehrlosen Schreihälse nach Herzenslust, mit Raffinement. Wer an sich selbst kein Mitleid erfahren hat, kennt auch nicht, es gegen andere zu üben. Sie wußte ja nicht einmal, daß ein Ding, das Mitleid geheißen, auf Erden existiert.
In ihrem sechsten Jahre kam sie »nachhause,« zu ihrer Mutter. Diese hatte sich jetzt entschlossen, sich zu verheiraten. Das Kostgeld für den »Balg« zu zahlen war der Frau lästig; und so nahm sie denn das Kind zu sich ins Haus. Ein fettes Kalb wurde bei Annas Heimkehr nicht geschlachtet. Der Stiefvater ging um sie herum und schaute sie von vorne und von hinten an: »Bist also da. Schön, schön. Groß und stark ist sie. Wird viel essen, kann aber auch arbeiten. Dumm, daß wir sie in die Schule schicken müssen Zuhause könnte man sie zu allerhand gebrauchen. Nun In ihren freien Stunden kann sie dir helfen.«
Das hat sie auch getan ... Die Mutter, noch immer fesch und lebenslustig, gab sich nicht viel mit ihrem Kleinen ab, als es geboren war. Sie liebte den Tanz und fand es langweilig, daheim an einer Wiege zu hocken. Der Mann war lebenslustig, wie sie. Auch den Karten und dem Branntwein war er nicht gram. Es war eine liederliche Wirtschaft ... Oft prügelten sich die Beiden, warfen sich gegenseitig ihre Fehler vor, und der Mann drohte das Weib zu erschlagen, weil sie ihn hintergehe. »Du bist ja immer so gewesen. Ja, sieh' ihn nur an, deinen Balg Füttern muß ich sie und erhalten; ein anderer würde so ein Kuckucksei auf die Straße werfen.«
Solche Worte hörte Anna jeden Tag. Ihr bloßer Anblick hielt die Eifersucht des Stiefvaters wach; sie war ihm verhaßt. Sie war auch der eigenen Mutter verhaßt. Sie mußte sich des Kindes wegen viel gefallen lassen. Das Kind war ihre verkörperte, nicht zu leugnende Schuld. Täglich mußte sie sich diese Schuld an den Kopf werfen lassen. Und wenn sie dem Mann seine Fehler vorhielt, verwies er sie auf das Kind: »Wer solche Aussteuer mit ins Haus bringt, der soll überhaupt den Mund halten.« – »Geh mir aus dem Weg« schrie die Mutter das Mädchen oft wütend an. »Du bist mein Unglück Hab' ich nach dir verlangt? Andere haben es gut – denen sterben die Kinder. Mir aber ist die Last geblieben. Warum gerade mir?«
Dienstmagd war sie im Hause und Kindermagd. Fast jedes Jahr kam eines. Zum Glück, daß hin und wieder eines starb – sonst hätte sie nicht gewußt, wie fertig werden mit ihnen. Aber vier waren doch übrig geblieben und sie waren klein, und sie mußte, wenn der Schulpflicht genügt war, die ganze kleine Schar überwachen und betreuen. Das Kleinste schleppte sie auf dem Arm herum, das Zweitkleinste zerrte sie an der Hand, den beiden Größeren rief sie gellend zu, acht zu geben, wenn sie ihr entwischten und auf die Straße liefen, während sie einen Wagen herbeirollen sah. Nicht, daß sie um der Kinder Leben, deren Gesundheit, deren gerade Glieder gezittert hätte. Aber sie fürchtete sich vor der Verantwortung, der Strafe. Es waren ungezogene Rangen. Sie hatten herausbekommen, was für eine schiefe Stellung das widerwillig geduldete »Kind« im Hause einnehme, und behandelten die Stiefschwester danach. Klage durfte sie nicht führen. Wer hätte ihr Recht gegeben? Wer sie nur angehört? Sie mußte Gott danken, wenn die Kinder nicht sie bei den Eltern verklagten. Und das geschah oft genug. Mit und ohne Grund. Vor den Eltern hatte immer sie unrecht. Und das wußten die Kinder und nützten es aus.
Rechtlos sein Auf der weiten Welt niemanden haben, der uns Gerechtigkeit widerfahren läßt Einmal hat man ihr in der Schule gesagt, daß die Eltern Gottes Stellvertreter auf Erden seien. Und seitdem hat sie nicht wieder beten können. Beten zu einem, der sich solche Stellvertreter erwählt? Ei, das wäre wohl vergebliche Mühe. Der erhört einen ja doch nicht. Weder Katechet noch Lehrer kannten ihre häuslichen Verhältnisse. Sie konnten ihr darum auch nicht sagen, daß Gott sich solche Stellvertreter, wie es ihre Eltern waren, nimmermehr bestellt hatte. Sie verstanden den fragenden, zweifelnden, erbitterten Blick des Kindes nicht, als sie dem kleinen Mädchen das vierte Gebot erklärten und einzuprägen suchten. Wahrscheinlich bemerkten sie den seltsamen Kindesblick nicht einmal. Es waren zu viele in der Klasse. Wie hätten die Lehrer den Charakter jedes einzelnen Kindes kennen und studieren können Dazu gebrach es ihnen an Zeit.
Vielleicht hatte sie einen hellen Kopf; vielleicht würde sie gut und gern gelernt haben. Daheim ließ man ihr ja nicht Zeit, ihre Schulaufgaben zu machen. Und darum blieb sie immer mehr zurück, gehörte zu den schlechtesten Schülerinnen, wurde stets gescholten und bestraft und verlor nach und nach jede Lust am Lernen. Vielleicht hätte sie gut, opferwillig, rechtschaffen werden können. Wer vermag es zu wissen? Was gut in ihr gewesen sein mochte, war von klein auf in ihr erstickt und ausgerottet worden. Niemand hatte sie lieb, und auch sie hatte niemanden lieb. Sie war verschlossen, heimtückisch, falsch, rachsüchtig, grausam. Selten kam ein wahres Wort über ihre Lippen. Und darum wurde sie geprügelt und wieder geprügelt und – merkwürdig – besserte sich doch nicht. Im Gegenteil, sie wurde von Jahr zu Jahr schlimmer.
Als dreizehnjähriges Kind stand sie vor Gericht. Einer der Stiefbrüder hatte sich, durch eigene Unachtsamkeit, empfindlich beschädigt. Aber sie war dabei gewesen. Sie hätte den Jungen beaufsichtigen und ihn vor Schaden bewahren sollen. Ihr Stiefvater züchtigte sie so unbarmherzig, daß die Sache durch Zeugen vor den Richter kam, und der Mann sich seiner Brutalität halber zu verantworten hatte. Sie freute sich auf die Verhandlung. Es gab also noch eine Gerechtigkeit auf dieser Welt. Man nahm sich ihrer an. O gewiß Man würde den Stiefvater ins Zuchthaus sperren und sie nicht länger daheim lassen. Sie hatte die Waisen immer beneidet, die so nett gekleidet und freundlich behandelt Spazierengehen durften. Vielleicht würde man sie ins Waisenhaus tun. Ach das wäre schön.
Sie wußte noch nicht, wie es mit der Gerechtigkeit auf Erden bestellt ist, und daß sie stufenweise verabreicht wird; daß der Stärkste das meiste, der Schwächste das wenigste Recht genießt; daß zuerst der Mann kommt, der wird am ängstlichsten beschützt. Lange nach dem Manne kommt erst die Frau. Nach einem längeren Zwischenräume kommt endlich das Kind und zum Schlusse hinkt – rechtloser, als eine Sache – das Tier einher. Der Stiefvater erhielt einen Verweis, weil er das häusliche Züchtigungsrecht überschritten hatte. Damit entließ man ihn und das Kind. Sie starrte den Richter an und sagte kein Wort. Nun wußte sie, daß sie von keiner Seite etwas zu hoffen hatte, daß die menschliche Gesellschaft so gut ihr Feind war, wie der Vater, der sie verleugnet hatte, die Mutter, die ihr schlimmer als eine Stiefmutter gewesen war.
Und nun ist sie schlecht geworden. Sie war hübsch – vielleicht zu ihrem Unglück. – Heute ist sie verwelkt und verdorben an Leib und Seele, ohne Heim und ohne Familie. Ihre Mutter hat ihr geflucht, und dazu hat sie gelacht. Aber wenn sie auf der Straße gute Mütter mit sorgfältig gepflegten, treu behüteten, munteren Kindern sieht, dann steht sie wohl still und ihre Lippen verziehen sich, als ob sie weinen wollte und es nicht könnte.
Die Kindheit – ein Paradies. Ei freilich, für viele, Gottlob für viele, Reiche und Arme, ist's ein Paradies. Für manche aber eine Hölle.

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