Jakob Wassermann – Der Jude als Orientale

Jakob Wassermann – Der Jude als Orientale

Ein Brief aus dem Sammelbuch »Vom Judentum«

aus: Das Bunte Buch, Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1914, S. 131 ff.


                    Lieber Freund Martin Buber!

Sie haben mich gebeten, ich möge eine auf Juden und Judentum sich beziehende Stelle in meinem Büchlein »Der Literat oder Mythos und Persönlichkeit« zugunsten einer Sammelschrift in ausführlicherer Weise, als es dort geschehen ist, also gleichsam erläuternd oder exemplifizierend, der Betrachtung würdigen und dabei das Angedeutete, Hingeworfene und scheinbar Beiläufige rechtfertigen, festigen und klarstellen.
Die Stelle lautet: In der Existenz des Juden gibt sich die schärfste Gegensätzlichkeit geistiger und seelischer Eigenschaften kund. Er ist entweder der gottloseste oder der gotterfüllteste aller Menschen; er ist entweder wahrhaft sozial, sei es in veralteten, leblosen Formen, sei es in neuen, utopischen, das Alte zerstörenden, oder er will in anarchischer Einsamkeit nur sich selber suchen. Entweder ist er ein Fanatiker oder ein Gleichgültiger, entweder ein Söldner oder ein Prophet. Das Schicksal der Nation, ihre Vereinzelung unter fremden Nationen, ihre ungeheuren wirtschaftlichen und geistigen Anstrengungen im Kampf gegen die widrigsten Umstände, der fortwährende Zustand der Abwehr, der Selbstbehauptung, das plötzliche Erwachen am Morgen eines Kulturtags, das leidenschaftliche Ergreifen der Hilfsmittel und Waffen dieser Kultur und die darauf erfolgte gewaltsame Unterdrückung und Zerschneidung der Tradition, all das hat die Juden als ganzes Volk zu einer Art von Literatenrolle vorbestimmt. Wo sich hingegen der einzelne wieder des großen Zusammenhangs bewußt wird, wo er im Schoß der Geschichte, der Überlieferung ruht, wo urewige Symbole ihn tragen, urewige Blutströme ihm Adelsbewußtsein verleihen und zugleich alles Errungene und Erworbene organisch damit verschmilzt, da mag er wohl den Weg zu Göttlichem leichter als andere finden. Der Jude als Europäer, als Kosmopolit ist ein Literat; der Jude als Orientale, nicht im ethnographischen, sondern im mythischen Sinne, als welcher die verwandelnde Kraft zur Gegenwart schon zur Bedingung macht, kann Schöpfer sein.
So schrieb ich im Jahre 1909. Diese Überzeugung hat sich seitdem verstärkt, ja, sie ist zu einer Art von Maxime geworden, einem Maßstab, einem geistigen Gesetz. Allein ich sehe wohl, daß hier eine gewisse Zusammenfassung des Ausdrucks und Weitmaschigkeit der Schlüsse denjenigen befremden muß, der in diese spezifische Abbreviatur nicht eingeweiht ist Und die Worte nur nach ihrem engsten Verstände fragt. Ich will daher versuchen, mehr in der Fläche zu bleiben.
Wie Ihnen vielleicht noch erinnerlich ist, hatte ich in jenem Buch den Literaten als den vom Mythos losgelösten Menschen bezeichnet, und es war damit, nach meinem Dafürhalten, ziemlich viel Licht auf diesen Begriff gefallen, obgleich ich zugeben muß, daß nun auf einmal der »Literat«, der »Gottlose«, nur noch in einer sehr lockeren Verbindung mit der »Literatur« stand und mehr als Gegensatz zum schöpferischen Menschen fixiert war. Dieser Gegensatz führte auf logischem Wege auch zu dem zwischen dem Juden als Europäer, als Kosmopolit, und dem Juden als Orientalen.
Es ist der Gegensatz zwischen Verwelkung und Fruchtbarkeit, zwischen Vereinzelung und Zugehörigkeit, zwischen Anarchie und Tradition. Sich von der Vergangenheit abzuschneiden, ist das leidenschaftliche Bestreben des auf sich selbst gestellten Juden, gerade weil ihn Milieu, Reminiszenz, Gewöhnung und Verpflichtung mancherlei Art äußerlich oder innerlich an die Vergangenheit binden. Aber er findet in der Bindung das Gesetz nicht, und so zerstört er sie und wird Einzelner, Individualist. Er hat nicht Phantasie genug, um zwei nur dem Scheine nach verschiedene Formen der Existenz in seinem Gemüt zum Einklang zu bringen, und so leugnet er die eine, die wurzelhafte, und macht die andere zu einem Zufallsprodukt, wähnend, er sei dessen Lenker und Beherrscher. Ein Wahn, der. nicht verhindert, daß er die tiefe Unsicherheit seiner Position beständig spürt; weil er sie spürt, will er sie desto glaubhafter machen und greift daher zu Mitteln, die seinen Charakter kompromittieren, indem sie sein Selbstgefühl nur in der Gebärde steigern. Alles wird Gebärde an ihm, alles Überhitzung, alles Manie. Ihm ist sozusagen die Idee seines Daseins geraubt, infolgedessen muß er jeden Erfolg, jede Wirkung, jede Förderung seiner eigenen isolierten Persönlichkeit abzwingen, und so besitzt er auch nichts weiter als eben diese Persönlichkeit, deren Sklave und Opfer er ist. Er muß sich behaupten, er muß sich durchsetzen, und da er ohne lebendige Wechselwirkung und ohne tiefere Zugehörigkeit lebt, muß er seine Anlagen und Fähigkeiten überspannen und bietet ein jammervolles Schauspiel bestandigen Krampfes, beständiger Gier, beständiger Unruhe.
Wir kennen sie ja, lieber Freund, wir kennen sie und wir leiden an ihnen, diesen tausenden sogenannten modernen Juden, die alle Fundamente benagen, weil sie selbst ohne Fundament sind; die heute verwerfen, was sie gestern erobert, heute besudeln, was sie gestern geliebt, denen der Verrat eine Wollust, Würdelosigkeit ein Schmuck und Verneinung ein Ziel ist. Sie geben sich nur hin, wo sie sich verlieren können, und bewundern nur dort, wo sie sich verstoßen fühlen. Im Grunde ihres Herzens glauben sie bloß an das Fremde, das Andere, das Anderssein, erklärlicherweise, denn als Entgötterte sind sie ja unverwandelbar und suchen vermittels eines salto mortale oder einer Ekstase die Ergänzung im Extrem. Die in der Gier und im Krampf vergeudete Seelenkraft macht ihr Gemüt alsbald arm und öde und drängt sie auf das Feld steriler Spekulation, d. h. sie treiben Kritik um der Kritik willen, der Formel und dem Urteil zuliebe. Aber sie leiden auch selbst, und ihr Leiden ist ein tötliches, das wissen sie so gut wie wir, die wir ihnen nur ins Antlitz zu schauen brauchen, um den Tod darin zu erkennen.
Der Jude hingegen, den ich den Orientalen nenne, – er ist natürlich eine symbolische Figur; ich könnte ihn ebensowohl den Erfüllten nennen, oder den legitimen Erben, – ist seiner selbst sicher, ist der Welt und der Menschheit sicher. Er kann sich nicht verlieren, da ihn ein edles Bewußtsein, Blutbewußtsein, an die Vergangenheit knüpft und eine ungemeine Verantwortung der Zukunft verpflichtet; und er kann sich nicht verraten, da er gleichsam ein offenbartes Wesen ist. Er ist kein Leugner, sondern ein Bestätiger. Er ist niemals Sektierer, niemals Partikularist, er hat nichts von einem Fanatiker, von einem Prätendenten, von einem Zurückgesetzten, er hat alles innen, was die andern außen suchen; nicht in verbrennender Ratlosigkeit, sondern in freier Bewegung und Hingabe nimmt er teil am fortschreitenden Leben der Völker. Er ist frei, und Jene sind Knechte. Er ist wahr, und jene lügen. Er kennt seine Quellen, er wohnt bei den Müttern, er ruht und schafft, jene sind die ewig wandernden Unwandelbaren.
Er ist, in solcher Vollkommenheit gesehen, vielleicht mehr eine Idee als eine Erscheinung. Doch sind es nicht die Ideen, durch welche die Erscheinungen hervorgebracht werden? Jede menschliche Wirklichkeit ist das Erzeugnis einer Idee, und die bloße Ahnung des Sternes, der über dem Sumpf des Rationalismus leuchtet, ist wirklicher als das behagliche Quaken des Frosches in seiner Mitte. Leben Sie wohl, lieber Freund, und seien Sie gegrüßt von Ihrem
Jakob Wassermann

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