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Es werden Posts vom 2013 angezeigt.

Minna Kleeberg - Eine abtrünnige Mormonin

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Eine abtrünnige Mormonin.
Die sociale Bevorzugung der Frau im amerikanischen Freistaate ist eine bekannte Thatsache. Auch ist wohl nirgends das Weib zur Entgegennahme aller Huldigungen so historisch berechtigt, wie auf dem Boden der neuen Welt. War es doch eine Frau, jene trotz ihrer Irrthümer bewundernswerthe castilische Isabella, welche die Gleichgültigkeit der spanischen Granden gegen die Entdeckungsprojecte des Genuesen durch das stolze Wort zu entwaffnen wußte: »Ich verpfände meine Juwelen, um die Mittel zu schaffen.« So bahnte ein mu¬thiger Frauengeist den Meerespfad zum neuen Erdtheil. Der Amerikaner erfüllt demnach, wenn er das Weib zum Idol seines Landes erhebt, unbewußt nur eine Schuld culturhistorischer Dankbarkeit.
Doch in diesem an Contrasten reichen Lande giebt es auch eine Gemeinschaft, die das Weib seiner heiligsten Rechte beraubt, und die gleich dem kranken Manne Europas die Polygamie gesetzlich und dogmatisch heilig spricht. Die auch in Deutschland genugsam bekannten M…

Stefan Zweig, Rezension - Das Tagebuch eines halbwüchsigen Mädchens

Das Tagebuch eines halbwüchsigen Mädchens

Als erste einer Reihe von ›Quellenschriften zur seelischen Entwicklung‹ veröffentlicht der Internationale Psychoanalytische Verlag – offenbar eine Gruppe von Schülern, die sich dem umfassenden Gedankenkreise Professor Freuds verbunden haben – ein ganz merkwürdiges Dokument: das unverstellte Originaltagebuch eines halbwüchsigen Mädchens von seinem elften bis zum vierzehnten Jahre. Das Seltsame in diesem Buche, das Bedeutsame im psychologischen und pädagogischen Sinne ist nun, daß dieses Tagebuch keineswegs das eines Wunderkindes ist, einer zukünftigen Maria Bashkirtseff, sondern im Gegenteil das eines ganz normalen, gar nicht sonderlich begabten, gar nicht sonderlich sensitiven und gar nicht sonderlich erlebnisreichen Kindes aus der sogenannten guten Wiener Gesellschaft. Nur eben eines jener unzähligen, oft belächelten und verspotteten Tagebücher, wie sie fast jedes Mädchen unfehlbar irgendeinmal in den Schuljahren beginnt. Aber schon die Regelm…

Klabund - Die Herzogin von Este

Die Herzogin von Este von Klabund 
Eines Tages erhielt sein Vater die Nachricht, er habe sich mit der Herzogin von Este verlobt. Obgleich der Vater ein großes Vermögen besaß, stutzte er doch und ließ in der Hauptstadt Recherchen anstellen, wie es mit dem Erbschaftsstreit, den Ministerbekanntschaften und dem fürstlichen Oheim bestellt sei. Und die Behauptungen der schönen Herzogin erwiesen sich als durchaus zutreffend. Jeden Morgen fuhr sie am fürstlichen Palais vor, und der Portier stand schon, die blaue goldbetreßte Mütze in der Hand, bereit, den Wagenschlag zu öffnen und sie an die marmorne, mit roten Teppichen belegte Treppe zu geleiten. Wenn es aber regnete, hielt er einen großen schwarzen Schirm über sie, und die kleinen Lackschuhe trippelten so ängstlich und schnell über das feuchte Trottoir, daß er, ehemals Unteroffizier bei den Lübener Dragonern, kaum Schritt halten konnte.
Man lud die Herzogin ein, ihre künftigen Schwiegereltern zu besuchen. Ein ganzes Stockwerk wurde ihr zur Ver…

Magda Trott - Das Kind

Das Kind (Ein Tagebuch)
Von Magda Trott
20. Januar 19. . Es ist also wirklich wahr . . . ich werde unfruchtbar bleiben. Gerade ich, die ich mich so rasend nach Kindern sehne. Und mein Mann? Mein Gott, wie wird er es aufnehmen? Er ist solch ein Kinderfreund . . .
17. Oktober 19. . Warum habʼ ich kein Kind? Man beneidet mich um meinen Reichtum, meine Stellung, um mein Glück, um meinen Mann. Was nützt mir all das Geld? Was nützt es mir, daß ich mich tagaus, tagein schmücke, für ihn, den einzigen, den ich liebe? Für meinen Mann, der mich flieht, seitdem er weiß, daß unser gemeinsames Sehnen nicht in Erfüllung geht? Ich sehe ihn kaum. Er sucht sich seine Freundinnen, seine Geliebte, er sucht die Frau, die ihm ein Kind schenken wird . . . Und ich?


2. Dezember 19. . Er ist bei ihr. Er liebt sie, die andere, die mich aus seinem Herzen verdrängte. Er hat es mir gestern abend selbst zu verstehen gegeben. Er liebt sie um des Kindes willen, das man dort erwartet. Und doch, aus seinen Worten hat so tief…

Georg Groetzsch - Ich möchte dein Spiegel sein

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Ich möchte dein Spiegel sein! Von deiner schmalen Hand umfaßt, von deinem blauen Augʼ getroffen, von deinem Lächeln — deinem stolzen, siegtrunkenen Lächeln — umschmeichelt, bin ich dein Diener und dein Herr zugleich. Du bist schön! Dein Lächeln ist wie ein gülden Kronreif aus Freyas Schmuck, der herbe Ernst deiner Lippen aber ist gleich dem dunklen Amethyst im Nibelungenschatz. Du bist schön! Dein Gang und deine Haltung sagen mir, daß du es weißt. Dein Spiegel verriet es dir, als du deine Augen forschend über dich gleiten ließest, heutʼ, als du vor ihm standest im weißenFesttagskleide und deine Waffen prüftest . . . und dann hingingst, den schwarzlockigen Fremden zu empfangen. Ich möchte dein Spiegel sein, um dir sagen zu können, wie schön du warst, und um dir danken zu können für den Blick, den ich erhaschte, als der Fremdling dich begrüßte. Widerwillen zuckte um deine Lippen, Haß lag in deinen Nordstrandaugen. Gestern sah ich dich im offenen Blondgelock. Du standest vor deinem ebenholzumr…

Reinhold Eichacker - Treue

Treue Von Reinhold Eichacker
Aus »Briefe an das Leben«. Novellen. Union-Verlag. Stuttgart. 10. Auflage 1916.
Wie wäre ich doch einsam ohne Dich! Du fehltest mir, wenn ich mich heimwärts  schlich, Dich suchte ich, wenn meine Seele fror, Du schwebtest mir in meinen Träumen vor. In jeder Schönheit habʼ ich Dich erkannt Bis ich Dich selbst und Deine Schönheit fand! Nun treibt die Erde Frucht uns jeden Tag, Wir grüßen uns in jedem Amselschlag, Wir atmen doppelt jeden Blumenhauch, Uns blüht verzwiefacht jeder Blütenstrauch, Wir finden uns in jedem Himmelsstern; Du bist mir nah, und wärst Du noch so fern. Du lebst in mir, und ich belebe Dich, Ich bin nun Du, und Du bist ewig ich, Ich schloß Dich ganz in meine Seele ein — — Nun kann ich niemals wieder einsam sein!



»Wie wäre ich doch einsam, ohne dich!« — Ein Zufall gab mir beim Ordnen dies Blatt in die Hand. Oder war es das Schicksal? — »15. Juli 1914« steht unter den Versen, mit Bleistift geschrieben. 15. Juli. — Am 15. Juli riefen dich Pflichten zu kurzer Tre…

Max Deri – Kunst und Sozialismus

Max Deri – Kunst und Sozialismus

Essay


aus: Das Ziel, Jahrbücher für geistige Politik, Herausgegeben von Kurt Hiller, Vierter Band, Kurt Wolff Verlag, München, 1920, S. 31 ff

Das Thema der Beziehungen zwischen Sozialismus und Kunst könnte eigentlich jedem vernünftigen Menschen verleidet sein, durch alle die vielen – es sei ein hartes Wort erlaubt – Dummheiten, die in den so durchaus gefühlsmäßig orientierten Revolutions-Monaten darüber geredet und geschrieben, »dekretiert« und »manifestiert« worden sind. Doch sei nun, wo – wenn auch reichlich zu gewaltmäßig für sozialistische Naturen – einigermaßen wieder Ruhe »hergestellt« worden ist, ein rein verstandesmäßiges Wort darüber versucht. –
Zu den vielen Ammenmärchen, die die Überhebung des Menschen über das »Tierreich«, dem er ursprungsmäßig völlig zugehört, der Gemeinschaft immer wieder vorlügt, gehört auch jenes, das die »Kunst« an die »Wiege der Menschheit« stellt. Davon kann in keiner Weise die Rede sein. An der Wiege des Menschwerdens s…