Sonntag, 5. August 2012

A. v. Plankenberg - Nur ein Mädchen.


A. v. Plankenberg : »Nur ein Mädchen.«

Novellette

Frauenleben (vorm. Neuzeit): Blätter zur Vertretung der Frauen-Interessen, 6.Jg., Nr.3,4, 1894

In der Familie des reichen Fabriksbesitzers Lenhold wurde der Ankunft eines zweiten Kindes entgegengesehen; Alles war voll banger Erwartung, da man wußte, daß Herr Lenhold auf das Lebhafteste einen Stammhalter und Erben ersehnte. Die Gesundheit der jungen Frau war eine sehr zarte und rechtfertigte die Besorgnisse der Ärzte vollauf. Elli, das erstgeborene Töchterchen, ein liebes, aber schwächliches Kind, hatte das dritte Jahr zurückgelegt, als abermals die Hoffnung, Vater eines Sohnes zu werden, dem inzwischen auf dem Gipfel des Glückes und Ansehens gelangten Mann winkte.
Er umgab seine Gattin mit der zärtlichsten Aufmerksamkeit und ängstigte nicht wenig ihr Gemüth durch die bei jeder Gelegenheit in allen Tonarten wiederholte Mahnung »Schenk' mir einen Sohn, Louise - Nur kein Mädchen, keine zweite Tochter Ich brauche einen Erben und künftigen Vertreter meiner Firma«
Die Sorge um die Erfüllung seines Wunsches trieb den erregten Mann so weit, daß er sich Jedem gegenüber zu der Frage herbeiließ: »Sie glauben doch auch? - Es muß ja doch ein Sohn sein« - »Gewiß, gewiß« beeilte sich Jeder zu antworten, »warum sollte es kein Sohn sein?« Das gesammte Dienst- und sogar das Fabrikspersonsal von dem Wunsche getrieben, sich dem Gewaltigen angenehm zu machen, sprach andeutend von der Zukunftsfirma »Lenhold und Sohn« und flüsterte sich jede auf die Ankunft des Jungen Herrn bezügliche Neuigkeit als wichtige Nachricht zu.
Und als nun die ernste Stunde gekommen, da war es nur ein Madchen, welches das Licht der Welt erblickte. Nur ein Mädchen.
Frau Louise küßte unter Thränen das kleine, zappelnde, heftig schreiende Geschöpf, der Vater verlangte garnicht sein Kind zu sehen; die Wehmutter hätte es im Schrecke der Enttäuschung beinahe fallen gelassen und eine ganze Stunde lag es völlig unbeachtet in seiner Wiege. Elli allein war selig, ein Schwesterchen bekommen zu haben und seltsam genug stach ihr Jubel gegen die Stille und gedrückte Stimmung ab, welche im Hause des Fabriksbesitzers herrschte, seit die zweite Tochter ihren Einzug darin gehalten.
Nun, die Zeit pflegt Manches auszugleichen; sie lehrt einerseits vergessen, andererseits sich durch Gewohnheit mit Unabänderlichem versöhnen. Es gibt aber auch Wunden, die nicht vernarben können, weil alle Umstände sich vereinigen, sie offen zu halten, wieder und wieder daran zu rühren.
Eine solche Wunde hatte das Schicksal, welches Herrn Lenhold mit so vielen Gütern und Gaben überschüttet, seinem Günstling durch die Vereitlung seines Lieblingswunsches geschlagen. Nicht jede Natur wird dadurch veredelt. Der verwöhnte Mann konnte es dem Geschicke unmöglich verzeihen, daß es kargte, wo er sich zu fordern berechtigt glaubte. Sein Familienleben litt unter dem Einfluß dieser Stimmung, deren Bitterkeit mit den Jahren wuchs. Sein Herz wandte sich mehr und mehr von seiner Gattin ab, die ihm den Sohn versagt, auf den er gehofft. Er suchte Zerstreuung bei anderen Frauen, heiteren, anspruchsvollen Frauen, die ihn mit ihren Forderungen in Athem hielten, und ihm keine Zeit ließen, an eigene Wünsche zu denken.
Nahezu unbeachtet von seiner Vaterliebe wuchsen die beiden Mädchen heran, die sein Heimwesen schmückten. Nur Elli erfreute sich, als die Zeit in ihren Gesichtszügen, ihrer Verstandesschärfe und stolzen Weise den Lenhold'schen Typus immer deutlicher zum Ausdrucke brachte, einer sichtlichen Bevorzugung von Seiten des Vaters. Er wäre geneigt gewesen, mit Stolz auf dieses Kind zu sehen, hätte er in ihr die Schwester eines Sohnes umarmen können. Da sie aber nur die älteste von zwei Töchtern war, konnte er Elli nie ohne das stets lebhafte Bedauern ansehen: »Wärest Du doch ein Junge, Lenhold junior« Die Kleine jedoch, diese Jüngste, sie hatte noch mehr gethan, als ihn zu enttäuschen. Ihr Dasein erinnerte ihn beständig daran, daß auch er, der in Allem Recht hatte und keinen Widerspruch vortrug, sich in seinen Voraussetzungen einmal täuschen und von dem eigenen Kinde zum Besten halten lassen konnte. - Grund genug, diesem zeitlebens zu grollen.
Die Jahre eilten dahin, Alles ging den gewohnten Gang. Frau Lenhold kränkelte fort, zog sich allmälig ganz von der Außenwelt und Geselligkeit zurück und lebte wie ein Schatten inmitten ihres Hauses. Elli hatte sich zu einem äußerst verständigen, charaktervollen Mädchen entwickelt. Sie vertrat oft Mutterstelle an der Jüngeren, die, noch Kind, mit schwärmerischer Verehrung zu der Schwester emporblickte. Als einer der ersten Großindustriellen des Landes genoß Herr Lenhold Auszeichnungen und Ehren aller Art. Er hätte ein glücklicher Mann sein können, aber der Mangel eines Erben stimmte ihn fortwährend unzufrieden und wurde auch Ursache seines Entschlußes, die Fabrik zu verkaufen und seinen Unternehmungsgeist auf das Gebiet persönlicher Erfolge zu beschränken. Damit trat eine verhängnißvolle Wendung in dem Leben der Familie ein.
Reich, unabhängig, ein Mann in der Blüthe seiner Jahre, voll Thatkraft, die kein Feld des Wirkens mehr fand, nichts weniger als ausgefüllt von der Liebe und Theilnahme für die Seinen, denen er sich entfremdet hatte, suchte Herr Lenhold durch verschiedene Speculationen, Reisen, Spiel, ebenso aufregende als kostspielige Bekanntschaften, dem Müßiggang zu entfliehen, seinem Dasein einen lnhalt zu geben.
In der Fremde war es, an den grünen Tischen, welche man Fortuna's Altäre nennt, wo ihn ein Telegramm des Inhalts erreichte, Annie, das jüngste seiner Kinder, läge auf den Tod erkrankt.
Lenhold wollte anfänglich den Ernst dieser Botschaft durchaus nicht anerkennen. Er war geneigt, sie unbeachtet zu lassen; die nächste Kunde fand ihn ruhelos, verdrießlich. Ungenügende Zerstreuung am Tage, kein Schlaf in der Nacht. Dieses Kind hatte ihm doch nichts als Unannehmlichkeiten gebracht Einen Katarrh dermaßen aufzublähen Heute würde es schon wieder besser sein -
Da kam wieder eine Depesche: »Annie aufgegeben. Entzündung beider Lungenflügel.« Nun säumte er nicht länger. Sofort ging es zur Bahn und heimwärts ohne Aufenthalt - das war er der Welt und dem eigenen Ansehen schuldig.
In der Nacht aber, in diesen langen, langen Stunden, welche seiner Rückkehr vorangingen, allein mit sich und den quälenden Gedanken, während der Zug eilgeschwind dahinbrauste und das zitternde Licht der Lampe über seinem Haupte mit dem Dunkel des leeren Wagenraumes kämpfte, wurde ihm so seltsam beklommen zu Muthe …
Wie, wenn er zu spät kam, Annie vielleicht schon todt fand. - Es war ja doch sein Kind Er hatte es nie geliebt, aber dem Tode bestritt er das Recht, etwas zu nehmen, was ihm gehörte: Seine Kinder, seine Frau Murmelnd wiederholte er die Worte: »Mein, mein«, und eine eigenthümliche Regung beschlich sein Herz - wie ein Schauer ging''s ihm durch die Seele. - Und nun stand er vor dem Bett des Kindes. - Ja, es war doch ganz etwas Anderes, als wenn es ein fremdes Kind gewesen wäre, das da regungslos vor ihm lag - die Augen geschlossen, die Hände krampfhaft verschlungen, mühsam um jeden Athemzug ringend. Diese Schatten in dem kleinen, fieberglühenden Gesichte Dieser Kampf zwischen Tod und Leben -
Mit entsetztem Blicke, der nach Hilfe rief, sah Lenhold um sich.
Da stand die Mutter regungslos, mit Zügen, die der Schmerz versteinert, dort kauerte Elli, in Angst und Thränen aufgelöst, am Kopfende lehnte der Arzt.
»Doctor, retten Sie mein Kind« wie ein Schrei lösten sich die Worte von den Lippen Lenhold's. Durch die Gestalt der Frau ging eine Bewegung.
»Du verlierst ja nur eine Tochter,« sagte sie langsam, eintönig, gepreßt.
»Es ist doch mein Kind« Er stürzte zur Seite des Bettes nieder. »Alles gebe ich dahin an Geld und Gut, wenn Anni nur erhalten bleibt. - Mein Kind, mein Kind«
»Was hatte den Mann überkommen? Das war die Sprache, der Sehnsuchtsruf eines Vaterherzens Hörte das sterbende Kind jenen Ton, den seine junge Seele bisher vergebens er ersehnte, vornahm es das Flehen der Reue, das sein fliehendes Leben zurückzuhalten suchte?
Die Lider des Kindes zuckten, seine Wimpern zitterten. In athemlosem Bangen beugten Vater und Mutter sich hinab - groß und voll schlug es die Augen auf - secundenlang - -.
Was solch' ein Kinderblick zu sagen vermag Unaussprechliches und doch so verständlich. Er dringt gar tief, sprengt Reifen und schmilzt das Eis um harte und erkaltete Herzen. Wunder wirkt sein aufleuchtender Strahl, der, ein wortloses Gebet, der Unschuld göttliche Kräfte verleiht und Leben weckt, wohin er dringt. - -
Der Wunder größtes aber wirkt die Liebe. - - - - - -
Annie streckte ihre schwachen, kleinen Arme aus - sie wollte sich gerne halten lassen von Vater und Mutter und als diese ihr Kind umschlangen in der ganzen Herzensangst elterlicher Zärtlichkeit, da trat der Tod zurück, zu schwach, die Stärke dieses Schatzes zu durchbrechen. -
Annie gesundete wieder und damit schien in der That ein Wunder geschehen, aber es blieb nicht das einzige, welches jene Nacht geboren.
Herr Lenhold ging wie verwandelt umher. Er fühlte sich fast beschämt durch die Dankbarkeit und Ergebenheit, womit Frau und Töchter die Milde und Güte, welche er nun im Verkehr mit ihnen an den Tag legte, zu vergelten suchten. Es drängte ihn, das Gelöbniß, das er am Krankenbette der Kleinen abgelegt, nicht selbst als leeres Wort zu behandeln, durch irgend eine edle That den Ernst desselben zu beweisen. - -
Die Gelegenheit dazu bot sich bald genug.
Schon längst hatte sein Banquier einen jungen Mann, den einzigen Sohn und Nachfolger eines renommirten Geschäftshauses, seiner besonderen Berücksichtigung empfohlen. Er lobte dessen Strebsamkeit und rieth Lenhold, durch einen Bruchtheil seiner Capitalien den Fabriksbau, welchen Jener begonnen, zu unterstützen, sich als Gönner des Einzelnen und als Förderer industrieller Unternehmungen. - wenn auch in aller Stille - zu betätigen. Lange hatte Lenhold in seinem Entschlusse geschwankt. Mancherlei Factoren wirkten mit, ihn zu Gunsten des Empfohlenen zu stimmen. Wenn auch diesen die Bedachtsamkeit, die Kunst, richtig zu calculiren, abzugehen schienen - der Jugend mußte man das nachsehen. Kühn, thatenkräftig, unternehmungslustig - so hatte er sich ja den eigenen Sohn gedacht - dazu das Gelübde, dem er Annie's Errettung zuschrieb - er gab dem wiederholten Ansuchen des jungen Mannes nach und vertraute eine nicht unwesentliche Summe dem Speculationsgeist desselben an. -
Damit glaubte er die Sache abgethan, seinen Schwur gelöst. Dem war aber nicht so, das Opfer begann vielmehr erst und sollte ungeahnte Folgen nach sich ziehen.
Es gelang dem Schützling Lenhold's, dem redegewandten Herrn Franz Sterneck, sich dermaßen in dessen Gunst zu setzen, daß nach dem ersten Darlehen gar bald ein zweites und drittes bewilligt wurde. Vergebens warnte - mit aller »Vorsicht und Zurückhaltung« - Frau Louise, der die Vertrauensseligkeit des Gatten Besorgnisse einzuflößen begann.
Wieder suchte Lenhold Frau und Kindern auszuweichen, neuerdings mied er Haus und Heim …
»Ja, hättest Du mir einen solchon Sohn geboren,« pflegte er seiner Gattin, auf ihre zeitweisen Mahnungen, zu antworten. Um den Gatten und Vater nicht ganz verlieren zu müssen, willigte Frau Louise ein, den jungen Sterneck, ohne dessen Gesellschaft Ersterer gar nicht mehr sein konnte, an ihrem Tische zu empfangen. Dieses Zugeständniß stimmte Herrn Lenhold eine Zeit lang versöhnlich. Als aber Elli die unverkennbaren Huldigungen seines Protegé's ziemlich schroff zurückwies, und die Mutter sich, von dem Mädchen gedrängt, aus ihrer gewohnten Apathie riß und zu dem Machtwort aufraffte: »Bis hieher und nicht weiter Besser keinen Sohn, als solch' einen modernen Streber und Nichtsthuer« da war es um den Rest des Friedens in der Familie geschehen und was die Frauen vergebens aufzuhalten versucht, geschah in erhöhtem Maße. Herr Lenhold fiel ganz in die Hände des Fremden.
Ihre Ohnmacht erkennend, enthielt Frau Louise sich nunmehr jeglichen Versuches irgendwelcher Einflußnahme. Sie ließ die Dinge gehen wie sie wollten und beschränkte sich ganz auf die Pflege ihrer eigenen, tieferschütterten Gesundheit.
Auf Elli und Annie hörte Herr Lenhold schon gar nicht - das waren ja nur Mädchen, wie hätten die ihm rathen können Und so kam, was kommen mußte, der Tag, an welchem auch dem Verblendeten die Augen gewaltsam geöffnet wurden und er sich zwischen die Alternative gedrängt sah, den größten Theil seines Vermögens zu verlieren oder durch Übernahme des Neubaues das ganze Risico einer großartigen Speculation auf seine Schultern zu nehmen.
Herr Sterneck entpuppte sich nicht nur als völlig untauglich für derartige Wagnisse, es blieb auch kein Zweifel, daß man es hier mit einem Lebemann und Streber erster Sorte zu thun hatte, der gerne auf Anderer Kosten den großen Herrn spielte.
Lenhold war in Verzweiflung, er alterte geradezu über Nacht.
Und wieder gab er dem Drange des Augenblickes nach und stürzte sich in's Geschäftsleben zurück, mit der Energie eines Mannes, der diese nicht aus seiner Vollkraft, sondern aus dem Bewußtsein schöpft, dem Hochdruck der Verhältnisse nachgeben zu müssen. Er wurde offener Theilnehmer der Sterneck'schen Firma, nahm die mercantile Leitung des Geschäftes direct in seine Hand, steckte, was er noch besaß, in das neue Anwesen und arbeitete im Schweiße seines Angesichtes, um den verfahrenen Karren wieder in's Geleise zu bringen. Darüber vergingen Jahre, ehe die Möglichkeit endlichen Sieges sich zeigte. Geraume Zeit schien die Sache zu gehen. Er fand Capitalisten, welche sich an dem vielversprechenden Unternehmen mit mehr und minder hohen Summen betheiligten, sein Name gewann demselben neues Vertrauen - schon glaubte er wieder aufathmen zu dürfen. -
- - - »Wo nur Papa heute bleibt?« äußerte Elli, als die fünfte Nachmittagsstunde eines Tages bereits längst geschlagen hatte, Mama, des Gatten wartend, am Speisetisch saß und Herr Lenhbold noch immer nicht erscheinen wollte.
Annie fuhr von ihren Büchern und Schreibereien, in die sie vertieft gewesen, jäh aufgeschreckt empor.
»Wer weiß -?« sagte sie und strich mit der Hand über die Stirn. Elli trat hinter den Stuhl der Schwester. »Du glaubst doch nicht - ?« flüsterte sie.
»Ich bin immer auf Schlimmes gefaßt,« gab Annie ebenso leise zurück. »Solange Sterneck mit im Spiele ist, müssen wir das Ärgste gewärtigen. Gib Acht - Nun, meine Vorbereitungen sind getroffen - -.« Die Mädchen verstummten mit einem Blick auf die Mutter. -
Es schlug Sechs, halb Sieben - Herr Lenhold kam nicht - es schlug Acht in langen Schlägen. Da erhob sich Annie.
»lch werde in's Bureau gehen, selber nachzusehen. Eßt ruhig inzwischen - ich bringe Papa schon heim. Adieu, Mama Elli bleibt bei Dir -« und sie ging, liebevoll zurückwinkend. - Als Annie die Treppe zum Comptoir ihres Vaters hinaufstieg, wurde das Herz ihr mit jedem Schritte schwerer und die zitternden Knie wollten sie kaum tragen. Achtzehn Jahre alt War sie wirklich noch so jung? Aber ist das Jugend, wenn man seit dem ersten Erwachen aus den Träumen der Kindheit nur lebt in der beständigen Erwartung eines unaufhaltsam herannahenden Unglückes?
Seltsam. Die Bureauräume schienen ausgestorben zu sein. Sie klopfte an die Thür des Vaters - keine Antwort. … Entschlossen trat Annie ein.
Herr Lenhold saß vor seinem Pulte, den Kopf auf die verschränkten Arme gelegt, regungslos wie unter dem Banne einer großen Erschütterung. Annie trat näher, sie legte die Hand auf seine Schulter. »Papa« Er blieb unbeweglich, »Lieber Papa«
Endlich hob er den Kopf ein klein wenig, um starr auf sein Kind zu blicken und dann das Haupt wieder müde sinken zu lassen. »Du bist's -.«
»Ja, ich bin's. Dein Kind, Deine Annie.« Sie zog einen Stuhl heran und setzte sich ihm gegenüber. »Komm, Papa, laß uns einmal ruhig miteinander reden. Wir hätten uns viel zu sagen, meinst Du nicht auch?«
Nun zog es doch wie ein halbes Lächeln über seine Züge. »Wir? Ich wüßte nicht. Du bist ja doch nur ein Mädchen.«
»Das wohl, Papa, aber ich hoffe doch ein tüchtiges Mädchen. Dein Kind zwar, aber kein Kind mehr. Höre mich Du bist im Unglück, ich will Dir helfen.«
Lenhold fuhr in die Höhe, seine Augen öffneten sich groß. »Du? Du - ? Es ist, hier nicht der Ort zum Scherzen.«
»Mir ist's sehr ernst um das, was ich sage. - Wir haben längst kommen sehen, was, wie ich glaube, jetzt schon zur Thatsache geworden ist. Sterneck mißbraucht Deinen guten Namen«.
Lenhold sprang wie von einem Schlage getroffen in die Höhe. »Mädchen, wer sagt Dir -?«
»Laß das, Papa Es ist so, nicht wahr? Du stehst, vor einem Abgrund - Sterneck hnat Dich dahin gedrängt, er wird Dein Untergang, wenn Du nicht den Muth findest, Dich ganz und für immer vom ihm loszureißen.«
Herr Leuhold wollte auffahren, aber Annie hielt ihm tapfer stand.
»Nicht doch, Papa, vergiß, daß eine Tochter zu Dir spricht, nimm an, es wäre Dein Sohn, Blut von Deinem Blut, gleich mir, aber mit all der Kraft und dem eisernen Willen eines Mannes« - ihre Stimme wurde weich - - in den kühnen Worten zitterte doch das Mädchenherz.
Der Vater war vor sie hingetreten, er stützte sich schwer auf das Pult.
»Woher weißt Du, Annie - ?«
Sie deutete auf Stirn und Brust, »Das sagt's mir und - Dein Anblick - Vater, geliebter Vater« Sie hatte, ihn erblassen sehen und breitete die Arme aus, den Wankenden zu umfangen - nun lag er an ihrer Brust, weinend, schluchzend, in abgerissenen Lauten die Worte stammelnd: »Ein verlorener Mann - verlorener Mann«
Lange blieb es dann stiil in dem kleinen Raume - einem Kinderherzen sind Elternthränen heilig. Dann nahmen Vater und Tochter nebeneinander auf dem Ledersopha Platz.
»Vielleicht siehst Du die Lage im ersten Momente zu schwarz an, Papa. Laß mich Dir sagen, wie wir darüber denken.«
»Aber, Annie, Du weißt ja noch garnicht - Sterneck« - er brachte den Namen nur zögernd über die Lippen, - »hat mein Vertrauen zu den unlautersten Zwecken mißbraucht. Ich hin ruinirt, wenn ich den angerichteten Schaden decken soll.«
»Das mußt Du, Papa, unfehlbar«
»Dann kann ich mich unter Einem insolvent erklären.«
»Wenn es sein muß - in Gottesnamen Du rettest die Ehre Deines Namens.«
»Und meine, Eure Zukunft?«
»Mache aus Sterneck's und Deinem bisherigen Eigenthum ein Actienunternehmen, geh' mit aller Strenge gegen Sterneck vor, übernimm, die Vertretung am hiesigen Platz und setze mich Dir zur Seite, ins Comptoir. Wir verdienen unser tägliches Brod gemeinsam und ist das Glück Dir hold, bringst Du in anderen Bahnen auch Geschäft und Fabrik zur Blüthe und zu neuem Ansehen.«
Herr Lenhold hatte in sprachlosem Erstaunen seiner Tochter gelauscht.
»Annie, was hör' ich?« rief er endlich. »Welcher Geist spricht aus Dir Dich soll ich in's Bureau nehmen? Du bist doch kein Mann Wie soll ich das verstehen?«
»Das ist sehr einfach, Papa. - Als ich vor nahezu 6 Jahren auf den Tod lag, thatest Du ein Gelübde -- ich wurde somit die schuldlose Ursache, daß schwere Gefahren unser Haus bedrohten. - Dies Bewußtsein, sobald ich zu demselben gelangte, quälte mich umsomehr, als wir zeitig erkannten, die Sache könne unmöglich ein gutes Ende nehmen. Was sollte ich armes Kind, da ich doch nur ein Mädchen war, beginnen, meine Schuld gegen Dich zu entlasten? Elli wars, die mir den Gedanken eingab, mich nach beendeter Schulzeit einer gründlichen kaufmännischen Ausbildung zu unterziehen. »Mütterchen ist kränklich und wird immer mehr eine sorgsame Pflegerin bedürfen«, meinte sie. »Dies und die Führung des Hauswesens sei meine Aufgabe, Du, Annie, bereite Dich vor, in ernsten Tagen Papa's Stütze zu werden, damit er in Dir nicht zu sehr den Sohn vermisse. Und nun ist die Stunde gekommon, wo Alles, was wir im Stillen geplant und angestrebt, zur That werden soll. Ich habe mich selber zu ernster Arbeit erzogen und hoffe, unserem Namen keine Unehre zu machen. Versuch's einmal, Papa, und stelle mich auf die Probe, ob die Pflichttreue eines Mädchens geringer wiegt, als die Leistungsfähigkeit eines Sohnes.« -
Die Firma Lenhold besteht heute noch am hiesigen Platz. Es gelang den vereinten Bemühungen von Vater und Tochter, nach Jahren der Abhängigkeit und Anstrengung, allerdings nur unter mancherlei Beschränkungen, ihre Selbstständigkeit wieder zu gewinnen. Der einstige Reichthum, das Ansehen der früheren Stellung war und blieb freilich verloren, doch auch die Sorge und der Kummer blieben dem Hause fern.
Frau Lenhold, seit Jahren bettlägerig, fand in der Pflege ihrer Ältesten Ursache genug, am Leben zu hängen, während Annie als die rechte Hand des Vaters ihr Stolz geworden ist. Sie hat sich ganz mit dem Gedanken ausgesöhnt, dem Gatten keinen Sohn geboren zu haben, nachdem Sterneck, moralisch, und körperlich vollends zu Grunde gerichtet, endlich sogar noch den blutigen Schatten eines Selbstmordes auf ihr Haus zu werfen gewagt.
Unter dem Eindruck jener Nachricht war's, daß Herr Lenhold an ihr Lager trat und mit den leisen Worten: »Ich danke Dir, daß Du mir meine tüchtigen Töchter geschenkt«, ihr zärtlich die Hand geküßt.
Da hatte sie sanft mit dem Kopfe genickt.
»Deine einstige Klage: ›Nur ein Mädchen‹ hat sich zum Segen für Dich verwandelt. Weißt Du; was die Schwäche des Weibes in Kraft und Stärke umsetzt? Es ist die Liebe und Selbstlosigkeit, womit die Natur das Frauenherz ausgestattet, gleichviel, ob sie sich in der Eingebung des Kindes, der Gattin oder Mutter äußert. Wohl Dir und mir, daß uns dieser Reichthum im Alter geblieben«

Freitag, 3. August 2012

Marie Eugenie delle Grazie – Seelenfrühling


Marie Eugenie delle Grazie – Seelenfrühling

aus : Das Buch des Lebens - Erzählungen und Humoresken

Verlag von Breitkopf & Härtel, Leipzig, 1914
Isaac Israëls - Kinder am Strand

Sie stand an ihrem Toilettetisch und verteilte mit zitternden Händen die Rosen in die Vasen  die Rosen, die er ihr gesandt. Große, dunkelrote Blüten waren es, auf denen ein violetter Sammetglanz lag; volle und erst halbgeöffnete, alle aber wie genickt von der eigenen Schwere, wie betäubt von dem eigenen Duft. Blumen, die das Begehren gesucht, bevor die Hand sie da und dort herausgegriffen.


Ihr Gatte saß hinter ihr und schlürfte seinen Nachmittagskaffee. Als sie über die Rosen weg in den Spiegel sah, begegnete ihr sein Blick darin.
»Herrliche Blumen«, nickte er. »Aber weißt du, wenn es nicht Albert wäre 
Ihr Blick flüchtete zu den Blumen herab, verkroch sich förmlich in die dunklen Kelche. Etwas von dem purpurnen Widerschein der Blüten überhauchte leise, kaum merkbar ihre Wangen  »Nur jetzt unbefangen bleiben«, dachte sie  »Jetzt, wo das Glück zwischen meinen Händen zittert.« Und mit einem girrenden Lachen erwiderte sie: »Einem  anderen würdest du also nicht trauen?«
»Nein«, erwiderte er, »keinem« Aber es war die gemütliche Eifersucht des Gatten, die es sagte. Nicht einmal seine Tasse stellte er nieder.
»Wie ist es doch so  ruhig geworden zwischen uns«, dachte sie. »So  unerträglich ruhig« Da saß einer hinter ihr, der einmal nahe daran war, sich zu erschießen ihretwegen  der monatelang kein Auge geschlossen, bis er sie in Armen gehalten  das heißersehnte, schwererkämpfte Glück Nun schlürfte er ruhig seinen Kaffee, sprach mit einem gewissen Humor von jenen, denen er vielleicht nicht trauen würde, und fühlte so gar nichts von dem fiebernden Gierhauch der Leidenschaft, die aus den purpuren Kelchen die Arme nach ihr streckte, wie einmal  er Konnte sie sich wirklich so gut verstellen? Und Albert War es denn möglich, daß nur ihr Gatte nicht sah, was alle anderen schon witterten, die und jener schon bemerkt haben wollte? Gerade er allein?
»So viel  bin ich ihm noch wert« dachte sie mit einer gewissen Geringschätzung. »Trotz aller schönen Worte. Und morgen früh reist er ab  arglos, sorglos.« Eine Stunde später würde sie die Rosen ins Fenster stellen. Diese selben Rosen Und einer, der sich in Sehnsucht nach ihr verzehrte, würde sie sehen und 
»Und?«
Da stand er vor ihr und funkelte sie an mit Augen, die etwas von dem purpurnen Geleucht dieser Blüten hatten: das dunkle Glück der Sünde
Ein Schauer ging an ihr nieder. Sie schloß die Augen, dehnte sich  Und doch und doch Etwas in ihr blieb noch immer stark und aufrecht; wehrte sich mit der Verzweiflung eines Opfers gegen den Mörder  weinte in ihre Träume hinein wie ein scheues, hilfloses Kind.
»Wie wird es dann sein?« dachte sie. »Wenn er wieder zurückkehrt  sorglos, arglos, wie er morgen fortfahren wird.«
Dann ging er über die Leiche eines Glückes hin, für das er einmal sein Blut verspritzen wollte  Sorglos, arglos  und sah es nicht Sie aber lebte sich in ein Glück hinein, das ihr heute oder morgen eine andre zertreten würde. Denn was war noch an dieser Liebe, wenn sie so kommen und  so gehen konnte? Nichts als der Rausch. Der Rausch und der Taumel. Wirklich?
Die Blumen fielen ihr aus den Händen. Wie traurig das alles war Blutige Tränen hätte sie weinen mögen um diese Schönheit, die da vor ihr verging, während sie zum zweitenmal die Arme nach ihr streckte.
Daß ihr diese Gedanken damals nicht gekommen waren, als sie den geliebt, der heute ihr Gatte war?
Sie trat ans Fenster, schloß die Augen, sann nach. Wie seltsam Aber nein  Damals war es doch anders gewesen. Alles eine heilige Erwartung, eine einzige, keusche Blumenandacht der Seele. In die Kirche hätte man das tragen können. Und die Engel hätten es mit weißen Lilienhänden zum Throne Gottes emporgehoben: »Siehe  die Liebe«
Pah  Sie war eben so blutjung gewesen  damals
»Nun muß ich aber geh'n«, sagte ihr Gatte. »Die nötigen Mark einwechseln. Mit meinem Chef hab' ich auch noch eine Konferenz. Gepackt ist doch alles?«
»Seit Vormittag.«
»Also  adieu, Schatz« Und ein warmer, breiter, ach, ein so  ehelicher Kuß drückte ihre blühenden Lippen nieder.
»Du kommst  spät zurück?« fragte sie.
»Leider«
»Dann will ich noch ein bißchen ins Grüne hinaus.«
»Recht so. Gönn' dir was«
Sie wußte nicht warum, aber ein Schlag wär' ihr in diesem Augenblick lieber gewesen denn all diese gütige, sichere Liebe.
Als sie sich ins Zimmer zurückwandte, schlug ihr aufs neue der Duft der Rosen entgegen. Heiß, betäubend.
Unmöglich, damit allein zu bleiben  Heute
So fuhr sie denn ins Grüne hinaus.
Als sie am Ziele war, blickte sie fast erstaunt um sich. »Dornbach« Hatte sie wirklich da hinaus gewollt? Wie im Traume war sie durch die Straßen geschritten, in einen Waggon der Straßenbahn gesprungen, und nun hieß es aussteigen: Der Wagen wenigstens war an seinem Ziele.
»Was tu' ich denn?« fragte sie sich. Eine so eigene Müdigkeit kroch ihr plötzlich über die Glieder. Aber da war ja ein Restaurant. Gerade an der Endstation der Trambahn. Sie entschloß sich, einzutreten.
»Wollen die Gnädige nicht lieber in den Garten?«
Sie nickte, trat hinaus, mußte aber unwillkürlich lächeln. Sie und etwas wollen  heute Ihr war ja, als hätte sie keinen Boden mehr unter den Füßen. Alles um sie wie in Nebel getaucht  wie hinter Schleiern versinkend  alles Und nichts vor ihren brennenden Augen als diese großen, heißen, dunkelroten Rosen, die morgen eine bebende Hand ins Fenster stellen sollte. Eine Hand, die auch nicht mehr wußte, was sie wollte.
Sie atmete auf, strich sich langsam über die Stirne, glaubte plötzlich zu fühlen, wie etwas unsäglich Erquickendes von ihren Sinnen Besitz nahm, leise, ganz leise den Purpurbrand vor ihren Augen verlöschte. Wie ein blasses, kühles Lila war es 
Aber natürlich Dort blühte ja der Flieder Eine ganze, dichte Hecke. Seine Blütenbüschel nickten zu ihr herüber und gaben dem Frühlingswinde diese gesunde Frische mit, die ihr plötzlich so wohltat.
Mit großen wundernden Augen sah sie um sich  lächelte  Da war sie ja schon einmal gesessen  gerade da Vor langen, langen Jahren freilich. Aber der Flieder hatte auch damals geblüht, wie heute. Und hinter ihr, im Glassalon, hatten ein paar Geigen in den Abend hineingeweint  Weiche, verträumte Weisen  Wiener Lieder, wie sie damals die Schlager sang. Lieder, bei denen man froh und traurig zugleich wurde.
Sie war aber damals nur froh gewesen. Denn an jenem Abend wußte sie zum erstenmal gewiß, daß sie hinfort dem gehören würde, den sie liebte. Und daß er, wenn sie mit der Mutter heimkam, sie erwarten würde, einen Strauß in der Hand, im Aug' das selige Bräutigamsgeleucht der ersten Liebe. Genau so lang hatte er um sie werben müssen, daß sie seine erste Liebe war und  blieb
Als Braut war sie damals hier gesessen, mit ihrer Mutter und einer Freundin, und die Freundin hatte zum erstenmal mit einer Art scheuen Neides zu ihr emporgeblickt und mit den Augen gezwinkert, wenn die Mutter von der Ausstattung gesprochen. Die Ausstattung ging natürlich voran
Sie aber hatte die Augen geschlossen und sich zurückgelehnt und nichts gehört als die süßen Wiener Lieder, die ihr Glück auf die weichen Schwingen nahmen und in dem Frühling hineintrugen, weit, weit, bis auf die purpurnen Wolkeninseln des Sonnenuntergangs.
»Wenn ich heimkomm', wartet er auf mich« hatte sie dabei gedacht. Und als sie die Augen wieder aufschlug, schimmerte ihr das silbrige Lila des Flieders entgegen, der auch damals blühte wie heute. Als sie aber heimkam, hielt ihr der Geliebte einen taukühlen Strauß derselben Blüten entgegen. Und sie hatte ihr Antlitz darin vergraben und zugleich gelacht und geweint. So glückselig war sie gewesen, damals
Etwas Heißes fiel auf ihre Wange, von der Wange auf die Hand, die daran lag. Sie weinte doch nicht?
Wahrhaftig Und wie süß, daß es nicht Tränen der Reue waren 
Der Kellner brachte den bestellten Kaffee. Sie bezahlte sofort und erhob sich. »Die Gnädige geh'n schon?« Er tat erstaunt, aber seine Weltkenntnis glaubte besser unterrichtet zu sein. Die tränennassen Augen und diese Eile »Ein verfehltes Rendezvous«, dachte er. Wenn man so lange Garçon war, verstand man sich auf die Leute und ihre Komödien. Gerade nur, daß man so »tun« mußte. Und natürlich »tat« er so. Das Trinkgeld war ja auch danach.
Schon im Gehen, blieb sie noch einmal steh'n, sah nach der blühendne Hecke zurück  »Könnt' ich  dürft' ich mir nicht einige Fliederzweige von dort mitnehmen?«
»Aber bitte, wozu blüht er denn?«
»Nein, nein«, wehrte sie ab, als er selbst danach greifen wollte. »Ich will ihn pflücken«
»Wie die Gnädige wünschen und soviel Sie wünschen.« Er entfernte sich voll Diskretion. Sie sollte nicht meinen, daß er die »Stammerln« zählen wolle, die sie »zum Andenken« brach. Er glaubte ja ohnehin mehr von ihr zu wissen, als ihr lieb sein konnte.
Als ihr Gatte heimkam, dufteten alle Stuben nach Flieder.
»Du warst wohl draußen?« lächelte er.
»O weit«, nickte sie mit einem feuchten Blick. »So weit, daß du Jahre zurückzählen müßtest, um mich wieder zu finden, in diesem Grün«
Er trat auf sie zu, legte den Arm um ihren Leib. »Und wenn ich's nun doch gewußt hätte  auf den ersten Blick?«
»Nun?« fragte sie. Ihre Augen leuchteten.
»In Dornbach warst du«, erwiderte er leise, »und damit bringst mir den Flieder zurück, den ich dir damals gebracht.«
Das »damals« wurde nicht mehr gesprochen. Es starb in einem Kuß, wie  damals.
»So ein altes Liebespaar« neckte er.
»Ach was« Sie wollte gar nicht aufhören zu küssen. »Jetzt noch deine Augen«
»Wart', du« Er nahm sie auf seine Arme wie ein Kind.
»Laß mich morgen mitreisen« hauchte sie.
»Aber  wenn du willst Nur  Er wollte erwähnen, daß sie ja nicht gepackt habe. Wie sein Blick aber über ihr Antlitz hinging, das ihm mit den geschlossenen Augen entgegendämmerte  bleich und schön schlug ihm ein Herzstoß das Wort von den Lippen. Jetzt  vom Packen reden Wieviel unnötiges Zeug es doch gab auf dieser Welt
Als er am Morgen erwachte, stand ihr Kofferchen schon bereit.
»Ja, Maus«, staunte er, »wann bist denn du schon aufgekrabbelt?«
Sie lächelte bloß. Dann ging alles ritsch-ratsch, wie in den ersten lustigen Tagen ihrer jungen Ehe.
»Ist der Wagen schon da?« fragte sie immer wieder. Endlich, endlich rollte auch der an Eine ganze Weile blieb sie am Fenster stehen  sah nach den Rosen zurück, die noch immer auf ihrer Toilette lagen  auf den Wagen herab  Plötzlich ließ sie selbst mit fester Hand die Rouleaux hernieder, schloß die Fenster, atmete auf  tief, wie erlöst.
Mit dem seligen Blick eines Kindes schritt sie über die Schwelle, die ihr Glück hütete  das reine Glück ihrer Jugend.

Walter Serner - Inferno

Walter Serner - Inferno Inferno Ein Schreien, das widersetzlich beginnt, wenn es am laute­sten wird, vor Wut sich überschlägt und ...