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Robert Müller - Der Tote von Sarajevo

Wilhelm Vita, Franz Ferdinand

Robert Müller - Der Tote von Sarajevo

Franz Ferdinand war der ungeschliffene Demant Österreichs. Man sah ihn nie glänzen. Man wußte nur, daß er hart ist, hörte, daß er schwarz sei, und hielt ihn, wenn je einmal Strahlen aus ihm brachen, für ein Stück glimmender Kohle, einen düsteren Block gebundener Leidenschaften, eine nicht ungetrübte Quelle von lebenspendender Wärme und Rauch.
Er war nicht schwarz. Er war schon damals klar. Er hätte sich weder bei Schönwetter »aufgeklärt«, noch hätte er sich in schweren Stunden verfinstert. Eine stetige, gleichmäßige Undurchdringlichkeit war um ihn. Dies kam so: Er hatte seine Kraft, sein Glück, sein Eigenrecht, zu erleben, und war doch ein Thronfolger, das heißt ein Mann zwischen den Bahnen schreitend, den vorgezeichneten strenger Erbordnung und den vorzuzeichnenden erwarteter freier Schöpfung. Seine Kraft war seine Ehe. Seine Tat seine Frau. Er selbst beides. Sein Genie sein Erlebnis.
Er war hart. Mit ihm hat Österreich seine Härte verloren. Und diese brauchte es: die Härte, nichts anderes. Das andere, die flotte Begabung, der Schmiß, Musik, ist da. Es fehlte: Härte. Die Härte hatte der dahingeschiedene Erzherzog. Dies kam so: er hatte sich eine Frau zu erringen.
Wenn nichts an seiner Geschichte menschlich bewegen würde, dies eine würde ihm Hoheit vor allen Männern sichern: daß er nicht verzichtete, weder auf seine Thronfolgerschaft noch auf die edle Frau, die ihm wert erschien. Es war sein großes Erlebnis, es war, möchte man sagen, seine Politik.
Er gehörte keiner Partei, unterstützte in der Ausnutzung seiner Machtmittel die eine mehr, die andere weniger, und verdammte die dritte in wörtlich ausgesprochenen Urteilen auf offenem Markte. Er kannte nur eine Partei: sich und seine Frau.
Viele betrachteten ihn darum als eigenmächtig und selbstherrlich. Man vergegenwärtige sich jedoch sein Grunderlebnis, diese Haltung inmitten höfischer Verschwörungen, diesen erzenen Widerstand gegenüber ermüdenden kleinen Sprengversuchen. Es mußte den Mann härten, den es versuchte, und mußte ihn auf sich zurückführen. Wer teilte sein Ich, wer war von seiner Art? Wer war glaubensstark und trotzig, rechtgläubig und doch nie vor höfischer Sitte und Gebärde feig? Er war von Geburt aus in Herkömmlichkeiten erzogen. Er war stark genug, sie zu brechen. Er war stärker; er war stark genug, das Herkommen, das er zu brechen wußte, auch wieder zu heiligen. Die Rechtmäßigkeit von Glaube, Empfindung und Tat, als Grundsatz durch die eigene Tat erschüttert, hat doch stets in ihm den Schirm er gefunden. Darin ist er unserem jungen Geschlechte, das die Überlieferung brach, um sie neu zu setzen, ein Sinnbild der Zeit und ihrer Männlichkeit. Man darf die herbe Ordnung fürstlicher Freiung nicht mißachten, es hat wohl guten Sinn, wenn edles Blut nur durch gleich edles Blut zur Mischung wählen muß. Aber bricht der Richtige im Augenblicke besserer Wahl und Erkenntnis das Gesetz, dann sind sie beide schön, das Gesetz und sein Brecher. Die Welt lebt in der Spannung von Kräften. Nur das ists, daß es Kräfte sein müssen.
In dieser seiner Ehe lebte der Mann, sein Schicksal, seine Größe, seine Politik, seine Möglichkeiten. Er war die Härte und die Tat, die selbständige Wahl und die unerbittliche Entscheidung. Unersetzlich ist dies an ihm: der harte Deutschösterreicher. Wie er sich äußerte, als Offizier, Beamter, Organisator, Hausvater, Landwirt, stets war er hart und gefürchtet. Mit Recht gefürchtet von österreichischer Halbheit und Fahrlässigkeit.
Mit ihm ist, man kann es nicht geringer ausdrücken, eine Hoffnung vernichtet. Vielleicht entsprach der hohe Verstorbene nicht ganz der liebenswürdigen Vorstellung, die sich Österreicher gern von besonders schätzenswerten Personen zu bilden lieben. Er war eine kompakte Natur, ein verknoteter Muskel, überanstrengt und ein wenig überhoben von der Last, die er in der tapferen Durchführung seiner Ehe bewältigt hatte. Aufgaben, groß wie Felsblöcke, harrten seiner. Sein Leben war nicht so gemütlich, wie man sonst in seinen Landen zu sein pflegt. Aber just dieser Ausnahmsfall von Härte prädestinierte ihn und wandte ihm die Köpfe all derer im Volk und Staate zu, die sich Gedanken machen und auf Besserung hoffen. 

Aus: Österreichischer Almanach auf das Jahr 1916, Herausgegeben von Hugo von Hofmannsthal, Insel Verlag, Leipzig





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