Sonntag, 15. Dezember 2013

Minna Kleeberg - Eine abtrünnige Mormonin



Ann Eliza Young
Eine abtrünnige Mormonin.

Die sociale Bevorzugung der Frau im amerikanischen Freistaate ist eine bekannte Thatsache. Auch ist wohl nirgends das Weib zur Entgegennahme aller Huldigungen so historisch berechtigt, wie auf dem Boden der neuen Welt. War es doch eine Frau, jene trotz ihrer Irrthümer bewundernswerthe castilische Isabella, welche die Gleichgültigkeit der spanischen Granden gegen die Entdeckungsprojecte des Genuesen durch das stolze Wort zu entwaffnen wußte: »Ich verpfände meine Juwelen, um die Mittel zu schaffen.« So bahnte ein mu¬thiger Frauengeist den Meerespfad zum neuen Erdtheil. Der Amerikaner erfüllt demnach, wenn er das Weib zum Idol seines Landes erhebt, unbewußt nur eine Schuld culturhistorischer Dankbarkeit.
Doch in diesem an Contrasten reichen Lande giebt es auch eine Gemeinschaft, die das Weib seiner heiligsten Rechte beraubt, und die gleich dem kranken Manne Europas die Polygamie gesetzlich und dogmatisch heilig spricht. Die auch in Deutschland genugsam bekannten Mormonen oder, wie sie sich selbst mit Vorliebe nennen, »die Heiligen der jüngsten Tage«, haben bis vor wenigen Jahren in ihrem Territorium Utah am großen Salzsee fast isolirt gelebt. Der Salzsee der neuen Heiligen schien die Eigenschaft jenes urheiligen mythischen Salzes geerbt zu haben, das eine redselige Frauenzunge zu versteinern vermochte. Denn — so seltsam es klingen mag — man hörte in diesem Lande, dessen wirksamste Schutzheiligen Oeffentlichkeit und freie Presse sind, nie von der rebellischen Auflehnung einer Mormonin gegen das schmachvolle Institut der Vielweiberei. Doch die jüngste Zeit hat dem Mormonenthum neben mancher anderen Heimsuchung auch seine erste gefährliche Abtrünnige gebracht, die keine Geringere ist, als Ann Eliza Young, die neunzehnte Gattin des Propheten Brigham Young.
Ihn selbst, den greisen Apostel jener von ihm canonisirten Barbarei, mußte die rächende Nemesis in der Gestalt einer seiner jüngsten und schönsten Gattinnen treffen.
Wenn man die Erscheinung der Mormonin Ann Eliza Young, deren Lebensskizze diese Zeilen den Lesern der »Gartenlaube« vorführen sollen, nach der Norm des Ewig-Weiblichen messen will, die eine civilisirte Culturanschauung geschaffen hat, so entspricht die Heldin dieser Skizze freilich nicht unseren Begriffen von edler Frauenwürde. Aber die unglückliche und muthige Frau gewinnt an Interesse, wenn man den Schlüssel zu ihren Verirrungen und vorzüglich zu ihrem Ehebunde mit dem Mormonenhäuptlinge in der Thatsache findet, daß Ann Eliza das Kind einer mormonischen Ehe war. So offenbart sich in den Lebensschicksalen der geschiedenen Gattin des Propheten ein Stück modern-barbarischer Culturgeschichte, von welcher die muthige Hand dieser Frau zum ersten Male den Schleier hinweggezogen hat. Auch mit der Art und Weise des Kampfes, den Ann Eliza gegen Brigham Young und den Mormonismus unternommen hat, mag sich eine geläuterte Auffassung nicht einverstanden erklären, es wäre aber ungerecht, wollte man die civilisatorische Bedeutung dieses Kampfes in Abrede stellen. Wenn einst der letzte Rest jener Zwillingsbarbarei (twin-barbarism), wie ein amerikanisches geflügeltes Wort die Negersclaverei und die Polygamie in Utah genannt hat, von diesem Continente vertilgt sein wird, dann wird Ann Eliza Young’s Name unter den Heldinnen amerikanischer Culturgeschichte glänzen.
Während der bekannte Scheidungsproceß der Dame gegen das Oberhaupt von Utah von Instanz zu Instanz verfolgt wurde, unternahm sie selbst eine Vorlesungstour durch die Vereinigten Staaten. Das Thema dieses Vortrags war die Geschichte ihres eigenen Lebens und die Leidensgeschichte aller weiblichen Sclaven von Utah. Die Rednerin erklärte mit unleugbarer Würde und Begeisterung, daß sie den Kampf für diese fünfzigtausend unglücklichen Frauen, die Opfer der Vielweiberei, als die Aufgabe ihres Lebens betrachte, und daß sie nicht aufhören werde, im Interesse ihrer Leidensschwestern an den Gerechtigkeitssinn des amerikanischen Volkes zu appelliren. Das diesem Aufsatze beigefügte Portrait Ann Eliza Young’s mag den Lesern der »Gartenlaube« die Züge dieser Frau veranschaulichen, in denen Trauer und Entschlossenheit als vorzüglichste Charaktermerkmale hervortreten.
Ann Eliza’s Eltern waren, wie im Verlaufe der Vorlesung berichtet wurde, schon vor ihrer Verheirathung Gläubige der Mormonenlehre und Anhänger des damaligen Propheten Joseph Smith geworden. Ihr Vater, ein Mr. Webb, und ihre Mutter, die als frühere Lehrerin nicht ohne Bildung sein konnte, folgten dem Propheten aus ihrer New-Yorker Heimath in die damalige Mormonenstadt Nauvoo in Illi¬nois. Dort wurde ihnen als fünftes Kind Ann Eliza am 13. September 1844 geboren. Als die Kleine ein Jahr alt war, brachte der Vater eines Tages eine zweite Frau nach Hause, welche mit ihrer Mutter zwölf Jahre lang in Eintracht und Zufriedenheit Haus und Gatten theilte. Doch die Mutter war oft trübe gestimmt, und Ann Eliza merkte, daß ein heimlicher Kummer derselben das Leben vergiftete, obschon sie eine tiefgläubige Anhängerin des neuen Evangeliums war und in der Polygamie eine göttliche Institution verehrte. Der Vater nahm ein zweites Weib, weil er das für seine religiöse Pflicht hielt.
Zur Erklärung solcher Zustände sprach die Rednerin folgende Betrachtungen über die Mormonenreligion und deren Opfer aus: »Man sage nicht, daß die Frauen als mit Vernunft begabte Wesen die Hölle erblicken müssen, in welche sie sich durch die Verheirathung mit einem Mormonen stürzen; wer gründlich vertraut ist mit der Mormonenreligion, wer erfahren hat, mit welcher unerbittlichen Strenge die Kirche die Gewissen ihrer Anhänger gefangen nimmt, wer bedenkt, wie den Kindern die Grundsätze dieser Kirche in’s Herz eingeprägt werden und wie die Mormonen ganz und gar in ihrer Kirche aufgehen: der wird jene Frauen nicht tadeln können. Sie halten das ewige Joch, in welches man sie durch die Mormonenehe zwängt, für eine göttliche, schon von den Patriarchen geheiligte Institution und tragen dieses Joch mit Geduld, ob ihnen auch das Herz vor Jammer brechen möchte. Ich bin in jener Kirche geboren und erzogen worden und kenne den furchtbaren Bann, mit dem mich jener Glaube umfangen hat. Trotz dieses entsetzlichen Zwanges giebt es auch in Utah Tausende von edlen und sittenreinen Frauen, die nur ihrem religiösen Irrwahn zum Opfer fallen. Diese Mormonenreligion fordert mehr Opfer, als der Gott der Fidchi-Insulaner.« —
Die schlichte Naturgewalt solcher Schmerzenslaute kann ihre Wirkung nicht verfehlen und muß in einer oder der anderen Weise dem von der Rednerin verfolgten Zwecke dienen.
Mit neunzehn Jahren wurde Ann Eliza an einen ungebildeten Mormonen verheirathet, dessen Mißhandlungen sie sich nach zwei Jahren durch gerichtliche Scheidung entziehen mußte. Die zwei Kinder dieser Ehe, die noch am Leben sind, wurden der Mutter zugesprochen. Die junge Frau lebte und arbeitete nun auf ihres Vaters Farm in der Nähe von Salt-Lake-City und glaubte für immer dem Joche der Ehe entsagt zu haben. Da führte ihr Unstern den fast siebenzigjährigen Brigham Young in das Haus ihres Vaters. Schon in der ersten Unterredung gab ihr der »heilige« Mann den frommen Rath, bei etwaiger Wiederverheirathung keinen jungen Fant, sondern nur einen guten alten Bruder der Kirche zu wählen. Am andern Tage theilte ihr Vater ihr mit, daß der Prophet ihr die hohe Ehre erweisen wolle, sie zu seiner neunzehnten Gattin zu erheben. Sie sträubte sich gegen diesen Antrag, aber Vater und Mutter erkannten denselben als einen Wink vom Himmel und eine große Gnade Gottes. Erst nach einem Jahre gab sie ihre Zustimmung, und zwar vorzüglich aus Liebe für ihren Bruder, der durch des Propheten Rachsucht von der Kirche abgeschnitten werden sollte. Ein solcher Kirchenbann ist in Utah mit zeitlicher und »ewiger« Vernichtung gleichbedeutend. So ward Ann Eliza am 7. April 1868 die neunzehnte Gattin des Propheten Brigham Young.
In erschütternder Weise schildert die Rednerin die Qual eines solchen Ehelebens und die Tortur der religiösen Zweifel, die in Folge dieser Leiden mit immer stärkerer Gewalt in ihrer Seele erwachten. Noch immer versuchte sie, ihren Unglauben und ihre Denkkraft in Banden zu schlagen; noch immer erhoffte sie von Reue und Buße, von einer neuen Taufe das Heil ihrer religiösen Wiedergeburt. Aber trotz aller Versenkung in den Glauben ihrer Kindheit, trotz aller Qual und Kraftanstrengung ward ihr innerer Abfall vom Mormonenthume immer mehr zur vollendeten Thatsache. Endlich gewann sie den Muth, dem geistigen und physischen Sclaventhume ihrer Ehe zu entsagen. Sie bezog eine Wohnung in einem nichtmormonischen Hôtel, verließ die Religionsgemeinschaft der Heiligen und begann ihren berühmten Scheidungsproceß gegen Brigham Young.
Das erste Ergebniß dieses langwierigen Processes war ein Haftbefehl gegen den Propheten, da dieser sich geweigert hatte, dem gerichtlichen Urtheilsspruche Folge zu leisten und seiner geschiedenen Frau Alimente und Entschädigung zu zahlen. Brigham Young berief sich auf den mormonischen Glaubenssatz, daß die Mormonenehe eine himmlische oder göttliche Institution sei und als solche durchaus nicht unter der Controle irdischer Gerichtsbarkeit stehe. Obgleich nun seine Meinung allerdings von der des Gerichtshofs abweiche, so gereiche es ihm und allen Heiligen doch zu ganz besonderer Genugthuung, daß die Vereinigten Staaten in ihrem Urtheilsspruche zu Gunsten Ann Eliza’s zum ersten Male die Polygamie als eine gesetzliche Institution dieses Landes anerkannt hätten. Und hier lag die moralische Nothwendigkeit, die schließlich den Proceß zu einem für die Klägerin ungünstigen Ende führen mußte. Man durfte die Vielweiberei nicht auf legalem Wege sanctio¬niren.
Ann Eliza Young darf aber trotz des ungünstigen Ausganges ihres Processes unbesorgt der Zukunft entgegensehen, da sie sich durch den Ernst und die Würde ihrer Erscheinung und ihres Strebens die thatkräftige Theilnahme vieler urtheilsfähigen Amerikaner errungen hat. Auch die Leser und Leserinnen der Gartenlaube werden der muthigen Vorkämpferin der Mormoninnen von Utah ihre Anerkennung nicht versagen.
Der spiritualistische Wahnsinn, der ein Institut des Orients auf amerikanischen Boden verpflanzen konnte, beruht auf folgenden Dogmen: Millionen körperloser Geister, Nachkommen der Götter, umschweben den Erdball und ersehnen den Augenblick ihrer Menschwerdung, der ihnen die zweite, höhere Stufe ihres Daseins, das Leben auf der Erde, erschließen soll. Es ist demnach die heiligste Verpflichtung der Mormonen, diese heimathlosen Geister in irdische Tabernakel, das heißt in menschliche Hüllen, einzuführen. Wer diese Aufgabe am treuesten erfüllt hat, der wird im Jenseits den dritten und höchsten Grad aller Menschenexistenzen erreichen und selbst zum Gotte werden. »Je mehr Kinder, je mehr Segen!« so lautet also das in die Praxis der Polygamie übersetzte Losungswort des Mormonenthums. Den Hagestolzen und die alte Jungfrau trifft Verachtung hienieden, und der Höllenfluch, den kein Dante grausiger ersinnen konnte, einsam und ungeliebt durch die Ewigkeit zu gehen. Die Frauen hingegen, die dem Heiligen hienieden für den Himmel angesiegelt worden sind, werden seine göttliche Machtstellung im Jenseits theilen.
So sinnreich haben Joe Smith und sein Nachfolger Brigham Young ihr spiritualistisches Netz gewoben, dem schon so zahlreiche und nicht immer bildungslose Frauen durch Erziehung und Gewohnheit zum Opfer gefallen sind. Es würde zu weit führen, näher auf die Irrlehren der mormonischen Glaubenssatzungen einzugehen, und verweise ich den Leser zum Zwecke gründlicher Information über Lehre und Leben der Heiligen auf das neue und interessante Reisewerk Robert von Schlagintweit’s »Die Mormonen«.
Das beigefügte Bild, das Brigham Young in der vollen Glorie seines Prophetenthums im Kreise seiner betenden Frauen zeigt, ist charakteristisch für die heuchlerische Frömmigkeit, deren abnormer Auswuchs diese Vielehen sind.
Jeder Kampf gegen die mormonische Polygamie scheiterte bisher an einer Klippe, die doch im Grunde der höchste Stolz dieses Landes ist, an der durch die Verfassung verbürgten Religionsfreiheit der Republik und der völligen Trennung von Kirche und Staat in diesem Lande. So durfte selbst ein Gemeinschaden, wie diese Vielweiberei, um seiner religiösdogmatischen Begründung willen nicht mit voller Schärfe des Gesetzes verfolgt werden. Doch die jüngste Botschaft des Präsidenten vom Neujahr 1876 enthält, ungleich strenger als bisher, eine Kundgebung der Indignation, von welcher das Volksbewußtsein gegen die Sittenzustände in Utah durchdrungen ist. Auch ward vor kurzem das Urtheil des Oberrichters White gegen einen in Polygamie lebenden Mormonen dahin ausgesprochen, daß der Angeklagte grober Ge-setzesübertretung schuldig sei, da die Religion nicht das Recht habe, sich als selbstständige Autorität und als Deckmantel für das Verbrechen neben oder über das Gesetz zu stellen. Hoffen wir daher, daß trotz der Bittschrift, die in den ersten Januartagen dieses Jahres circa dreißigtausend Mormoninnen, natürlich gezwungener Weise, dem Congresse für die Erhaltung der Polygamie eingesandt haben, die Tage dieser barbarischen Institution auf unserem Continente gezählt sein werden. Möge Ann Eliza Young’s muthige That Nachahmung und Erfolg erzielen!
Die Colonisation einer weiten Länderstrecke des amerikanischen Westens und die Erschließung derselben für die Weltcultur ist an und für sich eine so große civilisatorische Errungenschaft, daß man sich fast versucht fühlen möchte, um solchen Preises willen selbst die Sittenzustände der sonderbaren Heiligen mit in den Kauf zu nehmen. Jedenfalls gebührt den Mormonen neben der schärfsten Verurtheilung ihrer Entweihung des Familienlebens auch manches Ruhmeswort gerechter Anerkennung.
Als die Mormonen, von ihren ersten Niederlassungen vertrieben, auf ihrem von Brigham Young geleiteten wunderbaren Wanderzuge durch noch unerschlossene Erdstriche vor circa dreißig Jahren den großen Salzsee erreichten, da fanden sie in der weiten Umgebung der Stätte, wo sie im Sommer 1847 Salt-Lake-City gründeten, nur Einöde und Wildniß. Heute zählt Utah zu den fruchtbarsten Landstrichen der Union und ist mit blühenden Dörfern und Städten übersäet. Salt-Lake-City besitzt schon seit vielen Jahren Gasbeleuchtung und Telegraphenleitung, und die Vollendung eines der größten Wunderwerke der neuen Zeit, der pacifischen Eisenbahn, wäre fast undenkbar gewesen, wenn nicht die Mormonen durch ihre Niederlassungen und ihre Arbeitskräfte und vorzüglich durch ihre freundlichen Beziehungen zu den Indianern den Riesenbau unterstützt haben würden. Bekanntlich lehnt sich die Mormonenbibel an die indianische Vorgeschichte dieses Landes an, und die Mormonen erblicken in den Indianern Brüder und Stammesgenossen. Eine der düstersten Thaten in der Mormonengeschichte, der verrätherische Angriff auf einen wehrlosen Emigrantenzug, gelang ihnen mit Hülfe der Indianer.
Die pacifische Eisenbahn ist vollendet: die reichen Minendistricte des Westens sind erschlossen, und immer mächtiger ergießt sich der Strom der Einwanderung auch über das Territorium Utah, das neue Zion der Heiligen. Der Untergang des Mormonenthums, dessen phantastisches Religionsgebäude selbstverständlich unter dem Andrange höherer Cultur zerfallen muß, ist nur noch eine Frage der Zeit. Und das Forscherauge, das mit optimistischem Blicke die Räthsel der Culturgeschichte zu durchdringen sucht, wird auch im Mormonenthume die urewige Offenbarung lesen, daß selbst die Irrthümer der Menschen zum Ziel und Zweck aller Geschichte, zum Fortschritt, führen müssen. Wie wilder Golddurst die pacifische Küste, so erschloß Glaubenswahn den Centralpunkt des weiten Westens; Goldgräber und Mormonen mußten »trotz alledem« als Bahnbrecher und Pfadfinder der Civilisation dem guten Genius der Menschheit dienen.
M. Kleeberg.

(Nach der Transkription der deutschsprachigen Wikisource - mitkorrigiert von ngiyaw eBooks)




Dienstag, 3. Dezember 2013

Stefan Zweig, Rezension - Das Tagebuch eines halbwüchsigen Mädchens

Das Tagebuch eines halbwüchsigen Mädchens

Als erste einer Reihe von ›Quellenschriften zur seelischen Entwicklung‹ veröffentlicht der Internationale Psychoanalytische Verlag – offenbar eine Gruppe von Schülern, die sich dem umfassenden Gedankenkreise Professor Freuds verbunden haben – ein ganz merkwürdiges Dokument: das unverstellte Originaltagebuch eines halbwüchsigen Mädchens von seinem elften bis zum vierzehnten Jahre. Das Seltsame in diesem Buche, das Bedeutsame im psychologischen und pädagogischen Sinne ist nun, daß dieses Tagebuch keineswegs das eines Wunderkindes ist, einer zukünftigen Maria Bashkirtseff, sondern im Gegenteil das eines ganz normalen, gar nicht sonderlich begabten, gar nicht sonderlich sensitiven und gar nicht sonderlich erlebnisreichen Kindes aus der sogenannten guten Wiener Gesellschaft. Nur eben eines jener unzähligen, oft belächelten und verspotteten Tagebücher, wie sie fast jedes Mädchen unfehlbar irgendeinmal in den Schuljahren beginnt. Aber schon die Regelmäßigkeit dieser Erscheinung mag Erkenntnis sein für die Bedeutsamkeit dieses Augenblicks, für das fast Gesetzmäßige, daß Kinder und besonders Mädchen gerade in jenen Entwicklungsjahren aus einem zwingenden Gefühl beginnen, sich täglich schriftliche Rechenschaft von sich abzulegen, um dann mit siebzehn oder achtzehn Jahren dieses tägliche Einschreiben schon wieder als kindliche Spielerei zu verachten und überlegen lächelnd zu verwerfen. In jenen Jahren, wo der wirklich persönliche Mensch dem spielhaften Kindeswesen entwächst, wird ihm unbewußt das Leben als Ganzes und insbesondere sein eigenes Leben irgendwie plötzlich wichtig und geheimnisvoll: unbelehrt fühlt das Kind in seinem Wachstum, was dann erst später wieder der Psycholog weiß und was Freud als erster so meisterhaft klargelegt hat, daß in jenen Jahren des gespannten Empfindens bei dem Kinde jede Richtung zur Entscheidung, jeder Zufall zur Bestimmung wird. Im Augenblicke, wo der Mensch – und die meisten Erwachsenen gestehen damit die Armut ihres Innenlebens ahnungslos ein – dann wieder das Leben als etwas Automatisches, als etwas Funktionelles empfindet, läßt die Intensität ihres eigenen Empfindens nach: nur erlesene Menschen behalten jene wunderbar gesteigerte Fähigkeit über die Kindheit hinaus für immer fort, das Leben unausgesetzt als mystische Macht zu empfinden, ewig rätselhaft, ewig unentwirrbar, voll von Überraschungen und Erkenntnissen, und sich selbst als eine Beute unablässiger Abenteuer. Deshalb führen die Erwachsenen nur ausnahmsweise mehr ein Tagebuch, fast immer nur dann, wenn sie irgendwie in das äußerlich Bewegte der Welt historisch eingemengt sind, wie jetzt die Diplomaten und Heerführer; das Kind in den Pubertätsjahren aber empfindet nicht seine Existenz innerhalb besonderer Geschehnisse als wichtig, sondern die Tatsache des Lebens überhaupt, und diese zwingende Betonung jeder kleinen Zufälligkeit, ungeachtet, ob sie andere als banal empfinden mögen, erhöht zauberhaft ihre innere Spannung. In den halbwüchsigen Menschen ist darum eine tiefere – und wieviel richtigere! – Wertung jeder neuen Stunde bereit; das Unscheinbarste belebt sich durch Gefühl, jede Begegnung durch Erwartung. Nur im Kinde, in dieser Spanne von Jahren zwischen der Unbewußtheit und dem schon allzu Bewußten wirkt sich jene Intensität aus, die dann in den Dichtern die Kindheitsjahre überwächst und ihnen das Gefühl der Welt als eines unberechenbaren Mysteriums rein und leidenschaftlich bewahrt.
Unbedeutsam im gewöhnlichen Sinne mag darum auch dieses Tagebuch dem Unbedeutenden gelten, denn es ist weder stilistisch schön geschrieben, noch geistig sonderlich hochwertig, eben nur ein Dutzendtagebuch irgendeines Halbkindes. Aber eben das typische Kleinmädchengeschwätz darin, die ahnungslose Aufrichtigkeit (die dem Dichter ja fehlt), daß jemals ein fremder Blick in diese Blätter eindringe, geschweige denn, daß sie jemals in Buchform vervielfältigt werden könnten, macht seine Lektüre so anregend für alle jene, denen das bloße Verstehen von seelischen Dingen selbst schon eine Art geistiger Lust geworden ist. Es ist voll von zufälligem Geschwätz über Konditoreien, Ausflüge, Kameradinnen, Eifersüchteleien, Schuldummheiten, Familienepisoden, aber eben dadurch ist auch den wesentlichen Dingen der richtige Rang im Seelenleben ausgewertet. Denn der Dichter, die sonst einzige Quelle, der eine Kindheit schildert, die eigene oder eine fremde, in Selbstbiographie oder im Roman, verstellt aus dem innersten Gesetz der Kunst bewußt-unbewußt das Gleichgewicht. Er gibt bloß Abbreviaturen, Verkürzungen des kindlichen Seelenlebens, weil er nur das aufzeichnet, was die Erinnerung nach Jahren noch als wesentlich bewahrt hat, nicht aber das Gleichzeitig-Banale, dem das Besondere entwächst. Er zeigt nur die Meilensteine, statt des ganzen Weges, er schafft Auslese, betont nur das Wissende im Kind, die frühe Weisheit, während hier im Tagebuch noch die ganze breite Folie der Torheit und ahnungslosen Dummheit sich in den Aufzeichnungen naturhaft aufstuft.
Das Erlebnis dieser Jahre, das Wesentliche dieses Buches ist selbstverständlich das Nicht-mehr-Kind-sein-Wollen. Der Wille, als voll gewertet zu werden, um alle Geheimnisse zu wissen, die alle Erwachsenen so krampfhaft vor ihm verbergen. Mit Zorn und Erbitterung notiert die Elfjährige immer, wenn Vater, Mutter oder Schwester sie eine »Kleine« oder »Kind« nennen. Mit Ungeduld will sie schon hinauf in die andere Welt, will sie die verschlossenen Türen zerbrechen, hinter denen sie manchmal unverständliche Worte hört und hinter denen für ihr Empfinden das »eigentliche«, das wirkliche Leben liegt. Jedes dieser aufgelauschten Worte hinter den verschlossenen Türen des großen Geheimnisses wird zum Ereignis, zum Geschehnis, denn ahnend spürt das noch ahnungslose Kind, daß diese abgelösten Worte gleichsam Chiffren sind, mit denen man, wenn einmal die Buchstaben ihres Sinnes auseinandergenommen sind, das ganze Zauberbuch im Fluge durchlesen könne. Wie auf der Wiese hinter Schmetterlingen ist darum dies gespannte Kindwesen mit seinen Freundinnen hinter jedem solchen aufgeflatterten Wort her. Irgendjemand hat »Verhältnis« gesagt und gelächelt dabei – was bedeutet das? Von der Kusine erzählen sie, daß sie »bleichsüchtig« sei, von einem Onkel, er sei »nicht normal«. Mit der Spürkraft aufgereizten Empfindens wittert sie einen besonderen Sinn hinter dem Gewöhnlichen. Und alle die unendlich typischen Schleichwege des Kindes auf dieser Jagd tun sich auf in diesem Tagebuch: Das Tuscheln mit den Freundinnen, das Geschwätz mit den Dienstboten, der heimliche Blick in das Konversationslexikon, bis sich allmählich nach vielen vergeblichen Irrungen – die im einzelnen dem Erwachsenen und besonders dem, der seine eigene Jugend vergessen hat, ein mitleidiges Lächeln entlocken mögen – die richtige Spur findet. Hier, wie vielleicht in jedem aufrichtigen Tagebuche eines Halbwüchsigen ist natürlich der Brennpunkt des Interesses die Sexualität.
Die Sexualität, nicht die Erotik. Denn hier kommt die Neugier noch aus dem Intellektuellen, aus dem wachen Gehirn eines noch unentwickelten Körpers, und die Unruhe quillt aus dem Verstand, nicht aus den noch dumpfen Zonen körperlichen Gefühls. Nirgends reagiert hier wirkliche Befriedigung auf Erkenntnis, im Gegenteil: der erste zufällige Einblick wird für das scheue Kind zum seelischen Schock. Mit Ekel, mit Abscheu, Furcht und Angst antwortet ihr noch unreifes Gefühl auf alle Ahnungen des Körperlichen. Statt sie an das feurige Geheimnis näher hinzudrängen, schreckt sie die Mechanik des Liebesaktes vorläufig zurück. Nirgends ist in diesem nervösen Kinde trotz aller geistigen Unruhe, trotz aller funkelnden Neugierde ein Atem von Verderbtheit. Man spürt, diese Unruhe ist (wie wahrscheinlich bei den meisten Kindern, was aber Lehrer und Erzieher selten ahnen), absolut präerotisch, sie ist nur Unruhe nach dem Leben, nach dem Zusammenhange, das allzu erklärliche Gefühl nach Ebenmäßigkeit des Wissens, das keine Lücken und leere Stellen dulden will, dasselbe Gefühl, das die junge Menschheit als Gesamtheit von ihrem Anfang getrieben hat, ihre eigene Erde zu durchforschen, unbekannte Kontinente sich bekannt zu machen, alle Ströme, Berge, Seen und Wälder in eine Karte einzuzeichnen und über diese Erde hinaus noch mit Teleskopen und Berechnungen nach den anderen Welten ins Unendliche zu spähen. Gerade dies Nachbarliche der unbändigen Neugier mit dem anderen Geschwätz von neuen Kleidern, verpatzten Schulausflügen, Gouvernantenqual, hellt zauberisch das Wunder des Welterwachens auf, das mit der Jugend jedes Menschen wie der Menschheit mystisch verknüpft ist, und das verhängnisvollerweise so früh in dem normalen Menschen wieder erlischt. Vielleicht auch schon in dieser Frau erloschen wäre, die heute vielleicht zweiundzwanzig Jahre zählte, wenn sie der Tod nicht hinweggenommen hätte, und deren Namen die Herausgeber sorgfältig verschweigen (die auch in dem Buche durchwegs Namenverstellungen vorgenommen haben, um auch die Spur zu verwischen). Eben deshalb aber, weil es so typisch ist, sollten kluge Eltern und kluge Erzieher dieses Buch zur Hand nehmen, freilich nicht, um danach zu erziehen und vielleicht mit der jetzt so beliebten Aufklärung einzusetzen und zu versuchen, den ihnen anvertrauten Kindern etwas von der Unruhe und der Qual ihres Suchens wegzunehmen, die hier so erschütternd im Bilde des namenlosen Kindes wirkt. Denn wer vermag zu sagen, ob diese Unruhe, diese brennende Neugier nicht etwas unendliches Kostbares und Schöpferisches in jedem Kinde ist, ob nicht bei einzelnen gerade aus ihr die Möglichkeit entwächst, sich das Mystische des Lebensgefühles über die Kindheit hinaus zu bewahren. Ob vielleicht nicht Menschen, die in ihrer Kindheit die ganze Not dieser Unsicherheit, die Spannung des Geschlechtes so stark empfunden haben, sich auch dann später im Erotischen reiner den heiligen Schauer des kosmischen Gefühls und anderseits die starke Reizsamkeit leidenschaftlicher bewahren. Es ist vielleicht nicht gut, zu verbessern, wo man nicht weiß, was im einzelnen ungestaltete Möglichkeit zum Guten oder zum Bösen ist, und das Schicksal, das wunderbar eigenwillige, das mit Kindern wie mit Menschen nach seinem Sinn spielt, bevormunden zu wollen. Aber es ist immer gut, Menschliches zu verstehen, und zu diesem Verständnis der Kinderseele scheint mir dieses Buch eines der kostbarsten, das je die Wissenschaft Hand in Hand mit dem Zufall dargeboten, und das nicht durch Kunst, sondern einzig dank jener mystischen Schöpfungskraft der Jugend, die immer dichterischer wirkt als die besten Nachdichtungen von Kindheit.

Aus: Stefan Zweig: Rezensionen 1902 - 1939 (Quelle: Gutenberg-DE)

Montag, 4. November 2013

Klabund - Die Herzogin von Este

Die Herzogin von Este
von
Klabund 

Eines Tages erhielt sein Vater die Nachricht, er habe sich mit der Herzogin von Este verlobt. Obgleich der Vater ein großes Vermögen besaß, stutzte er doch und ließ in der Hauptstadt Recherchen anstellen, wie es mit dem Erbschaftsstreit, den Ministerbekanntschaften und dem fürstlichen Oheim bestellt sei. Und die Behauptungen der schönen Herzogin erwiesen sich als durchaus zutreffend. Jeden Morgen fuhr sie am fürstlichen Palais vor, und der Portier stand schon, die blaue goldbetreßte Mütze in der Hand, bereit, den Wagenschlag zu öffnen und sie an die marmorne, mit roten Teppichen belegte Treppe zu geleiten. Wenn es aber regnete, hielt er einen großen schwarzen Schirm über sie, und die kleinen Lackschuhe trippelten so ängstlich und schnell über das feuchte Trottoir, daß er, ehemals Unteroffizier bei den Lübener Dragonern, kaum Schritt halten konnte.
Man lud die Herzogin ein, ihre künftigen Schwiegereltern zu besuchen. Ein ganzes Stockwerk wurde ihr zur Verfügung gestellt, und die Diener trugen alle karmoisinrote Livree, weil sie ihrem Verlobten einmal ihre schwärmerische Vorliebe für die Farbe verraten hatte. Im Treppenhause hing an dünnen silbernen Seilen ein silberner Kübel von der Decke herab, der war mit roten Nelken über und über gefüllt. Und Corner, der schwarze kluge Pudelhund, lief tagelang mit einer roten Nelke herum, die er in Ermangelung eines Knopfloches in der Schnauze trug.
Man fand Benehmen und Wesen der Herzogin entzückend, ihre Manieren untadelhaft, ihren Schneider genial. Das Schönste aber waren ihre schwarzen Augen, die in einer heiteren Schwermut zu schimmern schienen, als hätten sie einst einen Blick in das Grauen des Lebens getan und könnten von diesem schrecklichen Bilde nie ganz genesen.
Sie fuhr nach vier Wochen ohne ihren Bräutigam in die Hauptstadt zurück. Er hatte plötzlich nach Baden-Baden gemußt, einer Ehrenangelegenheit halber, als Beisitzer des Ehrengerichtes.
Sein Vater brachte sie zum Zuge. Verschiedene Male fiel ihm vor Aufregung das Monokel, das an einer roten seidenen Schnur befestigt war, aus dem Auge. Seine von gelbem Glacé umkleidete Hand hielt die ihre zum Abschied freundschaftlich lange umfaßt. Zum Schluß neigten sich seine Lippen zum Handkuß. Corner, der schwarze kluge Pudelhund, stand, von einem Diener an der Leine geführt, schweifwedelnd dabei und hielt eine rote Nelke im Maul.
In Berlin wurde die Herzogin von Este von drei Herren an der Bahn empfangen. Zwei der Herren überreichten ihr verbindlich blöde lächelnd prächtige Sträuße roter Rosen und Nelken. Der dritte hatte nur rote Lippen und brandrotes Haar, und auf ihm richten ihre Augen am wohlgefälligsten. Da wurden die andern beiden eifersüchtig und telegraphierten an seinen Vater. Und nur dies eine Wort: »Schenkmamsell«.
Sein Vater schloß sich ins Arbeitszimmer ein. Nach einer Stunde begriff er, klingelte seinem Diener und fragte, ob die bestellte Sendung Austern schon eingetroffen sei.
Die Herzogin Este und ihr Verlobter waren indessen auf dem Wege nach Wien. Sie gedachte ihn, ihren Eltern vorzustellen. In Breslau hatte man Aufenthalt und betrat den Wartesaal. Zum Unglück lockerte sich der Schnürsenkel ihres linken Schuhes. Sie ging hinaus, die Hilfe der Toilettenfrau in Anspruch zu nehmen. Er sah unruhig auf die Uhr. Sie blieb schon eine Viertelstunde fort. Er erhob sich und ging auf den Bahnsteig.
Eben fuhr ein D-Zug in der Richtung Sagan— Guben—Berlin langsam aus der Halle.
Aus einem Coupé erster Klasse winkte eine kleine blasse Frauenhand. Da hörte er auch schon eine liebe vertraute Stimme und sah zwei Augen, die in heiterer Schwermut zu schimmern schienen:
»Lebe wohl, Egon, es war zu nett — aber du bist ein Schaf.«
In der Ferne flatterte aus einem Coupéfenster der ersten Klasse ein battistnes Taschentuch mit dem Wappen der Herzöge von Este.
Sein Vater machte ihm nicht den geringsten Vorwurf.
»In den Annalen der Venus«, sagte er, während ihm das Monokel aus dem Auge fiel, »steht sie unter den Herzoginnen verzeichnet. Was mich betrifft,« und er hüstelte, »würde ich ihr den Rang und die Ehren einer Königin nicht vorenthalten.«
Insgeheim beauftragte er das Detektiv-Bureau »Greif«, Nachforschungen nach dem Verbleib der Schenkmamsell Lotti Maier anzustellen.
Ihm kam nämlich ein äußerst glücklicher Gedanke.

Dienstag, 17. September 2013

Magda Trott - Das Kind

Das Kind
(Ein Tagebuch)
Von Magda Trott

20. Januar 19. .
Es ist also wirklich wahr . . . ich werde unfruchtbar bleiben. Gerade ich, die ich mich so rasend nach Kindern sehne. Und mein Mann? Mein Gott, wie wird er es aufnehmen? Er ist solch ein Kinderfreund . . .

17. Oktober 19. .
Warum habʼ ich kein Kind? Man beneidet mich um meinen Reichtum, meine Stellung, um mein Glück, um meinen Mann. Was nützt mir all das Geld? Was nützt es mir, daß ich mich tagaus, tagein schmücke, für ihn, den einzigen, den ich liebe? Für meinen Mann, der mich flieht, seitdem er weiß, daß unser gemeinsames Sehnen nicht in Erfüllung geht? Ich sehe ihn kaum. Er sucht sich seine Freundinnen, seine Geliebte, er sucht die Frau, die ihm ein Kind schenken wird . . . Und ich?



2. Dezember 19. .
Er ist bei ihr. Er liebt sie, die andere, die mich aus seinem Herzen verdrängte. Er hat es mir gestern abend selbst zu verstehen gegeben. Er liebt sie um des Kindes willen, das man dort erwartet. Und doch, aus seinen Worten hat so tiefe Trauer geklungen. Wenn ich ein Kind hätte, wäre alles gut.

2. Juli 19. .
Ich habe ihn ganz verloren. Er ist täglich bei ihr und bei seinem Sohn. Er ist glücklich. Was nützt es mir, wenn ich an seiner Seite von einem Fest zum anderen eile, seine Gedanken sind ja doch nur bei seinem Sohn. Und geschieht es einmal, daß wir ganz allein zusammen auf der Terrasse sitzen, dann schweigen wir, denn zwischen uns steht etwas, — darüber können wir nicht hinweg.

7. Juli 19. .
Der Abendwind hat den schwülen Duft der Rosen zu uns heraufgetragen auf die Terrasse. Schwül und heiß ist es gewesen, da bin ich ihm schluchzend zu Füßen gesunken und habe um seine Liebe — nein, nur um ein liebes Wort gebettelt. Er hat mich an sich gezogen, hat mir leise über das Haar gestrichen und hat — geschwiegen. Ich aber habʼ ihn geküßt, rasend, wild, verlangend, wie irrsinnig — die Rosen dufteten so süß, er aber hat noch immer geschwiegen. Nur in seinen Augen stand tiefe, wehe Trauer. Dann hat er mich leise auf die Stirn geküßt, hat mir mit seinen kühlen Händen über die Stirn gestrichen. Ich aber habʼ ihn hinübergezogen in mein trauliches Zimmerchen — er hat mich nicht verstanden.

15. August 19. .
Ich bin bei ihr gewesen. Mit welcher Liebe hat er ihr das Heim bereitet. Und das Kind? Ich habe es aus seinem Spitzenbettchen emporgerissen, habʼ es geküßt, geküßt, bis sie es mir mit Gewalt fortnahm. Da habʼ ich geweint — und dann habʼ ich sie angefleht — gib mir das Kind. Ich will dich königlich belohnen, nimm all mein Vermögen, nimm alles, was ich habe, nur gib mir das Kind. Mit ihren kalten, spöttischen Augen hat sie mich angesehen. »Eher schmeiß ichʼs ins Wasser.« Da bin ich geflohen, aber die furchtbaren Worte klingen mir noch immer im Ohr.


4. September 19. .
Mir graut vor mir selber. Ich fühle es, daß ich moralisch verkomme, aber ich will ihn nicht verlieren. Ich weiß nicht, wie ich ihn zurückgewinne. All meine Frauenehre habe ich von mir geworfen, wie eine Hetäre habe ich versucht, ihn zu halten, hüllenlos mit gelöstem Haar habʼ ich ihn aus dem Schlaf gerissen und habe nichts erreicht, als daß er mich mit ernstem Wort von sich wies. Ich glaube, jetzt habʼ ich mein Spiel völlig verloren . . .

11. Oktober 19. .
Wenn ich ein Kind hätte, er würde mir wieder gehören. Ich muß ein Kind haben. Aber sein Kind muß es sein — Ich — mein Gott, ich bin unfruchtbar. Aber es gibt so viele andere — und Geld lockt. Ob ich wohl eine finde? Schön muß sie sein, mein Mann ist für Schönheit sehr empfänglich. Wenn ich jene dann öfter einlade, wenn ich die beiden dann allein lasse . . . Er entflammt so schnell. Aber er darf nicht ahnen, daß ich sie zusammenführe . . .



25. Oktober 19. .
Ich habe sie gefunden. Schwarz auf weiß habe ich es mit ihr vereinbart. Das Kind, das kommen wird, das kommen muß, gehört mir, sie muß es mir sofort nach der Geburt bringen. Ich zahle ihr ein Vermögen aus, der Handel ist gemacht. Aber gesund muß sie sein, das wird der Arzt morgen feststellen . . .

28. Oktober 19. .
Nichts! Nein, die Mutter seines Kindes soll nicht solch eine sein — Ich suche ein liebes Mädel, das sich aus Liebe hingibt, die mir das Kind läßt. Er wird dann zu mir zurückkehren.

4. Januar 19. .
Ich suche und suche . . . und finde niemanden, der auf den Handel eingeht. Ich habe mein halbes Vermögen in die Wagschale geworfen. Es gibt genug, die es aus Berechnung tun wollen, nein, nein, das will ich nicht, ein liebes Mädel soll es sein. Ich finde sie nicht, und er entweicht mir immer mehr.



19. März 19. .
Ich glaube, ich bin krank. Ich kann kaum mehr an einem schönen Mädchen vorübergehen. Ich starre sie an, ich gehe auf sie zu, will sie fragen . . . aber im letzten Augenblick reiße ich mich zusammen . . . so geht es doch nicht . . .

12. April 19. .
Ob ich wohl krank bin? Man bringt mir täglich einen Arzt ins Haus. Sie wollen mich fort haben. Ich kann doch jetzt nicht gehen. Ich muß doch erst das Mädchen finden, dann — dann habʼ ich Zeit . . .

17. April 19. .
Heute habe ich wirklich eine schöne, blonde Dame angehalten und sie gefragt. Sie hat aufgeschrien und ist davongelaufen. Ist es denn so schlimm? Ich biete doch Gold, Gold!

1. Mai 19. .
Heute wäre es mir beinahe gelungen. Ich habe meine jüngste Schwester über Nacht hier behalten. Sie ist unerfahren — erst fünfzehn Jahr. Ich habʼ sie hinüber zu meinem Manne geschleppt, habʼ ihr den Mund vorher verstopft — dann aber weiß ich nicht mehr, wie es geworden — ich fiel um — Die Last war mir zu schwer.

16. Mai 19. .
Blühende Blumen um mich her. Nur aus den Fenstern kann ich nicht recht sehen — da sind dicke Eisenstangen davor. Warum bin ich denn von daheim fortgefahren? Es war doch so schön auf der Terrasse. Aber hier ist es auch schön. Der mit dem langen weißen Anzug, der mich täglich besucht, der hat ein schönes Kind. Wie würde sich mein Mann freuen, wenn er dies Kind sähe. Ob er mir das Kleine schenkt? Ich will ihn fragen.

9. Juni 19. .
Ich bin grenzenlos glücklich. Ich habe drei Kinder. Es sind meine eigenen Kinder. Ich kleide sie an, lege sie zu Bett, singe ihnen schöne Lieder. Der Mann mit dem weißen Anzug hat sie mir gestern gebracht. Sie haben dunkle Augen und blonde Haare, gerade wie mein Mann, endlich — endlich — ach, ich bin so glücklich . . .

aus: Die flammende Venus, Erotische Novellen, ausgewählt von Reinhold Eichacker, Universal Verlag, München 1919


Donnerstag, 12. September 2013

Georg Groetzsch - Ich möchte dein Spiegel sein

Otto Mueller - Drei Akte vor dem Spiegel


Ich möchte dein Spiegel sein!
Von deiner schmalen Hand umfaßt, von deinem blauen Augʼ getroffen, von deinem Lächeln — deinem stolzen, siegtrunkenen Lächeln — umschmeichelt, bin ich dein Diener und dein Herr zugleich.
Du bist schön!
Dein Lächeln ist wie ein gülden Kronreif aus Freyas Schmuck, der herbe Ernst deiner Lippen aber ist gleich dem dunklen Amethyst im Nibelungenschatz.
Du bist schön!
Dein Gang und deine Haltung sagen mir, daß du es weißt. Dein Spiegel verriet es dir, als du deine Augen forschend über dich gleiten ließest, heutʼ, als du vor ihm standest im weißen Festtagskleide und deine Waffen prüftest . . . und dann hingingst, den schwarzlockigen Fremden zu empfangen. Ich möchte dein Spiegel sein, um dir sagen zu können, wie schön du warst, und um dir danken zu können für den Blick, den ich erhaschte, als der Fremdling dich begrüßte. Widerwillen zuckte um deine Lippen, Haß lag in deinen Nordstrandaugen.
Gestern sah ich dich im offenen Blondgelock. Du standest vor deinem ebenholzumrahmten Spiegel, der dein Bild so hart umrandet, und ließest das Gold deiner Haarwellen durch die weißen Finger gleiten. Und die Hände nahmen die Fülle und banden sie auf dem Kopf zu einer güldenen Krone. Ich aber stand in der Tür deines Gemaches und schaute dir zu, die Hände in den Falten des Vorhanges verkrampft.
Feiertagsstunde hielten meine Augen. Glück und siebenfache Seligkeit tranken sie, als sie die Linien deiner hocherhobenen Arme verfolgten, den Nacken sahen und die runden Schultern, die aus weißem Spitzengeriesel hervorwuchsen, wie ein rosafarbener Traum.
Spiegel, erglühtest du nicht, als die Wundersame sich dir zuneigte und der feine Hals mit seinem Spiel der blauen Adern, die zartgewölbte Brust, die alle Wunder des Asgartreiches enthüllte, voll deine Fläche traf? — Ich erglühte tief, und meine Augen, die trunkenen, schlossen sich sekundenlang.
Da erhaschte dein Blick mich im Spiegel. Kein Erschrecken, kein Zorn belebte deine Mienen. Die hocherhobenen Arme bebten nicht, nur die Finger eilten, die eben vollendete Haarkrone wieder zu lösen. Das goldene Gespinnst fiel schwer auf die Schultern nieder und verbarg deine Schönheiten meinen selig-unseligen Augen. Deine Lippen, sprachen ein hartes »geh!«, deine Augen aber, die sonnigen, lächelten mir zu in wundersüßer Verheißung.
Ich ging. Ein gekrönter Narr, Sonne in den Augen, ein Spiel von Wünschen im Herzen.
O, könnte ich dein Spiegel sein, blonde Gudrun du!

Samstag, 31. August 2013

Reinhold Eichacker - Treue

Treue
Von Reinhold Eichacker

Aus »Briefe an das Leben«. Novellen. Union-Verlag. Stuttgart. 10. Auflage 1916.

  
Wie wäre ich doch einsam ohne Dich!
Du fehltest mir, wenn ich mich heimwärts  schlich,
Dich suchte ich, wenn meine Seele fror,
Du schwebtest mir in meinen Träumen vor.
In jeder Schönheit habʼ ich Dich erkannt
Bis ich Dich selbst und Deine Schönheit fand!
Nun treibt die Erde Frucht uns jeden Tag,
Wir grüßen uns in jedem Amselschlag,
Wir atmen doppelt jeden Blumenhauch,
Uns blüht verzwiefacht jeder Blütenstrauch,
Wir finden uns in jedem Himmelsstern;
Du bist mir nah, und wärst Du noch so fern.
Du lebst in mir, und ich belebe Dich,
Ich bin nun Du, und Du bist ewig ich,
Ich schloß Dich ganz in meine Seele ein — —
Nun kann ich niemals wieder einsam sein!




»Wie wäre ich doch einsam, ohne dich!« — Ein Zufall gab mir beim Ordnen dies Blatt in die Hand. Oder war es das Schicksal? — »15. Juli 1914« steht unter den Versen, mit Bleistift geschrieben. 15. Juli. — Am 15. Juli riefen dich Pflichten zu kurzer Trennung über das Meer. In deine sonnige, südliche Heimat. — Am 15. Juli sah ich die Angst in der Nacht deiner unergründlichen Augen, eine fremde, kalte, lauernde Angst. Vor etwas Schrecklichem, Unbestimmbarem, unausdenkbar Grausigem. — Und ich gab dir die schlichten Verse, in verschlossener Hülle, als Abschiedsgruß! Du solltest sie lesen, wenn du auf See warst, und wenn die Einsamkeit aus dem Dunkel der Wogen emporstieg, und nach dir griff mit schmerzenden Krallen. So wollte ich bei dir sein, alle die Wochen.
Alle die Wochen! Ewigkeiten sollten es werden! — Du nahmst das kleine Geschenk und bargst es an deinem weinenden Herzen, und deine Lippen waren bleich, bebend und bleich, als ich sie küßte, brennend küßte, — zum letzten Male! — Dann war ich allein. — Und hinter den Bergen im Osten erhob sich ein grausiges, ungekanntes Gespenst, in klirrender Rüstung, mit blutdürstigen Augen. Berge rollte es donnernd zwischen uns beide, zackige Felsen, unendliche Gletscher, wogende Meere und unübersehbare Fernen. Weiter und weiter trennte uns das Gespenst, bis du daheim warst an Indiens Küsten. Und die Angst deiner Augen wuchs mit der Ferne, wuchs unaufhörlich, riesig und haltlos, füllte die Meere und peitschte die Lüfte, wälzte sich über die fruchtbaren Täler, sprang auf die Gletscher und eisigen Firne, trieb die Männer in Eile zusammen zu ernstem Beraten, und ließ die liebenden Frauen erbeben in machtloser Klage.
Da sprang es dröhnend empor, das lauernde Riesengespenst, rüttelte an den Bergen des Ostens, warf die brennende Fackel zum Westen, und schrie es hinein in das friedliche Land, in die kreisenden Welten: »Hier bin ich — der Krieg
Und er nahm unsere Hoffnungen, nahm unsere Wünsche, stäubte sie über die brausenden Meere, stampfte sie unter die stählernen Füße, und schmetterte krachend ins Schloß die Tore der Welt. Mit höhnendem, dröhnendem, grausamem Lachen: »Ihr kindischen Träumer! Da — sucht euer Glück!«
Und unsere Gedanken jagten zusammen, über Berge und Meere, angstgepeitscht, — trotzend, — verzweifelnd und hoffend, rankten und kletterten rasend empor an den trennenden Wällen entfesselten Hasses, und — brachen zusammen am Tore des Kriegs!
Dreizehn Monate stürmte das Meer meiner flammenden Sehnsucht gegen die Dämme, dreizehn Monate gab ich der Hoffnung meine Gedanken und schrie meine Schmerzen hinein in die Winde. Dreizehn Monate harren die Briefe deiner am Grenztor, daß sie ein freundlicher Pförtner dir bringe. Dreizehn Monate dürstet mein Leben vergebens nach Antwort! — Und meine Seele ist traurig. Unsagbar traurig und müde. Meine glühenden Sinne verzehren sich täglich in brünstiger, flackernder Sehnsucht nach deiner Stimme, nach deinen märchentief schimmernden Augen, nach deines Leibes berauschender Schönheit, nach deinen seligen, trunkenen Küssen —!
Weib, ich verdurste — nach deiner Liebe!

* * * 

— Wenn ich zurückschaue, Margot, auf die vergangenen Wochen meiner Genesung, dann grüßen sie mich fern und wesenlos, wie ein Traum. Wie ein zarter, friedlicher, und doch so gefährlicher Traum. Ich muß mein Tagebuch zu Hilfe nehmen, wie ein Erwachender seine letzten Gedanken, um ihn dir zu erzählen, von Anfang bis Ende, vom Träumen bis zum Erwachen.

* * *

5. September 1915.
— Nun bin ich seit vier Tagen »daheim«. Daheim in der Fremde. Weit hinter der Front. »Zur vorläufigen Verwendung in der Etappe«, sagt mein Papier. Ich habe mein eigenes, freundliches Zimmer, mit Blumen an Fenstern von richtigem Glas, habe ein weißbezogenes Bett, — keinen Strohsack! — Sessel und Sofa, und drüben ein lockendes, schlafendes Wunder: ein wirkliches, lebendes, schwarzes Klavier! Heute schläft es noch friedlich. Ich kann es nicht wecken. Meine Hand ist noch steif, und mein Arm hängt recht matt in der Binde. Aber es ist da, und steht zu meiner Verfügung. — Es ist ganz wie im Märchen. Und ich bin der Prinz. Der leuchtende, schillernde Märchenprinz meiner Yvette! Sie liebt mich, das kleine französische Mädel, wie ihren Märchenprinz aus dem Buche. Vom ersten Tage an, da wir uns sahen. Man wies mir das niedliche Haus als Quartier an. Sie kam mir entgegen, und hieß mich willkommen. Sie war ganz allein. Die Mutter sei draußen. Es sei heute Markttag. —
Und wir sahen uns an — und erröteten beide. — Ich grüßte den Frieden in diesen Räumen, grüßte in ihrer Jugend die Schönheit, grüßte in ihrer Anmut das Weib! Sie lauschte auf meine glücklichen Worte, erwiderte leise, sah auf den Arm, der noch im Verband hing, und — zitterte plötzlich. Seitdem sind wir Freunde. — Sie bringt meiner Stube den Schimmer des Märchens, sie schmückt meine Fenster mit duftenden Blumen, sie sorgt und betreut mich wie einen Bruder, sie reicht mir die Speisen und würzt sie durch Anmut.
Und abends sitzen wir plaudernd zusammen. Ich muß ihr von »draußen«, vom Kriege erzählen. Sie fragt, und ich lebe das Ganze noch einmal. Sie lacht ihr sonniges, klingendes Lachen, wenn ich ihr von lustigen Streichen berichte, und — zittert, wenn ich von Kämpfen erzähle. — Dann werden die leuchtenden Augen plötzlich dunkel und traurig, und ihre kleine, seidige Hand greift stumm nach der meinen. Und dann schüttelt sie heftig die nachtschwarzen Locken, als wehre sie ihren entsetzten Gedanken, streicht sich über die liebliche, weiße Stirne und lacht unter Tränen mir tröstend zu, und — spricht schnell . . . vom Frieden. — Ich habe sie lieb, meine kleine Yvette. — Lieb, wie eine Schwester.

* * *

10. September 1915.
— Gestern löste man mir meinen Arm aus der Binde. Ich darf ihn wieder tragen als mein Besitztum, darf ihn bewegen, beugen und strecken. Ich bin wieder ein Mensch, wie andere Menschen. In meinen Adern flutet das Leben, meine Kräfte drängen nach neuen Taten, bald darf ich wieder hinaus, an die Front. Als sei ich aus einem Gefängnis entlassen, so trieb es mich freudig heim durch die Straßen. Eine schäumende Lebensfreude sang in meinem Blute, von Leben und Liebe, von Kraft und Kampf. Nun hatte ich wieder zwei Arme, zwei Hände! Ich legte die Rechte ganz fest in die Linke. Wie zwei Freunde, die sich lange entbehrten: »Ich gratuliere! Schon wieder gesund?« — Und ich freute mich, wie ein Kind. Strich zärtlich über die herbstlichen Sträucher und tauchte die Hand in den plätschernden Brunnen, und alles glitzerte: »Wieder gesund!« — Leise öffnete ich meine Türe. Ich wollte mein »Schwesterchen« überraschen. Sie würde sich freuen. — Das Zimmer war leer!
Aber dort in der Ecke stand es noch immer, das lockende Wunder, das schwarze Klavier. Ob ich es wagen sollte, das Wunder zu wecken? Würde ich seinen Zauber ertragen? Dreizehn Monate hörte ich keine Musik! Dreizehn Monate schwiegen für mich selbst die Glocken! —
— Ein süßer, singender Ton durchzitterte plötzlich den Raum, zaghaft, versuchend, schwang und schwebte, und andere folgten, schmiegten sich zärtlich und sanft ineinander, schwebten zu dreien und vieren im Reigen, sinkend und steigend, verklingend und schwellend, einten sich freudig zu Harmonien, zu Klängen aus längst entschwundenen Zeiten, zu Melodien, die einst der Krieg mit rohen Fäusten erdrosselt hatte. Nun waren sie plötzlich voll Glut wieder da, alle, — alle, lebten und sprühten, lachten und weinten. — Und dann rang es sich aufwärts, mit einem Male, aus dem Gewirr der Töne zum reinsten Licht, siegend und jauchzend, das Lied der Sehnsucht, das Lied der Liebe: Siegmunds leuchtender Liebessang! Erst leise schwellend, voll heimlichen Sehnens, dann trotzig, verlangend, bestürmend und jubelnd, die Sinne berauschend in lodernder Glut!
— Da fühlte ich plötzlich zwei heiße, brennende Augen auf mich gerichtet, fühlte es, ohne zu schauen, und meine Sehnsucht warf mich den leuchtenden Sternen entgegen, peitschte das Blut mir zu lohender Flamme — und meine Lippen fanden die ihren, bebend und dürstend, tranken den feurigen Trank des Lebens, stürmisch, sinnlos, selig vergehend — in meinen Armen hielt ich — Yvette, hielt ich das Weib!
Seit diesem Tage spreche ich abends von Liebe mit meiner — »Schwester«.

* * *

18. September 1915.
— Ich kämpfe wie ein Ertrinkender, Margot! Kämpfe gegen mich, selbst, gegen meine Vernunft, meine Ehre, gegen meine lodernden, brünstigen Sinne! — Ich suchte Rettung bei deinem Bilde —. Es sah mir ruhig und liebend entgegen: »Tue, mein Mann, was du mußt! Ich weiß, daß du leidest. Nimm ihre Liebe, dann weiß ich dich glücklich! Ich werde dich lieben, auch wenn du mir weh tust. — Ich werde — verzeihen!« —
— Aber ich will dir nicht wehe tun! Will es nicht, Margot! — Und das Blut flutet schneller, und raunt und wispert: »Sei kein Tor! Wer wird es ihr sagen?« — »Ich, ich werde es tun!« schreit meine Ehre, »wenn sie es fordert! Ich selbst! Soll ich lügen?!«
Und die Sinne lachen und kichern: »Narr, der du bist! Erwache, sieh um dich! Was tun die anderen?! Geh doch ins Kloster! Verschlafe dein Glück!« —
Und ich wühle den stöhnenden Kopf in die Kissen, presse die fiebernden, schmerzenden Schläfen. Ich höre sie doch: »Was nennst du denn Treue? — Nimmst du ihr etwas von deiner Liebe?! Ist deine Liebe zu ihr nur Verliebtheit? Ist sie nicht mehr? Hat ihr Yvette die Liebe geraubt, oder gar deine Seele? — Was ist dir Yvette? Ein zärtliches Weib, das dich liebt. Liebst du sie auch? — Du liebst in ihr — Margot! Du liebst ihr Lachen, weil sie wie Margot lacht. Du sehnst dich nach ihrer seidigen Hand, weil sie eine Frauenhand ist, wie die Hand deiner Margot. Du küssest ihr sehnend die schwellenden Lippen, weil sie ein Weib ist, wie Margot, die du entbehrst! Würdest du Narr denn Yvette küssen, wenn Margot nicht fern wäre? Nun also! — Was ist dir Yvette!?« —
Wein Körper brennt und fiebert in Verlangen und Sehnsucht nach deiner berauschenden Schönheit. Erlöse mich, Margot! — Doch du bist fern, unendlich fern, ewig getrennt durch eine Welt! Und meine Adern singen: »Was bietet dir, Grübler, die Liebe Yvettes? Fordert sie denn deine Seele? Sie macht dich gesund, denn du stirbst an der Sehnsucht! Sie gibt sich dir, wenn du sie rufst, wie ein Labsal. Was sprichst du von ›Treue‹? Du suchst nur Erlösung! Du suchst nur Genuß! Sie labt deine Sinne, wie eine Blume, wie ein Glas feuriger, süßer Champagner. Du trinkst ihre Liebe und stillst deine Sehnsucht. Und deine Seele bleibt, wie sie war, und all deine Liebe gehört deiner Margot. Dir ist Yvettes Liebe nichts als ein Glas Sekt! Nicht mehr und nicht anders! — Würde dir Margot dies Glas je mißgönnen, wenn du es tränkest, während sie fern ist!? Schätzest du ihre Liebe so niedrig? — Du nimmst ihr ja nichts! — Du hältst ihr die ›Treue‹!«
— Und ich versinke in meinen Gedanken, sehe die Anmut des schmiegsamen Körpers, spiegle mich in den nachtschwarzen Augen, fühle ihr Blut sich an meinem entflammen, und meine Hände erzittern vor Schwäche! — Dann treibt es mich weit in die Wälder, wo ich allein bin, an den Fluß, wo der Sturm meine brennenden Sinne umwirbelt und bändigt, und ich fühle mich freier. Bis ich es sehe — es wiedersehe — das Weib in Yvette! — Dann spottet die Sehnsucht der Winde und Stürme und lacht meiner Qual!
»Narr! Narr!« tönt es von allen Seiten. »Recht so, du Narr! Hast wieder einmal einen Tag verloren! Einen ganzen, unwiederbringlichen Tag! Hast sicher zu viele noch zu vergeben! Oh! — Dein Leben ist ja noch so lang! Schön, mein Sohn, grüble und quäle dich weiter — bald geht es wieder zurück, an die Front! Du kannst es dir leisten! Kannst Tage verschwenden! — Der Krieg ist ja der Freund des Lebens! Warte, du Narr, nur, und — leide!« —
Und sie fletschen die Zähne nach mir, höhnend, wütend! »Nimm endlich Vernunft an! Es ist keine Zeit jetzt für schöne Gedanken, von Liebe und Treue. Das ist gut für den Frieden. Da macht es noch Freude. Und auf dem Theater findet es Beifall. Heute ist Krieg! Heute gibtʼs keine ›Liebe‹ und ›Treue‹! — Jetzt heißt es: Leben, und Kämpfen, und — Sterben! Der Krieg hat seine eigenen Regeln. Bist du im Frieden dreizehn Monate ohne ein Weib?! — Darfst du im Frieden töten, du Träumer?! Wenn du lebend zurückkommst, dann ist noch Zeit genug für Liebe und Treue. — Und deine Margot? Was hat sie davon, wenn du tot bist? — Sie wird einen anderen Liebsten finden, später im Frieden, und glücklich sein. Du bist nicht unersetzlich, mein Freund. — Sie wird dich betrauern und sich grämen, eine Weile lang, und dann — wird eine neue Liebe sie trösten. Sie lebt ja noch lange! — Wenn längst wieder Frieden ist. — Und du?! — Willst auch du gerne warten? In acht Tagen steckst du wieder im Schützengraben, und der Tod lauert dir grinsend und zähnefletschend dicht gegenüber. Zum zweiten Male läßt er sich seine Beute nicht gerne entgehen. Warte nur, Narr! Du hast deinen Willen gehabt, hast deine stolzen Träume gelebt. Du kannst es dir leisten! — Verschlafe dein Leben! Du bist ja — ein Narr!«
Margot, ich kämpfe! — Dein Bild blickt ruhig, vertrauend und sicher, als kenne es keine Not! —

* * *

23. September 1915.
— Am Abend vor meiner Rückkehr zur Front ist sie zu mir gekommen, lautlos und ungerufen, in einem weichen, fließenden Gewande, und hat sich an mich geschmiegt, fest und vertrauend, schamhaft und zärtlich. Und als sähe sie das Erbeben in meinem Herzen, sagte sie schlicht: »Ich weiß es. Rolf, daß du leidest. Du sollst dich nicht quälen!« — Und ich fühlte, daß ihre Seele sich hingab, hingab aus Mitleid, hingab aus Großmut! — Da schüttelte mich meine Qual, schüttelte mich wie ein Lachen, krampfte meinen Körper und trieb mir das Weinen in Augen und Lippen. Es warf mich wehrlos über den Tisch und ließ mich schluchzen in meinen Händen. Und Yvette strich mir leise und liebend über die Haare, ohne zu sprechen, ruhig und innig, und wieder fühlte ich, fühlte es deutlich: ihre Liebe war Mitleid, meine Liebe war Brunst. — Das ließ mich erwachen!
Ich schaute ihr tief in die schimmernden Augen, und sah ihre Großmut. Ich barg mein Gesicht an dem schwellenden Busen, und fühlte — ihr Mitleid. Ich küßte ihr dankbar die leuchtende Stirne, und fand — ihre Liebe! — Und wir wußten alles, wußten, daß sich eine Schwester opfern wollte für ihren Bruder, weil sie ihn leiden sah, weil sie ihn liebte! Und ich nahm ihren süßen Kopf in beide Hände, trank ihren reinen, unschuldigen Blick, lange und innig, und wir küßten uns traurig, traurig und dankbar, — auf Augen und Stirne! — Dann ging sie, wie sie gekommen war, lautlos und ruhig, und nickte noch einmal zurück in der Türe, grüßte noch einmal, lächelnd in — — Tränen — —!
So nahmen wir Abschied!


Montag, 26. August 2013

Max Deri – Kunst und Sozialismus

Max Deri – Kunst und Sozialismus

Essay


aus: Das Ziel, Jahrbücher für geistige Politik, Herausgegeben von Kurt Hiller, Vierter Band, Kurt Wolff Verlag, München, 1920, S. 31 ff

Das Thema der Beziehungen zwischen Sozialismus und Kunst könnte eigentlich jedem vernünftigen Menschen verleidet sein, durch alle die vielen – es sei ein hartes Wort erlaubt – Dummheiten, die in den so durchaus gefühlsmäßig orientierten Revolutions-Monaten darüber geredet und geschrieben, »dekretiert« und »manifestiert« worden sind. Doch sei nun, wo – wenn auch reichlich zu gewaltmäßig für sozialistische Naturen – einigermaßen wieder Ruhe »hergestellt« worden ist, ein rein verstandesmäßiges Wort darüber versucht. –
Zu den vielen Ammenmärchen, die die Überhebung des Menschen über das »Tierreich«, dem er ursprungsmäßig völlig zugehört, der Gemeinschaft immer wieder vorlügt, gehört auch jenes, das die »Kunst« an die »Wiege der Menschheit« stellt. Davon kann in keiner Weise die Rede sein. An der Wiege des Menschwerdens standen die biologischen Hauptsorgen um Nahrung, Kleidung, Wohnplatz, Sicherung des Lebens und des Schlafes. Es mag Jahrtausende gedauert haben, bevor der Mensch alle diese primär zur reinen Daseins-Erhaltung notwendigen Unbedingtheiten in einem Grade gesichert hatte, der etwas biologisch Über-Notwendiges auch nur erlaubte. Und wenn ihm dies überhaupt gelungen ist, so gelang es, wie man heute weiß, nur auf Grund des Prinzips der »gegenseitigen Hilfe«; jenes Prinzips, das die ganze menschliche Entwicklung, die völlig unbegreiflich bleibt, wenn man sie rein auf das Gegenprinzip des »Kampfes ums Dasein« stellt, überhaupt erst kulturschaffend werden ließ.
Denn um »Über-Notwendiges« handelt es sich, wenn man von »Kultur« spricht. Und zur Kultur gehören eben, neben den rein materiellen Lebens-Erleichterungen und Daseins-Verbesserungen, jene beiden großen Bezirke der Wissenschaft und der Kunst.
Erst also mußte der Mensch satt und sein physisches Dasein gesichert sein, bevor es überhaupt zu rein wissenschaftlichem und rein ästhetischem Verhalten kommen konnte. Und um von vornherein den Bedeutungsinhalt dieser beiden Begriffe für das Folgende festzulegen, sei im Allgemeinsten so definiert, daß »wissenschaftliches Verhalten« die Pflege des Erkennens um der Erkenntnis willen, und »ästhetisches Verhalten« die Pflege des Gefühles eben um des Erlebens dieses Gefühles willen bezeichnen soll.
Das »reine« Kunstwerk ist – im Unterschiede von »Kunsthandwerk« im weitesten Sinne – jenes Gebilde, das ein Gefühl um seiner selbstwillen vermittelt, ohne daß der »Träger« dieses Gefühls, eben das Kunstwerk, noch einem Gebrauchszwecke dient. Der Sinn eines Gemäldes, eines Gedichtes, einer Sonate ist damit erfüllt, daß sie dem Erlebenden eben jenes Gefühl, das sie trägt, zur »Bildung«, zur »Kultur« seiner Seele vermittelt. –
Und nun bedenke man weiterhin, daß sich die Entwicklung der Menschheit vom Ur-Zustande des zweibeinigen Tieres zu jenem Menschentypus, der eben Zeit zu biologisch über-notwendigen Betätigungen und Erlebnissen hat, keineswegs einheitlich vollzogen hat. Sondern wie ein Gletscher nicht in seiner vollen »Mächtigkeit«, nicht als im Querschnitt zusammengenommene, kompakte Masse zu Tale wandert; sondern wie sich bei ihm die verschiedenen Schichten mit verschiedener Geschwindigkeit bewegen, die oberste sich am raschesten, Schicht nach Schicht gegen die Grundschicht immer langsamer vor wärtsschiebt: so hat auch die Bewegung vom Urzustände zum Kulturzustande die verschiedenen Schichten der Menschheit in verschiedenem Ausmaße vorwärts gebracht. Da zur Pflege der Kultur arbeitsfreie Zeit, in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung also Geld gehört, hat es der Kapitalismus mit seiner so einseitigen Verteilung der materiellen Güter auch mit sich gebracht, daß sich nur eine so erschreckend dünne Oberschicht überhaupt mit Kulturtatsachen beschäftigen konnte. Und da auch hier die, heute nachgewiesene, »Vererbung erworbener Eigenschaften« die größte Rolle spielt, da auch hier ein auf Verbrauch und Abstumpfung der »niederen« Kulturgüter aufgebautes Aufsteigen nötig ist, deshalb pflegen heute noch die »unteren Schichten« in den Belehrungen und in den Vergnügungen, die sie suchen, so primitive Gebiete. –
Doch nun steht der Bedeutungsinhalt des zweiten Titelbegriffes zur Beantwortung: was will ein vernünftiger, wissenschaftlicher – nicht gefühlsmäßig – fundierter »Sozialismus«?
Es handelt sich hierbei um eine »Arbeit an der Gemeinschaft«. Diese Arbeit kann niemals gelingen, wenn nicht der Werk-Führer sein Material kennt. So wie der Tischler wissen muß, was er dem Holz zumuten kann und was nicht, so wie jeder Arbeiter am Werke sein Material kennen muß, so sollte es der sozialistisch Orientierte kennen. Das Material des Sozialismus aber ist der Mensch der heutigen Gemeinschaft.
Dieser Mensch ist, dank der kapitalistischen Entwicklung, die für die neuere Zeit seit etwa fünfhundert Jahren herrscht, in seiner großen Mehrzahl noch nicht dazu gelangt, so genügende Sicherung seiner biologischen Notwendigkeiten zu besitzen, um von der Jugend an bis ins Reifealter des fünften und sechsten Lebensjahrzehntes Zeit zur generationensummierenden Kultur-Beschäftigung und -Betätigung zu finden. Und so verharrt er auch heute noch auf einem für den Kulturmenschen der Oberschicht erschreckenden Niveau.
Zu dieser nicht abzuleugnenden Tatsache kommt ein Zweites. Der Kommunismus, der die Gleichheit aller Menschen behauptet, ist offenbar im Unrecht. Es besteht eine Ungleichheit, die niemals ausschaltbar sein dürfte: das ist die Ungleichheit der zufällig angeborenen »Begabung«. Kein Mensch kann etwas dafür, wie dumm oder wie gescheit, wie gefühlsbegabt oder -unbegabt er auf die Welt kommt. Und mag die »Vererbung erworbener Eigenschaften«, also die auch physiologisch von Generation zu Generation sich summierende Gedanken-Arbeit oder Gefühls-Betätigung des Vater- oder Mutter-Einzelnen, die besten Aspekte für die fernere Zukunft erwecken: auch sie wird die angeborene Ungleichheit der »Begabung«, die in der irrationalen Vielfältigkeit der vor und bei der Zeugung wirkenden Faktoren ihren Grund hat, niemals aus der Welt schaffen können.
Was kann also ein vernünftiger Sozialismus wollen?
Nicht mehr, als zwei Institutionen: erstens gleichen »Start« für Alle; und zweitens von Seiten der Gemeinschaft Sicherung des Existenzminimums an Nahrung, Kleidung, Wohnung, Schule und ärztlicher Hilfe, sowie freien Zutritt zu allen primären Kultur-Institutionen und -Veranstaltungen als Gegenleistung gegen das Arbeitsminimum, das jedem von der Gemeinschaft auferlegt wird. –
Nun erst sind wir so weit, um die beiden Faktoren künstlerischer Tätigkeit des Menschen zu trennen: die produktive und die rezeptive.
Was die produktive Tätigkeit des »Proletariats« anlangt, so ist hier nichts Beträchtliches zu erhoffen, solange sein Lebensmittelspielraum ein so enger ist. Werden einmal der gleiche Start und das Existenzminimum gegen das Arbeitsminimum von Gemeinschafts wegen gesichert sein, so wird sich aber auch hier jener »kommunistische« Standpunkt als falsch erweisen, der auf den Faktor der »zufällig angeborenen Begabung« keine Rücksicht nimmt. Auch in der sozialistischen Zukunftsgesellschaft wird Mehrertrag für Mehrleistung gesichert werden müssen, wenn sich die Summe der Kulturwerte, wissenschaftlicher oder künstlerischer Art, vermehren soll. Doch wir sind noch so weit von jener vernünftig-sozialistischen Ordnung entfernt, daß alles Reden über die »Entfesselung der im Proletariat schlummernden künstlerischen Kräfte« reines Phrasengerede, bestenfalls Verblendung von »Gefühls-Denkern« ist, die sich, wie der Erwachsene sonst nur im Traume, die Tatsachen dieser Welt zu »wunscherfüllenden« Phantasmen umbauen.
Anders liegen nun allerdings auch bereits in der Gegenwart die Tatsachen, wenn man sich dem anderen Teil der Frage, dem rezeptiven Gebiete, zuwendet. Hier hat, aber ausschließlich in den größeren Städten, auch der Durchschnittebürger und der Proletarier bereits »Zeit« genug, um »Über-Notwendigem« nachzugehen. Wenn auch in der »Literatur« über dieses Thema eine maßlose Überhöhung des Niveaus vorgetäuscht, entweder autosuggeriert oder erlogen, wird, so ist doch der primitivste Standpunkt, der nur an Sexuellem, Brutalem, Grausamem, Spannendem, Banalem und dann, als relativ Höchstem, an der Einfachheit und Durchsichtigkeit leichter Volkskunst Freude hat, zum Teil bereits überschritten. Es ist heute, aber wirklich nur in den Großstädten, bereits möglich, einer größeren Zahl dieser Schichten nicht nur mit Thumann, Defregger, Anton von Werner oder Ludwig Richter (jetzt bekreuzigen sich noch neunzig unter hundert Lesern, Ludwig Richter in dieser Gesellschaft zu finden!) – sondern auch mit Rembrandt, Michelangelo oder Grünewald Freude und Erschütterung zu vermitteln. Und so ist es in allen Künsten. Die »Zeit« fehlt aber auch hier noch allzu sehr: für die individuelle generationensummierende Beschäftigung.
Was kann also ein vernünftiger Mensch von der Verbindung »Sozialismus und Kunst« heute wollen? In erster Linie wohl nur jenen vernünftigen Sozialismus des gleichen Startes und der von der Gemeinschaft garantierten Sicherung des Existenzminimums gegen Leistung des Arbeitsminimums. In zweiter Linie dann aber: Erziehung. Volkserziehung. Schule, Schule, Schule in jeder Hinsicht, in jedem Belange. Wer Einsicht in die Verhältnisse hat, wird dem Satze zustimmen, daß zum Kulturaufbau in erster, zweiter und dritter Linie die Schule, die Schulung, das Schülersein gehört Die Lehrer müssen aus jenen Schichten kommen, die durch zufällige Glücksumstände auch bisher schon die Möglichkeit kultureller Summierungspflege hatten. Die ganze Kraft dieser Gruppe aber muß auf das Säen geworfen werden. Wer heute schon glaubt ernten zu können, der kennt das Material in seinem heutigen seelischen Zustand nicht. Der belügt sich selbst; oder die Gemeinschaft, um billigen Massenzuruf zu ernten. Um Erziehung handelt es sich, um Schule, Schulung, Schülersein. Dazu aber gehört zweierlei; die Einsicht der Massen, daß sie am Anfang stehen; und Zeit.
Schafft ihnen Zeit, belügt sie nicht mit Schmeicheleien: und ihr werdet in drei Generationen, oder auch erst nach dreihundert Jahren, Früchte sehen. Früchte bei den Vielen, nicht nur bei Einzelnen. – Diese Zeit ist euch Stürmern zu lang? Egoisten seid ihr! Wer Gemeinschaftsgefühl hat und nicht eitel ist, der weiß, daß angesichts der Menschheitsentwicklung dreihundert Jahre sind, wie drei Jahre im Leben des Einzelnen. Und wenn jemals, so gut es heute nicht dem Einzelnen, nicht persönlichem Ruhme, sondern der Menschheit. Menschheitszüchter wollen wir sein; nicht Volksbeschmeichler. Mehr als Tagesruhm, Jahresruhm, Lebensruhm gilt uns Menschheits-Höherzüchtung.

Walter Serner - Inferno

Walter Serner - Inferno Inferno Ein Schreien, das widersetzlich beginnt, wenn es am laute­sten wird, vor Wut sich überschlägt und ...