Direkt zum Hauptbereich

Marie Eugenie delle Grazie – Seelenfrühling


Marie Eugenie delle Grazie – Seelenfrühling

aus : Das Buch des Lebens - Erzählungen und Humoresken

Verlag von Breitkopf & Härtel, Leipzig, 1914
Isaac Israëls - Kinder am Strand

Sie stand an ihrem Toilettetisch und verteilte mit zitternden Händen die Rosen in die Vasen  die Rosen, die er ihr gesandt. Große, dunkelrote Blüten waren es, auf denen ein violetter Sammetglanz lag; volle und erst halbgeöffnete, alle aber wie genickt von der eigenen Schwere, wie betäubt von dem eigenen Duft. Blumen, die das Begehren gesucht, bevor die Hand sie da und dort herausgegriffen.


Ihr Gatte saß hinter ihr und schlürfte seinen Nachmittagskaffee. Als sie über die Rosen weg in den Spiegel sah, begegnete ihr sein Blick darin.
»Herrliche Blumen«, nickte er. »Aber weißt du, wenn es nicht Albert wäre 
Ihr Blick flüchtete zu den Blumen herab, verkroch sich förmlich in die dunklen Kelche. Etwas von dem purpurnen Widerschein der Blüten überhauchte leise, kaum merkbar ihre Wangen  »Nur jetzt unbefangen bleiben«, dachte sie  »Jetzt, wo das Glück zwischen meinen Händen zittert.« Und mit einem girrenden Lachen erwiderte sie: »Einem  anderen würdest du also nicht trauen?«
»Nein«, erwiderte er, »keinem« Aber es war die gemütliche Eifersucht des Gatten, die es sagte. Nicht einmal seine Tasse stellte er nieder.
»Wie ist es doch so  ruhig geworden zwischen uns«, dachte sie. »So  unerträglich ruhig« Da saß einer hinter ihr, der einmal nahe daran war, sich zu erschießen ihretwegen  der monatelang kein Auge geschlossen, bis er sie in Armen gehalten  das heißersehnte, schwererkämpfte Glück Nun schlürfte er ruhig seinen Kaffee, sprach mit einem gewissen Humor von jenen, denen er vielleicht nicht trauen würde, und fühlte so gar nichts von dem fiebernden Gierhauch der Leidenschaft, die aus den purpuren Kelchen die Arme nach ihr streckte, wie einmal  er Konnte sie sich wirklich so gut verstellen? Und Albert War es denn möglich, daß nur ihr Gatte nicht sah, was alle anderen schon witterten, die und jener schon bemerkt haben wollte? Gerade er allein?
»So viel  bin ich ihm noch wert« dachte sie mit einer gewissen Geringschätzung. »Trotz aller schönen Worte. Und morgen früh reist er ab  arglos, sorglos.« Eine Stunde später würde sie die Rosen ins Fenster stellen. Diese selben Rosen Und einer, der sich in Sehnsucht nach ihr verzehrte, würde sie sehen und 
»Und?«
Da stand er vor ihr und funkelte sie an mit Augen, die etwas von dem purpurnen Geleucht dieser Blüten hatten: das dunkle Glück der Sünde
Ein Schauer ging an ihr nieder. Sie schloß die Augen, dehnte sich  Und doch und doch Etwas in ihr blieb noch immer stark und aufrecht; wehrte sich mit der Verzweiflung eines Opfers gegen den Mörder  weinte in ihre Träume hinein wie ein scheues, hilfloses Kind.
»Wie wird es dann sein?« dachte sie. »Wenn er wieder zurückkehrt  sorglos, arglos, wie er morgen fortfahren wird.«
Dann ging er über die Leiche eines Glückes hin, für das er einmal sein Blut verspritzen wollte  Sorglos, arglos  und sah es nicht Sie aber lebte sich in ein Glück hinein, das ihr heute oder morgen eine andre zertreten würde. Denn was war noch an dieser Liebe, wenn sie so kommen und  so gehen konnte? Nichts als der Rausch. Der Rausch und der Taumel. Wirklich?
Die Blumen fielen ihr aus den Händen. Wie traurig das alles war Blutige Tränen hätte sie weinen mögen um diese Schönheit, die da vor ihr verging, während sie zum zweitenmal die Arme nach ihr streckte.
Daß ihr diese Gedanken damals nicht gekommen waren, als sie den geliebt, der heute ihr Gatte war?
Sie trat ans Fenster, schloß die Augen, sann nach. Wie seltsam Aber nein  Damals war es doch anders gewesen. Alles eine heilige Erwartung, eine einzige, keusche Blumenandacht der Seele. In die Kirche hätte man das tragen können. Und die Engel hätten es mit weißen Lilienhänden zum Throne Gottes emporgehoben: »Siehe  die Liebe«
Pah  Sie war eben so blutjung gewesen  damals
»Nun muß ich aber geh'n«, sagte ihr Gatte. »Die nötigen Mark einwechseln. Mit meinem Chef hab' ich auch noch eine Konferenz. Gepackt ist doch alles?«
»Seit Vormittag.«
»Also  adieu, Schatz« Und ein warmer, breiter, ach, ein so  ehelicher Kuß drückte ihre blühenden Lippen nieder.
»Du kommst  spät zurück?« fragte sie.
»Leider«
»Dann will ich noch ein bißchen ins Grüne hinaus.«
»Recht so. Gönn' dir was«
Sie wußte nicht warum, aber ein Schlag wär' ihr in diesem Augenblick lieber gewesen denn all diese gütige, sichere Liebe.
Als sie sich ins Zimmer zurückwandte, schlug ihr aufs neue der Duft der Rosen entgegen. Heiß, betäubend.
Unmöglich, damit allein zu bleiben  Heute
So fuhr sie denn ins Grüne hinaus.
Als sie am Ziele war, blickte sie fast erstaunt um sich. »Dornbach« Hatte sie wirklich da hinaus gewollt? Wie im Traume war sie durch die Straßen geschritten, in einen Waggon der Straßenbahn gesprungen, und nun hieß es aussteigen: Der Wagen wenigstens war an seinem Ziele.
»Was tu' ich denn?« fragte sie sich. Eine so eigene Müdigkeit kroch ihr plötzlich über die Glieder. Aber da war ja ein Restaurant. Gerade an der Endstation der Trambahn. Sie entschloß sich, einzutreten.
»Wollen die Gnädige nicht lieber in den Garten?«
Sie nickte, trat hinaus, mußte aber unwillkürlich lächeln. Sie und etwas wollen  heute Ihr war ja, als hätte sie keinen Boden mehr unter den Füßen. Alles um sie wie in Nebel getaucht  wie hinter Schleiern versinkend  alles Und nichts vor ihren brennenden Augen als diese großen, heißen, dunkelroten Rosen, die morgen eine bebende Hand ins Fenster stellen sollte. Eine Hand, die auch nicht mehr wußte, was sie wollte.
Sie atmete auf, strich sich langsam über die Stirne, glaubte plötzlich zu fühlen, wie etwas unsäglich Erquickendes von ihren Sinnen Besitz nahm, leise, ganz leise den Purpurbrand vor ihren Augen verlöschte. Wie ein blasses, kühles Lila war es 
Aber natürlich Dort blühte ja der Flieder Eine ganze, dichte Hecke. Seine Blütenbüschel nickten zu ihr herüber und gaben dem Frühlingswinde diese gesunde Frische mit, die ihr plötzlich so wohltat.
Mit großen wundernden Augen sah sie um sich  lächelte  Da war sie ja schon einmal gesessen  gerade da Vor langen, langen Jahren freilich. Aber der Flieder hatte auch damals geblüht, wie heute. Und hinter ihr, im Glassalon, hatten ein paar Geigen in den Abend hineingeweint  Weiche, verträumte Weisen  Wiener Lieder, wie sie damals die Schlager sang. Lieder, bei denen man froh und traurig zugleich wurde.
Sie war aber damals nur froh gewesen. Denn an jenem Abend wußte sie zum erstenmal gewiß, daß sie hinfort dem gehören würde, den sie liebte. Und daß er, wenn sie mit der Mutter heimkam, sie erwarten würde, einen Strauß in der Hand, im Aug' das selige Bräutigamsgeleucht der ersten Liebe. Genau so lang hatte er um sie werben müssen, daß sie seine erste Liebe war und  blieb
Als Braut war sie damals hier gesessen, mit ihrer Mutter und einer Freundin, und die Freundin hatte zum erstenmal mit einer Art scheuen Neides zu ihr emporgeblickt und mit den Augen gezwinkert, wenn die Mutter von der Ausstattung gesprochen. Die Ausstattung ging natürlich voran
Sie aber hatte die Augen geschlossen und sich zurückgelehnt und nichts gehört als die süßen Wiener Lieder, die ihr Glück auf die weichen Schwingen nahmen und in dem Frühling hineintrugen, weit, weit, bis auf die purpurnen Wolkeninseln des Sonnenuntergangs.
»Wenn ich heimkomm', wartet er auf mich« hatte sie dabei gedacht. Und als sie die Augen wieder aufschlug, schimmerte ihr das silbrige Lila des Flieders entgegen, der auch damals blühte wie heute. Als sie aber heimkam, hielt ihr der Geliebte einen taukühlen Strauß derselben Blüten entgegen. Und sie hatte ihr Antlitz darin vergraben und zugleich gelacht und geweint. So glückselig war sie gewesen, damals
Etwas Heißes fiel auf ihre Wange, von der Wange auf die Hand, die daran lag. Sie weinte doch nicht?
Wahrhaftig Und wie süß, daß es nicht Tränen der Reue waren 
Der Kellner brachte den bestellten Kaffee. Sie bezahlte sofort und erhob sich. »Die Gnädige geh'n schon?« Er tat erstaunt, aber seine Weltkenntnis glaubte besser unterrichtet zu sein. Die tränennassen Augen und diese Eile »Ein verfehltes Rendezvous«, dachte er. Wenn man so lange Garçon war, verstand man sich auf die Leute und ihre Komödien. Gerade nur, daß man so »tun« mußte. Und natürlich »tat« er so. Das Trinkgeld war ja auch danach.
Schon im Gehen, blieb sie noch einmal steh'n, sah nach der blühendne Hecke zurück  »Könnt' ich  dürft' ich mir nicht einige Fliederzweige von dort mitnehmen?«
»Aber bitte, wozu blüht er denn?«
»Nein, nein«, wehrte sie ab, als er selbst danach greifen wollte. »Ich will ihn pflücken«
»Wie die Gnädige wünschen und soviel Sie wünschen.« Er entfernte sich voll Diskretion. Sie sollte nicht meinen, daß er die »Stammerln« zählen wolle, die sie »zum Andenken« brach. Er glaubte ja ohnehin mehr von ihr zu wissen, als ihr lieb sein konnte.
Als ihr Gatte heimkam, dufteten alle Stuben nach Flieder.
»Du warst wohl draußen?« lächelte er.
»O weit«, nickte sie mit einem feuchten Blick. »So weit, daß du Jahre zurückzählen müßtest, um mich wieder zu finden, in diesem Grün«
Er trat auf sie zu, legte den Arm um ihren Leib. »Und wenn ich's nun doch gewußt hätte  auf den ersten Blick?«
»Nun?« fragte sie. Ihre Augen leuchteten.
»In Dornbach warst du«, erwiderte er leise, »und damit bringst mir den Flieder zurück, den ich dir damals gebracht.«
Das »damals« wurde nicht mehr gesprochen. Es starb in einem Kuß, wie  damals.
»So ein altes Liebespaar« neckte er.
»Ach was« Sie wollte gar nicht aufhören zu küssen. »Jetzt noch deine Augen«
»Wart', du« Er nahm sie auf seine Arme wie ein Kind.
»Laß mich morgen mitreisen« hauchte sie.
»Aber  wenn du willst Nur  Er wollte erwähnen, daß sie ja nicht gepackt habe. Wie sein Blick aber über ihr Antlitz hinging, das ihm mit den geschlossenen Augen entgegendämmerte  bleich und schön schlug ihm ein Herzstoß das Wort von den Lippen. Jetzt  vom Packen reden Wieviel unnötiges Zeug es doch gab auf dieser Welt
Als er am Morgen erwachte, stand ihr Kofferchen schon bereit.
»Ja, Maus«, staunte er, »wann bist denn du schon aufgekrabbelt?«
Sie lächelte bloß. Dann ging alles ritsch-ratsch, wie in den ersten lustigen Tagen ihrer jungen Ehe.
»Ist der Wagen schon da?« fragte sie immer wieder. Endlich, endlich rollte auch der an Eine ganze Weile blieb sie am Fenster stehen  sah nach den Rosen zurück, die noch immer auf ihrer Toilette lagen  auf den Wagen herab  Plötzlich ließ sie selbst mit fester Hand die Rouleaux hernieder, schloß die Fenster, atmete auf  tief, wie erlöst.
Mit dem seligen Blick eines Kindes schritt sie über die Schwelle, die ihr Glück hütete  das reine Glück ihrer Jugend.

Beliebte Posts aus diesem Blog

E. Kotanyi - Laura Farina

E. Kotanyi (Else Jerusalem) - Laura Farina



Das Unglaublichste geschah. Laura Farina errötete. Ihre bleiche, königliche Stirne überzog sich mit purpurner Glut, die Lippen wurden ernst und schweigsam, wie von Gottes Finger gezeichnet. Das ewige Leuchten des Triumphes erstarb in ihren Augen, und zum erstenmal zeigte sich in ihrem Gesicht, das gebrochen und hilflos aussah, der Schmerz. Um das zu begreifen, muß man Laura Farina kennen, wie ich sie kannte. Sie war das schönste Weib in Italien. Wo sie ging, schien die Sonne heißer, heller vom Himmel zu strahlen, wenn sie lachte, klang es wie der melodische Gesang dir Nachtigallen, und wer in ihr Gesicht blickte, verlor für Augenblicke seine Sehnsucht. Man drängte sich um ihren Wagen, warf Rosen und Epheu in ihren Schoß und jubelte ihr zu mit der ganzen, naiven Begeisterung eines im Schönheitskultus erzogenen Volkes. »La divina« riefen sie ihr freudig entgegen, wenn sie mit kleinen, flüchtigen Schritten durch die Gassen ging, und Männer und Fr…

Vegan - Kurzgeschichten, Gedichte, Lieder

Christian von Kamp (Hrsg.) Vegan! Kurzgeschichten, Gedichte & Lieder Eine Anthologie

eBook im PDF-Format

Mit Illustrationen von : Ahmed, Flüchtlingskind, Griechenland, inzwischen Deutschland Lynda Bell, Neuseeland Henriette Boldt, Deutschland Chantal Poulin Durocher, Panama Dana Ellyn, USA Sebastian Feldt, Deutschland Twyla Francois, Kanada Magda Francot, Belgien Jo Frederiks, Australien Jo Hanna, Australien Erica Hodne, England Denise Hof, Deutschland Neville M. Marcinkowski, Belgien Paula Menetrey, USA Shinya Okayama, Japan Birgitta Pilgrim, Autorin, Deutschland Catalina Plaza, Chile Kristina Sabaite, Spanien Sara Sechi, Italien Raj Singh Tattal, England Maria Tiqwah van Eldik, Türkei

E. Jouy - Sappho oder die Lesbierinnen

E. Jouy - Sappho oder die Lesbierinnen


NACH einem ausgiebigen Bummel durch die ChampsElysées an einem jener herrlichen Frühlingstage, an denen Lebenslust und Liebreiz der Natur in gleichem Maße alles, was die Weltstadt Paris an Frauenschönheit aufzubieten vermag, zu diesen freundlichen Stätten ziehen, hatten Arthur und Karl in nur geringer Entfernung von der menschendurchfluteten Allee ein Plätzchen gefunden.
»Wie ich dir dankbar bin,« begann Karl zu seinem Freunde gewandt, »daß du mir die Augen über Déidamie öffnetest. Ohne dich wäre ich blindlings in ihre Falle gegangen. Die Dichter haben ganz recht, wenn sie die Liebe mit verbundenen Augen darstellen!«
»Genieße und du wirst ihr die Binde herabreißen. Sieh, Karl, mit der Liebe ist es wie mit der Furcht: man wird von beiden geheilt, ist man dem Gegenstande seiner Zuneigung oder Bangnis nur genügend nahe. Du hättest mir sicher nicht deine Hilfe angedeihen lassen, wenn du es nicht gewesen wärest, der mich in die Arme der Schönen getrieben…